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Full text of "Encyclopädische Jahrbücher Der Gesammten Heilkunde 9.1900. Real Enc 2. A. Bd. 31"

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CESAMMTEN HEILKUNDE. 


NEUNTER JAIIKCANC; 


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weil. Hofmth Prof. ALBERT, Witui - Prof. H. A LRR ECHT. Gr.Liehterfelde f Berlin) — Doe. AL HU, 
Berlin — Stadtwumlarzt Dr. ASi'IIKK, K«.»nin— San.-R. Km. AUFRECHT, Magdeburg — 
Prof. A. BAGINSKY. Berlin — Prof. H. BAGINSKY. Berlin — Prof. Emil BALLOWITZ, Greifswald— 
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Marburg — Oberarzt H. BEXIM X. Berlin — Prof. P.EXEDiKT, Wien — llofr. Prof. B1XSWAXGKK, 
Jena — woil Geli. M.-It. Pmf. Hl K('11-111RSCH FELD. Leipzig — l)r. Ludwig HUI NS, Hannover — 
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Berlin — Pmf E. FKAEXJ\KL. Rresl *u — Dr. Lu Iwig FRA EX k BL. R-**sl ui - Dr. Edmund KFIED- 
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witz — Pr >t. A. KNORR. Mum li ui — K. rims. StaPsratli Prof. R. KOREKT, Rostock — O.-St.-A. 
Prof. A. KoHLEK. Holm — San.-k. Prof. \V. KOR TE, Heidin — Oberstabsarzt, KOHLSTOCK, 
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Xe unter Jahrgang 


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Nachdruck der in diesem Werke enthaltenen Artikel\ sowie Übersetzung 
derselben in fremde Sprachen ist nur mit Bewilligung der Verleger 

gestattet. 


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Abdominaltyphus. Die Typhusforschung hat sich seit der Ver¬ 
öffentlichung unseres siebenten Nachtrages (Encyclopäd. Jahrb., VIII. Jahrg., 
pag. 1—4) in den alten Bahnen bewegt. Sinnreichen theoretischen Specula- 
tionen stehen praktisch-klinische Bestrebungen gegenüber. Der Inhalt der 
letzteren, auf welche wir uns den Tendenzen dieser Jahrbücher gemäss im 
Wesentlichen beschränken, ist diesmal ein umfangreicherer. Weltbewegende 
Entdeckungen fehlen bei allen verdienstvollen Leistungen hier wie dort. Auf 
die hervorragende lehrbuchmässige Bearbeitung des Typhus von Curschman.v 
in der NoTHNAGEL'schen Sammlung sei besonders verwiesen. 

Den Infectionsmodus anlangend hat die Bedeutung des Wassers 
als Uebertragungsmittels in verschiedenen Arbeiten Ausdruck gefunden. So 
zeigt Petruschki, dass in Danzig, solange die Einwohner ihren Bedarf aus 
dem verseuchten Radaunecanal gedeckt, die Morbidität 12°/o 0 betrug, um 
nach Fertigstellung der neuen Wasserleitungen auf durchschnittlich 2°/ 00 ab¬ 
zusinken. Auch die Abnahme der Typhuserkrankungen in Stralsund beruht 
nach v. Haselberg auf Verbesserung der Trinkwasserversorgung. Dass die 
Sandfiltration des Trinkwassers zur Vernichtung der aus Typhusdejectionen 
übergetretenen Keime nicht genügt, hat D£l£pine dargethan, der mit Recht 
dem Schutz der Sammelbassins und der Beseitigung der inficirten Quellen 
den Vorzug giebt. In der ungarischen Stadt Pöcs verschuldeten zwei Cisternen 
eine Epidemie von mehr als 200 Fällen ; auch gelang es, aus ihrem Inhalt 
Typhusbacillen zu züchten (Genersich). Der Genuss von Austern aus dem 
Hafenwasser von Pola war von gehäuften Erkrankungen von Typhus be¬ 
gleitet, was im Einklang mit den Nachweisen einer Verunreinigung des 
Löwenantheils der Thiere durch Fäcalien seitens Horcicka im Einklang stand. 
Zwanzig Tage lang vermochten künstlich inficirte Austern die Typhusbacillen 
zu beherbergen. Die Uebertragung der Krankheit durch Milch illustriren 
Harbitz und Davies durch Beobachtung von Infectionen nach dem Bezüge 
aus Molkereien, deren Milchkannen mit Flussläufen in Berührung gekommen, 
die ihrerseits Closetabwässer aufgenommen. Auch Wilckens vermochte das 
Anschwellen der Morbidität in Hamburg vor einigen Jahren mit inficirten 
Milchgefässen in Verbindung zu setzen. Selbst Buttermilch hat offenbar, wie 
P. Frankel und Kister begründen, bei einer Münchener Epidemie für einen 
Theil der Fälle den Infectionserreger enthalten. Für die Luft Übertragung 
der Krankheit durch verstäubte Excrete tritt Peck auf Grund seiner Be¬ 
obachtungen von Ansteckung im Krankenzimmer ein, eine Anschauung, die 
auch Anneguin mit Rücksicht auf die hohe Erkrankungsziffer der Wärter 
in den Krankenanstalten vertritt. Doch spricht Pauly solche Contagionsfälle 
als Folgen von Luftinfection als selten an und rückt die Rolle, welche 


Encycloj». Jahrbücher. IX. 

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Abdominaltyphus. 


die mit den Patienten in Berührung gekommenen Hände und Gegenstände 
spielen, in den Vordergrund. Auch das Rectalthermometer konnte aus 
Anlass ungenügender Desinfection nach der Benützung bei Typhösen ver¬ 
antwortlich gemacht werden (Bormaxs). Endlich erachten — ein bemerkens- 
werther, actuellen Anschauungen für andere Infectionskrankheiten folgender 
Hinweis — Sangree und Veeder Senkgruben umschwärmende Fliegen als 
geeignet zur Verschleppung des Typhus, nachdem experimentelle Versuche 
ein positives Resultat ergaben. 

Des Vorkommens der Typhusbacillen im Harne der Kranken, selbst 
in massenhafter Verbreitung, gedenkt mit Nachdruck eine Reihe von Autoren. 
Die Ausscheidung könne wochenlang anhalten, sogar den Urin trüben und 
zum Uebertragungsmedium stempeln (Petruschki, Richardsox, Gwyn). Nach 
Schichhold und Smith ist dies indes nur im albuminurischen Secret oder 
bei erkrankter Niere der Fall. Auch aus einem vereiterten Nebenhoden 
wurde der Typhusbacillus gezüchtet (Strassburger). 

Zur Differenzirung von Typhus- und Colibacillen liegen wieder 
verschiedene Beiträge vor. Ein aus Kalbsleber bereiteter Nährboden soll hier 
eine gleichmässige Trübung, dort Agglutination und Niederschlag bewirken 
(Cesaris-Demel). Stern findet, dass das Serum Typhöser das Bacterium coli 
unter Umständen noch stärker agglutinirt, als Typhusbacillen, eine be- 
herzigenswerthe Mahnung zur Vorsicht. Während die Colibacillen stets Lackmus 
reduciren, ist das bei bestimmten Nährböden beim Typhusbacillus niemals 
der Fall (Fredi Müller). Ein Verfahren zum »schnellen und leichten« Unter¬ 
scheiden der Culturen gibt Mankowski an: Typhusbacillen färben einen mit 
einer Mischung von Kalilauge, Säurefuchsin und Indigocarmin behandelten 
neutralen Nähragar roth, die Colibacillen blaugrün. Nach demselben Autor 
bilden die Bakterien unserer Krankheit auf einem unter anderem aus ess¬ 
baren oder giftigen Pilzen dargestellten Nährboden feuchte und durchsich¬ 
tige, die Colibakterien schnell wachsende, silberweisse, trockene Colonien. 
Wie weit alle diese an sich gewiss gut begründeten Differenzirungen in¬ 
gleichen der Entdeckung, das die Toxine des Bacillus typhi negativ, diejenigen 
des Bacillus coli positiv chemotaktisch auf die Leukocyten wirken (Bohland), 
den Postulaten des Praktikers gerecht zu werden imstande sind, muss 
weitere Erfahrung lehren, die hoffentlich in minderem Masse ausbleibt, als 
bei der grossen Zahl der Vorgänger gleichsinnigen Inhaltes. 

Was über die WiDAL'sche Methode gearbeitet worden, ist nicht 
dazu angethan, unser letztes Urtheil erheblich zu verschieben. Im Gegen- 
theil. Wohl fehlt es nicht an Bestätigungen der Zuverlässigkeit der Reac- 
tion (van der Welde, PechEre, Brown, Rostoski, Ely, Mewius u. a.); allein 
die Frage, ob der Ausfall unbedingt entscheidend, bleibt eine offene. Man 
hat in der Fieberperiode ein negatives, im Recidiv ein positives Resultat 
erhalten (Eshkek), die Reaction umso schwächer und träger angetroffen, je 
schwerer die Erkrankung (Epifaxow), sie (vielleicht aus Anlass von Chinin¬ 
behandlung) vermisst, obwohl die Section einen Typhus ergab (Berghinz), sie 
häufig erst in der zweiten oder gar dritten Woche der Krankheit beob¬ 
achtet (Kossel und Mann, Gebauer). Solche immer und immer wieder sich 
hervordrängenden Erfahrungen geben zu bedenken — auch bei der Anerkennung 
des wieder von Scholtz vertretenen Gesetzes, dass die Verdünnung an¬ 
langend der höchste bei normalem Blute beobachtete Werth 1 : 25, der 
niedrigste des typhösen 1 : 45 beträgt. Von Belang sind andererseits die 
Beobachtungen von Chiari und Kraus, dass bei positivem Ausfall der Probe 
trotz des für Typhus negativen Sectionsbefundes die bakteriologische Prüfung 
den wirklich typhösen Ursprung der Septikämie erschloss. Eine Schwierig¬ 
keit, die wir bei der Fortsetzung unserer Prüfung als recht störend ange¬ 
troffen, gleichwohl aber von den Autoren nicht genügend hervorgehoben 


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Abdominaltyphus. 


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gefunden, beruht in der mitunter misslichen Entscheidung, ob der Ausfall 
wirklich als positiv oder negativ zu gelten habe. Es können von den Typhus¬ 
bacillen zu viele ihre Nachbarn überleben, als dass man von einer richtigen 
Agglutination sprechen könnte, andererseits neben der Summe intacter Bacillen 
in lebhafter Bewegung zu viele todte Leiber angetroffen werden, als dass man 
wagen dürfte, das Ergebniss als negativ anzusprechen. In ähnlichem Sinne spricht 
sich A. Fischer skeptisch über den Werth der Reaction aus, wenn sie keine 
eigentliche Paralyse der Mikroorganismen, sondern nur eine Agglutination her¬ 
beiführt. Alles in allem eine Methode hervorragenden wissenschaftlichen Werthes, 
aber nicht von absoluter Zuverlässigkeit! Zu demselben Urtheil gelangt auch 
neuerdings Dombrowski auf Grund einer sehr stattlichen Versuchsreihe. 

Beachtenswerth erscheint die Entdeckung, dass auch chemische Körper, 
wie Sublimat, Formalin, Alkohol, Vesuvin, Safranin, auf Typhusculturen 
agglutinirend wirken (Malvoz). Durch Behandlung von Wasseremulsionen der 
zu prüfenden Colonien mit diesen Substanzen haben Lambotto und Bassärt 
eine Methode der Typhusdiagnose construirt, die wir indes als eine »ver¬ 
einfachte« nicht gelten lassen können. 

Ein entschiedener Concurrent ist der WiDAL schen Reaction in einer 
von Piorkowski angebahnten diagnostischen, die Unterscheidung der Typhus¬ 
bacillen von dem Bacterium coli nach der Gestalt der Colonien auf be¬ 
stimmtem Nährboden bezweckenden Verfahren erwachsen. Durch Verwendung 
von alkalischem Harn gelang es schon innerhalb 18 Stunden, die Typhus- 
colonien aus Anlass eigenartig ausgefranster Fasern präcis zu erkennen. 
Doch sind auch hier positiven Bestätigungen (Schütze, Michaelis, Unger, 
Ewald) recht bald anders lautende Urtheile (E. Unger und Portner) ge¬ 
folgt, nach denen die Unterschiede zwischen Typhus- und Colibacillencolonien 
nicht immer als durchgreifend anerkannt werden. Hiefür macht der Ent¬ 
decker nicht ganz genügende Berücksichtigung der erforderlichen Cautelen 
verantwortlich. In 16 Fällen vermochte Gebauer 12mal ein positives Resultat 
zu erhalten. Ob das Verfahren zum Gemeingut der Aerzte werden wird, 
bleibt abzuwarten. Im Krankenhause Friedrichshain bereitete schon die Her¬ 
stellung der Harngelatine und die enge Einstellung des Thermostaten gewisse 
Schwierigkeiten, die uns bereits Jetzt eine Verneinung der Frage ahnen 
lassen. Dass eine belangvolle wissenschaftliche Entdeckung vorliegt, kann 
füglich nicht bezweifelt werden. 

Wir vermögen zur Klinik unserer Krankheit nicht überzugehen, 
ohne, wenn auch nur andeutungsweise, des Inhaltes einer Reihe wissen¬ 
schaftlicher Arbeiten von Bedeutung zu gedenken, die sich freilich in die 
Wege des Praktikers einstweilen nicht rücken lassen. Wir meinen die Ver¬ 
suche über die Bindung bakterieller Gifte durch Zellbestandtheile 
und die Wirkung der specifischen Immunsera; rücksichtlich der ersteren 
konnte zunächst Wassermann zeigen, dass dem Typhusgift gegenüber sich 
Milz, Lymphdrüsen und Knochenmark ähnlich verhalten, wie dem Tetanus- 
gift gegenüber die Nervensubstanz; der Uebergang der bindenden Zellsub¬ 
stanz ins Blut ist ein Ausdruck ihrer übermässigen Bildung in der Zelle. 
Weiter hat Deutsch gefunden, dass die Bildung der antitoxischen Substanzen 
beim Typhus zu den genannten Organen in Beziehung steht, derart, dass 
die Leukocyten als Hauptlieferanten thätig sind. Rücksicht!ich der zweit- 
genannten Wirkung wird eine nicht streng specifische Agglutination durch 
Mann, Pfaundler, Duclaux und Borden begründet. Letztere sprechen Kraus 
und Löw als ein mechanisches Phänomen (Bakterien im Schlepptau eines 
specifischen Niederschlages) an, während Gruber eine den Bakterienleib ver¬ 
ändernde Eiweissfällung verantwortlich macht. Auf die Unlöslichkeit der 
Agglutinine des Typhus in Alkohol und ihre Beständigkeit gegen die Ver¬ 
dauungssäfte lenkt Winterberg die Aufmerksamkeit. 


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Abdominaltyphus. 


Relativ zahlreich sind diesmal, wie bereits erwähnt, die die eigentliche 
Klinik des Typhus behandelnden, zum Theil werthvollen Arbeiten; viel 
Neues sucht man vergeblich. 

Zur Annahme einer stark verkürzten, beziehungsweise auf 2—5 Tage 
reducirten Incubat io nsdauer gelangt Jancken auf Grund der Beobachtung 
einer Truppenepidemie. 

Die Respirationsorgane anlangend fand Schulz bei der typhösen 
Laryngitis bei fleckweiser Schleimhautröthung und spärlicher Absonderung, 
sowie linsengrossen Infiltraten Typhusbacillen im Bindegewebe unterhalb der 
letzteren, während Kobler auf eine charakteristische, bisweilen prodro¬ 
male Infiltration und Ulceration am Kehldeckel aufmerksam macht. Be- 
merkenswerth sind die Belehrungen A. Frankel s über die Unterscheidung 
von fibrinösen, unter dem Bilde eines Typhus verlaufenden Pneumonien, von 
solchen als Complicationen des Typhus und von pneumonischen Typhus¬ 
metastasen. Im Sputum und Lungensaft fand v. Stühlern zu Lebzeiten den 
Typhusbacillus, dem er indes nicht die Rolle eines primären Erregers der 
Pneumonie zuerkennt. Hingegen verficht Achard mit Labiche die Stellung 
eines Theiles der Pleuritiden bei Typhus als echter specifischer Complica¬ 
tionen ; den Empyemen wird ein foudroyanter Verlauf abgesprochen, so 
dass ein operatives Vorgehen meist bis zur Convalescenz aufgeschoben 
werden kann. Seine Erfahrungen über »Pleurotyphus«, Abscess und Gan¬ 
grän der Lunge typhösen Ursprungs theilt Verfasser mit, der eine weit¬ 
gehende Unabhängigkeit der Prognose und Therapie von den Resultaten 
der bakteriologischen Untersuchung beobachtet hat. Die von ihm und Labiche 
vertretene relativ günstige Prognose der Empyeme bestätigt in beherzigens- 
werther Weise Gerhardt, der ganz spontanen Rückgang constatirte. Ver¬ 
fasser sah selbst Spontanheilung trotz secundärer Streptokokkeninvasion. 

Auf dem Gebiete der Intestinalerkrankungen sind neben einigen 
Fällen seltener Complicationen — einer Speiseröhrenverengerung durch typhöse 
Verschwärung (Pachard), je einer perforativen Peritonitis mit spontaner 
(Handford), beziehungsweise operativer (Herringham) Heilung, einer auf¬ 
fallend späten Infection der Gallenwege mit Lebervergrösserung (Ryska) — 
Auslassungen über die Beziehung des Typhus zur Perityphlitis von Hopfen¬ 
hausen und über schwerere Erscheinungen von Seiten der Leber von Crespin 
hervorzuheben. In ersterer Beziehung wurde in 30 Typhusleichen der Wurm¬ 
fortsatz grossentheils mitafficirt angetroffen; doch beschränkte sich die 
Theilnahme an der Grundkrankheit zumeist auf einfache entzündliche Ver¬ 
änderungen ohne specifischen Charakter. Der zweitgenannte Autor fand bei 
Typhuskranken, welche früher in den Tropen sich aufgehalten, also wohl 
unter der Mitwirkung klimatischer Factoren zustande gekommene schmerz¬ 
hafte, mit starker Urobilinurie, mehrfach mit Gelbsucht einhergehende An¬ 
schwellungen der Leber. 

Nervensystem. Hier liegen zunächst Beobachtungen über eigen¬ 
tümliche Vagusneurosen und Sympathicusveränderungen vor. Erstere kenn¬ 
zeichneten sich nach den Schilderungen von Monteux und Lop in Er¬ 
stickungsanfällen, Tachykardie, Druckempfindlichkeit der Vagusstämme am 
Halse, flüchtigen Erythemen, Singultus, Aufblähung des Magens und Er¬ 
brechen. Die Erkrankung des Sympathicus fand Guizetti in 10 Fällen unter 
der Form einer segmentalen periaxillären Neuritis der markhaltigen Fasern, 
herdweiser Leukocyteninfiltration der Ganglien, Erweiterung der Gefäss- 
endothelien und Hämorrhagien. Diese starken Veränderungen sollen den tödt- 
lichen Ausgang verschuldet haben. Fälle von richtiger typhöser Meningitis 
haben Jemma, Hugot, Wentworth und Boden beschrieben und, was belang¬ 
voller, zum Theil die Diagnose durch den Nachweis von Typhusbacillen in 
der durch Lumbalpunction entleerten Cerebrospinalflüssigkeit erhärtet. Für 


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Abdominaltyphus. 


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die nicht leichte J)ifferenzirung dieser Complication von dem meningitisähn¬ 
lichen Typhusverlauf empfiehlt Loeb insbesondere Fahndung auf Papillitis 
als ein Meningitis beweisendes Symptom. In 5 Fällen ermittelte H. Salomon 
durch die Lumbalpunction eine starke Vermehrung des cerebrospinalen 
Serums, ohne dass die Hirndrucksymptome sich bis zur Höhe eines Me¬ 
ningotyphus erhoben hätten. Beziehungen des Typhus zur Epilepsie will 
Dida aufgefunden haben; entweder soll die Infectionskrankheit bei Neuro- 
pathischen das Nervenleiden auslösen oder leichte Formen verschlimmern. 

Von Complicationen im Bereiche des Knochen- und Hautsystems 
verdient besonders die Erschliessung einer richtigen typhösen Spondylitis 
mit Spontanheilung durch Quincke und Könitzer, einer Periostitis des Brust¬ 
beines mit Nekrose durch Würtz, sowie verschiedener Knochen- und Gelenk¬ 
metastasen durch Hübener Erwähnung. Letzterem gelang der Nachweis der 
Typhusbacillen. In einem Falle erfolgte eine Luxation des Femurkopfes durch 
Loslösung in der Epiphysenlinie des Schenkelhalses, welche Sitz einer Osteo¬ 
myelitis geworden war. Neben der Roseola sah da Costa masern- und 
scharlachähnliche Exantheme ohne Prominenz und Abschilferung. Kleine und 
grosse, zum Platzen gelangende und zur Nekrose führende Blasen beschreibt 
Stahl als zerstreute Typhuslocalisationen auf der Haut. Ein entschiedener 
diagnostischer Werth wird von Motta dem QuENTiNschen Palmoplantar- 
symptom (Verfärbung der prominenten Bezirke ins Gelbe) zugeschrieben; er 
traf es unter 43 Fällen 39mal an. Einen hämorrhagischen Typhus mit Haut¬ 
blutungen nach Art der WERLHOF schen Krankheit (neben viermaligen Darm-, 
Zahnfleisch- und Nasenblutungen) sah Köhler. 

Dass die Zahl der Leukocyten im Blut im Beginne des Typhus stark 
sinkt, um nach der Defervescenz wieder anzusteigen, hat wieder Köhler be¬ 
stätigen können, der die initiale Hypoleukocytose mit differentialdiagnosti¬ 
schem Werthe belegt (vergl. Diagnose). Geradezu unberechenbaren Schwan¬ 
kungen des Blutdruckes begegnete Alezais bei seinen Bestimmungen mit 
dem V erdin sehen Sphygmometer. Nur das plötzliche Absinken der arteriellen 
Spannung ist als Hinweis mit eine Darmblutung oder ein Erlahmen der 
Herzkraft von praktischer Bedeutung. 

Rucksichtlich der Diagnose unserer Krankheit ist den Erörterungen 
über die WiDAL'sche und PiORKOWSKische Methode nachzutragen, dass der 
fast in Vergessenheit gerathene NEUHAUSS'sche Nachweis von Typhusbacillen 
aus den Roseolen wieder von Curschmann als werthvoller und meist zu 
führender Behelf angesprochen wird. Neufeld gelang es, aus Roseolaflecken 
entnommenem Gewebssaft 14mal den Bacillus zu züchten. In einem durch 
reichlichen Roseolenflor ausgezeichneten Typhusfalle vermochte Dklkarde seinen 
Befund im Blute zu erheben. Mit Vorsicht dürfte die Diagnostik Boreggi's 
aufzunehmen sein, der die Differenzirung von Typhus und Tuberkulose nach 
der (bei öfterem mangelhaften) Gerinnungsfähigkeit des Blutes vornimmt. 
Die Bestimmung der Mengenverhältnisse der Leukocyten (s. o. Kölner) 
erwies sich Nägeli unter der Form eigenartiger Ab* und Zunahme der 
Neutrophilen, Lymphocyten und Eosinophilen als sehr werthvoller diagnosti¬ 
scher Factor, den er als der WiDAL’schen Reaction mindestens ebenbürtig 
beurtheilt. 

Behandlung. Dass die serotherapeutischen Bestrebungen einen Er¬ 
folg gezeitigt, der das in unserem letzten Berichte ausgesprochene Urtheil wesent¬ 
lich zu erschüttern vermöchte, wagen wir nicht zu behaupten. Wohl fehlt es 
nicht an Fürsprechern auf Grund eigener Versuche (Walger, Spirig, Jez, 
Duckworth, Cowen), doch stehen den günstigen Voten reservirte und selbst 
absprechende Urtheile gegenüber. So hält Jey die Antitoxine des Convale- 
scentenserums für zu schwach, während Bosanquet überhaupt an ihrer Wirk¬ 
samkeit zweifelt. Nach Chantemesse sind die Bemühungen gescheitert, weil 


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Abdominaltyphus. 


das verwendete Serum das eigentliche Toxin gar nicht enthalten habe. Das 
von ihm gewonnene Antitoxin soll Thiere schützen und Menschen heilen. 

Von Empfehlungen pharmakologischer Heilmittel schweigt die 
Literatur fast völlig, ein gutes Zeichen gesunder Kritik. Nur Bettmann 
schwärmt für eine energische Darreichung des Calomels und Leduc für das 
bei uns längst verlassene Guajacol in epidermatischer Form. 

In einer werthvollen, ausführlichen, sehr beherzigenswerthen Abhandlung, 
welche ausserdem reiche klinische Belehrung birgt, lässt sich Bäumler über 
praktische Erfahrungen über Kaltwasserbehandlung aus. Wir heben aus 
derselben hervor, dass nach seinem Urtheil die Wirkung des altbewährten Heil¬ 
apparates in erster Linie das Kreislauf- und Nervensystem betrifft (grössere 
Widerstandskraft), die Bedeutung der Temperaturerniedrigung zurücksteht. 
Der Autor verabreicht bei 39,5° zunächst Bäder von 28—24° C., später 
solche bis zu 20°. Dauer circa 10 Minuten. Nach dem Bade heisse Getränke, 
Wein, warme Decken. Von 1019 Typhuskranken (23 Jahre) starben 9,3°/ 0 . 
Vor zu häufigem und zu kaltem Bade warnt Strasser aus Anlass der Gefahr 
unerwünschter nervöser Aufregung. Eine eigenthümliche, übrigens nicht 
völlig neue Modification des kalten Bades glaubt Belval empfehlen zu 
sollen, nämlich eine Irrigation des Unterleibes, als des Centrums der Bacillen¬ 
entwicklung. Dem Kranken soll die wirksame Procedur sehr behaglich sein. 

Für die chirurgische Behandlung des Typhus im möglichsten Aus¬ 
masse bricht Armstrong eine Lanze, zumal bei brandigen Processen, Em¬ 
pyem der Gallenblase, Ostitis und Darmperforationen. Von 89 operirten 
Fällen der letzteren Kategorie sollen 17 gerettet worden sein; ob durch 
die Operation allein, ist eine andere Frage. Platt verlor von drei operirten 
Fällen zwei. In jedem Fall will Keen sofort zur Operation schreiten, wofern nur 
der primäre Shock überwunden; selbst bei zweifelhafter Diagnose schreckt 
er nicht vor dem Bauchschnitt zurück. Bei weitgediehener Darmtympanie, 
die allen Eingiessungen Hohn sprach, punctirte Dalgliesh mit promptem, 
anscheinend lebensrettendem Erfolge das Querkolon. 

Wir schliessen mit der Erwähnung einer eigenartigen, nicht streng in 
diese Abhandlung gehörenden Inanspruchnahme unserer Krankheit unter der 
Form therapeutischer Impfungen mit abgetödteten Typhusbacillenreinculturen 
bei Psychosen durch Friedländer. Insbesondere bei schweren Melancholien 
und Erschöpfungsformen soll während des künstlichen Fiebers vorübergehend 
Klarheit eintreten, und es selbst nicht an dauernden Besserungen und 
Heilungen durch diese Cur fehlen. 

Literatur (relativ enge Auswahl): Achard, Sem. med. 1898, Nr. 40. — Armstrong, 
Montreal med. Journ. Februar 1899. — Bäumler, Deutsches Archiv f. klinische Med. LXVI 
(1899). — Bklval, LTndep. m6d. 3. Januar 1898. — Berghinz, Gazz. degli ospedali. 1898, 
Nr. 145. — Boden, Zeitschrift für praktische Aerztc. 1899, Nr. 9. — Bohland, Centralblatt 
f. innere Med. 1899, Nr. 17. — Bormans, Gazz. med. di Torino. 1899, Nr. 4. — Bosanquet, 
Brit. med. Journ. 8. Juli 1899. — Brown, Lancet. 23. October 1898. — Chantemessk, Pro- 
gres möd. 16. April 1898. — Chiari und Kraus, Zeitschrift für Heilkunde. XVIII (1898'. — 
Crbspin, Gaz. des hop. Nr. 146 (1898). — Cukschmann, Münchener medicinische Wochen¬ 
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Heft 3. — Hopfenhausen, Revue med. de la Suisse, 1899, Nr. 2. — Horcicka, Wiener med. 
Wochenschr. 1900, Nr. 3. — Hübenbr, Mittheilungen a. d. Grenzgeb. d. Med. V (1899). — 
Janckbn, Wiener klin. Wochenschr. 1898, Nr. 27. — Jemma, Gazz. degli ospedali. Nr. 48 
(1898). — Jez, Wiener med. Wochenschr. 1899, Nr. 8. — Keen, Journ. of. the Amer. med. 


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Abdominaltyphus. — Achylia gastrica. 


7 


Association. 1900, Nr. 3. — Kister u. Frankel, Münchener med. Wochenschr. 1898, Nr. 9.— 
Kobler, Wiener klin. Rundschau. 1899, Nr. 17. — Köhler, Deutsche med. Wochenschr. 1900, 
Vereinsbeilage, pag. 91. — Kölner, Deutsches Arch. !. klin. Med. LX (1898). — Könitzkb, 
Münchener med. Wochenschr. 1899, Nr. 35. — Kossel und Mann, Münchener med. Wochen¬ 
schrift, 1899, Nr. 1. — Kraus, cf. Chiari. — Loeb, Deutsches Arch. f. klin. Med. LX1I 
(1899). — Lon, cf. Monteux. — Mankowski, Centralbl. f. Bakteriol. etc. 1900, Nr. 1. — 
Mann, cf. Kossel. — Michaelis, Deutsche med. Wochenschr. 1899, Vereinsbeilage, pag. 266. — 
Monteux und Lop, Rev. de möd. 1898, Nr. 7. — Monteux, R£v. de m£d. August 1899. — 
Motta, Gazz. med. di Torino. 1899, Nr. 3. — NIgbli, Correspondenzbl. f. Schweizer Aerzte. 
1899, Nr. 18. — Neufeld, Zeitschr. f. Hygiene. XXX (1898). — Peck, Brit. med. Journ. 
3. September 1899. — Piobkowsi, Berliner klin. Wochenschr. 1899, Nr. 7; Deutsche med. 
Wochenschr. 1899, Vereinsbeilage, pag. 266; Münchener med. Wochenschr. 1900, Nr. 3. — 
Platt, Lancet. 25. Februar 1899. — Portnkr, cf. Unger. — Quincke, Mittheilungen a. d. 
Grenzgeb. d. Med. IV (1899). — Rostoski, Münchener med. Wochenschr. 1899, Nr. 9. — Ryska, 
Ebenda. Nr. 23. — Sangree, Med. Rec. 21. Januar 1899. — Schichhold, Deutsches Archiv 
f. klin. Med. LXIV (1899). — Scholtz, Hygien. Rundschau. 1898, Nr. 9. — Schulz, Berliner 
klin. W'ochenschr. 1898, Nr. 34. — Schütze, Deutsche med. Wochenschr. 1899, Vereinsbei¬ 
lage, pag. 266. — Smith, Lancet. 20. Mai 1899. — Spirig, Correspondenzbl. für Schweizer 
Aerzte. 1898, Nr. 13. — Stern, Centralbl. f. Bakteriol. etc. XXIII (1898). — Strasser, Blätter 
über klin. Hydrotherapie. 1899, Nr. 2. — v. Stühlern, Centralbl. f. Bakteriol. etc. 1900, 
Nr. 10. — E. Unger und Portneb, Münchener med. Wochenschr. 1898, Nr. 51. — Unger, 
Deutsche med. Wochenschr. 1899, Vereinsbeilage, pag. 266. — Veeder, Med. Rec. 7. Januar 
1899. — Walgeb, Centralbl. f. innere Med. 1898, Nr. 37. — v. d. Welde, Centralblatt für 
Bakteriol. etc. XXIII (1898). — Würtz, Jahrb. f. Kinderhk. 1899, Heft 1. Fürbringer . 

Achylia gastrica. Eine abgeschlossene Lehre dieses Krankheits¬ 
zustandes zu geben, ist zur Zeit noch nicht möglich, weil es auf diesem 
Gebiete noch zahlreiche unaufgeklärte Punkte giebt. Ja, es ist noch nicht 
einmal festgestellt, ob die Achylia gastrica den Rang einer selbständigen 
Erkrankung beanspruchen kann oder ihr nur die Bedeutung eines Sym¬ 
ptoms zukommt, das verschiedenartigen Krankheiten des Magens eigen ist. 

Der Ausdruck »Achylia gastrica« stammt von dem deutsch-amerikani¬ 
schen Magenarzt Einhorn, der 1892 unter diesem Namen denjenigen Zu¬ 
stand bezeichnete, wo der Magen keinen Saft, erkennbar an seinen Bestand¬ 
teilen (freie Salzsäure, Pepsinogen und Labferment), absondert. Den Magen¬ 
saft als Chylus zu bezeichnen, ist allerdings eigentlich keine Berechtigung 
mehr vorhanden, nachdem die Physiologie bereits so die in den Lymphge- 
fässen des Darms fliessende milchige Flüssigkeit genannt hat. Indessen wird 
die Nomenclatur, die sich schnell eingebürgert hat, jetzt wohl umsoweniger 
auszurotten sein, als es sehr schwer ist, eine bessere zu finden. Achylia 
gastrica bedeutet also das vollständige Versiegen der Functionen der 
Magenschleimhaut, wohlgemerkt der Magenschleimhaut, nicht des Magens. 
Denn die Achylia gastrica hat nichts mit der Magenmusculatur, welche der 
Sitz der motorischen Function ist, zu thun. Zum Begriff der reinen Achylia 
gastrica gehört sogar geradezu die Forderung einer Integrität der Motilität 
des Magens. Die Complication einer motorischen Insufficienz (Atonie) des 
Magens, die zuweilen vorkommt, verwischt das Symptomenbild der Achylia 
gastrica ebenso wie das Auftreten einer anderen Säure, z. B. der Milchsäure 
an Stelle der Salzsäure. 

Salzsäure, Pepsinogen und Labferment sind die Producte der Drüsen¬ 
zellen der Magenschleimhaut. Ob alle drei Substanzen von ein und derselben 
Gruppe von Drüsenzellen producirt oder die eine von den sogenannten 
Hauptzellen, die andere von den sogenannten Belegzellen, ist bekanntlich 
bis auf den heutigen Tag nicht sichergestellt, vielmehr gerade umstritten. 
Nur das Lab scheint allen Zellen gemeinsam zu sein, weshalb der jetzt 
kaum noch gebräuchliche Ausdruck »Labdrüsen« als Bezeichnung für die 
Drüsenzellen der Magenschleimhaut gar nicht unzutreffend wäre, wenn er 
nicht eben nur eine einzige Function derselben als Grundlage hätte. Jeden¬ 
falls deutet ein Versiegen aller drei Producte der Schleimhaut auf einen 
Schwund, eine Atrophie der Magendrüsen. Ganz folgerichtig hat denn daher 


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Achylia gastrica. 


auch C. A. Ewald 1892 diesen Symptomencomplex als den Ausdruck einer 
Anadenia ventriculi bezeichnet. Das entsprach durchaus dem damaligen 
Stande der Wissenschaft, und so wurde auch mit Recht eine Zeitlang aus 
jenen klinischen Erscheinungen die Diagnose auf eine Gastritis parenchyma- 
tosa atrophicans gestellt. 

Diesen pathologischen Zustand sollte man aber nicht, wie es geschehen 
ist, als Phthisis ventriculi bezeichnen, weil dabei ein Verschwinden eines 
Theiles des Organs eintritt, wie das in einer phthisischen Lunge der Fall 
ist. Die Achylia gastrica auf eine Gastritis atrophicans zurückzufübren, ist 
für einen Theil der Fälle auch heute noch berechtigt. 

Diese Gastritis kommt sowohl als primäre selbständige Erkrankung, 
z. B. bei Greisen, oder infolge der chronischen Einwirkung von Alkohol und 
anderen Schädlichkeiten, selbst ohne ersichtliche Ursache, als auch sehr häufig 
in Begleitung von Magencarcinom vor. In der Nachbarschaft desselben findet 
sich nämlich fast regelmässig in mehr oder minder starker Ausbreitung eine 
bis zur Atrophie der Drüsen vorgeschrittene Gastritis parenchymatosa, so 
dass der Symptomencomplex der Achylia gastrica gelegentlich auch im Ver¬ 
laufe eines Magencarcinoms auftritt. Aber man darf nicht etwa daran denken, 
sie diagnostisch in diesem Sinne zu verwenden. Eine Achylia gastrica bei 
Carcinom hört überhaupt auf, eine Achylia strictiore sensu zu sein, sobald 
das für sie pathognomonische Gährungsproduct, die Milchsäure, im Magen¬ 
inhalt erscheint. 

Ein sehr grosses, namentlich theoretisches Interesse knüpft sich an 
das Vorkommen der Achylia gastrica bei derjenigen Form der chronischen 
atrophirenden Gastritis, welche einen häufigen, aber durchaus nicht regel¬ 
mässigen Befund bei der perniciösen Anämie darstellt — einer in ihren 
Ursachen leider noch völlig unbekannten Krankheit. Von Quincke (1876) und 
Fenwick (1877) wurden die ersten zufälligen Befunde atrophirender Gastritis 
bei Fällen erhoben, deren klinische Diagnose auf perniciöse Anämie lautete. Aber 
ein ätiologischer Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen wurde erst 
von den nachfolgenden Autoren vermuthet. Die Sicherheit der anfänglichen 
Annahme, dass in der Magenerkrankung, welche naturgemäss Ernährung 
und Stoffwechsel erheblich beeinträchtigen müsse, die primäre Ursache der 
perniciösen Anämie zu suchen sei, ist aber, wie das beim Wachsen der Er¬ 
fahrungen immer so geht, bald kühleren Erwägungen gewichen. Denn da 
sich diese Gastritis keineswegs in allen Fällen von perniciöser Anämie findet, 
so hat man nicht ohne Berechtigung sie weniger als die Ursache denn viel¬ 
mehr als die Folge des eigentlichen Krankheitsprocesses betrachtet, zumal 
sie sich ja eben auch bei anderen Erkrankungen findet, die nichts mit per¬ 
niciöser Anämie zu thun haben. 

Der Ausfall der Functionen der Magenschleimhaut allein könnte auch 
kaum so erhebliche Veränderungen der Blutzusammensetzung zur Folge 
haben, wie sie bei der perniciösen Anämie Vorkommen, wenn man schon 
diese Veränderungen, wozu aber durchaus keine einwandfreie Berechtigung 
oder Grundlage vorliegt, als den Ausdruck einer schweren Stoffwechsel¬ 
störung gelten lassen will, die durch unzureichende Resorption der Nahrung 
im Verdauungscanal und den dadurch eventuell bedingten Uebergang inter¬ 
mediärer Stoffwechselproducte ins Blut zustande gekommen ist. Denn die 
Thatsache steht jetzt ziemlich sicher fest, dass der Magen für die Resorp¬ 
tion der Nahrung nur eine untergeordnete Rolle spielt, seine physiologische 
Aufgabe in der Hauptsache vielmehr die eines Reservoirs ist, aus dessen 
Vorrath jeweilig immer nur so viel an den Darm weiter abgegeben wird, als 
dieser bei der äusserst feinen Vertheilung des Chymus über seine Oberfläche 
zu bewältigen imstande ist. Wie zudem die Thierversuche von Czerny und 
Kaiser und der berühmte Fall Schlatter’s von totaler Magenresection be- 


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Achylia gastrica. 


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weisen, ist der Verlust des Magens so lange ohne Schaden für den Ge- 
sammtorganismus zu ertragen, so lange der Darm intact ist und seine re- 
sorptiven Functionen in vollem Masse erfüllt. Wenn aber auch die Darm¬ 
schleimhaut erkrankt und leistungsunfähig wird, dann leidet die Resorption so 
stark, dass von einer Aufrechterhaltung der Ernährung und des Stoffwechsels 
keine Rede mehr sein kann. So sieht man denn auch Abmagerung, Anämie, 
Kachexie u. dergl. in den Fällen von Achylia gastrica immer erst dann ein- 
treten, wenn die Atrophie der Drüsen vom Magen auf die Darmschleimhaut 
übergegriffen hat, was freilich in der Mehrzahl dieser Fälle einzutreten pflegt, 
und so auch in den Fällen von perniciöser Anämie mit Achylia gastrica. 
Dann ist keine Assimilation der Nahrungsstoffe in den Körperzellen mehr 
möglich, unzersetzte Stoffwechselproducte gelangen in den Säftestrom und 
können möglicher Weise auch deletär auf das Blutgewebe wirken — also 
eine gastrointestinale Autointoxication, wenn man's so nennen will, ohne es 
beweisen zu können. 

Die Darmveränderungen können auch ebenso wie die Magenatrophie 
nur secundär sein, und damit würde auch bei ihnen die ätiologische Bedeutung 
schwinden. Neuerdings hat z. B. besonders M. Koch nach Untersuchungen in 
Virchow’s Institut diesen Standpunkt vertreten, indem er theilweise alte 
Lues für diese doch sehr auffälligen Magendarmerkrankungen verantwortlich 
macht. Indessen ist das letzte Wort in dieser Frage noch lange nicht ge¬ 
sprochen. Jüngst haben noch Faber und Bloch nachgewiesen, dass die 
Darmatrophie bei perniciöser Anämie weder entzündlichen Ursprunges aus 
chronischer interstitieller Gastritis hervorgegangen (Ewald, Lubarsch, Koch), 
noch überhaupt ein selbständiger (primärer) Krankheitsprocess (Eisenlohr u. A.) 
ist, vielmehr nur eine postmortale Erscheinung an den cadaverös paretisch 
gedehnten Stellen der Darmwand, wie dies bei der Pädatrophie des Säuglings¬ 
darms von Heubner nachgewiesen ist. 

Uebrigens thun Stoffwechseluntersuchungen (z. B. über den Stickstoff¬ 
umsatz u. dergl.) bei Achylia gastrica, insbesondere den Fällen mit Betheiligung 
des Darms dringend Noth. um die Rückwirkungen dieses Krankheitszustandes 
auf den Gesammtorganismus sicherer als bisher beurtheilen zu können. 
Freilich lässt sich gerade die Mitbetheiligung dos Darms viel schwerer er¬ 
kennen als die Achylia des Magens. Ausgedehnte Theile der Darmschleim¬ 
haut können in dem atrophischen Process mehr oder weniger.weit vorge¬ 
schritten sein, ohne sich klinisch zu offenbaren. In einigen Fällen giebt er 
sich kund durch Erscheinungen wie Diarrhoe, Blutungen u. s. w. Das Auf¬ 
treten von Diarrhoe bei Achylie lässt immer baldige Abmagerung und 
Kachexie Voraussagen, weil die Störung der Resorption fast auf der ganzen 
Fläche des Verdauungscanals die Möglichkeit der Ausnutzung der Nahrung 
sehr einschränkt. 

Während den bisher beschriebenen Formen der Achylia gastrica eine 
sehr ernste pathologische Bedeutung zukommt, haben wir zuerst durch Ein¬ 
horn eine andere Gruppe desselben Krankheitszustandes kennen gelernt, 
mit Rücksicht auf die eben Einhorn die Einführung der allgemeineren, nichts 
präjudicirenden Bezeichnung »Achylia gastrica« vorschlug. Diesen Fällen 
liegt keine Atrophie der Magenschleimhaut, überhaupt keine anatomische 
Erkrankung zugrunde. Die genauere Kenntniss dieser Gruppe, die eine prin- 
eipiell andere Beurtheilung erfahren muss, verdanken wir namentlich Martius, 
auf dessen vortreffliche monographische Bearbeitung des ganzen Themas (1897) 
hier überhaupt für diejenigen, welche sich eingehend darüber unterrichten 
wollen, hingewiesen sein soll. Freilich ist unser heutiges Verständniss für 
diese Gruppe der Fälle von Achylia gastrica noch wesentlich unsicherer als 
bei der ersten Art. Es ist sichergestellt, dass es eine Achylia gastrica giebt 
bei Personen, bei denen sich sonst keinerlei andere objective Krankheitser- 


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10 Achylia gastrica. 

scheinung im Körper findet: das ist hauptsächlich bei Neurasthenikern und 
auch bei ganz Gesunden. 

Namentlich für letztere Thatsache fehlt uns vorläufig jedes Verständ- 
niss. Aber auch als Symptom der Neurasthenie, oft das einzige, kommt dieser 
Form der Achylia gastrica nur geringe praktische Bedeutung zu. Es wird 
oft als zufälliger Befund erhoben, wenn aus mehr oder minder dringender 
Veranlassung eine Mageninhaltsuntersuchung vorgenommen worden ist. Die 
Achylie der Neurastheniker kann man als eine functioneile Neurose der 
Magensecretionsnerven auffassen, womit man freilich auch nicht viel anderes 
thut, als ein dunkles Wort an Stelle eines dunklen Begriffes zu setzen. 
Doch kommen wir auf die systematische Auffassung der Erkrankung noch 
zurück. 

Zunächst einige Worte über die Symptomatologie der Achylia gastrica. 
Zuweilen verräth sie sich durch keinerlei Krankheitserscheinung und bildet, 
wie schon erwähnt, einen zufälligen Befund. In anderen Fällen wird sie fest¬ 
gestellt, wo Verdauungsbeschwerden mannigfach verschiedener Art bestehen, 
ohne dass man behaupten könnte, dass sie mit der Achylie in ursächlichem 
Zusammenhang stehen. So findet sie sich öfters bei irgend einem jener pro¬ 
teusartig verschiedenen Krankheitsbilder der bisher noch unter dem Sammel¬ 
namen »Neurasthenia gastrica« zusammengefassten sensiblen Magenneurosen. 
Ein specifisches Symptom kommt der Achylia gastrica nicht zu, auch nicht 
einmal der auf atrophirender Gastritis beruhenden Form. 

Die Diagnose der Achylia gastrica lässt sich nur mit jenem vielver¬ 
mögenden Hilfsmittel der Untersuchung stellen, das die moderne Aera 
der Magenpathologie gebracht hat: durch die Ausheberung des Magen¬ 
inhaltes. In ihm muss man nach den drei Secretionsproducten der Schleim¬ 
haut suchen. Am zweckmässigsten ist es, die Ausheberung am Morgen, 
spätestens eine Stunde nach dem auf nüchternem Magen genommenen Probe¬ 
frühstück (eine trockene Semmel und ein grosses Glas Wasser oder Thee) 
vorzunehmen. Es kommt ein nur mangelhaft chyraificirter Inhalt zutage, 
der zwar an Menge normal ist (höchstens 20—40 Cm., meistens weniger 
Inhalt, entsprechend der gut erhaltenen motorischen Function), aber dick¬ 
flüssig und zäh ist und eine grosse Menge unzertheilter Semmelstücke, 
beziehungsweise Amylumbrocken enthält. Schon dieses makroskopische 
Aussehen des Mageninhaltes ist für Achylia gastrica recht charakteristisch. 
Und nun geschieht die Untersuchung auf die Secretionsproducte in folgender 
Weise: Auf freie Salzsäure prüft man (am zweckmässigsten das Filtrat) 
mittels Congopapier oder eines anderen entsprechenden Reagens. Der Aus¬ 
fall ist negativ. Dabei kann aber der Magensaft bei Prüfung mit Lackmus¬ 
papier sich als sauer erweisen. Die Feststellung der Gesammtacidität (Titra¬ 
tion gegen J /i 0 Normalnatronlauge) ergiebt freilich stets sehr geringe Werthe. 
Ob das Eiweiss in lösliches Pepton übergeführt wird, kann man durch An¬ 
stellung der Biuretprobe (Kalilauge und stark verdünnte Kupfersulfatlösung) 
ermitteln: Violettfärbung. Exacter ist der directe Nachweis des Pepsinogens 
durch den Verdauungsversuch an einem kleinen Stückchen eines gekochten 
Hühnereiweisses. Es wird in 5—10 Cm. angesäuerten, filtrirten Mageninhaltes 
bei Körperwärme (Brutschrank oder Thermophor) gebracht Das Scheibchen 
wird nach 12 oder selbst 24 Stunden unverändert, kaum am Rande auf¬ 
gelockert, wiedergefunden. Schliesslich werden 5—10 Cm. Filtrat mit ebenso 
viel neutraler frischer Milch gemischt und der Brutwärme überlassen. Nach 
15—20 Min. oder noch länger ist keine Labgerinnung in der Milch eingetreten. 

Nur der negative Ausfall aller drei Proben berechtigt zur Diagnose: 
Achylia gastrica. 

Martius hat als Beweis dafür, dass in solchen Magen die Secretion 
des Magensaftes vollständig stockt, noch folgenden Versuch erbracht: eine 


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Achylia gastrica. 


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Flüssigkeit, z. B. eine Suppe, von bestimmtem specifischen Gewicht wird 
unverdünnt au! der Höhe der Verdauung wieder ausgehebert. Auch die Milch 
kann ungeronnen aus dem Magen wieder gewonnen werden. 

Soviel von der Symptomatologie der Achylia gastrica. 

Zur Kenntniss ihres Wesens haben noch Martius und Lubarsch be- 
achtenswerthe anatomische Beiträge geliefert. Die durch Magenausheberung 
und -ausspülung gewonnenen Schleimhautstückchen wurden einer genauen 
mikroskopischen Untersuchung unterworfen. Die Ergebnisse waren folgende: 
die Schleimhaut solcher Mägen ist sehr leicht verletzlich, woraus sich eben 
die häufige Beimengung von Mucosafetzen erklärt. Eine vollkommene Inte¬ 
grität der Schleimhaut ist selten, meist finden sich die Zeichen einer mehr 
oder minder ausgesprochenen »granulirenden Gastritis«. Zuweilen sind die 
Veränderungen soweit vorgeschritten, dass man an die Anfangsstadien typi¬ 
scher degenerativer Schleimhautatrophie denken könnte. Aber in der Mehr¬ 
zahl der Fälle waren sie doch so geringfügig, dass man Bedenken tragen 
muss, sie überhaupt diagnostisch zu verwerthen. Solche leichte Läsionen 
der Magenschleimhaut findet man häufig bei den verschiedensten und auch 
harmlosesten Magenaffectionen durch gelegentliche Befunde von Mucosafetzen 
im Ausgeheberten. Sie sind zum Theil gewiss traumatische Artefacte durch 
die Ausheberung, durch den Reiz des Magenschlauches. Und dann ferner, 
wo ist ein Magen, der zu jeder Zeit als völlig gesund angesprochen werden 
könnte? Wird mit irgend einer Schleimhaut des Körpers häufiger Missbrauch 
getrieben als mit der des Magens ? Ohne dass andere objective und subjec- 
tive Krankheitserscheinungen hervortreten, sind doch sicherlich sehr häufig 
leichte katarrhalische, entzündliche Veränderungen der Schleimhaut vor¬ 
handen! Uebrigens hat Lubarsch schon selbst diese Bedenken geäussert, in¬ 
dem er darauf hingewiesen, dass man aus dem Ergebniss der Untersuchung so 
gewonnener Magenschleimhautfetzen nur dann einen diagnostischen Schluss 
machen darf, wenn die für eine atrophirende Gastritis charakteristischen 
Veränderungen zu erkennen sind. Dann hat man einen absolut zuverlässigen 
Anhaltspunkt für die Annahme einer ernsten Magenerkrankung (wahrschein¬ 
lich secundärer Natur). 

Wir kommen zur Erörterung der Prognose. Martius bezeichnet die 
oben besprochenen beiden Formen der Achylia gastrica als: 1. Achylia 
gastrica bei Atrophie der Magenschleimhaut; 2. Achylia gastrica simplex. 
Sie unterscheiden sich nach dem Auseinandergesetzten prognostisch sehr 
wesentlich von einander. Erstere ist in jedem Falle ein Signum mali ominis, 
mag sie nun in Begleitung eines Carcinoms erscheinen oder bei perniciöser 
Anämie oder schliesslich als Resultat einer Gastritis progressiva atrophicans 
aus irgend welcher Ursache. Freilich wird diese Achylie ihrem Träger erst 
dann verhängnisvoll werden, wenn der atrophische Process in grösserer 
Ausdehnung auch auf den Darm übergegriffen hat! 

Die Achylia gastrica simplex betrachtet Martius als den Ausdruck 
einer angeborenen Functionsschwäche des Magens, die eine individuelle Eigen- 
thümlichkeit sei. Mit dieser Erklärung ist freilich noch nicht viel gewonnen. 
Abgesehen davon, dass kein Analogon zu einer derartigen physiologischen 
Abnormität im menschlichen Körper bekannt ist und eine Functionsschwäche 
doch nicht zum dauernden vollständigen Versiegen der Drüsenthätigkeit 
sollte führen können, ist schwer zu verstehen, worin dieser Defect, der sich 
ja auf die Secretionsnerven des Magens, und zwar auf diese sogar ausschliess¬ 
lich erstreckt, seine Ursache haben soll. Der Forschung ist auf diesem Ge¬ 
biete also wohl noch ein reiches Arbeitsfeld gegeben. De facto spricht 
zu Gunsten der Theorie von Martius die Thatsache, die ich aus eigenen 
Erfahrungen durchaus bestätigen kann, dass solche Achylie Jahre lang un¬ 
verändert ohne jegliche Beeinträchtigung des Ernährungszustandes und ohne 


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Achylia gastrica. — Acoine. 


subjective Beschwerden bestehen kann. Martius giebt freilich der Befürch¬ 
tung Ausdruck, dass aus einer solchen Achylie allmählich sich eine Anadenie 
entwickeln könne, weil eben die leicht empfindliche Schleimhaut solcher 
rainderwerthiger Mägen zu Erkrankungen sehr disponirt. Dass die Functions¬ 
anomalie zu einer Atrophie der Schleimhaut führen kann, darauf weisen ja 
die erwähnten mikroskopischen Untersuchungsbefunde von Lubarsch hin. 

Zum Schluss noch einige therapeutische Bemerkungen. Die Sachlage 
macht es leicht, kurz zu sein. Wir stehen der Achylia gastrica leider mit 
verschränkten Armen gegenüber, gleichviel um welche der beiden Formen 
es sich im Einzelfalle handelt. Eine Gastritis atrophicans ist nicht rück- 
bildungsfähig, ja wohl auch nur sehr schwer in ihrer fortschreitenden Ent¬ 
wicklung aufzuhalten. Ist aber auch die Schleimhaut intact, so besitzen wir 
keine Mittel, die Functionstüchtigkeit der Magendrüsen wieder herzustellen. 
Die Verabreichung selbst grosser Dosen Salzsäure andauernd wirkt gleich¬ 
sam wie ein Tropfen Wasser, der auf einen heissen Stein fällt. Abgesehen 
davon, dass diese Mengen Salzsäure hinter den von der normalen Schleim¬ 
haut selbst producirten immer weit Zurückbleiben, so ist es fraglich, ob sie 
wie in vitro, so auch im Körper wirken. Denn selbst eine künstliche Ver¬ 
dauung im Magen bedeutet noch keine Steigerung der Thätigkeit der 
Drüsenzellen. Es fehlt das vermittelnde Band der Kraft der lebenden Zelle. 
Auch die Zufuhr von Pepsin und Labferment wird ebensowenig die Thätig¬ 
keit der Drüsenzellen in entsprechender Richtung anzuregen vermögen, wenn 
sie einmal vollständig erloschen ist. Die Wirkung der Stomachica ist schon 
bei intacten Drüsen eine sehr beschränkte, oft sogar problematisch. Bei 
dieser Sachlage wird man wohl auch von der Darreichung thierischen Magen¬ 
saftes, von Hunden aus Magenfisteln nach Pawlow’s Methode gewonnen, 
die jüngst P. Mayer nach dem Beispiel französischer Autoren empfohlen hat, 
nicht viel zu erwarten haben. Uebrigens würde man denn schon zweckmässiger 
menschlichen Magensaft verwenden können, wie man ihn in Fällen von 
Magensattfluss oft in grossen Mengen rein gewinnen kann. 

Literatur: Bis zum Jahre 1897 vollständig in F. Martius und O. Lubarsch, Achylia 
gastrica, ihre Ursachen und ihre Folgen. Leipzig und Wien 1897. — Riegel, Magenkrank¬ 
heiten in Nothnagel’s Handbncb. 1898, pag. 602 u. f. und pag. 902 u. f. — D. Gerhardt, 
Berliner klin. Wochenschr. 1898, Nr. 3ö. — Troller, Zur Pepsinfrage bei Achylia gastrica. 
Arch. f. Verdauungskrankheiten. V, 1898. — Paul Mayer, Verhandlungen des Vereins für 
innere Medicin in Berlin. Sitzungen vom 2. und 30. April 1900 — M. Koch, Inaug.-Dissert. 
Berlin 1898. — K. Fader uud C. E. Bloch, Zeitschr. f. innere Med., XL, 1900. Albu. 

Acoine. Patentname für eine Anzahl (10) Alkyloxyphenylgua- 
nidine, welche in der chemischen Fabrik von Heyden in Radebeul darge¬ 
stellt wurden und welche von Trolldenier und W. Hesse in Dresden wegen 
ihrer anästhesirenden Eigenschaften als Ersatzmittel des Cocains versucht 
wurden. Ueber die chemische Constitution dieser Körper belehren uns ihre 
Namen. Wir nennen von den 10 zur Untersuchung vorgelegenen Präparaten 
als Beispiele: Triphenetylguanidinchlorhydrat (O), Symm. Di-p-phenetyl-mono- 
anisylguanidinchlorhydrat (A), Triparaanisylguanidinchlorhydrat (B), Dipara- 
anisyl-mono-paraphenetylguanidinchlorhydrat (C) u. s. w. Wegen der Länge 
der Namen der Verbindungen sollen künftig nur die neben jedem Namen 
stehenden Buchstaben beibehalten werden. Zunächst wurde an Hunden die 
im Vergleich zu Cocain geringere Giftigkeit der Acoine festgestellt. Hunde 
von 5—9 Kgrm. im Gewichte vertrugen eine einmalige Dosis von 0,5 in 
Gelatinekapseln reactionslos, erst 0,75 bewirkten Erbrechen oder Tod. Cocain 
erzeugt schon, in gleicher Weise gegeben, zu 0,1 Grm. heftige nervöse Stö¬ 
rung und 0.25 Grm. tödten unter Auslösung heftiger tetanischer Krämpfe. 
Verdünnte Lösungen von Acoin C zu 1 Tropfen in den Conjunctivalsack 
eingeträufelt, bewirkten je nach der Concentration nach 1—2 Minuten voll- 


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Acoine. — Akrolein. 


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ständige Anästhesie des Kaninchenauges von verschiedener Dauer. Wässerige 
Lösungen zu 1 : 1000 rufen eine 15 Minuten lange Anästhesie hervor, von 
1 : 400 eine 30 Minuten lange, von 1 : 100 eine 40—80 Minuten lange, von 
1 : 40 eine länger als einen Tag dauernde. Die letztere Conceotration reizt 
wohl das Auge, ohne jedoch nachhaltigen Schaden zu veranlassen. Die übrigen 
schwächeren Lösungen waren frei von unangenehmen Nebenwirkungen. 
Uebrigens kann man die Wirkung einer schwachen Lösung verstärken, indem 
man sie entweder länger als 1 Minute auf das Auge einwirken lässt, oder 
indem man der ersten Einträufelung nach einigen Minuten eine zweite folgen 
lässt; auch lässt sich die Concentration 1 : 100 ohne Bedenken anwenden, 
wenn man eine längere Dauer der Anästhesie erzielen will. Subcutane Injec- 
tion concentrirter Lösungen (6 : 100) wirkten rein local, die Umgebung der 
Injectionsstelle wurde gefühllos; hingegen wurde die Haut in der Umgebung 
der Injectionsstelle nekrotisch und im Verlaufe von wenigen Tagen abge- 
stossen, wenn mehr als 3 Ccm. concentrirter Flüssigkeit injicirt wurde, bei 
geringerer Menge trat keine Nekrotisirung ein. Injectionen nach Schleich, 
am eigenen Körper und an anderen controlirt, ergaben nicht nur keinen 
Nachtheil, sondern die Injection einer Lösung von Acoin 0,1, Natr. chlorat. 
0,8, Aq. destill. 100,0 bewirkte Anästhesie von bedeutend längerer Dauer 
wie Schleich s Originalflüssigkeit, sie bleibt 40—50 Minuten nach erfolgter 
Injection in gleicher Ausdehnung bestehen; erst dann ruckt die Grenze der 
Empfindung langsam nach dem Centrum vor. Die Lösungen sind stark anti¬ 
septisch und im Dunkeln haltbar; die für Injectionen bestimmten Lösungen 
sollen jedoch jedesmal frisch bereitet werden. Man löst das Acoin, indem 
man es dem abgekochten, noch heissen Wasser zufügt und das Auflösen 
durch Umschwenken bewirkt. Die Brauchbarkeit der Acoine am Menschen¬ 
auge muss noch ausprobirt werden; Trolldenier warnt ausdrücklich vor 
der Anwendung concentrirter Lösungen wegen deren Aetzwirkung; immer¬ 
hin sollen die zu endermalen Injectionen nach obiger Vorschrift benützten 
Acoinlösungen der Schleich sehen Originallösung in jeder Richtung überlegen 
sein. Sämmtliche Acoine zeigten die gleiche Wirkung. Am meisen wurde 
Acoin C versucht. 

Literatur: Tbolldenier (Dresden), Ueber die anästhetischen Eigenschaften von 
Alkyloxyphenylgaanidinen (Acoinen). Aus dem path. anat. Institut der thierärztl. Hochschule 
zu Dresden. Therap. Monatsh. 1899, pag. 36. Loebisrh. 

Akroleifn. Die als Aldehyd des Allylalkohols, C 3 H 6 O, aufzufassende 
Verbindung C s H 4 0, welche beim Erhitzen von Fetten sich bildet und am 
reinsten durch Destillation von Glycerin mit Borsäureanhydrid erhalten 
werden kann, besitzt die irritirende Wirkung der Aldehyde in hohem Masse 
und bewirkt beim Verdampfen massiger Mengen Brennen in der Bindehaut 
des Auges, vorübergehendes Stechen in der Nase und ein unangenehmes 
Gefühl von Völle in den Lungen, das zu zeitweiligem Anhalten des Athmens 
nöthigt. Das gleichzeitig bei irgendwie erheblichen Mengen von Akrolein in 
der Athmungsluft auftretende leichte Gefühl von Schwindel, Benommensein 
und stärkerem Blutandrange zum Kopfe weist auf narkotische Beiwirkung 
hin. Sowohl irritirende als narkotische Wirkung ergiebt sich auch bei acuter 
Vergiftung von Warmblütern mit subcutan injicirtem Akrolein, wonach nicht 
nur Reizung der Augen mit starker Secretion, sondern auch Dyspnoe und 
Athmungsverlangsamung und schon vor starker Entwicklung der Athmungs- 
störungen Somnolenz eintritt und bei der Section Entzündungsherde in den 
Lungen sich finden. Bei Fröschen bewirkt Akrolein motorische Lähmung 
und rasch eintretende Starre des Herzventrikels. Beim Menschen kann nach 
längerer Beschäftigung mit Akrolein Bindehautkatarrh und quälender Ka¬ 
tarrh der hinteren Rachenwand, der Kehlkopf- und Broncbialscbleimhaut 
entstehen. 


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Akrolein. — Akromegalie. 


Die örtlich irritirende Wirkung scheint auf fällender Einwirkung auf das Gewebs- 
eiweiss zu beruhen; Eiereiweiss und Blutserum werden davon nur wenig afficirt. Rothe Blut¬ 
körperchen werden davon aufgelöst. Blut wird beim Versetzen mit Akrolein heller roth und 
lack färben und zeigt nach Zusatz von Schwefelammonium in langsamer Entwicklung in dem 
Absorptionsbande des Hämoglobins die Streifen des Hämochromogens. 

Akrolein wird unverändert durch die Lungen ausgeschieden. Man er¬ 
kennt es am besten durch die intensive Enzianblaufärbung, die es in einem 
Gemische von Piperidin und Nitroprussidnatriumlosung erzeugt und welche 
durch Zusatz von Eisessig in BlaugrQn und durch Ammoniak in Violett 
übergeht. 

Literatur: Lewin, Arch. f. experim. Path. 1900, XLIII, Heft 5 u. 6, pag. 351. 

Hasemann. 

Akromegalie (vergl. Encyclopäd. Jahrb., VIII, pag. 5). Zur Akro¬ 
megalie liegt wiederum ein sehr grosses und theilweise bemerkenswerthes 
casuistisches Material vor. Neue Fälle veröffentlichten Thompson j ), v. Starck *), 
Wkisz 2 ), Embden 4 ), Gajkiewicz 6 ), Peiser (i ), Mendelssohn 7 ), Witmer 8 ), Col ®), 
Jacoby 10 ), Kauffmann ll ), Naher 1 *), Joffroy 13 ), Chadbourxe u ), Bruhl 16 ), 
Pineles(2) l0 ), Erstein 17 ); mit Sectionsbefunden Neal, Smyth und Shattock 18 ), 
Bailey (2) 10 ), Spiller 20 ), Johnston und Monro 21 ). Die Fälle von Chad- 
boprne u ) und Bruhl 16 ) waren durch Complication mit Diabetes mellitus — 
der letztere auch mit parenchymatöser Nephritis — die Fälle von Col®) 
und Joffroy 15 ) durch hochgradige Demenz, die Fälle von Pinelks ,6 ) durch 
myxödeniartige Symptome (Hautveränderungen und Stupor), der Fall von 
Ebstein 17 ) durch eine ausgesprochene Urticaria subcutanea und sehr starke 
idioniusculäre Contractionen, besonders am M. biceps brachii, ausgezeichnet. 

Von besonderem Interesse sind die fünf oben erwähnten Fälle mit 
Sectionsbefund. In vier Fällen darunter war bei Lebzeiten Neuritis und 
Atrophia X. optici mit consecutiver Erblindung, einmal auch partielle recht¬ 
seitige Oculomotoriuslähmung und Fehlen der Kniereflexe (Bailey ,9 ), einmal 
biteiuporale Hemianopsie neben Opticusatrophie und Fehlen der Kniereflexe 
(Spiller 20 ) beobachtet worden. Die Section ergab in sämmtlichen fünf 
Fällen eine meist sehr beträchtliche Vergrösserung der Hypo¬ 
physis, und zwar zweimal in Form einfacher Hyperplasie (Neal, Smyth 
und Shattock 18 ); zweiter Fall von Bailey 19 ), in letzterem finale Blutung in 
die vergrösserte Hypophysis); dreimal in Form eines Neoplasmas, einmal 
Adenom (Bailey 1 ®), zweimal Rundzellensarkom (Spiller 20 ), Johnston und 
Monro. 21 ) ln zwei Fällen fand sich auch Vergrösserung der Thyreoidea, in 
einem Falle interstitielle Nephritis. — Alles in allem gereichen demnach diese 
Befunde wiederum der jetzt fast allgemein durchgedrungenen Anschauung, 
dass es sich bei der Akromegalie um eine (dem Myxödem, der Basedow- 
schen Krankheit u. s. w.) verwandte Blutdrüsenerkrankung, in besonders 
enger Beziehung zur Hypophysis handelt, zur erheblichen Stütze. 

Therapeutisch ist freilich nur über vergebliche Versuche mit Organ¬ 
safttherapie (Hypophysis- und Schilddrüsentabletten etc.) zu berichten. Be- 
achtenswerth dürfte vielleicht der an den Spiller sehen*°) Fall geknüpfte 
Vorschlag von Kef.n sein, bei d agnosticirbaren Hypophysistumoren durch 
Trepanation vom Stirnbein her vorzudringen und die Hypophysis auf diesem 
Wege operativ zu entfernen. 

Literatur: ‘o Thompson, Brit. med. Jonrn. 9. April 1898. — v. Starck. Münchener 
med. NY echt r.schr. 1898. Nr. öl. — Wfisz. Wiener med. Wochen sehr. 1898. Nr. 10. 11. — 
4 ' Emrdkn. Deutsche nud Wochensehr. 1^98. Nr. 3ö. — ■) Gajkiewicz. Sitzungsbericht der 
Warschauer uied. Geseilsch. vom lö. Juni 1S. 4 S. — E. Peiser. Deutsche med. Woehensehr. 
1898 Nr. 41 — M. Mendelssohn. Verhandl. d. V^rrins f innere Med. 1899 99. — A Fkkjit 
Witmer, Joura. of uervous and di'-a^e. 18;«8. H^ft 1. — H. Waldo Col, Journ. of 

the American med. association. 1>,«8, XXXVI. Nr. 23. — :: A. Jacobv. New Yorker med. 

Wechenschr. 1898. Nr. 8. — Kalffma>>. Brit n:ed. Jonrn. 9. April 1>98. — ’- 5 > A. NAriKm. 
I udein. 2. April 1898. — :r * Joffroy. Progrr» m-d. 18c8. Nr. 9- — :i ■ Chadroirnr, New 


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Akromegalie. — Anilismus. 


15 


York med. Journ. 1898, Nr. 14. — 15 ) Brühl, Allg. Wiener med. Ztg. 1898, Nr. 1 (zweifel¬ 
hafter Fall). — 16 ) F. Pineles, Die Beziehungen der Akromegalie zum Myxödem und zu 
anderen Blutdrtisenerkrankungen. Volkmann’s Samml. klin. Vortr. N. F. 1899, Nr. 242. — 

17 ) Ebstein, Sitzung d. med. Gesellsch. in Göttingen vom 7. December 1899. — 18 ) Neal, 
Smyth und Shattock, Lancet. 23. Juli 1898. — lö ) Pearce Bailey, Philadelphia med. Journ. * 
1898, Nr. 18. — 20 ) Spiller, Journ. of nervous and mental disease. 1898, Heft 1. — 21 ) Johh 
Mc. Johnston and Monro, Glasgow med. Journ. August 1898. A. Eulenburg. 

Ammonlakvergiftnng« Nach den neueren Beobachtungen über 
Ammoniakvergiftungen, zu denen die künstliche Eisfabrication vielfach in 
den letzten Jahren Anlass gegeben hat, kann es keinem Zweifel unter¬ 
liegen, dass der Tod als asphyktischer angesehen werden muss und dass in 
Fällen, in welchen das letale Ende erst in einigen Tagen erfolgt, die Ver¬ 
änderungen in den feineren Bronchien die wesentliche Ursache des Todes 
sind. Dass es sich um Asphyxie handelt, geht insbesondere auch daraus 
hervor, dass die nach Voraufgehen schwerer Dyspnoe in einzelnen Fällen 
auftretenden Delirien unter dem Einflüsse der Einathmung von Sauerstoff¬ 
gas verschwinden, ohne dass dadurch der todtliche Ausgang abgewendet 
wird. In zwei Fällen, in denen der Tod am 3. Tage nach der Vergiftung 
eintrat, fanden Monro und Workman *) die Lungen zwar stark hyperämisch, 
aber lufthaltig, mit Randemphysem, und nur die den kleinsten Bronchien 
angrenzenden Alveolen an den Veränderungen participirend, die an sämmt- 
lichen Bronchien bis in die feinsten Verzweigungen hinein constatirt wurden. 
Diese bestehen in dem Auftreten einer Pseudomembran, welche die mikro¬ 
skopische Untersuchung als aus weissen Blutkörperchen, meist mononucleären, 
in einem Maschenwerke von Faserstoff bestehend nachweist. An die Stelle 
des verschwundenen Flimmerepithels sind Rundzellen mit rundlichen oder 
eiförmigen Kernen getreten, und die Wandungen der feinsten Bronchien 
sind hyperämisch und verdickt. Die in solchen Fällen zu constatirende 
Hyperämie der Nieren ist für den tödtlichen Ausgang ohne Bedeutung. Dass 
bei ganz acut letal verlaufenden Fällen Glottisödem im Spiele ist, erscheint 
wahrscheinlich, zumal da auch in den Fällen von Monro und Workman 
Larynx und Trachea croupöse Membranen zeigten. 

Dass auch bei Vergiftung durch Verschlucken von Ammoniak neben 
acuter Pharyngitis und Gastritis katarrhalische Entzündung der Luftwege 
sich finden kann, beweisen zwei neue todtliche Vergiftungen kleiner Kinder. 2 ) 
Dass derartige Befunde für die gerichtsärztliche Diagnose von Bedeutung 
sind, liegt auf der Hand, da der Nachweis von Ammoniak in den Leichen- 
theilen in solchen Mengen, dass daraus ein Schluss auf eine Vergiftung 
gezogen werden kann, wohl nur in den allerwenigsten Fällen gelingen wird. 

Literatur: *) Monro und Workman, Poisoning by gaseous ammonia, with Chemical 
and pathological records on two cases treated in the Glasgow Royal Infirmary. Glasgow 
med. Journ. 1898, pag. 343. — 2 ) Lesser, Ueber die Vertheilung der Gifte im menschlichen 
Körper. 13. Zur Vergiftung mit Natronlauge und der mit Ammoniak. Vierteljahrschr. f. ge¬ 
richtliche Med. 1898, XVI, pag. 13. Husemann. 

Anilismus* Man pflegt diese Bezeichnung gegenwärtig nicht blos 
auf die durch das Anilin als solches herbeigeführten Intoxicationen zu be¬ 
ziehen, sondern auf alle Vergiftungen auszudehnen, welche durch Benzol¬ 
derivate bei Arbeitern in Anilinfabriken erzeugt werden. In der That ist 
die Symptomatologie sowohl der leichteren als der schwereren Erkrankungen 
so übereinstimmend, namentlich ein hervorstechendes Symptom, die Cyanose, 
bei allen vorhanden. Andererseits ist aber die Gefährlichkeit der einzelnen 
Stoffe, mit denen die Arbeiter zu thun haben, überaus verschieden. Nach 
den Erfahrungen in der Anilinfabrik in Offenbach a. M. ist das feste Para- 
nitrotoluol ungiftig, während das flüssige Orthonitrotoluol einerseits 
und das durch Reduction aus dem Paranitrotoluol entstehende Parato- 
luidin dem Anilin und Nitrobenzol an Gefährlichkeit nicht nachstehen. 


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16 


Anilismus. 


Dinitrobenzol und ebenso ein Gemisch von Dinitrobenzol und Dinitrotoluol, 
auch Nitroacetanilid führen nur zu leichten Intoxicationen, die unter Cyanose, 
Mattigkeit und Schwindel oder auch unter Kopfweh und gastrischen Sym¬ 
ptomen (Appetitlosigkeit, Erbrechen) verlaufen, ohne Arbeitsunfähigkeit zu 
bedingen. Die als Rothöle bekannten Gemenge von Anilin mit anderen 
Benzolderivaten und das Paranitranilin gehören zu den gefährlicheren 
Substanzen. 

Wie die Cyanose, so kommt auch der sie begleitende Ikterus nach 
Einwirkung einer grösseren Anzahl der Gifte (Dinitrobenzol, Gemenge von 
Anilin mit Nitrobenzol und Paratoluidin) vor und kann die übrigen Erschei¬ 
nungen überdauern. Der Puls ist in der Regel beschleunigt (selbst bis 140 
bis 160 Schlägen). In schwereren Fällen kann es bei Nitrobenzol Vergiftung 
zu mehrere Tage anhaltender Ataxie mit Taubheit in den unteren Extremi¬ 
täten, aber ohne Herabsetzung der Sehnenreflexe, bei Anilismus zu inten¬ 
sivem Rausche kommen. 

In Bezug auf die Verhütung des Anilismus ist vor allem zu beachten, 
dass die Apparate für Benzol und verwandte Körper so eingerichtet und 
aufgestellt werden, dass Verunreinigung der Umgebung, insbesondere auch 
der Hände und Kleider der beschäftigten Arbeiter, ausgeschlossen ist. Mess- 
gefässe werden zweckmässig mit einem Ueberlaufe versehen. Die schwersten 
Gefahren bietet das Einsteigen in die Kessel behufs Reinigung derselben, 
das möglichst zu vermeiden, aber bei Kesseln, die unter Druck arbeiten, 
nicht zu umgehen ist. Solche Kessel müssen, ehe sie bestiegen werden, durch 
Ueberdestilliren oder Auskochen mit Wasser oder durch Fällung mit saurem 
Wasser auf die Dauer von 10—12 Stunden und ausgiebige Lüftung durch 
Einblasen comprimirter Luft, die auch während der Arbeit zuzuführen ist, 
möglichst giftfrei gemacht werden. Die Arbeit im Kessel ist nach 10 Minuten 
zu unterbrechen und darf erst nach einer Pause von 10 Minuten durch den¬ 
selben Arbeiter wieder aufgenommen werden. Der Arbeiter in einem Kessel 
ist anzuseilen und stets von zwei anderen während seiner Beschäftigung zu 
beobachten. Arbeite^, welche sich nicht wohl fühlen, dürfen nicht zum Rei¬ 
nigen der Kessel angehalten werden. Nach Erledigung der Arbeit sind kalte 
Waschungen und Wechsel der Schuhe und Fusslappen am Platze. Warme 
Bäder sind insofern ungeeignet, als sie bei den Arbeitern, die schon Anfänge 
der Intoxication zeigen, leicht zu Verschlimmerung führen. 

Zur Behandlung ist schwarzer Kaffee zu reichen. Umherführen in freier 
Luft ist zweckmässig durch ruhiges Sitzen oder Liegen an einem kühlen 
Orte unter Bewahrung vor dem Einschlafen zu ersetzen. Bei völliger Be¬ 
wusstlosigkeit sind die Kranken auf Decken liegend mit Wasser zu be- 
giessen und kräftig abzureiben. Nötigenfalls ist künstliche Athmung an¬ 
zuwenden. 

Auf Erkrankungen ganz eigentümlicher Art bei Arbeitern in Farb- 
fabriken ist neuerdings von verschiedenen Seiten aufmerksam gemacht worden. 
Schon 1877 hat Grandhomme auf das Vorkommen von Entzündung der Blase 
mit Abgang von bluthaltigem Urin bei zwei Fällen von acuter Anilinver¬ 
giftung im Reductions- und Destillationsraum der Höchster Farbwerke hin¬ 
gewiesen. Aehnliche Fälle wurden auch in den drei folgenden Jahren beob¬ 
achtet, wobei die Affection einige Tage dauerte. Analoge Beobachtungen 
machte auch Starck (1892) nach Vergiftung mit Toluidin. Nach Bachfeld 
sind Harnbeschwerden bei acutem Anilismus zwar nicht constant, doch con- 
statirte auch er mitunter in sonst sehr leichten Fällen heftige Strangurie 
und Hämaturie, die anscheinend am häufigsten durch Orthotoluidin hervor¬ 
gerufen wird und constant nach Intoxication mit Rothölen eintritt, in denen 
ebenfalls Orthotoluidin die Ursache zu sein scheint. Bei Intoxicationen mit 
Anilin, Nitrobenzol und Orthonitrotoluol hat Bachfeld derartige Beschwerden 


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Anilismus. — Antidote. 


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nicht beobachtet, wohl aber leichten Harndrang bei Arbeitern im Nitrirraume, 
wo Benzol in Nitrobenzol übergeführt wird. 

Von besonderem Interesse scheint das von Rehn und Leichtenstern 
constatirte Auftreten von Blasengeschwülsten bei Arbeitern in Fuchsin¬ 
fabriken, die längere Zeit an Strangurie und Hämaturie gelitten und eine 
geraume Zeit (15—20 Jahre) in den Fabriken gearbeitet hatten. Besonders 
sind es die Arbeiter in den Reductionsräumen, wo die Nitroproducte (Nitro¬ 
benzol, Nitrotoluol) in die Amidoproducte (Anilin, Toluidin) übergeführt werden, 
und in der Fuchsinschmelze, wo die beiden Amidoproducte zur Verdampfung 
gelangen. In einem Falle von Leichtenstern war ein Arbeiter erkrankt, der 
nicht mit Anilin und Toluidin, sondern ausschliesslich mit der Ueberführung 
von Nitronaphthalin in Amidonaphtbalin (Naphthylamin) beschäftigt war. 

Da die Bildung solcher Geschwülste auf Strangurie und Hämaturie 
folgt, ist es zweifellos von Bedeutung, dass die Arbeiter, sobald sie der¬ 
artige Beschwerden verspüren, sich sofort beim Arzte melden und vorüber¬ 
gehend oder dauernd von dem betreffenden Arbeitszweige auszuschliessen sind. 
Die länger dauernde Einwirkung concentrirter Dämpfe von Toluidin, Anilin 
und Amidonaphtbalin ist durch geeignete Ventilation in den Fuchsindarstellungs¬ 
räumen zu beseitigen, auch häufiger Wechsel der Arbeiter anzurathen. 

Eine eigenthümliche Affection bei Arbeitern in Anilinfärbereien ist ein 
Augenleiden, das sich als sepiabraune Färbung der Cornea und der Conjunc- 
tiva im Lidspaltenbezirke darstellt. In der betroffenen Partie der Hornhaut 
ist das Epithel in Form kleiner Bläschen abgehoben. In einem Etablissement 
waren von 37 Arbeitern 18 erkrankt, davon 8 an der Cornealaffection und 
10 ausschliesslich an der Affection der Bindehaut. Die Ursache des Leidens 
ist in den aus der heissen Anilinschwarzflüssigkeit aufsteigenden 
Dämpfen zu suchen, in welchen Oxydationsproducte des Anilins (Chinone) 
vorhanden sind, die noch in sehr starker Verdünnung ätzend und färbend 
wirken. Diese können direct oder indirect, indem dadurch bewirkte Schmerzen 
zum Reiben des Auges Anlass geben, zur Verletzung des Epithels führen. 
Nur durch längere Unterbrechung der Arbeit in den Fabriken gelingt die 
Besserung oder vollkommene Beseitigung der Affection. Peinliche Rein¬ 
lichkeit und ausgiebige Ventilation scheinen das Auftreten verhindern zu 
können. 4 ) 

Literatur: l ) R. Bachfrld, Ueber Vergiftung mit Benzolderivaten (Anilismus). Viertel¬ 
jahrschrift f. gerichtl. Med. 1898, Heft 2, pag. 392. — a ) Rehn, Blasengeschwülste bei Fuchsin- 
arbeitern. Arch. f. klin. Chir. L, pag. 588. — 3 ) Leichtenstern, Ueber Harnblasenentzündung 
und Harnblasengeschwülste bei Arbeitern in Farbfabriken. Deutsche med. Wochenschr. 1898, 
Nr. 45. — 4 ) Senn, Typische Hornhauterkranknng bei Anilinfärbern. Schweizer Correspondenz- 
blatt. 1897, Nr. 6. Huaem & nn . 


Antidote« Nicht ohne praktisches Interesse ist die an Thieren er¬ 
kannte antidotarische Wirksamkeit verschiedener alkalisch rea- 
girender Alkalisalze bei methämoglobinbildenden Giften. Nach 
einer ausgedehnten Versuchsreihe von P. Masoin wirkt die vorherige Ein¬ 
spritzung von Natriumcarbonat, Natriumbicarbonat, Natriumacetat oder 
Natriumformiat auf den Eintritt der Vergiftungserscheinungen nach den vor¬ 
züglichsten methämoglobinbildenden Giften (Natriumnitrit, Kaliumchlorat, 
Anilin, Acetanilid) im allgemeinen retardirend und verhütet den Eintritt 
des Todes und unter Umständen selbst der Vergiftung nach letalen Dosen. 
Die Intensität des antidotarischen Effects wird dabei durch die Art des 
Giftes, des Antidots und des Versuchsthieres modificirt. Im allgemeinen 
wirken das Formiat und das Acetat weniger gut. Bei Vergiftung mit Natrium¬ 
nitrit wird durch vorherige Application der Carbonate die Dosis letalis beim 
Frosche von 0,55 Mgrm. auf 0,65 erhöht und bei höheren Dosen (0,7—0,8 Mgrm.) 
der Eintritt der Erscheinungen um 18—24 Stunden hinausgeschoben, ohne 


Encyclop. Jahrbücher. IX. 


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18 


Antidote. 


dass jedoch der Tod dadurch verhütet wird. Beim Kaninchen hat die vor¬ 
gängige Application der Carbonate bei schwer toxischen, aber nicht letalen 
Dosen Natriumnitrit das Ausbleiben der Vergiftung, bei letalen Dosen eine 
Verzögerung des Eintritts der Symptome um 1 2 Stunde, aber nicht Lebens¬ 
rettung zur Folge. Bei Vergiftung von Kaninchen mit Kaliumchlorat ver¬ 
hindert vorherige Einspritzung von Carbonaten die postmortale Umwandlung 
des Hämoglobins in Methämoglobin; beim Hunde bleibt danach die Intoxi- 
cation durch die doppelte, nach Acetat durch die einfache letale Dosis aus. 
Bei Anilinvergiftung haben die basischen Salze beim Frosche keinen Ein¬ 
fluss auf die Vergiftung und die letale Dosis, beim Kaninchen wird die 
letale Dosis dadurch um 46% erhöht. 

Wenn diese Versuche auch mehr eine präventive als eine eigentlich 
curative Wirkung darthun, so ist doch der antidotarische Werth insofern 
nicht zu bezweifeln, als einerseits auch bei Thieren die Lebensrettung gelingt, 
wenn die Carbonate nur kurze Zeit nach der Einführung des Giftes applicirt 
werden, und andererseits selbst bei bereits entwickelten Symptomen ein 
weiterer Fortschritt gehemmt und jedenfalls Zeit für die Elimination der 
giftigen Stoffe gewonnen werden kann. Allerdings ist nach dem Eintritte der 
Krämpfe bei Anilinvergiftung nach den Thierversuchen die Prognose un¬ 
günstig. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Wirkung in der 
Hemmung der Methämoglobinbildung liegt, da man auch durch Zusatz der 
basischen Salze zu Blut ausserhalb des Körpers die Methämoglobinbildung 
durch Nitrite mehrere Stunden hinausschieben kann. Die Ursache dieser 
Wirkung hat man zweifellos in der Alkalinität zu suchen, weil auch Natron 
selbst den nämlichen Effect hat und weil auch bei den entsprechenden Kali¬ 
verbindungen das nämliche Verhalten stattfindet, während die schwefelsauren 
und salpetersauren Salze und die Chloralkalien weder einen Einfluss auf die 
Methämoglobinbildung noch auf den Verlauf der Vergiftung haben. Worauf 
aber die die Methämoglobinbildung verhindernde Wirkung im circulirenden Blut 
beruht, lässt sich vorläufig nicht sagen. Man kann sich vorstellen, dass die 
Alkalinität ein Hemmniss für das Eindringen des methämoglobinbildenden 
Stoffes in die Erythrocyten oder in die Zellen überhaupt abgebe, dass ein 
alkalisches Medium die Zellen widerstandsfähiger mache, oder dass in einem 
solchen die Methämoglobinbildner sich schwieriger zersetzen und so ihre 
Wirkung weniger leicht ausüben können; möglicherweise kann auch che¬ 
mische antidotarische Veränderung der Methämoglobinbildner im Spiele sein, 
oder es kann auch nach der Ansicht von Binz, dass diese Gifte Ozon in 
Zellen mit saurer Reaction frei machen, um Abstumpfung dieser Säuren 
und Zersetzung des Ozons in Sauerstoff sich handeln. 

Die merkwürdige Thatsache, welche die experimentelle Forschung in 
Bezug auf die Toxine diverser Infectionskrankheiten zutage gefördert hat, 
die Möglichkeit der Immunisirung und der Bekämpfung der bereits ausge¬ 
sprochenen Krankheit durch das Serum immunisirter Thiere, und die Er¬ 
kenntnis, dass ein ganz analoges Verhalten auch beim Schlangengift statt¬ 
findet, haben es nahe gelegt, Versuche anzustellen, ob nicht auch gegen 
gewisse Gifte, von denen es durch frühere Erfahrungen feststand, dass be¬ 
stimmte Thierclassen davon nicht afficirt werden, oder dass sich Thiere 
durch längeren Gebrauch allmählich an grössere Dosen gewöhnen, die Serum¬ 
therapie verwendbar sei. Die bisher vorliegenden Untersuchungen zeigen 
jedoch, dass weder von der Serumtherapie noch von einer organothera- 
peutischen Behandlung überhaupt etwas Besonderes zu erwarten wäre. 
Selbst in Bezug auf ein wirkliches Thiergift, das Cantharidin, sind negative 
Resultate erhalten. Die neueren Untersuchungen darüber 2 ) bestätigen zwar 
das wiederholt constatirte Bestehen einer ausserordentlich grossen Resistenz 
des Igels gegen Canthariden, die durch allmähliche Steigerung der Dosen 


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Antidote. — Antimonvergiftung. 


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noch erheblich vergrössert werden kann, so dass der Igel in der That Dosen 
von gepulverten Canthariden verträgt, welche für Menschen und Hunde 
tödtlich wirken. Fortgesetzte Subcutaninjection von cantharidinsaurem Na¬ 
trium bewirken, selbst wenn 24 Mgrm. genommen sind, keine Intoxications- 
erscheinungen, doch kommt es bei weiterer Zufuhr anfangs zu Anorexie 
und Mattigkeit, später zu Gastroenteritis und Nephritis. Aber weder das 
Blut gesunder noch der mit Cantharidin gefütterten Igel schützt andere 
Thiere gegen die Folgen des Cantharidins. 

Wie für das Cantharidin hat Lewix 3 ) auch für das Atropin dargethan, 
dass es bei den gegen Belladonna äusserst resistenten Kaninchen weder im 
Blute noch in den Organen übertragbare Schutzkörper giebt. Ist auch die 
Resistenz bei Kaninchen so gross, dass sie in 14 Tagen mehr als 4 Grm. 
Atropin entsprechende Mengen Belladonnablätter und Tollkirschen ohne nen- 
nenswerthe Befindensänderung toleriren, so ist doch auch hier die Immunität 
nicht unbegrenzt, und schliesslich resultirt Tod durch Störungen der Herz- 
thätigkeit. Das Serum der mit Atropin gesättigten Kaninchen vermag aber 
weder prophylaktisch noch curativ Meerschweinchen vor den Folgen toxischer 
Atropindosen zu behüten und ebenso wirkt Einbringung von Gehirn und 
Rückenmark natürlich immuner und mit Atropin behandelter Thiere prophy¬ 
laktisch gegen Atropinvergiftung. 

Mit dem Strychnin scheint es sich nach den bis jetzt vorliegenden 
Versuchen etwas anders zu verhalten. Dieses Gift, gegen welches Hühner 
und verschiedene andere Vögel, nach den neuesten Untersuchungen von 
Falck 4 ) ganz besonders der Staar, dessen Toleranz noch 23mal grösser als 
die des Huhnes ist, bedeutende Resistenz besitzen, wird nach Versuchen von 
Lusini b ) und Filippi 6 ) in Mischungen mit Blutserum in seiner Wirkung auf 
empfindliche Thiere herabgesetzt. In derartigen Gemengen wird die Giftig¬ 
keit jedoch nicht aufgehoben, sondern nur deren Verlauf verlangsamt und 
die letale Dosis insoweit modificirt, als Vj % der letalen Dosis überstanden 
wird, während schon bei der zweifach letalen Dosis das tödtliche Ende nicht 
abgewandt wird. Da wir übrigens, wie die älteren Versuche von Hüsemaxn 
und Kroegf.r, Anrep, Cervello u. a. lehren, mittels Chloralhydrats, Urethans, 
Paraldehyds u. s. w. die sechsfache letale Dosis zu überwinden imstande 
sind, ist die Serumtherapie für die Strychnin Vergiftung ohne Bedeutung. 
Noch mehr ‘gilt dies für die etwaige organotherapeutische Therapie, da 
Filippi die von Vidal und Nobercourt 7 ) hervorgehobene Herabsetzung der 
Strychninwirkung durch Gehirn- oder Rückenmarkspulpa weit geringer als 
die durch Blutserum bewirkte fand, so dass bei Steigerung der letalen Dosis 
um ein Drittel der Tod constant eintritt. 

Literatur: *) Masoin, Contribution ;i Tetude des »ubstances methemoglobinisant». 
Brüssel 1898. — *) Lewin, Ueber die Immunität des Igels gegen Canthariden. Deutsche med. 
Wochenschr. 1898, Nr. 24. — 3 ) Lewin, Die Immunität der Kaninchen und Meerschweinchen 
gegen Belladonna und Atropin. 1899, Nr. 3. — 4 ) Falck, Zur Strychninvergiftung der Vögel. 
Centralbl. f. d. med. Wissensch. 1899. Nr. 29. — 5 ) Lusini, Azione del sero ematico naturale 
ed artificiale »ugli alcaloidi. Riforma med. 1898, Nr. 180. — 6 ) Filippi, Sopra alcune »o- 
»tanze che modificano il potere tossico della stricnina. Annali di Farmacoter. März-April, 1899, 
pag. 137. — 7 ) Widal et Nobebcoürt , Sur l'action antitoxique des centres nerveux pour la 
strycbnine et la morphine. Semaine med. 1898, Nr. 12. Husemann. 

Antimonvergiftung. In der Färberei wird in neuerer Zeit unter 
dem Namen Brechweinsteinersatz eine leicht lösliche Verbindung von 
Antimon mit Fluor und Natriumfluorid, Sb F 3 + 3 Na F + 5 IL, 0, angewendet. 
Dass diese stark giftige Wirkung besitzt, beweist ein Fall von tödtlicher 
Vergiftung eines 12 , / 2 jährigen Knaben, der ein Stück von etwa 1,75 Grm. 
genossen hatte. Die Symptome entsprachen im wesentlichen der Brechwein¬ 
steinvergiftung. Es trat sofort Leichenblässe und Erbrechen ein, dann folgten 
Vo Stunde später sehr heftige Entleerungen per os, brennende Leibschmerzen, 


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Antimonvergiftung. — Arsenikvergiftung. 


grosser Durst, welche Erscheinungen nach einer gut durchschlafenen Nacht 
sich wiederholten; abends traten Krämpfe ein, die nach 3 Stunden, 23 1 2 
Stunden nach der Vergiftung, den Tod herbeiführten. Die Section wies katar¬ 
rhalische Gastritis und Enteritis nach. Im Magen, Zwölffingerdarm, Speise¬ 
röhre und Inhalt einerseits, in Leber, Milz und Nieren andererseits, ebenso 
in einer kleinen Portion Urin wurde Antimon spurweise aufgefunden. 

Literatur: Lesseb, lieber die Vertheilung einiger Gifte im menschlichen Organismus. 
Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. XVI, pag. 93. Husemann. 

Argentol, oxychinolinsulfosaures Silber, wurde von Gipseppe 
Cipriaxi als Darmantisepticum, überdies für die Wundbehandlung auch bei 
veralteten Geschwüren und syphilitischen Ulcerationen empfohlen. Es ist 
ein schwer lösliches Pulver, unlöslich im Magensaft, welches im Darm¬ 
saft und in Berührung mit septischen Stoffen in Oxycholin und Silber zer¬ 
fällt. Für die Wundbehandlung kommt es in Pulverform, in Salbenform 
1 : 50—100 Vaselin oder Lanolin, oder bei Blennorrhoe der Urethra zur 
Injection als schleimige Emulsion 1 : 1000—3000 zur Anwendung. Innerlich 
als Darmantisepticum bis zur täglichen Gabe von 1,0. Die Patienten klagen 
nach der Einnahme von Argentol in den ersten Tagen über einen adstrin- 
girenden bitteren Geschmack. Nach Cipriaxi sinkt dabei die Toxicität des 
Urins unter die Norm. 

Literatur: Expenmentelles und Klinisches über das Argentol, insbesondere als Darm¬ 
antisepticum. Allg. med. Central-Ztg. 1899, Nr. 68. Loehisrh. 


Arsenikvergiftang. Die Frage über die Resorption von 
Arseniklösungen bei epidermatischer Application kann nach den neuesten 
physiologischen Untersuchungen als dahin entschieden betrachtet werden, 
dass wässerige Lösungen nicht zur Resorption gelangen. Vogel l ) con- 
statirte nicht nur, dass das Einreiben oder Eintauchen in alkalische wässerige 
halbprocentige Arseniklösungen bei Kaninchen und Hunden keine Vergiftung 
herbeiführt, während bei wunder Haut Vergiftung und selbst tödtlicher Aus¬ 
gang die Folge ist, sondern er fand auch, dass nach Einreiben halbprocen- 
tiger Arsenlösung an mehreren Körperstellen (am 1. Tage 0.015, am 2. Tage 
0,05, am 3. Tage 0.07 As entsprechend) bei ihm selbst weder irgend weiche 
Vergiftungserscheinungen auftraten, noch As im Harn nachgewiesen werden 
konnte. Diese Versuchsergebnisse stehen in anscheinendem Widerspruche 
mit Vergiftungsfällen, in denen der Tod nach der Application von Arsen¬ 
lösungen auf die angeblich intacte Haut eingetreten sein soll, aber die 
letzteren Angaben sind meist sehr zweifelhaft. Wo es sich um Einreibungen 
auf die Kopfhaut handelt, um Jucken erregende Parasiten zu entfernen, wird 
die Gegenwart von Excoriationen oder Kratzekzemen a priori anzunehmen 
sein, welche zur Aufnahme einer toxischen und letalen Menge Arsenik prä- 
disponiren. Selbstverständlich ist die Haut von Krätzekranken zur Hervor- 
rufung von sogenanntem Arsenicismus externus ganz besonders geeignet; 
aber es können solche auch ganz bestimmt dadurch zustande kommen, dass 
die intacte Haut durch mehrmalige Einwirkung der Arsenlösung selbst in 
einen Zustand von Wundsein versetzt wird, so dass der Schutz, den die 
unversehrte Oberhautdecke gewährt, aufgehoben wird. Vogel selbst hat bei 
dreitägiger Einreibung halbprocentiger Arsenlösung das Auftreten nicht allein 
von Brennen, sondern auch von Ekzem und von kleinen Eiterpusteln an 
den Austrittsstellen der Haare beobachtet, somit Bedingungen, welche das 
Zustandekommen von Arsenresorption ermöglichen. Selbstverständlich be¬ 
wirken stärkere Lösungen auch stärkere Läsionen der Haut, und wenn 
solche wiederholt auf eine an sich bereits kranke Haut applicirt werden und, 
wie dies bei der Krätzebehandlung durch Medicinalpfuscher auch heute noch 
vorkommt, über die ganze Körperoberfläche oder doch einen sehr grossen 


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Arsenikvergiftung, 


21 


Theil derselben applicirt werden, so ist die Gefahr schwerer Erkrankung und 
selbst todtlichen Ausganges sehr nahe. Solche Fälle werden in der Regel 
nicht höchst acut unter choleriformen oder Collapserscheinungen verlaufen, 
sondern als subacute Vergiftung mit anfänglichen Magendarmstörungen, die 
später wieder zurücktreten, Appetitlosigkeit, grossem Durst, Trockenheit der 
Zunge, Spannung und Empfindlichkeit des Leibes, Hinfälligkeit und starker 
Albuminurie, der bei der Section parenchymatöse Nephritis entspricht. Man wird 
in solchen Fällen den Beweis der Vergiftung durch chemische Untersuchung 
von Leber, Milz und Nieren liefern, wie dies in dem neuesten Falle dieser Art 
geschah, in welchem die dreimal in Intervallen von 8 Tagen ausgeführte 
Einreibung eines Schnapsglases voll 2V 2 procentiger alkalischer wässeriger 
Lösung von Arsen auf Arme und Beine eines Krätzekranken intensive Ge¬ 
schwürsbildung auf der Körperoberfläche und Arsenvergiftung mit tödtlichem 
Ausgange herbeiführte. 2 ) Manchmal beschränken sich die Erscheinungen auch 
auf Uebelkeit, Erbrechen und Zungenbelag. 3 ) 

Ueber die Vertheilung des Giftes bei acuter Arsenikvergiftung 
liegen zwar verschiedene einzelne Untersuchungen aus früherer Zeit vor, 
doch war das Material nicht gross genug, um definitive Schlussfolgerungen 
zu ziehen, zumal da diverse Widersprüche vorliegen. Wie schwierig es aber 
ist, selbst aus einer grösseren Anzahl von Beobachtungen Gesetze oder selbst 
Regeln zu construiren, darüber bleibt nach einer Zusammenstellung Lesser s 4 ) 
über 49 in Berlin und Breslau vorgekommene Arsenvergiftungen, bei denen 
vorwaltend Bischoff und B. Fischer die chemische Analyse ausgeführt hatten, 
kein Zweifel. Jedenfalls muss es als ausgemacht gelten, dass die Wieder¬ 
auffindung wägbarer Mengen Arsen in den Leichen durch Arsenikvergiftung 
zugrunde Gegangener in den ersten Wegen auch dann gelingen wird, wenn 
die Dauer der Vergiftung mehrere Tage betragen hat. Misslingen kann 
dieser Nachweis allerdings, wenn seitens des Chemikers zu geringe Mengen 
des ihm zur Untersuchung übergebenen Materials verwendet wurden, wie bei 
einer von einem anderen Chemiker ausgeführten Analyse an den Leichen- 
theilen einer nach Einführung von ungelöstem Arsenik in 62 Stunden ver¬ 
storbenen Frau, wo statt des ganzen Darmcanals mit Inhalt nur 100 Grm. 
zur chemischen Untersuchung mit negativem Resultate gebraucht wurden, 
während in Leber und Milz Spuren gefunden wurden. Dass die nach Ein¬ 
führung ungelösten Arsens im Magen und Darm aufgefundenen Mengen 
As 3 0 3 sehr wechselnde sind, ist natürlich, am geringsten waren sie bei 
einem erst nach 90 Stunden verstorbenen Mädchen, und hier überwog 
die Menge im Darm (17,9 Mgrm.) die im Magen (4 Mgrm.) absolut und re¬ 
lativ, während in 7 in kürzerer Frist verlaufenen Fällen die Arsenmenge 
des Magens überwog. Eine constante Beziehung der Giftmenge in den ersten 
Wegen sowohl als des Giftgehaltes im Darm zu der Dauer der Vergiftung 
findet indessen nicht statt, wie schon daraus a priori klar ist, dass der 
Termin des Eintrittes von Erbrechen und Durchfall ebenso wie deren In¬ 
tensität in den Vergiftungen sehr divergiren. 

Dagegen scheint nicht allein bei Einführung gepulverten Arsens, 
sondern auch bei Vergiftung mit Arseniklösungen im grossen und ganzen 
eine Beziehung zwischen der Länge der Vergiftungsdauer einerseits und dem 
Giftgehalte der zweiten Wege andererseits in der Weise zu existiren, dass 
bis zu einem gewissen Zeitpunkte, der für die verschiedenen Organe differirt, 
ein Anwachsen des Giftgehaltes und alsdann ein Sinken derselben vorkommt; 
doch können auf letztere auch andere Momente influiren und die Abnahme 
des procentualen Giftgehaltes verhindern. Das Verhältniss des Giftgehaltes der 
ersten und zweiten Wege zu einander zeigt keine gesetzmässige Beziehung, 
weder bei Einführung in Pulverform, noch bei solcher in Lösung; es findet 
weder eine Coincidenz des Maximums beider statt, noch findet sich die grösste 


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O 


Arsenik Vergiftung 


Giftmorde der Organe neben der kleinsten im Traetus. ühe Hfferenzen kennen 
so gross sein, dass z. B. auf einen Giftgehait von 1.5—1.5 Wurm. Ln den 
Organen 4.7 oder oder selbst be M^rrn. in den ersten We^c kommen. Selbst 
bei F. inna h me in Lösung können Mauen und Inhalt grosse Mengen sT.s oier 
*71.7 , enthalten, wär.rend in den Organen nur Spuren nachweisbar sind. 

Von den elnielnen Urbaren enthält entschieden die Lerer in a.ien 
Fällen d e urvsste prozentuale Glftm.enge. wenn n: ht durch postmona.e 
Vergär ne M ir. N.eren oder Lunten einen enormen Giftgehal: aufweisen 47. 
berw 11 \i Mgrm. in 11 Gm: in einem Fal.e. wo die Le:^*r den L5zh>:en 
Gehalt von 4.7 Mrn hatte Jederda.is k murrt das Gehirn erst h nt^r Nieren. 
Herr. Flut und selbst hinter den K‘rr-emuskeln. In der Leber schwankte 
der prozentuale Gehalt bei Frwuaohsenen in fünf untersu chten Fähen rwisrhen 
i> uri 4.7 >' rr. im Geh.m v n .1 — i.b. in den KT rpemuskebn zwischen 
T ' uri 7.5 In 7 Fällen, wo der Grerszhenkelkn:eben auf Arsenik unter¬ 
sucht wurzle, erraten s ;h 4. 1 f uni 1.5. 



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Arsenikvergiftung. 


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Häuten, Leder, buntem japanischen Papier, bunten Tafelkreiden, diversen 
Anilin- u. a. Farben, arsenhaltigen Mineralwässern, Schrotkörnern und ver¬ 
schiedenen Nahrungsmitteln, ferner in den Organen mit As 2 0 3 subcutan 
oder per os vergifteter Thiere, im Magensaft von Menschen, der mit As 2 0 3 
versetzt war, auch nach Zusatz von frisch gefälltem Eisenoxydhydrat. Zur 
Auffindung von As in Substanzen, die das Pilzwachsthum hemmen, ist Neu¬ 
tralisation erforderlich. Abel geht so zuwerke, dass er das arsenhaltige 
Material in ERLENMEYER-Kölbchen mit gut gekrümeltem Graubrot vermischt, 
dann sterilisirt, hierauf mit Reincultur von Penicillium brevicaule besäet 
und hierauf nach Verschluss des Kolbens mit einer Gummiklappe bei 23 bis 
27° stehen lässt. Bei geeigneter Absorbirung der gebildeten Gase gelingt 
der Nachweis, wenn die As-Menge des zu prüfenden Materials nicht gar zu 
gering ist, auch auf chemischem Wege. Von arseniger Säure sind nach Abel 
y , 0 — 1 / lQ{) Mgrm., nach Scholz sogar l / i00 — 1 / ßoo Mgrm. biologisch nachzuweisen. 

Die früher verbreitete Ansicht, dass Arsen bei Einführung kleiner nicht 
toxischer Mengen aus dem Thierkörper in wenigen Wochen verschwinde, 
hat Scherbatschew ö ) theils durch Untersuchungen des Harns von Haut¬ 
kranken, der 70 Tage nach Beendigung der Arsencur noch den Nachweis 
von As gestattete, theils durch grössere Versuchsreihen an Hunden und 
Kaninchen als irrig erwiesen. In einem Falle konnte beim Hunde nach 
25tägiger subcutaner Application von 4 Mgrm. im Tage noch nach 5 Mo¬ 
naten und 10 Tagen As nachgewiesen werden. Die Ausscheidungsdauer ist im 
allgemeinen der Grösse der Gesammtdose proportional; beträgt diese beim 
Hunde nur 3 Cgrm., so ist der Nachweis in 70 Tagen nicht mehr möglich. 
Am längsten bleibt Arsen im Gehirn und in den Knochen. Ob die Resultate 
der Experimente, wonach bei kurzer Zufuhr das Arsen am längsten im Ge¬ 
hirn, bei längerer in den Knochen nachweisbar ist, auch für den Menschen 
zutrifft, so dass bei ausschliesslichem Auffinden von Arsen in den Knochen 
dieses von einer früheren Arsenmedication herrühre, muss nach der Ent¬ 
deckung Gautier’s 9 ), dass Arsen ein normaler Bestandtheil des Orga¬ 
nismus sei, jedenfalls zweifelhaft sein. Gewiss wird durch diese Entdeckung 
die gerichtsärztliche Expertise in Bezug auf Arsenikvergiftung erschwert. 
Allerdings sind es nicht alle Organe und Systeme, in denen er sich findet, 
sondern er localisirt sich in einzelnen, merkwürdiger Weise in der Glandula 
thyreoidea und in geringerem Masse in der Thymusdrüse, daneben in der 
Haut und in den Haaren. Spurweise hat Gautier auch As im Euter der 
Kuh, in der Milch, in den Knochen, endlich im Gehirn einiger Neugebornen 
gefunden. In der Schilddrüse fand Gautier 0,74 Mgrm. in lOOTheilen. Jedenfalls 
bleiben Leber, Niere, Muskeln und Schleimhäute, Knochenmark, Blut, Urin und 
Fäces Organe, in denen sogenannter normaler Arsenik sich nicht findet. Woher 
das normale Arsen in dem Organismus gelangt, ist bisher nicht aufgeklärt. 

Von den chemischen Veränderungen, welche Arsenikvergiftung im Thier¬ 
körper hervorruft, ist die Zunahme der Milchsäure hervorzuheben, die 
nicht blos in der Leber, sondern noch mehr in der Magendarmwand und in 
den Nieren stattfindet. Morishima 10 ) bezieht sie auf Eiweisszersetzung. Jeden¬ 
falls ist diese Bildungsweise auch trotz des Schwindens des Glykogens bei 
Arsenicismus möglich, da auch Curare und andere Stoffe, welche keine Destruc- 
tion des Leberglykogens bewirken, Milchsäurevermehrung in der Leber bewirken. 

Literatur: l ) G. Vogel, Ist die unverletzte Haut durchgängig für Arsenik? Arch. 
internat. de Pharm. 1838, V, pag. 213. — *) Riedel, Tödtliche Arsenikvergiftung durch Ein¬ 
reibungen eines Curpfuschers. Vierteljabrschr. !. gerichtl. Med. 1838, XVII, Heft 1, pag. 43. — 
3 ) A. M. Roberts, Arsenic as an external irritant. Lancet, 9. Sept. 1839, pag. 719. — 4 ) Lesser. 
Ueber die Vertheilung einiger Gifte im menschlichen Körper. 1. Zur Lehre von der Arsenik¬ 
vergiftung. Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1897, XIV, pag. 292. — 5 ) Gulkwitsch, Ein Fall 
von Vergiftung mit Arsenwasserstoff. Zeitschr. f. physiol. Chem. 1898, XXIV, pag. 512. — 
a ) W. Scholtz, Ueber den Nachweis des Arsens auf biologischem Wege in Hautschuppen, 


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Arsenikvergiftung. — Arsenmelanose. 


Haaren, Sehweisg and Urin. Berliner klin. Wochrnsehr. 1899, Nr. 42, paff. 913. — \> Abel. 
Ueber den Nachweis von Arsen auf biologischem Wege. Münchener med. Wochenschr. Is93. 
Nr. 20, pag. 682. — *) Sch ebb atsch eff. Ueber die Dauer der Ausscheidung deg Harns in 
gerichtlich chemischer Beziehung. Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1900. XIX. H. 2, pag. 233. — 
•> Armand Gautier, Localisation, Elimination et l origine de l'arsenic chez les animaux. Compt. 
rend. 19UÜ. CXXX. pag. 284. — 10 > Morishima . Ueber das Vorkommen von Milchsäure im 
thierischen Organismus mit Berücksichtigung der Arsenikvergiftung. Arch. f. experimentelle 
Pathol. 1899, XCLLI, pag. 217. Hustmann. 

Arsenmelanose (vergl. Encyclopäd. Jahrb. V. pag. 12). Dass die 
Arsenmelanose trotz einer ziemlich umfangreichen Literatur darüber doch eine 
ziemlich seltene Affection ist. geht daraus hervor, dass auf der Schrmtter- 
sehen medicinischen Klinik in Wien, wo Arsenmedication recht häufig in 
Anwendung gebracht wird, im Laufe vieler Jahre nur fünf Fälle beobachtet 
wurden. Die dortigen Beobachtungen scheinen dafür zu sprechen, dass Er¬ 
krankungen der Drüsen zu den prädisponirenden Momenten gehören. da 
von den lünf Erkrankten einer an Lymphosarkom und einer an Leukämie 
litt. Dass nicht blos das jugendliche Alter betroffen wird, erhellt daraus, 
dass drei von den Erkrankten Männer im mittleren Lebensalter waren. Dass 
man die Arsenmelanose bisher nicht bei Kindern unter 2 Jahren sah. ist 
wohl mit Bestimmtheit auf die Seltenheit von Arsencuren bei Patienten in 
diesem Lebensalter zurückzuführen. 

Von diagnostischer Bedeutung ist jedenfalls die Thatsache. dass die 
Färbung niemals die Schleimhäute betrifft, wodurch sich die Arsenmelanose 
von der übrigens auch durch die Farbennuance differirenden Argyrie und 
von der durch ihren ganzen Verlauf abweichenden Apluso.n sehen Krankheit 
unterscheidet. Die gleichmässige Vertheilung auf der Haut (abgesehen von 
einzelnen stärker gebräunten Partien, wohin z. B. die Kniebeugen gehören» 
lässt sie von den in Form brauner Streifen und diffuser Verfärbungsflächen 
an einze.len Stellen sich darstellenden Pigmentirungen nach Prurigo unter¬ 
scheiden. Sehr ähnlich der Arsenmelanose mit Freibleiben der Schleimhäute 
ist das Chloasma cachecticorum. wo. wenn derartige Kranke Arsenikalien 
erhielten, die Möglichkeit einer Verwechslung sehr nahe liegt, und die unter 
dem Namen Vagabundencolorit oder Vagantenkrankheit zusammen¬ 
gefasste Combination von Chloasma caloricum und Pigmentirung e pediculosi 
corporis, bei welcher gute Haut- und Körperpflege das Leiden beseitigt. Für 
Melanose bei Malariakranken. Diabetes. Syphilis sind die Anamnese und die 
begleitenden Erscheinungen der Grundkrankheit massgebend. l i 

Dass es sich nicht wie bei der Argyrie um Metallablagerungen handelt, 
beweisen auch die in Wien von Seiegler argestellten histologischen und 
mikrochemischen Untersuchungen. Hiernach handelt es sich um ein auf meta¬ 
bolischem Wege entstandenes, nicht aus dem Blute hervorgegangenes Pig¬ 
ment. das sich in den untersten Basalzellen des Rete und in der Cutis findet. 

Dass starke Pigmentirung der Haut nicht blos durch fortgesetzte Ein¬ 
führung med cinaier Dosen, sondern auch durch acute Vergiftung herbei¬ 
geführt werden kann, beweist ein von Facklam - berichteter Fall von Para¬ 
lysis arsenicalis. wo 14 Tage nach der Einführung einer 0.2—0.25 arseniger 
Säure entsprechenden Menge »Mäusegift« die Haut auffallend trocken und 
pigmentirt gefunden wurde. 

Interessant ist auch das Vorkommen von Melanose als Theilerschei- 
nung der sogenannten Reichensteiner Krankheit, die sich als Arsen i- 
cismus chronicus durch arsenhaltiges Trinkwasser darstelit. Nach Geyer > 
hat in der Gegend von Reichenstein an den Nordwestausläufern des Glazer 
Gebirges infolge Verhüttung arsenhaltiger Golderze im Mittelalter, wobei 
grosse Mengen arseniger Säure in die Luft gingen und zu Boden fielen, 
massenhafte Arsenimprägnation des Erdbodens und der Erdwässer stattge¬ 
funden uni haben letztere die früher sehr verbreitete, jotzt durch Verbesserung 


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Arsenmelanose. — Arsonvalisation 


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des Goldgewinnungsverfahrens und durch die Einrichtung einer guten Wasser¬ 
leitung mehr und mehr verschwindende Affection hervorgerufen, von welcher 
sich gegenwärtig noch 50—60 Fälle in Reichenstein befinden. Das Leiden 
beginnt bei den von auswärts Zuziehenden meist schon nach Ablauf der 
ersten Woche mit Magen- und Darmstörungen, Stomatitis und Onychie, 
doch schwinden diese Symptome nach einiger Zeit und an ihre Stelle treten 
einerseits Nervenstörungen (Kopfschmerzen, Parästhesien, Tremor, Neuralgien), 
andereits Melanose und Keratosen, von langer Dauer, manchmal bis zum 
Tode nicht verschwindend. Die an den Seitentheilen des Halses beginnende 
Melanose geht zuerst auf den Rumpf und zuletzt auf die Extremitäten über; 
die Färbung der Haut ist anfangs hellbräunlich, später schwarzbraun bis 
schiefergrau, mit eingestreuten hellen, pigmentfreien Flecken. Dass übrigens 
das arsenhaltige Trinkwasser auch das Allgemeinbefinden stark schädigt, 
scheinen der im allgemeinen frühzeitige Tod (vor dem 60. Jahre), die Häufig¬ 
keit von Rachitis, Wassersüchten, Neurosen u. s. w. zu beweisen. 

Literatur: l ) Smetana, Braunfärbung der Haut beim Gebrauche von Arsenik. Wiener 
klin. Wochenschr. 1897, Nr. 41. — # ) Facklam, Ein Fall von acuter Arseniklähmung. Arch. 
f. Psychiatr. 1898, XXXI, Heft 1 u. 2. — 3 ) Geyer, Ueber die chronischen Hautveränderungen 
beim Arsenicismus und Betrachtungen Uber die Massenerkrankungen in Reichenstein in 
Schlesien. Arch. f. Dermat. 1899, XLI1I, XLIV. Husemann. 

Arsonvalisation« Unter »Arsonvalisation« verstehen wir eine 
erst der allerjüngsten Zeit angehörige Form elektrotherapeutischer Methodik 
— die Benutzung hochgespannter Ströme von starker Wechselzahl 
zu Heilzwecken, wie sie durch den französischen Physiologen d’Arsonval auf 
Grund sorgfältiger physikalisch-physiologischer Voruntersuchungen zuerst ange¬ 
regt und durch Apostoli, Oudin, Doumer u. a. in der Praxis eingeführt wurde. 

Ein genaueres Studium der interessanten und eigenartigen Erscheinungen, wie sie 
Hochspannungsströme von starker Wechselzahl sowohl rach der physikalischen wie nach der 
physiologischen Seite hin darbieten, war erst möglich geworden, seit die epochemachenden 
Arbeiten des frühverstorbenen Bonner Physikers Heinrich Hertz dazu geführt hatten, auf 
experimentellem Wege das zu bestätigen, was schon früher Faraday geahnt und Maxwell 
mathematisch dargethan batte: nämlich die Elektricität als eine Erscheinung des den Raum 
continuirlich erfüllenden Aethers, als in Wellenform fortschreitende Bewegung 
des Aethers zu erweisen, die sich dem Lichte gleich nach allen Richtungen des Raumes 
fortpflanzt and deren Ausbreitungsgeschwindigkeit (310 000 Km. in der Secunde) auch mit der 
des Lichtes genau übereinstinnnt, so dass die Unterschiede zwischen den elektrischen Wellen 
und den Lichtweilen lediglich in der viel grösseren — bis zu mehreren Metern anwach¬ 
senden — Länge der ersteren gesucht werden müssen. 

Gehen wir bezüglich der Wirkungen und Anwendungen hochgespannter Ströme etwas 
weiter zurück, so hatten Hittorf, Crookes u. a. zuerst die Leuchtkraft elektrischer 
Strahlen im luftverdünnten Raum untersucht und sich dabei zur Hervorrufung der 
Lichterscheinungen bereits hochgespannter Ströme von stärkerer Wechselzahl bedient, die 
aber für den luftverdünnten Raum noch keine allzuhohc zu sein biauchte. Die Elektri- 
citätsquelle bestand dabei in starken RuHMKORFF’schen und ähnlichen Inductoreu, die mit 
Stromunterbrechungen von 1000—2000 in der Minute und mit Voltspannungen von 30 000 
bis 50 000 arbeiteten. Zu einer weiteren erheblichen Steigerung darüber hinaus gelangte 
man erst durch eine wesentliche Bereicherung und Vervollkommnung der Apparate; zunächst 
durch die Zuhilfenahme von spannunganhäufenden Vorrichtungen (Condensatoren oder Leidner 
Flaschen) — sodann hauptsächlich durch die ebenfalls an Hertz anknüpfende Venver- 
thung einer eigenthümlichen Eigenschaft des elektrischen Funkens. Wie nämlich Fbd- 
dersek und Hklmholtz zuerst gezeigt hatten, ist bei einer gewissen Ladung der Con 
densatoren der überspringende Entladnngsfunke nicht einfach, sondern aus einer unge¬ 
heueren Anzahl partieller Entladungen (Oscillationen oder Vibrationen) zusammengesetzt die 
als solche wegen der Trägheit unseres Sehorgans nicht zur Wahrnehmung kommen und 
deren Dauer nur ungefähr den millionsten Theil einer Secunde in Anspruch zu nehmen 
braucht. Zur Eizeugung solcher elektrischer Schwingungen verwandte Hertz seinen mit 
einer Stromquelle (Batterie) und der primären Spirale eines Inductors verbundenen Oscil- 
lator, der aus zwei an Metalldrähten in einem regulirbaren Abstand von einander befind¬ 
lichen Zinkkugeln besteht, wie wir sie in der »regulirbaren Fuakenst recke« unseres 
Armamentars (vergl. unten) benutzt finden, und er vermochte mit dessen Hilfe elektrische 
Wellen zu erzeugen, die sich nach allen Richtungen des Raumes ausbreiten und sich 
durch eine besondere Vorrichtung, den elektrischen Resonator, als solche nachweisen 


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Arsonvalisation 


1>G 


lsiMsen. — Au! dieser Grundlage, unter Zuhilfenahme der genannten, in entsprechenderWeise 
modificirten Vorrichtungen haben dann besonders Tksla und d'Arsonval weiter gearbeitet; 
ihre Errungenschaften (ebenso wie die neuerdings zu so grosser Bedeutung gelangte Mar- 
coNi’sehe Wellentelegraphie) sind in diesem Sinne unzweifelhaft als Früchte des von Hertz 
erschlossenen neuen und weiten Forschungsgebietes zu betrachten. 

Der Österreichische Ingenieur Nicolaus Tesla (1857 zu Smiljan in Croatien geboren, 
seit vielen Jahren in Amerika ansässig) ging bei seinen Untersuchungen von den über¬ 
raschenden Lichterscheinungen aus, die durch die Kathodenstrahlen bekanntlich im luftver¬ 
dünnten Raum hervorgebracht werden. Es handelte sich für ihn zunächst um das Problem, 
durch eine Verbesserung und Verstärkung der Apparate diese im luftverdünnten Raum her¬ 
vortretenden Lichterscheinungen auch für den gewöhnlichen, lufterfüllten Raum zur Geltung 
zu bringen. Zu diesem Zwecke arbeitete Tesla mit besonders starken, oft meterlange Funken 
liefernden lnductoren; er benutzte ausserdem den Kunstgriff, die vom ersten Inductor ge¬ 
lieferten, durch Condensator und Oscillator verstärkten und vervielfachten Impulse in die 
Primärrolle eines zweiten Inductors (Transformators) hineinzuschicken, um in 
dessen secundärer Spirale abermals Ströme von nunmehr ganz ausserordentlich erhöhter 
* Spannung — »Millionenvoltströme« — zu induciren. Wir finden dieses Priucip in unserem 
Armamentarium in der Form des kleinen Solenoids des Transformators, wie auch des 
sogenannten grossen Solenoids verwerthet. Schon Tesla hatte dabei die überraschende Er¬ 
fahrung gemacht, dass diese »Millionenvoltelektrieität« für den menschlichen Körper absolut 
unschädlich zu sein schien , so dass es besonderer Isolirvorrichtungen — von den strom- 
erzeugenden Vorrichtungen abgesehen, für die Tesla eine Oelisolirung verwandte — beim 
Hantiren damit Überhaupt nicht bedurfte. Er hatte die Ursache dieses eigenthümlichen Ver¬ 
haltens in einer Art von Selbstladung oder Selbstin du etion des Körpers zu finden 
geglaubt, die als Schutzmittel gegen das Eindringen hochgespannter Ströme sich wirk¬ 
sam erweise. Brachte Tksla sich in Berührung mit den Polen seines Transformators, so 
wurde er selbst gewissermasseu zum Pol; die sonst an Metallpolen beobachteten oder von 
diesen ausstrahlenden Lichterscheinungen zeigten sich an seinem eigeueu Körper; jede von 
ihm in die lland genommene Yaeuumlampe begann zu leuchten, währeud der Körper 
selbst, bis auf ein leichtes Wärmegcfühl, von diesen Einfliisseu gänzlich unberührt blieb. 
Don weiteren Entdeckungen Tksla s auf dem Gebiete der Linhterzeugung durch Elektrieität 
und ihrer technischen Verwerthung können wir hier, so interessant sie auch sind, natürlich 
nicht nachgehen. Doch zeigt das Angeführte wohl schon zur Genüge, dass Tesla, wenn ihm 
auch jede ärztlich therapeutische Verwerthung seiner Ergebnisse ursprünglich fernlag. doch 
auf diese Dinge eim n mächtigen Einfluss geübt hat und sein Name damit in hervorragender 
Weise für immer verknüpft bleibt. 

Von ganz anderer Seite her und mit anderen leitenden Gesichtspunkten trat der 
Physiolog d'Arsonval. unabhängig von Tksla, an das Studium dieser Fragen. d'Arsonval 
hatte — wie er selbst u. a. in einer Mittheilung an die Soeiete des eleetrieiens vom April 
ISO? ausführt — sich seit 1878 mit dem Mochauismus der elektrischen Nerven- und Muskel¬ 
erregung beschäftigt und ursprünglich die Factoren bei der Einzelerregung. die dafür cha 
rakteristische Form der Erregungswelle studirt — dann den Einfluss immer häufiger auf 
einander folgender Erlegungen iu der Zeiteinheit experimentell verfolgt. Ein von ihm zu 
diesem Zwecke benutzter 081*2 beschriebener) mechanischer »Alternator« gab bereits 
bis zu llHW 8troiuw echsel in der Seeunde. Dabei stellte sieh nun heraus, dass von einer 
gewissen Häufung der Unterbrechungen ab die Wirkungen auf den thierischen Organismus, 
speciell auf das Nervensystem, keine entsprechende 8teigerung, sondern im Gegentheil eine 
Abnahme erfuhren und allmählich sogar gänzlich versagten. Den Grund dieser überraschenden 
Erscheinung suchte p Arsonval darin, dass die menschlichen Bewegungs- und Gefübisnerven 
gewissermasseu auf bestimmte 8ehw ingurgszahlen elektriseher Erregungen eingestellt ?eien. 
durch diese in speeihsoher Weise getrofien würden — ährlieh wie es für Gesichts- und 
Gehörnerven in Bezug auf Licht nnd Schallwellen von bestimmter Wellenlänge und Schwin- 
gungszahl ausschliesslich der Fall ist. Zu bedeutend höheren Frequenzen gelangte d'Arsonval. 
als er seinem mechanischen Alternator den oben« rw ahnten HERTz'schen Oscillator sr.bsrituirte 
und auch sonst mannigfache Veränderungen und Verbesserungen der Versuchsanorinung and 
des dazu dienenden lnstrumentenapparates voruahm. iu deren Verlaufe er allmählich za dem 
jetzt gebräuchlich gewordenen Armamentarium gelangte. Uebrigens beansprucht d'Arsonval 
auch zeitlich eine Priorität F ksla gegenüber, da er seine ersten Beobachtungen in der .Soeiete 
de biol.'gie am 24. F ebruar and 2,V April l> v Ul vortrug, wahrend die erste Pabilcatioa Tesla 's 
iu New \o:k vom 28 Mai 1>'J1 stammt. Wir haben al^o ausreichenden Grund, für die durch 
dAksonvai 's Vcrdieust auf Grundlage seiuer Versuche und des von ihm acsgrbil itten Anna 
mcuMrs gt 'chaffcuen therapeutischea Verwer.dimgen dieser hoch gr spinnten Strome von star ker 
echse’.zahl die B : . :c buuv.g * A rso n v a l*. »a t ion« als zutreffend u:id d-:i anderweitigen 
elektrvthcrapcuttsch- u Nau;erg- bürgen entsprechend zu acceptireu. 

£ k:-:s Anr.a 

Pas von tu : .r benutz t e Armamentarium für die Anwendung 
hochgespannter Wechselströme Verfertiger W A. Hirschmann in 


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A rso nval isa t ion. 



Berlin) besteht aus zwei von einander getrennten Hauptstücken: dem 
Apparatensehrank mit seinen Nebenvorrichtungen und dem sogenannten 
»grossen Solenoid« in der Form eines aufrecht stehenden Käfigs. 

L Der Apparatensehrank (Fig. 1). Er enthält zunächst a) in 
seinem obersten Theile den Re hmkobff sehen Funkeninductor nebst den 
(im Innern des Kastens untergebrachten, nicht sichtbaren) Condensatore» 
Die dazu gehörige Stromquelle (Accumulatorbatterie von 20 Zelle») 
befindet sich im untersten Theile des Schrankes und ist durch Leitung mit 






dem Inductor sowie mit den gleich zu erwähnenden Nebenapparaten ver¬ 
bunden. Der Inductor liefert Funken bis zu 35 Cm. Länge, die bei voller 
Ausnutzung Voltspannungen von 50.000 Volt und darüber entsprechen 
h) Zum Betriebe des Funkeninductors dient ein Q u ecksüb eru nt erb recher 
von neuer und originaler Construction (Hirschmann s *rotirf?uder Queck¬ 
silberunterbrecher mit Gleitcontacten*)* der durch einen kleinen 
Elektromotor in Thatigkeit gesetzt wird. Kr besteht im wesentlichen aus 
einem rotirenden Cylinder mit zwei Kupfercontacten. von denen der eine 
rotirt, während der andere, feststehende durch eine Feder gegen den ro- 


W A HiftjÜMkHK omili H 




































28 


Arsonvalisatioo. 


tirenden Contact angepresst wird. Um den Kupfercontact gleichmässig zu 
gestalten und die Reibung bei der Rotation aufzuheben, wird Quecksilber 
benutzt, das sich am Boden des Qefässes befindet. Dieses wird durch eine 
besondere Vorrichtung centrifugenartig gehoben und an die Stelle des glei¬ 
tenden Contacts hingeführt, so dass beide Contacte stets mit einer die 
innige Berührung ermöglichenden Quecksilberschicht überzogen werden. Der 
Unterbrecher arbeitet daher sehr gleichmässig, wie sich schon an der Art des 
die Unterbrechungen begleitenden Geräusches erkennen lässt. Bei jeder vollen 
Umdrehung wird der Strom auf diese Weise durch die Contacte zweimal 
geschlossen und geöffnet. Die damit erreichbare Zahl der Unterbrechungen 
beträgt 1600 in der Minute. Da nun, wie bereits erwähnt wurde, jeder ein¬ 
zelnen Funkenunterbrechung des Inductors zehntausende der wellenförmigen 
Oscillationen oder Vibrationen entsprechen, so ist klar, dass wir auf diese 
Weise leicht zu mehreren hunderttausenden von Unterbrechungen in der 
Secunde gelangen. Dieser Quecksilberunterbrecher ist übrigens auch für 
Röntgeneinrichtungen in gleicher Weise benutzbar. Platinunterbrecher, wie 
sie für die gewöhnlichen medicinischen Inductionsapparate genügen, sind 
zur Herstellung eines andauernden und regelmässigen Ganges der Unter¬ 
suchungen bei den grösseren Funkeninductoren nicht geeignet, c) Die pri¬ 
märe Leitung verläuft durch einen Strom sch alter, der den Inductor und 
den Quecksilberunterbrecher ein- und ausschaltet, zum dj Stromwender, 
e) Metallrheostat (der mittels Kurbeldrehung Widerstände von circa 
10 Ohm einschaltet) und f) Amperemeter, das die Stärke des primären 
Stromes in Amperes (bis zu 5 Amperes) durch Nadelablenkung direct anzeigt — 
Die unter c bis f beschriebenen Nebenvorrichtungen befinden sich dicht bei 
einander im mittleren, geöffnet sichtbaren Theile des Apparatenschrankes. Im 
unteren Theile desselben haben wir ausser den Batterien und dem Quecksilber¬ 
unterbrecher noch g) zwei Leidner Flaschen von zusammen ca. 2400 Qcm. 
Belegfläche, die zur Aufnahme der Spannungen, die von der secundären 
Spirale des Funkeninductors dem Transformator zugeleitet werden, bestimmt 
sind, h) Im mittleren Schranktheile, links von den unter c bis f beschrie¬ 
benen Vorrichtungen, finden wir in der Mitte nach vorn die regulirbare 
Funkenstrecke (dem HERTZschen Oscillator nachgebildet), die aus zwei 
gegenüberliegenden kleinen Zinkkugeln besteht, deren Abstand von einander 
sich durch eine Schraubenvorrichtung bis zum Maximum von 2 Cm. beliebig 
verändern und an einer Scala ablesen lässt. In der Regel kommen nur 
Funkenstrecken von etwa 5—10 Mm. zur Verwendung, i) Dahinter befindet 
sich das sogenannte kleine Solenoid oder der Transformator. Er ent¬ 
spricht einem Inductor mit zwei Spiralen, hat aber äusserlich die Gestalt 
eines Solenoids, indem seine äussere Rolle nur aus acht dicken von ein¬ 
ander isolirten Windungen blanken Kupferdrahtes besteht, die horizontal 
nebeneinander gewickelt sind und durch Leitungen mit der secundären 
Spirale des Funkeninductors sowie mit Funkenstrecke und Leidner Flasche 
im Zusammenhang stehen. Diese primären Solenoidwindungen umschliessen 
eine zweite (innere) Spirale, die aus 400 Windungen eines nur 0,5 Mm. dicken 
Kupferdrahtes besteht und die im wesentlichen der gewöhnlichen secundären 
Rolle unserer Inductionsapparate analog ist. — Da es nicht immer zweck¬ 
mässig ist, die sämmtlichen primären Solenoidwindungen zu benutzen und 
also mit voller Hochspannung der secundären Spirale zu arbeiten, so hat 
Hirschmann an dem Apparat noch eine besondere Regulirvorrichtung an¬ 
gebracht, einen beweglichen Contact, in Gestalt einer Metallfeder, der, 
durch Umdrehung in Bewegung gesetzt, auf den einzelnen Windungen hin¬ 
schleift und bei der Umdrehung von rechts nach links diese der Reihe nach 
aus-, bei entgegengesetzter Drehung dagegen successiv einschaltet. Diese 
Vorrichtung erfüllt also denselben Zweck wie die Rollenverschiebung bei 


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Arsonvalisation. 


29 


unseren gewöhnlichen Inductionsapparaten; wie an diesen durch Heraus¬ 
ziehen der secundären Spirale nur ein kleinerer Tbeil der primären Win¬ 
dungen mit den secundären zur Deckung gelangt und somit eine Abschwä¬ 
chung der Stromstärke im secundären Stromkreise bewirkt wird, so wird 
hier bei Verminderung der eingeschalteten Primärwindungen weniger Span¬ 
nung auf die secundären Windungen des Transformators und somit auf den 
im Kreise des letzteren eingeschalteten Körper übertragen. — Durch ent¬ 
sprechende Benutzung der reguhrbaren Funkenstrecke, des Rheostaten und 
endlich des beweglichen Contactes lässt sich jede für besondere Zwecke er¬ 
wünschte Veränderung der primären Stromstärke und der secundären Span¬ 
nungen für die Körperableitung in ausgiebigster Weise erzielen. — Endlich 
haben wir kJ die AbleitungsVorrichtungen für den Körper, in der Form 
von Leitungsschnüren, Handgriffen verschiedener Art und zur localen An¬ 
wendung bestimmten Elektroden. Die letzteren sind insgesammt mit einem 
starken und hinreichend langen isolirenden Handgriff versehen, wie wir ihn 
von der Benutzung bei der Franklinisation bereits kennen; sie sind spitzen¬ 
förmig, röhrenförmig, knöpf- und kolben- oder flächenförmig in verschiedenen 
Grössenverhältnissen gestaltet. Ein Tlieil davon ist mit besonderen Conden- 
satorvorrichtungen versehen (»Condensatorelektroden«), auf die 
weiter unten noch zurückzukommen sein wird. 

Der Gang der primären Stromleitung und der darin er¬ 
zeugten secundären Hochspannungen ist also, schematisch zusammen¬ 
gefasst, folgender: 

1. Die primäre Leitung verläuft von den Stromquellen (Accumu- 
latoren oder centrale Gleichstromleitung) durch Rheostat, Stromschalter, 
Amp&remeter, Stromwender zur primären Rolle des Funkeninductors und 
durch diese hindurch zu den zugehörigen Condensatoren, sowie zum Queck¬ 
silberunterbrecher und zur Stromquelle zurück. 

2. Die secundäre Spannung entsteht in der secundären Rolle des 
Funkeninductors, geht von hier zu den inneren und äusseren Belegen der 
Leidner Flaschen, zur regulirbaren Funkenstrecke, zu den Primärwin¬ 
dungen des kleinen Solenoids und zur secundären Spirale des Funken¬ 
inductors zurück. 

3. Die tertiäre Spannung entsteht in den secundären Windungen 
des Transformators, geht von hier durch die Leitungsschnüre und Elek¬ 
troden zum Körper und direct (oder mittels Erdableitung des anderen Pol¬ 
endes) zur secundären Spirale des Transformators zurück. 

Ausserdem kann der Körper auch parallel zur primären Spirale des 
Transformators, also in Verbindung mit den Polenden derselben, als »Extra¬ 
strom« eingeschaltet werden; vergl. »Methodologisches« unter 3. 

Das zweite Hauptstück des Armamentars, das sogenannte »grosse 
Solenoid« (Fig. 2), ist eine Erfindung von d’Arsonval. Die von der secun¬ 
dären Spirale des Funkeninductors gelieferten hohen Spannungen werden 
statt zur primären Spirale des Transformators nach diesem Apparate ge¬ 
leitet, der aus einer Anzahl (14—18) an einem Holzgestelle befestigter, 
vertical übereinander in grossen Abständen isolirt hingeführter Windun¬ 
gen eines dicken Metalldrahtes besteht — also im Grunde nur die auf 
einen grösseren Massstab übertragene primäre Spirale des Transformators 
reproducirt. Diese Windungen umschliessen einen Innenraum, der gross genug 
ist, dass ein Mensch darin bequem aufrecht stehen kann, ohne die Draht¬ 
windungen selbst irgendwo zu berühren; der Eintritt wird dadurch ermög¬ 
licht, dass man die Drahtwindungen gleich einer Rolljalousie in die Höhe 
rollt und nachher wieder herablässt. Ist nun dieses grosse Solenoid durch 
Leitung mit der secundären Spirale des Funkeninductors verbunden, so 
werden sehr beträchtliche Inductionswirkungen erzielt, und es wird der darin 


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30 Arsunvajisatiun. 

eingeschlossene Körper rermügo 4«f; von den Windungen ausstrahlenden 
«lekIrisehen Wellen durch ..ein»* Art. Von Selbstinduktion oder »Auto- 
cond uciiön« i parlt den» Ausdruck •• von p Arso.vval) elektrisch geladen. 
Mau kann die Wirkung steigern oder auch schwächen, je nachdem man die 
öesanimüieit der Soleqdirfw.indupge-'n 
oder nureinen TheLi derselben mit dem 
Funköninductor leitend verbindet. : 

Met b od01 ogi sc h ?d. För die pby- 
sipkteriischc nnd therapeutische Anwen¬ 
dung der 

beim Manschen koinmöo nach der iro'r- 
steljenden fidswhrelbflhg vier Hatiply 
»neüiutien in Betracht, von denen die 
drei erktbp der- Haupt,*»«ehe narb als 
Methode» Idealer -- die vierte als 
Mbt böife a ffge bu ein er A r s o n v a i isa.- 
Tlon. iln‘gb&ehi»Ä. worden können 

1 birevtöAhleitung von den 
sec ub darba Windünge« des Trans- 
forniatnrs. Es werden die in der 
socurtdür-en Bolle dos Tränst»»rmators 
irmnCtrlcrf tteebspasnungsströme direct 
auf den Körper iihei'g’elührt, und zwar 
jd doch Beschaff enhelt und Ansatz weise 
der Kibktruden oat-wedee- als bOsehei- 
fornügi« AosUtrÄhlung -- bet aii.«- 
reicbuadßöi Abstatide der KJRkfcrptfoh 
von der KürperoberüftGlto oder als 
Fiiitkdfteasttladung .bei nur greriflger 
Emtferuung der local applicircen Elektrode. Der zweite Pol kann dabei ent¬ 
weder zur Erde abgeleitet oder auch mit dem Körper (durch ein? Hand- 
'öder''Fwksdiek'.» orte) lebend verbdiideo- werden; erhebliche Verschiedenheiten 
dhp Wfrkilßg werden durch die An der Verwendung des zweiten Polos 
nicht hen •if irc-rulötl 

. ■: St Iddikecte Ableitung. mit Einschaltung von Condonsiitor- 

ejektrode«. Auch dabei wird dio Spannn.ug der ^e.cdmiären Windungen 
des Trmisfonjtators verwertbek aber dicht direct zürn Körper gelahrt, son¬ 
dern vorher in einer »Doodensatörelekt rode; gesammelt. Eine solche 
öuÖid Mit einer i^oÜrßtVdoß üiissere« Qlasfiäcbe (nlit Graphit- oder Lack- 
üherxtisrV, die auf den Körper aufgesetzt wird, wÄbfehd die Innere Fläche 
einen; bdlfndow l’eberziiir (Sfonniolbetag) trägt und durch eine dop Strom 
emplhn’gerid» metallische Zuleitung geladen Wird. !>er Körper bildet somit 
beim AuWtzen der Elektrode gewisserwassferv die httssere>: Belegung des 
Candensators. Dis im Innern der Elektrode sich aosammelnde .hohe; Span¬ 
nung- erzeugt durch inliöenz auf der äusseren, dem Körper unmittelbar an¬ 
liegenden Fläche.- ebenfalls eine entsprechende Spannung, die bei festem 
Aufsetzeij der Etektrodö t>ipe leicht«, sich über die getrwlfewe Oberfläche 
verbreitende Funkenbildung verursacht und »ich bei wachsender Entfernung 
des Gbndefisators von der Körperohernscht; Zu längeren büschelförmigen 
Fupkencntladtmgon .steigert. Dies« »-Coniioflsatorefekiroden^ können ganz 
den sonst, üblichen Elektroilenfnriuen «ngepassl. also knopfförojig. röhren¬ 
förmig und kolben- oder fläcbenföriniff bergcstellt werden. f.-ebrieens bat 
u ÄRifovt 'vl sogar ein . >Ift'-cwaden:sateur•- beschrieben'.nach ähnlichem 
Princip. indem dabei der auf einem Ruhebett äüsgestreckt.e. durch ein 
Kissen isolirte menschliche Körper diu eine Heiegung des ( ‘ondensators 







Arsonvalisation. 


31 


bildet, während die andere durch eine Metallbelegung an der Innenseite des 
Kissens hergestellt wird. Die Berechtigung, den lebenden Körper als eine 
Art von Condensator auizufassen, dürfte allerdings nach den Untersuchungen 
von de Metz in Zweifel gezogen werden. Die Frage ist einstweilen noch 
nicht sicher zu entscheiden. Ich selbst konnte die bezüglichen d'Arson- 
VAL'schen Versuche am grossen Solenoid nicht durchwegs bestätigen. 

3. Parallele Schaltung zu den primären Windungen des 
Transformators, nach Analogie des »Extrastroms« der primären Spirale 
unserer gewöhnlichen Inductionsapparate. Wie bei diesen die Enden der 
primären Drahtrolle einerseits zur Unterbrechungsvorrichtung, andererseits 
zum Körper geführt werden — so findet bei den Primärwindungen des 
Transformators eine solche Parallelschaltung statt, wobei von den vor den 
Solenoidwindungen befindlichen Polenden die Körperableitung in verschie¬ 
dener Weise vorgenommen werden kann. Es kann nämlich entweder nur 
eine unipolare Ableitung zum Körper hergestellt werden, wobei das andere 
Ende der Windungen zur Erde geführt wird oder isolirt bleibt — oder es 
kann auch das zweite Ende zum Körper (z. B. mittels einer isolirenden 
Fussplatte) bingeführt werden. Zur längeren Application auf den Körper 
bedient man sich der früher beschriebenen Elektroden, wobei je nach der 
Höhe der Spannungen und der Zahl der eingeschalteten Primärwindungen 
des Solenoids (unter Benutzung des oben erwähnten beweglichen Contactes) 
Büschel- und Funkenentladungen von sehr verschiedener Intensität aus¬ 
gelöst werden. 

4. Selbstinduction (Autoconduction) des Körpers: »allge¬ 
meine Arsonvalisation«. Der Körper ist hierbei nicht in directer leitender 
Verbindung mit einem der Theile des Apparates, sondern er wird von den 
durch die Luft fortgepflanzten Energiewellen getroffen, die von den Win¬ 
dungen des vorbeschriebenen »grossen Solenoids« oder von ähnlich be¬ 
schaffenen Vorrichtungen ausstrahlen; er vertritt also gewissermassen die 
Stelle der secundären Windungen des Transformators und wird auf 
dem Wege der Selbstinduction (»Autoconduction«, wie d'Arsonval sich 
ausdrückt) von den in den Primärwindungen kreisenden hochgespannten 
Wechselströmen beeinflusst. Wie und in welcher Richtung sich diese Ein¬ 
flüsse nach der physiologischen und therapeutischen Seite hin geltend zu 
machen scheinen, werde ich sogleich noch näher ausführen. Hier sei der 
Vollständigkeit halber bemerkt, dass an Stelle des grossen, aufrecht 
stehenden Solenoids auch eine andere, horizontal gestaltete Vorrich¬ 
tung benutzt werden kann, worin die Versuchsperson sich in liegender 
Steilung befindet; auch können zu besonderen Zwecken kleinere Vorrich¬ 
tungen für locale Behandlung einzelner Körpertheile, z. B. Arm und Fuss, 
hergestellt werden. Bei Verwendung dieser letzteren wäre streng genommen 
schon nicht mehr von einer »allgemeinen«, sondern nur noch von einer 
»localen« Arsonvalisation die Rede, die aber auch auf dem Wege der 
Selbstinduction oder Autoconduction stattfindet. Principiell verschieden davon 
ist es natürlich, wenn das »grosse Solenoid«, in gleicher Weise wie das 
kleine des Transformators, zum Zwecke directer metallischer Uebertragung 
auf den Körper, mit Hilfe der früher beschriebenen einfachen oder Conden- 
satorelektroden, Anwendung findet, was dem Wesen nach völlig mit dem 
Verfahren der parallelen Schaltung (3) übereinstimmt. 

Physiologisches und Therapeutisches. Wie aus diesen me¬ 
thodologischen Vorbemerkungen hervorgeht, muss man hinsichtlich der 
physiologischen und therapeutischen Verwendung der hochgespannten Wechsel¬ 
ströme unterscheiden zwischen den Wirkungen, die sich bei der localen 
Application dieser Ströme heraussteilen, und denen, die bei der Anwendung 
in der Form der »Selbstinduction«, oder »Autoconduction«, der »all- 


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32 


Arsonvalisatiou. 


gemeinen Arsonvalisation« zutage treten. Diese letzteren Wirkungen, 
die sich in ganz eigenartigen Beeinflussungen des Organismus in Hinsicht 
auf Blutdruck, Oxydations- und Stoffwechselvorgängen, in tiefgreifender An¬ 
regung der Zellenenergie u. s. w. geltend machen sollen, sind es vor allem, 
die uns d'Arsonval zuerst in seinen Untersuchungen zur Kenntniss gebracht 
hat und die für ihn und seine Schüler und Nachfolger den Ausgangspunkt 
der therapeutischen Bestrebungen und die Grundlage weitgehender Indi- 
cationsstellungen auf diesem Gebiete gebildet haben. Während es sich nun 
dabei dem Wesen nach um etwas ganz Neues und Eigenartiges, von den 
bisherigen elektro-therapeutischen Verfahren durchaus Verschiedenes handelt, 
ist dies dagegen hinsichtlich der localen Wirkungen hochgespannter Wechsel¬ 
ströme keineswegs in gleichem Masse der Fall. Hier bieten vielmehr die 
wohlbekannten Wirkungen faradischer und Franklinischer Ströme manche 
Vergleichspunkte dar, und man kann das Verhältnis vielleicht mit einer 
gewissen Berechtigung so charakterisiren, dass bei aller unverkennbaren 
Specificität doch die Wirkungen der ungeheuer hochgespannten Wechsel 
ströme sich als eine Potenzirung der Wirkungen hochgespannter Ströme 
unserer Influenzmaschinen — sowie diese wiederum sich als Potenzirung der 
Wirkungen unserer gewöhnlichen Inductionsströme in mancher Beziehung 
kundgeben. 

Es ist also in solcher Allgemeinheit des Ausdrucks keineswegs zutreffend, 
wenn von diesen ungeheuer hochgespannten Wechselströmen gesagt wird, 
dass für sie gerade die anscheinende Wirkungslosigkeit auf den thierisch- 
menschlichen Organismus, die Wirkungslosigkeit auf das Nervensystem 
vor allem das Kennzeichnende sei, wodurch sie sich von den minder hoch¬ 
gespannten Strömen mit geringerer Frequenz so auffällig unterscheiden. 
Dagegen bleibt allerdings bestehen, dass die Einwirkung auf die motorischen 
und sensiblen Nerven verhältnissmässig schwach ist und überhaupt nur bei 
bestimmten Methoden der localen Anwendung, und auch dann zum Theil in 
untergeordneter Weise hervortritt. Ganz besonders gilt dies von der erre¬ 
genden (tetanisirenden) Einwirkung auf die motorischen Nerven und Muskeln. 
Während bereits verhältnissmässig schwache Inductionsströme sowohl bei 
indirecter wie bei directer Reizung den Muskel in Tetanus versetzen, 
während auch Frankiinische Ströme, sei es bei directer (heller) Funken¬ 
entladung, sei es bei Einschaltung des Körpers zwischen den äusseren Be¬ 
legen der Condensatorplatten ziemlich leicht Tetanus hervorrufen, gelingt 
dies dagegen mit den hochgespannten Wechselströmen viel schwieriger und 
nur bei Anwendung ganz bestimmter Manipulationen. Man muss dazu das 
unter Methodik 3 und 4 besprochene Verfahren der parallelen Schaltung 
— unipolare Ableitung von den primären Windungen des Transformators 
oder des grossen Solenoids — verwerthen. und den einen Pol in Form einer ein¬ 
fachen Röhren- oder Knopfelektrode oder einer Condensatorelektrode auf einen 
Nervenstamm, z. B. auf den Nervus ulnaris über dem Handgelenk localisiren, 
während der andere Pol zum Erdboden abgeleitet ist. Man sieht dabei Tetanus 
in den vom Ulnaris versorgten Handmuskeln eintreten: gleichzeitig ist auch ein 
excentrisches Gefühl in der Hautausbreitung des Ulnaris an den beiden letzten 
Fingern vorhanden. Die Wirkung wird ersichtlich stärker, wenn die vom 
Körper berührte Stelle des Erdbodens angefeuchtet ist; sie verschwindet 
dagegen, wenn man den Körper (durch Auftreten auf eine Hartgummiplatte) 
isolirt. Umgekehrt kann man sie verstärken, wenn man das zweite Polende 
zu einer Fusselektrode \ metallischen Fussplatte) hinführt und mit dem 
Körper direct verbindet — ganz wie es bei den entsprechenden Methoden 
der Franklinisation der Fall ist. 

Mittels der gleichen Verfahren lassen sich nun auch die Einwirkungen 
auf die sensiblen Hautnerven nachweisen. Noch deutlicher jedoch und in 


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Arsonvalisation. 


o • > 

oo 


gewissermassen specifischer Weise treten diese hervor, wenn man die Elek¬ 
trode auf die zu prüfende Hautstelle nicht direct aufsetzt, sondern sie dieser 
bis auf einen geringen Abstand nähert, so dass je nach der Beschaffenheit 
der Elektrode und der Länge der interponirten Luftstrecke Büschel- oder 
Funkenentladungen auf die Haut übergehen. Man bedient sich dazu am 
besten einer einfachen oder mehrfachen Spitzenelektrode, wie sie auch bei 
der Franklinisation im Gebrauch ist oder einer grösseren kolbenförmigen 
(flächenförmigen) Elektrode, je nach dem Umfange der zu reizenden Haut¬ 
partie; um grössere Büschelentladungen zu erhalten, kann eine Condensator- 
elektrode benutzt werden, oder es wird, nach dem OuoiNschen Verfahren, 
ein zweites Solenoid (»Resonator«) von einer den Primärwindungen des 
Transformators angepassten Länge und Capacität eingeschaltet. Die ört¬ 
lichen Wirkungen sind ziemlich ausgesprochen; die getroffene Hautstelle 
wird erst durch die übertretenden Büschel- oder kleinen Funkenentladungen 
in mehr oder minder heftiger Weise schmerzhaft erregt und geröthet, wo¬ 
bei sich insbesondere ein eigenartig intensives Wärmegefühl einstellt, 
das sich unter Umständen bis zur Unerträglichkeit steigert. Bei Entfernung 
der Reizelektrode macht dieser Zustand einem Gefühl der Starre und 
Abgestorbenheit platz; die Haut wird blass, anämisch, und die mit den 
gebräuchlichen Methoden vorgenommene Sensibilitätsprüfung lässt eine (je 
nach Dauer und Intensität der Reizwirkung mehr oder minder bedeutende) 
Abnahme des Hautgefühls für Berührung und Schmerz, sowie 
insbesondere für Temperatureindrücke in Form von Kältereizen 
noch für längere Zeit deutlich erkennen. Besonders auffällig ist diese 
eigenthümliche Dissociation des Temperatursinnes, die sich darin kundgiebt, 
dass, während die subjective Wärmeempfindung enorm erhöht ist, das Gefühl 
für Kältereize bedeutend herabgesetzt und sogar vorübergehend fast völlig 
erloschen zu sein scheint; ein Phänomen, das ja allerdings in der specifi- 
schen Energie der an räumlich getrennte Hautendigungen (Wärme- und 
Kältepunkte) gebundenen Temperaturnerven seine Erklärung findet und 
auch mit mannigfachen pathologischen Beobachtungen übereinstimmt. Man 
kann die Herabsetzung des Berührungs- und Schmerzgefühls, sowie der 
specifischen Kälteempfindung oft selbst 10—15 Minuten nach vollendeter 
Reizung noch deutlich nachweisen. 

Der relativ geringen Wirksamkeit oder scheinbaren Unwirksamkeit 
hochgespannter Wechselströme auf die willkürlich motorischen und die sen¬ 
siblen Nerven wurde von n Arsonval auf Grund seiner an Thieren und Men¬ 
schen angestellten Versuche eine sehr ausgesprochene und bedeutende Ein¬ 
wirkung auf das vasomotorische Nervensystem gegenübergestellt. Diese 
Einwirkung, die gleich den noch zu erörternden Stoffwechselwirkungen 
u. 8. w. allerdings vorzugsweise bei der allgemeinen Arsonvalisation (Auto- 
conduction) hervortritt, soll sich in einer auf anfängliche Erniedrigung 
folgenden erheblichen und andauernden Steigerung des arteriellen 
Blutdrucks, in Veränderungen des Gefässlumens, des Blutumlaufs u. s. w. 
bekunden. Die Gefässe des Kaninchenohres sollen sich, ganz wie nach 
Sympathicusdurchschneidung, in rapider Weise erweitern, worauf später 
eine energische Verengerung folgt. In Betreff der Blutdruckmessungen 
äussert sich d'Arsonval folgendermassen: »Le sphygmographe de Marey, 
le sphygmomanom&tre de Potain appliques sur l'homme, donnent des indi- 
cations identiques. On voit la pression sanguine sabaisser dabord, 
puis, peu apres, se relever et se maintenir ä ce taux ölevö; en 
faisant une legöre incision ä l'extrömite de la patte d un lapin, on voit le 
sang couler beaucoup plus abondamment apres le passage du courant. 
Le manom&tre ä mercure, mis en rapport direct avec une artere chez les 
animaux, donne les memes indications.« Die Blutdrucksteigerung soll nach 


Encyclop. Jahrbücher. IX. 


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Arsonvalisation. 


;;4 

d'Arsonval sogar mehrere Centimeter Quecksilber betragen. Es durfte 
angezeigt sein, diese Ergebnisse zunächst mit dem neuen, GÄRTNER'schen 
Tonometer am Menschen nachzuprüfen. — Von noch viel grösserer Wichtig¬ 
keit und Bedeutung für die therapeutische Verwerthung der hochgespannten 
Wechselströme sind die von d'Arsonval beobachteten Einwirkungen auf 
den Stoffwechsel und die angeblich durch eine directe Anregung der Zell- 
thätigkeit, eine Beeinflussung des Zellprotoplasmas erzielten »vitalen« 
Wirkungen. Den Beweis für die letzteren will d'Arsonval besonders an 
einzelligen Organismen, an Bierhefezellen und verschiedenen Bacillenarten 
erbracht haben. Unter anderem hat d'Arsonval mit seinem Assistenten 
Charrin die Einwirkung der hochgespannten Wechselströme auf einzelne 
pathogene Bacillen, namentlich auf den Bacillus pyocyaneus, näher unter¬ 
sucht; er will dabei gefunden haben, dass nach einigen Minuten die 
chromogene Function erlischt, nach einer halben Stunde der Bacillus 
abgetödtet wird. Aber auch die pathogenen Stoffwechselproducte, die 
Toxine sollen in ihrer Virulenz wesentlich beeinflusst und abgeschwächt, 
sie sollen sogar in immunisirende Substanzen umgewandelt werden und 
so die Resistenz der Thiere bei Injectionen erhöhen, was d'Arsonval und 
Charrin durch Versuche mit umgewandelten Diphtheritistoxinen bei Meer¬ 
schweinchen unter gleichzeitiger Inoculation tödtlicher Dosen von wirksamen 
Diphtheritisculturen, ebenso wie durch Vergleichsversuche mit Pyocyaneus- 
toxin zu erweisen versuchen. Auch diese Versuche bedürfen natürlich weiterer 
Nachprüfung und Bestätigung. Nicht minder sind nach d'Arsonval und 
seinen Schülern die allgemeinen Wirkungen auf den Stoffwechsel 
in Betracht zu ziehen, die sich bei höheren Thieren und beim Menschen 
in einer kräftigen Anregung und Steigerung der OxydationsVor¬ 
gänge, in vermehrtem Sauerstoff verbrauch, vermehrter Kohlensäureaus¬ 
scheidung, in Zunahme des Oxyhämoglobins, Steigerung der Diurese und 
der ausgeschiedenen Harnstoffmengen, in gesteigerter Wärmeproduction und 
Wärmeabgabe, beschleunigtem Gewichtsverlust (nach Wägungen bei Kanin¬ 
chen) u. s. w. bekunden. Bei allen diesen Wirkungen soll ausser der schon 
hervorgehobenen Beeinflussung der Vasomotoren ebenfalls die directe An¬ 
regung der Zellthätigkeit, der auf das Protoplasma geübte Reiz eine wesent¬ 
liche Rolle spielen, und d'Arsonval selbst, sowie seine nach der therapeuti¬ 
schen Seite hin arbeitenden Nachfolger sind geneigt, gerade in dieser 
directen Einwirkung auf die Zellthätigkeit und der dadurch geübten allge¬ 
meinen Beeinflussung der Ernährung und der Stoffwechselvorgänge das so¬ 
zusagen specifische Element in der Wirkungsweise dieser hochgespannten 
Wechselströme und das wesentliche Substrat ihrer umfangreichen thera¬ 
peutischen Verwerthbarkeit zu erblicken. 

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, haben denn auch Apostoli, 
Oudin, Doumer u. a. die Indicationen für die therapeutische Verwendung 
der Arsonvalisation aufgestellt und in weitester Ausdehnung gezogen. Vor 
allen Apostoli hält die Methode für indicirt bei jener grossen Gruppe krank¬ 
hafter Störungen, denen nach Bouchard verlangsamte Ernährung als 
gemeinsamer Factor zugrunde liege (maladies par ralentissement de 
la nutrition), also bei Gicht und chronischen Rheumatismen, Dia¬ 
betes mellitus, Fettleibigkeit, aber auch bei einer grossen Anzahl an¬ 
geblich auf »Arthritismus« zurückzuführender nervöser Krankheitszustände, 
bei arthritischen Neuralgien und Neurasthenien. Der vor kurzem verstorbene 
Apostoli verfügte bereits seit Jahren über ein sehr umfangreiches thera¬ 
peutisches Beobachtungsmaterial — nach einer seiner letzten Mittheilungen 
bei nicht weniger als 91J Kranken — und es sollen sich hervorragende 
Resultate bei den eben genannten Krankheitszuständen herausgestellt 
haben. Neuerdings will ferner Doimer bei 17 Kranken mit chronischer 


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Arsonvalisation. 


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Lungentuberkulose vielverheissende Besserungen und sogar in 5 Fällen 
-symptomatische Heilung« beobachtet haben. Dagegen hat sich d'Arsoxval 
selbst hinsichtlich der therapeutisch - klinischen Anwendung der hochge¬ 
spannten Wechselströme vorsichtig zurückgehalten und sich, wie er sich 
ausdrückt, auf seine »Rolle als Physiologe« beschränkt; immerhin hat er 
Jedoch an einzelnen therapeutischen Versuchen wenigstens einen contro- 
lirenden Antheil genommen. Zwei dieser von ihm speciell mitgetheilten Ver¬ 
suche betrafen Diabetiker; hier wurde nach einer Reihe täglicher, Je zehn 
Minuten langer Sitzungen in dem grossen Solenoid eine mehr oder weniger 
erhebliche Besserung des Allgemeinbefindens, Abnahme des Zuckergehalts, 
vermehrte Toxicität des Harns u. s. w. beobachtet. In dem zweiten Falle war 
das Resultat günstiger, wenn die Dauer der Einzelsitzungen von 10 auf 
3 Minuten verkürzt wurde. In einem dritten Falle, bei einem 36jährigen 
Manne mit hochgradiger Obesität (130 Kgrm.) und Herzarhythmie musste 
das Verfahren wegen eintretender dyspnoischer Zustände nach einiger Zeit 
eingestellt werden. — Es verdient hervorgehoben zu werden, dass die von 
Apostoli für die Mehrzahl der Fälle angegebenen Anzeichen von Besserung 
im wesentlichen dieselben sind, wie man sie auch nach anderen Methoden 
allgemeiner Elektricitätsanwendung, bei der allgemeinen faradischen und 
galvanischen Massage, beim Gebrauche hydroelektrischer Bäder, »elektro¬ 
statischer Luftbäder« u. s. w. ganz gewöhnlich beobachtet. 

Während für die allgemeine Arsonvalisation der entscheidende Werth 
darauf gelegt wird, dass die hochgespannten Wechselströme gerade in die 
Tiefe des Körpers eindringen und hier ihre specifische, direct vom Zell¬ 
protoplasma ausgehende, activirende Wirkung entfalten sollen, sind da¬ 
neben die bei der localisirten Anwendung dieser Ströme erhaltenen Wir¬ 
kungen namentlich durch Oudin zum Gegenstände therapeutischer Beob¬ 
achtung in ebenfalls ziemlich weitem Umfange gemacht worden. Oudin hat 
eine grosse Anzahl von Haut- und oberflächlichen Schleimhautaffectionen 
mit sehr günstigem Erfolge behandelt, wobei er sich des von ihm ange¬ 
gebenen zweiten, veränderlich langen Solenoids (»Resonator«) bediente, das 
durch einen hakenförmig endigenden kurzen Metallfaden mit dem ersten Solenoid 
(Transformator) in Verbindung gebracht wird. Bei der Behandlung mannig¬ 
facher Haut- und Schleimhauterkrankungen soll vor allem die Beseitigung 
von Schmerz und Jucken durch die analgesirende Wirkung der Ströme, 
sodann deren trophoneurotische und antiparasitäre (baktericide) Wirkung 
eine Hauptrolle spielen. Als mit sehr günstigen Ergebnissen behandelte 
Dermatosen hebt Oudin besonders hervor: Psoriasis und Ekzem, dann auch 
Lichen acutus generalisatus mit heftigem Pruritus und andere Pruritusfälle. 
Impetigo, Herpes Zoster, Furunculose, Akne, Akne rosacea, Molluscum con¬ 
tagiosum und die verschiedenen Formen örtlicher Tuberkulose; endlich 
wurden auch adenoide Wucherungen in Nase und Rachen, sowie blennor- 
rhoische Cervixkatarrhe in zahlreichen Fällen günstig beeinflusst. Ich 
enthalte mich einer wohl von specialistischer Seite zu erwartenden Kritik 
dieser immerhin interessanten Heilerfolge und möchte nur darauf aufmerk¬ 
sam machen, dass zum Theil ähnliche Ergebnisse bereits früher seitens ein¬ 
zelner Elektrotherapeuten mit den verhältnissmässig leichter und einfacher 
zu handhabenden Methoden der Franklinisation bei Hautkrankheiten ge¬ 
wonnen wurden; so von Doumer bei Ekzem, Akne, atonischen Geschwüren, 
von Chatzky bei Psoriasis, von Abranitschef bei chronischer Urticaria. 
Oudin selbst fasst seine mehrjährigen Erfahrungen in folgenden Schluss¬ 
sätzen zusammen: »Die hochgespannten Ströme können mit Erfolg bei Er¬ 
krankungen der Haut und der Schleimhäute verwandt werden, indem man 
sie, wie ich angegeben habe, auf den Locus morbi unmittelbar einwirken 
lässt. Sie sind von mächtigem Einfluss auf die Nervenendigungen, was durch 


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Arsonvalisation. — Asterol. 


»> G 

die Beseitigung des Juckens, durch die rasche Heilung von Trophoneurosen 
und Herpes Zoster bewiesen wird. Sie äussern ferner eine gifttödtende Wir¬ 
kung, was sowohl aus den Laboratoriumsversuchen, wie auch der klinischen 
Erfahrung hervorgeht, indem die krankhaften Symptome des Arthritismus 
rasch wegschmelzen. Auch eine keimtödtende Kraft lässt sich ihnen nicht 
absprechen, wenigstens halte ich meine Heilungen des Lupus, des Molluscum 
contagiosum, sowie des blennorrhoischen Katarrhs des Collum uteri als be¬ 
weisend dafür. Sie bilden schliesslich eine neue Form der Um¬ 
setzung von Elektricität in Licht und dürfen einen ebenbür¬ 
tigen Platz neben den anderen physikalischen Heilmethoden 
beanspruchen.« 

Literatur: Etienne de Fodor, Experimente mit Strömen hoher Wechselzahl und 
Frequenz. Wien, A. Hartleben, 1894. — d'Arsonval, Action physiologique et therapeutique 
des courants ii haute frequence. Arch. d’electrieite med. 1897, pag. 165, 213. — Oudin, 
Ueber die Wirkungsweise des Wechselstromes und der hoehgespannten Ströme bei den Er¬ 
krankungen der Haut und der Schleimhäute; deutsch von Türkheim. Monatsh. f. prakt. 
Dermat. Februar 1898, XXVI, Nr. 4, pag. 169. — De Metz (lelectrocapacit^ du corps hurnaiu 
et son röle dans le Circuit ä courant alternatif), Vortrag in russischer Sprache auf dem 
Congress in Kiew 1898. — Benedikt, Die »Arsonvalisation« in der Medicin. Wiener med. 
Wochenscbr. 1899, Nr. 5. — Eulenburg, Ueber die Wirkung und Anwendung hochgespannter 
Ströme von starker Wechselzahl (D ARsoNVAL-TE8LA-Ströme). Deutsche med. Wochenscbr. 19U0, 
Nr. 12, 13. — Doumer, Action des courants de haute frequence et de haute tension sur la 
tuberculose pulmonaire chronique. Compt. rend. de l’Aead. des Sciences. 26. Februar 1900. 

A. Eulenburg. 

0 CO CH 

Aspirin, C 6 H 4 <(^qqjj‘ 3 , Acetylsalicylsäure, auch Salicyl- 

essigsäure, wurde von H. Dreser als Ersatz der Salicvlsäure und des 
salicylsauren Natrons mit der Begründung empfohlen, dass diese bekannt¬ 
lich die Magenschleimhaut reizen, während das im sauren Magensafte kaum 
zerlegbare Aspirin den Magen beinahe unverändert passirt und erst im 
alkalischen Darmsaft in seine Componenten zerfällt. Thatsächlich berichten 
Witthauer, Lengyel, Ketly, dass das Aspirin nie Magenbeschwerden oder 
Appetitlosigkeit verursacht hat, und dass es im übrigen bei Gelenk- und 
Muskelrheumatismus, als Fiebermittel die gleiche Heilkraft wie Salicylsäure 
zeigt. Nach H. Dreser drückt Natriumsalicylat die Arbeitsleistung des 
Herzens herab, während in der äquimolecularen Concentration das Aspirin- 
Natrium die Herzarbeit steigerte. (Es sind 138 G. E. Salicylsäure, 160 G.E. 
salicylsaures Natron, 180 G. E. Aspirin und 202 G. E. Aspirin-Natrium äqui- 
moleculare Mengen.) Wolffberg und auch Schmeidler verwenden es zur 
Herabsetzung der Schmerzen bei bestimmten Augenleiden, namentlich bei 
Glaucoma chronicum und haemorrhagicum, Iritis chronica, Episkleritis. Bei 
Neuralgien und Pleurodynie fand Floecklyger das Aspirin wirkungslos. 

Das Aspirin bildet weisse Krystallnadeln, die bei 135° C. schmelzen, 
sich in Wasser von 37° C. zu 1%, leichter in Alkohol und Aether lösen. Das 
Präparat giebt mit verdünnter Eisenchloridlösung keine blauviolette Färbung 
wie Salicylsäure. Das Mittel hat einen angenehmen säuerlichen Geschmack. 

Dosirung. Innerlich in Dosen von 1,0 4mal täglich, zweckmässig mit 
der 3—4fachen Menge Zucker in etwas Wasser eingerührt. 

Literatur: H. Dreser, Pharmakologisches über Aspirin. Arch. f. d. ges. Physiol. 1899, 
LXXIX. — R. Witthauer, Aspirin, ein neues Salicylpräparat. Die Heilkunde. April 1899, 
Heft 7. — J. Wohlgbmuth, Ueber Aspirin (Acetylsalicylsäure). Therap. Monatsh. Mai 1899, 
Heft 5. — L. Lengyel, Aspirin, ein neues Salicylpräparat. Die Heilkunde, August 1899, 
Heft 18. — Ketly, Aspirin. Ebenda. October 1899, Heft 1. — Wolffberg, Aspirin. Wochen- 
schiift f. Therap. und Hygiene des Auges. August 1899, Nr. 47. — Schmeichler, Aspirin. 
Wiener med. Wochenschr. September 1899, Nr. 38. Loebisch. 

Asterol. Paraphenolsulfosaures Quecksilberammoniumtar- 
tarat (C 12 H 10 0 8 S 2 Hg) . 4 (C 4 H 4 0, ; ) (NH 4 ) 2 + HoO, wurde von Fr. Stely- 


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Asterol. — Augenheilmittel. 


37 


mann als vorzügliches Antisepticum empfohlen, zunächst wegen seines Ge¬ 
haltes an Sulfophenolsäure und an Quecksilber, ferner wegen seiner Löslich¬ 
keit im Wasser. Es stellt ein krystallinisches, röthlichweisses Pulver dar, 
welches sich in warmem Wasser leicht und klar löst und dessen Lösungen 
auch beim Erkalten völlig klar bleiben. Nach Steinmann kommt dem Asterol 
eine bedeutende baktericide Kraft zu, die es auch in eiweisshaltigen Medien 
nicht einbüsst. Den Lösungen fehlt der üble Geruch und die unangenehme 
Hautwirkung der Carbolsäure und des Lysols und es entbehrt der lästigen 
Undurchsichtigkeit und des zerstörenden Einflusses, welchen das letztere 
auf Kautschuk ausübt. Die Wunden werden durch die in Betracht kommen¬ 
den Lösungen nicht geätzt. Die Tiefenwirkung ist eine sehr grosse. Das 
Asterol soll sich gut verwenden lassen zur Desinfection der Hände und des 
Operationsfeldes sowohl, wie auch der Instrumente, da es dieselben nicht 
angreift. Diesen Angaben widersprechen allerdings die Resultate der Unter¬ 
suchung von Vertun, die ergaben, dass sich das Asterol EiweissVerbindungen 
gegenüber durchaus nicht indifferent verhält, Eisen, wenn auch in geringerem 
Grade wie Sublimat, angreift und überdies eine 7mal schwächere baktericide 
Wirkung äussert als dieses letztere (s. auch Hydrargyrol). 

Literatur: Fb. Steinmann, Ueber zwei neue Quecksilbersalze und über deren Werth 
als Antiseptiea. Aus der Klinik des Prof. Kocher in Bern. Berliner klin. Wochenschr. 1899, 
Nr. 11. — Vertun, Ebenda. Nr. 20. Loebisch, 

Atmokausis, s. Vaporisation. 

Atrabilin, vergl. Augenheilmittel, pag. 42. 

Atropin, Atroscin, ibid. pag. 37, 38. 

Angenhellmittel. Von der grossen Menge der in den letzten 
Jahren aufgetauchten neuen Heilmittel sollen hier nur diejenigen aufgeführt 
werden, welche direct am Auge zur Verwendung kommen, aber nicht die¬ 
jenigen, welche zur internen Anwendung bestimmt, selbstverständlich auch 
vom Augenärzte gebraucht werden, ohne Augenheilmittel im engeren Sinne 
zu sein, z. B. das Aspirin, die Albacide, mercurielle Präparate etc. 

In erster Reihe sollen die Mydriatica genannt werden und scheint es 
vorteilhaft, vergleichsweise auch die alten hier mit zu erwähnen. 

In den verschiedenen Solanaceen aus den Gattungen Atropa, Scopolia, 
Hyoscyamus, Datura, Mandragora, Solanum, Anisodus sind wenigstens zwei 
Alkaloide enthalten, von denen das eine C 17 H 23 N0 3 , das andere C l7 H 31 N0 4 
zusammengesetzt ist, so dass das zweite als Oxydationsproduct des ersteren 
betrachtet werden kann. Das erster© ist das Hyoscyamin, welches durch 
Einwirkung von Alkalien leicht in eine isomere Base, Atropin, sich ver¬ 
wandelt. Letzteres scheint in geringer Menge auch in manchen der er¬ 
wähnten Pflanzen direct vorzukommen, doch ist es leicht möglich, dass in 
den lebenden Pflanzen stets nur Hyoscyamin enthalten ist und das Atropin 
nachträglich in den abgestorbenen Pflanzentheilen sich bildet. 

Das Atropin wird aus der Wurzel der Atropa Belladonna gewonnen 
und als Atr. sulfuricum oder salicylicum in 0,5—l°/ 0 iger Lösung verwendet. 
Es lähmt den Sphincter pupillae und die Accommodation. Die Wirkung 
beginnt 15—20 Minuten nach der Einträuflung, hat gewöhnlich in 15 bis 
20 Minuten ihr Maximum erreicht; die Wirkung ist eine langdauernde, 
beginnt mit dem 3. Tage abzunehmen, ist aber erst in 6—10 Tagen voll¬ 
kommen verschwunden. Es soll den intraoculären Druck erhöhen, was aber 
von anderer Seite in Abrede gestellt wird; sicher ist nur, dass es bei 
glaukomatösen Processen druckerhöhend wirkt und daher bei diesen Leiden 
oder bei Verdacht auf dieselben streng zu vermeiden ist. Die leichten Ver¬ 
giftungserscheinungen, die durch Atropin dadurch eintreten können, dass 


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Augenheilmittel. 


:;8 

durch den Thränennasengang etwas von der Lösung nach abwärts gelangt, 
bestehen im Gefühle von Trockenheit im Halse, entsprechenden Beschwerden 
beim Schlingen und Sprechen; schwerere Erscheinungen, wie Pulsbeschleu¬ 
nigung, Ueblichkeit, Schwindel, Unruhe, Desorientirung und Delirien werden 
wohl selten beobachtet. 

Das Hyoscyamin, das in der Augenheilkunde keine Verwendung 
findet, soll identisch sein mit Du boisin; nach anderen soll letzteres neben 
Hyoscyamin und Hyoscin noch andere nicht genügend erforschte Alkaloide 
enthalten. Es stammt von Duboisia myoporoides und wird als D. muriaticum 
in 0,5—l%igen Lösungen gebraucht. Es bewirkt wie Atropin Mydriasis 
und Accominodationslähmung, die schon nach 7—8 Minuten eintreten, in 
einer halben Stunde ihren Höhepunkt erreichen, aber nur etwa 5 Tage an- 
halten. Es ist giftiger als das Atropin und wirkt 2—3mal kräftiger. Es ist 
daher mit Vorsicht anzuwenden, da Unbesinnlichkeit und Delirien eintreten 
können. Manche Kranke, die eine Idiosynkrasie gegen das Atropin besitzen, 
vertragen es jedoch ganz leicht. 

Das nicht gebrauchte Daturin wirkt dem Atropin ganz ähnlich und 
ist diesem isomer. 

Die zweite Base ist das Hyoscin oder, was dasselbe sein soll. Sco- 
polamin. Es scheint, dass das Hyoscin durch Alkalien eine ähnliche Um¬ 
wandlung erleide, wie das Hyoscyamin, wenn auch schwieriger und dabei 
in inactives Scopolamin oder Atro sc in übergehe. 

Das Hyoscin wird als H. hydrojodatum in 0,1 — 0,5° 0 iger Lösung ver¬ 
wendet. Es wirkt zehnmal kräftiger als Atropin und erzeugt Mydriasis und 
Accommodationslähmung in 10—15 Minuten, die Wirkung dauert 5—7 Tage. 
Es ist sehr giftig, erzeugt leicht Sprachstörung. Unbesinnlichkeit, Schwindel. 
Taumeln. Schlafsucht, Delirien. Es ist deshalb nur wenig verwendet worden. 

Trotzdem es mit dem Hyoscin identisch sein soll, ist das Scopolamin 
eines der in neuester Zeit am meisten gebrauchten Mydriatica geworden. 
Es soll das Hyoscin nach Peters nur ein mehr oder weniger verunreinigtes 
Scopolamin sein. Man verschreibt es als H. hydrojodatum oder hydrobro- 
matum in 0,1—0,2°/ 0 igen Lösungen. Es wirkt schneller und kräftiger als 
Atropin, so dass eine 0.1%ige Lösung etwa einer 0,5%igen Atropinlösung 
gleichkommt. Die Wirkung tritt in 7 Minuten ein, wird maximal in 25 Mi¬ 
nuten und dauert 4—7 Tage. Es wirkt lähmend auf die Hirnrinde, verlang¬ 
samt den Puls, während Atropin die Hirnrinde reizt und Pulsbeschleunigung 
hervorruft. Unangenehme Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet, 
doch soll es den Binnendruck des Auges nicht vermehren und daher bei 
Glaukom zulässig sein, trotzdem ist in dieser Beziehung (wie bei allen 
Mydriaticis) zu grosser Vorsicht zu mahnen. Ich benütze es seit mehreren 
Jahren fast ausschliesslich an Stelle des Atropins. 

Das Atro sein, das in 2%igen Lösungen kräftiger wirken soll als 
das Scopolamin, soll häufig leichte Intoxicationserscheinungen machen und 
namentlich auch wegen der manchmal versagenden accommodationslähmenden 
Wirkung keine Vortheile vor dem Scopolamin besitzen. 

Durch Abspaltung von Wasser kann sich das Hyoscyamin leicht in 
Apoatropin oder Atropamin verwandeln und dieses wieder in das ihm 
isomere Belladonnin. 

Die im Handel vorkommenden Präparate sind fast stets Gemenge der 
genannten Alkaloide, wenn nicht durch die Forderung der Pharmakopoe 
völlige Reinheit gesichert ist (Pinxkr). 

Während die aufgeführten Mittel eine möglichst kräftige Wirkung bei relativ 
geringster Giftigkeit hervorrufen sollten, handelt es sich bei den jetzt zu 
nennenden um eine für den gewünschten Zweck (Pupillenerweiterung behufs 


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Augenheilmittel. 


Augenspiegeluntersuchung oder Accommodationslähmung wegen Refractionsbe- 
stimmung) ausreichende Wirkung und um die möglichst geringe Dauer derselben. 

Das Homatropin kommt in der Natur nicht vor; es ist aus Tropin 
und Mandelsäure aufgebaut (C 16 H 21 N0 3 ); Tropin und Tropasäure sind Zer- 
setzungsproducte des Atropins. Es wird in l%iger Lösung gebraucht, macht 
Mydriasis und Accommodationslähmung, die in 12—15 Minuten beginnen, in 
40 Minuten ihr Maximum erreichen, aber in 8—10 Stunden, spätestens in 
einem Tage verschwunden sind. Intoxicationserscheinungen sind nicht zu 
befurchten, bei Glaukom ist es zu vermeiden. Es eignet sich wegen seiner 
rasch vorübergehenden Wirkung besonders zu diagnostischen Zwecken, 
namentlich wird es als besonders geeignet zur objectiven Refractions- 
bestimmung erklärt, da es die Accommodation vollständiger lähmt als 
die nachfolgend zu erwähnenden Mittel. 

Ueber Gelse min von Gelsemium sempervirens, das eine 12—17 Stunden 
dauernde Mydriasis erzeugt, ist wenig bekannt. 

Das Gleiche gilt von Ephedrin, das von Ephedra vulgaris stammt. 
Eine 10°; 0 ige Lösung von E. hydrochloricum erzeugt Mydriasis mit erhaltener 
Lichtreaction und beeinflusst die Accommodation nur wenig; die Wirkung 
dauert 4 Stunden, nach anderen 5—20 Stunden. 

Geppert nannte eine Mischung von Homatropinum hydrobromicum 
0,01, Ephedrinum hydrochloricum 1,0, Aq. dest. 10,0, Mydrin. Groexow 
constatirte, dass es nach 8 J / 2 Minuten Mydriasis bewirkt, die nach 30 Mi¬ 
nuten maximal wurde, nach einer Stunde wieder abzunehmen begann und 
in 4—6 Stunden verschwunden war. Die Sehstörungen dauerten, wenn sie 
überhaupt vorhanden waren, höchstens 1 Stunde. Nach Schultz ist die 
Gesammtwirkung nach 6 — 7 Stunden vorüber. Zu diagnostischen Zwecken 
ist das Mittel umso geeigneter, als es die Accommodation nur in geringem 
Grade lähmt. 

Ueber Mydrol, Jodmethyl-Phenylpyrazol, berichtet Cattanea, dass es 
in 5—10%iger Lösung neben starker Contraction der Conjunctivalgefässe 
eine nur wenige Stunden andauernde Mydriasis mit nur geringer Beeinflussung 
der Accommodation hervorrufe. Weiteres ist über das Mittel nicht bekannt. 

In seiner Wirkung ist ihm das Cocain verwandt, das bekanntlich 
ebenfalls vasoconstrictorisch wirkt, kurzdauernde Mydriasis mit Erhaltung 
der Beweglichkeit der Pupille hervorruft und die Accommodation nur wenig 
alterirt. Zu diagnostischen Zwecken findet es deshalb häufige Anwendung 

Allen zu letzterem Zwecke dienenden Mydriaticis ist wohl das 
Euphthalmin (E. hydrochloricum) überlegen. Es ist das salzsaure Salz des 
Mandelsäurederivates des labilen n-Methylvinyldiacetoncalmins. Die Wirkung 
einer 5%igen Lösung beginnt nach 5—10 Minuten, erreicht den Höhepunkt 
in 6)0—80 Minuten, die subjectiven Beschwerden schwinden nach 2—3 Stunden, 
in 4—7 Stunden ist die Wirkung vorüber, schneller als bei Homatropin. Die 
Accommodation wird nur wenig, in einem in praktischer Hinsicht ganz zu ver¬ 
nachlässigendem Grade gelähmt. Auch soll es nach dem übereinstimmenden 
Urtbeile mehrerer Autoren den intraoculären Druck nicht beeinflussen und 
ohne Nachtheile bei Glaukom angewendet werden können. Einzelne wenden 
eine 10%ig© Lösung an. die meisten halten eine 5%ige für vollkommen 
genügend. Für diagnostische Pupillenerweiterung verdient es daher vor allen 
seinen Rivalen den Vorzug. 

Die Miotica anbelangend liegt eine nette Arbeit von Bietti über das 
Arecolin vor (s. diese Jahrbücher, VI, pag. 28). Es ist ein kräftiges Mioticum, 
wirkt energischer als Eserin und auch in solchen Fällen, wo dieses im 
Stiche liess , doch ist die Wirkung rasch vorübergehend (l 1 /.,—3 Stunden) 



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Augenheilmittel. 


und blieb in einzelnen Glaukomfällen ganz aus. Man wendet 1—2%ige 
Lösungen von A. hydrobromicum an. 

Anaesthetica. Rogman hat alle die üblen Folgen, welche die Anwen¬ 
dung des Cocains nach sich ziehen soll, zusammengestellt. In erster Reihe 
ist die Austrocknung des Cornealepithels zu nennen, ferner die Mydriasis und 
die unbedeutende Accommodationslähmung, die druckerhöhende Wirkung 
bei Glaukomdisposition, andererseits die Herabsetzung des Druckes, die sich 
bei Staaroperationen unangenehm geltend macht, die Vergiftungserschei¬ 
nungen in einzelnen Fällen, die Unmöglichkeit, das Mittel durch Kochen zu 
sterilisiren. 

Alle diese Uebelstände haben keine solche Bedeutung, dass sie der 
Verbreitung des Cocaingebrauches hätten hinderlich sein können. Die Cornea 
bleibt intact, wenn man während des Cocainisirens das Auge geschlossen 
hält. Die Mydriasis ist wenig lästig, da die Beweglichkeit der Pupille er¬ 
halten ist, die Accommodationslähmung kaum merkbar, die üble Wirkung 
auf glaukomverdächtige Augen kann durch gleichzeitige Anwendung eines 
Mioticums vermieden werden (vergl. meine diesbezüglichen Untersuchungen 
in »Ophthalmologische Untersuchungen an der II. Universit&tsaugenklinik in 
Wien«, Wiener med. Presse, 1885), die Vergiftungserscheinungen durch Ein¬ 
träufelungen gehören zu den grössten Seltenheiten. Trotzdem ist gegen das 
Suchen von Ersatzmitteln des Cocains nichts einzuwenden. Nur drei derselben 
kommen wesentlich in Frage, das B-Eucain, das Tropacocain und das Holocain. 

Das E u c ain ist Benzoylmethyltetramethyl-y-Oxypiperidincarbonsäure- 
methylester. Von dessen salzsaurem Salze existiren zwei Formen, die man 
als Eucain A und Eucain B bezeichnet hat. Das erste wirkt wahrscheinlich 
wegen des Gehaltes an Methylalkohol ziemlich stark reizend und ist zur 
Anwendung in der Augenheilkunde nicht geeignet. Das zweite, das Eucain B, 
wirkt weniger reizend und kann allein in Frage kommen. Es verursacht 
beim Einträufeln unangenehmes Brennen, ruft in 2%iger Lösung nach 2 bis 
5 Minuten vollständige Anästhesie hervor durch 10—20 Minuten, Pupille, 
Accommodation und Augendruck werden nicht beeinflusst. Es ist weniger 
giftig, haltbarer als Cocain und ist durch Kochen sterilisirbar. Aber die 
Reizerscheinungen, die es hervorruft (Thränenfluss und Röthung der Binde¬ 
haut), die bei 4—5%iger Lösung, durch die auch Schädigung des Corneal¬ 
epithels eintritt, sehr hochgradig werden, machen seine Brauchbarkeit sehr 
zweifelhaft. 

Das Tropacocain (Benzoylpseudotropein) wurde in den Cocablättern 
entdeckt, später aber reiner und wirksamer synthetisch dargestellt. Es wird 
eine 3%ige Lösung von Tr. hydrochloricum verwendet, der man stets 
0,6% Chlornatrium zusetzen muss, wodurch es jede Reizwirkung verliert. 
Die anästhesirende Wirkung tritt nach 1%—2 Minuten ein und dauert 
20 Minuten. Es anämisirt nicht, Pupille und Accommodation werden nur in 
unbedeutendem Grade beeinflusst. Es ist sehr haltbar, wirkt antiseptisch 
und darf gekocht werden. Seiner allgemeinen Verwendung ist nur der ziem¬ 
lich hohe Preis etwas hinderlich; es kostet dreimal soviel als Cocain. 

Holocain ist chemisch p Diäthoxyäthenyldiphenylamidin. Das Holo¬ 
cain wird als H. hydrochloricum in 1° 0 iger Lösung verwendet; 1—2 Tropfen 
wirken schon in %—l 1 /* Minuten kräftig anästhesirend ohne stärkeres 
Brennen als Cocain zu verursachen; die Wirkung dauert 10—15 Minuten. 
Es bewirkt weder Ischämie noch Mydriasis oder Accommodationsparese, 
auch erhöht es nach den bisherigen Erfahrungen den intraoculären Druck 
nicht. Es wirkt kräftig antiseptisch und lässt sich auch durch Kochen sterili¬ 
siren. Die anfänglich angenommene Sicherheit des Cornealepithels gegen Ab- 


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Augenheilmittel. 


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trocknung ist auch beim Holocain nicht vorhanden. Es ist giftiger als Cocain, 
doch dürften wegen der geringeren Concentration der Lösung und der 
raschen Wirkung Intoxicationserscheinungen nicht zu befürchten sein. 
Schultz, welcher berichtet, dass es auf der Berliner Universitätsklinik in 
ausgedehntester Weise seit Ende 1897 verwendet wird, hält es für das zur 
Zeit geeignetste Anästheticum in der Augenheilkunde, jedoch nur zum Ein¬ 
träufeln in l°/ 0 iger Lösung. Auch Knapp spricht sich in sehr entschiedener 
Weise zu Gunsten des Holocains aus. 

Zum Schlüsse möge noch das Anesin Erwähnung finden. Es ist eine 
wässerige Lösung des Acetonchloroforms. Es ist nach v. Vamossy, der es 
einführte, gleichwerthig einer 2%igen Cocainlösung, wird also, wo eine 
solche nicht ausreicht, das Cocain nicht ersetzen. Baden des Auges durch 
1 Minute in der Lösung macht die Cornea unempfindlich, aber nicht die 
Iris ; die Pupille bleibt unbeeinflusst. Glänzende Erfolge soll man bei sub- 
cutaner Anwendung erhalten, wobei die vollkommene Ungiftigkeit des Mittels 
hervorzuheben ist. 

Schmerzstillend zu wirken, wenn auch in anderem Sinne als die ge¬ 
nannten Mittel, ist auch die Aufgabe des Acoins. Acoine sind Alkyloxyphenyl- 
guanadine. Das Acoin par excellence, das Acoin C ist Diparanisylmonopara- 
phenetylguanidinchlorhydrat. Ins Auge geträufelte Lösungen erzeugen an 
Kaninchen sofort oder nach 1—2 Minuten Anästhesie, Lösungen von 1:1000 
durch 15 Minuten, 1:200 durch 1 Stunde, 1:100 durch 40 — 80 Minuten, 
1:40 länger als einen Tag. Beim Menschen ist die Wirkung viel geringer, 
so dass das Acoin mit dem Cocain nicht concurriren kann. Kaltes Wasser 
löst ti% Acoin, es ist aber gerathen, nur l%ig e Lösungen anzuwenden. 
Das Acoin ist ungiftig, starke Lösungen erzeugen jedoch, unter die Haut 
gespritzt, locale Nekrose. 

Darier empfiehlt, den von ihm geübten subconjunctivalen Cyanqueck- 
silberinjectionen Acoin beizufügen, wodurch sie vollständig unschmerzhaft 
werden. Er erzeugte diese Schmerzlosigkeit, wenn er V 4 Pravazspritze ein^r 
Lösung von Cyanquecksilber 0.01, Chlornatrium 1,00, Aq.dest.5o einen 
Tropfen einer l%i£ en Acoinlösung zusetzte, und fand, dass man auch 1 :300<> 
oder 1:1000 schmerzlos injiciren könne, wenn man zwei Theilstriche l%ige 
Acoinlösung hinzufügt. Einer 4°/ 0 igen Chlornatriumlösung setzte er zwei 
Theilstriche der genannten Lösung für eine ganze Spritze zu. Einen anfangs 
empfohlenen kleinen Zusatz von Cocain erklärte er später für überflüssig. 
Auch 1:1000 Jodtrichlorlösungen hat Darier mit Acoinzusatz fast ohne 
Schmerzen injicirt. 

Anzureihen ist an dieser Stelle das Dion in, das salzsaure Salz des 
Monoäthyläthers des Morphins. Es bewirkt, in den Conjunctivalsack ge¬ 
bracht, wie Wolffberg fand, nach wenigen Minuten ein starkes wässeriges 
Oedem der Lidränder und eine starke wässerige chemotische Schwellung 
der ganzen Conjunctiva bulbi, welche Wolffberg als durch Lymphstauung 
entstanden erklärt. Diese Erscheinungen dauern etwa 2—3 Stunden, können 
sich aber auch viel länger, bis zu 18 Stunden hinziehen. Bei öfterer Appli¬ 
cation des Mittels nimmt die Empfindlichkeit des Individuums ab und die 
Reaction tritt weniger heftig, oft nur in unbedeutendem Grade auf. Es giebt 
übrigens Personen, die überhaupt nur in kaum nennenswerther Weise auf 
das Mittel reagiren und bei denen auch die curative Wirkung ausbleibt. 
Die lymphtreibende Wirkung soll zu einer Verbesserung der Ernährungs¬ 
verhältnisse führen und daher sehr heilkräftig sein, besonders bei Hornhaut¬ 
entzündungen, namentlich auch bei mit Wundinfection verbundenen Horn- 


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hautverletzungen. Die günstige Beeinflussung der Wundheilung veranlasste 
Wolffberg, das Dionin bei jeder Bulbusoperation anzuwenden, auch erwies 
es sich als Unterstützungsmittel bei Behandlung des Glaukoms. Betreffs der 
Keratitis empfiehlt er es besonders bei solchen, die nicht von Bindehaut¬ 
leiden abhängig sind. Gräfe führt als günstig beeinflusste Leiden auf: 
Cornealalfectionen älteren Datums, alte trockene Katarrhe, chronische Lid¬ 
randentzündungen, Episcleritis rheumatica, Iritis, Chorioretinitis specifica. 
flottirende Glaskörpertrübungen bei Myopie. 

Darier entdeckte, dass es ein ausgezeichnetes schmerzstillendes Mittel 
sei besonders bei Iritis, schmerzhafter Episkleritis und Keratitis. 

Man wendet das Dionin in 5- oder 10%igen Lösungen an (bis zu 14° 0 
sind löslich, Darier bevorzugt die erstere), oder bringt ein Körnchen noch 
ungelösten Salzes in den Bindehautsack. Injectionen unter die Bindehaut 
(bis 0,01 pro dosi) werden nicht von allen Patienten gleich gut vertragen. 

Subjective Beschwerden verursacht das Dionin nicht, höchstens ein 
leichtes, bald vorübergehendes Brennen. 

Dass, wie Gräff. angiebt, nach Dionin Niesen sich einstellt, und zwar 
wenn ein Körnchen vorsichtig in den Bindehautsack gebracht wird, kann 
ich bestätigen. Ich sah es ab und zu bei Erwachsenen wie auch bei ganz 
kleinen Kindern. 

Peronin (das chlorwasserstoffsaure Salz des Benzylmorphins) wirkt 
dem Dionin ganz ähnlich, doch ist letzteres der leichten Löslichkeit halber 
vorzuziehen Heroin und Morphin sind ihrer grossen Giftigkeit halber 
nicht verwendbar, entfalten aber nach Darier die gleiche analgesirende 
Wirkung. 

Atrabilin. Das von Bates, Kyle, Müller, Timofejew, Fromaüet. 
Königstein u. a. empfohlene Extractum suprarenale haemostaticum ist, da 
es sich sehr leicht zersetzt und übelriechend wird, in der Praxis nicht gut 
verwendbar. Die gleichen Uebelstände haben frisch zubereitete anatomische 
Präparate und das von Fränkel gefundene Sphygmogenin. Dem Apotheker 
Leschnitzer in Breslau ist es gelungen, ein Präparat herzustellen, dem diese 
Fehler nicht anhaften und dem der Name Atrabilin beigelegt wurde (von 
Capsula atrabilia = glandula suprarenalis). Es ist eine gelbliche, leicht 
opalescirende, schwach fleischextractähnlich riechende Flüssigkeit. Die von 
Wolffberg, auf dessen Veranlassung das Präparat hergestellt wurde, er¬ 
probte Wirkung ist folgende: Alle Symptome, die das Cocain hervorbringt, 
treten in ungleich stärkerem Grade ein, mit Ausnahme der Anästhesie und 
der Mydriasis. Die Ischämie beschränkt sich nicht auf die oberflächlichen 
Gefässe, sondern erstreckt sich auch auf die gröberen und tieferen, auf die 
eigentlichen Ciliargefässe. Gleichzeitig stellt sich eine spastische Erweiterung 
der Lidspalte bei vollkommener Schlussfähigkeit ein und mässiges Hervor¬ 
treten des Auges bei vollständig erhaltener Beweglichkeit, sowie eine Ab¬ 
nahme der Thränensecretion. 

Man wendet es in 50%i& er Verdünnung oder am besten unverdünnt 
an bei Iritis, Episkleritis, Keratitis, Trachom. Bei Iritis räth Wolffberg, 
jeder Atropineinträufelung eine Atrabilineinträufelung folgen zu lassen. Man 
kann es sehr oft im Tage gebrauchen lassen. Die anämisirende Wirkung 
dauert 1—2 Stunden; ich lasse stets von neuem einträufeln, sobald die 
Wirkung nachlässt. Der augenblickliche Effect ist in den meisten Fällen 
ein geradezu verblüffender. 

Man kann es auch zu kosmetischen Zwecken anwenden bei müden, 
vom Weinen oder auch vom Wein gerötheten Augen; dazu genügt eine 
20%ige Verdünnung. 


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Ersatzmittel des Argentum nitricum. Gross ist die Zahl der Mittel, 
welche an die Stelle des Argentum nitricum treten wollen. Bei allen an¬ 
erkannten Vorzügen dieses Heilmittels hat es den Nachtheil, dass es ätzt, 
dass durch die oberflächliche Verschorfung der Epithelien das Eindringen in 
die Tiefe behindert wird, um dort seine antiseptischen Eigenschaften zu 
entfalten und endlich, dass es beträchtliche Schmerzen verursacht, welche 
seiner Anwendung in der Praxis manches Hinderniss in den Weg legen. 
Diese Uebelstände sollen die neuen Silberpräparate nicht haben. Es ist aber 
noch sehr abzuwarten, ob sie imstande sein werden, den Höllenstein zu 
verdrängen. Es mögen hier angeführt werden: Argentamin, Argonin, Actol, 
Silbersulphophenat, Itrol, Protargol und Largin. 

Das Argentamin ist eine Lösung von Aethylendiaminsilberphosphat. 
Es ist eine klare Flüssigkeit, reagirt alkalisch, entspricht einer I0°/ O igen 
Höllensteinlösung, eine Verdünnung von 1 : 10 hat also den Werth einer 
l%igen Höllensteinlösung. Das Aethylendiamin hat die Eigenschaft, die 
Niederschläge, welche die Silbersalze bei Berührung mit lebenden Geweben 
bilden, wieder aufzulösen, wodurch das Eindringen des Silbersalzes in die 
Tiefe, wo es seine kräftige baktericide Wirkung bethätigen soll, wesentlich 
begünstigt wird. 

Beim Touchiren mit dem Mittel muss man es reichlich anwenden, da 
der erste Tropfen, der in den Bindehautsack kommt, einen nur im Ueber- 
schusse löslichen Niederschlag bildet. 

Pergens theilt mit, dass man in der Fabrik wegen der geringen Halt¬ 
barkeit des Silberphosphats dieses in äquivalenter Weise durch Silbernitrat 
ersetze; es giebt also ein Phosphorargentamin und ein Nitrargentamin. 

Die Berichte von Hoor und Darier beziehen sich möglicherweise nur 
auf das erstere. 

Nach diesen verursacht es viel weniger Schmerz als eine adäquate 
Höllensteinlösung (Darier). Nach Hoor macht es keine Schmerzen und keine 
Reizungserscheinungen, kann 3—4mal im Tage eingeträufelt werden und 
ist bei iritischen und cyclitischen Processen nicht contraindicirt; es führt 
nicht zu Argyrose. Es ist dem Höllenstein an baktericider Kraft bedeutend 
überlegen, doch sagt Hoor, dass es sich als Prophylacticum bei Neugeborenen 
nicht bewährt hat. Darier hält es für gleich wirksam dem Argentum nitricum. 
vielleicht wirksamer als dieses, bei Blennorrhoe wirke 2%iger Höllenstein 
aber vielleicht energischer. 

Argonin ist eine Verbindung von Casein mit Silber, bildet ein in 
Wasser lösliches krystallinisches Salz, von dem 15 Theile 1 Theil Silber¬ 
nitrat entsprechen. Es enthält nur 4,2% Silber, soll keine Reizerscheinungen 
machen und sehr rasch Gonokokken tödten, hat aber keine anti catarrha- 
lische und adstringirende Wirkung. Darier hat es nicht versucht. 

Itrol, citronsaures Silber, wurde von Crki>£ in die Praxis eingeführt 
und besonders zu Wundverbänden benützt. Leichtes, ganz feines Pulver, das 
sich zu Einstäubungen eignet und nicht die geringste Reizwirkung besitzt; 
nach Mergl verursacht es kurze Zeit brennenden Schmerz. Darier hat ge¬ 
funden, dass es dem Argentanin in nichts überlegen sei und hat es nicht 
weiter benützt. 

Nbxadowitsch (Moskauer Congress) hat es in 1—3%igen Lösungen 
und als Pulver bei granulöser Conjunctivitis mit bestem Erfolg empfohlen; 
auch Mergl rühmt es sehr bei secernirenden Bindehautentzündungen. Es 
giebt aber Patienten, die das Itrol nicht vertragen und bei denen es die 
Cornea angreift. 


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Actol, milchsaures Silber, ist in 25 Theilen Wasser und eiweisshältigen 
Flüssigkeiten löslich, sehr antiseptisch wirksam, soll selbst in einer Ver¬ 
dünnung von 1 : 80.000 Jede Weiterentwicklung von Mikroben hemmen. 
Nach Mergl soll es am Auge bedeutend stärkere Schmerzempfindungen 
machen als Itrol, — es molestirt den Kranken oft J /. 2 Stunde und ätzt die 
intacte Cornea. 

Silbersulphophenat. Nach Zanardi hat es alle antiseptischen 
Eigenschaften der Silbersalze ohne reizend zu wirken, soll leicht löslich 
und sehr beständig sein. Zanariu hat es nach Darier mit Vortheil in 
der Chirurgie und Augenheilkunde angewendet, genauere Mittheilungen 
fehlen noch. 

Das Protargol, eine Eiweissverbindung, Proteinsilber, wird namentlich 
von Darier in geradezu enthusiastischer Weise gerühmt. Es stellt ein gelb¬ 
braunes Pulver dar, das in Wasser in jedem Verhältnisse löslich ist: eine 
5%ige Lösung ist hellbraun, dünnflüssig, je concentrirter die Lösung ist, desto 
dunkler ist sie, eine 50%ige Lösung ist dunkelbraun, von Syrupconsistenz 
und gleicht, wie Darier ganz treffend bemerkt, dem Perubalsam. Die schwachen 
5—10%igen Lösungen werden eingeträufelt und können dem Kranken in 
die Hand gegeben werden, stärkere Concentrationen werden am besten mittels 
eines Pinsels auf die umgestülpten Lider eingestrichen, das ungelöste Pulver 
auf die Bindehaut eingestäubt und durch Massagebewegungen mit den Lidern 
verrieben. Mit Vortheil kann man auch 5—10%ige Salben mittels eines 
Salbenstäbchens in den Bindehautsack einbringen. Durch Licht werden 
Lösungen und Salben verändert, sie werden dunkler und verlieren vielleicht 
an Wirksamkeit; sie sind also in entsprechend gefärbten Gläsern aufzu¬ 
bewahren. Verschiedene Personen verhalten sich gegen das Mittel sehr ver¬ 
schieden ; bei der Mehrzahl verursacht es weder Reizerscheinungen noch 
Schmerz, bei vielen ein leichtes Brennen, bei anderen eine stärkere Schmerz¬ 
empfindung, die nicht unmittelbar nach Application desselben, sondern erst 
nach einiger Zeit eintritt; nach vereinzelten Angaben soll der Schmerz bei 
stärker concentrirten Lösungen sich von dem nach Argentum nitricum nicht 
unterscheiden, ja so heftig sein, dass die Kranken nach letzterem Mittel 
zurück verlangten. Im allgemeinen kann man aber das Fehlen des Schmerzes 
oder einen unbedeutenden Schmerz als die Regel annehmen. 

Das Protargol hat keinerlei ätzende Eigenschaften, was sein Haupt¬ 
vorzug vor dem Silbernitrat ist, es kann also beliebig oft und in beliebiger 
Concentration angewendet werden und auch in solchen Fällen, in denen der 
Höllenstein nicht zulässig ist, wie bei membranösen Belegen. 

Da das Protargol nur 8,3% Silber enthält, das salpetersaure Silber 
aber 85%, so ist es selbstverständlich, dass man von ersterem stärkere 
Lösungen und diese häufiger anwenden muss als letzteres. Dass man diese 
ausser Acht liess, ist vielleicht auch die Ursache der nicht seltenen Miss¬ 
erfolge. Die bakterientödtenden Eigenschaften des Protargols stehen ausser 
Zweifel und wird namentlich auch die Tiefenwirkung gerühmt, alles ohne 
dass dabei das Gewebe zerstört wird. 

Die grössten Erfolge weist das Protargol nach Darier und anderen 
bei den blennorrhoischen Processen auf, bei der Blennorrhoe der Neugeborenen 
und der Erwachsenen; zunächst stehen die einfachen acuten Conjunctivitiden 
mit reichlicher Secretion. Es existiren hier jedoch Unterschiede, es scheint als 
ob die durch den WEEKS schen Bacillus verursachten Entzündungen leichter 
geheilt wurden als die durch den DiplobaciJlus Morax. Bei Trachom wurden 
wohl Besserungen beobachtet, eine Heilung trat jedoch nicht ein. Bei Ble¬ 
pharitis werden von mehreren Seiten die Erfolge gelobt, die Lidränder 
werden mit dem in Protargollösung getränkten Pinsel abgerieben. Ziemlich 


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einstimmig ist das Lob betreffs der Resultate der Protargolbehandlung 
bei Blennorrhoe des Thränensackes; es werden Lösungen eingespritzt oder 
nach Antonelli 50%ige Protargolgelatinesonden, die allmählich zerfliessen, 
eingeführt. 

Emmert lobt das Protargol bei dem jeder Behandlung unzugänglichen 
sogenannten Frühjahrskatarrh. 

Endlich wird es als Ersatz des Argentum nitricum beim CREDß’schen 
Verfahren gerühmt, aber nicht in 1—2%iger, sondern in 20%iger Lösung 
(Engelmanx). 

Argyrose der Conjunctiva wurde nach Protargol wiederholt beobachtet: 
auch müssen die Kranken aufmerksam gemacht werden, dass es Flecke in 
der Wäsche verursache. 

Largin ist eine Verbindung des Silbers mit einem in Alkohol lös¬ 
lichen Zersetzungsproduct der ParanucleinproteYde; ein weisslich-graues 
Pulver von geringem specifischen Gewicht, leicht löslich in Glycerin, im 
Wasser bis 10,5% nur nach tüchtigem Schütteln. Die wässerige Lösung 
reagirt alkalisch. Es enthält ungefähr 11*101% Silber, also mehr als das 
Protargol. Vom Auge wird es in Lösungen bis 10% gut vertragen ; Reiz¬ 
erscheinungen fehlen oder sind gering. Indicirt ist es bei secernirenden 
Bindehautentzündungen, Pretori lobt es speciell bei Blennorrhoea neonatorum 
(6° 0 ige Lösung lmal täglich durch den Arzt anzuwenden, l%ig stündlich durch 
die Angehörigen). Falta blieb bei acuter Blennorrhoe beim Argentum nitricum, 
Welander (Almqvist) hat es dabei mit Erfolg angewendet. Gute Resultate 
wurden von Falta, Pretori und Welanoer mit Durchspritzungen bei Thränen- 
sackblennorrhoe erzielt, Trachom heilte unter Larginbehandlung nicht, bei 
Katarrhen und ulcerösen Cornealprocessen wurde kein Vorzug des Largins 
vor anderen Mitteln constatirt. 

Welander macht darauf aufmerksam, dass das Largin ziemlich lange 
mit der Schleimhaut in Berührung bleiben muss, weshalb er grosse Gelatine¬ 
tabletten mit l%iger Larginlösung unter die Augenlider schiebt, wo sie in 
etwa 15 Minuten zergehen. 

Ersatzmittel des Jodoforms . Sie sollen antiseptisch wirken und im 
Gegensätze zum Jodoform geruchlos sein. Letzteres sind wohl die wenigsten, 
z. B. Orthoform, Dermatol, einige haben jedoch nur einen sehr schwachen 
wenig bemerkbaren Geruch. Zu nennen sind Sanoform, Orthoform, Nirvanin, 
Xeroform, Dermatol, Jodoformin, Jodoformogen, Nosophen, Antinosin, Airol. 

Sanoform ist Dijodsalicylsäuremethyläther und entsteht durch Ein¬ 
wirkung von Jod auf Gaultheriaöl. Es ist ein aus weissen Nadeln bestehen¬ 
des, völlig geruchloses und geschmackloses Pulver, das sich weder bei Auf¬ 
bewahrung noch bei Licht zersetzt. Es schmilzt bei 110°C., ist leicht in 
Alkohol, sehr leicht in Aether und Vaseline löslich, enthält 62,7% Jod und 
ist vollkommen ungiftig. Es ist ein grosser Vortheil, dass es sich auch bei 
hohen Wärmegraden (200° C.) nicht zersetzt, so dass Sanoformgaze steri- 
lisirt werden kann. Es wird als Pulver oder als 10%ige Vaselinsalbe an¬ 
gewendet, besonders bei phlyktänulären Processen, mit bestem Erfolge bei 
Ulcus corneae (Jacobsohn). 

Orthoform ist ein namentlich von Chirurgen und Dermatologen ver¬ 
wendetes, von Augenärzten nur wenig beachtetes locales Anästheticum. Es 
ist p-Amido-m-oxybenzoesäuremethylester, ein feines, weisses, leichtes, ge- 
ruch- und geschmackloses, völlig ungiftiges, in Wasser schwer lösliches Pul¬ 
ver. Auf Schleimhäute und auf Substanzverluste der verschiedensten Gewebe 
gebracht, wirkt es schmerzstillend und dauert diese Wirkung viele Stunden, 
ja Tage. Am Auge, wo es besonders bei Substanzverlusten der Cornea und 


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a; 

Conjunctiva in Verwendung kommen kann, dauert die schmerzstillende Wir¬ 
kung nicht so lange, weil der Lidschlag das Medicament wegschwemmt, 
weshalb die Anwendung einer 5—10° 0 igen Salbe dem Einstauben des Pulvers 
vorzuziehen ist. Unmittelbar nach der Anwendung des Mittels tritt starkes 
Brennen ein, das Jedoch bald einem Gefühl der Erleichterung Platz macht. 
Ausser der anästhesirenden entfaltet das Orthoform antiseptische Wirkung. 

Neuerdings kommt es als »Orthoform neu« etwas verändert in den 
Handel, als ein feineres Pulver, das sich weniger leicht ballt und wesentlich 
billiger ist. Es reagirt stark sauer. 

Der salzsaure Diäthylglycocoll-p-Amido-o-Oxybenzoesäuremethylester, 
Nirvanin genannt, löst sich in Wasser, reagirt neutral; 5°/ 0 ige Lösungen 
erzeugen im Auge nach einiger Zeit vollständige Anästhesie, wobei die 
Conjunctiva vorübergehend gereizt wird, weshalb es sich für das normale 
Auge nicht eignet. Dagegen kann es bei Verletzungen und Geschwüren des 
Auges zweckmässig mit Cocain combinirt werden, weil man dadurch das 
Auge auf lange Zeit anästhetisch zu erhalten vermag. Mit dem Orthoform 
hat es die geringe Giftigkeit gemein. 

Das Xeroform (Tribromphenolwismuth) ist ein gelbes, neutrales, 
feines, leichtes, lichtbeständiges, unlösliches Pulver, welches, ohne sich zu zer¬ 
setzen, einer Temperatur von 120° C. unterworfen werden kann, sich also 
sterilisiren lässt. Ins Auge gebracht erzeugt es ein kurz dauerndes Brennen. 
Es wird mit Erfolg angewendet bei Wunden und Excoriationen, sowie bei 
nässenden Ekzemen der Lider, bei ekzematösen Bindehaut- und Hornhaut¬ 
leidens als Streupulver oder als 5° 0 ige Salbe, bei Hornhautgeschwüren über¬ 
haupt ; Wichkrkif.wicz staubt es nach Staaroperationen ein, Bock empfiehlt 
es beim Frühjahrskatarrh. 

Das Dermatol, basisch-gallussaures Wismuth, schwefelgelbes, feines, 
luft- und lichtbeständiges, geruch- und geschmackloses unlösliches Pulver, 
wurde von Bock speciell bei Flächenwunden der Bindehaut, z. B. nach 
Operationen oder Verätzungen empfohlen. Unübertrefflich soll es bei Kalk¬ 
verätzungen sein. 

Das Jodoformin (Jodoformhexamethylamin), weissliches oder schwach¬ 
gelbliches krystallinisches Pulver, in den gewöhnlichen Lösungsmitteln un¬ 
löslich, und das Jodoformogen, ein Jodoformeiweisspräparat, gleichfalls ein 
gelbliches, sehr feines, im Wasser unlösliches, bei 100° sterilisirbares 
Pulver, die beide geruchlos sein sollen, besitzen entschiedenen, wenn auch 
weniger intensiven Jodoformgeruch, wurden von Hook am Auge bei Ver¬ 
letzungen und Cornealgeschwüren geprüft und dem Jodoform gleichwerthig 
gefunden. 

Ebenso verhält es sich mit dem Nosophen (Tetrajodphenolphtalein), 
einem lichtbraunen, im Wasser unlöslichen Pulver ohne Geschmack, aber 
trotz der gegentheiligen Versicherungen nicht ohne Geruch, wenn auch 
in dieser Beziehung dem Jodoform entschieden vorzuziehen. In der Ver¬ 
wendbarkeit stellen sich wohl beide gleich. Das in Wasser lösliche 
Natronsalz des Nosophens (Antinosin) kann zu Einträufelungen verwen¬ 
det werden. 

Airol ist basisch-gallussaures Wismuthoxyjodit. Grünlich-graues, fast 
geruch- und geschmackloses ungiftiges Pulver. Es erregt, in den Bindehaut¬ 
sack gebracht, ein manchmal ziemlich heftiges Brennen, weshalb es anzu- 
rathen ist, vor der Application Cocain einzuträufeln. Seine Hauptwirkung 
entfaltet es bei ulcerösen Processen der Hornhaut, wo es in Pulverform 
oder als 5—10%ige Salbe verwendet wird. Es, liegen zahlreiche lobende 
Berichte vor (Boxivknto, Gallkmaerts, Whkrry, Valenti, Aurano, Fischer, 
Bourgeois). Auch nach den Erfahrungen des Referenten scheint das Airol 


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unter den Jodoformersatzmitteln den ersten Platz einzunehmen. Sehr zu 
loben ist auch die Airolpaste, besonders in der Modification mit Liniment, 
exsiccans Pick (Airol. 2,0, Boli alb. Lin. exsicc. Pick aa. 4,0), namentlich auch 
bei nässenden Gesichtsekzemen. 

Das Ichthyol hat bei Blepharitiden, ekzematösen Bindehautentzün¬ 
dungen und bei Trachom Verwendung gefunden. Zumeist wurde die von 
Sehlen angegebene Salbe benützt. Ammon, sulfoichthyol. 0,2—0,5 — 1,0, Amyli 
tritici, Oxyd. Zinc. aa. 10,0, Vaselin. 25 nach Belieben modificirt; oder Ich¬ 
thyolsolutionen. Ammon, sulfoichth. 50, Aq. dest. 40, Glycerini 10 (Eberson). 
oder Ichthyol, Aq. dest. aa. 50 (resp. 30 zu 70) [ Ja« ovides]. Die Erfolge bei 
Blepharitis sind zumeist sehr gute, bei der Trachombehandlung mit obiger 
Lösung rühmt Eberson namentlich die Schmerzlosigkeit gegenüber den 
Causticis, wenn sie auch nicht mehr leistet als diese. 

Das Ichthalbin (Ichtbyoleiweiss) hat Wolffberg auf Sack’s Erfahrungen 
hin als gefässconstringirendes Mittel intern (3mal tägl. 0*5 Grm.) bei Glaukom 
und Iritis versucht. 

Literatur: Schultz, Die älteren und neueren Mydriatica, Miotica und Anaestbetica 
in der Augenheilkunde. Arch. f. Augenhk. 1899, XL, pag. 125. — Pinner, Die Chemie der 
Atropinalkaloide. Centralbl. !. prakt. Augenhk. Januar 1898. — Meyer, Scopol imin und Atro- 
scin. Klin. Monatsbl. f. Augenhk. 1898, pag. 19. — Grossmann, lieber Scopolaminum hydro- 
bromicnm. Therap. Wochenschr. Januar 1895. — Hobhs, Scopolamine hydrobromate. Amer. 
Jonrn. of Ophthalm. 1895, pag. 30. — Valude, Intoxication par l’emploi de la scopolamine. 
Annal. d’oculiatique. 1896, CXVI, pag. 380. — Culbertson, Report o! two cases of scopo 
lamine poisoning. Amer. Journ. of Ophthalm. 1897, pag. 67. — Hawkes, Deux cases dintoxi- 
cation par la scopolamine survenus dans la pratique oyhthalmologique. Annal. doculistique. 
1897, CXVIII, pag. 28. Die frühere Literatur über Scopolamin siehe diese Jahrbücher. VI, 
pag. 20. — Emmkrt, Hyoscin (Scopolamin) nnd Hyoscyamin. Centralbl. f. prakt. Augenhk. 
Januar 1898. — Morton, Case of byoscine poisoning, following instillation. Biit. med. Journ. 
Februar 1896. — Sucher, Ephedrin homatropine the new mydriatic. New York med. Journ. 
Juni 1895. — Miura, Vorläufige Mittheilnng über Ephedrin, ein neues Mydriaticum. Berliner 
klin. Wochenschr. 1887, pag. 707. — Groenouw, Ephedrin-Homatropinlüsnng, ein Mydriati- 
cum von rasch vorübergehender Wirkung. Deutsche med. Wochenschr. 1895, Nr. 10. — 
de Schweinitz, Homatropin. The ophthalm. Recoid. Januar 1898. — Sydney Stephenson, My- 
drin. Klin. therap. Wochenschr. 1899, 31; ref. in Wochenschr. f. Therap. u. Hygiene d. Auges. 
II, Nr. 45. — Sheabs, Ueber Auftreten von Glaukom nach Anwendung von Homatropin. Brit. 
med. Journ. Februar 1900. — Trkutlkr, Ueber Euphthalmin, ein neues Mydriaticum, nebst 
theoretischen Bemerkungen über die Wirkung accommodationslähmender Mittel. Klin. Monats¬ 
blätter I. Augenhk. September 1897. — Vossius, Ueber Euphthalmin. Deutsche med. Wochen¬ 
schrift. 1897, Nr. 38. — Schneider, Ueber Mydriatica von kurzer Wirkungsdauer unter be¬ 
sonderer Berücksichtigung des Euphthalmin. Zeitschr. f. prakt. Aerzte. 1898, Nr. 6. — Winsel¬ 
mann, Ueber Euphthalmin. Klin. Monatsbl. f. Augenhk. Juli 1898. — Vinci, Ueber die Wir¬ 
kungsweise des Euphthalmins, nebst Bemerkungen über die Bedeutung der Amygdalylgruppe 
für die mydriatische Wirkung. Therap. Monatsh. 1899, Nr. 12. — VVoskressensky, Ueber die 
Wirkung des Euphthalmins auf das Auge. Dissert. Petersburg 1899. — Darier, Ueber Euph- 
thalmin nnd andere Mydriatica, welche sich für die ophthalmoskopische Untersuchung am 
besten eignen. La Gliniqne ophthalm. April 1899. — Knapp, Ueber die Anwendung des Euph- 
thalmin. Arch. of Ophthalm. Mai 1899. — Poole, Euphthalmin, ein neues Mydriaticum. Jouru. 
of scient. med. 1899, Nr. 9. — Jackson, Die mydriatische Wirkung des Euphthalmins. Ophth. 
Record. Juli 1899. — Hinshelwood, Die Anwendung des Euphthalmins, ein neues Mydriati¬ 
cum. Brit. med. Journ. September 1899. — Hale, Therapie der Augenkrankheiten für den 
praktischen Arzt (Euphthalmin). Chicago med. Record. Februar 1900. 

Bietti, Sul azione fisiologica dell' arecolina nell' occhio con alcune considerazioni sulle 
sue applicazioni nella cura del glaucoma. Arch. di ottalm. 1897, V. 

Rogmann, Ueber den Werth der localen Anästhetica in der Augenheilkunde. Cocain, 
Eucain, Holocain und Tropacocain. Ophthalm. Klinik. 1897, I, Nr. 3. — Vinci, Ueber ein 
neues locales Anaestheticnm, das Eucain. Virchow’s Archiv. 1896, CXLI, Heft 1 und Ber¬ 
liner klin. Wochenschr. 1896, Nr. 27. — Berger, L'emploi de l’eucaine en Ophthalmologie. 
Revae de therap. med.-chir. 1896, Nr. 12. — Best, Eucain in der Augenheilkunde. Deutsche 
med. Wochenschr. 1896, Nr. 36. — Dkneffe, L’eucain en Ophthalmologie. Scalpel de Liege. 
1896, Nr. 11. — Wüstefeld, Ueber die Verwendung des Eucains in der Augenheilkunde. 
Münchener medicinische Wochenschrift, December 1896. -— De Metz, L’eucaine, succedane 


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Augenheilmittel. 


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aestheticura. Virchow’s Archiv. 1896, CXLV, pag. 78. — J ennings, Eucaine hydrochlorate. 
A new localanesthetic. Amer. Journ. of Ophthalm. 1896, pag. 359. — Dolganofp, Ueber 
die Wirkung des Eucains auf das Auge. Wratsch. 1896, Nr. 51. Klinische Monatsblätter 
für Augenheilkunde. 1897, pag. 51. — Vollrrt, Ueber den Werth des Eucains in der Augen¬ 
heilkunde. Münchener medicinische Wochenschrift, 1896, pag. 516. — Vollert, Noch ein¬ 
mal das Eucain. Ebenda, pag. 865. — Dolbeau, Anesthesie en Chirurgie oculaire par l’em- 
ploi de l’eucaine B. These de Paris. 1897. — Gallemaerts, La chlorhydrate d’eucaine en 
Ophthalmologie. Policlin. de Bruxelles. September 1897. — Silex, Ueber Eucain B in der 
praktischen Augenheilkunde. Deutsche med. Wochensehr. 1887, Nr. 6. — Silex, Weitere Mit¬ 
theilungen über Eucain B. Therap. Monatsh. 1897, pag. 323. — Schmidt, A propos des eu- 
caiues. Soc. de therap. Juni 1897. — Pouchet, Action physiologique de l’eucaine. Ebenda. 
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Augenheilmittel. 


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Encyclop. Jahrbücher. IX. 

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Augenheilmittel 


f><) 


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med. Wochenschr. 1897, Nr. 34. — Klaussner, Ueber Orthoform und >Orthoform neu«. Ebenda. 

1898, Nr. 42; liei. v. Salzer, Wochenschr. f. Therap. u. Hygiene des Auges. 1899, III, Nr. 16 
und v. Wolffbkrg, 1898, I, Nr. 45. — Einhorn und Heinz, Nirvanin. Münchener med. 
Wochenschr. 1898, Nr. 49. — Wicherkiewicz, Xeroform in der Augentherapie. Wochenschr. 
f. Therap. und Hygiene des Auges. 1898, I, Nr. 32. — Wicherkiewicz, Weitere Mittheilungen 
Uber das Xeroform in der Augentherapie. Centralbl. f. prakt. Augenhk. 1898, Nr. 49. — Bock, 
Ebenda. Juli 1899 (Xeroform, Dermatol). — Friedland, Ueber die Verwendung des Xero¬ 
forms in der Augentherapie. Wiener med. Presse. 1898, Nr. 22. — Wolffberg, Xeroform. 
Wochenschr. f. Therap. und Hygiene des Auges. 1898, I, Nr. 32. — Hoor, Therapeutische 
Versuche mit Jodoformin und Jodoformogen bei Erkrankungen des Auges nnd seiner Um¬ 
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Correspondenzbl. f. Schweizer Aerzte. 1897. — Hernhf.iskr, Ueber die Anwendung der Airol- 
paste für ophthalmologische Zwecke. Wochenschr. f. Therap. und Hygiene des Auges. 1897, 

II, Nr. 3. — Valknti, L airol in oftalmiatria. Studio sperimentale e clinico. Bullet, d. K. 
Acead. med. di Koma. 1897 ; Corriere sanit. Marzo 1897. — Bourgeois, Annal. d oeulistique. 

1899. — Wuerry, Airol powder in corneal ulcer with hypopyon. Brit. med. Journ. Januar 
1898. — Bonivento, Das Airol bei Hypopyonkeratitis. Klin. - therap. Wochenschr. 18lkS, 
Nr. 50—52; Airol in Wochenschr. f. Therap. und Hygiene des Auges. 1899, 11, Nr. 15, 22 ; 

III, Nr. 9 — Heknheiser, Ueber die Anwendung der Airolpaste (Brunns) für ophthalmo¬ 

logische Zwecke. Ebenda. 1897, I, Nr. 3. 

v. Sehlen, Ueber die Beziehungen des Ekzems zn den Schleimhäuten. Monatsh. f prakt. 
Dermat. 1894, XIX. — Ebebson, Ichthyol zur Behandlung des Trachoma. Aerztl. Central- 
Anzeiger. 1896, Nr. 12. — Darier, Lichthyol en Ophthalmologie. De Tichthyol dans la 
Blepharite et la Keratite strnmeuse. La clin. ophthalm. 1897, Nr. 3. — Jacovides, L’ichthyol 
dans le traitement des conjonetivites et des blepharites. Revue med. 1897, Nr. 135. — 
Woi.ffberg , Ichthyol und Ichthaibin in der Augenhk. Wochenschr. f. Therap. nnd Hygiene 
des Auges. 1898, I, pag. 18. Rruss. 


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Bad« Ueber den Einfluss der Bäder auf den Kreislauf und das 
Blut sind auf dem ersten österreichischen Balneologencongresse (in Wien 
1899) Sammelreferate erstattet worden, und zwar von Kisch über die warmen 
und Mineralbäder, von Strasser über die kalten Bäder und die hydriatischen 
Proceduren. Aus dem erstgenannten Referate über die wärmesteigernden 
Bäder, die Indifferenzzone von 31—35° C. übersteigend, entnehmen wir Folgen¬ 
des: Dass warme Bäder die Blutcirculation beeinflussen und eine Verände¬ 
rung des Pulses bewirken, wusste schon Galenus. In seinen Büchern über 
den Puls heisst es: Balneae calidae, dum sint moderatae, pulsus creant 
magnos, celeres, crebros et paulo vehementiores. Ueber diese grobsinnliche 
Wahrnehmung ist die Erkenntniss durch 16 Jahrhunderte nicht wesentlich 
hinausgekommen und erst vor wenigen Decennien hat die wissenschaftliche 
Erforschung des bedeutenden Einflusses begonnen, welchen die Bäder mit 
Temperaturen über dem thermischen Indifferenzpunkte auf Herz- und Ge- 
fässthätigkeit, sowie auf Blutbeschaffenheit üben. Nach Kisch waren es 
besonders zwei Arbeiten, welche bahnbrechend auf diesem Gebiete wirkten, 
nämlich 0. Naumann s Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen 
der Hautreizmittel (Prager med. Vierteljahrschr., 1863) und M. Schülers 
Experimentalstudien über die Veränderung der Gehirngefässe unter dem Ein¬ 
flüsse äusserer Wärmeapplication (Deutsches Arch. f. klin. Med., 1874). Nau¬ 
mann wies nach, dass starke Hautreize, auch durch Bäder, die Herz- und 
Gefässthätigkeit herabsetzen, die Herzcontraction schwächen, die Gefässe 
erweitern, den Blutlauf verlangsamen, relativ schwache Hautreize hingegen 
die Herz- und Gefässthätigkeit erhöhen, die Herzcontractionen verstärken, 
die Gefässe verengen, den Blutlauf beschleunigen, und dass diese Verände¬ 
rungen auch längere Zeit nach Beendigung jener Hautreize anhalten. Schüler' s 
Untersuchungen legten dar, dass durch Einwirkung verschieden temperirter 
und mechanisch differenter Badeformen die Centren und reguiatorischen 
Nerven der Herzbewegung beeinflusst werden, und zwar auf reflectorischem 
Wege infolge der thermischen und mechanischen Erregung der Hautnerven 
derart, dass die Blutmasse im Körper eine sehr verschiedene Vertheilung 
erfährt, Blutdruck, Herz- und Respirationsbewegungen ganz bestimmte Modi- 
ficationen erleiden. So bewirke das warme Vollbad stets eine kräftige Ver¬ 
engerung der Piagefässe im Gehirne und folge dann nach längerer Dauer 
dieses Bades eine kurze Erweiterung. 

Diesen Versuchen reihte sich eine grosse Zahl experimenteller Studien 
über die physiologische Wirkung differenter Badetemperaturen auf das Herz, 
den Blutdruck und die Blutvertheilung an. Die wichtigeren Ergebnisse der¬ 
selben sind folgende : Der erste Effect des wärmesteigernden Bades über 
35° C. ist nach allen Beobachtern eine Erweiterung der Hautgefässe, 
welche auch nach Beendigung des Bades anhält, dabei werden die inneren 


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Bad. 


Organe blutleerer. Im heissen Bade von 4<> —f>0° C. erfolgt jedoch nach 
Baelz zuerst eine Contraction der Hautgefässe, die aber nur kurze Zeit 
andauert und einer Erschlaffung der Gefässe mit Röthung der Haut Platz 
macht. Deutlich ist weiters die Beeinflussung der Herzaction. Im wärme¬ 
steigernden Vollbade fand Kernig eine Frequenzzunahme des Pulses, welche 
parallel mit der Erhöhung der Körpertemperatur geht; der Puls wird im 
warmen Bade voller und grösser. Baelz, Topp, Bornstein beobachteten nach 
heissen Wasserbädern über 40° C. eine Steigerung der Pulsschläge bis 120 
und mehr in der Minute. Diese gesteigerte Pulsfrequenz erfährt nach den 
meisten Beobachtern kurze Zeit nach dem Bade eine compensatorische Her¬ 
abminderung. Die Pulsbeschaffenheit lässt sphygmographisch die durch 
wärmesteigernde Bäder bewirkte Arteriendilatation nachweisen. Die von 
Kisch nach dem wärmesteigernden Wasserbade von 3'.»° C. aufgenommenen 
Pulscurcen sind ausgezeichnet durch die hohen und steilen aufsteigenden 
Curvenschenkel, durch ein Grösserwerden und Tieferrücken der Rückstoss- 
elevation; bei höheren Wärmegraden des Badewassers durch Annäherung 
der ganzen Pulsform an den Dicrotismus. Dieser Befund wird von Baelz 
für heisse Bäder bestätigt. Bezüglich des Blutdruckes fand Jakinow eine 
Verminderung derselben in Vollbädern von 28—32° R.; ebenso ergaben 
Högerstedt s Versuche ausnahmslos ein Sinken des Blutdruckes während 
des Vollbades von 30° R., eine Stunde nach dem Bade war zur Ausgleichung 
des Blutdruckes hinreichend. Colombo wies nach sehr lange prolongirten 
Bädern bedeutendes Sinken des Blutdruckes nach, es kam sogar zu Ohn¬ 
machtsanfällen. Tschlenoff fand, dass 38—40° C. warme Bäder den Blutdruck 
herabsetzen, zuweilen aber auch unverändert lassen. Schweinburg und Pollack 
constatirten diese Herabsetzung des Blutdruckes auch nach warmen Sitzbädern 
von 32 —30° R., Wyschegorodski nach warmen Douchen von 30—38° R. 
Diesen Resultaten in Bezug auf den Blutdruck widersprechen nur wenige 
experimentelle Ergebnisse, nämlich von Grefberg, welcher an curarisirten 
Hunden im warmen Bade von 40° C. Steigen des Blutdruckes beobachtete, 
Zadek, Schulkowsky und Lehmann, welche eine ansehnliche Blutdrucksteige¬ 
rung in heissen Bädern nach wiesen. Heitler fand, dass bei Temperaturen 
zwischen 32 und 38° R. (Localdampfbad) der Tonus des Herzmuskels erhöht 
wird, die grosse und kleine Herzdämpfung an Umfang abnehmen. 

Jüngsten Datums und noch nicht abgeschlossen sind die Beobachtungen 
über den Einfluss der wärmesteigernden Bäder auf die qualitative Ver¬ 
änderung des Blutes und seiner zelligen Elemente. Grawitz hat im 
Schwitzbade allmählich zunehmende Concentration des Blutes nachgewiesen; 
Tarchanoff und Sassetzky als Wirkung des russischen Dampfbades Zu¬ 
nahme des Hämoglobins, der Erythrocyten und des specifischen Gewichtes 
des Blutes. Ebenso fand Hammerschlag nach Dampfbädern Zunahme des 
specifischen Gewichtes des Blutes mit Steigerung des Hämoglobingehaltes. 
Friedländer sah nach Wärmeeinwirkungen Vermehrung der rothen und 
weissen Blutkörperchen, jedoch stärkere Vermehrung der Leukocyten als 
der Erythrocyten, Erhöhung des specifischen Gewichtes des Blutes; Wick 
nach Bädern von 3P—40° C. den Tag über anhaltende Vergrösserung des 
Hämoglobingehaltes des Blutes 

Dass die Einwirkung der Mineralbäder auf Herzthätigkeit und Blut- 
circulation eine weitaus grössere ist als die der gewöhnlichen Warmwasser¬ 
bäder, liegt nach Kisch in folgenden drei Momenten: In dem durch den 
Gas- und Salzgehalt der Mineralbäder gesetzten chemischen Hautreize, 
welcher einen relativ schwachen, aber sich summirenden sensiblen Reiz dar¬ 
stellt, durch welchen die gefässerweiternde Wirkung der warmen Bäder ge¬ 
steigert und reflectorisch die die Herzbewegung regulirenden Centren dauernd 
angeregt werden. Ein zweites ist, dass die Kohlensäure der Mineralbäder 


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Bad. 


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eine chemische Erregung der Wärmenerven bewirkt, wodurch eine höhere 
Wärmeempfindung des Badenden hervorgerufen wird. Drittens findet durch 
die baineotherapeutische Methodik, durch die systematisch längere Zeit sich 
wiederholenden Bäder eine Uebung der die Functionen der Herzbewegung be¬ 
einflussenden Nerven, wie des Herzmuskels, eine gymnastische Anregung ihrer 
Kraftäusserungen statt. Von den kohlensäurereichen Säuerlingsbädern, Gas* 
bädern und Soolbädern haben sämmtliche Beobachter (Kisch, Basch und 
Dif.tl, Jacob, Röhhig, Stifler) eine Abnahme der Pulsfrequenz constatirt 
und ebenso übereinstimmend (C. Lehmann, Schott, Stifler, Jacob) eine 
Steigerung des Blutdruckes. Der Gesammteffect des kohlensäurereichen Bades 
geht dahin, dass dasselbe auch ohne hohe thermische Reize eine sofortige 
und nachhaltende arterielle Fluxion zur Haut bewirkt, die peripheren Ge- 
fässe erweitert, die inneren Gefässe verengt, den Blutdruck steigert, den 
Puls verlangsamt, voller und kräftiger gestaltet, das Volumen jeder einzelnen 
Herzsystole erhöht, den Tonus des Herzmuskels stärkt und die Herzarbeit 
erleichtert. 

Als einer Wirkung, welche mit der durch die warmen Bäder gesetzten 
Veränderung des Blutdruckes und der Stromgeschwindigkeit des Blutes 
mehrfach im Zusammenhänge steht, ist die Beeinflussung der Diurese durch 
Anwendung von warmen Bädern zu erwähnen, wie dies zuerst Koloman 
Müller s Versuche (Arch. f. experiment. Path. und Pharmak., 1873) dargethan 
und dann andere Beobachter (Berthold und Seiche, Wick) betreffs der 
warmen Bäder von 37—38° C. gefunden haben, dass diese wärmesteigern¬ 
den Bäder ein Sinken der Diurese bewirken, und dass die Harnmenge mit 
zunehmender Temperatur des Bades abnimmt, so dass bei Application der 
höchsten Wärmegrade in Dampfbädern und Heissluftbädern die Harnaus¬ 
scheidung ihren Tiefpunkt erreicht. Dieses Verhalten der Diurese findet 
aber bei den Mineralbädern eine wesentliche Aenderung, welche wohl darauf 
zurückzuführen ist, dass in diesen Bändern, auch ohne dass sie sich unter 
dem Indifferenzpunkte der Temperatur befinden, eine Steigerung des Blut¬ 
druckes zustande kommt. So fand Kisch Vermehrung der 24stiindigen Harn¬ 
menge nach dem kohlensauren Gasbade, Keller nach dem 3° 0 igen Soolbade 
von 35° C., Dronke nach den Schwefelbädern von 33° C. 

In dem Berichte Strassers über die Einwirkung der Hydrotherapie 
auf Herz und Blutcirculation hebt derselbe vorerst die locale Einwirkung 
der Kälte auf die peripheren Gefässe hervor, die an der Applicationsstelle 
stattfindende Contraction der Gefässe als Effect des Kältereizes auf die 
Vasoconstrictoren, dann die Consequenz der localen Contraction, Verdrän¬ 
gung des Blutes, locale Anämie mit Abkühlung. Hält die Kältewirkung local 
weiter an, so bleibt auch die Contraction bestehen und wird gesteigert. 
Wird der Kältereiz excessiv gesteigert und dauert er lange an, so kann 
es durch übermässigen Reiz dazu kommen, dass die Contraction der Gefässe 
einer Lähmung Platz giebt. Wird der Kältereiz nicht erneuert und nicht 
gesteigert, so kommt es local zu einer Reactionsbewegung, indem eine Dila¬ 
tation der Gefässe mit starker Fluxion und Hyperämie auftritt, welche aber 
nicht als passive Hyperämie zu betrachten ist, sondern durch directe Er¬ 
regungswirkung der die Gefässe zur Erweiterung bringenden nervös-muscu- 
lären Elemente. Hervorgehoben wird weiter, dass durch Kälteeinwirkung 
ermöglicht wird, von einer central gelegenen Stelle aus collateral liegende 
Gefässbezirke zu beeinflussen und ihre Circulation und ihren Blutbestand 
zu verändern. Locale Kälte auf einen Gefässstamm und Nervenstamm kann 
peripher gelegene Theile anämisiren. Die reflectorischen Einflüsse auf Ver¬ 
änderungen im Caliber der Blutgefässe sind mannigfach; praktisch und 
theoretisch von hervorragendster Bedeutung, dass die Abdominalgefässe 
durch thermische Reize von der Haut des ganzen Stammes aus in eminenter 


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Bad. 


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Weise zu beeinflussen sind. So findet man nach einer Kälteapplication auf 
den Stamm und auf die Bauchhaut eine gleichsinnig und nahezu gleichzeitig 
auftretende Contraction der Gefässe im Abdomen; es zeigt sich dies durch 
Temperaturmessungen, plethysmographische Versuche etc. Ganz besonders 
wird betont, dass nicht nur der Primäreffect sich reflectorisch fortpflanzt, 
sondern dass in den reflectorisch erregten Gefässbezirken nach Kältereizen 
dieselbe Reactionsbewegung vor sich geht wie in den direct betroffenen 
Hautstellen. Bemerkenswerth sind gewisse, vom Centralnervensystem direct 
auslösbare Aenderungen der Circulation; von der Wirbelsäule aus, insbe¬ 
sondere von der Gegend des Lendenmarkes kann durch längere Kälteappli¬ 
cation Hyperämie und Erwärmung der Füsse und Fluxion gegen die Becken¬ 
organe bewirkt werden. Durch die Wirkung der Kälte (und Wärme) auf die 
Blutvertheilung ist es naheliegend, anzunehmen, dass bei Verdrängung des 
Blutes aus einem grösseren Gefässgebiete die collaterale Aenderung im Sinne 
einer Fluxion sich in selbst entfernt gelegenen Körperprovinzen documen- 
tiren, während wieder Dilatationen eines grossen Gefässbezirkes eine Anämi- 
sirung anderer Gebiete nach sich ziehen muss. Kurze Kälteanwendungen, 
sobald sie von guter Reaction gefolgt sind, können ebenso wie langdauernde 
Wärme revulsiv. d. h. ableitend von anderen Körpergebieten wirken. Diese 
Thatsache. sowie die durch Kälte hervorgerufene plötzliche Ueberfluthung 
anderer Körperprovinzen — die Ruckstauungscongestion — sind für die 
Hydrotherapie in praktischer Hinsicht hochwichtige Dinge. — Bei Kälteein¬ 
wirkung auf den ganzen Körper ist der augenblickliche Effect auf die 
peripheren Gefässe derselbe wie bei local angewendeter Kälte, nur wird 
durch die grössere Reizfläche die Summe der Reizeffecte grösser sein und 
an der Reaction das ganze Blutgefässsystem theilnehmen. Die Rückwirkungen 
der allgemeinen Kälteapplicationen (kalte Bäder. Douchen. Abreibungen etc.) 
äussern sich vorerst in dem Blutdrucke, welcher eine Steigerung erfährt, 
wie dies Winternitz, Glax u. a. nachgewiesen haben; ebenso zeigen die 
Pulscurven von der Tonification der Gefässmusculatur nach Kälteeinwirkung. 
Diese Aenderung im Blutdrucke und in der Spannung der Gefässe gehen 
Hand in Hand mit Veränderungen der Herzaction. Die Regel ist, dass all¬ 
gemeine Kälteproceduren die Pulszahl, also die Zahl der Herzcontractionen 
herabsetzen, durch sehr starke Douchen kann sogar eine sehr bedeutende 
Abnahme der Zahl der Contractionen bewirkt werden, nebst Abnahme der 
Herzkraft. Die Herzaction lässt sich auch vom Centralnervensystem durch 
Kälteapplication auf die Nackenwirbelsäule beeinflussen, indem dadurch nach 
kurzdauernder Beschleunigung eine bedeutende Verlangsamung der Pulszahl 
bewirkt wird ; dasselbe bringt Kälte, local auf das Herz applicirt, zustande. 
Von hydrotherapeutischen Proceduren bringen feuchte Einpackungen Herab¬ 
setzung des Blutdruckes zustande, wobei aber auch die Pulszahl auffallend 
fällt und herabgesetzt bleibt; bei der trockenen Einpackung findet man 
nebst Beschleunigung der Herzaction Blutdruckverminderung und Dilatation 
der peripheren Gefässe. 

Bezüglich des Einflusses der Hydrotherapie auf die Blutbeschaffen¬ 
heit haben Winternitz und Rovighi constatirt, dass nach Kälteeinwirkungen 
auf die Peripherie (kalten Bädern, Douchen) die Zahl der Leukocyten sich 
vermehrt erweist. Grayvitz hat Zunahme der Blutdichte nach allgemeinen 
und local auf das Abdomen gerichteten Kälteapplicationen (und Abnahme 
der Blutdichte unter Wärmewirkung) gefunden. Bei Abreibungen mit nassen 
kalten Laken, Tauchbädern, Halbbädern, kühlen und kalten Douchen, wechsel¬ 
warmen Proceduren und nach kalten Vollbädern, wenn die kühlen Proce¬ 
duren von guter Reaction gefolgt waren, zeigte sich nach Winternitz eine 
Vermehrung der rothen Blutkörperchen, parallel war eine Zunahme der 
Leukocytenzahl. des Hämoglobingehaltes und der Blutdichte. Das Maximum 


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Bad« 




der Zunahme der Erythrocyten betrug 1,860.000, die Zahl der Leukocyten 
stieg im Maximum auf das Dreifache, die grösste Zunahme des Blutfarb¬ 
stoffes betrug 14%. Die Dauer der Wirkung ist sehr verschieden, manch¬ 
mal hält sie noch 2 Stunden und länger an. Bezüglich der Alkalinität des 
Blutes haben die Versuche von Strasser und Kuthy eine Steigerung der¬ 
selben nach kälteerregenden Proceduren ergeben (bei heissen Proceduren eine 
Säuerung, d. i. Abnahme des Alkalescenzgrades), was dahin zu deuten, dass bei 
kalten Bädern die Oxydation grösser als der Zerfall ist. Endlich wird auch 
der Möglichkeit einer Destruction von rothen Blutzellen unter Einwirkung 
von Kälte erwähnt, nämlich bei gewissen Formen von schwerer Chlorose 
(Murri) und bei der paroxysmalen Hämoglobinurie (Chvostek u. a.), und 
zum Schlüsse auch der Einwirkung der Kälte auf die Wanderungen der 
Leukocyten, insbesondere bei Entzündungsprocessen, gedacht. Während Wärme 
die wand- und randständige Lagerung, sowie die Auswanderung dieser Zellen 
begünstigt, hindert Kälte diese Bewegungsvorgänge. 

Ueber den Einfluss kalter und warmer Bäder auf die Diurese 
berichtet Glax: Die Versuchsresultate Kolom. Müller’s, dass thermische 
Reize auf die Haut applicirt einen Einfluss auf die Diurese üben, und zwar 
dass Kälte eine Steigerung, Wärme eine Verminderung der Harnausschei¬ 
dung hervorruft, sind in neuester Zeit durch Lambert bestätigt worden, 
welcher fand, dass eine genügend lang fortgesetzte Abkühlung der Haut 
stets eine starke Steigerung der Diurese hervorruft, und zwar eine primäre 
und eine secundäre. Die anfängliche Steigerung entsteht infolge Verenge¬ 
rung der Hautgefässe, wobei der arterielle Blutdruck steigt und die Nieren- 
gefässe sich erweitern; die secundäre Steigerung beruht auf einer rapiden 
Abnahme des Tonus der Nierengefässe, möglicherweise auf einer Anregung 
der secretorischen Nerven. Mit diesen Versuchsergebnissen steht scheinbar 
die Beobachtung von Delezexe im Widerspruche, dass die Anwendung von 
Eisbeutel, Eiscompressen und Güssen auf die Haut geschorener Hunde ein 
Sinken der Diurese hervorriefen; indes mag der Grund in den zu inten¬ 
siven Reizen gelegen sein. Von kalten Bädern sahen Homolle, L. Lehmaxx, 
Merbach, Röhrig u. a. eine Zunahme der Harnausscheidung. Mit der reich¬ 
licheren Harnausscheidung sinkt die Acidität (Strasser und Kuthy), während 
gleichzeitig der urotoxische Coefficient des Urins steigt (Ausset, Roque und 
Weile), d. h. die unter dem schädigenden Einflüsse der Bakterien entstandenen 
Zerfallsproducte des Protoplasmas werden bedeutend rascher eliminirt. 

Mit zunehmender Temperatur des Bades sinkt die Harnmenge (Wick) 
und namentlich betreffs der Schwitzbäder haben Frey und Heiligexthal bei 
gleichbleibender Flüssigkeitsaufnahme eine bedeutende Verminderung der 
Diurese gefunden. Trotzdem können wir, wie Glax betont, das Schwitzbad 
in manchen Fällen als Diureticum benutzen, und zwar dann, wenn bei kar¬ 
dialem oder renalem Hydrops die Gewebe mit Flüssigkeit überfüllt sind. 
Gelingt es hier, durch reichliche Diaphorese Herz und Nieren zu entlasten, 
so hebt sich die Harnausscheidung. Ob die diuretische Wirkung kühler 
Bäder durch einen höheren Gehalt des Wassers an Kohlensäure vermehrt 
oder herabgesetzt wird, ist noch nicht genügend festgestellt. Nachdem je¬ 
doch die günstigen Wirkungen des Kohlensäurebades auf die Accommodation 
des Herzens und der Gefässe kranker Individuen unzweifelhaft festgestellt 
sind, so dürfen wir immerhin annehmen, dass die Kohlensäure im Bade 
wenigstens mittelbar die Diurese beeinflusst. Bezüglich der Wirkung koch¬ 
salzhaltiger Bäder auf die Diurese sind die Aussprüche der verschiedenen 
Forscher widersprechend. Nach Lehmaxx und Robix sollen Salzbäder von 
geringem Salzgehalte die Diurese herabsetzen, während Keller von dem 
3°, 0 igen Soolbade von 35° C. und 35 Minuten Dauer eine deutlich diuretische 
Wirkung beobachtete. 


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Bad. 


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Bemerkenswerth ist, dass die Luftwärme eine ähnliche Wirkung auf 
die Diurese übt wie die Temperatur des Wassers. Hohe Lufttemperaturen 
steigern die Diaphorese und setzen die Harnausscheidung herab, während 
niedere Temperaturen die Diurese erhöhen. Aber auch die Luftfeuchtigkeit 
übt einen ebenso grossen Einfluss auf die Diurese wie die Luftwärme. Frey 
hat zuerst gezeigt, dass ein relativ hoher Feuchtigkeitsgehalt der Atmo¬ 
sphäre die Harnausscheidung erhöht und ebenso haben Glax und Tripold 
ein mit der relativen Luftfeuchtigkeit proportional ansteigendes Zunehmen 
der Harnraenge constatirt. Nicht sichergestellt scheint es, dass der hohe 
Luftdruck an der See einen diuretischen Einfluss ausübt. 

Die Wirkung kohlensäurehaltiger Bäder auf die Circulation 
hat Hexsex durch Versuche mit künstlichen kohlensäurehaltigen Bädern auf¬ 
zuklären getrachtet. Er hat dazu Bäder von 28—24° R. und von folgender 
Zubereitung benützt: Vio — 1 Kgrm. Natron bicarb. im Badewasser gelöst 
und dann die gleiche Menge 30%ige HCl zugesetzt, indem die Flasche 
unterWasser umgekehrt werde, so dass die specifisch schwere HCl lang¬ 
sam ausfliessen konnte. Die Wirkung dieser künstlichen kohlensäurehaltigen 
Bäder auf das Herz und die Blutcirculation hat Hexsex an 04 Patienten 
erprobt, die theils an Herzinsufficienz bei Klappenfehlern und Erkrankungen 
an Myokarditis, theils an leichter Insufficienz des Herzmuskels, geringen 
Dilatationen, geringer Herzschwäche litten. Die Bäder bewirkten fast immer 
eine Blutdrucksteigerung, welche häufig nur sehr gering war, wenige Milli¬ 
meter betrug, in anderen Fällen sich auf 20—30 Mm. Hg belief (die Unter¬ 
suchungen wurden mit dem Sphygmomanometer von Riva-Rocci vorge¬ 
nommen), zuweilen nur im Bade, manchmal aber noch bis eine Stunde nach 
Verlassen des Bades nachweisbar war. Nur in 8 Fällen unter 55 Bädern 
fand ein Sinken des Blutdruckes statt und in 11 Fällen, in denen Verfasser 
annimmt, dass die Anwendung und Zubereitung des Bades nicht der Lei¬ 
stungsfähigkeit des Herzens in dem betreffenden Falle entsprach, war keine 
ausgesprochene Reaction vorhanden. Der Puls verhielt sich in diesen Bädern 
verschieden, zumeist war die Pulsfrequenz herabgesetzt, doch trat auch Be¬ 
schleunigung auf oder die Frequenz blieb unverändert. Verschiedenemale 
konnte Hexsex eine Verkleinerung der Herzdämpfung (durch bessere Ent¬ 
leerung des Herzens) nachweisen. Besonders deutlich trat die diuretische 
Wirkung der kohlensäurehaltigen Bäder hervor, indem z. B. in einem Falle 
die 3stündige Harnmenge von 100 Ccm. mit 1025 spec. Gewicht vor dem 
Bade auf 400 Ccm. mit 1012 spec. Gewicht nach dem Bade anstieg. 

Die wiederholt erörterte Frage, ob die gute Wirkung kohlensäure- 
haltiger Bäder bei der Behandlung Herzkranker auf Verminderung der Herz¬ 
arbeit und Schonung des Herzens oder auf Anregung und Vermehrung der 
Herzthätigkeit, gleichsam Uebungstherapie, zu beziehen sei, möchte Hensen 
in letzterem Sinne entscheiden, und zwar werde die Uebung des Herzmuskels, 
die Vermehrung der Herzarbeit dadurch bewirkt, dass mit der reactiven 
Erweiterung der Hautgefässe und diese Blutdruck erniedrigende Wirkung 
zugleich compensirend, im übrigen arteriellen Stromgebiete, besonders im 
Splanchnicusgebiete durch reflectorische Contraction der betreffenden Ge- 
fässe die Widerstände erhöht, die Arterien besser gefüllt werden und die 
allgemeine Circulation gefördert wird. Im Hinblick auf die Blutsteigerung 
werden die kohlensäurehaltigen Bäder contraindicirt sein in den Fällen, wo 
Apoplexien und sonstige Blutungen zu befürchten sind, ferner bei Aneurysmen 
und dann wegen der erhöhten Ansprüche, welche diese Bäder an die Lei¬ 
stungsfähigkeit des Herzens stellen, in allen Fällen, wo die Herzkraft eine 
zu geringe ist, um diesen Anforderungen zu entsprechen. 

Ueber die physiologische Wirkung und therapeutische Verwerthung 
der Moorbäder liegen mehrere Arbeiten vor: 


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Bad. 


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Herm. Schmidt hat die Angaben von Kisch betreffs der Einwirkung 
der Moorbäder, dass die Ausscheidung des Harnstoffes durch das Moorbad 
vermehrt, die Ausscheidung der phosphorsauren Salze vermindert wird, einer 
genauen Nachprüfung an zwei gesunden jungen Individuen unterzogen. Den 
Stickstoffgehalt des Harnes bestimmte er nach Kjf.ldahl-Argutinsky, die 
Phosphorsäure nach Malot-Mercier, die Acidität nach Freund-Lieblein. Beide 
Versuchsindividuen, welche durch Verabreichung einer genau zugetheilten, 
stets gleichbleibenden Tageskost annähernd ins Stickstoffgleichgewicht ge¬ 
bracht wurden und darauf ein Moorbad von 32—35° R. mittlerer Dichte in 
der Dauer von 40 Minuten erhielten, erfuhren eine geringe Körpergewichts¬ 
abnahme, wozu wohl Wasserverluste infolge der durch die Moorbäder ange¬ 
regten Hautperspiration beigetragen haben. Nach den beiden Moorbädern 
mit 32° R. zeigt ferner die N-Ausscheidung (Harn) eine gewisse Tendenz zu 
wachsen. Daraus auf eine gesteigerte Eiweisszersetzung zu schliessen, scheint 
Schmidt nicht ohneweiters gerechtfertigt. Zunächst müsse man doch an (in¬ 
folge vasomotorischer Factoren) geänderte Ausscheidungsbedingungen denken. 
Jedenfalls liege hierin nichts speciell Charakteristisches. Durch das sehr 
heisse Moorbad von 35° R. ist bei der Versuchsperson die ganze Harnaus¬ 
scheidung stark in Unordnung gerathen, so dass daraus keine Schlüsse zu 
ziehen sind. Nach Massgabe eines Versuches wäre die Acidität des Harnes 
unmittelbar nach dem Bade etwas geringer, wobei daran erinnert wird, 
dass jedes warme Bad auch noch stärkere Aciditätsschwankungen im gleichen 
Sinne bewirkt. Bei den Beobachtungen, die Schmidt während der Bäder 
über Puls, Respiration und Körpertemperatur machte, fand er die bekannten 
Angaben von Kisch bestätigt, er beobachtete im Bade die Pulsfrequenz um 
10—25 Schläge vermehrt, die Zahl der Respirationen um 6—10 in der Minute 
zunehmend, die Temperatur in der Achselhöhle um \/ 2 bis 3° C. ansteigend. 

Bornstein fand bei Ganzeinpackung des Rumpfes und der Extremitäten 
in Moor und Fango an sich selbst, nachdem er sich ins Stickstoffgleichgewicht 
gesetzt hatte, dass der Harn unter Einwirkung von Moor und Fango 
höhere Stickstoff zahlen aufweist, und dass diesbezüglich diese Bäder 
infolge ihrer mechanischen und zum Theil chemischen Effecte von grösserem 
Einflüsse auf den Stoffwechsel sind als Wasserbäder von gleicher Temperatur. 

Die Bädertherapie der Arteriosklerose erörtert A. Löbel und 
befürwortet den methodischen Bädergebrauch; man möge nicht daran An- 
stoss nehmen, dass mit den Bädern eine geringe und rasch vorübergehende 
Blutdrucksteigerung verbunden ist. Speciell empfiehlt er aber im Gegen¬ 
sätze zu anderen Autoren bei Arteriosklerose die Moorbäder, denen er 
eine blutdrucksteigernde Potenz abspricht. Er räth die Moorbäder beson¬ 
ders bei der Arteriosklerose von Personen mittleren Alters mit Compli- 
cationen seitens des Sexualtractes, bei arteriosklerotischen Rheumatikern 
und Anämischen, welche im kohlensäurehaltigen Bade Aufregungszuständen 
unterliegen, und bei Nephritikern dieser Erkrankungsform mit häufigem 
Vomitus, wenn die Mineralbäder deren Harntrieb vermehren. Beim Gebrauche 
der Moorbäder in den angegebenen Fällen hielt Löbel darauf, dass sie nur 
jeden zweiten Tag benutzt werden und dass die Temperatur des Moorbades 
sich in der Indifferenzzone bewegte. 

Die Indicationen der Moorbäder bei den verschiedenen Krank¬ 
heitsprocessen, welche mit typischen oder atypischen Gebärmutterblutungen 
einhergehen, giebt Fellner folgendermassen an. Die Moorbäder sind indi- 
cirt: 1. Bei Bluterkrankungen. Anämie, Chlorose, Hämophilie, Scorbut, Pur¬ 
pura haemorrhagica. 2. Erkrankungen des Uterus und seiner Adnexe: Sub- 
involutio uteri nach Abortus, früh- und rechtzeitigen Geburten, Metritis 
chronica, wenn mit der Vergrösserung des Uterus Erschlaffung desselben 
und Succulenz seiner Gewebe einhergeht und auch andere Stasen der Unter- 


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Bad. — Bienengift. 


leibsorgane vorhanden sind. :J. Fibromyome des Uterus, wenn dieselben 
klein oder mittelgross sind und nicht rasch wachsen, mit profuser Menstrua¬ 
tion einhergehen. 4. Chronische Entzündungen der Uterusadnexe. 5. Retro- 
versio und Retroflexio uteri, nachdem vorher die Aufrichtung und Fixirung 
des Organes mittels eines Pessariums vorgenommen worden war. Die Moor¬ 
bäder dürfen bei Uterinalblutungen nur mit niedrigen Temperaturen, höch¬ 
stens 35—36° C., mit geringer Consistenz, 100—125 Kilogrm. Moor und 
von kurzer Dauer, höchstens 15—20 Minuten, zur Anwendung kommen. 
Contraindicirt ist die Anwendung der Moorbäder bei jenen Uterinal- 
blutungen, welche indicirt sind durch Carcinom, Sarkom, Tuberkulose des 
Uterus und der Tuben, fibröse Polypen, Endometritis chronica hypertrophica. 

Literatur: Veröffentlichungen des Centralverbandes der Baineologen Oesterreichs. 
Wien 1 ( J00: E. H. Ki*< h, Feber den Einfluss der Balneotherapie auf den Kreislauf und das 
Blut. — Alois Stbasseb, Die Wirkung der Hydrotherapie auf Kreislauf und Blut. — Glax, 
l eber Diurese nach baineotherapeutischen Massnahmen. Veröffentlichungen der Hcff.i.and- 
schen Gesellsch. in Berlin. Berlin 1899. — Mensen, Feber die Wirkung kohlensäurehaltiger 
Bäder auf die Circulation. Deutsche med. Wochenschr. 1899, Nr. 35. — Hkkm. Schmidt, Feber 
die physiologische Wirkung und therapeutische Verwerthung der Moorbäder. Therapie der 
Gegenwart. Juliheft 1899. — Bornstein, l eben deu Einfluss von Moor und Fango auf den 
Stoffwechsel. Veröffentlichungen der HrFELAND’schen Gesellsch. Berlin 1899. — Fellner. 
Ueber die Anwendung von Moorbädern bei Uterinalblutungen. Ebenda. Kisch. 

Hecquerelstrahlen, s. Röntgenstrahlen. 

Bienengift* Nach den neuesten Untersuchungen Lange s l ) giebt es 
sowohl angeborene als erworbene Immunität gegen Bienengift, doch 
ist erstere seltener als letztere und selbst weniger häufig als eine ange¬ 
borene Ueberempfindlichkeit gegen Bienenstiche. 

Der normale Verlauf des Bienenstichs lässt drei verschiedene Stadien 
unterscheiden. Das erste oder progressive Stadium dauert vom Momente 
des Stiches an 1 2 —2 Stunden und beginnt mit heftigem brennenden Schmerz 
und einer kleinen cutanen Blutung um den an der Stichstelle zurückbleiben¬ 
den, automatisch fortarbeitenden Stachel; dann bilden sich schon nach einer 
Minute kleinere, miliare Efflorescenzen, durch deren Confluenz eine grosse, 
blassweisse Quaddel entsteht, um welche ein ringförmiger Hof kleinfleckiger 
Röthung sich bildet, und die nach 10 Minuten kreuzergross wird und in 
20 Minuten die Grösse eines Thalers erreicht. In der Quaddel kommt es 
nach Abklingen des Schmerzes zu starkem Juckgefühl, auch treten, so lange 
der Stachel noch automatische Bewegungen macht, blitzartig Schmerzempfin¬ 
dungen auf. Das erste Stadium dauert bis zur Akme der Schwellung der 
benachbarten Haut, woran zunächst ein 1 — l 1 3 Tage dauerndes statio¬ 
näres Stadium, in welchem es zur Bildung eines kleinen, derben Knötchens 
an der Stichstelle kommt, und an dieses das regressive Stadium sich 
anreiht, in welchem zuerst das gebildete Knötchen durch dunkelrothe Färbung 
und mässige Prominenz noch deutlicher hervortritt, dann aber unter gleich¬ 
zeitiger Abnahme der Schwellung allmählich undeutlicher wird und ver¬ 
schwindet, bis nach Abschilferung der Oberhaut der normale Zustand in 
10—14 Tagen sich herstellt. Sehr häufig, besonders bei Bildung eines grösseren 
Blutpunktes, tritt an der Stichstelle ein kleines Bläschen auf, in welchem 
reichliche Leukocyten mit Aufnahme rother Blutkörperchen, niemals aber 
Mikrocyten sich finden. J ) 

Nach einer von Langer aus weiteren Kreisen herbeigeschafften Statistik 
fand sich bei 164 Imkern 4mal verringerte Empfindlichkeit, wo zwar der 
Schmerz und der Blutpunkt nach dem Stiche eintraten und es zur Bildung 
einer Quaddel kam, aber die sämmtlichen Erscheinungen in l / t Stunde ver¬ 
schwanden. Dagegen fand sich bei 28 Personen eine Ueberempfindlichkeit, 
indem einerseits die örtliche Entzündung sich in hochgradiger Weise ent¬ 
wickelte und z. B. nach einem Stiche in die Finger die ganze obere Ex- 


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Bienengift. 


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tremität anschwoll und das stationäre Stadium 5—6 Tage anhielt, anderer¬ 
seits aber auch allgemeine Symptome sich einstellten. Hierhin gehört 
einerseits Urticaria (bei 14 Personen beobachtet), andererseits plötzliches 
Angst- und Schwächegefuhl, Ohnmacht, Schweissausbruch, Brechneigung, 
Frösteln, Zittern, Unruhe, Schwindel und vermehrter Herzschlag, welche oft 
schon nach einem einzigen Stiche auftraten, während es nach mehreren 
Stichen sogar zu mehrtägigem Krankenlager kommen kann. Deutliche Herab¬ 
setzung der reactiven Empfänglichkeit erfuhren von 153 gegen Bienengift 
empfindlichen Imkern 126 während eines mehrjährigen Betriebes der Bienen¬ 
zucht. Ais solche ergab sich einerseits Fortbleiben der Urticaria und der 
Allgemeinsymptome auch nach mehreren Stichen, andererseits Verkürzung 
und quantitative Verringerung der localen Stadien. Ein höherer Immunitäts¬ 
grad bestand bei 91 Personen in dem Ausfälle des stationären Stadiums, 
während der höchste Grad der Immunität, in der nur partiellen Entwicklung 
des ersten Stadiums (sehr geringe Schmerzhaftigkeit, oder blosses Juckgefühl, 
Verschwinden der Quaddel nach einigen Minuten) und in Abkürzung des 
dritten (Verschwinden jeder Schwellung in einigen Stunden) bestehend, nur 
bei 7 Personen vorkam. Wieviele Bienenstiche zu der Herbeiführung einer 
derartigen Immunität gehören, geht daraus hervor, dass sie erst nach 
mehreren Jahren eintritt und dass einzelne Bienenzüchter angaben, während der 
jährlichen Bienenflugzeit (März bis September) von 200 bis über 1000 Bienen 
und beim Schwarmeinfangen mitunter von 20—100 Bienen gestochen 
worden zu sein. Manchmal scheinen gehäufte Stiche (20—100) den Anstoss 
zur Immunität zu geben. Die Dauer der erworbenen Immunität ist nur eine 
geringe, so dass sie meist im Winter bedeutend geringer wird und bei mehr¬ 
jähriger Aussetzung der Imkerei, auch durch intercurrente Krankheiten, ganz 
verloren geht Bei vielen immun Gewordenen bleibt die Reaction nur an 
dem zumeist betroffenen Vorderarme aus, während sie an anderen Stellen 
(Gesicht, Genitalien) bestehen bleibt. ! ) 

Für die grössere oder geringere Einwirkung des Bienengiftes ist selbst¬ 
verständlich auch dessen Menge von grösster Bedeutung. Das längere Zurück¬ 
bleiben des Stachels führt bei den automatischen Bewegungen desselben zu 
völliger Entleerung der Giftblase und daher zu heftigerer Entzündung; 
ebenso ist das giftige Secret im Hochsommer am reichlichsten. Die Angabe, 
dass Bienenstiche zur Zeit der Blüte des Buchweizens und die Stiche ruhr¬ 
kranker Bienen besonders schädlich seien, bedarf weiterer Untersuchung. >) 

Das Verhalten des Bienengiftes gegen das Blut variirt bei ver¬ 
schiedenen Thierarten, insofern es zwar bei allen Thieren lösend auf die 
Erythrocyten wirkt, jedoch in sehr wechselnder Intensität. Recht empfind¬ 
lich sind die rothen Blutkörperchen des Menschen und Hundes, am wenigsten 
die des Rindes. Der nach Injection von Bienengift in die Venen bei den 
meisten Thieren zu beobachtende schwere hämorrhagische Process fehlt beim 
Kaninchen ganz. Kaninchenblutserum schwächt auch die örtliche Reiz Wirkung 
des Bienengiftes ausserordentlich ab. 2 ) 

Intern applicirt ist Bienengift unwirksam: Pepsin hebt in grösseren 
Mengen (10 : 1) den Effect auf die Applicationsstelle und das Blut vollkommen 
auf, wobei das Bienengift seine Alkaloidreactionen und das Pepsin seine hydro¬ 
lytischen Eigenschaften einbüsst. Aehnlich wie Pepsin wirken Papain und Lab¬ 
ferment, weniger stark und langsamer Pankreatin und Diastase; Hefe ist ohne 
Einfluss. 2 ) 

Als beste Antidote des Bienengiftes sind Brom - und Chlorwasser 
zu betrachten, durch welche nicht blos die örtliche, sondern auch die Blut¬ 
wirkung aufgehoben wird. LrGOL'sche Lösung ist ohne Effect. Die Wirkung 
der genannten Halogene beruht auf Oxydation; in analoger Weise wirken 
auch Kaliumpermanganat, Kaliumpersulfat, Jodsäure und concentrirte Sal- 

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00 Bienengift. — Bleivergiftung. 

petersäure, nicht aber Wasserstoffsuperoxyd. Reducirende Mittel sind ohne 
Einfluss. 2 ) 

Literatur: *) Länger, Der Aculeatenstich. Pick, Festschr. Separatabdruck. Wien und 
Leipzig 1898. — s ) Langer, Untersuchungen über das Bienengift (Zweite Mittheilung: Ab- 
schwächnng und Zerstörung des Bienengiftes). Arch. Internat, de Pharm. 1899, VI, Fase. 3 
und 4, pag. 181. Husemaitn 

Bleivergiftung. Dass noch immer neue Gewerbe der chronischen 
Bleivergiftung tributpflichtig werden, ist ebenso wahr wie das Fortdauern 
dieser Affection auch in den Gewerben, in welchen die Schädlichkeit längst 
erkannt wurde, ungeachtet aller ernstlichen Bestrebungen, durch Fabriks- 
inspectionen u. s. w. die hygienischen Uebelstände abzustellen. Nach den 
neuesten österreichischen Berichten über Gewerbekrankheiten J ) kam Blei¬ 
vergiftung als solche in den Jahren 1884—1896 zur Beobachtung in Accu- 
mulatorenfabriken, bei der Fabrication elektrischer Beleuchtungsapparate, in 
Buchdruckereien, in Porzellan- und Thonwaarenfabriken, in Glashütten, bei 
der Granat- und Edelsteinschleiferei, bei Feilenhauern, Schmieden, insbeson¬ 
dere Schiffsschmieden, bei Lackirern und Anstreichern, bei der Fabrication 
von Bleikabeln, Bleiröhren und Schrot, in Bleiweiss- und Mennigefabriken, in 
Hüttenwerken, in Farbenfabriken, Seidenfärbereien u. s. w. Die Ausdehnung 
war in einzelnen österreichischen Fabriken ausserordentlich. So wird z. B. 
angegeben, dass in einer Accumulatorenfabrik die Hälfte der Arbeiter er¬ 
krankte. Hier ist ja allerdings die Beschäftigung mit Blei sehr mannig¬ 
fach. Blei wird geschmolzen und in Platten- oder Rahmenformen gegossen, 
die man nach vollendetem Guss mit Meissei, Scheere oder Kreissäge be¬ 
arbeitet. Ausserdem werden Bleioxyde gesiebt, mit Alkohol, Benzin und 
Säuren durchmischt und die feuchten Massen auf die Platten gestrichen. 
Dieses Füllen der Platten scheint die meisten Gefahren zu bieten, doch er¬ 
kranken auch Bleigiesser und Dreher. Dass bei der Durchführung der nöthigen 
hygienischen Massregeln die Verhältnisse sich bessern, zeigt eine Wiener 
Accumulatorenfabrik, in welcher die Zahl der erkrankten Arbeiter unter 61 
nur 6 beträgt. Leider stossen die Massregeln nicht selten auf Widerstand 
der Arbeiter und insbesondere werden die den Streichern gelieferten Gummi¬ 
handschuhe nicht benutzt. 

Dass aus manchen Gewerben die Bleivergiftungen ganz verschwinden 
können, ist zweifellos. In der Feilenhauerei und in der Edelstein¬ 
schleiferei geht die Intoxication von den als Unterlage dienenden blei¬ 
haltigen Platten aus. Es ist gar kein Zweifel, dass diese durch solche aus 
nicht bleihaltigem Material ersetzt werden können. In Wien hat die Fach¬ 
schule für Edelsteinschleifereien die Bleiplatten entfernt und lässt nur auf 
Zinnscheiben schleifen und auf Zinn- und Kupferplatten poliren. Auch die 
Xaxosschrairgelscheiben des Handels gestatten das Schleifen von Edelsteinen 
bis zum 8. Grad. Man hat auch Scheiben aus Harz und pulverisirtem Feuer¬ 
stein hergestellt, die für die Aufnahme von Schleifmaterial (Schmirgel) sehr 
empfänglich sein sollen. Die Erkrankung der Schiffsschmiede rührt davon 
her, dass sie mit Mennige angestrichenes Eisenblech von dem Anstriche zu 
befreien haben, dessen Staub sie einathmen. Durch die Beseitigung der 
Manipulation des Abkratzens und die Entfernung des Anstriches durch Aus¬ 
glühen in geschlossenen Flammöfen ist die Erkrankung zu verhüten. 

Sehr günstige Resultate haben geeignete hygienische Massregeln be¬ 
sonders in den Kärntner Bleiweiss-, Glätte- und Mennigefabriken gehabt, 
wo 1882 noch bei einem durchschnittlichen Arbeiterstand von 30 Personen 
in einer einzigen Fabrik 107 Fälle von Bleivergiftung vorkamen. Man ver¬ 
hindert hier die Staubentwicklung in den Arbeitsräumen durch Anbringung 
von Absaugemänteln oberhalb der Fülltrichter und der Ausbringeröffnungen 
der Mühlen und der rotirenden Siebe, durch vollkommen hermetischen Ver- 


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Bleivergiftung. 


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Schluss der Umhüllungen der Mühlen und Siebvorrichtungen und durch 
Anwendung ruhig wirkender Pressen zur Verdichtung der pulverförmigen 
Producte in den zu ihrer Verpackung dienenden Kistchen oder Fässern an 
Stelle des früher gebräuchlichen Einstampfens oder Schütteins. Ein Saug¬ 
mantel oberhalb der Presse, der mit einem Exhaustor in Verbindung steht, 
macht die Verbreitung des minimalen Staubes in den Arbeitsräumen un¬ 
möglich und ausserdem schützen sich die mit der Verpackung betrauten 
Arbeiter noch durch Wergbündel, die sie vor Nase und Mund binden. Selbst¬ 
verständlich sind besondere Garderobe- und Esszimmer vorhanden. In den 
Mennige- und Glättefabriken sind noch kräftige Abzugsmäntel oberhalb der 
Arbeitsthürchen der Brennöfen gegen die Einwirkung des beim Füllen und 
Entleeren der Oefen entstehenden Staubes angebracht. Beim Entleeren der 
Bleikammern wechseln die Arbeiter nach jeder Schichte ab und sind dann 
verpflichtet, durch ein warmes Bad den Körper vom Staube zu befreien. Um 
Vergiftung bei den Arbeiterinnen zu verhüten, welche mit dem Beschälen 
der Hütchen und Würfel, in denen ein grosser Theil des Bleiweiss in den 
Handel gebracht wird, betraut sind, wird diese Arbeit nicht mehr auf ge¬ 
wöhnlichen Tischen, sondern innerhalb von Glaskästen verrichtet, deren offene 
Seite der Arbeiterin zugewendet ist und welche mit einem Exhaustor in Ver¬ 
bindung stehen, wobei die durch die offene Seite strömende Luft den Staub 
mit sich reisst und in eine Kammer zur Wiederbenutzung absetzt. Für jeden 
Arbeiter sind 3— 4 Bäder im Monat vorgeschrieben. Ausserdem wird für gute 
Ernährung der Arbeiter gesorgt. Besonderer Werth wird auf die tägliche 
Vertheilung einer Portion Speck gelegt, der, roh mit Brot genossen, sich 
als gutes prophylaktisches Mittel gegen Bleivergiftung bewährt haben soll. 

In einzelnen Gegenden von England scheint die innerliche Anwendung 
von Bleipflaster (Emplastrum diachylon) als Abortivum sehr im Schwünge 
zu sein und mitunter thatsächlich zu Abortus, daneben aber zu schweren 
Erscheinungen von Bleivergiftung und selbst zum Tode zu führen. Die abor¬ 
tive Wirkung des Bleies soll übrigens auch in Sheffield bei einer Massen¬ 
vergiftung durch bleihaltiges Trinkwasser sich gezeigt haben, wo eine grössere 
Anzahl erkrankter Gravidae abortirte oder zu früh niederkam. 

In einem günstig verlaufenen Falle von Vergiftung durch in abortiver Absicht ge¬ 
nommenes Emplastrum diachylon, wo Fehlgeburt eintrat, kam es zu Gastroenteritis und Kolik, 
maniakalischem Delirium, leichten epileptiformen Krämpfen, intensivem Kopfweh, Beein¬ 
trächtigung des Sehvermögens und solcher Prostration und Schwäche der Glieder, besonders 
der Arme, dass die Kranke vollkommene Lähmung befürchtete. In einem anderen Falle, wo 
es ebenfalls zu Abortus kam, trat einseitige Ulnarislähmung ein. In einem von Crooke 3 ) 
genau beschriebenen letalen Falle, wo bei einer 23jährigen Frau auf das wochenlang fortge¬ 
setzte Einnehmen von Diachylon ebenfalls Fehlgeburt eintrat, kam es 8 Tage nach dem 
Abortus zu Anfällen maniakalischer Delirien und im Anschlüsse daran zu Koma und Convul- 
sionen bei stark gesteigerter Temperatur und sehr rapider Athmung; der linke Arm schien 
gelähmt zu sein und im Harn fanden sich Eiweiss und Fibrincylinder. Dem maniakalischen 
Anfalle waren intensive Kopfschmerzen, Leibweh, Anorexie und Durst, Anfälle von Diarrhoe 
und Erbrechen, Vertaubung und Schwäche im linken Arm und Hand und allgemeine Schwäche 
und Prostration vorausgegangen. Die Section ergab sehr weiche Consistenz und Trübung der 
mit punktförmigen Blutextravasaten durchsetzten Hirnsubstanz, sowie fleckenweise Trübung 
und Verdickung, auch Ekchymosirung der Pia mater, in welcher Venen und Capillaren stark 
erweitert waren und verschiedene Arterien Thiomben enthielten, die aus einem feinfaserigen 
Netzwerk von Fibrin, das Leukocyten und wenige rothe Blutkörperchen einschloss, bestanden. 
Mikroskopisch zeigten sich in der weichen Hirnhaut die Wandungen der kleinsten Capillaren mit 
zahlreichen Oeltrüpfchen und Albuminoidkügelchen getüpfelt, an den grösseren Gefässen körnig¬ 
fettige Degeneration des Endothels der perivasculären Lymphscheiden und der Gefässwanduog 
selbst, sowie der Gefässmuskeln; einzelne Gefässe waren aneurysmatisch erweitert. Im Ge¬ 
hirn wurde mikroskopisch pigmentäre und fettige Degeneration der spindelförmigen und 
pyramidalen Nervenzellen und der Neuroglia nachgewiesen; das Corpus striatum und der 
Thalamus opticus zeigten nur allgemeine Blässe und Trübung der grauen Substanz und ver¬ 
waschene Conturen der Nuclei. Die Seitenventrikel enthielten viel Flüssigkeit. In den Lungen 
bestand Oedem und hypostatische Pneumonie; in dem sehr weichen und schlaffen Herzmuskel 
wurde mikroskopisch leichte braune Atrophie und körnige Entartung nachgew r iesen; die ver- 
grösserte und hyperämische Leber w T ar ebenfalls körnig und fettig degenerirt. Die Magen- 


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Bleivergiftung. 


02 

Schleimhaut war hyperäinisch und ekchymosirt, die Darmsehleimhaut theilweise sehr hyperii- 
mLeh: ausserdem bestand parenchymatöse Nephritis. 

Das auch in Deutschland Bleiglätte als Abortivum benutzt wird, be¬ 
weist ein von Lesser 3 ) mitgetheilter Fall, wo der Tod drei Tage nach dem 
Einnehmen von angeblich einer Messerspitze voll Bleiglätte und 24 Stunden 
nach dein Eintritte von Abortus erfolgte. Bischoff fand im Magen, Duo¬ 
denum und Inhalt (345 Grm.) 2,05, in Theilen der Leber, Milz, Niere und 
Bauchspeicheldrüse (1136 Grm.) 2,53 Mgrm. Weit geringer war der Blei¬ 
gehalt in den Leichentheilen einer Frau, die infolge Einnehmens von 45 Mgrm. 
Bleiweiss nach vorausgegangenem heftigem Erbrechen und Durchfall, woran 
sich Koma und Krämpfe schlossen, nach vier Tagen gestorben war, trotz¬ 
dem dass sich bei der Section die Magenschleimhaut mit Schwefelblei schwarz 
gefärbt fand. Der Bleigehalt von 286 Grm. Magen nnd Darm und 920 Grm. 
diverser Organe betrug hier im ganzen nicht mehr als 1 Mgrm. In beiden 
Fällen bleiben die Zahlen sehr zurück gegen Bleimengen, wie sie bei Per¬ 
sonen angetroffen werden, die an chronischer Bleivergiftung zugrunde gehen. 
Bei einem durch die einen Monat hindurch fortgesetzte Benutzung bleihaltigen 
Wassers, das im Liter 950 Mgrm. metallisches Blei gelöst enthielt, zugrunde 
gegangenen Mädchen fand B. Fischer in 482 Grm. Magen, Zwölffinger¬ 
darm, Speiseröhre und Inhalt 7,5 Mgrm., in 735 Grm. Leber, Niere und Milz 
24,7 Mgrm. Blei. Zu bedauern ist, dass in diesem Falle nicht das Gehirn 
untersucht worden ist, das nach einer älteren Untersuchung von zwei Blei- 
w r eissarbeitem, die an Saturnismus chronicus zugrunde gegangen waren, sich 
durch grossen Bleigehalt auszeichnete. Nach dieser enthielten die ganze Leber 
0,016 und 0,081, die Nieren 0,03 und 0,053, das Gehirn 0,072 und 0,081. 
Man hat in diesem hohen Bleigehalte des Gehirns sogar einen charakteristi¬ 
schen Unterschied der chronischen von der acuten und subacuten Bleiver¬ 
giftung finden wollen. In einem criminellen Falle, wo der Tod nach wieder¬ 
holter Darreichung Bleiacetat acut nach Einführung einer grösseren Menge 
eingetreten war, fand Hi gounexq *) im Magen nur Spuren, im Dickdarm 0,215 
und im Dünndarm 0,043%, in der Leber 0,005, im Gehirn 0,0008, in Lungen 
und Nieren nur Spuren, im Herzen kein Blei. Dass das Gehirn bei chroni¬ 
scher Vergiftung mit Bleipräparaten eine hervorragende Stellung unter den 
bleihaltigen Organen einnimmt, beweisen auch Thierversuche von Oppen¬ 
heimer 6 ), in denen constant das Gehirn, die Knochen und das Knochenmark 
den höchsten Pb-Gehalt zeigten, hier sogar mehr als Leber und Darm (in¬ 
folge der subcutanen Zufuhr des Giftes). 

Wie lange bei acuten, nur durch eine einzige hohe Gabe veranlassten 
Intoxicationen der Bleinachw r eis im Harn möglich ist, geht aus einer Beobach¬ 
tung von Zinn 6 ) hervor, wo 28 Tage nach der Vergiftung mit 1 Theelöffel 
voll Bleiglätte der Nachweis noch gelang, jedoch nur bei Vereinigung des 
Harns von 3 Tagen. 

An Stelle der FRESENiüS-BABOschen Methode, die bei Untersuchung 
des Harnes von Bleikranken manchmal im Stiche lässt, empfiehlt es sich nach 
dem Vorgänge von Zanardi den bis zur Sirupdicke eingedampften Harn mit 
Salpetersäure auf dem Wasserbade zu erwärmen, bis man einen ganz weissen 
Niederschlag hat, dann nach Behandeln mit Lösung von alkalischem Am¬ 
moniumnitrat das eingeengte, leicht mit H CI angesäuerte Filtrat mit Schwefel¬ 
wasserstoff unter Erwärmen auszufällen, worauf an dem in HNO a gelösten 
Niederschlage die bekannten Pb-Reactionen angestellt werden . 7 ) 

Literatur: *) Kosenfkid, Gewerbekrankheiten und ihre Verhütung in den österreichi¬ 
schen Fabriken. Wiener med. Blätter. 1898, Nr. 1 nnd 2. — 2 ) Crooke, Fatal case of acute 
poisoning by lead eontained in* diachylon which was taken in the form of pills with the pur- 
pose of bringing on a misearriage. Lancet. 30. Juli 1898, pag. 256. — 3 ) Lesser, Ueber die 
Vertheilung einiger Gifte im mensehl eben Körper. Tod durch acute und chronische Bleiver¬ 
giftung. Viertel jahrsehr. f. geriehtl. Med. 1898, XVI, pag. 194. — 4 ) Hlgounenq, Contribution 


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Bleivergiftung. — Borsäure- und Boraxvergiftung. 


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ä la toxieologie du plomb; de la diffusion du metal dans les divers Organes. Journ. de Pharm, 
et de Chir. Deeember 1898, pag. 529. — *) Oppenheimer, Zur Kenntniss der experimentellen 
Bleivergiftung. Berlin 1899. — ß ) Zinn, Ueber acute Bleivergiftung. Berliner klin. Wochen¬ 
schrift. 1899, Nr. 50 — 7 ) Benjamin, Ueber Blei in der Leber eines Gichtkranken, sowie 
Bemerkungen über den Nachweis von Blei im Harn und in den Organen. Charite-Annal. 
1898, XXIII. JJusemann. 

Borraglneenalkaloide* Die Frage, ob in verschiedenen Bor- 
ragineen nach Art von Curare wirkende Alkaloide vorhanden seien, ist noch 
eine offene, da den positiven Angaben von Diedülin und Bichheim und Loos 
von verschiedenen Seiten widersprochen worden ist. Besonders haben neuer¬ 
dings Schlagdenhauffen und Reeb x ) aus Cynoglossum, Heliotropium euro- 
paeum und Echium vulgare nur alkaloidartige Körper gewinnen können, 
welche ausschliesslich eine central lähmende Action besassen. Nach den 
neuesten Untersuchungen von Greimer 2 ) lassen sich indes unter Benutzung 
von Quecksilberchlorid in alkoholischer Lösung als Fällungsmittel sowohl 
aus Cynoglossum als aus Anchusa officinalis und Echium vulgare nach der 
procentischen Zusammensetzung übereinstimmende Pflanzenbasen gewinnen, 
deren chlorwasserstoffsaures Salz curareartig wirkt. Eine ganz analoge Base 
wird auch aus Symphytum officinale gewonnen, doch wirkt diese lähmend 
auf die Nervencentren. Neben diesen als Cynoglossin bezeichneten Bor- 
ragineenalkaloiden findet sich aber ein zweites Alkaloid, das nach Abfiltriren 
des in alkalischer Lösung erzeugten Niederschlages von Cynoglossin-Platin- 
chlorid im Filtrat bleibt und daraus mit Aether gefällt wird und welches 
central lähmende Wirkung besitzt. Dieses von Greimer als Consolidin be- 
zeichnete Alkaloid spaltet beim Behandeln mit Säuren in der Wärme Gly- 
kose und ein neues Alkaloid, Consolicin, ab, das aus der alkalisch gemachten 
Lösung mit Chloroform ausgeschüttelt werden kann. Dieses wirkt ebenfalls 
central lähmend, ist aber dreimal giftiger als Consolidin. Ist es, wie es scheint, 
auch in der Pflanze präformirt vorhanden, so dürfte es sich leicht erklären, 
weshalb verschiedene Experimentatoren die Existenz curareartiger Borragineen- 
alkaloide überhaupt geleugnet haben. Wie sich zu dem Cynoglossin das an¬ 
geblich dem Curarin in seinen Löslichkeitsverhältnissen und seinen Farben- 
reactionen entsprechende Alkaloid von lähmender Wirkung verhält, das 
Drescher 8 ) in Echium vulgare gefunden haben will, bleibt unentschieden. 

Literatur: ') Schlagdenhauffen und Reeb, Note sur les racinea et les semences de 
la cynoglosse. Journ. Pharm. Els.-Lothr. XVIII, pag. 285. — a ) Grf.imer, Ueber giftig wirkende 
Alkaloide einiger Borragineen. Arch. f.experim. Path. XLI, pag. 287. — 8 ) Drescher, Blue weed. 
Chem. and physiol. Notes. New York med. Rec. 9. October 1897, pag. 519. Jlascm&nn . 

Borsäure- und Boraxvergiftung. Weder der Borsäure noch 
ihren Alkalisalzen hat man in früherer Zeit giftige Wirkung zugeschrieben. 
Die erste darauf bezügliche experimentelle Studie Binswangers *) lässt nach 
den Selbstversuchen des Autors das Sal sedativum Hombergi, wie man die 
Borsäure nannte, als »ganz indifferente« Substanz erscheinen, die höchstens 
in Dosen von 8,0—12,0 zu etwas Reizung des Magens und Darms führe, 
dagegen in kleinen Dosen als Natriumsalz den Organismus mit Harn, Speichel 
und Galle verlasse, ohne ihm Schaden zuzufügen. Trotz dieser Angabe Bins- 
wanger s über die Harmlosigkeit der Borsäure und des Borax, für welche 
die Mehrzahl neuerer Autoren, die sich mit experimentellen Studien über 
diese beschäftigten, eingetreten ist, lässt sich jedoch nicht in Abrede stellen, 
dass Borsäure in sehr hohen Gaben selbst tödtliche Intoxication hervorrufen 
kann, und dass ausserdem durch längere Zeit fortgesetzte grosse inedicinale 
Dosen von Borsäure oder Borax ebenfalls Störungen entstehen, die man als 
chronische Intoxication zu bezeichnen berechtigt ist. 

Da bei beiden Formen der Vergiftung in der Mehrzahl der Fälle Haut¬ 
ausschläge auftreten, die ja bekanntlich häufig als Nebenwirkungen von 
Arzneimitteln Vorkommen, liegt allerdings die Frage nahe, ob es sich nicht 



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Borsäure- und Boraxvergiftung. 


uin Nebeneffecte handle, die nur bei besonders prädisponirten Personen sich 
geltend machen. Gewiss ist nicht in Abrede zu stellen, dass derartige Prä¬ 
dispositionen, wie gegen andere Medicamente, auch gegen Borsäure und 
Borax bestehen können, und da, wo diese, wie in einem von Sonden *) beob¬ 
achteten Falle von Urticaria nach einem Massenklystiere von Borsäure¬ 
lösung, als Urticaria oder als polymorphes Exanthem auftreten, wird man 
über die Natur des Exanthems zweifelhaft bleiben können. Um ein soge¬ 
nanntes Arzneiexanthem handelt es sich höchst wahrscheinlich in einem Falle 
von Johnson 3 ), wo nach mehrmaligem Einnehmen von Borsäure zu 3,6 pro die 
Fieber, Appetitverlust, Kopfschmerzen, Röthe der Bindehaut und Rachen¬ 
schleimhaut und lebhaft rothes Erythem mit Papeln und Pomphi an den 
Streckseiten der Glieder und um die Gelenke herum auftrat, das nach Aus¬ 
setzen der Borsäure in vier Tagen verschwand. In den schwersten Fällen 
acuter Intoxication durch Borsäure handelt es sich aber um Einführung 
solcher Mengen, von denen niemand zweifeln kann, dass sie auch ohne Prä¬ 
disposition toxisch wirken können, und noch dazu wird ihre Activität da¬ 
durch gesteigert, dass nicht der Magen, sondern der geschwürige untere 
Theil des Darms oder seröse Cavitäten die Applicationsstelle bilden. Dass 
die vorwaltend durch Hautausschlag charakterisirte chronische Intoxication 
durch Borax als selbständige, der Bromakne vergleichbare, wahrscheinlich 
auf Eliminationswirkung beruhende Affection aufzufassen ist, geht daraus 
hervor, dass es sich hier nicht um gewöhnliche Formen des Arzneiexanthems 
handelt. Auch die Exantheme bei acuter Vergiftung lassen sich dadurch er¬ 
klären, dass die Haut einen Theil der Ausscheidung übernimmt. Der Nach¬ 
weis dafür ist experimentell allerdings noch nicht geliefert, wie überhaupt 
die Eliminationsverhältnisse der Borsäure trotz mehrfacher Studien 
noch nicht völlig geklärt sind. Erwiesen ist nur, dass bei dem chronischen 
Borismus eine starke Verzögerung der Elimination der Norm gegenüber 
stattfindet. Unter gewöhnlichen Verhältnissen ist die Borausscheidung nicht 
gerade besonders langsam. Nach Jay 4 ) erscheint Borsäure sehr bald, nach 
grösseren Mengen schon in 3 Stunden im Harn; die Ausscheidung erreicht 
ihr Maximum zwischen 11 und 13 Stunden und ist in 30 Stunden beendet. 
Wild 5 ) konnte nach Einnehmen von 12 Grm. schon nach 4 und noch nach 
26, aber nicht mehr nach 44 Stunden Bor im Harn constatiren. Diese Angaben, 
die sich auf Anwendung kleiner und grosser Dosen bei Gesunden beziehen, 
contrastiren sehr mit den Untersuchungen Fer£‘s ö ) über Kranke, die nach 
längerem Gebrauche grösserer Dosen von Borax Albuminurie zeigten, indem 
hier noch 41 und selbst 43 Tage nach Aufhören der Zufuhr Bor im Harn 
nachgewiesen werden konnte. In einem Falle acuter Intoxication mit Exan¬ 
them, aber ohne Albuminurie wies Bruzelius 7 ) noch am 9. Tage nach Aus¬ 
setzen der Einfuhr Bor im Harn nach. Auch Johnson hat Borsäure bei 
einem Kranken mit pleuritischem Exsudate 15 Tage nach dem Aufhören 
nachgewiesen. Sehr geringe Borsäuremengen werden nach Vigier s ) und 
Johnson auch durch den Speichel eliminirt. Auf stärkere Betheiligung der 
Hautdrüsen weisen die Angaben Johnsons hin, wonach er mehrfach nach 
internem Borsäuregebrauche Borax im Schweisse, einmal sogar zwei Tage 
nach dem Fortlassen der Borsäure constatirte. 

Acute Borsäurevergiftung (Borismus acutus). Diese Form der 
Vergiftung wurde zuerst 1881 von Molodenkow in Petersburg 9 ) beobachtet, 
dessen Wahrnehmungen sehr bald durch verschiedene schwedische Aerzte, 
namentlich durch Bruzelius, Warfvinge 10 ) und Hogner 11 ) Bestätigung er¬ 
fuhren. Als Ursache erscheint in den meisten Fällen die Anwendung als 
Antisepticum in zu grossen Mengen, und zwar in Form hochprocentiger 
Lösungen zu antiseptischen Spülungen oder antiseptischen Massenklystieren, 
wobei dann in einzelnen Fällen bestimmt, in anderen sehr wahrscheinlich 


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Borsäure- und Boraxvergiftung. 


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ein Theil der eingeführten Flüssigkeit in den Cavitäten zurückgehalten wurde. 
Bei Spülungen von Abscesshöhlen oder der Pleuracavität oder auch des 
erweiterten Magens bedarf es nur einer einmaligen Spülung, wogegen nach 
Massenklystieren die Effecte erst nach wiederholter Application auftreten. 
Wie gross in solchen Fällen die dem Darm zugeführte Borsäuremenge sein 
kann, ohne dass der Ausgang ein tödtlicher zu sein braucht, wird durch 
den Fall von Bruzelius (1882) demonstrirt, wo fünf Tage morgens und 
abends 1400—1500 Ccm. 4%ige Borsäurelösung, dann fünf Tage nur lrnal 
im Tage dieselbe Menge, somit, da das Einzelklystier 56—60 Grm. Borsäure 
enthielt, im ganzen 840—900 Grm. als Massenklystier in den Darm ge¬ 
langten und nur zum Theil wieder abgingen. Auch in dem Falle von Warf- 
vixge, wo erst nach 15tägiger Anwendung von 2 1 / 2 %iger Lösung in Kly- 
stieren von 300 Grm., somit von 15 Grm. pro dosi Erscheinungen auftraten, 
war der Verlauf günstig. Dass grössere Mengen bei Spülungen tödtlich 
werden können, scheinen Molodenkows Fälle, in denen einmal die Pleura¬ 
cavität, das anderemal eine grosse Abscesshöhle eine Stunde lang mit 30 Pfund 
Borsäurelösung (entsprechend 750 Grm. Acidum boricum) ausgespült 
wurden, wobei ebenfalls ein Theil zurückblieb, zu beweisen; doch ist zu 
beachten, dass es sich um so sehr decrepide Personen handelt, dass man wohl 
Zweifel daran haben kann, dass die Borsäure Todesursache sei. Dass bei 
Mengen dieser Art keine Unwegsamkeit der Nieren vorhanden zu sein 
braucht, um eine Allgemeinwirkung hervorzubringen, liegt wohl auf der Hand. 
Es ist übrigens nicht absolut nothwendig, dass die Application in Form von 
Lösung stattfindet; auch die Tamponade der Scheide mit Borsäure hat nach 
Welch 13 ) mehrmals zu intensiver Vergiftung geführt. Ob Natriumborat 
(Borax) in sehr grossen Dosen acuten Borismus hervorrufen kann, ist 
zweifelhaft; obschon behauptet wird, dass bei Anwendung solcher als Abortiv¬ 
mittel Vergiftungen vorgekommen seien, sind beweisende Fälle doch nicht 
beschrieben worden. Jedenfalls müssen hier kolossale Dosen genommen 
werden, da die an sich sehr geringe local entzündliche Wirkung der Bor¬ 
säure ihrem Natriumsalz ganz abgeht und Borax mindestens 4—5mal 
schwächer als Borsäure wirkt. Zu dem acuten Borismus gehören auch einige 
Fälle, wo Borsäure auf Wunden, Geschwüre, Decubitusflächen applicirt wurde. 

Dass bei Anwendung saturirter Borsäurelösung und von Borsäure in 
Substanz zunächst örtliche Reizungserscheinungen auftreten, kann nicht auf¬ 
fallen. Solche können schon nach Einnehmen weniger Gramme im Tractus 
hervortreten. So trat in Versuchen von Schlenker und Förster 13 ) nach 
8 Grm. Acidum boricum, auf 2mal in einer Stunde eingenommen, 8 / 4 Stunden 
nach Genuss der 2. Hälfte Nausea, Erbrechen und mehrstündiges Gefühl von 
Druck und Völle im Magen ein. Noch intensivere Erscheinungen hat Wild 
bei sich selbst nach 8 Grm. in 4 Stunden genommen beobachtet, nämlich 
ausser Nausea heftige Kolikschmerzen und einen Tag anhaltende Diarrhöen, 
wozu am zweiten Tage Kopfschmerz, Appetitmangel, Gefühl von Depression 
und ausgesprochene Röthung der Haut hinzutraten. Nach Rosenthal 14 ) be¬ 
wirken 4—6 Grm. Borsäure beim Gesunden etwas Uebelkeit und Steigerung 
der Diurese, 12—15 Grm. unangenehmes Gefühl im Magen. Symptome ört¬ 
licher Irritation fehlen aber auch bei Application an anderen Körperstellen 
nicht. In einem Falle von Welch wird als Folge der Tamponade der Scheide 
mit Borsäure heftiger Schmerz in der Vagina hervorgehoben. Hogner beob¬ 
achtete bei Ausspülung der Harnblase mit 1000 Grm. 2—3—4%iger Lösung 
und Zurücklassung von 150 Grm. in der Blase Harndrang, Blut, Schleim und 
Schleimhautfetzen im Harn, sowie Diarrhöe. Auch beim Einblasen von Bor¬ 
säure ins Ohr resultirt mitunter Schmerz und vermehrte Secretion. 

Solche irritative Entzündung ist aber auch als entfernte Wirkung 
grösserer Mengen Borsäure möglich und kann sich infolge der Ausscheidung in 


# Encyclop. Jahrbücher. IX. 

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Borsäure- und Borax Vergiftung. 


60 


erster Linie an den Nieren, aber auch an den verschiedensten Schleim¬ 
häuten, besonders leicht, wenn durch die Nierenaffection die Elimination er¬ 
schwert wird, aber auch ohne diese zeigen. Auf diese Weise erklärt sich 
auch das Auftreten von Gastroenteritis oder Enteritis bei Vergiftungen von 
serösen Häuten oder entfernten Schleimhäuten, da auch die Darmschleim- 
haut, wie Johnson’s Versuche zeigen, an der Elimination der Borsäure sich 
betheiligt, wenn auch in etwas ungleichmässiger Weise. Dass die Hautaffec- 
tionen ihre Erklärung in der eliminativen Irritation der Hautdrüsen finden, 
wurde bereits angedeutet und die in einzelnen Fällen beobachteten irrita- 
tiven Erscheinungen an der Nasen- und Rachenschleimhaut (Bruzelius) sind 
ebenfalls auf Eliminationswirkung zurückzuführen. 

Eine directe Wirkung auf das Nervensystem kommt der Borsäure nicht 
zu. Da, wo Nervenerscheinungen Vorkommen, sind sie wohl als Folge der 
Organveränderungen, namentlich der Nierenaffection, anzusehen. Als Ursache 
der Schwächezustände, die überall ausgesprochen sind, müssen die Altera¬ 
tionen im Tractus in erster Linie angesehen werden. 

Das Krankheitsbild des Borismus acutus ist, von den ausschliesslich 
auf Symptome seitens des Magens und Darms sich beschränkenden Fällen 
abgesehen, nicht immer gleich. Die meist sehr hervorstechende Hautaffection 
wechselt nicht nur in der Form, sondern kann, wie in dem Warfvinge- 
schen Fall, ganz fehlen. In dem Falle von Bruzelius , der für die langsam 
in Genesung endigenden als typisch bezeichnet werden kann, wird das Vor¬ 
handensein einer Nierenaffection ausdrücklich in Abrede gestellt. Hier trat 
nach der 8tägigen Behandlung einer chronischen Enteritis mit Massen- 
klystieren am 9. Tage Irritation und Röthung der Nasen- und Pharyngeal- 
schleimhaut auf; dann kam es am 11. Tage zu allgemeinem Unwohlsein. 
Kopfweh, beträchtlicher Somnolenz, Prostration, Röthung der Bindehaut und 
Fieber, das über 40° stieg und am 12. Tage entwickelte sich die Haut¬ 
affection, anfangs in Form kleiner Aknepusteln, dann als ausgedehntes Ery¬ 
them von 3—4 Tagen Dauer, mit leichter Desquamation verbunden, woran 
sich schliesslich eine 3tägige Urticaria und einzelne zerstreute Petechien 
reihten. Völlige Genesung erfolgte erst in 3—4 Wochen. In den rasch tödt- 
lich endigenden Fällen Hogner s, in denen Magenspülung den Borismus be¬ 
dingte und der Tod in 3, respective 7 Tagen erfolgte, bildeten neben Er¬ 
brechen und Appetitlosigkeit Fieber und Mattigkeit die hauptsächlichsten 
Erscheinungen und das Exanthem charakterisirte sich als Purpura haemor- 
rhagica (in einem Falle im Gesichte als Erysipelas). In dem Falle von Welch 
(nach Scheidentamponade) verbanden sich Nierenerscheinungen (Spanurie), 
Schwellung der Haut und Formication mit heftigen örtlichen Schmerzen und 
Collapserscheinungen. 

Besonders auf klärend über das Wesen der acuten Borsäurevergiftungen haben die bisherigen 
Versuche an Thieren nicht gewirkt. Dass Borsäure bei Thieren, welche nicht erbrechen, 
wie Kaninchen, in Dosen von 4 Grm. Entzündung des Magens und Darmcanals mit tödt- 
liehem Ausgange in einigen Stunden bewirkt, hat schon Mitscherlich l5 ) constatirt. Schwere 
Gastroenteritis erzeugen nach Neumann 16 ) auch grössere Dosen bei Hunden, die nach 0,3 
bis 0,5 pro Kilogramm nur starken Temperaturablall zeigen, nach 1,0 pro Kilogramm unter 
schweren Lähmnngserseheinungen sterben. Selbst bei intravenöser Application liegt die Dosis 
letalis bei Thieren sehr hoch, da nach Vigier Natriumborat zu 1,0—2,5 keinerlei Intoxi- 
cationserscheinungen macht. Hunde scheinen nach Neumann etwas empfindlicher zu sein als 
Kaninchen; auch das Verhalten des Peritoneums gegen verschieden concentrirte Lösungun 
schwankt bei verschiedenen Thierarten. Junge Hühner toleriren 0,5 und 1,0 ohne Krank- 
heitssyrnptome (Ltkbrkich 17 ). Mäuse gehen erst nach Dosen von l ,\. 0Q ihres Körpergewichtes 
zugrunde (Jaknjcke lb ). Die von Plaut 10 ) hei Kaninchen nach subcutaner oder intraperitonealer 
Vergiftung fast coustant gefundene Nephritis parencbymätosa (mit Albuminurie und Hämat¬ 
urie) findet ihr Analogon in den oben erwähnten Beobachtungen. 

In Bezug auf die Therapie des Borismus acutus scheint die Zufuhr 
grösserer Mengen von Flüssigkeiten behufs Elimination der retinirten Bor¬ 
säure besonders indicirt zu sein. Prophylaktisch ist auf das Vermeiden 


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Borsäure- und Boraxvergiftung. 


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starker (4 —5%) Lösungen zu dringen, da solche bestimmt leichter als 
schwächere Lösungen local entzündlich wirken. Mit der Herabsetzung der 
Concentration wird bei gleichbleibender Menge des Vehikels natürlich auch 
der Betrag der eingeführten Borsäure verringert. So erklärt es sich, dass 
in einem von Sofia Grumpelt 20 ) beschriebenen Falle, wo eine an Enteritis 
chronica leidende Dame nach Irrigation mit einer Borsäurelösung von 
2,8 Borsäure und Acidum boricum in 567 Grm. lauwarmen Wassers leichte 
Vergiftungserscheinungen zeigte, nach Herabsetzung der Borsäuremenge auf 
die Hälfte nicht blos die gastrischen Symptome, sondern auch die entfernten 
(Kopfweh und intensive Hauttrockenheit) ausblieben. 

Chronische Borsäurevergiftung, Borismus chronicus. Diese 
Form der Borsäurevergiftung tritt am häufigsten in der Form von Haut- 
affectionen auf, die nach längerem internen Gebrauche kleiner Dosen sowohl 
von Acidum boricum als von Borax erscheinen. Nach Borsäure ist sie schon 
von Binswanger constatirt, der bei sich selbst im Laufe seiner Versuche 
einen impetiginösen Hautausschlag beobachtete, ohne diesem viel Be¬ 
deutung beizulegen. Häufiger führte der in Frankreich und England in neuerer 
Zeit üblich gewordene interne Gebrauch des Borax gegen Epilepsie zu dieser 
Intoxicationsform, auf deren häufigste Art, die Psoriasis boracica, 1881 
zuerst Gowers 21 ) hinwies. Das besonders ausführlich von Lemoine 22 ) und 
F£r£ 23 ) behandelte Leiden kann selbsverständlich auch durch längere An¬ 
wendung kleiner Dosen von Borsäure auf Schleimhäute hervorgebracht 
werden, wie sie in neuester Zeit Evans 23 ), Wild u. a. mehrmals bei Behand¬ 
lung von Cystitis mit innerlichen Gaben Borsäure beobachteten. Es kann 
sogar keinem Zweifel unterliegen, dass die Borsäure weit leichter als der 
Borax zu chronischer Vergiftung führen kann. 

Der Borismus cutaneus stellt sich in der überwiegenden Mehrzahl der 
Fälle als ein mit grosser Trockenheit der Haut verbundener Schuppenaus¬ 
schlag dar, der gewöhnlich an den Extremitäten sich localisirt und sowohl 
die Beuge- als die Streckfläche befällt. Solche Fälle werden meist als Pso¬ 
riasis borica bezeichnet. Mitunter ist auch die Kopfhaut die vorwaltend er¬ 
griffene Partie, wo die Trockenheit und Schuppenbildung, wie in einem Falle 
von Wild, vereinzelt beginnt, ehe sich schuppige Flecke an den Armen oder 
Beinen zeigen. In solchen Fällen kommt es auch frühzeitig zum Ausfallen 
der Haare. Manche solcher Kopfausschläge können zu Schwankungen in der 
Diagnose Anlass geben; so war es in Wild’s Falle zweifelhaft, ob man das 
Exanthem für Psoriasis capitis, Pityriasis rubra, Dermatitis seborrhoica oder 
für ein Syphilid erklären solle. An den Gliedmassen können neben rothen 
psoriatischen Flecken auch Papeln in deren Peripherie Vorkommen. In ein¬ 
zelnen Fällen kommen auch abweichende Exanthemformen vor, wie in Fällen 
von Rasch 24 ) und Evans universelle Erythrodermie, die in dem RASCH'schen 
Falle mit starker Hauttrockenheit sich verband und ihren Ausgangspunkt 
von einer circumpilären Läsion, die ein Centrum für kleine, schnell wach¬ 
sende, confluirende Ringe bildete, hatte. Lemoine und F6re weisen auch auf 
das Vorkommen von Hautblutungen (Purpura, hämorrhagischen Rash) hin. 

Die Exantheme haben das Charakteristische, dass sie sich nach Auf¬ 
hören der Zufuhr der Borpräparate zurückbilden und nach Wiederaufnahme 
sich wieder bilden, manchmal sogar in verstärktem Masse. Ihre Dauer ist 
oft recht lang; in Rasch’s Falle begann der Ausschlag nach 10 Tagen zurück¬ 
zugehen und war in 24 Tagen vollständig verschwunden. Das Defluvium 
capillorum ist meist nicht dauernd, doch erfolgt das Wiederwachsen der Haare 
manchmal sehr spät, in Evans’ Falle erst nach sechs Wochen. Ausnahmsweise 
kommt es auch zu Onychie und rissiger Beschaffenheit der Nägel. Die 
Affection verläuft meist nicht ohne anderweitige Störungen. Namentlich ist 
das Allgemeinbefinden gestört und es kann sich ein kachektischer Zustand 


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Borsäure- und Boraxvergiftung. 


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entwickeln, der vielleicht mit einer nicht selten gleichzeitig nachzuweisenden 
Nierenaffection in Connex steht. Fere will sogar eine Cachexia borica und 
eine Nephritis borica als besondere Formen des Borismus chronicus sta- 
tuiren und für erstere hat Lemoine 25 ) sogar in einem dem Bleisaum ver¬ 
gleichbaren dunklem Rande am Zahnfleisch, der unter Anschwellung und 
Röthung sich entwickelt, ein charakteristisches Symptom erkennen wollen, 
das nach Ftnt indes keineswegs constant ist. Es ist möglich, dass sowohl 
Kachexie als Nephritis für sich als Folge chronischer Vergiftung mit Bor¬ 
präparaten Vorkommen können; in der Regel aber kommen beide in Ver¬ 
bindung unter einander und mit dem Borexantbem vor, wodurch das Krank¬ 
heitsbild sich dem acuten Borismus ähnlich gestaltet. In einzelnen Fällen von 
chronischem Borismus wird das Vorhandensein von Albuminurie und sonsti¬ 
gen Zeichen von Nephritis in Abrede gestellt. Zu letzteren dürfen wohl die 
vereinzelt vorkommenden Störungen des Sehvermögens gerechnet werden, 
wie sie von Hairiox (Abnahme der Sehschärfe um die Hälfte) und Rasch 
(Neuritis optica) constatirt wurden. Ob die Hautschwellung, die mitunter 
dem Ausbruch des Exanthems vorausgeht, von Unwegsamkeit der Nieren 
abhängig oder ein entzündliches Oedem darstellt, ist nicht überall mit 
Sicherheit zu sagen. Den Ausgangspunkt für die Abmagerung und die all¬ 
gemeine Schwäche bilden in der Regel Appetitverlust und Verdauungs¬ 
störungen. Dass bei starker Nephritis Tod durch Urämie eintreten kann 
(Wild), ist wohl nicht zu bezweifeln. 

Was die Dosen der Borsäure und des Borax anlangt, die zu chroni¬ 
schem Borismus führen können, so sind dieselben gewiss auch von der 
Individualität abhängig. Gefährdend wirken natürlich schon bestehende Rei¬ 
zungszustände der Nieren, welche die Retention der Borverbindungen fördern. 
Die niedrigste Menge Borsäure, welche bei einem an Cystitis Leidenden zur 
Erkrankung führte, ist in einem Falle von Hall 26 ) lOtägige Darreichung 
von 1,09—1,8 Grm. in steigenden Gaben, etwa 14,0 im ganzen, woran sich 
der Fall von Evans (Bwöchentliche Behandlung mit steigenden Gaben von 
0,6—1,2, etwa 12,0 im ganzen) anreiht. In dem Falle von Wild war 45 Tage 
3mal 0,6 Acidum boricum, somit 81 Grm. gegeben. Mit den Borsäuredosen 
von Hall und Evans contrastiren die Boraxgaben sehr, welche Exantheme oder 
Nephritis erzeugten. Als solche giebt Gowers mehrmonatlichen und selbst 
zweijährigen Gebrauch von 3,6 (also mindestens 216 Grm. in toto), Lemoine 
2 — 6monatlichen von 2,0 (mindestens 120 Grm.), Wild 4wöchentliches Ein¬ 
nehmen von täglich 5 Grm. (140 Grm.) an. Die Differenz dieser Dosen lässt 
sich nicht aus dem verschiedenen Borgehalte der Borsäure, H 3 B 0 3 und des 
Borax, NaB 4 0 7 + 10H 2 0, ableiten, da dieser sich wie 18: 11,5 verhält. Die 
ungünstigen Ausscheidungsverhältnisse und die stärkere örtliche Wirkung der 
Borsäure müssen dabei nothwendig eine Rolle spielen, wobei zu beachten 
ist, dass nach den Versuchen von Wild die Borsäure im Harn nur theil- 
weise an Natrium gebunden, theilweise als solche im Harn erscheint 

Wie bei dem acuten Borismus ist auch bei dem chronischen neben 
der Beseitigung der Noxe durch Sistiren des Gebrauchs von Bormitteln die 
Förderung der Elimination einerseits und die Linderung der nephritischen 
Erscheinungen durch reichliches Getränk anzustreben. Alkalische Getränke 
sind zu bevorzugen, um die frei gebliebene Säure an Alkali zu binden. Für 
die günstigen Effecte der diluirenden Behandlung sprechen auch die Resultate 
der älteren Versuche Polli s 27 ), der bei 8 Personen weit grössere Mengen 
Borsäure in Milch darreichte, 45 Tage 2 Grm. und 23 Tage 4 Grm., ohne 
dass irgend schädliche Effecte folgten, und gerade auf Grund dieser Versuche 
für die Verwendung der Säure als Antisepticum eintrat. 

Im ganzen und grossen dürfen wir sowohl den acuten als den chroni¬ 
schen Borismus als vorübergehende toxikologische Erscheinungen betrachten. 


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Borsäure- und Borax Vergiftung. 


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Der erstere ist seit Mitte der Achtziger-Jahre fast völlig aus der Literatur 
verschwunden, indem man, durch die Erfahrungen belehrt, von den Massen- 
klystieren und -Spülungen abstrahirte und ähnlich wird es dem Borismus 
chronicus gehen, indem man die ohnehin nicht besonders erfolgreiche Epilepsie¬ 
behandlung mit Borax und die Borsäurebehandlung der Cystitis über Bord 
wirft und an deren Stelle den Gebrauch von Mitteln, die keine derartigen 
Nebenwirkungen haben, z. B. Bromipin, das ebenso sicher wie Bromkalium, 
ohne Akne oder sonstige Nebeneffecte, Epilepsie heilt und Urotropin, das 
der Borsäure bei Cystitis mindestens gleichkommt, setzt. 

Man hat in neuerer Zeit mehrfach versucht, die unbestreitbare schäd¬ 
liche Wirkung kolossaler Mengen Borsäure und der monatelang fortge¬ 
setzten Einverleibung grosser medicinaler Gaben Borax oder Borsäure zur 
Verdächtigung der in den beiden letzten Decennien sich immer mehr ver¬ 
breitenden Benutzung des Borax oder der Borsäure zur Conservirung von 
Nahrungsmitteln zu gebrauchen. Dies ist jedoch in keiner Weise statthaft. Ein 
aus directer Beobachtung beim Menschen entnommener Grund für den Verdacht 
der Schädlichkeit mit kleinen Mengen von Borpräparaten conservirter Sub¬ 
stanz existirt nicht. Für Fleisch und Fische, bei denen das Verfahren in 
höchst ausgedehntem Masse gebräuchlich ist, liegt nicht eine einzige Mit¬ 
theilung über Erkrankungen vor, die man davon ableiten könnte. Ein eng¬ 
lischer Fall von Vergiftung durch ein Blancmanger, das mit einer über¬ 
mässig stark mit Borsäure versetzten Milch bereitet war, ist von Lieb¬ 
reich 17 ) mit Recht als nicht unter die Kategorie des Borismus fallend und 
auf ein in der Milch vorhandenes, in weit kleineren Dosen toxisches Gift 
zurückgeführt worden. Die bisher an Thieren angestellten Versuche er¬ 
weisen das gerade Gegentheil einer Schädigung selbst sehr erheblicher 
Dosen, insofern danach wiederholt Zunahme des Körpergewichts dargethan 
wurde. Diese zuerst von Cyox 28 ) constatirte Thatsache der Gewichtsver- 
niehrung ist neuerdings von Liebreich 39 ) an verschiedenen Versuchsthieren 
bestätigt worden. Sie kommt bei Hunden sogar vor, wenn nach der Verab¬ 
reichung hoher Dosen Borax in Substanz anfangs heftige Darmerscheinungen 
auftreten, die bei Anwendung in Lösung vermisst werden. Die zuerst von 
Förster, später auch von Chittexden und Gies 80 ) und von Liebreich be¬ 
stätigte Thatsache, dass bei Einführung von Borax mit der Nahrung der 
Stickstoffgehalt der Fäces zunimmt, beweist keineswegs, dass der Borax die 
Ausnutzung der Eiweissstoffe beschränkt, sondern erklärt sich, wie dies 
schon Förster angab, recht wohl dadurch, dass durch Beschränkung der 
Fäulniss stickstoffhaltige Substanzen im Darme nicht in resorbirbare Fäul- 
nissproducte übergeführt werden. Ein störender Einfluss auf diverse Ver¬ 
dauungsfunctionen ist offenbar die Folge der alkalischen Beschaffenheit des 
Borax und vielfach geringer als die von Natriumbicarbonat oder Salpeter. 
Letzteres gilt auch in Bezug auf die der Borsäure und den Borpräparaten 
imputirte schädigende Wirkung auf Magen- und Darmepithelien, die durch 
4mal schwächere Lösungen von Salpeter hervortritt. Man wird daher mit 
Liebreich Borsäure und Borax als Conservirungsmittel für unschädlich an- 
sehen dürfen. Für die Conservirung des Fleische* verwerthet man Mengen 
von 0,25—0,75% Borsäure, wovon aber beim Wässern des Fleisches noch ein 
grosser Theil verloren geht, so dass der Schätzung nach höchstens 0,25% 
in den Körper gelangen. Diese Mengen bleiben unstreitig bedeutend hinter denen 
zurück, die sich als den Organismus belästigend erwiesen haben. Mit Recht be¬ 
zeichnet Liebreich es als eine grosse nationalökonomische Calamität, wenn 
man aus einem Vorurtheile die Conservirung von Nahrungsmitteln, die sonst 
der Fäulniss anheimfallen, mit Boraten aufgäbe, die, wie Liebreich betont, unter 
den Antiseptica insofern eine Sonderstellung einnehmen, als sie nur wirklich 
frische, nicht aber bereits zersetzte Materialien zu erhalten imstande sind. 


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Borsäure- und Boraxvergiftung. — Brillen. 


Literatur: l ) Binswanger, Pharmakologische Würdigung der Borsäure, des Borax 
und anderer borsaurer Verbindungen in ihrer Einwirkung auf den gesunden und kranken 
thierischen Organismus. München 1847. — 2 ) Sonden, Discussion in Svenska Läkare Siillsk. 
in deren Forhandl. 1882, pag. 87. — 5 ) Johnson, Kliniska studier öfver borsyrans och borax 
inverkan p& mensküga Organismen äfvensom deras elimination ur den samma. Nord. med. 
Ark. 1885, XVII, Nr. 9. — 4 ) Jay, Sur la vitesse de Felimination de l’acide borique. Annal. 
d’hygiene pnbl. 1897, XXXVII, pag. 493. — 6 ) Wild, Dermatitis and other toxic effeets pro- 
duced by boric acid and borax. Lancet. 7. Januar 1899, pag. 23. — 6 ) Fer£, Le boiisme et 
les accidents de la medication par le borax. Semaine med. 1894, Nr. 62. — 7 ) Bruzeliis, 
On borsyre forgiftning. Hygiea. 1882, pag. 548. — *) Vigier, Note preliminaire sur l action 
physiologique du borate de soude. Compt. rend. de la Soc. de Biol. 1883, pag. 44. — Molo* 
denkow, Vergiftungen durch Borsiiuresi iilung. Centralbl. f. Chir. 1881, Nr. 39. — 10 ) Warf* 
vinge, Fall af borsyre forgiftning. Svenska Läk. Sällsk. Protok. 1883, pag. 10. — ll ) IIogner, 
FÖrgiftningsfall genom borsyre söljungar. Eira 1884, pag. 489. — 12 ) Welch, Toxicological 
effeets of boracic acid. Med. Record. 3. November 1888, pag. 531. — ,s ) Förster, Verwend¬ 
barkeit der Borsäure zur Conservirnng von Nahrungsmitteln. Arch. f. Hygiene. 1884, II, 
pag. 75; Schlenker, lieber die Verwendbarkeit der Borsäure u. s. w. München 1884. — 
,4 ) Rosbnthal, Untersuchungen und Beobachtungen über Arzneimittel. Borsäure. Anzeiger d. 
Gesellsch. d. Aerzte zu Wien. 1894, Nr. 12. — lö ) C. H. Mitscherlich, De acidi boracici ef- 
fectu in animalibus. Berol. 1847. — lft ) Neumann, Experimentelle Untersuchungen über die 
Wirkung der Borsäure. Arch. f. experim. Path. 1881, XIV, pag. 149. — 17 ) 0. Liebreich, The 
so called danger from tbe use of boric acid for preserved foods. Lancet. 6. Januar 1900, 
pag. 13; Bemerkungen über den fortgesetzten Gebrauch kleiner Mengen Borsäure. Zeitschr. 
f. öffenil. Chemie. 1899, pag. 492. — le ) Jaenicke, Ueber die therapeutische Verwerthung 
der Borsäure. Therap. Monatsh. September 1891, pag. 477. — 19 ) Plaut, Untersuchungen über 
die Rückwirkung der Borsäure auf die Nieren. Würzburg 1889. — ,0 ) Sofia Grumpelt, Sym¬ 
ptoms of poisoning by boracic acid. Brit. med. Joum. 7. Januar 1899, pag. 9. — ,J ) Gowers, 
On psoriasis from borax. Lancet. 24. September 1881. — 22 ) Lemoine, De la toxicite de 
l’acide borique. Gaz. nied. 1890, Nr. 18, 19. — l3 ) Evans, Toxic effect of boracic acid. Brit. 
med. Journ. 28. Januar 1899, pag. 309. — * 4 ) Rasch, Ett fall af borsyreexantem. Hospit. Tid. 
1897, pag. 709. — l6 ) Lemoine, Lisere gingival consecutif ä l’injection du borax. Bull. gen. 
de therap. 30. Mai 1892, pag. 533. — S6 ) Hall, Boric acid poisoning. Lancet. 28. Januar 
1899. — * 7 ) Polli, Applicazioni terapeutiche dell’ acido borico. Gaz. med. ital. Lombard. 1877, 
Nr. 26. — 28 ) Cyon, Sur l’action physiologique du borax. Compt. rend. 1878, LXXXVII, 
pag. 845. — ,9 ) Liebreich, Gutachten über die Wirkung der Borsäure und des Borax. Viertel¬ 
jahrschrift I. gerichtl. Med. 1900, Heft 1. — 30 ) Chittenden und Gies, The influence of borax 
and boric acid upon nutrition with Bpecial reference to proteid metabolism. Anier. Journ. of 
Physiol. 1898, I, pag. 1. Husemann. 


Brillen. Die Fabrik Mantois in Paris bat im Jahre 1896 unter dem 
Namen Isometropglas ein Bariumsilicat-Crownglas in den Handel gebracht 
das einen Brechungsindex von 1,5778 besitzt; dasselbe Glas soll schon zehn 
Jahre vorher das glastechnische Laboratorium von Schott und Genossen in 
Jena nebst anderen Barytgläsern gefertigt haben, und es soll dies auch jetzt 
dort hergestellt werden, aber nicht unter dem patentirten Namen: Iso- 
metrope. 

Diesem Glase werden von freundlicher und gegnerischer Seite ver¬ 
schiedene Vorzüge und Nachtheile zugeschrieben. Es soll keine Unreinig¬ 
keiten und Schlieren haben, dasselbe darf auch bei den zum Zwecke der 
Brillenfabrication gefertigten Silicatgläsern nicht der Fall sein. Es hat einen 
höheren Brechungsindex als das gewöhnlich zu Brillen verwendete Glas, der 
nach Galezowski 1,5295 betragen soll. Nagel (Anomalien der Refraction 
und Accommodation, in Gräfe-Sämisch, Handbuch der gesamraten Augenheil¬ 
kunde, 1. Aufl., VI, pag. 209) giebt ihn als zwischen 1,52 und 1,55 schwan¬ 
kend an. Um denselben optischen Effect zu erreichen, brauchen also die 
Isometropgläser eine geringere Krümmung der brechenden Flächen, würden 
also eine geringere sphärische Aberration besitzen. Das ist wohl richtig, 
nach den Berechnungen von KrCss ist aber der Unterschied so gering, dass 
er praktisch nicht in Frage kommt. Ebenso ist das grössere Farbenzer¬ 
streuungsvermögen, das den Isometropgläsern vorgeworfen wird, wegen der 
Kleinheit der Differenz von dem bei gewöhnlichen Gläsern zu vernachlässigen. 
Bezüglich des Durchlässigkeitsvermögens für Licht fand Krüss einen Unter¬ 
schied von 1° 0 zu Gunsten der Isometropgläser. Die Härte der beiden 


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Brillen. — Bromeigone. 


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Glassorten ist nach Krüss die gleiche, nach Fortuxati ist das Isometrop- 
glas etwas härter. Im ganzen ging aus diesen Untersuchungen hervor, dass 
die Isometropgläser keine bemerkbaren Vortheile besitzen, aber theurer sind 
als gewöhnliche. 

Einen wesentlichen Unterschied hat Wolffberg gefunden. Er eruirte, 
dass Staaroperirte mit Isometropgläsern eine viel bessere Sehschärfe erlangen, 

ö 5 

z. B. V — gegen V ^ () bei gewöhnlichen Brillen. Wolffberg meint, dass die 

Undurchgängigkeit des Isometropglases für die ultravioletten Strahlen eine 
Rolle spielen, wenn es auch noch eine offene Frage bleibt, ob sie die Ur¬ 
sache des besseren Sehens ist. Wie Widmark experimentell nachwies (»lieber 
die Grenze des Spectrums nach der violetten Seite«), gehen durch die 
Krystalllinse des Auges die ultravioletten Strahlen nicht durch. Fehlt die 
Linse, so können die genannten Strahlen ihre schädlichen Wirkungen aus¬ 
üben. Deshalb würde Wolffberg Isometropgläser überall da empfehlen, wo 
ultraviolettes Licht in grosser Menge vorhanden ist (elektrisches Bogenlicht, 
Gasglühlicht, Schneelicht, Mondlicht) 

Als Schutzbrille für Arbeiter hat H. Wkiss Celluloidbrillen empfohlen, 
die in genügender Durchsichtigkeit und in verschiedenen Farben hergestellt 
werden. Sie werden aus einem Stück für beide Augen geschnitten, sind 
muschelförmig und werden mit einem Bande um den Kopf befestigt; Venti¬ 
lationsöffnungen kann man seitlich anbringen. Auf die beschränkte Anwend¬ 
barkeit bei Feuerarbeitern macht Weiss selbst aufmerksam, namentlich aber 
Stitblp, der berichtet, dass sie schon bei dem kleinsten Funken, mit dem sie 
in Berührung kommen, in Flammen aufgehen. 

Literatur: Galezowski, Recneil d’Ophthalmologie. 1896, Nr. 5. — Fortunati, Le 
lerte iaometropi. Bnll. d. R. Accad. di Roma. 1897, XXIII, pag. 177. — Javal, La France med. 
1897, Nr. 33 und Revue med. 1897, Nr. 162. — Krüss, Ueber die Eigenschaften der Iao- 
metropglüser. Klin. Monatsbl. f. Augenhk. Mai 1898. — Parent, Les verres isometropes. Arch. 
d’Ophthalm. October 1897. — Wolffberg, Eine sehr bemerkenswerthe Eigenschaft der Iso- 
metropebrillen. Wochenschr. f. Therap. u. Hygiene des Auges. 1898, II, Nr. 14. — Wolff- 
bebg, Isometropebrillen. Ebenda. 1899, Nr. öl. — Wkiss, Ueber Celluloidbrillen, insbesondere 
über Schutzbrillen aus Celluloid. Sitzungsbericht der 27. Vers, der ophthalmolog. Gesellschaft. 
Heidelberg 1898, pag. 334. — Hillemanns, Referat über Arbeiterschutzbrillen. III. Vers, 
rheinisch-westphälischer Augenärzte. 1900 (Niedkn, Stöwer, Stuklp). Die ophthalmologische 
Klinik. 1900, III, Nr. 5. B^uss. 

Bromeigone. Mit Hinweis auf den Artikel Eigonpräparate in 
Bd. VIII d. Encyclopäd. Jahrb., pag. 65 genügt es zu berichten, dass analog 
der von der chemischen Fabrik Helfenberg früher dargestellten Jodeigone 
nunmehr von derselben Fabrik auch Bromeigone in den Handel gebracht 
werden, und zwar das Bromeiweiss mit dem Namen Bromeigon und das 
Brompepton mit dem Namen Peptobromeigon. Beide Präparate zeigen im 
Vergleiche zu anderen Bromei Weissverbindungen des Handels den höchsten 
Bromgehalt. Das Bromeigon stellt ein weisses, fast geruch- und geschmack¬ 
loses Pulver dar, welches in Wasser — zum Unterschiede von Peptobrom¬ 
eigon — unlöslich ist. Dasselbe lässt sich mit einem Bromgehalte bis zu 
12°/ 0 nach dem K. DiETERicH schen Verfahren herstellen und kommt mit 
einem durchschnittlichen Gehalte von circa 11% Brom in den Handel. Es 
enthält neben Spuren von Bromwasserstoffsäure nur Brom in gebundener 
Form. Freies Brom ist nicht einmal in Spuren vorhanden. Das Peptobrom¬ 
eigon ist ein peptonisirtes Bromeiweiss und in Wasser — im Gegensätze 
zum Bromeiweiss — ziemlich leicht löslich. Dasselbe stellt ein fast geruch- 
und geschmackloses weisses Pulver dar und enthält ebenfalls circa 11% 
gebundenes Brom. Die Versuche, weiche Beddies und Physicus Tischer 
über die physiologische und therapeutische Wirkung der Bromeigone ange¬ 
stellt haben, ergaben, dass diesen im ganzen grossen die Wirkung der Brom- 


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Bromeigone. — Bromipin. 


alkalien zukommen, jedoch sollen die Bromeigone gleichmässiger wirken und 
auch bei grösseren Dosen keinen Bromismus erzeugen. Bei Potatoren konnten 
bis zu 20 Grm. Bromeigon pro die ohne Nebenwirkungen gegeben werden. 
Wir möchten doch darauf aufmerksam machen, dass, während 100 Grm. 
Bromeigon nur 12% Brom enthalten, in der gleichen Gewichtsmenge Brom¬ 
kalium 67,22% Brom enthalten sind; es wird sich also kaum durchführen 
lassen, dass das Bromeigon und das Peptonbromeigon in ebensolchen Dosen 
wie das Bromkali verschrieben werden, umsoweniger, als im Bromeigon das 
Brom sehr fest gebunden sein soll. Bakteriologische Versuche zeigten, dass 
dem Bromeigon eine geringere desinfectorische Kraft zukommt, als den Jod¬ 
eigonen. Letztere Erfahrung spricht also für die Annahme einer sehr festen 
Bindung des Broms im Bromeigon, da im entgegengesetzten Falle viel leichter 
Brom abgespalten und die desinfectorische Kraft als bedeutend höher hätte 
gefunden werden müssen. Die neuen Präparate kommen in Pulver- und 
Tablettenform, sowie als Liquor Ferro Mangani brompeptonati (0.6% Fe. 
0,1° o Mn und 0,1% Br) in den Handel. 

Literatur: Ueber Bromeigone. Pharm. Ztg. 1899, pag. 780. Loebisvh. 

Bromipin, ein Bromadditionsproduct des Sesamöles, ist ebenso wie 
das analoge Jodipin (s. dieses) ein halogenisirtes Fett und bildet wie dieses 
eine gelbliche, rein ölig schmeckende Flüssigkeit, die sich in ihren physi¬ 
kalischen Eigenschaften wie fettes Oel verhält und 10% oder 33%% Brom 
(s. Dosirung) enthält. Es wird als von unangenehmen Nebenwirkungen freies 
Ersatzmittel der Bromalkalien empfohlen, wobei besonders hervorgehoben 
wird, dass es weder Eruptionserscheinungen, noch andere Erscheinungen des 
Bromismus bedingt, andererseits die sedativen Wirkungen der Bromalkalien 
in vollem Masse besitzt. Wie Winternitz am Jodipin nachgewiesen, werden 
die halogenisirten Fette im Magen nicht zerlegt und erst das Pankreas- 
secret und die Galle machen die Halogene aus ihrer Verbindung frei. Das 
Bromipin wurde bisnun in Fällen, wo man sonst Bromalkalien verordnet, 
versucht. Patienten, welche gegen Brom eine Abneigung haben, wie dies 
bei Epileptikern, die lange Brom genommen haben, häufig vorkommt, kann 
man es geben, ohne dass sie wissen, dass sie ein Brompräparat nehmen; 
auch lässt sich das Mittel subcutan anwenden und in die Haut einreiben ; 
für beide Anwendungsarten ist die Resorption des Broms durch das nach 
kurzer Zeit im Harne nachweisbare Brom festgestellt.* 

Dosirung: Epileptikern 2 Theelöffel (1 Theelöffel voll Bromipin = 3.5 
enthält 0,35 Brom), 3—4mal täglich, Kindern die Hälfte dieser Gabe. Bei 
Seekrankheit prophylaktisch 1—3 Theelöffel 3mal täglich, bei ausgebrochener 
Seekrankheit 2—3 Theelöffel alle 2 Stunden (Wui.ff). Da viele Leute schon 
durch Einnehmen von soviel Oel allein Nausea bekommen, wäre das Bromipin 
in diesem Falle zweckmässiger in Kapseln zu reichen. E. Merck stellt ausser 
dem 10° 0 igen ein 33%%iges Bromipin dar, welches in Kapseln, die je 2 Grm. 
dieses hochwerthigen Präparates enthalten, verabreicht wird. Eine solche 
Kapsel hat einen Bromgehalt von 0,66, gleichwerthig 0,99 Kaliumbromid. 

Literatur : Hugo Wjntkrnitz, Ueber Jodfette und ihr Verhalten im Organismus, nebst 
Untersuchungen über das Verhalten von Jodalkalien in den Geweben des Körpers. Zeitschr. 
f. physiol. Chemie. XXIV, pag. 425. — Leubuschrr, Monatssehr. f. Psych. und Neurol. 1899, 
pag. 340. — F. Schulze, Inaug.-Dissert. Göttingen 1899. — E. Merck, Berichte über die 
Jahre 1897, 1898, 1899. Loehisch. 


* Ich habe in letzter Zeit bei Epileptikern das Bromipin nach dem Vorschläge von 
Rothe (Friedrichsroda; mehrfach in Clvsmen (30,0 auf einmal; gegeben, und konnte dabei 
eine auffallend langsame Ausscheidung des Broms durch den Harn — bis zu 14tiigiger Dauer 
nach jeder einzelnen Application — constatiren. Eulenburg. 


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Cacteengifte. Dass das als Pellote bezeichnet© mexikanische Be¬ 
rauschungsmittel einen weiteren Verbreitungsbezirk hat, als man gewöhnlich 
annimmt, kann keinem Zweifel unterliegen. Lumholtz hat den Gebrauch auch 
bei den höhlenbewohnenden Tarahumari-Indianern im Staate Chihuahua und 
bei einigen südlich wohnenden Stämmen beobachtet, so dass man ihn vom 
26.—30. Breitegrad, von der Pacificküste des mittleren Mexiko bis zu den 
Prärien von Texas und dem Indianerterritorium findet. Von Interesse ist, 
dass von den in weit getrennten Bezirken wohnenden Tarahumanern und 
Huicholen (im Staate Jalisco), trotzdem sie verschiedene Sprachen reden, die 
Pflanzen denselben Namen Hik-o-li führen. Bei beiden Stämmen knüpft sich 
der Gebrauch an ihre religiösen Ceremonien; bei den Huicholen bildet er 
einen besonderen Theil der Verehrung ihres Hauptgottes Ta-te-coa-li (Gott 
des Feuers). Man verzehrt die Pellote roh oder in der Regel zermahlen und 
mit Wasser gemischt. 2—3 Stück der Pflanzen genügen zur Hervorbringung 
deutlicher Effecte. Die Huicholen und der ebenfalls Pellote geniessende Nachbar¬ 
stamm der Cora ziehen die Pflanzen in besonderen kleinen Gärten; die 
Huicholen treiben auch Handel damit. Der Name Peyotl scheint tarahumari- 
schen Ursprunges zu sein. 

Ueber die Frage, ob Anhalonium Lewinii und A. Williamsi besondere 
Species oder Varietäten derselben Species seien, ist die Discussion noch nicht 
geschlossen. Im Berichte des botanischen Gartens von Missouri hält C. H. 
Thompson *) an den von Coulter gegebenen Criterien, wonach A. Williamsi 
gewöhnlich 13, A. Lewinii 8 unregelmässige Rippen zeigt, fest. Michaelis 2 ) 
hat auch in der Anzahl der Nebenzellen und dem Vorhandensein krystall- 
führender Hypodermzellen Verschiedenheiten gefunden, die für Differenzirung 
zweier Arten sprechen sollen. Auch Heffter 3 ) tritt dafür ein, weil, wenn 
auch die Zahl der Rippen und der Habitus in keiner Weise zur Unter¬ 
scheidung ausreichen, doch die chemische Thatsache für zwei Species spreche, 
da Anhalonium Williamsi nur ein einziges Alkaloid, das Pellotin, dagegen 
A. Lewini vier Alkaloide, von denen keines zum Pellotin in leicht ersicht¬ 
licher Beziehung stehe, enthalte. Die von Heffter untersuchten Mescal- oder 
Mezcalbuttons des Handels bestanden stets aus Anhalonium Lewinii, ebenso 
der Pellote der Huicholen und direct aus Saltillo im Staate Cohahuila 
(Mexiko) bezogene Cactus. 

Nach allen bisher vorliegenden Beobachtungen ist das Pellote ein in 
seiner Wirkung bisher isolirt dastehendes Gehirngift, das sich zwar der Can¬ 
nabis indica etwas nähert, aber doch wesentliche Unterschiede zeigt. Dem 
Pellote fehlt der schlafmachende Effect, den indischer Hanf schliesslich doch 
äussert, auch die melancholischen Gemüthsstimmungen, die man nach Haschisch 


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74 


Cacteengiftc. 


beobachtet, fehlen bei der Pellote und die farbigen Visionen, neben denen 
übrigens auch mitunter Hallucinationen in der Geruchs- und Gehörssphäre 
Vorkommen, sind so eigentümlich, dass man die Intoxication als sui generis 
bezeichnen muss. Durch das Gefühl von Wohlbehagen und die Schlaflosig¬ 
keit charakterisirt sich Pellote mehr als Stimulans denn als eigentliches 
Narcoticum. Inwieweit der Effect auf das Gehirn mit einer Einwirkung auf 
das Herz zusammenhängt, ist noch klarzustellen. Jedenfalls besitzen sämmt- 
liche von Hefftek nachgewiesene Alkaloide, Pellotin, Mezcalin, An- 
halonidin, Anhalonin und Lophophorin einen den Herzschlag verlang¬ 
samenden und den Blutdruck steigernden Effect. Von diesen Alkaloiden ist 
das von Heffter zuerst als Alkaloid A bezeichnet Mezcalin dasjenige, welches 
sich mit den Effecten der Droge am besten deckt, insofern es allein beim Men¬ 
schen die eigenthümlichen farbigen Visionen hervorruft, welche den Pellote- 
rausch charakterisiren. 

Heffter sah bei sich selbst nach 0,02—0,08 des salzsauren Mezcalins Verlangsamung 
des Pulses, Kopfschmerz und Gefühl von Abgeschlagenheit der Glieder, eine oder mehrere 
Stunden anhaltend. Nach 0,1 traten die nämlichen Erscheinungen in verstärktem Masse (Puls 
von 82 auf 64 in 8 Stunden herabgehend), ausserdem leichtes Gefühl von Uebelkeit und 
Fülle des Magens ein. Nach 0,15 erschienen auf dem Papier violette und grüne Flecken und 
bei geschlossenen Augen Visionen, anfangs in Form undeutlich begrenzter grüner und violetter 
Flecke, dann Teppichmuster, Krenzgewölbe, später auch Landschaften und Architekturbilder. 
Diese Erscheinungen hielten 3 l / 2 Stunden an und waren nicht mit Gesichtsfeldbeschränkung, 
weder im allgemeinen noch insbesondere für Farben verbunden. Gleichzeitig bestand eine 
Zeitlang Herabsetzung des Zeitsinns, wie sie bei Versuchen mit Fluidextract der Mezcal 
Buttons in Heffter’s Selbstversuchen aufgetreten waren; ausserdem auch Pupillenerweiterung, 
Kopfschmerz, Schwindelgefühl und Erschwerung der Bewegung der Extremitäten. In einem 
an einer anderen Person angestellten Versuche mit 0,2 Mescalin traten die nämlichen Er¬ 
scheinungen und das Farbensehen in noch exquisiterer Weise ein, nur eine Beeinflussung 
des Zeitsinnes ergab sich dabei nicht. In diesem Versuche bestand auffällig lange Dauer dqr 
Nachbilder. 

Sämmtliche Cacteenalkaloide beeinflussen bei Thieren das nervöse Centralorgan; nur 
das Anhalonidin lähmt beim Frosch die peripheren Nervenendigungen. Die auf das Grosshirn 
gerichtete Action des Mezcalins tritt nur bei Fröschen ein. Lophophorin bewirkt bei Fröschen 
und Säugern ein Stadium abnorm gesteigerter Erregbarkeit des Rückenmarkes und des ver¬ 
längerten Markes, Pellotin, Anhalonin und Anhalonidin bewirken zuerst ein narkotisches, dann 
ein tetanisches Stadium; das narkotische Stadium dauert beim Anhalonidin am längsten, beim 
Anhalonin am kürzesten. Bei letzterem fehlt es bei Säugern, wo es in kleineren Dosen den 
Blutdruck steigert und die Herzschlagzahl beschleunigt, in grösseren Sinken des Blutdruckes 
bewirkt. Nach Dixon 4 ) verlangsamen kleinere Dosen Mescalin, Anhalonidin, Anhalonin und 
Lophophorin den Herzschlag unter bedeutender Steigerung des arteriellen Druckes vermöge 
directer Erregung der intracardialen Ganglien, der Vagusendigungen und des vasomotori¬ 
schen Centrums, während bei letalen Dosen die Vagusendigungen gelähmt werden. Der Tod 
ist überall Folge von Athmungslähmung. Alle Alkaloide steigern die Diurese ; der Harn der 
vergifteten Thiere ruft die typischen Vergiftungserscheinungen beim Frosche hervor. 

Beim Menschen bewirkt Anhalonidin zu 0,1 — 0,25 Hydrochlorid etwas Schläfrigkeit und 
ein dumpfes Gefühl im Kopfe, Anhalonin zu 0,1 Schläfrigkeit; Lophophorinum hydrochloricum 
erzeugt zu 0,02 in 15 Minuten schmerzhaften Druck im Hinterkopfe, Hitze und Rothung im 
Gesicht, ausserdem geringe Erhöhung der Pulsfrequenz auf die Dauer von 40 Minuten. 

Das Vorkommen toxischer Alkaloide in vielen anderen Cacteen ist 
wahrscheinlich, da solche auch in Cereus peruvianus, Anhalonium 
(Echinocactus) Visnagra, Anhalonium Jourdanianum und Mamillaria 
centricirrha existiren. Die Alkaloide von Cereus peruvianus und Anhalo¬ 
nium Visnagra bringen bei Fröschen zu 5 — 10 Mgrm. erhöhte Reflexerreg¬ 
barkeit und tetanische Anfälle hervor. In Anhalonium Jourdanianum sind 
zwei Alkaloide, ein lähmendes und ein tetanisirendes vorhanden; der Alkaloid¬ 
gehalt ist aber ein weit schwächerer als in den Mezcal Buttons. Das Alkaloid 
in der Mamillaria ist nur schwer löslich. Sehr geringe Alkaloidmengen fand 
Heffter auch in Echinocactus myriostigma, Phyllocactus Acker- 
manni und Phyllocactus Russelianus. 

Literatur: l ) Thompson, Report of the Missouri Botanic Garden. 1898, pag. 127. — 
2 ) Michaelis, Beiträge zur vergleichenden Anatomie der Gattungen Echinocactus, Mamillaria 
und Anhalonium. Erlangen 1896. — 3 ) Heffter, Ueber Pellote. Beiträge zur chemischen und 


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Cacteengiftc. — Carboisäurevergiftung. 75 

pharmakologischen Kenntniss der Cacteen. Zweite Mittheilung. Arch. f. experira. Pathol. 1898, 
XL, pag. 385. — 4 ) Dixon, A preliminary note on the pharmaeology of the alcaloids derived 
from the mescal plant. Brit. med. Joum. October 1898, pag. 1060; The physiological action 
of the alcaloids derived from Anhalonium Lewini. Joum. o! Physiol. 1899, XXV, pag. 19. 

Husemann. 

Caltha. Die auf sumpfigem Terrain und feuchten Plätzen überhaupt 
bei uns sehr verbreitete Sumpfdotterblume (Dotterblume, Goldblume, gelbe 
Maiblume), Caltha palustris L., gilt ziemlich allgemein als giftig, wofür 
a priori ihre Zugehörigkeit zur Familie der Ranunculaceen spricht. Man 
schreibt ihr in der Regel eine scharfe Wirkung wie den Angehörigen der 
Gattungen Anemone und Ranunculus zu. Von einzelnen wird sogar das früher 
in einigen Gegenden übliche Einmachen der Blutenknospen in Essig zum 
Ersatz der Kappern widerrathen. Für die Giftigkeit für Kühe sprechen ältere 
Angaben von Brugmaxs in Groningen (1785), nach welchem Caltha nament¬ 
lich in der Blütezeit bei diesen Entzündung des Darms hervorrufen kann, 
während sie im Sommer weniger oder nicht schädlich wirke. Auch die einzige 
authentische Vergiftung beim Menschen ist schon sehr weit zurück. Sie be¬ 
traf fünf Personen, darunter drei Kinder, die sämmtlich auf den Genuss eines 
Hakmus aus Caltha palustris nach 1 / i Stunde anhaltende Schmerzen im 
Magen und in der Nabelgegend, schmerzhafte Vomituritionen (zwei der Er¬ 
krankten auch Erbrechen), Meteorismus, Durst, Aufstossen, Myosis, Schwindel 
und Sausen in den Ohren, Anschwellung des Gesichtes, am folgenden Tage 
auch Verringerung der Urinentleerung und Auftreten von rothen Flecken 
und später pemphigusartiger Blasen an verschiedenen Körperstellen bekamen, 
Erscheinungen, die allerdings auf einen entzündlichen Process des Magens 
und Darms und wahrscheinlich auch der Nieren hindeuten, da doch nicht 
wohl an eine »Nebenwirkung« bei gleichzeitiger Erkrankung von fünf Per¬ 
sonen gedacht werden kann . l ) In Esthland soll man sie ebenfalls als Speise 
benutzt, jedoch wegen der dadurch hervorgerufenen Diarrhöen wieder auf¬ 
gegeben haben. In Siebenbürgen gilt die Wurzel als Wurm-, Brech* und 
Abführmittel. Nach Krilow 2 ) wird im Gouvernement Perm eine Abkochung 
der trockenen Pflanze zusammen mit örtlicher Application des zerquetschten 
Krautes bei Wassersucht und das Pulver der Früchte zu Kataplasma bei 
Panaritien benutzt. Auch als Wundheilmittel bedient man sich in Russland 
der ganzen oder zerkleinerten Blätter. Johansox s ) giebt an, dass die Esthen 
die Pflanzen »Froschtabak« (konna tabak) nennen und angeblich zum Rauchen 
benutzen. Das Nicotin, das sie in der Pflanze vermutheten, existirt nach den 
späteren Untersuchungen von Brondgeest 4 ) in der Pflanze nicht, auch exi- 
stiren grössere Mengen giftiger Alkaloide oder Glykoside darin nicht. Auf 
Frösche wirkt der Saft subcutan applicirt lähmend und letal, die Lähmung 
ist central und geht vom Gehirn auf das Rückenmark über. Wässeriges 
Destillat frischer Pflanzen liefert kein Anemonin und besitzt keine giftige 
Wirkung; dagegen sind die Producte der Ausschüttelung mit Aether aus 
saurer und mit Benzin und Chloroform aus alkalischer Lösung bei Fröschen 
stärker giftig als der Saft. Kaninchen können sehr erhebliche Mengen frisches 
Kraut ohne Schaden verzehren. Calthaextract wirkt durch seinen grossen 
Gehalt an Kaliumchlorid giftig. 

Literatur: l ) Spiritus,Rüst’s Magaz. 1825, XX, Heft 1, pag. 452; Feank’s Magaz. I, 
pag. 411. — *) Nach Demitbch, Russische Volksmittel aus dem Pflanzenreiche in Kobebt's 
histor. Untersuchurgen. 1, pag. 187. — a ) Johanson, Sitzungsbericht der Naturforschergesell¬ 
schaft zu Dorpat. 1877, pag. 544. — 4 ) Beondgeest, Onderzoekingen over Caltha palustris. 
Nederld. Weekbl. Geneeskunde. 1899, Nr. 7. llusemann. 

Car bolsflure Vergiftung. Sowohl die acute Carbolsäurever- 
giitung als die sogenannte Carbolgangrän durch Carboiwasserüberschläge 
kommen auch jetzt noch in solcher Menge vor, dass die Beseitigung der¬ 
selben durch sanitätspolizeiliche Bestimmungen, wenn eine solche möglich 


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Carboisäurevergiftung. — Cheiranthin. 


71) 

wäre, sehr erwünscht erscheint. In Frankreich besteht besondere Gefahr 
darin, dass man in den Apotheken wegen der leichteren Darstellung von 
Lösungen aus verflüssigter Carbolsäure eine Lösung von 9 Theilen Acidum 
carbolicum in 1 Theil Alkohol unter dem sehr leicht zu der irrthümlichen 
Annahme, dass es sich um eine 10%ige Lösung von Carbolsäure in Wasser 
handle, führenden Namen »Acide phenique liquide, solution au 
dixiöme« vorrätliig hält, wodurch leicht Verwechslungen veranlasst werden 
können, welche die Ursache äusserer Verätzungen werden . } ) Jedenfalls ist 
mit der Beseitigung dieser nur ein Theil der Ursachen des Carbolismus be¬ 
seitigt. Da die Mehrzahl der acuten Vergiftungen mit Carbolsäure durch 
Verwechslung mit Getränken herbeigeführt wird, wäre es zweckmässig, über¬ 
haupt die flüssige Form zu beseitigen. In dieser Beziehung dürften die 
Carbolsäuretabletten von Lutze Beachtung verdienen, die sich beim Schütteln 
mit Wasser leicht lösen, wobei die darin enthaltenen 10% Borsäureanhydrid 
anfangs durch Ausscheidung die Lösung trüben, aber rasch in Solution 
gehen. 2 ) Das von Schaeche 8 ) befürwortete Verbot der Abgabe von Carbol- 
säurelösungen ohne ärztliches Recept würde allerdings die Carboigangrän sehr 
wesentlich beschränken. 

Die Vertheilung der Carbolsäure in den einzelnen Organen stellt sich 
nach der bei acuten Vergiftungen von Lesser 4 ) gemachten Zusammenstellung 
Berliner und Breslauer Fälle so, dass die ersten Wege constant mehr ent¬ 
halten als die zweiten. Aber unter den 19 Fällen sind 12, in welchen auch 
in den ersten Wegen die gefundene Carboisäuremenge so gering war, dass 
eine spontane Entstehung nicht ausgeschlossen ist. Constante Beziehungen 
der in dem Verdauungskanal vorfindlichen Mengen zu der Dauer der Ver¬ 
giftung oder zu dem Intervalle zwischen Tod und Analyse existiren nicht. 
Dass die Menge des Giftes in den Organen eine sehr variable ist, geht aus 
einer grösseren Anzahl Beobachtungen hervor. So betrug in zwei Fällen der 
procentuale Gehalt in der Leber 43, beziehungsweise 17, in der Niere 62,4, 
beziehungsweise 17,9, im Blute 22,4, beziehungsweise 7,3, im Gehirn 21,8, 
beziehungsweise 8,0, im Herzen einmal 21,8, in einem anderen Falle fanden sich 
nur Spuren. In allen Fällen war die aus den grossen Unterleibsdrüsen isolirte 
Carbolmenge grösser als diejenige von Lungen, Herz und Gehirn. In dem Harne 
eines binnen 15 Minuten tödtlich verlaufenen Falles wurden 8% Phenol auf¬ 
gefunden, in dem Harne eines nach % Stunden Verstorbenen nur Spuren. 

Literatur. ! ) Adrian, Note sur les Solutions officinales de l’acide phenique. Bull. 
g6n. de Th^rap. 1899, pag. 726. — 2 ) Georg Mayer, Ueber Carbolsäuretabletten. Deutsche 
med. Wochenschr. 1899, Nr. 4. — 3 ) Schaeche, Zur Verhütung des Carboibrandes. Therap. 
Monatshefte. August 1899, pag. 461. — 4 ) Lesser, Ueber die Veitheilung einiger Gifte im 
menschlichen Körper. 6. Zur Lehre von der Carboisäurevergiftung. Vierteljahrschr. f. gerichtl. 
Med. 1898, XV, pag. 277. Husemann. 

Celluloidbrillen, s. Brillen, pag. 71. 

Cheiranthin» In Cheiranthus Cheiri, dem gewöhnlichen Gold¬ 
lack, dessen Saft in Frankreich noch jetzt gegen Harngries und bei Wasser¬ 
sucht Verwendung findet, findet sich ein stickstofffreies, nach Art des Digitalins 
wirkendes Glykosid, das in Wasser, Alkohol, Chloroform und Aceton sich leicht 
löst, in Aether und Petroleumäther unlöslich ist. An Giftigkeit übertrifft es 
sowohl Digitalein als Helleborein, Coronillin, Apocynein und andere in Wasser 
lösliche Herzgifte. Die Samen enthalten mehr Glykosid als die Blätter. Neben 
dem Glykosid enthält der Goldlack noch Cholin und ein bei Kalt- und Warm¬ 
blütern centrale Lähmung bewirkendes Alkaloid, das bei Fröschen auch die 
Muskeln lähmt, ohne das Herz und die peripheren Nerven zu afficiren. 

Literatur: M. Kekb, Ueber das Cheiranthin, einen wirksamen Bestandtheil des Gold¬ 
lacks. Arch. f. experirn. Pathol. 1898, XLI, Heft 4 u. 5, pag. 302. — Weitere Untersuchungen 
über die wirksamen Bestandtheile des Goldlacks. Ebenda. 1899, NL1II, Heft 1 u. 2, pag. 131. 

Husemann. 


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Chorioepithelioma. 


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Chorioepitlielloma« Als Chorioepithelioma malignum bezeichnet 
man eine Geschwulstform, welche im Fruchthalter zur Entwicklung gelangt, 
und zwar stets an der Stelle, an der ein normales oder pathologisches Ei 
einstmals gesessen hat. Diese in klinischer und pathologischer Beziehung 
interessante Geschwulstform ist in den letzten 12 Jahren Gegenstand eifriger 
wissenschaftlicher Forschung gewesen. Es ist einleuchtend, dass Klarheit 
über ein Tumorgewebe, das an der Eiinsertionsstelle zur Ausbildung ge¬ 
langt, nur dann gewonnen werden kann, wenn Ober den histologischen Bau 
der Eiinsertionsstelle genügend Licht verbreitet ist. So kommt es, dass die 
Forschungen Ober das Chorionepithelioma malignum eng mit der fortschreiten¬ 
den Erkenntniss der Embryologie und Pathologie des Eies verknöpft sind. 
Ueber die reichen Resultate aller dieser Forschungen, welche in den letzten 
Jahren von Gynäkologen, Pathologen und Embryologen ausgefuhrt worden 
sind, soll im folgenden kurz berichtet werden. 

Vor 12 Jahren wurde die Aufmerksamkeit auf ein neues, scharf um¬ 
schriebenes Krankheitsbild gelenkt, welches seither von fast allen beschäf¬ 
tigten Gynäkologen beobachtet wurde. Es ist dies das damals sogenannte 
maligne Deciduom des Uterus (Saenger *), Pfeiffer 2 ). Die klinischen Charak- 
teristica der Krankheit sind folgende: 

Die Krankheit befällt meist Frauen im geschlechtsreifen Alter, niemals 
vor der Pubertät. (Der Ausbruch des Leidens nach Eintritt der Climax ist 
hingegen nicht ausgeschlossen.) Die Prädilectionsjahre liegen zwischen 25—35. 
Unbedingte Vorbedingung ist es, dass die Frau einmal concipirt haben muss, 
doch kann die Gravidität lange Jahre zurückliegen oder auch, ohne bemerkt 
worden zu sein, entstanden und unvermerkt abortiv geendet haben. Der Sitz 
des Eies kann ein intra- oder extrauteriner gewesen sein. In circa der 
Hälfte aller Fälle ist der Abgang einer Blasenmole voraufgegangen. — Die 
Cardinalsymptome sind die einer eminent malignen Uterusgeschwulst: 
Blutungen von bedrohlicher Stärke mit folgender schwerster Anämie und 
rapidem Kräfteverfall, intrauterine Jauchung, häufig von allgemeiner Sepsis 
begleitet; wenig Schmerzen. Der Tod erfolgt sehr oft an Sepsis oder an 
Entkräftung, nachdem noch ante finem Symptome dazutreten, die von den 
Metastasen ausgehen, z. B. besonders Lungensymptome. Meist schliesst sich 
das Krankheitsbild direct an das Spätwochenbett an, doch kann, wie oben 
erwähnt, eine längere Zeitdauer dazwischen liegen. Die Krankheit dauert 
kaum länger als ein halbes Jahr, meist kürzere Zeit. 

Bei der Section findet man an der meist im höchsten Grade anämisch- 
kachektischen Leiche einen primären Tumor in der Uterushöhle (beziehungs¬ 
weise in selteneren Fällen in der Tuba Fallopii oder in der Vagina). Der¬ 
selbe hat ein hochrothes Aussehen, eine wenig feste Consistenz, inserirt 
breitbasig, ist an der Oberfläche zerfallen, gangränös, besitzt keine Kapsel. 
Auf der Schnittfläche ist er hochroth, von ausgedehnten frischen und älteren 
hämorrhagischen Herden durchsetzt. An solchen Stellen hat er ein mehr 
solides Gefüge. Wo das nicht der Fall, d. h. das Tumorgewebe unverändert 
ist, besteht dasselbe aus röthlichen Strängen und Balken von netzförmiger 
Anordnung, mit Blut in den Gewebsmaschen. Das Bild ähnelt im ganzen 
dem einer Placenta, beziehungsweise eines Placentarrestes, welcher einige 
Zeit nach Ausstossung der Frucht im Uterus retinirt wurde und hier die 
bekannten Veränderungen durchgemacht hat (Nekrobiose und fibrinoide Ent¬ 
artung der Zotten, Gerinnung und Verödung der intervillösen Räume, even¬ 
tuell Verjauchung des Gewebes), welche zur Bildung des sogenannten Placentar- 
polypen führen.* 


* Ehe man über die Histogenese dieser Tumoren aufgeklärt wurde, hat man sie als 
»hämorrhagisches Sarkom« diagnosticirt und sah dann in der vorausgegangenen Schwanger¬ 
schaft nur ein zufälliges Ereigniss, ohne directe Beziehung zur Geschwulstbildung. Auch 


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78 


Chorioepithelioma. 


Der Tumor setzt sich nicht mittels scharfer Grenze vom uterinen 
Gewebe ab, sondern dringt in dasselbe ein und durchsetzt die Uteruswand 
meist bis an das Peritoneum. Auch kann ein eigentlicher intrauteriner Tumor 
infolge Zerfalls fehlen, vielmehr nur scheinbar eine septisch-nekrotische 
Placentarstelle vorliegen, und erst bei der Durchschneidung der zugehörigen 
Uteruswand sieht man, dass diese zerstört und durch Tumorgewebe ersetzt ist. 

Bei der Section der anderen Organe findet man sehr oft metastatische 
Knoten von demselben Bau wie der Primärtumor. Doch sind dieselben kleiner 
(meist circa haselnussgross), etwas weniger roth (die Hämorrhagien sind 
nicht so ausgedehnt) und ohne Zeichen des septischen Zerfalls (ausser wenn 
sie an der Körperoberfläche sitzen). Lieblingslocalisationen sind: Scheide 
(und grosse Labien), Lunge, Milz. 

Die Diagnose der Erkrankung ist in fortgeschritteneren Fällen 
aus dem oben beschriebenen klinischen Bilde leicht zu machen, doch kann 
sie dann nur dazu dienen, eine absolut schlechte Prognose zu stellen. Hin¬ 
gegen ist der Tumor im Anfangsstadium nur aus ex utero entnommenen 
Stückchen mit Hilfe des Mikroskops und nur von einem guten Kenner der 
Eihistologie diagnosticirbar (und selbst ein solcher kann Irrthümern unter¬ 
liegen, s. darüber weiter unten). 

Die Prophylaxe besteht darin, erstens dafür zu sorgen, dass nach 
rechtzeitigen Entbindungen oder Aborten keine Eireste Zurückbleiben ; zweitens 
alle bei Blutungen ex utero entfernten Gewebstheile genau mikroskopisch 
zu untersuchen; drittens Frauen, die eine Blasenmole ausgestossen haben, 
lange Zeit noch in Beobachtung zu behalten und bei Blutungen sofort einem 
Probecurettement zu unterziehen. 

Wenn recht früh die Diagnose gestellt wird, so kann die Therapie, 
welche ausschliesslich in der Hysterektomie besteht, eventuell das Leben 
retten. Dies ist bis jetzt, wie es scheint, in einigen wenigen Fällen gelungen. 
Meist kommt die Totalexstirpation des Uterus zu spät, die Frauen erliegen 
einem Recidiv oder den Metastasen. 

Wir haben es somit klinisch mit einem der malignesten Krankheits¬ 
bilder zu thun, die überhaupt bekannt sind. 

Ehe wir den hochinteressanten histologischen Bau dieser Tumoren 
genauer beschreiben, ist es nöthig, die mikroskopische Anatomie des 
normalen und pathologischen Eies zu erörtern. Die Kenntniss der¬ 
selben ist conditio sine qua non zum Verständniss des Aufbaues des Tumors, 
denn dieser geht, um das Wichtigste vorweg zu nehmen, von zurückge¬ 
bliebenen Eiresten aus. 

Das geschwängerte menschliche Ei setzt sich, wie bekannt, auf der 
Uterusschleimhaut fest, die letztere umkapselt es allseitig (Decidua capsu- 
laris). Sprossen, die sich baumförmig verästeln, wachsen aus dem Ei heraus 
(Chorionzotten) und dringen tief in das mütterliche Gewebe ein; hier tauchen 
sie in grosse, mütterliche Blutlacunen ein, aus denen sie die Nahrung für 
den Fötus beziehen. Die Chorionzotten sind zweifellos Organe des Kindes 
und darum im wesentlichen aus fötalem Gewebe aufgebaut. 

Sie bestehen aus einem handschuhfingerartigen papillären Fortsatz des 
kindlichen Mesoderms (des Bindegewebes der Allantois) mit fötaler zu- und 
abführender centraler Capillare und sind von einem Epithel überkleidet. 
Dieses Epithel hielt man anfangs zunächst allgemein für kindliches Epithel 
(Ektoderm) (Kölliker 8 ), Orth 9 ) u. v. a.). 

Es unterscheidet sich von allen anderen Epithelien des menschlichen 
Körpers durch die principielle Eigenschaft, ein »Syncytium« zu bilden. Dar¬ 


mag ein Theil der sogenannten »destruirenden Plaeentarpolypen« und destruirenden Blasen¬ 
molen (Krieger 0 ), Waldkykr und Jarotzky 5 ), Volkmann 4 ), Zahn 7 ), v. Kahlden 3 ) hierher 
gehören. 


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Chorioepitheliomä. 


79 


unter versteht man ein Protoplasmaband, in welchem von Strecke zu Strecke 
ein Kern liegt; die einzelnen Zellen jedoch heben sich nicht scharf von ein¬ 
ander ab, die Zellgrenzen sind undeutlich bis unsichtbar. Die Bildung von 
Ghorionzotten vollzieht sich immer so, dass zuerst dieses Epithel durch 
Wucherung an einer Stelle (im ganz jungen Ei in der gesammten Peripherie 
des Eies) sich verdickt, eine solide Knospe liefert, in welche erst secundär 
das fötale Bindegewebe mit Gefässen hineinwächst. Diese Knospen sind 
wieder Syncytien, d. h. Protoplasmaballen mit Kernen ohne Zellgrenzen. Sind 
sie daher im mikroskopischen Schnitt von dem allgemeinen Chorionepithel 
isolirt, so sehen sie Riesenzellen ähnlich (»Placentarriesenzellen«). Solche 
Riesenzellen findet man mitunter bis tief in der Decidua,. besonders in 
Lymphspalten derselben, oft in beträchtlicher räumlicher Entfernung von 
dem fötalen Antheil der Placenta. 

So schien die Anatomie der Chorionzotte id est der Placenta (denn 
diese baut sich im wesentlichen aus Chorionzotten auf), klargestellt und 
Einigkeit unter den Forschern zu bestehen. Da beschrieb Langhans eine 
einfache Schicht von Zellen, welche zwischen dem sicheren Bindegewebe der 
Zotte und dem bis dahin als sicher angesehenen syncytialen Epithel der 
Zotte lag. Anfangs hielt er diese Schicht für die oberste Lage der meso¬ 
dermal-fötalen Bindegewebszellen in der Zotte; später sah er sie als Epi- 
thelien an. Es sind grosse, blasige Zellen mit deutlichen Zellgrenzen, poly¬ 
gonal oder rund, mit einem wenig den sauren Farbstoff, z. B. Eosin, an¬ 
nehmenden Protoplasmaleib. (Diese Zellen stehen also im Gegensatz zu den 
Zellen des Syncytiums, dessen Protoplasma sich mit Eosin tief roth färbt.) 
Der Kern der Zeile ist gleichfalls rund, von normaler Grösse und mit nor¬ 
malem Chromatinnetz. (Wiederum im Gegensatz zu den Kernen des Syncy¬ 
tiums, in welchen das Chromatin »verklumpt« ist, so dass die Kerne wie 
unregelmässig-zackige Farbklexe im Präparate erscheinen.) 

Die Zellschicht, von nun ab LANGHANs'sche Zellschicht genannt, ist 
inconstant; nicht in allen Eiern sieht man sie, die Bedingungen, unter 
welchen man sie findet, sind unbekannt, in älteren Placenten fehlt sie voll¬ 
ständig. Die Mehrzahl der Untersucher hält sie für epithelial, und zwar 
für das echte fötale Ektoderm, eine kleinere Zahl der Autoren spricht sich 
noch heute für ihre mesodermale Herkunft aus. Auch die Zellen dieser Schicht 
wuchern vielfach in jungen Eiern isolirt, ebenso wie die erwähnten Placentar- 
riesenzellen des Syncytiums; man bezeichnete die freien Zellhaufen, die 
so entstehen, vielfach als »Zellknoten der Placenta«. Auch legen sich 
wuchernde Reihen dieser Zellen an die Decidua basaiis (serotina) häufig 
direct an. Da nun die bekannten Deciduazellen mitunter den Zellen der 
LAXGHANS-Schicht recht ähneln, so kann man in dieser »Umlagerungs¬ 
zone« keineswegs von jeder Zelle mit Sicherheit angeben, ob sie fötal oder 
matern ist. 

Als die Erkenntniss vom Bau der Placenta so weit fortgeschritten war, 
haben sich mehrere Forscher (Merttexs n ), Kos.smanx l -), Guxsser 13 ), Se- 
lenka u ) u. a.) der schon früher gelegentlich ausgesprochenen Behauptung 
angenommen, dass das Zellensyncytium nicht fötales, sondern das uterine 
Epithel sei; sie haben diese Behauptung durch die Beschreibung mehrerer 
junger Eier zu stützen versucht. Während man früher meinte, dass das 
befruchtete Ei sich im Uterus an epithelentblösster Schleimhaut inserire, 
behaupteten diese Autoren, dass das Uterinepithel auch an der Eieinbettungs¬ 
stelle persistire und mit dem fötalen Ektoderm gemeinsam die hervor- 
spriessenden und in die mütterlichen intervillösen Räume eintauchenden 
Chorionzotten überziehe. Sie stützen sich auf gewisse Uebergangsbilder, so¬ 
wie auf die Wahrnehmung, dass das mütterliche Uterusepithel in hohem 
Grade befähigt ist, auch ausserhalb der eigentlichen Placenta ein Syncytium 


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Chorioepithelioma. 


zu bilden (Kossmann). Was die letztere, unzweifelhaft richtige Thatsache 
betrifft, so ist dieselbe dahin erweitert worden, dass überhaupt im schwan¬ 
geren Uterus bei Mensch und Thier nahezu sämmtliche concurrirende Ge¬ 
webe (Epithel-, Endothel-, Binde-, ja selbst Muskelgewebe) Neigung zeigen, 
Syncytien zu bilden (L. Fraenkel 16 ), Schmidt 10 ), so vor allem auch der 
fötale Ektoblast. 

Was jedoch die Frage der primären Eiinsertion betrifft, ob auf epi- 
thelialisirtem oder nicht mit Epithel bedecktem Mutterboden, so war es beim 
Menschen nicht möglich, hierüber eine Entscheidung zu treffen, weil jedes 
untersuchte Ei vom mütterlichen Gewebe rund umhüllt war, somit nirgends 
die Möglichkeit bestand, die Epithelien bezüglich ihrer Herkunft zu sondern. 
Dennoch ist in neuester Zeit die Entscheidung, wie es scheint, herbeige¬ 
führt. Peters 17 ) hat das jüngste, bisher bekannte Ei beschrieben, welches 
noch nicht ganz im mütterlichen Gewebe eingebettet ist, und hier hat sich 
erkennen lassen, dass das mütterliche Epithel sich nicht am Aufbau der 
Placenta betheiligen kann, weil es in einiger Entfernung von der Eiinsertions- 
stelle in der ganzen Peripherie mit scharfer Grenze abschneidet. Das Ei 
liegt also im mütterlichen Bindegewebe, demnach kann ein Epithel, welches 
die Chorionzotten bedeckt, nur ein fötales Epithel sein. — Trotz dieses 
mit Sicherheit festgestellten Befundes von Peters könnte nun dennoch 
die äussere, die Chorionzotten überziehende Deckschicht materner Her¬ 
kunft sein. Sie könnte entweder aus syncytial verschmolzenen mütterlichen 
Bindegewebs-, id est Deciduazellen bestehen oder das Endothel der mütter¬ 
lichen erweiterten Capillaren, der intervillösen Räume sein, welches die 
Chorionzotten vor sich herstülpen würden. (Bekanntlich herrschte lange Zeit 
darüber Streit, ob die Chorionzotten das mütterliche Endothel vor sich 
herstülpen oder durchbrechen. Jetzt nimmt man fast allgemein das letztere 
an.) Die deciduale Herkunft des Zottensyncytiums wird von modernen 
Autoren kaum mehr vertreten und hat nicht die geringste Wahrscheinlich¬ 
keit. Die erstere Ansicht, welche das Zottensyncytium für eine matern-endo- 
tbeliale Bildung erklärt, wird in neuerer Zeit wieder stärker betont (Johann- 
sen 18 ), Freund 19 ), Pfannenstiel 20 ). Indessen können die Anhänger dieser 
Theorie ausser Uebergangsbildern, welche leicht täuschen, und gewissen theore¬ 
tisch Raisonnements positive Beweise zur Erhärtung ihrer Meinung nicht 
anführen. Peters glaubt, auch die endotheliale Natur des Zottensyncytiums 
an seinem jungen Ei ausschliessen zu können und ist wie die grösste Zahl der 
Placentarkenner nunmehr fest überzeugt, dass der äussere syncytiale Ueber- 
zug der Chorionzotten dem kindlichen Ektoderm angehört. Damit wäre 
auch die Histologie der Eiinsertion und der Chorionzotte klargestellt, nur 
dass noch nicht volle Einigkeit über das Wesen der LANGHANS-Schicht herrscht. 
Doch nimmt, wie erwähnt, auch von dieser nunmehr eine grosse Majorität 
der Forscher an, dass sie die tiefere Lage des kindlichen Epithels sei.* 

Gleichzeitig mit den neueren Forschungen über die Anatomie des 
jungen Eies wurde das Studium der Histologie der Blasenmole erneut in 
Angriff genommen, hauptsächlich um den zunächst etwas geheimnissvollen 
Zusammenhang zu eruiren, welcher zwischen dem malignen Deciduom von 
Saenger und Pfeiffer und diesem Product der Eidegeneration zu walten 
schien. Bekanntlich verdanken wir Virchow 22 ) unsere erste Kenntniss des 
anatomischen Baues der Trauben- oder Blasenmole. Er fand, dass jedes 
einzelne der grösseren und kleineren Bläschen, welche eine Trauben- 


* Hier sei noch erwähnt, dass Peters die ganze bisherige Lehre von der »Umwallung 
des Eies« durch mütterliche deciduale Schleimhaut leugnet, vielmehr annimmt, dass das Ei 
in das mütterliche Bindegewebe hineinkommt und demnach unter dem Niveau der Schleim- 
hautoberfläche liegt. Dieselbe Meinung verficht Graf Spee 21 ) und hat sie für das Meer¬ 
schweinchen erwiesen. Für den Menschen sind weitere Bestätigungen abzuwarten. 


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Chorioepithelioma. 


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mole zusammensetzen, eine einzelne Chorionzotte darstellt. Dieselben sind 
ausserordentlich vergrössert und können bis zu Kirsch-, ja Pflaumengrösse 
heran wachsen. Durch die mikroskopische Untersuchung stellte Virchow 
fest, dass es das bindegewebige Stroma der Chorionzotte ist, welches die 
Vergrösserung hauptsächlich betrifft. Dieses (sonst typisch embryonale) Binde¬ 
gewebe ist hierbei in ein mächtiges Schleimgewebe verwandelt. Virchow 
sah die ganze Bildung als eine echte Geschwulst an, als ein Myxom der 
Chorionzotten. 

Virchows Lehre bestand lange Jahre völlig unangefochten, bis Mar¬ 
chand 28 ) 1895 ihre Richtigkeit bestritt. Er zeigte, dass der bindegewebige 
Grundstock der Chorionzotte zwar in Schleimgewebe übergeht, aber nicht 
in Myxomgewebe, d. h. es kommt zu einer schleimigen Degeneration, nicht 
zur Bildung einer echten, activ wuchernden Schleimgeschwulst. Marchand 
und nahezu gleichzeitig L. Fraenrel 24 ) wiesen nach, dass allerdings von 
einer activen und progressiven Wucherung in der Blasenmole gesprochen 
werden kann. Diese betrifft aber nicht das Bindegewebe, sondern das Chorion¬ 
epithel. Sowohl das Zottensyncytium, wie die LANGHANs’sche Zellschicht 
bilden ausgedehnte Wucherungsherde. Dieselben gehen von der Oberfläche 
der Zotten aus und wuchern in ausgedehnter Weise in die intervillösen 
Räume hinein. Ja Marchand hat speciell Abkömmlinge des Syncytiums (die 
sogenannten syncytialen Wanderzellen) bis tief in die Uterussubstanz ver¬ 
folgen können, während J. Neumann 2ß ) dieselben im Chorionbindegewebe an¬ 
traf. — Alle diese Wucherungen finden sich in jedem jungen Ei, besonders 
in Abortiveiern, niemals jedoch in der Ausdehnung und Häufigkeit wie in 
den Blasenmolen. 

Nachdem wir uns mit den neueren Forschungen über die Histo- und 
Pathologie des Eies bekannt gemacht haben, kehren wir zu unserem Aus¬ 
gangspunkte, dem früher Deciduoma malignum genannten Krankheitsbilde 
zurück und erörtern die mikroskopische Anatomie dieser interessanten Ge¬ 
schwulstart. 

Mikroskopische Schnitte durch den Tumor ergaben folgendes Bild: Zu¬ 
nächst herrscht in ausgedehnter Weise die Gewebsnekrose vor. Man kann 
viele Gesichtsfelder bei schwacher Vergrösserung absuchen, ohne auch nur 
ein einziges erhaltenes Gewebselement zu finden. Man findet dunkel tin- 
girte Ballen und Schollen ohne jede Structur, nekrotisch oder wenigstens 
nekrobiotisch gewordene Gewebsreste, die eine Diagnose unmöglich machen. 
Zweitens sieht man reichlich Fibrin und in fibrinoider Art degenerirtes Ge¬ 
webe. Alsdann grosse, freiliegende Blutherde, frische, ältere und ganz alte. 
Die ausgedehnten Hämorrhagien sind ein besonderes Charakteristicum des 
Tumors. Weiterhin findet man Blut- und Lymphgefässe, besonders sehr stark 
erweiterte Blutcapillaren in grösserer Anzahl. So hat man oft viele Prä¬ 
parate von den verschiedensten Stellen des Tumors anzufertigen und zu 
durchmustern, ehe man auf wirkliches und wohl erhaltenes Tumorgewebe 
trifft. Dieses besteht aus zunächst scheinbar sehr verschiedenen Elementen, 
welche wir in der historischen Reihenfolge, wie sie beschrieben wurden, 
hier besprechen wollen. 

Einmal findet man sehr grosse, polygonale Zellen, deren Protoplasma 
sich tief dunkel mit dem sauren Farbstoff (z. B. mit Eosin tiefroth) färbt. Sie 
haben einen relativ kleinen, unregelmässig zackigen Kern, welcher den Kern¬ 
farbstoff (z. B. Hämatoxylin) sehr stark annimmt. Diese Zellen liegen theils 
in Reihen aneinander, theils frei in den Resten der Schleimhaut und Muscu- 
latur des Uterus mit einem feinen bindegewebigen Stroma zwischen den 
einzelnen Zellen, welches offenbar dem uterinen Mutterboden entstammt. 
Solche Zellen haben einige Aehnlichkeit mit manchen Formen der Decidua- 
zellen. Es erscheint daher durchaus verständlich, dass die ersten Unter- 


En cvclop^rj^hrbücher. IX. 

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Chorioepitheüoma. 


sucher, besonders Saenger, sich dahin entschieden, dass mit Berücksichti¬ 
gung dieser Aehnlichkeit und der voraufgegangenen Schwangerschaft es 
sich in diesem Tumor um ein grosszelliges Sarkom handle, das von den Deci- 
duazellen (das sind bekanntlich die durch Schwangerschaft charakteristisch 
veränderten Bindegewebszellen der Uterusschleimhaut) seinen Ausgang nehme 
(»Sarcoma deciduo-cellulare uteri«). Saenger und spätere Autoren fanden 
dann einige Protoplasmamassen, die in sich eine Anzahl Kerne bargen. Man 
hielt diese für dem Sarkom eigenthümliche Riesenzellen. Der sichere Be¬ 
weis, dass ein Deciduazellensarkom vorliege, konnte übrigens nicht erbracht 
werden. Derselbe hätte darin bestehen müssen, dass man Geschwulstzellen 
gesehen hätte, welche von w'ohlerhaltenem Deciduagewebe ausgingen, und 
das war nicht der Fall. 

Kaum waren Saenger s Publicationen erschienen, so folgte in schneller 
Folge die Veröffentlichung immer neuer Fälle, die zunächst Saenger’s histo- 
genetische Auffassung der Tumoren ganz zu bestätigen schienen, wenn auch 
der stricte Beweis in Form des directen, unter dem Mikroskop zu beob¬ 
achtenden Zusammenhanges mit echter Dicidua ausstand und heute noch 
aussteht. 

Einige Jahre nach Saengers erster Publication brachte Gottschalk 2fe ) 
eine völlig neue und unerwartete Auffassung der Geschwulstart vor. Nicht die 
mütterliche Decidua. sondern die kindlichen Chorionzotten sollen die Ursprungs¬ 
stelle des Tumors darstellen. Der Entstehungsmodus ist folgender: Eine An¬ 
zahl Chorionzotten degeneriren in toto maligne. Das bindegewebige Stroma 
wird sarkomatös, der epitheliale, syncytiale Mantel carcinomatös. Das Ganze 
nannte er wegen Prävalenz des angeblich sarkomatösen Antheils das »Sarkom 
der Chorionzotten«. Die Bilder, auf welche er sich stützte, waren folgende: 
Er sah in seinem Falle runde Herde heller Zellen. Diese sind ziemlich gross, 
blasig, mit relativ kleinem Kern. Letzterer färbt sich nicht besonders intensiv 
mit dem Kernfarbstoff, der Zellleib noch weniger mit der Gegenfarbe. Solche 
meist runde Zelleomplexe waren von Protoplasmabändern umgeben, die dem 
wuchernden Zottensyncytium, wie wir es oben beschrieben haben, genau 
entsprachen. Die Zelleomplexe hielt Gottschalk für das malign-sarkomatös 
gewordene Zottenstroma, die Protoplasmabänder für das malign* carcinomatös 
gewucherte Zottenepithel. Obwohl sich in den Metastasen nur letzteres Ge¬ 
webe fand, erklärte er, wesentlich unter Waldeyers Einfluss, den Tumor 
für ein »Sarkom der Chorionzotte«. 

Gottschalks Auffassung, obwohl der heutigen viel näher stehend als 
diejenige Saengers, und obgleich sie dasjenige, was heute als richtig be¬ 
wiesen ist, bereits mit enthielt, hat sich damals nicht und zu keiner Zeit 
Anhänger erwerben können, wenngleich der Autor selbst heute noch daran 
festhält. Der Hauptgrund für die allgemeine Ablehnung war die Schwierig¬ 
keit der Vorstellung, dass die einzelnen Zotten maligne degeneriren sollen, 
und zwar zum Theil als maligner epithelialer, zum Theil bindegewebiger Tumor. 

Wieder mehrere Monate später (1894) beschrieb L. Fraenkel 27 ) einen 
klinisch mit den früher als Sarkom der Deciduazellen, eventuell der Chorion¬ 
zotte gedeuteten Tumoren übereinstimmenden Fall, den er als »vom Epithel 
der Chorionzotten ausgehendes Carcinom des Uterus« deutete. 

Diese Auffassung ist die jetzt geltende, nachdem sie, wie weiter unten 
ausgeführt werden soll, von anderer Seite noch stricter als richtig erwiesen 
werden konnte. 

Dem Falle L. Fraenkel's (und mehrerer späterer Autoren) fehlten die 
hellen Zellen Gottschalk s ganz, nicht nur in den Metastasen, sondern auch 
im Haupttumor. Er sah nur die syncytialen Protoplasmabänder und ferner ähn¬ 
liche Zellen, wie sie Saenger Vorgelegen haben. Erstere führte er auf das 
syncytiale Chorionepithel zurück, letztere für davon abgeschnittene Frag- 


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Chorioepithelioma. 


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mente oder für solche Zellen, die sich aus dem Verbände des Syncytiums 
losgelöst haben und wieder zu einzelnen, frei wuchernden Zellen geworden 
sind. (Solche sehen in der That Deciduazellen mitunter bis zum Verwechseln 
ähnlich.) 

Die syncytialen Massen drangen nun tief in die Uterussubstanz ein, 
zerstörten die Musculatur, zerstörten und ersetzten die Wand der Gefässe 
(eine besondere Eigenthümlichkeit der syncytialen Tumormassen), drangen 
bis auf den Peritonealüberzug des Uterus und durch denselben hindurch 
und fanden sich in. den Metastasen. 

Der Autor folgerte nun so: Seine Bilder stimmten mit denjenigen von 
Gottschalk überein, soweit der rein syncytial-epitheliale Theil in Frage 
kommt. Sie stimmten ferner mit Bildern überein, die schon vor längerer 
Zeit Meyer 28 ) als gutartige, epitheliale Geschwulst, ausgegangen von den 
Chorionzotten, beschrieben hatte. Sie stimmten ferner genau überein mit 
den syncytialen Knospen, welche aus den Chorionzotten junger Eier hervor- 
spriessen, Bilder von so charakteristischem und eigenartigem Aussehen, wie 
wir sie sonst nirgends im menschlichen Körper in annähernd ähnlich typi¬ 
scher Weise finden. Eine Blasenmole war in diesem Falle vorausgegangen, 
also eine Geschwulst der fötalen Chorionzotten. Somit, schloss L. Fraexkel, 
haben wir es im wesentlichen mit einer malignen Geschwulst des Uterus 
zu thun, welche mit grösster Wahrscheinlichkeit von dem Chorionzotten¬ 
epithel ausgeht und demnach folgerichtig als Carcinom zu bezeichnen ist. 

Dass diese Annahme richtig sei, dafür konnten Apfelstädt und Aschoff 29 ), 
J. Neumaxn 80 ), Bulius 81 ) und Gebhardt 32 ) später den directen Beweis er¬ 
bringen. Was L. Fraenkel trotz eifrigen Suchens in seinem Tumor zu finden 
nicht gelungen war (auch in den meisten Tumoren dieser Art infolge Zu¬ 
grundegehens des Gewebes vollständig fehlt), das fanden diese Autoren in 
ihren Fällen: Wohlerhaltene Chorionzotten, mit deren Epithel die Wucherungs¬ 
elemente in directem Zusammenhänge standen. Das müssen wir nach dem 
jetzigen Stande der Beurtheilung der anatomischen Genese von Tumoren für 
einen stricten Beweis halten, vor der weiterer Widerspruch nicht bestehen kann. * 

Die Auffassung L. Fraenkel’s, welcher seinen Tumor ausschliesslich 
vom Chorionepithel herleitete, bestätigte als erster Marchand. s5 ) Zwar 
konnte auch er nicht den von den oben erwähnten Autoren später er¬ 
brachten directen Nachweis führen, aber es gelang ihm durch seine Arbeiten 
auf diesem Gebiete, die grosse Majorität der Pathologen und Gynäkologen 
schon jetzt zu dieser anfangs etwas befremdlichen AufFassung zu bringen. 
Marchand sprach sich auch sogleich dahin aus, dass alle bisher beschriebenen 
angeblichen Sarkome der Deciduazellen und der Chorionzotte »maligne 
Chorioepitheliome« (so nannte er mit Pick die Tumoren) seien. Schliesslich 
corrigirte er noch Gottschalks Auffassung dahin, dass dessen helle Zellen- 
complexe, welche auch Marchand fand, nicht Zottenstromazellen, sondern 
Abkömmlinge der LANGHANs'schen Schicht seien. 

Die letztere Annahme Marchand s hat sehr viel Wahrscheinlichkeit. 
Einwandfrei erwiesen konnte sie insofern noch nicht werden, als es noch 
nicht gelungen ist, die heilen Turaorzellen in Verbindung mit der LANGHANS¬ 
schen Zellschicht einer wohlerhaltenen Chorionzotte zu sehen, während, 
wie erwähnt, vom syncytialen Ueberzug der Chorionzotten der Nachweis 
des Zusammenhangs mit dem syncytialen Antheil des Tumors geführt ist. 

Immerhin ist die Betheiligung dieser hellen Zellcomplexe an dem Auf¬ 
bau der Tumoren eine mässige und tritt an Bedeutung hinter dem syncy- 


* Nur wenige Autoren (Veit 35 ), Londoner geburt3hilfl. Gesellsch. 3 ‘) sträuben sich auch 
heute noch, die chorioepithelioraatöse Natur der Tumoren anzuerkennen. Nach ihnen han¬ 
delt es »ich um ein durch voraufgegangene oder nachfolgende Schwangerschaft complicirtes 
gewöhnliches grosszelliges Sarkom. Die Chorionzotten sind da hineingerathen und an ihr 
Epithel haben sich die syncytialen Tumormassen nur angelegt. 


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Chorioepithelioma. 


tialen Antheil der Tumoren weit zurück. Das geht schon zur Genüge aus 
den zwei Thatsachen hervor, dass es eine Anzahl maligner Chorioepithe- 
liome giebt, die nur aus syncytialen Elementen bestehen, und dass bei einer 
beträchtlichen Anzahl der Tumoren, die noch die hellen Zellen im Primär¬ 
tumor besitzen, dieselben in den Metastasen fehlen. 

Noch wenige Worte über den Primärsitz des Leidens. Dass derselbe 
meist im Fruchtbehälter gelegen ist, ist selbstverständlich. War nicht der 
Uterus der Sitz der Frucht, sondern die Tube, so entwickelt sich in dieser 
der Tumor; das ist beobachtet. Wie aber verhält es sich, wenn an anderen 
Orten, z. B. in der Scheide (Schmore 86 ) oder an der Portio (v. GrfiRARn 37 ) der 
originale Tumor sitzt? Auch dass zu erklären, stösst auf keine Schwierig¬ 
keiten. Bekanntlich haben die Chorionzotten, welche tief in den mütter¬ 
lichen Blutstrom eintauchen und lose in diesem flottiren, die Eigenschaft, 
sich leicht loszureissen und theils mittels retrograden Transportes in die 
Scheide und Vulva verschleppt zu werden z. B. besonders häufig bei Blasen¬ 
mole (L. Pick 38 ), theils in andere Organe, z. B. hauptsächlich in die Lunge, 
zu gerathen; besonders häufig beobachtet man das infolge der eklamp- 
tischen Krampfanfälle. An jedem Orte, wo eine Chorionzotte sich 
niederlässt und ernährt wird, kann sie zur Bildung eines Chorio- 
epithelioma malignum führen. 

Zum Schluss noch die Warnung, man möge nicht zu viele Chorio- 
epitheliome diagnosticiren. Der syncytale Bau allein genügt nicht zu ihrer 
Diagnose. Wie oben ausgeführt, bilden eine Anzahl anderer Gewebe, wie es 
scheint, besonders in der Schwangerschaft, gleichfalls Syncytien. * (v. Herff Sö ) 
beobachtete ein Sarkom am Musculus biceps des Oberarmes, welches einem 
Chorioepitheliom sehr ähnlich sah.) Es ist auch durchaus nicht auszu- 
schliessen oder pathologisch-anatomisch unwahrscheinlich, dass es Sarkome, 
Endotheliome, maligne Deciduome des Uterus geben kann. Und schliesslich 
hüte man sich vor der Verwechslung der Bilder, welche durch Wucherung 
des Syncytiums und der LANGHANS schen Zellschicht, besonders in der soge¬ 
nannten »Umlagerungszone« der Uterusschleimhaut nach Abort und Blasen¬ 
mole, erzeugt werden, mit malignem Chorioepitheliom. Dieselben Kriterien* 
welche in der übrigen Pathologie zwischen gut- und bösartigen Zellwuche¬ 
rungen unterscheiden lassen, müssen auch hier angewendet werden. Erst 
in der Schrankenlosigkeit der Wucherungen, ihrem atypischen Charakter 
und in der Substitution der normalen Gewebe durch sie liegt das Kriterium 
der Malignität. Transport typischer syncytialer Knospen auf dem Blutwege 
bis tief in die Uterussubstanz hinein, ja selbst in andere Organe, beweist 
nach dem oben Ausgeführten durchaus nicht die Malignität. 

Fassen wir zum Schlüsse das Gesagte zusammen, so haben wir 
es in den hier zur Besprechung gelangten malignen Tumoren des 
Uterus mit einer Geschwulst von äusserster Bösartigkeit zu thun, 
welche ihren primären Sitz gewöhnlich im Uterus hat. Sie kann nur 
bei solchen Frauen entstehen, die zu irgend einer Zeit ein befruch¬ 
tetes Ei, welches sich eingenistet hat, getragen haben. Von zu¬ 
rückgebliebenen Eiresten, und zwar im wesentlichen vom syn¬ 
cytialen Epithel der fötalen Chorionzotten entsteht der maligne 
epitheliale Tumor. Es handelt sich demnach um eine primär 
kindliche Geschwulst. Diese jedoch wächst nicht in den Fötus 
hinein. Das Kind kann im Gegentheil lebend und gesund vor der 
Entstehung der Geschwulst das Licht der Welt erblickt haben, 
sondern infolge der innigen Verquickung des kindlichen Epithels 


* Schon aus diesem Grunde ist der Name »Syncylioma malignum«, mit welchem das 
Chorioepitheliom vielfach belegt wird, kein sehr zweckmässiger. 


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C hör ioepi thelioma, 


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der Eihüllen mit der Uterussubstanz wächst das Carcinom in 
den Uterus hinein und führt den Tod der Mutter herbei. Das ist 
freilich ein in der gesammten Pathologie unerhörtes Novum. Es 
wird verständlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass im 
Uterus in der Gravidität auch schon normalerweise eine innige 
Durchmischung der Gewebselemente zweier Lebewesen — der 
Mutter und des Kindes — stattfindet wie sonst nirgends im 
menschlichen Körper. Wir haben hier demnach einen Anklang 
an die CoHXHEiMsche Theorie der Geschwulstbildung. Versprengte 
embryonale Keime im wahren Sinne des Wortes sind es, aus 
welchen das Chorioepithelioma malignum entsteht. Freilich nicht, 
wie Cohnheim annahm, zurückgebliebene fötale Keime aus der 
eigenen Embryonalzeit des Trägers, sondern aus der eines 
Tochterindividuums. 

Literatur*: *) M. Saenger, Ueber Sarcoma deciduo-cellulare und andere deciduale 
Geschwülste. Arch. f. Gyn. XLIV. — 2 ) V. Pfeiffer, Ueber eine eigenartige Geschwulstform 
des Uterusfundus (Deciduoma malignum). Prager med. Wochenschr. 1890, Nr. 26. — 3 j v. Kahl- 
den, Ueber destruirende Placentarpolypen. Centralbl. f. allg Path. und path. Anat. II, Nr. 1 
und 2. — 4 ) Volkmann, Ein Fall von interstitieller destruirender Molenbildung. Virchow’s 
Archiv. XLI. — 6 ) Jarotzky und Waldeykr, Traubenmole in Verbindung mit dem Uterus. 
Intraparietale und intravasculäre Weiterertwicklung der Chorionzotten. Ebenda. XLIV. — 
•) Krieger, Fall von interstitieller Molenbildung. Beitr. z. Geburtsh. und Gyn. X. — 7 ) Zahn, 
Ueber einen Fall von Perforation der Uteruswanduug durch einen Placentarpolypen, mit 
nachfolgender Haematocele retrouterina. Virchow’s Archiv. XCVI. — 8 ) Köllikeb, Entwick¬ 
lungsgeschichte. — v ) Orth, Das Wachsthum der Placenta foetalis und Boll’s Princip de9 
Wachsthums. Zeitschr. f. Geburtsh. und Gyn. II. — 10 ) Langbans, Ueber die Zellschicht des 
menschlichen Chorion. Festschr. f. Hf.nle. 1882. — ll ) Mebttens, Beiträge zur normalen und 
pathologischen Anatomie der menschlichen Placenta. Zeitschr. f. Geburtsh. und Gyn. XXX. — 
l -) Kossmann, Zur Histologie der Extrauterinschwangerschaft, nebst Bemerkungen über ein 
sehr junges, mit der uterinen Decidua gelöstes Ei. Verhandl. der Berliner geburtsh. Gesell¬ 
schaft. Juli 1893. — lü ) Gunsöer, Ueber einen Fall von Tubenschwangerschaft. Centralbl. 
f. allg. Path. und path. Anat. 1891, Nr. 6. — 14 ) Selenka, Zur Entstehung der Placenta des 
Menschen. Biolog. Centralbl. 1890, Nr. 10. — 16 ) L. Fraenkel, Vergleichende Untersuchungen 
des Uterus- und Chorionepithels. Arch. I. Gyn. LV. — 16 ) Schmidt, Ueber Syncytiumbildung 
in den Drüsen der Uterusschleimhaut bei ektopischer Gravidität. Monatsschr. f. Geburtsh. 
und Gyn. VII. — 17 ) H. Peters, Die Einbettung de9 menschlichen Eies und das früheste, 
bisher bekannte menschliche Placentationsstadium. Leipzig und Wien 1899. — 18 ) Johannsen, 
Ueber das Chorionepithel des Menschen. Monatsschr. f. Geburtsh. und Gyn. V. — ltf ) H. W. 
Freund, Ueber bösartige Tumoren der Chorionzotten. Zeitschr. f. Geburtsh. und Gyn. XXXIV. — 
10 ) Pfannenstiel, Zur Frage des Syncytiums nnd des Deciduoma malignum. Centralbl. f. Gyn. 
1898, Nr. 23. — 2l ) Graf Spee, Vorgänge bei Bildung der Fruchthöhle u. s. w. Mittheil, des 
Vereins schleswig-holstein. Aerzte. 1891, H. 12. — '**) Virchow, Die krankhaften Geschwülste. 
I, pag. 405. — 23 ) Marchand, Ueber den Bau der Blasenmole. Zeitschr. f. Geburtsh. und 
Gyn. XXXII, Heft 3. — 1 J4 ) L. Fraenkel, Die Histologie der Blasenmolen und ihre Bezie¬ 
hungen zu den malignen, von den Chorionzotten (Decidua) ausgehenden Uterustumoren. 
Arch. f. Gyn. XLIX, Heft 3. — * 5 ) J. Neumann , Beitrag zur Kenntniss der Blasenmole und 
des »malignen Deciduoms«. Monatsschr. f. Geburtsh. IV. — 3fl ) Gottschalk, Das Sarkom der 
Chorionzotten. Arch. f. Gyn. XLVI. — i7 ) L. Fraenkel, Das vom Epithel der Chorionzotten 
aupgehende Carcinom de9 Uterus (nach Blasenmole). Ebenda. XLVIII, Heft 1. — 38 ) H. Meyer, 
Ueber einen Fall von zerstörender Wucherung zurückgebliebener myxomatöser Chorionzotten 
(Epithelioma papillare corporis uteri?). Ebenda. XXXIII. — **) Apfelstädt und Aschoff, 
Ueber bösartige Tumoren der Chorionzotten. Ebenda. L. — 30 ) J. Nkumann, Beitrag zur 
Lehre vom »malignen Deciduora«. Monatsschr. f. Geburtsh. und Gyn. III. — öi ) Bulius, Ver¬ 
handlungen des VII. Gynäkologencongresses. Leipzig 1897. — ai ) Gebhard, Ueber das soge¬ 
nannte Syncytioma malignum. Zeitschr. f. Geburtsh. und Gyn. XXXVII. — 3< ) Veit, Deci¬ 
duoma malignum. Handb. d. Gyn. III, 2. Hälfte, 1. Abth. — S4 ) Londoner geburtsh. 
Gesellschaft. Resolution in den Sitzungsberichten. 1896, XXXVIII, pag. 171. — y *) Mar¬ 
chand, Ueber die sogenannten decidualen Geschwülste u. s. w. Monatsschr. f. Geburtsh. und 
Gyn. I. — 8<5 ) Scbmorl, Demonstration eines syncytialen Scheidentumors. Verhandl. d. Natur - 


* Dieselbe ist eine ausserordentlich ausgedehnte. Es giebt wohl kein zweites Gebiet in 
der gesammten Gynäkologie, auf welchem in den letzten 12 Jahren soviel gearbeitet worden 
ist. Hier können nur die im Text berücksichtigten Arbeiten angeführt werden, welche für 
das Verständniss der Frage von einschneidender Wichtigkeit sind. 


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Chorioepitheüoma. — Chromatvergiftung. 


forscher-Versammlung (Gyn. Sect.) zu Brannschweig. 1897. — 37 ) v. Güeeard, Verhandl. d. 
Naturf.-Versamml. (Gyn. Sect.) zu München 1899. — 38 ) L. Pick, Von der gut- und bösartig 
metaßtasircnden Biasenraole. Berliner klin. VVochenschr. 1897, Nr. 49. — 30 ) v. Herff, Ver¬ 
handlungen d. Gesellsch. deutscher Natur!, und Aerzte, Sect. f. Gyn. Braunschweig 1897. 

Ludwig Fraenkel . 

Chromatverglftung. Die eigentümlichen ulcerösen Processe. 
die sich an der Haut und namentlich an der Nase bei Arbeitern in Chrom¬ 
fabriken einzustellen pflegen, sind neuerdings in deutschen Fabriken so 
überaus häufig aufgetreten, dass sie das Interesse der Gesundheitspflege 
erregen müssen, wenn auch die Zahl der in den Chromatfabriken be¬ 
schäftigten Arbeiter nur eine relativ beschränkte (800—1000) ist. Es muss 
aber berücksichtigt werden, dass viele Fälle dieser Art noch jugendliche Indi¬ 
viduen betreffen, die frühzeitig nicht allein in der Perforation der Nase ein 
unheilbares Leiden acquiriren, sondern deren Allgemeinzustand offenbar 
theils infolge der Affection der Nase, theils auch durch den verschluckten 
Staub in entschiedener Weise geschädigt wird. Entzündung der Nasen¬ 
schleimhaut kann schon in 14 Tagen, Eiterung in einem Monat und Per¬ 
foration in 1 / A Jahr eintreten. Viele der Erkrankten leiden an Respirations¬ 
störungen, namentlich auch an Lungenspitzenkatarrh; nicht selten entwickelt 
sich auch ein kachektischer Zustand. Nierenaffectionen, an weiche bei der 
Wirkung der Chromate auf das Nierenepithel zu denken ist, sind mit Sicher¬ 
heit nicht nachgewiesen. 

Die grosse Verbreitung der Geschwüre und Perforationen der Nasenscheidewand und 
die schlechten Gesundheitsverhältnisse in den Chromatfabriken erweisen namentlich die von 
Burghart 1 ) theils nach Mittheilnngen von Fabrikärzten, theils nach eigenen Beobachtungen 
zusammengestellten Daten. 1895 zeigten von den Arbeitern der Chromatabtheilung einer 
chemischen Fabrik der Pfalz von 142 nur 3 keine Nasenerkrankung, 93 Durchlöcherung der 
Nasenseheidewand und 46 erst kurze Zeit Beschäftigte Entzündung oder Eiterung der 
Nasenschleimhaut. ln einer Anhalter Chromatfabrik waren 1894 unter 51 Arbeitern nur 11 
gesund, bei 32 bestand Perforation des Septum, bei 5 Erosion und bei 3 Röthung und 
Schwellung, ln demselben Jahre mussten von 24 eingezogenen Militärpflichtigen aus Anhalt 
22 wegen Perforation der Nasenscheidewand dem Landsturm zugewiesen werden; bei der 
Aushebung in derselben Zeit waren von 84 Chromarbeitern 82 unbrauchbar, und zwar 74 wegen 
Verschwärung der Nasenhöhlen, 3 wegen chronischer Leiden der Athmungswerkzeuge (Lungen¬ 
spitzenkatarrh) und 4 wegen beider Leiden. In der Bernburger Fabrik, aus der die meisten 
der unbrauchbar befundenen Arbeiter stammten, wurden infolge davon alle Arbeiter entlassen, 
welche noch nicht ihrer Militärpflicht genügt hatten, und durch Gesunde ersetzt; nichts¬ 
destoweniger fanden sich einige Monate später unter dem Fabrikpersonal von 288 Arbeitern 
52 mit Perforation und 26 mit Aetzbelag in der Nase. 

Dass übrigens die Chromverbindungen für Arbeiter anderer Berufs¬ 
zweige, in denen Chromate zur Verwendung kommen, gefährlich werden können, 
ist bekannt. So wurde 1896 in Mittelfranken die Affection der Nase in einer 
Fabrik von Sprengstoffen, in welcher Chromverbindungen zur Erhöhung der 
Sprengkraft des Fabrikats benutzt wurden, beobachtet. 

Die früher vielfach hervorgetretene Ansicht, dass nur bei der Bereitung 
des Kaliumbichromats die eigentümliche Nasenaffection entstehe, kann nicht 
als richtig angesehen werden. Allerdings ist gerade bei der Darstellung des 
Kaliumbichromats aus Kaliumchromat eine besondere Gefahr durch die 
chromhaltigen Dämpfe, welche den Pfannen, die dabei benutzt werden, 
entsteigen, vorhanden. Aber nicht blos die Dämpfe sind gefährlich, sondern 
auch der Staub, der sich in fast jeder einzelnen Phase der Fabrication ent¬ 
wickelt, manchmal so massenhaft, dass er in der Fabrik Fussboden, Dach¬ 
gebälk und sämmtliches Inventar überzieht und dass man im Winter in 
den Höfen sogar den Schnee auf weite Strecken gelbgefärbt erblicken kann. 

Die wesentlichsten hygienischen Massregeln zur Verhütung der Nasen¬ 
affection bestehen in dem Tragenlassen von Respiratoren oder anderen 
Mund und Nase schützenden Vorrichtungen, von denen feuchte Tücher am 
zweckmässigsten sind, in den Arbeitsräumen, und Ausspülungen der Nase 


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Chromatvergiftung. — Conjunctivitis. 


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nach der Arbeit. Die Einführung dieser in Verbindung mit dem Anhalten 
der Arbeiter zur Reinlichkeit und der sofortigen Meldung jeder Erkrankung 
haben die Gesundheitsverhältnisse in mehreren Fabriken erheblich gebessert, 
so dass z. B. in Griesheim am Main die Zahl der Krankheitstage in der Zeit 
von 1889—1895 von 2865 auf 899 herabging. Ueber sonstige Einrichtungen 
und den Betrieb von Kaliumbichromatfabriken hat der Bundesrath am 
2. Februar 1897 eine besondere Verordnung erlassen, deren einzelne Vor¬ 
schriften als durchaus angemessen anzuerkennen sind. 

Literatur: Burghart, Ueber Chromerkrankungen. Charite-Annalen. 1899, 23. Jahrg., 
pag. 189. Husemann. 

Colchisal. Eine von E. Frugera & Co. in New York dargestellte 
Specialität, welche für die innere Behandlung der Gicht bestimmt ist und 
als Bestandtheile Colchicin und Salicylsäureinethylester enthält. 

Literatur: Pharm. Ztg. XLV, pag. 134. Loohisch. 

Conjunctivitis« Die bakteriologische Erforschung der Bindehaut¬ 
entzündungen hat in den letzten Jahren solche Fortschritte gemacht, dass 
auch der praktische Arzt nicht achtlos an ihnen vorübergehen darf. Doch 
sind wir weder so weit, um die einzelnen Formen nach ihren Erregern in 
ein System bringen zu können, noch kennen wir die Erreger für jede 
einzelne, bisher als Species geltende Krankheitsform. Der folgenden ganz 
aphoristisch gehaltenen Zusammenstellung liegen hauptsächlich zwei Arbeiten 
zugrunde: »Sammelreferat der bakteriologischen Arbeiten der Jahre 1897 
und 1898« von L. Bach und K. O. Neumann in Würzburg (Zeitschr. f. Augen¬ 
heilkunde, 1899, I, 6. Heft) und »Ueber die ägyptischen Augenentzündungen« 
von Leop. Müller in Wien (Arch. f. Augenhk. 1899, LX, 1. Heft). In der erst¬ 
genannten Arbeit ist ein ausführliches Verzeichniss der Literatur. 

1. Die acute Blennorrhoe wird vom Gonococcus Neisser hervor¬ 
gerufen. Bei der Blennorrhoea neonatorum ist aber zu bemerken, dass die 
durch den Gonococcus hervorgerufene Conjunctivitis einen sehr verschie¬ 
denen Grad besitzen, sowie dass äusserlich ganz dasselbe Bild durch andere 
Mikroben hervorgerufen werden kann (Pneumokokken, Staphylokokken, zu 
diesen gehörige Diplokokken, Bacterium coli). Die Folgezustände, die als 
chronische Blennorrhoe bezeichnet werden, nennt Müller lieber postblen- 
norrhoische Conjunctivitis. Hiebei bilden sich wohl ab und zu auch Körner 
und es entsteht das Bild des »Körnertrachoms« oder des »gemischten Tra¬ 
choms«, diese heilen aber ohne Behandlung ohne eine Spur zu hinterlassen 
und haben mit dem specifischen Korn des Trachoms nichts gemein als das 
makroskopische oder grobmikroskopische Ansehen (Müller). Bekanntlich 
hatte v. Arlt gerade solche Fälle als Beweis betrachtet, dass chronische 
Blennorrhoe und Trachom derselbe Krankheitsprocess seien. 

2. Trachom. Wir kennen dessen Erreger noch nicht. Nachdem ver¬ 
schiedene als solche angesehene Kokken die Feuerprobe nicht bestanden, 
hat Müller einen Bacillus gefunden, der morphologisch kaum, culturell gar 
nicht vom Influenzabacillus verschieden ist, mit diesem aber sicher nicht 
identisch sein soll. Müller discreditirt seinen Bacillus nicht dadurch, dass 
er ihn als Trachombacillus proclamirt, er spricht mit grösster Reserve nur 
aus, dass er es sein könnte. Er fand ihn nicht in allen Fällen von Trachom, 
macht aber aufmerksam, wie schwierig auch für den Erfahrenen oft die 
Diagnose des Trachoms sei. Er erinnert an die eben erwähnte postblennor- 
rhoische Form, an eine andere Form, die er Pseudotrachom nennt, an die 
Combination von Pneumokokken und anderen Erregern mit Follikelkatarrh. 
Seinen Bacillus fand Müller bisher nur auf der mit typischem Trachom 
behafteten Conjunctiva. 


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Conjunctivitis. 


3. Die diphtheritische Conjunctivitis. Man hat diese stets streng 
geschieden von der membranösen, croupösen, fibrinösen: bei der einen 
Einlagerung des fibrinösen Exsudates in das Gewebe der Conjunctiva, bei 
der anderen Auflagerung in Form von Membranen verschiedener Mächtig¬ 
keit, die sich leicht abziehen lassen, worauf die wenig veränderte Bindehaut 
sichtbar wird. Dazwischen standen einige zweifelhafte Fälle: Membranen, dönn, 
ganz oder theilweise festhaftend, Bindehaut beim Abziehen leicht blutend, 
die man, wenn man sie nicht als Zwischenformen ansehen wollte, ohne sichere 
Diagnose lassen müsste. Ausgeschieden werden immer die membranösen 
Auflagerungen, die ab und zu bei anderen Conjunctivitiden Vorkommen. Die 
Conj. crouposa speciell wurde als eine bei scheinbar beunruhigenden Sym¬ 
ptomen rasch und günstig verlaufende Form betrachtet. 

Als man jedoch den Löffler' sehen Bacillus, den Erreger der 
Diphtheritis, auch in den Membranen der Conj. crouposa fand, musste sich 
dieses Bild ändern. Aus der im ganzen und grossen harmlosen Conj. crou¬ 
posa war plötzlich Diphtheritis conj. geworden, und damit die Nothwendig- 
keit der Isolirung der Kranken, die Seruminjectionen etc. gegeben. 

Allerdings hat sich bald herausgestellt, dass nicht Löfflers Bacillus 
allein der Erreger der Entzündung sein muss, dass auch Staphylokokken, 
Pneumokokken u. s. w., vor allem aber Streptokokken die tiefe nekrotische, 
sowie die membranöse Form bedingen können. 

Aber auch betreffs des LöFFLERschen Bacillus müssen die anfäng¬ 
lichen Ansichten einige Einschränkung erfahren. Der typische Löffler scIio 
Bacillus kann nämlich virulent sein oder auch nicht, ausserdem giebt es 
aber einen sehr häufigen nicht pathogenen Bacillus, den Xerosebacillus oder 
Pseudodiphtheriebacillus, der sich in keiner Weise sicher von dem LöFFLER¬ 
schen Bacillus unterscheiden lässt, da sich alle als Unterscheidungsmerkmale 
angegebenen Eigenschaften als unzuverlässig herausgestellt haben, so dass 
nichts als die Untersuchung auf die Giftigkeit durch das Thierexperiment 
übrig* bleibt. Aber auch die Giltigkeit dieses Satzes ist bereits angezweifelt und 
darauf hingewiesen worden, dass, wie es scheint, auch ungiftige Formen unter 
Umständen giftige Eigenschaften annehmen können. LöFFLER'sche Bacillen 
wurden auch bei Entzündungen mit Membranbildung gefunden, die nichts 
mit Conj. crouposa zu thun haben, ja selbst in den Membranen, welche durch 
Abreibungen mit Sublimatlösungen sich bilden, hat man sie nachgewiesen 
(Schanz, Coppez). 

Eine Klärung der Verhältnisse ist also durch die Bakteriologie in diese 
Frage nicht gebracht, worden und es dürfte gerathen sein, sich bei der Ent¬ 
scheidung der Frage der Prophylaxe und Behandlung (Seruminjectionen) sich 
auch jetzt noch vorwaltend an die alten klinischen Erfahrungen zu halten. 

Während bei den genannten klinisch zu differirenden Entzündungs¬ 
formen für jede derselben ein specifischer Erreger gesucht wurde, handelt 
es sich bei den folgenden um das allerdings vielgestaltige Bild des Katarrhs, 
der durch sehr verschiedene Mikroben hervorgerufen werden kann, ohne 
dass sich einzelne Formen abgrenzen lassen. Meist sind es acute Formen 
von manchmal beträchtlicher Heftigkeit, die wir bis jetzt mit dem Namen 
der Ophthalmia catarrhalis, Ophthalmia catarrhalis epidemica, des Schwel- 
lungskatarrhes u. dergl. bezeichneten. 

Der Bacillus von Koch-Weeks ist der Erreger einer besonders in 
Aegypten häufigen Conjunctivitis, von Sameh La Conjonctivite suraigue ge¬ 
nannt, von Müller als ägyptischer Katarrh bezeichnet. Das Bild ist das 
eines acuten Katarrhs mit Betheiligung der Conj. bulbi, starker Injection, 
Oedem und Röthung der Lider, reichlicher Secretion, manchmal mit Bildung 
von Pseudomembranen, die schwereren Formen ähneln sehr einer acuten 
Blennorrhoe. Die Cornea wird selten afficirt. Der Verlauf ist gutartig, einige 


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Conjunctivitis. 


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Touchirungen mit 2%iger Lapislösung genügen, um Heilung herbeizuführen. 
Die Krankheit ist in Aegypten pandemisch verbreitet und befällt alljährlich 
einen grossen Theil der Bevölkerung. 

Der Bacillus wurde ausser in Aegypten auch gefunden in Philadelphia, 
Paris, Sienna, London, Brüssel, Hamburg, Wien, Czernowitz, Greifswald. 

Die Pneumokokkenconjunctivitis unterscheidet sich klinisch von 
anderen Katarrhen nicht. Die Heftigkeit ist eine sehr verschiedene; in den 
schwereren Fällen entsteht das Bild der acuten Blennorrhoe. Sind gleich¬ 
zeitig Follikel vorhanden, kann man leicht zur Diagnose eines Trachoms 
verleitet werden. Secretion ist je nach dem Grade der Erkrankung sehr ver¬ 
schieden. Die Cornea wird selten afficirt. An mehreren Orten sind durch den 
Pneumococcus Schulepidemien hervorgerufen worden. Therapie: Zinc. sulfur.; 
Touchirung mit 2%iger Lapislösung. 

Diplobacillenconjuncti vitis. Die durch den Diplobacillus von Morax 
hervorgerufene Entzündung setzt in der Regel langsam unter dem Bilde der 
Blepharoconjunctivitis angularis ein, die Augenwinkel werden dabei leicht 
wund. Es wurden aber bei dieser Form manchmal auch keine Bacillen ge¬ 
funden, andererseits fanden sie sich bei Formen mit dem Bilde des acuten 
Schwellungskatarrhs. Hornhautaffection ist selten. Die Krankheit kommt 
in den verschiedensten Ländern vor und kann endemisch auftreten. Therapie: 
Zinc. sulfur. 

Wir sehen also, dass die Kiankheit, die wir als Ophthalmia catarrhalis 
bezeichnen, durch den Bacillus Koch-Werks oder durch den Bacillus Morax 
oder durch den Pneumococcus hervorgerufen werden kann, ohne dass man 
aus dem klinischen Bilde einen Schluss auf den Erreger ziehen kann. Auch 
die Therapie wird nicht dadurch beeinflusst. Nur Darier macht die Be¬ 
merkung, es scheine, dass die Koch-Weeks Bacillus Conjunctivitis vom Prot- 
argol mehr beeinflusst werde als die Diplobacillen-Conjunctivitis. 

Die Streptokokken erregen zwei Formen von Bindehautentzündung. 
Die eine seltene Form kömmt hauptsächlich bei Leuten mit Erkrankungen 
der thränenableitenden Wege vor. Als nicht seltene Complication wird Iritis 
angegeben. 

Die zweite Form sind schwere croupöse und diphtheritische Erkran¬ 
kungen, die häufig zu Complicationen mit Cornealaffectionen führen. Es wurde 
ihrer bereits früher gedacht. 

Heber Staphylokokkenconjunctivitis wissen wir noch nicht viel. 
Die Bakteriologen sprechen sich über sie noch sehr vorsichtig aus. Morax 
meint, dass die Staphylokokken an und für sich keine Conjunctivitis her- 
vorrufen, wohl aber könne ihre Gegenwart im Verein mit anderen Bakterien 
eine Bedeutung erlangen. Als secundäre Verunreinigung soll der Staphylo- 
coccus in seinen verschiedenen Spielarten eine grosse Rolle spielen. Auch 
steht er in Beziehung zu den ekzematösen Formen und wird von manchen 
als Erreger derselben angesehen. Der neben ekzematöser Conjunctivitis auf¬ 
tretende »Schwellungskatarrh« hat bisher bakteriell negative Resultate 
ergeben. 

Das Bacterium coli wurde wiederholt als Entzündungserreger ge¬ 
funden, besonders bei Neugeborenen. 

Literatur. Diese ist so umfänglich, dass auf eine Aufzählung verzichtet werden muss. 
Ausser dem im Texte angeführten zwei Arbeiten von Bach-Neumann (mit Literatur) und 
L. Mülleb mögen hier noch genannt werden: Vossius, Die croupöse Conjunctivitis und ihre 
Beziehungen zur Diphtherie. Sammlung zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Augen¬ 
heilkunde. 1896, I, 1. Heft. — Uhthoff, Ueber die neueren Fortschritte der Bakteriologie 
auf dem Gebiete der Conjunctivitis und Keratitis des Menschen. Ebenda. 1898, II, 5. Heft. — 
Bach, Die ekzematösen (skrophulösen) Augenerkrankungen. Ebenda. 1899, III, 1. Heft. — 
Schanz, Ueber die diphtheritischen Bindehautentzündungen. Zeitschr. f. Augenhk. 1900, III, 
3. Heft. — Hauenschild, Zur Bakteriologie der Conjunctivitis mit besonderer Berücksichtigung 
der Schulepidemien. Ebenda. III, 3. Heft. — Junius, Ueber das Vorkommen der acuten 


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Conjunctivitis. — Cyanverbindungen. 


Pneumokokkenconjunctivitis. Ebenda. 1899, I, 1. Heft. — Nkumann, Sammelreferat über 
Mikroorganismen (1899). Ebenda. 1899, II, 3. Heft. — Coppez, Etüde aur la diphterie ocu- 
laire. Arch. d'Ophtkal. 1899, XIX, Nr. 10. Beuss. 

Crurlfl. Unter diesem Namen wird das Chinolin-Wismuth-Rho- 
danat von der Zusammensetzung (C« H 7 N . HSCN) 2 Bi (SCN) Ä in den Handel 
gebracht, welches schon früher von A. Rose und von L. Forchheimer in der 
Wundbehandlung versucht und neuerdings von Karl Steiner in grösserem 
Massstabe gegen Unterschenkelgeschwüre angewendet wurde. Edinger stellte 
das in Frage stehende Rhodanat synthetisch dar, von der Ansicht aus¬ 
gehend, dass an einer etwaigen, rein chemisch wirkenden baktericiden Eigen¬ 
schaft des Speichels in erster Linie das in demselben vorkommende Rho¬ 
danat betheiligt sei, und die von Steiner mitgetheilten Krankengeschichten 
lassen die Annahme von einer besonders günstigen Einwirkung des Crurins 
auf Unterschenkelgeschwüre immerhin zu. Die leichteren Fälle heilten in 
durchschnittlich 10—14 Tagen, die hartnäckigsten in durchschnittlich sechs 
Wochen. 

Das Crurin (Chinolin-Wismuth-Rliodanat) ist ein grobkörniges Pulver 
von rothgelber Farbe mit etwas scharfem Geruch, unlöslich in Alkohol, 
Wasser und Aether, welches bei 76° C. schmilzt. Mit viel kaltem Wasser, 
beim Kochen mit verdünnten Mineralsäuren und längerem Erhitzen mit 
Alkalien, tritt, wie bei den meisten Wismuthverbindungen, eine Zersetzung 
ein. Sonst ist diese Verbindung sehr beständig und kann lange Zeit auf¬ 
bewahrt werden. Das Pulver wird täglich zweimal auf die Wunde aufge¬ 
streut; bei starker Secretion bildet es einen gelblichen Brei, bei geringerer 
einen bräunlichen, festhaftenden Schorf, unter dem die Ulcera rasch heilen. 
Bei callösen Rändern ist es zur Erweichung derselben zweckmässig, vor 
Anwendung des Pulvers Umschläge mit Liqu. Alum. acet. zu machen. Das 
Pulver erzeugt nach dem Aufstreuen einen kurzdauernden Schmerz. Es wird 
daher bei Geschwüren mit flächenhafter Ausbreitung oder die in die Tiefe 
gehen mit Amylum, zu gleichen Theilen gemischt, angewendet. 

Literatur: Karl Steiner. Ueber Behandlung der Untersehenkelgeschwüre mit Crurin. — 
Edinger, Chinolin-Wismuth-Rhodanat. (Aus Dr. Max Josepu’s Poliklinik für Hautkrankheiten 
in Berlin.) Therap. Monatsh. 1900, pag. 22. Loebisch. 

Cyan Verbindungen« Das von Kobert als Antidot der Venena 
cyanica empfohlene Wasserstoffsuperoxyd bildet den wesentlichen Be¬ 
standteil eines von Merck x ) neuerdings in den Handel gebrachten Ent¬ 
giftungsapparates zum Gebrauche bei Vergiftungen mit Blausäure und 
Cyankalium. Der Apparat, der für alle Vergolderwerkstätten, chemische 
Laboratorien, photographische Ateliers, sowie für Berg- und Hüttenwerke, 
welche sich mit Blausäure und Cyankalium zu befassen haben, von Wichtig¬ 
keit ist und, obschon zunächst für Aerzte bestimmt, doch im Notfälle auch 
von Nichtärzten benutzt werden kann, enthält zwei gläserne Kölbchen, von 
denen das eine (mit Ä bezeichnet) 3%iges, das zweite (B) 30%ig es Wasser¬ 
stoffoxyd enthält, ausserdem eine Glasspritze, eine Schlundsonde mit Trichter, 
ein Spitzgläschen, eine kleine Feile und eine kleine Zange. Man füllt mit 
dem Inhalte des Kolbens A, dessen Spitze an einer unterhalb derselben 
durch einen Strich mit der Feile markirten Stelle mittels der kleinen Feile 
abgebrochen wird, das Spitzgläschen und saugt die hineingetauchte Glas¬ 
spritze durch langsames Zurückziehen des Glasstempels bis zur obersten 
Marke voll und spritzt den Inhalt unter die Haut. Dies wird alle 3 bis 
5 Minuten an möglichst verschiedenen Körperstellen bis zum Eintritt nor¬ 
maler Athmung wiederholt. Gleichzeitig werden rhythmische Compressionen 
der Herzgegend mit der flachen Hand zum Ersätze der natürlichen 
Athmung vorgenommen. Ist die Vergiftung durch Verschlucken des Giftes 
erfolgt, so füllt man den Behälter des die Utensilien bergenden Blechkastens 


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Cyanverbindungen. 


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zur Hälfte mit Brunnenwasser und entleert in diesen den Inhalt des Fläsch¬ 
chens B, fuhrt dann die feuchtgemachte oder eingefettete lange Gummiröhre 
durch den Mund in den Magen, setzt dann den Trichter auf und entleert 
durch diesen zunächst den vierten Theil der Flüssigkeit. Tritt nicht spontan 
Erbrechen ein, senkt man das obere Ende der nochmals mit Wasser zum 
Zweck des Nachspülens gefüllten Schlundsonde soweit, dass es tiefer als 
das andere Ende zu liegen kommt, wodurch der Magen entleert wird. Diese 
Procedur wiederholt man, bis alles Antidot verbraucht und der Kranke fast 
wieder normal geworden ist. 

Man hat neuerdings wieder auf die Gefahren der Versilberung mit 
Cyansilberkaliumcyanid hingewiesen, die für Privatpersonen schon seit 
1872 verboten, im grossen jetzt in galvanoplastischen Anstalten vorge¬ 
nommen wird. Gefährlich ist in diesen für die Arbeiter nur die sogenannte 
Handversilberung, d. h. das Bürsten der in die Versilberungslösung getauchten 
Kupferplatten mit Schlemmkreide, wodurch in einer Berliner Kunstdruckerei 
mehrjährige Erkrankung und der Tod eines mit dieser beschäftigten Arbeiters 
bewirkt sein soll; doch sind die Krankheitserscheinungen nicht eben typisch 
und namentlich können die vorwaltenden Symptome seitens des Magens 
(Magenkrämpfe u. s. w.) recht wohl mit einer im Magen constatirten Fett¬ 
geschwulst in Zusammenhang gebracht werden. Immerhin ist die Forderung 
berechtigt, dass der die Handversilberung besorgende Arbeiter diese nur mit 
Handschuhen innerhalb eines Glaskastens ausführe, aus welchem ein Ex¬ 
haustor die aufgewirbelten Cyanverbindungen sofort entführt, da schon früher 
acute Blausäure Vergiftungen beim Versilbern vorgekommen sind. Dass übrigens 
die Cyanverbindungen bei ihrer technischen Anwendung factisch relativ 
wenig gesundheitsschädlich für die Arbeiter sind, dafür spricht das Fehlen 
von Angaben über derartige Vergiftungen aus neuerer Zeit, wo die galva¬ 
nische Versilberung namentlich im Kunstdruck eine grosse Rolle spielt. 3 ) 
Auch aus Transvaal, Australien und Amerika, wo jetzt die Goldextraction 
mit Cyankalium in grösstem Massstabe betrieben wird, so dass das ver¬ 
brauchte Quantum 5 Millionen Kilogramm beträgt, ist über gewerbliche 
Cyanvergiftungen bisher nichts bekannt geworden. 4 ) 

Dass in forensischen Fällen von Cyankaliumvergiftung bei 
früher Inangriffnahme der Analyse der Blausäurenachweis stets geliefert 
werden kann, erhellt daraus, dass Bischoff in acht Berliner Fällen diesen 
stets in Materialien führen konnte, welche am Tage der Section oder einen 
Tag darauf zur Analyse kamen. Die isolirte Untersuchung von Magen und 
Inhalt ergab dabei stets quantitativ bestimmbare Blausäuremengen (5 bis 
138 Mgrm.). Die relative Menge kann im Magen und in den unteren Darm¬ 
partien sehr wechseln; einmal war sie im Darm doppelt, zweimal halb so 
gross wie im Magen; in einem Falle war im Darm keine Blausäure nach¬ 
weisbar. Der Harn gab stets negatives Resultat; die grossen Unterleibs¬ 
organe stets positives, in der Leber war der procentuale Gehalt 1,08 und 
3,4. Ferner fand sich Blausäure im Herzen (1,0—11,9%), im Blut und im 
Gehirn (0,97—4%), mitunter auch in den Gesässmuskeln. Weniger Erfolg 
scheint die Untersuchung der zweiten Wege bei der Blausäurevergiftung zu 
versprechen. In einem Falle von Intoxication mit blausäurehaltigem Bitter¬ 
mandelöl, in welchem der Tod nach wenigen Minuten eingetreten war, gab 
nur die Blutuntersuchung qualitativen Nachweis, auch Benzaldehyd war in 
den grossen Unterleibsorganen nicht oder nur spurweise anzutreffen. 5 ) 

Die Giftigkeit des Rhodankaliums (Sulfocyankaliums) erhellt aus 
einem Berliner Vergiftungsfalle, in welchem der Tod eines 58jährigen tabeti- 
schen Zauberkünstlers 10 Stunden nach dem Einnehmen von Rhodankalium, 
das er zu seinen Künsten behufs Verwandlung von Wasser in Wein be¬ 
nutzte, erfolgte. Dass das Gift in den verschiedensten Leichentheilen quanti- 


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Cyanverbindungen. — Cyclopentadien. 


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tativ nachgewiesen werden konnte, ist bei der Empfindlichkeit der Eisen- 
reaction nicht auffallend. Von Interesse ist dagegen der anatomische Befund, 
indem nicht unbedeutende corrosive Erscheinungen an der Schleimhaut im 
oberen Theile der Verdauungswege als Folge des Giftes angesehen werden 
müssen. In dem fraglichen Falle fand sich schwache weissliche Verätzung 
der vorderen Zungenhälfte, ebenso im unteren Theile des Oesophagus, aus¬ 
geprägte Corrosion im Fundus und im Pylorustheile des Magens nebst den 
angrenzenden Theilen der kleinen Curvatur, mit Extravasaten und Oedem 
in der Submucosa, jedoch nirgends über die Muscularis hinausgehend. 

Literatur: *) Entgiftungsapparate zum Gebrauche bei Vergiftungen durch Blausäure 
und Cyankalium. Merck’s Bericht für 1899, pag. 12. — 2 ) H. Merzbach, Ueber einen Fall 
von gewerblicher chronischer Blausäurevergiftung. Hygien. Rundschau. 1898, Nr. 1, pag. 71. — 
3 ) Frank, Ebenda, pag. 81. — 4 ) Lesser, Ueber die Vertheilung einiger Gifte im mensch¬ 
lichen Organismus : Zur Lehre von der Vergiftung mit Cyankalium und Blausäure. Viertel¬ 
jahrschrift f. gerichtl. Med. 1898, XV, pag. 290. — 5 ) Lesser, Eine Vergiftung mit Rhodan. 
Ebenda. 1898, XVI, pag. 97. Husemann . 

Cyclopentadien. Dieser aus dem Rohbenzol des Steinkohlen- 
theers von Kraemer und Spilker isolirte Kohlenwasserstoff, CjH^ der eine 
sehr penetrant betäubend riechende Flüssigkeit von 41° C. Siedepunkt dar¬ 
stellt, tödtet zu 3,0—3,5 Ccm. pro Kilogramm subcutan Thiere in einigen 
Stunden; der Tod erfolgt nach heftigen Krämpfen. Auch in der durch In¬ 
halation bewirkten Narkose treten Krämpfe auf. Im Unterhautbindegewebe 
erregt es heftige, sich weit ausbreitende Entzündung. 

Literatur: Elfstrand, Bemerkungen über die Wirkung einiger aliphatischer Kohlen¬ 
wasserstoffe. Arch. f. experim. Path. 1900, XLIll, pag. 134. Husemann. 


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Darm (neuere Untersuchungsmethoden). Es bedarf kaum einer be¬ 
sonderen Hervorhebung, dass, wenn wir auf dem Gebiete der Darmkrank¬ 
heiten ebenso erfreuliche Fortschritte erzielen wollen, wie es in Bezug auf 
die Kenntniss und Behandlung der Magenkrankheiten in den letzten zehn 
Jahren möglich war, wir vor allem eine bessere Einsicht in den Ablauf der 
normalen und pathologischen Functionen gewinnen müssen. Noth thut uns 
hier eine Verbesserung unserer diagnostischen Hilfsmittel, und diese auf 
mannigfachen Wegen für den ganzen Darm oder einzelne Theile zu schaffen, 
ist jetzt das hervorstechende, anerkennenswerthe Streben einer Anzahl 
Forscher. Man steht hier einer ganz ausserordentlich schweren Aufgabe 
gegenüber. Die bis jetzt durch mühevolle Arbeit erzielten Resultate sind 
keine sehr entscheidenden, aber was geleistet ist, verdient doch die grösste 
Anerkennung und weitgehende Beachtung. Eine Förderung der Diagnostik 
der Darmkrankheiten ist bereits unzweifelhaft vorhanden. 

Kuhn 1 ) greift die wichtige Frage der Dickdarmsondirung und Darm- 
rohranwendung an. Mit seinem federnden Darmrohr gelingt es ihm, bis zur 
Flex. lienalis und darüber hinaus vorzudringen; nicht immer, aber, wie er 
meint, doch gemeinhin. Durch das Aufblähen des Darmes würden die Schlingen 
und speciell die Flex. sigm. aus ihrer Lage gebracht, sie erfahren künstliche 
Torsionen und Abknickungen. Man belasse also die Flexur bei der Sondi- 
rung so wie sie ist, oder falls man sie vorziehen muss, so geschehe dies nur 
in der Richtung nach unten rechts vorn, so also, dass sie in der Haupt¬ 
sache in die rechte Fossa iliaca zu liegen kommt, wodurch der Winkel 
im ScHiEFFERDEUKKR schen Punkt, d. h. an der Uebergangsstelle der Flexur 
ins Colon desc. ein möglichst stumpfer wird. 

Sahli 2 ) empfiehlt zur diagnostischen und auch therapeutischen Ver¬ 
wendung Glutoidkapseln. Dieselben, von verschiedenem Härtungsgrade er¬ 
hältlich, verhindern unzweifelhaft die Herstellung einer Beziehung zwischen 
Medicament und Magensaft, wo sie nicht gewünscht ist. Wo wir den Magen 
schonen oder nur eine Darmwirkung haben wollen, z. B. bei Eisen, Silber¬ 
salzen, können sie die besten Dienste leisten. Bei dem constanten Härtungs¬ 
grad der Kapseln lassen sie sich für diagnostische Zwecke verwerthen. Man 
giebt zugleich mit einem Probefrühstück 0,15 Jodoform in einer oder besser 
in drei Kapseln; das Auftreten der Jodreaction im Speichel gestattet 
einen gewissen Rückschluss auf die Energie der Pankreasfunction, falls 
die Motilität des Magens normal ist. Die Reaction tritt in der Norm J / 4 bis 
1 Stunde nach dem Frühstück auf, erhebliche Verspätungen dürften eine 
pathognostische Bedeutung haben. 


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Darm. 


Von weittragendster Bedeutung für die Diagnose der Darmerkrankungen 
erscheinen mir eine Reihe experimenteller und klinischer Unter¬ 
suchungen über Functionsprüfung des Darmes, die von A. Schmidt 3 ) 
und von Strasburgkr 4 ) angestellt worden sind. Die Voraussetzung für die 
Verwendbarkeit der Fäcalgäbrung zu diagnostischen Zwecken war nicht von 
vornherein gegeben, sondern es bedurfte erst einer grossen Zahl mühseliger 
Untersuchungen, um die Berechtigung einer solchen Verwerthung darzuthun. 

Wenn man frische Fäces mit Wasser bis zu massig dünnflüssiger Con- 
sistenz verrührt und im Brütschrank bei Körpertemperatur stehen lässt, so 
stellt sich in der Mehrzahl der Fälle Gasbildung ein. Schmidt unterscheidet 
aus praktischen Gründen eine frühe und späte Nachgährung. Die erstere 
beginnt schon nach einigen Stunden, hat in der Regel nach Ablauf des ersten 
Tages den Höhepunkt und nach 48 Stunden ihr Ende erreicht. 

Die chemischen Veränderungen der Fäces weisen darauf hin. dass bei 
der Frühgährung vornehmlich leicht assimilirbare Kohlehydrate, bei der 
Spätgährung vorwiegend andere Producte, namentlich Eiweiss, doch auch 
Cellulose zersetzt werden. Da der zweite Process häufig schon vor Beendi¬ 
gung des ersten einsetzt, so ist es verständlich, dass sich auch schon bei 
den Gasen der Frühgährung Zersetzungsproducte des Eiweisses vorfinden. 

In jedem Stuhle finden sich Ueberreste aus dem Nahrungseiweiss, so 
dass eine Spätgährung in mässigen Grenzen zu den normalen Vorgängen zu 
zählen ist und, soweit sie innerhalb dieser Grenzen bleibt, klinisch kein 
weiteres Interesse erweckt. 

Anders verhält es sich mit der Frühgährung, welche, wie Schmidt 
weiterhin festgestellt hat, blos bei zwei Dritteln gesunder Menschen nach 
gemischter Kost eintritt. 

Ob eine Frühgährung erfolgt oder ausbleibt, hängt, abgesehen von 
vereinzelten Ausnahmen, von der Anwesenheit von unverdauten Kohle¬ 
hydraten in den Fäces ab. Von den letzteren kommt gröbere Cellulose nicht 
in Betracht, da dieselbe erst nach Wochen vergährt. Zucker wurde in ge¬ 
sunden Fäces niemals gefunden, in kranken sehr selten. Das Gleiche gilt 
für die übrigen löslichen Kohlehydrate. Als Vorbedingung für das Zustande¬ 
kommen der Frühgährung muss demnach im grossen und ganzen die An¬ 
wesenheit von Stärke gelten. Wenn nun bei gleicher Nahrung die Fäces 
der einen Versuchsperson rasch vergähren, die der anderen keine Gasbildung 
zeigen, so ist daraus zu entnehmen, dass der Darm der ersteren Person im 
Verhältniss weniger Stärke verdaut hat als der Darm der letzteren, somit 
in diesem Punkte weniger functionstüchtig war. 

Eine gewisse Menge von Kohlehydraten kann von Gesunden offenbar 
so vollkommen assimilirt werden, dass in den Fäces keine Frühgährung 
eintritt. Andererseits zeigt der Umstand, dass bei den übrigen zwei Dritteln 
Nachgährung eintrat, dass auch bei Gesunden eine Grenze vorhanden ist, 
von der ab die zugeführte Stärke nur so weit verdaut wird, dass gewisse, 
den Gährungserregern leicht zugängliche Reste wieder ausgeschieden werden. 
Es bestehen hier individuelle Schwankungen. 

Bei Erkrankungen der Verdauungsapparate tritt früher und in höherem 
Masse Frühgährung ein als beim Gesunden. Ein Theil dieser pathologischen 
Frühgährungen zeigt insofern Besonderheiten, als dabei neben oder statt der 
Kohlehydrate in hervorragendem Masse Eiweiss zerfällt. 

Wollte man nun auf das Verhalten der Frühgährung diagnostische 
Schlüsse aufbauen, so war es erforderlich, die Grenzen zwischen normaler 
und pathologischer Frühgährung kennen zu lernen. Giebt es eine solcheGrenze, 
und wo liegt dieselbe? Es wurde systematisch das Verhalten der Kohle¬ 
hydrate von verschiedener Aufschliessbarkeit in Bezug auf die Energie der 
Nachgährung geprüft, also 1. leicht lösliche Kohlehydrate (Zucker), die nur 


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Darm. 


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den motorischen und resorptiven Apparat des Darms in Anspruch nehmen, 
2. Starke, bei der noch eine diastatische Wirkung in Action treten muss, 
und 3. Stärke, die in dünne Zellwände eingeschlossen ist, bei der cellulose¬ 
lösende Bakterien in Thätigkeit treten müssen und die Ansprüche an alle 
anderen Darmfunctionen gesteigert sind. Die Zulage von eiweisshaltigen 
Nahrungsmitteln hatte gar keinen Einfluss auf die Gährung oder sie nahm 
sogar etwas ab. Das Gleiche galt bemerkenswerther Weise auch vom Fett. 
Wollte man nun auf Grund dieser Erfahrungen gewisse Diätformen auf¬ 
stellen, so musste man berücksichtigen, dass für diagnostische Zwecke die¬ 
selben so beschaffen sein mussten, dass auch Magendarmkranke sie geniessen 
können, und dass dabei die stoffliche Bilanz gewahrt wird. Hiernach kommen 
zur Verwendung drei Formen, von denen die erste vornehmlich aus Milch, 
Eiern, Haferschleim und Zucker besteht und einen calorischen Werth von 
1774 Cal. hat. In der zweiten findet sich noch gehacktes Fleisch und Kar¬ 
toffelbrei und in der dritten noch Cotelette in erheblicheren Mengen statt 
des gehackten Fleisches und vor allem Milchbrote. Der calorische Werth 
steigt hier auf 2136 Cal. Der zu untersuchende Patient erhält zunächst 
Form 1 zugleich mit 0,3 Carmin; wenn die Fäces nicht mehr roth gefärbt 
sind, d. h. nach etwa 3—4 Tagen, wird eine Probe zur Gährung angesetzt. 
Dann folgt Diät 2 und, wenn nöthig, Diät 3. Durch Obstipationen werden 
Verzögerungen herbeigeführt, auch wird Form 3 nicht immer vertragen; 
Form 1 ist in vielen Fällen überflüssig. Die Dauer eines systematischen 
Versuches würde sich immerhin über 8—14 Tage erstrecken. Die Unter¬ 
suchung selbst im Einzelfalle gestaltet sich so: der Stuhl wird möglichst 
frisch mit Wasser gleichmässig verrührt bis zu ziemlich dünnflüssiger Con- 
sistenz und in den unteren Theil eines für diesen Zweck construirten 
Gährungsröhrchens eingefüllt, das mit einem durchbohrten Gummipfropfen 
luftdicht abgeschlossen wird. Durch die Durchbohrung führt ein Glasröhr¬ 
chen, welches an seinem Ende einen kleineren Gummipfropfen trägt, auf 
dem ein mit Wasser gefülltes Rohr an einem Ende geschlossen aufgesetzt 
ist. Steigen jetzt Gasblasen auf, so wird das Wasser in ein daneben befind¬ 
liches Steigrohr gedrängt. Der ganze Apparat kommt in den Brutschrank 
für 24 Stunden; die Gährungsprobe ist dann positiv, wenn etwa 1 / 4 — 1 / z 
des im Rohre befindlichen Wassers verdrängt ist. Die Untersuchungen bei 
Gesunden und Kranken ergaben, dass das Auftreten von Frühgährung bei 
Diätform 1 unbedingt pathologisch, bei Diätform 2 eher pathologisch als 
normal, bei Diätform 3 normal ist. Bei der Mehrzahl der normalen Stühle 
tritt bei Diätform 3 noch keine Gährung auf, beweisend für einen krank¬ 
haften Vorgang ist blos der positive Ausfall der Probe. Ist so die Störung 
in der Kohlehydratverdauung erwiesen, so ist die Annahme berechtigt, dass 
vielleicht in noch höherem Masse die Eiweiss- und Feltresorption gelitten 
hat. Sitz der Erkrankung ist bei positivem Ausfall der Probe der*Dünndarm 
und der obere Dickdarmabschnitt. 

Nachdem nun Schmidt in der Gährungsprobe einen brauchbaren Mass¬ 
stab für die Leistungen des Darmes hinsichtlich der Verarbeitung gährungs- 
fähiger Substanzen der Nahrung gefunden hatte, suchte er 6 ) nach einem 
ähnlichen Gradmesser für die Leistungsfähigkeit des Darmes gegen¬ 
über den Eiweisssubstanzen. Er ging hier von der Annahme aus, dass 
bei einer bestimmten Normalkost mit einem nach Menge und Form auch 
für Magendarmkranke leicht zu bewältigenden Eiweissantheile der Umfang 
und die Leichtigkeit, mit welcher bei künstlicher Nachverdauung der Fäces 
Eiweissreste aus der Nahrung in Lösung gehen, einen Massstab abgeben 
müssen für die jeweilige Leistungsfähigkeit des Darmes hinsichtlich der Ei¬ 
weissverdauung. Die Schwierigkeiten, die hier zu überwinden waren, sind 
enorme. Sie werden überwunden, wenn man das gesammte in den Fäces 


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Darm. 


noch vorhandene Eiweiss berücksichtigt, als Rückstand einer Probekost, die 
leicht verdaulich und stets gleichmässig zubereitet ist. Alle nicht aus der 
Nahrung stammenden eiweisshaltigen Bestandtheile der Fäces, also Bakterien. 
Schleim und ähnliches, ferner die bei der Nahrung störenden Bestandtheile: 
Fette, Salze u. s. w., sind vorher zu beseitigen. Die Normalnahrung besteht 
aus 2 Liter Milch, 4 Eiern, 60 Grm. gehacktem Fleisch, 7 Grm. Butter. 
20 Grm. Zucker, 190 Grm. Kartoffelbrei, 100 Grm. Zwieback, Schleim aus 
40 Grm. Hafer, Weizenmehl 25 Grm. Der Koth dieser Probekost wird zur 
Reinigung den verschiedensten Verfahren unterworfen, der gereinigte Rück¬ 
stand zur Verdauung angesetzt unter Zusatz von Salzsäure und Pepsin. Je 
geringer der Bodensatz bei der Verdauung im Reagenzröhrchen wurde, um 
so erheblicher wurde die Störung der Darmthätigkeit mit Recht ange¬ 
nommen; die Art der Störung, ob functionell oder organisch, wird durch 
dieses Verfahren nicht klar. 

Eine specielle Beachtung widmet A. Schmidt der Frage der klinischen Be¬ 
deutung der Ausscheidung von Fleischresten mit dem Stuhlgang. Es 
haben sich hier eine Reihe bemerkenswerther Thatsachen ergeben, unter denen 
voranzustellen ist die, dass Bindegewebe, sofern es nicht ganz gar gekocht 
ist, nur vom Magensaft, Kernsubstanz nur vom Pankreassaft verdaut 
wird; bis zu einem gewissen Grade ist an der Lösung der Kerne eventuell 
auch die Darrnfäulniss betheiligt. Das Erscheinen von makroskopisch erkenn¬ 
baren Bindegewebsresten im Stuhl (in grossen Fetzen bei freier Kost, in 
kleinen Flocken bei Aufnahme von circa 100 Grm. Hackfleisch) weist auf 
eine Störung der Magenverdauung hin, wobei es unentschieden bleibt, weicher 
Art diese Störung ist. Sind gleichzeitig makroskopisch erkennbare Muskel¬ 
reste vorhanden, so ist auch die Darmverdauung gestört; werden bei Auf¬ 
nahme von 100 Grm. Hackfleisch pro die sichtbare Muskelreste ohne Binde- 
gewebsflocken entleert, so handelt es sich um eine schwere Störung der 
Darmverdauung, wobei es unentschieden bleibt, ob dieselbe auf einer Schädi¬ 
gung der Secretion oder Resorption beruht. 

Schliesslich lenke ich noch die Aufmerksamkeit auf einen zusammen¬ 
fassenden Aufsatz A. Schmidt s 6 ) über Darmgährung, Meteorismus und 
Blähungen, aus dem wir nur einiges Markante kurz hervorheben. Die 
Grösse der Darmgährung hängt ab von der Art der aufgenommenen Nahrung, 
von den Mikroben und von der Aufenthaltsdauer der Ingesta im Darm. Die 
Menge des zugeführten oder im Darm selbst gebildeten Gases ist für das 
Zustandekommen der Flatulenz nicht massgebend, ein gut functionirender 
Darm wird auch mit grossen Gasmengen durch Resorption und Herausbe¬ 
förderung fertig. Auch die Einführung fremder Gährungserreger hat nur einen 
beschränkten Einfluss auf die Steigerung der Darmgährung, wenn nicht 
gleichzeitig Erkrankungszustände des Darmes bestehen. Mangelhafte Func¬ 
tion der Darmmusculatur oder Stagnation aus anderen Gründen 
ist wie beim Magen die wichtigste Ursache abnormer Darmgäh¬ 
rung. Die Gasresorption leidet parallel der Resorption der Nährstoffe fast 
bei allen functionellen und organischen Darmleiden mehr oder minder. Bei 
der Herausbeförderung der Gase aus dem Darm spielt die Muskelkraft des 
Darmes, die Bauchpresse, das Vorhandensein von Stenosen, dann aber auch 
das Verhalten der Fäces selbst eine Rolle, namentlich scheinen fettreiche 
Fäces die Beförderung zu hemmen. Klinisch unterscheiden wir zwei Gruppen 
vermehrter Gasbildung im Darm: die erste ist entweder durch Behinderung 
der Passage oder durch Schwäche des Muskels bedingt; in einer zweiten 
Gruppe haben wir gesteigerte Peristaltik neben vermehrter Gasbildung 
(Kollern, Koliken, vermehrte Flatus); hier sind die Ursachen in functionellen 
oder organischen Störungen der chemischen Darmthätigkeit zu suchen. 
Eine Einwirkung der Medicamente, die als gährungswidrige empfohlen sind. 


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Darm. — Dijodacetylen. 


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auf die Darmgährung konnte, wenn sie nicht zugleich die Peristaltik an¬ 
regten, von A. Schmidt nicht erwiesen werden. 

Die von Schmidt bekanntgegebene, oben besprochene G äh rungsprobe 
der Fäces ist von S. Basch 7 ) nachgeprüft worden. Er betont, dass 
das Verfahren nur in einer Klinik und in der Privatpraxis nur bei intelli¬ 
genten Patienten ausführbar ist. Die Methode beansprucht viel Zeit, wird 
in ihrer Verwerthung durch die erzeugte Obstipation erschwert und giebt 
keine constanten Resultate, auch nicht einmal bei demselben Patienten. 
Beweisend ist auch nur der positive Ausfall der Probe und auch dann be¬ 
kommen wir über die Art der Störung keinerlei Aufklärung. Eine entschei¬ 
dende Bedeutung kann demgemäss die Probe nur selten haben. Nicht un¬ 
erwähnt soll bleiben, dass N. Zuntz 8 ), da er die bisher üblichen Verfahren 
von Darmgasanalysen für unvollkommen hält, eine neue Methode zur 
Aufsammlung und Analyse von Darm- und Gährungsgasen ange¬ 
geben hat. Dieses Verfahren ist gewiss einwandsfrei, erheischt aber die Hilfs¬ 
mittel eines Laboratoriums. 

Literatur: *) Kühn, Berliner klin. Wochenschr. 1898, Nr. 2. — *) Sahli, Deutsche« 
Arch. f. klin. Med. LXI. — *) A. Schmidt, Verhandlungen des 16. Congr. f. innere Med. Ber¬ 
liner klin. Wochenschr. 1898, Nr. 41 ; Deutsches Arch. I. klin. Med. LXI. — 4 ) Strasburges, 
Deutsches Arch. f. klin. Med. LXI. — *) A. Schmidt, Ebenda. LXV nnd Deutsche med. 
Wochenschr. 1899, Nr. 49. — •) A. Schmidt , Therap. Monatsh. Jannar 1899. — ') Basch, 
Zeitschr. f. klin. Med. XXXVII. — *) Zuntz, Verhandlungen der physiologischen Gesellschaft 
za Berlin. Mai 1899. Rosenheim. 


Decidtaoma malignum (uteri), s. Chorioepithelioma, pag. 77, 80. 
Dermatol» s. Augenheilmittel, pag. 46. 

DUodacetylen. Als eine sehr giftige Verbindung ist das Dijod¬ 
acetylen oder Dijodacetyliden, C. J„ erkannt worden, das zuerst 1865 
von Berend aus Acetylensilber und Jod in ätherischer Lösung dargestellt, 
später von Maguenne durch Einwirkung in Benzol gelösten Jods auf Barium- 
carbid und neuerdings von Biltz und Werner durch Einwirkung von Jodjod¬ 
kalium auf Calciumcarbid erhalten wurde. Das in Wasser unlösliche, durch 
höchst intensiven Geruch ausgezeichnete Präparat ist in obiger Lösung bei 
subcutaner Injection für Kaninchen (0,2—0,3) in 2 Tagen tödtlich, somit auf 
die Jodmenge berechnet in einer Dosis, in welcher Jodoform in derselben 
Zeit keine toxischen Wirkungen äussert. Der Effect ist theilweise ein localer, 
theilweise ein entfernter. In den Magen in Substanz applicirt, wirkt es ört¬ 
lich irritirend. Nach Subcutaninjection kommt es zur Bildung von Ab- 
scessen, auch treten an entfernten Stellen Oedeme auf, bei deren Anschneiden 
sich intensiver Geruch geltend macht. Die Todesursache ist durch die Sympto¬ 
matologie und den Sectionsbefund nicht völlig aufgeklärt; das häufige Vor¬ 
kommen von Fettembolien in den Lungen, das bei Subcutaninjectionen ia 
Oel gelösten Jodoforms nicht eintritt, deutet auf eine besondere ungünstige 
Wirkung auf die Respirationsorgane. Ein Theil des Dijodacetylens passirt 
den Körper unverändert und ist im Harn nachweisbar, der mit Stärkelösung 
und einem Tropfen rauchender Salpetersäure versetzt, deutliche Jodreaction 
giebt. Beim Erwärmen mit Salpetersäure färbt er sich zuerst braun, dann 
schwarz, schliesslich nach starker Gasentwicklung wieder; braun. Ob beim 
Einschneiden der ödematösen Partien der Geruch vom Dijodacetylen oder von 
abgespaltenem Acetylen herrührt, war nicht zu entscheiden. Der ihm eigen- 
thümliche, höchst penetrante Geruch und die grosse Giftigkeit schliessen 
die Verwendung, des Dijodacetylens als Antisepticum aus, wozu es sich sonst 
sehr gut eignen würde, da es auf die Fleischfäulniss und die Gährung in 
weit intensiverer Weise hemmend wirkt wie die meisten anderen organischen 
Jodverbindungen, vielleicht mit Ausnahme des Jodcyans. Ueberhaupt ist es 
für niedrigere Organismen ein höchst energisches Gift 


Encyclop. Jahrbücher. IX. 


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Dijodacetylen. — Dionin. 


Nach Loew *) vernichtet es Bacillus subtilis und B. fluorescens liquefacicus schon in 
Losungen von 1 : 2000, hemmt in gleichen Lösungen die Entwicklung von Penicillium und 
Aspergillus, tödtet Hefepilze in Solutionen von 1:5000—10 000 und wirkt auf Diatomeen, 
Spirogyren und Oscillarien schon bei 1 : 100.000 in l /.,—24 Stunden tödtlich. Infusorien und 
Flagellaten gehen in Lösungen von 1:20.000 momentan zugrunde, Copepoden, Nematoden 
lind Rotatorien binnen 24 Stunden in Lösungen von 1 :300.000. In Bezug auf die Toxieitüt 
für niedere Pilze und Thiere steht es nur dem Osmiumtetroxyd nach, übertrifft aber Kalium¬ 
permanganat, Blausäure und Arsen. 

Literatur: *) Mebert, Ueber das Dijodacetylen. Arch. f. experim. Pathol. XLI, Heft 2 
und 3, pag. 114. — 2 ) Loew, lieber den Giftcharakter des Dijodacetyüdens. Zeitschrift für 
Hygiene. XXXVII, pag. 222. Husemann. 

Dionin« Patontname für das salzsaure Salz des Aethylmorphin. 
C, 9 H 23 N0 2 HCl + H 2 0. Seine Empfehlung für die therapeutische Anwen¬ 
dung verdankt es der Erfahrung, dass die Aethylverbindungen pharmako- 
dynamisch wirksamer sind als die entsprechenden Methylverbindungen. 
Da nun das Codein, welches bekanntlich Methylmorphin ist, eine aus¬ 
gedehnte therapeutische Anwendung findet, so war ein Versuch mit dem 
Aethylinorphin gewiss berechtigt. Das Dionin stellt ein weisses krystallini- 
sches Pulver von massig bitterem Geschmack dar, welches bei 123° C. an¬ 
fängt zu erweichen und bei 125° C. unter Zersetzung vollkommen geschmolzen 
ist; bei gewöhnlicher Temperatur lösen sich 14 Theile in 100 Theilen Wasser 
(1 : 7) und 73 Theile in 100 Theilen Alkohol. Die relativ leichte Löslich¬ 
keit des Dionins im Wasser im Vergleiche mit Morphin, Codeinchlorhydrat, 
Heroin, Peronin ist ein grosser Vortheil für die Anwendung desselben. Nur 
das Codeinphosphat löst sich etwas leichter als Dionin, jedoch reagiren seine 
Lösungen sauer und seine Injectionen sind sehr schmerzhaft. Es ist daher 
das Dionin das leicht löslichste aller für die subcutane Injection in Betracht 
kommenden Morphinsalze und Morphinersatzmittel. Es liegen nun schon zahl¬ 
reiche Mittheilungen über das Verhalten des Dionins bei allen Krankheiten, 
in denen bisher Morphin- und Codeinsalze zur Anwendung kamen, vor. Zur 
richtigen Beurtheilung dieser möge man stets im Auge behalten, dass das 
Dionin in seiner Wirkung als Aethylmorphin dem Methylmorphin, also dem 
Codein näher stehen wird als dem Morphin. In diesem Sinne spricht sich 
auch v. Merino aus: das Dionin wirkt bei Kalt- und Warmblütern im wesent¬ 
lichen wie Codein, doch etwas stärker und von längerer Dauer. Nach Winter¬ 
nitz wurden beim Menschen durch Dionin gleich dem Codein weder die 
Athemgrösse noch die Athemfrequenz und die Erregbarkeit des Athemcen- 
trums beeinflusst, auch der Verdauungstract nicht in Mitleidenschaft gezogen. 
In 2 Versuchsreihen wurde 1—2 Stunden nach Dionin, innerlich gereicht, aller¬ 
dings eine Steigerung des Athemvolumens um 1—l l / 2 Liter pro Minute be¬ 
obachtet; das gleiche Individuum reagirte übrigens auf Morphium und Heroin 
innerlich mit einer erheblichen Herabsetzung des Athemvolumens. 

Es wurde zunächst als Hustenmittel bei Phthisikern, ferner bei Bron¬ 
chitis und Lungenemphysem versucht (Körte, Schröder, H. Higier, Th. Ja- 
nisch, Kobert u. a.) und als ein Mittel befunden, welches den Reizhusten 
bekämpft, die Expectoration erleichtert, die schlafbringende Wirkung rasch 
entfaltet, die Nachtschweisse günstig beeinflusst und fast ohne Nebenwirkung 
auf Magen und Darm ist. Als schmerzstillendes Mittel wirkt es nicht 
so sicher wie Morphin, auch erzeugt es keine Euphorie, so dass es weit 
weniger zum Bedürfniss wird als dieses und ohne Bedenken ausgesetzt 
werden kann. Man kann es daher bei allen chronischen schmerzhaften Leiden 
versuchen, bei denen man die Angewöhnung an Morphin vermeiden will. Bloch 
und andere empfehlen es in diesem Sinne, insbesondere bei schmerzhaften 
Frauenkrankheiten, dysmenorrhoischen und parametrischen Schmerzen, bei 
den Schmerzen, welche gynäkologischen Eingriffen, wie Cervixdilatation, Lapis¬ 
instillationen, Excochleationen folgen. Die leichte Löslichkeit, somit leichte 


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Dionin. — Dormiol. 


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Resorbirbarkeit und baldige Ausscheidung des Dionins bedingen dessen 
rasche Wirkung und hindern dessen Aufspeicherung im Körper; sie führten 
zum Versuch, das Dionin bei Morphiumentziehungscuren anzuwenden (A. 
Fromme, J. Heinrich). Unter der Dionindarreichung sollen die Abstinenz¬ 
symptome abklingen, der Morphinhunger gesättigt werden, ohne dass Dionin¬ 
hunger eintritt. Fedor Pessner hält das Dionin von grösserer Bedeutung 
als bei der Entziehungscur der Prophylaxe des Morphinismus, indem man 
das Morphin durch Dionin ersetzt. Auf psychiatrischem Gebiete war das 
Dionin bei Aufregungszuständen, sowie bei Kranken, bei denen Sensationen 
das hervorstechendste Moment bilden, ohne Erfolg (Ranschoff), hingegen 
bewährte es sich bei Depressivzuständen im Verlauf der Dementia praecox 
und des periodischen Irreseins, auch bei hallucinatorisch erregten weiblichen 
Kranken (Meltzer). 

Nach Wolffberg, C. Nicolaier und Darier soll das Dionin einen be¬ 
sonderen Reiz auf die Epithelien der Blutcapillaren ausüben und dadurch 
gewissermassen als Lymphagogum wirken; demgemäss wäre es in der 
Ophthalmiatrie in Fällen anzuwenden, in denen günstigere Ernährungsverhält- 
nisse speciell für die Cornea geschaffen werden sollen, also in jenen Fällen, 
bei denen sich subconjunctivale Kochsalzinjectionen wirksam zeigen; es wird 
auch für die Wundbehandlung nach Bulbusoperationen, bei allen Verletzungen 
des Augapfels sowie der Bindehaut empfohlen. 

Dosirung. Innerlich, in Einzelgaben von 0,02, täglich 2—Sinai, als 
Schlafmittel abends 0,03—0,05 entweder in Pulverform mit Natrium bicar- 
bonicum, in wässeriger Lösung oder bei Phthisikern auch in Pillenform mit 
Pulv. Ipecacuanh. in ähnlichem Verhältnisse wie Opium in Pulvis Doweri; 
die Einzeldosis zur subcutanen Injection beträgt 0.015—0,03. Bei Mor¬ 
phiumentziehung müssen die Dosen weit höher gegriffen werden, 0,05 bis 
0,08 pro dosi, eventuell bis zu 1,0 pro die. 

Literatur: J. v. Merino, Physiologische und therapeutische Untersuchungen Uber die 
Wirkung einiger Morphinderivate in E. Merck's Bericht über das Jahr 1898. — H. Wintek- 
nitz, Ueber die Wirkung einiger Morphinderivate auf die Athmung des Menschen. Au9 der 
medicinischen Poliklinik des Prof. v. Merino zu Halle a. S. Therap. Monatsh. 1899, pag. 469. — 
J. Kokte, Klinische Versuche über die Wirkung und Anwendung des Dionin. Ebenda. 1899, 
pag. 33. — Richard Bloch, Dionin als schmerzstillendes Mittel in der Praxis. Ebenda. 1899, 
pag. 418. — A. Fromme, Berliner klin. Wochenschr. 1899, pag. 14. — J. Heinrich, Wiener 
med. Blätter. 1899, Nr. 11. — Ranschoff, Psychiatr. Wochenschr. 1899, Nr. 20. — Meltzer. 
Münchener med. Wochenschr. 1899, Nr. 51. — W. Salzmann (Warschau), Dionin, ein neues 
Morphinderivat. Wiener med. Presse. 1900, pag. 1095. — Fedor Plessner (Wiesbaden), 
Ueber Dionin, seine Bedeutung im Ersatz des Morphium. Therap. Monatsh. 1900, pag. 80. — 
Merck's Jahresberichte über die Jahre 1898 und 1899. Loehisch. 


Diphtherische Conjunctivitis, pag. 88. 
DiplobaciUen-CoiUiractivitis, pag. 89. 

Dormiol« Unter bestimmten Bedingungen vereinigen sich Chloral- 
hydrat und Amylenhydrat zu Amyienchloral, nach seiner chemischen Con¬ 
stitution Dimethyläthylcarbinolchloral. Diese von Fuchs dargestellte und 
als Dormiol bezeichnete Verbindung ist eine farblose ölige Flüssigkeit von 
1,24 specifischem Gewicht, von kampferartigem Geruch und ähnlichem kühlend 
brennendem Geschmack, die mit Wasser zunächst eine milchartige Emulsion 
giebt, aus welcher sich das Mittel nach einigen Tagen wieder ausscheidet. 
Erst nach Stunden und Tagen geht das Dormiol von der Berührungsstello 
mit dem Wasser aus in Lösung. Doch auch aus dieser Lösung lässt sich das 
specifisch schwerere Dormiol durch Zusatz von viel Wasser abscheiden. Erst 
bei längerem Kochen mit Wasser tritt plötzlich klare Lösung auf; mir 
Alkohol, Aether und fetten Oelen ist es in jedem Verhältniss gut mischbar. 
Es kommt nunmehr eine 10%ige wässerige Lösung von Dormiol in Handel. 


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7 * ' 


'Original frem 

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Dormiol. — Duboisin. 


Nach Meltzer wirkt das Dormiol nach Thierversuchen kaum weniger toxisch 
wie Chloral, möglich, dass bei letalen Dosen der Exitus etwas langsamer 
eintritt als bei diesem, so dass ein etwaiges Einschreiten eher möglich wird. 
Bei Nervösen und siechen alten Menschen genügten Gaben von 0,5, um nach 
y 4 —Va Stunde einen mehrstündigen Schlaf herbeizuführen; bei Schlafmangel 
wegen andauernder Erregung wird mit 2,0—3,0 Erfolg erzielt. Von unange¬ 
nehmen Nebenwirkungen, auch von Angewöhnung an das Mittel wurde bis 
jetzt noch Nichts berichtet. 

Ernst Schultze empfiehlt es bei Geisteskranken, abgesehen von Manie 
und Paralyse mit starker Erregung. Es wären demnach 1,5—3,0 als schlaf¬ 
machende Gaben zu bezeichnen. Das Dormiol wird nur innerlich in wässeriger 
Lösung 1: 5—10 Ccm. oder mit einem Geschmackscorrigens nach folgender 
Formel gegeben: Dormioli, Mucil. Gummi arab., Sirup, simpl. aa. 5,0, Aq. 
destillat. 60,0. Vor dem Gebrauche zu schütteln. 1—2 Esslöffel voll zu 
nehmen. 

Literatur: Mbltzeb, Dormiol, ein neues Schlafmittel. Deutsche med. Wochenschrift. 
1899, Nr. 18. — Ernst Schui.tzb (Andernach), Dormiol. Neurolog. Centralbl. 1900, Nr. 67 

Loebisch. 

Duboisin, s. Augenheilmittel, pag. 46. 


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Ecthol, eine von Amerika (St. Lonis, Missonri) ans betriebene Drohne, 
welche die wirksamen Bestandteile der Wurzel von Echinacia angusti- 
folia de C. und einer Thujaart, namentlich Harzsäuren enthalten soll. Die 
Drogue wird als Antisepticum, Alterans gegen alle Krankheiten, eingerechnet 
Schlangenbisse, als Heilmittel empfohlen, und zwar neben der bisherigen 
Behandlungsweise, so wirkt Ecthol zu viermal täglich 1 Theelöffel inner¬ 
lich z. B. bei Angina tonsillaris nebst chlorsaurem Kali in 5—6 Tagen sicher. 
Aeusserlich bei Geschwüren, Insectenbissen etc. Welche Vorstellung von der 
Urteilsfähigkeit der Aerzte gehört dazu, um ihnen solche Mittel in solcher 
Form zu empfehlen?! Loebisch. 

Egole nennt Gautrelet im allgemeinen die von ihm als allgemeine 
Antiseptica empfohlenen p-sulfosauren Quecksilbersalze verschiedener 
nitrirter Phenole. Der Typus dieser Egole bildet das Phenegol, welches 
das Quecksilber-Kaliumsalz der O-nitrophenol-p-sulfosäure ist, 

/° 0 V 

C 6 Hg^-NOj = Hg = NO s —;C 6 H 6 , 

nSOjK ko 5 s/ 

Wird Cresol oder Thymol als Grundlage der Verbindung genommen, dann erhält 
man Cresegol, beziehungsweise Thymegol, d. h. das o-nitrocresol(thymol)-p- 
sulfosaure Quecksilberkalium. Das Quecksilber kann in dieser Verbindung 
erst nach der Veraschung oder nach dem Behandeln mit Kaliumchlorat und 
Salzsäure nachgewiesen werden, es ist daher in organischer Bindung in ihnen 
enthalten. Sämmtliche Egole stellen braunrote Pulver dar, in Wasser in 
jedem Verhältnisse löslich, unlöslich in absolutem Alkohol. Die wässerige 
Lösung der Egole ist geruch- und geschmacklos, reagirt neutral und ist 
weder giftig, noch wirkt sie ätzend oder reizend, sie coagulirt das Eiweiss 
nicht, fällt jedoch die Toxine. In 0,4°/ 0 iger Lösung sterilisirt das Phenegol 
jede Bakteriencultur. Die Lösungen der Egole greifen Metalle nicht an und 
können daher zum Sterilisiren chirurgischer Instrumente benützt werden. 
Die Egole sind sehr stabile Verbindungen, welche durch irgend einen medi- 
camentösen Zusatz nicht alterirt werden. Innerlich genommen, reizen die 
Lösungen der Egole zum Brechen. 

Literaturi Gautrelkt, Vortrag in der Sitzung der Society m6dico-chirargicale in 
Paris. Hai 1899. Pharm. Ztg. 1899, pag. 526. Loebisch. 

Eigonpräparate, s. Bromeigone, pag. 71. 

Elektrotherapie entzündlicher Augenleiden. Die wohlthätige 
Wirkung der Elektricität bei Augenmuskellähmungen und bei Neuralgie des 
Supra- und Infraorbitalis wird nicht bezweifelt, um so fraglicher ist ihre 


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102 


Elektrotherapie. 


Wirkung bei Erkrankungen des lichtempfindenden Apparates, speciell des 
N. opticus, so dass eine elektrische Behandlung hier meist nur solatii causa 
in Anwendung kommt. Wenigstens sind die Resultate, die Einzelne erzielt 
haben wollen, recht problematisch und haben nur dazu beigetragen, die Elek- 
tricität bei den meisten Augenärzten in Misscredit zu bringen. Diese haben 
daher auch den Berichten über Heilerfolge des elektrischen Stromes bei ent¬ 
zündlichen Augenleiden, welche ab und zu auftauchten, keinen Glauben ge¬ 
schenkt und ausser einigen kurzen Referaten in dem Jahresberichte für 
Augenheilkunde hatten sie keine Folgen. So erging es Arcoleo, Driver, 
Bri£re, Macher, Weissflog und anderen. 

In den letzten Jahren hat sich besonders v. Revss bemüht, der 
Elektrotherapie Eingang bei der Behandlung entzündlicher Augenleiden zu 
verschaffen. Er wendet entweder den galvanischen oder faradischen Strom an. 

Der galvanische Strom kommt fast ausschliesslich bei der Behandlung 
der Skleritis in Betracht. Eine Eulenbi RG sche Elektrode, der Hauptsache 
nach aus einem ovalen Platinplättchen von 6 und 9 Mm. Durchmesser be¬ 
stehend, wird direct auf die entzündete Sklera des vorher cocainisirten 
Auges aufgesetzt; es kommen nur sehr schwache Ströme von etwa 1 Milli¬ 
ampere jeden zweiten Tag durch je 1 Minute in Verwendung. Die darauf 
folgende Reaction verschwindet in kurzer Zeit; Besserung tritt nach wenigen 
Applicationen, Heilung nach etwa 12 Sitzungen ein. Gegen Recidiven schützt 
die Behandlung nicht; besonders ist die günstige Beeinflussung der eventuell 
vorhandenen Schmerzen hervorzuheben. 

In etwas anderer Weise leitet Norsa (Df.xti) den galvanischen Strom 
in das Auge; er construirte eine Badewanne nach Art des Orthoskops von 
Czermak, füllte sie mit einer 1—2%igen Lösung von Lithion salicylicum 
und leitete durch diese den elektrischen Strom auf den skleritischen Herd, 
indem er auf diese Art die kataphorische Wirkung der Elektricität verwenden 
wollte. Silex liess den medicamentösen Zusatz fort und füllte die Wanne 
mit physiologischer Kochsalzlösung oder nur mit warmem Wasser; auch er 
erhält gute Resultate. 

Terson wendete bei Skleritis die Elektrolyse an. Er sticht eine Platin¬ 
nadel, die mit dem negativen Pol verbunden ist, an der Basis des skleriti¬ 
schen Knotens ein und lässt einen Strom von 2—3 Milliampere 1 Minute 
lang durchlaufen; der zweite Pol kommt auf die Stirn oder Wange; eine 
Application scheint zu genügen. Clavelif.r wendete dieselbe Methode (5 Milli¬ 
ampere durch 30 Secunden) an. TersOn erzielte Heilung in sechs, Clavelier 
in acht Tagen; Pansier hat die Methoden von v. Reuss und Terson mit Erfolg 
angewendet, ausserdem aber auch die Galvanisation durch die geschlossenen 
Lider bei empfindlichen Kranken, wie es v. Revss mit dem faradischen Strome 
gethan. 

Einen viel ausgedehnteren Gebrauch macht v. Reuss von dem indu- 
cirten Strome. Er wendet ihn in zweierlei Weise an. Für kurze Sitzungen 
passt die »faradische Hand«. Die eine Elektrode fasst der Kranke, die andere 
der Arzt mit der Hand (v. Reuss benützt dazu die als »Schwammhülsen« 
bekannten hohlen Metallcylinder), letzterer legt die andere Hand oder einige 
Finger auf das geschlossene kranke Auge und nimmt den Strom so stark, 
dass er ihm nicht unangehm ist. Applicationsdauer bis 5 Minuten. 

Für längere Sitzungen, um die es sich gewöhnlich handelt, wird eine 
ovale muschelförmige kleine Elektrode, die mit Stoff überzogen ist (Durch¬ 
messer etwa 38 ä 30 Mm.), auf das Auge, das zunächst mit einer Schichte 
nasser Watte bedeckt ist, aufgebunden und mit dem einen Pole in Ver¬ 
bindung gesetzt, die andere Elektrode hält der Kranke in der Hand. Der 
Strom wird so stark genommen, dass er vom Kranken ohne Unannehmlich¬ 
keit vertragen wird. Applicationsdauer 1 / 4 — l / 2 Stunde und darüber. 


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Elektrotherapie. 


103 


Auf diese Weise kommt der Inductionsstrom in Verwendung: 

1. Bei Iritis und Iridocyklitis vor allem als schmerzstillendes Mittel. 
Es kommt kaum vor, dass die Schmerzen nicht verschwinden oder doch 
wesentlich gemildert werden. Manchmal genügt hiezu eine Sitzung, gewöhn¬ 
lich kommen die Schmerzen in minderem oder auch in gleichem Grade nach 
einer verschieden langen Pause wieder und machen die neuerliche Anwen¬ 
dung nothwendig. Es ist deshalb zweckdienlich, dass der Kranke einen 
Apparat zur Verfügung hat und ihn so oft in Thätigkeit setzt, als es die 
Schmerzen erfordern. Eine obere Grenze giebt es nicht. Nicht so eclatant 
ist der Einfluss auf den Verlauf des Processes, obwohl derselbe ohne Zweifel 
in vielen Fällen abgekürzt wird. Bei der sogenannten recidivirenden Iritis 
kann die rechtzeitige Anwendung bei einem drohenden Recidiv den Aus¬ 
bruch desselben verhindern. 

Die Glaskörpertrübungen, wenn sie frisch sind, werden rascher zur Re¬ 
sorption gebracht, ebenso in vielen Fälle Descemet sehe Präcipitate. Dagegen 
scheinen alte Glaskörperopacitäten nicht wesentlich beeinflusst zu werden. 

2. Bei Skleritis ist der faradische Strom angezeigt, wenn der Process 
so diffus ist, dass eigentliche circumscripte Herde nicht auffällig sind und 
daher die richtige Applicationsstelle für die directe Galvanisation nicht ge¬ 
geben ist, ferner wo, was hie und da, wenn auch selten vorkommt, die Re- 
action auf letztere zu stark ist oder der Kranke sich sträubt. Die Erfolge sind 
weniger auffällig als bei der Galvanisation. 

3. Bei Keratitis der verschiedensten Art, wenn Schmerzen vorhanden 
sind, die ebenso calmirt werden wie bei Iritis; ob eine Beeinflussung des 
Processes selbst stattfindet, ist nicht ausgemacht, umsoweniger als ebenso 
wie bei Iritis und allen anderen Leiden die anderweitige nothwendige Therapie 
nicht verabsäumt werden darf. 

4. » Bei den mit Lichtscheu einhergehenden Leiden der Cornea und Con- 
Junctiva, besonders bei den ekzematösen Formen und namentlich dann, wenn, 
wie es oft der Fall ist, die Lichtscheu durch den Grad der Krankheit nicht 
mehr ganz gerechtfertigt ist. Hier genügt oft eine ein- oder zweimalige Appli¬ 
cation, um die Lichtscheu verschwinden zu machen. 

5. Bei erblindeten Augen, welche an Anfällen von Entzündung und 
Schmerzhaftigkeit leiden, bei Ausgängen von Iridocyklitis, bei Luxatio lentis, 
Glaucoma absolutum, kurz bei Augen, bei denen eine Enucleation indicirt 
ist, ohne dass durch deren Aufschub etwas versäumt wird. In vielen tritt 
wieder vollständige Ruhe des Auges ein. 

6. Bei der eigenthümlichen vasomotorischen Störung, die v. Graeee Sub¬ 
conjunctivitis, Fuchs Skleritis periodica fugax nannten, für die v. Reuss den 
Namen Pseudoskleritis vorschlägt. Nicht nur werden die Anfälle abge¬ 
kürzt und gemildert, sondern sie kommen seltener und hören endlich ganz 
auf, soweit man aus den wenigen beobachteten Fällen bei der Seltenheit der 
Krankheit schliessen kann. 

7. Bei intraoeularen Hämorrhagien in einzelnen Fällen wurde eine auf¬ 
fallend rasche Resorption erzielt, in anderen war der Erfolg ein negativer. 

Da v. Reuss, ausgenommen bei Skleritis, den galvanischen Strom nicht 
viel verwendete und bei der geringen Vorliebe, welche bei den Augenärzten für 
die Elektrotherapie constatirt werden muss, ist es nicht zu verwundern, wenn 
über gewisse Beobachtungen, die von berufenster Seite über günstige Er¬ 
folge bei Glaskörpertrübungen, bei Sehnervenerkrankungen, namentlich bei 
Neuritis gemacht wurden (Girand-Teulon, Erb), bestätigende Beobachtungen 
aus neuerer Zeist fast fehlen. Paxsier hat in seiner Elektrotherapie oculaire 
eine Anzahl solcher, die zu weiteren Versuchen ermuntern, veröffentlicht. 

Auch die bei Keratitis mittels des galvanischen Stromes gewonnenen 
Resultate Arcoleo's verdienen eine Nachprüfung. 


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104 


Elektrotherapie. — Emol. 


Die Verwendung der Elektricität zur Aufhellung von Hornhauttrübungen 
(Adler, Allmann) möge ebenfalls hier Erwähnung finden. Ist die Trübung 
infolge ihrer Natur überhaupt aufhellbar, so wird auch die Elektricität, wie 
medicamentöse und mechanische Reize eine Wirkung erzielen. Narben, die 
sich durch andere Mittel als unaufhellbar erweisen, werden auch durch Elek¬ 
tricität nicht aufgehellt werden. 

Die Vibrationsmassage mittels der elektrischen Feder von Edison, die 
von Maklakow 1893 angegeben wurde und über welche Berichte nament¬ 
lich von Kazaurof und Snegiröw vorliegen, gehört wohl nur insoferne zur 
Elektrotherapie, als die Vibrationen des Instrumentes durch Elektricität er¬ 
zeugt werden. 

Literatur : Arcoleo, Resoconto della clinica ottalmica della R. nniversitä di Palermo 
per gli anni scholastici. 1867—1869. — Arcoleo, Saggi di elettro terapia oculare. Gazz. clin. 
di Palermo. 1870. — Arcoleo, Prospetto di talune malattie oculari trattate colla corrente 
elettrica nella clinica della R. nniversitä di Palermo (2a Seria). Palermo 1873. — Driver, 
Behandlung einiger Augenleiden mit dem constanten Strome. Arch. f. Augen- und Ohrenhk 
1872, II, 2. — Briere, Observations cliniques Ann. d'oeulistique. LXXVI, 1874. — Weis¬ 
flog, Zur Kenntniss der Faradisation. Deutsches Arch. !. klin. Med. 1867, XVIII. — Macher, 
Elektrotherapeutische Versuche bei Augenaffectionen. Dissert. Erlangen 1880. — Norsa, II 
bagno elettro-medicato oculare. Boll. d. ocul. 1891, XIII. — Norsa, Das elektrische Augen¬ 
bad in der Behandlung der Skleritis und Episkleritis. Arch. !. Augenhk. 1892, XXIV, 3. — 
Norsa, Un biennio di Clinica Oculistica. Roma 1889. — Denti, Saggio di Idro-Elettro-Terapia 
Oculare. Milano 1885. — v. Reuss, Ueber elektrische Behandlung entzündlicher Augenkrank¬ 
heiten. Verhandl. d. Gesellsch. deutscher Naturforscher und Aerzte. 60. Versamml. zu Wien, 
September 1894. Leipzig 1895, 2. Theil, 2. Hälfte, pag. 211. — v. Reuss, Die Elektricität 
bei der Behandlung entzündlicher Augenkrankheiten. Wiener klinische Wochenschr. 1896, 
Nr. 20. — v. Reuss, Die Elektricität bei der Behandlung entzündlicher Augenkrankheiten. 
Deutschmann’s Beiträge zur Augenheilkunde. 1896, III, 23. Heft. — v. Reuss, Neue Er¬ 
fahrungen über die Elektrotherapie entzündlicher Augenkrankheiten, v. Graefe’s Archiv für 
Ophthalm. 1898, XLVI. — Pansier, Trait6 d’ölectrothdrapie oculaire. Paris 1896. — Pansier, 
Le traitement de T^pisclerite par l’&ectricite. Arch. d'ölectricitö m6d. 1899. — Silex, Klini¬ 
sches und Experimentelles aus dem Gebiete der Elektrotherapie der Augenkrankheiten. Arch. 
f. Augenhk. 1898, XXXVII, 2. — Benedikt, Beiträge zur Augenkunde, v. Graefb’s Archiv f. 
Ophthalm. 1897, XLIII. — Terson, Episcl^rite traitee par l’ölectrolyse. Clinique ophthalmo- 
logique. 1897, pag. 88. — Terson , Sur le traitement sous-conjunctival de Pepiseterite par 
l’^lectrolyse. Compte rendu de la Societc franv- d’ophthalm. 1898, pag. 362. — Clavelier, 
Un cas d’^pisclerite compliquant un zona ophthalmique gu£ri par l’&ectrolyse. Clin, ophthalm. 
1898, pag. 86. — Kazaurow, Die Anwendung des Edison’schen Elektromotors zur Massage 
des Auges. Wratsch. 1895, Nr. 22; Ref. im Arch. f. Augenhk. XXXI, 4. — Snegiröw, Thera¬ 
peutische Bedeutung der Vibrationsmassage bei verschiedenen Augenkrankfeeiten. Westnik 
ophthalm. 1898, XV und über den Einfluss der Vibrationsmassage auf die Diffusion aus dem 
Conjunctivalsacke in die Vorderkammer des Auges. Medizinskoje Obozrenje. 1898, XLIX. 
Ref. im Jahresbericht für Ophthalm. für 1898, pag. 407. Reuss. 

Emol ist ein aus England eingeführtes fleischfarbenes, sehr feines 
Pulver, das chemisch dem Steatit sehr nahe steht. Mit Wasser aufge¬ 
schlemmt, besitzt es eine grosse Emulsionskraft und reinigt die Haut wie 
Seife; hartes kalkhältiges Wasser wird durch Emol weich. Das mit Wasser 
zu einem Brei angerührte Emol, in dicker Lage auf verhornte Theile der 
Fusssohle und Handfläche aufgetragen und mit Guttaperchapapier bedeckt, 
erweicht die Epidermisschichten derart, dass man selbe leicht und schmerzlos 
entfernen kann. Als Streupulver aufgepulvert findet es Anwendung bei ver¬ 
schiedenen Pruritisformen, weil es den Juckreiz stillt, ferner bei nässenden 
Ekzemen und Erythemen wegen seiner austrocknenden Wirkung. Aehnliche 
chemische, physikalische und therapeutische Eigenschaften wie das Emol 
scheinen das russische Product Kil von V. E. Veliamowisch und der arabi¬ 
sche Seifenstein Tfol, durch Lahache in die Dermatotherapie eingeführt, zu 
besitzen. 

Literatur: E. Merck, Emol. Bericht über das Jahr 1898. — V. E. Veliamowisch, 
Simaine med. 1898, Nr. 214. — Lahache, Journ. de Pharm, et de Chim. 1898, pag. 57. 

Loebiseli. 


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Ephedrin. — Epichlorhydrin. 


105 


Ephedrin, s. Augenheilmittel, pag. 39. 

Epicarin, ein Condensationsproduct des ß-Naphtols und der Cre- 
sotinsäure, nach seiner chemischen Constitution [i-Oxynaphthyl-o-Oxy-m- 

✓COOH 

Toluylsäure von der Formel: C 6 H 8 ^-OH C 10 H 9 .OH, eine Säure, welche 

x ch 2 / 

leicht lösliche, nicht ätzende Salze bildet und welches als Ersatzmittel des 
ß-Naphtols, von dem es sich durch seine relative Ungiftigkeit und Reiz¬ 
losigkeit unterscheidet, von Kaposi bei denselben Hautkrankheiten, gegen 
welche er früher das ß-Naphtol verwendete, empfohlen wurde. Normale 
Hautstellen werden nach Einreibung mit einer 10%i?en Epicarinsalbe in¬ 
folge der Fettwirkung geschmeidiger, nach länger dauernder Application auf 
die gesunde Haut folgt Mortificirung der oberflächlichen Epidermisschichte 
mit gerinfügiger Exsudation aus den Cutisgefässen; hingegen treten nach 
Anwendung des Epicarins auf die vorher krankhaft veränderte Haut an den 
betreffenden Stellen und in weiterer Nachbarschaft Erytheme, selbst Knötchen- 
und Bläschenekzeme auf. immerhin ist die Reizwirkung eine geringe. Nach 
Kaposis Erfahrungen hörte bei Scabies nach einer einmaligen Einreibung 
der 10%igen Salbe in allen Fällen das Jucken auf und man konnte nach 
zwei Stunden das Eintrocknen der Milbengänge constatiren; auf das be¬ 
gleitende Ekzem ist das Mittel ohne Einfluss; eine alkoholische oder auch 
die Sodalösung des Epicarins blieb jedoch bei Scabies ohne Einfluss, während 
bei Herpes tonsurans diese letzteren sich ebenso wirksam erwiesen wie 
die Salbe, 8—lOmalige Anwendung genügte zur Heilung; auch hier hörte 
der Juckreiz schon nach einmaliger Application auf. Die Eigenschaft des 
Epicarins, den Juckreiz rasch zu beheben, macht es auch zur Behandlung 
der Prurigo geeignet; hierbei konnte auch die Ungiftigkeit des Präparates 
constatirt werden, indem selbst bei lOmaliger Einreibung des ganzen Körpers 
sogar bei Kindern weder Albuminurie noch anderweitige Beschwerden auf¬ 
traten. Die Besserung trat hier schon nach 2—3 Wochen ein — auch hier 
war die alkoholische und Sodalösung weniger wirksam wie die Salbe. Bei 
acutem und chronischem Ekzem wurde Epicarin schlecht vertragen, 
bei Psoriasis war es nutzlos; nach Rille waren die Erfolge bei sehr milden 
Eruptionen von Psoriasis vulgaris nicht ungünstig. 

Nach Dreser ist Epicarin ein starkes Antisepticum, die 1° „ige Lösung 
des Natronsalzes hebt die Hefegährung und die Entwicklung des Bacterium 
coli vollständig auf. Nach A. Eichengrün geht Epicarin unzersetzt durch 
den Körper, wobei es den Harn sterilisirt. Frick reichte es Hunden bis zu 
10,0 per os bei Sarcoptesräude mit bestem Erfolg. 

Das Epicarin bildet röthliche, wenn ganz rein, farblose Blättchen vom Schmelzpunkt 
199°, ans Alkohol krystallisirt, wird es in gelblichen Nüdelchen erhalten. Das Natronsalz 
ist im Wasser schwer löslich. Mit Eisenchlorid giebt es in alkoholischer Lösung eine intensiv 
blane Färbnng, mit concentrirter Schwefelsäure erhitzt eine rothbranne Lösung, welche 
grüne Fluorescenz zeigt. 

Dosirung: Aeusserlich in 10%iger Salbe mit Ung. simplex oder mit 
01. Jecoris aselli und Vaselin, auch mit Sapo viridis und Zinkoxyd combinirt. 

Literatur: Hofr. Prof. Kaposi, Epicarin, ein neues Heilmittel. Wiener med. Wochen¬ 
schrift. 1900, Nr. 6. — A. EichbngbOn, lieber Epicarin. Pharmak. Centralhalle. 1900, Nr. 7. — 
Fbick, Deutsche thierärztl. Wochenschr. 1899, Nr. 34. — C. G. Pfeipfenbebobb , Klinisch- 
therap. Wochenschr. 1900, Nr. 19. — Rille, lieber Anwendung des Epicarin in der Be¬ 
handlung von Hautkrankheiten. »Die Heilkunde«. August 1900. Loebiach. 

Epichlorhydrin. Ein toxikologisch interessanter Körper ist die 
mit dem Namen Epichlorhydrin belegte Verbindung C 8 H 5 Cl 0, welche durch 
Einwirkung von Kalilauge auf die sogenannten Chlorhydrine, die Cl-Sub- 
stitutionsproducte des Glycerins (vergl. Encyklopäd. Jahrb., VIII, pag. 4G) 


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106 


Epichlorhydrin. — Essigsäurevergiftung. 


entstehen. Wie diese besitzt es narkotische Wirkungen und entbehrt der 
temperaturerhöhenden und Poly- und Hämoglobinurie erzeugenden Action 
des Glycerins. Es ist ein örtlich sehr reizender Stoff, der bei Versuchen mit 
ihm rasch Conjunctivitis und bei Subcutanapplication nicht oder nur langsam 
tödtlich wirkender Mengen starkes ausgebreitetes Oedem erzeugt. Bei Warm¬ 
blütern bewirkt es starke Beschleunigung und Arhythmie der Athmung, 
Dyspnoe, Zittern, Cyanose und Krämpfe. Der Tod erfolgt asphyktisch, und 
lässt sich durch künstliche Respiration hinausschieben. Am empfindlichsten 
sind Tauben, die schon nach 0.16 in 36 Stunden zugrunde gehen. Bei 
Fröschen ruft Epichlorhydrin keine Krämpfe hervor. Bei langsamer Ver¬ 
giftung findet sich hämorrhagische Gastritis (auch bei subcutaner Applica¬ 
tion), mitunter auch Nephritis. Blut wird im Contact mit Epichlorhydrin 
braun, zeigt aber nicht das Methämoglobinspectrum. Amöben und Paramecien 
tödtet es rasch, auf Milzbrandsporen ist es ohne Einfluss. 

Literatur: v. Kossa, Ueber das Epichlorhydrin. Arch. internat. d. Pharm. IV. 1898, 
pag. 351. Huscmann. 


Essigsänreverglftttng. Es ist eine bekannte Thatsache, dass 
die Essigsäure giftige Wirkung besitzt, die theils auf localer kaustischer 
Action, theils auf schädlicher Einwirkung auf das Blut beruht. Zweifelsohne 
ist deshalb auch die neuerdings in den Handel eingeführte Speiseessig¬ 
essenz, welche etwa 80°/ 0 ige, mit Caramel gefärbte Essigsäure darstellt, 
ein gefährliches Agens, das im Detailhandel nur in Glasgefässen, welche 
entweder eingebrannt oder darauf geklebt eine deutliche Angabe tragen 
müssen, dass die Essenz mit grösseren Mengen Wasser zu verdünnen sei, 
abzugeben erlaubt sein sollte. Dass dadurch die Gefahr zwar verringert, aber 
nicht völlig beseitigt ist, beweist ein tödtlicher Fall, in welchem ein herku¬ 
lisch gebauter Mann drei Tage nach der Ingestion eines Esslöffels voll Essig¬ 
essenz, die er mit etwa der gleichen Menge Wasser und einer Kartoffel 
zu Salat gemengt hatte, zugrunde ging. Die nach einigen Stunden eintreten¬ 
den Erscheinungen bestanden in heftigen Leibschmerzen, Erbrechen, Diarrhoen, 
intensivem Coliaps mit ganz unfühlbarem Radialpuls, kalten Schweissen und 
grosser Benommenheit, und obschon die Collapserscheinungen durch Exci- 
tantien und die Magen schmerzen durch warme Kataplasmen beseitigt wurden, 
dauerten die Diarrhöen fort, und es kam am zweiten Tage zu Somnolenz, 
in welcher der Tod am dritten Tage der Intoxication erfolgte. Die heftige 
locale Wirkung erhellt aus dem Sectionsbefunde: Magenschleimhaut in toto 
stark dunkelgrau verfärbt, gegen die grosse Curvatur hin in der ganzen 
Länge derselben punkt-, stich- und inselförmige tiefdunkelbraune subepithe¬ 
liale Ekchymosen, besonders stark entwickelt im Fundus und gegen den 
Pylorus hin, auch in der oberen Hälfte des Zwölffingerdarmes, das Epithel 
stark ödematös durchtränkt . l ) Es existiren übrigens in den politischen 
Zeitungen der Jahre 1889 — 1898 eine grosse Anzahl von Unglücksfällen 
durch Essigessenz, welche eine starke Zunahme in der neuesten Zeit dar- 
thun. Während von 1889—1894 nur 14 Fälle (durchschnittlich 2,3 im Jahre) 
vorkamen, ereigneten sich 1895 und 1896 11 und im Jahre 1897 nicht 
weniger als 12. In einer vom Verbände deutscher Essigfabrikanten veran¬ 
stalteten Zusammenstellung 2 ) finden sich 11 Fälle von schweren äusseren 
Verletzungen, durch Uebergiessen mit Essigessenz oder durch Application 
derselben als Essigüberschläge oder durch Spritzen auf die Conjunctiva ver¬ 
anlasst, und 30 Fälle von Intoxication durch den Genuss der Essigessenz, wo- 
von 17 tödtlich verlaufen sein sollen. Unter den Erkrankten waren nicht weniger 
als 14 Kinder, die fast alle nach dem Genuss der Essenz zugrunde gingen. 

Literatur: *) Stümpf, Ein Fall von tödtlicher Vergiftung durch Essigessenz. Münchener 
nied. Wochenschr. 1898, Nr. 22, pag. 690. — *) Beilage zo der Broschüre: Konstessig (Essig¬ 
essenz) und Gährungsessig, oder ist Essigessenz zu Speisezwecken zu empfehlen? Wissenschaft- 


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Essigsäurevergiftung. — Euphthalmin. 


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liehe Urtheile über die Eigenschaften von Essigessenz und Gährungsessig zmn Speisege¬ 
brauche. Neuwied 1898. JJuscrnann. 

Eucain, s. Augenheilmittel, pag. 40. 

Eulactol, ein Nährpräparat für Kinder, ein Gemisch von Eiweiss 
(28,5%), Fett (14%), Kohlehydraten (und zwar Milchzucker 46%) und Mineral¬ 
stoffen (Phosphorsäure, Kalk und Eisenoxyd), welches aus Milch und Pflanzen- 
eiweiss hergestellt wird. Das Mittel wurde von S. Schwarsensky auf der 
Poliklinik des Privatdocenten Dr. Neumaxn Kindern mit blassem Aussehen 
und schlechtem Appetit als Zusatz zur Nahrung gegeben, und zwar erhielten 
die Kinder bis zum 3. Lebensjahre 1 Theelöffel ?mal des Tages, grössere 
Kinder 1 Esslöffel 3mal täglich in heisser Milch, Cacao, in Suppen oder 
Brei verrührt. Bei 29 Kindern im Alter von 1 Monat bis zu 12 Jahren, 
welche an Dyspepsie, Drüsenschwellungen u. ähnl. litten, versucht, war eine 
Gewichtszunahme in einigen Fällen nach Darreichung von Eulactol ganz 
auffällig, in anderen war sie nicht erheblich oder fehlte ganz. C. A. Ewald 
fand die Ausnützung des Eulactols bei zwei Männern als vorzügliche, indem 
91,4, beziehungsweise 94,1% der verabfolgten Menge aufgenommen wurden. 

Literatur: 8. Schwaksensky, Ueber Versuche mit Eulactol in der Kinderpraxis. — 
C. A. Ewald, Ueber Eulactol. Berliner klin. Wochenschr. 1899, Nr. 46. Lovbisch . 

Euphthalmin, s. Augenheilmittel, pag. 39. 


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Fangopackungen, s. Bad, pag. 57. 

Ferrichtliol, Ferrum ichthyolsulfonicum, ein von der Ichthyol- 
Gesellschaft in Hamburg in den Handel -gebrachtes Präparat, welches 3,5% 
organisch gebundenes Eisen nebst 96,5% Ichthyolsulfonsäure enthält. Es 
wird in Tabletten zu 0,1, welche nahezu geruch- und geschmacklos sind, 
bei Anämie und Chlorose verordnet. 

Literatur: E. Merck 's Bericht für 1898. Loebisc/t. 

Fettleibigkeit. Immer mehr tritt das Bestreben hervor, die ver¬ 
schiedenen Arten von Fettleibigkeit zu kennzeichnen und auseinanderzu¬ 
halten und au! diesem Wege das therapeutische Verfahren zu differenziren. 
Man hat schon lange zu unterscheiden versucht zwischen solchen Fällen, 
bei denen allzu Qppige Lebensweise an der übermässigen Fettbildung Schuld 
ist, und solchen, bei denen der Verbrauch, also die Oxydationsverhältnisse 
geringer sind als gewöhnlich. Das ist aber, wie Fr. Müller betont, kein 
Unterschied, denn wer weniger verbraucht als ein Durchschnittsmensch und 
doch wie ein solcher isst, der isst eben zu viel. Die massenhafte Fettan¬ 
häufung sei die Folge davon, dass längere Zeit hindurch die Nahrungszufuhr 
grösser war als der Bedarf. Bei einer grossen Zahl fettsüchtiger Leute lässt 
sich nachweisen, dass sie viele Jahre gewohnt waren, mehr zu essen als die 
meisten anderen Menschen, die sich unter den gleichen Lebensbedingungen 
befinden; ferner ist wichtig, dass viele dieser Patienten eine grosse Vorliebe 
für Kartoffeln, Mehlspeisen und Süssigkeiten zeigen; in der Form von Kohle¬ 
hydraten lassen sich aber viel leichter grössere Mengen von Nahrungsstoffen 
aufnehmen als in der von Eiweiss. Auf der anderen Seite wird der Fett¬ 
ansatz begünstigt durch alle jene Einflüsse, welche die Verbrennungspro- 
cesse herabsetzen: langer Schlaf, Einschränkung der Muskelbewegungen und 
geringe Wärmeabgabe. Darum sieht man, dass in allen denjenigen Berufs- 
classen die Fettleibigkeit häufig ist, in denen bei guter Ernährung wenig 
Körperarbeit erfordert wird. Nach Fr. Müller ist für die Mehrzahl der Fett¬ 
süchtigen kaum nöthig anzunehmen, dass die Zellen ihres Organismus eine 
verminderte Oxydationskraft zeigen. Würde die Fettsucht hauptsächlich auf 
eine Constitutionsanomalie zurückzuführen sein, so müssten doch auch bei 
den handarbeitenden Classen mehr Fettleibige Vorkommen. Sicher sei jedoch, 
dass hereditäre Einflüsse eine Rolle spielen. 

Dieses letztere Moment, sowie überhaupt das der Constitutionsverände¬ 
rung bei Fettleibigkeit wird von Ebstein in den Vordergrund gestellt, 
welcher besonders die Vergesellschaftung mit der Gicht und Zuckerkrank¬ 
heit und gewisse Analogien dieser Stoffwechselerkrankungen hervorhebt. 


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Fettleibigkeit. 


109 


Dass es sich bei der Fettleibigkeit zam mindesten in sehr vielen Fällen um 
eine vererbbare und angeborene Anlage bandle, sei daran zu erkennen, dass 
in einzelnen Familien durch viele Generationen hindurch trotz mässigen 
Lebens und einer anscheinend völlig ansreichenden körperlichen Thätigkeit 
nicht selten schon in früher Jugend die Fettleibigkeit in hohem Grade auf- 
tritt, während tausend andere üppiger und träger lebende Menschen durch¬ 
aus keine Neigung zu einem übermässigen Fettansätze haben. Das spreche 
zweifellos für eine besondere Anlage, Disposition oder Diathese. Zu dieser 
unzählige Male gemachten Erfahrung stimmt jedoch noch nicht die wissen¬ 
schaftliche Beweisführung. Magnus Levy hat im Gegensätze zu den in 
anderen Respirationsversuchen bei Fettleibigen gewonnenen, an der unteren 
Grenze der Norm befindlichen Werthen für Sauerstoffaufnahme und Kohlen¬ 
säureausscheidung, nicht bestätigen können, dass ein stark herabgesetztes 
Verbrennungsvermögen der Gewebe Fettleibiger besteht, soweit er es nach 
seinen Untersuchungen des respiratorischen Gas- und Stoffwechsels bei Fett¬ 
leibigen vermittelt hat; indess hält derselbe einen in mässigem Grade herab¬ 
gesetzten Stoffwechsel bei einzelnen Fettleibigen für nicht unmöglich. Eb¬ 
stein glaubt, es werde im Laufe der Zeit der Nachweis geliefert werden 
können, dass es sich bei der Fettleibigkeit keineswegs allein um ein Miss- 
verhältniss zwischen Einnahme und Ausgabe handelt, sondern dass, abge¬ 
sehen von der dabei stattfindenden »Mast«, in allen Fällen eine jetzt noch 
nicht zu erklärende Eigenthümlichkeit der elementaren Bestandteile, also 
der Zellen oder des Protoplasmas der Fettleibigen besteht, unter deren Ein¬ 
fluss aus der aufgenommenen Nahrung mehr Fett angesetzt wird, als bei 
den nicht zu Fettleibigkeit neigenden Individuen. Dass diese Annahme eine 
berechtigte ist, lehren die Untersuchungen über die Mast der Thiere, welche 
ergeben, dass verschiedene Thiere unter sonst gleichen Verhältnissen durch¬ 
aus nicht in gleicher Weise Fett ansetzen und dass überdies eine besondere 
Art des Futters durchaus keine absolute Nothwendigkeit und Vorbedingung 
für den Fettansatz bei der Mast der Thiere bildet. Das Protoplasma muss 
besondere Eigentümlichkeiten haben. Mutatis mutandis müssen analoge 
Verhältnisse für die der Fettsucht verfallenden Menschen gleichfalls voraus¬ 
gesetzt werden. 

Das Gemeinsame in der Pathogenese der Fettsucht, der Gicht und der 
Zuckerkrankheit bestehe darin, dass dabei eine mangelhafte, häufig familiäre 
und vererbbare Beschaffenheit des Protoplasmas besteht Ebstein erachtet 
darum die Bezeichnung dieser Krankheiten als »allgemeine Erkrankungen 
des Protoplasmas mit vererbbarer Anlage« als zweckmässig. Vielleicht 
werden auch bei diesen Krankheiten noch einmal die parasitären Krank¬ 
heitserreger eine determinirende Rolle spielen. In prophylaktischer Beziehung 
sei es wichtig, sich der erblich belasteten Jugend anzunehmen, so lange 
diese Individuen diesen Krankheiten noch nicht verfallen sind. Solche Indivi¬ 
duen müssen von Kindesbeinen an zu einer richtigen Diät und Lebensweise 
erzogen werden. 

Zu den in jüngster Zeit erörterten Beziehungen zwischen Fettleibig¬ 
keit und Diabetes liefert F. Hirschfeld einen Beitrag, welcher die v. Noor- 
DENsche Hypothese von der »diabetogenen Fettsucht« im Gegensätze zum 
»lipogenen Diabetes« (Kisch) stützen soll. v. Noorden berichtete über einige 
Fälle von Fettleibigkeit, bei denen sich nach Aufnahme von 100 Grm. Zucker 
eine verhältnissmässig beträchtliche Glycosurie nachweisen liess und bei 
denen dann später Diabetes mellitus auftrat. F. Hirschfeld theilt nun gleich¬ 
falls drei Fälle mit, von denen ein fettleibiges Individuum und zwei wohl¬ 
genährt waren, welche aber alle in den letzten Jahren Gewichtszunahmen 
von 10—20 Kilo auf wiesen — bei diesen Personen zeigten sich schon nach 
Aufnahmen von 90—150 Grm. Kohlehydraten in stärkemehlhaltiger Nahrung und 


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110 


Fettleibigkeit. 


20 — 30 Grm. in Form von Rohrzucker Zuckerausscheidungen von 0,2—0 5° c . 
Nach Einleitung von Entfettungscuren, wobei sowohl die Gesammternährung 
als auch speciell die Kohlehydratezufuhr um 50% herabgesetzt wurde, bei 
gleichzeitiger Steigerung der Muskelthätigkeit, verschwand die Zuckeraus¬ 
scheidung nach 1 — 3 Wochen. Daraus schliesst Hirschfeld, dass länger 
dauernde Herabsetzung der Muskelthätigkeit neben reichlicher, kohlehydrat¬ 
reicher Ernährung sehr oft mit der Entstehung von Diabetes zusammenhängt. 

In einer die Entfettungscuren behandelnden Arbeit weist auch P. F. 
Richter auf die Analogie der Bildung von Fettleibigkeit mit alimentärer 
Glycosurie hin. Bei gesteigerter Nahrungszufuhr und mangelnder Bewegung 
sei die Art der entstehenden Fettleibigkeit eine passive, dem Organismus 
gewissermassen aufgezwungene. Von den Regulationsmechanismen, welche 
derselbe besitzt, um übermässigen Fettansatz zu verhindern, werde kein 
oder ein ungenügender Gebrauch gemacht, oder dieselben erweisen sich der 
vermehrten Fettbildung gegenüber als unzureichend. Es liege ein Vergleich 
mit der alimentären Glykosurie und vielleicht den leichten Graden des Dia¬ 
betes nahe. Auch hier eine vermehrte Zuckerproduction infolge der Zufuhr 
kohlehydratreichen Materiales und dabei eine Insufficienz des den Zucker¬ 
abfluss regelnden Apparates. Aber daneben kennen wir die schweren Formen 
des Diabetes, bei denen es sich um eine Störung der Verbrennung des Zuckers 
durch die Zellen des Organismus handelt, und es sei zu fragen, ob auch für 
die Entstehung gewisser Arten von Fettleibigkeit eine ähnliche Aetiologie 
eine Rolle spielt. Für solche Formen von Fettleibigkeit, welche dadurch ent¬ 
stehen, dass die Verbrennung der stickstofffreien Stoffe in den Zellen ge¬ 
litten hat, dass es sich um eine vereinzelte oxydative Thätigkeit der Zelle 
handelt, bei denen also gewissermassen activ die quantitativ herabgesetzte 
oder vielleicht auch qualitativ geänderte Zersetzungsenergie zu einem Ansätze 
von Fett führt, wäre der Name Fettsucht zu reserviren. Für die Annahme 
dieser letzteren Aetiologie führt Richter ausser den hereditären Verhält¬ 
nissen den ihm noch wichtiger erscheinenden Umstand an, dass unter ge¬ 
wissen Umständen Fettsucht als eine Folge von Eingriffen oder Störungen, 
welche den Gesammtorganismus betreffen, auftritt, wie nach Blutverlusten, 
nach Eingriffen in die sexuelle Sphäre, nach dem Klimakterium (diese letzteren 
Bezeichnungen weisen darauf hin, dass das Secret der Geschlechtsdrüsen in 
irgend einem Verhältnisse zu der oxydativen Thätigkeit der Zellen steht). 
Therapeutisch ist diesbezüglich hervorzuheben, dass die Empfehlung der 
Schilddrüsensubstanz besonders wegen ihrer oxydationssteigernden Wirkung 
erfolgte und diese letztere ist in der That experimentell durch Magncs-Levy, 
Stüve u. a. bestätigt worden. Die v. NooRDEx'sche Vermuthung hingegen, 
dass nur Fettleibige, bei denen eine krankhafte Veränderung der Oxydations¬ 
menge infolge von Störungen der Zellthätigkeit supponirt wird, mit Ge¬ 
wichtsverlust auf die Schilddrüsentherapie reagiren, hat sich nicht bewährt, 
indem sowohl der Gesunde wie der Fettleibige durch Mästung und der con¬ 
stitutioneil Fettsüchtige bei Anwendung von Schilddrüsentablettes an Körper¬ 
gewicht verlieren. In Bezug auf die Schilddrüsensubstanz als Mittel gegen 
Fettleibigkeit betont Richter, dass man dieses Medicament nur für kurze 
Zeit und bei einer ausreichenden Diät verwenden könne. Die Schild¬ 
drüsentablettes stellen, wie er betont, nur ein Surrogat einer Entfettungscur, 
und zwar ein nicht ungefährliches dar, und sie sollten nur unter gewissen 
Umständen zur Unterstützung einer solchen herangezogen werden. So könne 
man sie im Anfänge einer Entziehungscur geben, wo man noch eine der 
Erhaltungskost des betreffenden Individuums entsprechende Diät reicht, aber 
man solle die Darreichung nicht über die ersten Tage ausdehnen und sofort 
damit aufhören, sowie die Diät erheblicher unter den Calorienbedarf des 
Individuums herabgesetzt wird. Ferner sei ihre Anwendung erfolgreich, 


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Fettleibigkeit. 


111 


wenn es sich darum handelt, jemanden in kurzer Zeit um einige Pfunde zu 
erleichtern; Bedingung hiebei sei aber stets die häufige genaue Untersuchung 
des Urins und der Herzthätigkeit, sowie die vorsichtige Dosirung (von 0,1 
anfangend und nicht über 0,5 pro die steigend). 

Ueber Schweninger’s Entfettungscuren liegt eine ausführliche 
Mittheilung von Herm. Cohn vor, welche das Sonderbare dieser Methode in 
ihren Details eingehend schildert. Danach sind die drei Heilpotenzen, welche 
Schweninger anwendet: Massage des Unterleibes, heisse Bäder und eigen- 
thümliche Diät. Die Massage wird in ganz eigenartiger Weise ausgeführt, 
und zwar dreimal täglich, einmal vor dem Frühstück, einmal vor dem Mittag- 
und einmal vor dem Abendbrot, jedesmal eine Viertelstunde lang. Der PatieDt 
liegt flach auf einem Sopha mit etwas an den Leib angezogenen Ober¬ 
schenkeln und gebeugten Knien, um die Bauchmusculatur zu erschlaffen. 
Der Arzt pufft nun zuerst mit der geballten Faust die Gegend der Magen¬ 
grube allmählich immer stärker, schliesslich die Faust so tief als möglich 
hineindrückend, wobei der Kranke sich bemühen muss, möglichst tief zu 
athmen. Hierauf kneift der Arzt die fetten Hautdecken des Bauches, die 
Fettträubchen so kräftig zerquetschend, »dass braune und blaue Flecken auf 
der Haut entstehen«. Endlich »springt der Arzt in ganzer Person auf den 
Leib des Patienten, so dass seine beiden Knie tief in die Magengrube hinein¬ 
drücken«. Der Arzt bleibt in hockender Stellung auf dem Kranken so lange, 
bis dieser anfangs 5mal bis zuletzt 30mal tief Athem geholt hat. Von 
heissen Bädern (36° R. bis 40° R.) werden Theiibäder verordnet, und zwar 
am ersten Tage am Morgen nach der Massage ein heisses Armbad, am 
zweiten Tage ein heisses Fussbad und am dritten Tage ein heisses Sitzbad, 
durch 15—20 Minuten. Bezüglich der Diät kommen die Speisen in sehr 
kleinen Portionen, die Getränke in kleinen Gläsern, kaum 50 Grm. fassend, 
zur Verwendung. Die Mahlzeiten werden mit grösster Pünktlichkeit alle drei 
Stunden gereicht, das erste Frühstück um 7V a Uhr, das zweite um 10 l 2 Uhr, 
das Mittagessen um l l j 2 Uhr, die Vesper um 4V 2 Uhr und das Abendbrot 
um l l /o Uhr. Durchaus verboten sind: Brot, Semmel, Kuchen, Butter, Fett, 
Zucker, Kaffee, Thee, Milch, Wein, Bier und Schnaps. Das erste Frühstück 
besteht in einem Stück holländischen oder Schweizer Käse (*/* Pfund) ohne 
Brot und Butter, oder man erhält 10 Backpflaumen oder ein Ei oder ein 
Tellerchen Bratkartoffeln, Kohlrüben oder ein Stück Schinken ohne Brot, 
oder ein Tellerchen Schoten- und Mohrrüben oder dicke Milch, oder etwas 
Kalbsmilch oder ein kleines Fleischbrot oder ein Rührei von einem Ei. Zum 
zweiten Frühstück giebt es eine Fricandelle oder Schoten, etwas Rindfleisch, 
Roastbeef oder dicke Milch, Käse oder ein Ei, Beefsteak oder Rührei mit 
Schinken, Kalbsmilch, Schinken. Zum Mittagbrot kommt eine Schnitte 
Hammelbraten, oder Roastbeef, oder Kalbsnierenbraten, oder Suppenrindfleisch, 
oder Filet, gefüllter Kohl, Schweinscotelette, Schmorbraten, Kalbsbraten, 
Kalbsleber, ein Stück Huhn, Hammelcotelette, aber niemals dazu Sauce oder 
Compot oder Salat. Zur Vesper erhält man Kohlrabi, Blumenkohl oder dicke 
Milch, Fruchteis, Obst, etwas süsse Speise. Zum Abendbrot giebt es Kalbs- 
milch oder Rührei von 1 Ei oder Ragout fin, Lachs, Klops, gefüllten Kohl, 
Schinken, Schollen, Forellen, Macaroni mit Schinken, Käse oder 1 Ei, dicke 
Milch, Seezunge, Zunge mit Pilzen. Zu keiner Mahlzeit darf getrunken 
werden; erst eine halbe Stunde nach der Mahlzeit wird ein kleines Gläschen 
Flüssigkeit erlaubt. Die Quantität von 0,4 Liter Sauerbrunnen darf nur im 
Lauf von 24 Stunden ausgetrunken werden und stets nur in kleinen Mengen 
zu höchstens 50 Grm. — Abends vor dem Schlafengehen wird immer noch zur 
Erfrischung etwas rohes Obst gestattet, auch darf eine Birne oder eine Pflaume 
in der Nacht, wenn Durst eintritt, genossen werden. Der Durst ist das 
Qualvollste der Cur, aber am dritten oder vierten Tage hat man sich adaptirt. 


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112 


Fettleibigkeit. 


Eine fernere Unbequemlichkeit ist die Stuhlverstopfung bei allen Kranken; 
die Fäces werden steinhart und nur mit Mühe und in geringer Menge ent¬ 
leert. Erwähnenswerth ist noch, dass der Sonntag ein curfreier Tag ist, an 
welchem weder massirt noch gebadet wird und der Kranke ganz nach seinem 
Belieben alles geniessen darf, was er will. Die Gewichtsverminderung beginnt 
bei dieser Entfettungscur schon in den ersten Tagen und soll stetig Wochen 
und Monate lang andauern, allerdings muss man »noch viele Wochen die 
Diät, wenn auch in etwas weniger strenger Weise fortsetzen«. 

Gegen die Schilddrüsentherapie bei Fettleibigkeit führt Ebstein ge¬ 
wichtige Bedenken an. Auf Grundlage seiner eigenen eingehend mitgetheilten 
Beobachtungen betont er, dass sich nicht alle Fettleibigen, die anscheinend 
im Alter, Geschlecht, Leibesbeschaffenheit, analoge Verhältnisse darbieten, 
der Schilddrüse gegenüber gleich verhalten. Infolge der beobachteten un¬ 
günstigen Nebenerscheinungen sei es wichtig, nicht nur auf gute Beschaffen¬ 
heit der Schilddrüsenpräparate zu sehen, sondern stets mit kleinen Dosen zu 
beginnen und nur allmählich die Dosirung zu erhöhen. Seine Schlüsse fasst 
Ebstein in folgenden Thesen zusammen: 1. Die Entfettungscuren mit Schild¬ 
drüsenpräparaten sind an ihren Ergebnissen unbefriedigend, weil die 
Gewichtsabnahme dabei inconstant ist und bei Gebrauch der üblichen Dosen 
anscheinend gar nicht selten völlig ausbleibt. In den Fällen aber, wo eine 
Gewichtsabnahme eintritt, hört sie nach einer kurzen Zeit auch bei Fort¬ 
gebrauch der bis dahin erfolgreich gewesenen Dosen auf; jedenfalls erlischt 
die Wirkung meist sofort mit dem Aussetzen des Mittels. Ebstein hat bei 
dem Gewichtsverluste, welcher durch Darreichung von Schilddrüsenpräparaten 
bei Fettleibigkeit erzielt wird, die Steigerung des Wohlbefindens vermisst, 
welche man bei Einwirkung von entsprechenden diätetischen Curen und Ein¬ 
haltung eines geeigneten Regimes zu sehen gewohnt ist. 2. Die Entfettung 
mit Schilddrüsenpräparaten ist keine rationelle Entfettungsmethode; 
als solche kann nur diejenige gelten, bei welcher der Körper nur Fett ver¬ 
liert und dann wenn sie mit ungiftigen Substanzen arbeitet. Bei der Schild¬ 
drüsenfütterung steht aber der Eiweissverlust in erster Linie und dann kann 
die Schilddrüsensubstanz nicht als ungefährlicher Stoff gelten. Man kann 
derartige giftige Mittel nur dann gelten lassen, wenn wir damit Krankheiten 
behandeln, welche schlimmer sind als die Mittel selbst. Die Behandlung des 
Myxödem mit Schilddrüsen ist rationell, aber die Fettleibigkeit ist in den 
Fällen, wo Scbilddrüsentherapie überhaupt in Frage kommen kann — bei 
den schlimmen Formen wird dies niemand wagen — doch zn gutartig, um 
den Patienten den Gefahren einer Schilddrüsenvergiftung auszusetzen. 3. End¬ 
lich brauchen wir die Schilddrüsenbehandlung der Fettleibigkeit nicht, wir 
haben genug Methoden, welche bei geschickter Handhabung guten Erfolg 
sichern, und zwar ohne mit Gefahren verbunden zu sein. 

Die Erfahrungen, welche Kisch über Thyroidebehandlung der Fett¬ 
leibigkeit gemacht hat, beziehen sich auf Fälle, in denen die Schilddrüsen¬ 
tabletten allein als Entfettungsmittel angewendet wurden und solche, in 
denen dieselben neben dem Gebrauche einer Marienbader Cur zur Verwen¬ 
dung kommen. In ersteren Fällen hat Kisch bei hochgradig fettleibigen In¬ 
dividuen mit der plethorischen Form der Lipomatosis universalis bei zwei- 
bis dreiwöchentlicher vorsichtiger Verabreichung der Tabletten, wenn die 
Diät nicht gründlich und in der Vermeidung von Fettansatz entsprechenden 
Weise geregelt wurde, nur geringe Gewichtsabnahme, etwa 1—3 Kgrm. 
binnen 2—3 Wochen gesehen; allerdings auch nur ausnahmsweise ungünstige 
Nebenerscheinungen. Bei anämischen Fettleibigen traten stärkere Gewichts¬ 
verluste auf, jedoch zugleich mit kardialen Beschwerden und nervösen 
Störungen, welche eine längere Verabreichung der Schilddrüsenpräparate 
verhinderten. Bei der letzteren Medication neben der Marienbader Cur 


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Fettleibigkeit. — Fortoin. 


113 


(Gebrauch der Glaubersalzwässer, hautreizende und schweisserregende Bäder, 
fettentziehende Diät) zeigte sich bei plethorischen kräftigen Fettleibigen 
keine wesentliche Aenderung der sonst beobachteten Gewichtsverluste zu¬ 
gunsten jener Curunterstützung, wohl aber traten Erscheinungen von Er¬ 
müdung und Abmattung in höherem Grade und früher ein, als dies sonst 
der Fall ist; die Unterstützungen mit dem Dynamometer zeigten wesent¬ 
liche Herabsetzung der Muskelkräfte, in zwei Fällen Glykosurie. Bei anämi¬ 
schen Fettleibigen oder bei Zeichen von Myodegeneration des Herzens wurde 
von dem Schilddrüsengebrauche bei der Marienbader Cur als gefährlich Ab¬ 
stand genommen. 

Literatur: Fb. Mülleb, Allgemeine Pathologie der Ernährung in v. Leydbn’ö Hand¬ 
buch der Ernährungstherapie und Diätetik. 1897, I, 1. Abtheilung. — W. Ebstein, Ueber die 
Stellung der Fettleibigkeit, der Gicht und der Zuckerkrankheit im nosologischen System. 
Vortrag gehalten in der Abth. f. innere Med. der 70. Versamml. deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Düsseldorf. 1898. — Felix Hibschfeld, Ueber Beziehungen zwischen Fettleibig¬ 
keit und Diabetes. Berliner klin. Wochenschr. 1898, Nr. 10. — P. F. Richteb, Ueber Ent- 
fettungscuren. Zeitschr. f. diabet. u. physikal. Therapie. 1898, I, 4. Heft. — W. Ebstein, Be¬ 
merkungen über die Behandlung der Fettleibigkeit mit Schilddrüsenpräparaten. Deutsche 
med. Wochenschr. 1899, Nr. 1 und 2. — H. Cohn, Ueber Schweninqeb’s Entfettungscuren. 
Wiener med. Presse. 1898, Nr. 5. — E.H. Kisch, Die Schilddrüsentherapie bei Fettleibig¬ 
keit. Ebenda. 1899, Nr. 6. Kisch. 


Fluoroform, Trifluormethan, CHF1 3 , ist ein Gas, welches sich 
zu 2,8% in Wasser löst. Die wässerige Lösung wurde als Fluoroform- 
wasser, Aqua fluoroformii von Stepp bei verschiedenen Formen der 
Tuberkulose erprobt und sehr wirksam befunden. 

Zur Darstellung des Fluoroforms werden gleiche Gewichtstheile Jodoform und 
Fluorsilber (1 Kgrm.) innig mit Sand gemischt und auf dem Wasserbade erwärmt. Bei circa 
40° C. beginnt die Reaction und geht allmählich ohne weitere Wärmezufuhr bis zu Ende. 
Das frei werdende Fluoroform wird durch Alkohol geleitet, wo es von Jodoformgeruch und 
sonstigen Jodverbindungen gereinigt wird, und tritt von hier in ein zweites, mit Kupfer- 
chlorür gefülltes Wascbgefäss, wo es etwa anhaftendes Kohlenoxyd abgiebt; das nun chemisch 
reine Fluoroform wird über Wasser aufgefangen. Das Verfahren ist der Firma Valen- 
tiner & Schwarz in Leipzig-Plagwitz patentirt worden. 

Von 14 Fällen von Lungentuberkulose wurden 9, in denen es sich um 
jahrelang bestehende derbe Infiltrate handelte, sehr günstig beeinflusst, Aus¬ 
wurf und Nachtschweisse Hessen nach, das Körpergewicht nahm zu; in den 
übrigen 5 Fällen mit Cavernenbildung und Neigung zu raschem Zerfall blieb 
der Erfolg aus. Noch günstiger war der Erfolg bei peripherischer Tuber¬ 
kulose — tuberkulöse Kniegelenkentzündung mit starker Eiterabsonderung, 
tuberkulösem Analgeschwür, bei Lupus im Gesichte trat nach 4wöchentlicher 
bis mehrmonatlicher Behandlung möglichste Besserung bis Heilung ein. Das 
Fluoroformwasser ist nahezu geruch- und geschmacklos und hinterlässt beim 
Schlucken ein leichtes Kratzen im Gaumen. 

Dosirung. Innerlich 4—5mal täglich 1 Kaffee- oder Esslöffel. 

Literatur: Hofrath Dr. Stepp, Ueber die Erfolge der Anwendung des Fluoroforms 
gegen Tuberkulose. Vortrag beim mittelfränkischen Aerztetag in Nürnberg. Münchener med. 
Wochenschr. 1899, Nr. 29. Loebisch. 


Fortoin , Patentname für Formaldehydcotoin oder besser Me- 
C H 0 

thylendicotoin, CHo^p 1 * 11 ^ 4 , wurde von Overlach als antimykotisches 

U 14 il 11 U 4 

und zugleich adstringirendes Mittel empfohlen. Das aus der Cotorinde dar¬ 
gestellte Cotoin konnte wegen seines scharfen Geruches und Geschmackes 
arzneilich nicht verwendet werden. Das von den Chininfabriken Zimmer & 
Comp, dargestellte Condensationsproduct aus Cotoin und Formaldehyd 
das Fortoin, bildet jedoch gelbe, zart nach Zimmt riechende, geschmacklose 
Krystalle, welche bei 211—213° C. unter Zersetzung schmelzen, sich in 
Chloroform, Aceton und Eisessig leicht, in Alkohol, Aether, Benzol schwer 


Encyclop. Jahrbücher. IX. 

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114 


Fortoin. — Frakturenverbände. 


lösen, in Wasser unlöslich sind, jedoch in Alkalien sehr leicht löslich. Over¬ 
lach versuchte das Mittel innerlich als Antidiarrhoicum in 8 Typhusfällen 
5mal mit deutlichem, 3mal ohne wesentlichen Erfolg“. Aeusserlich zeigte es 
sich bei eiterigen Belegen der Mandeln in Form von Pinselungen, bei Gonor¬ 
rhoe der Urethralschleimhaut in Form von Spülungen sehr wirksam. 

Dosirung. Innerlich: Erwachsenen 0,25—0,5 3mal täglich als Ad¬ 
stringens. Aeusserlich als 3mal tägliche Pinselungen mit einer Emulsion 
von 0,5 Fortoin in 5 Ccm. Alkohol und 45 Ccm. Aq. destill., bei Angina 
Spülungen, bei acuter Gonorrhoe mit einer Fortoinemulsion von 1,0 auf 
10 Ccm. 95%igen Alkohol und 150 Ccm. Aq. destill., hiervon nach Umscbütteln 
1 Esslöffel auf je 100,0 Wasser. Das Mittel ist wegen des hohen Preises 
der Cotorinde sehr theuer. 

Literatur: Overlach, Ueber Fortoin, ein neues Cotoinpriiparat. Centralbl. f. innere 
Med. 1900, Nr. 10. Loebisch. 

Frakturenverbände. Dem alten geschlossenen Gipsverbande, 
der einst einen grossen Fortschritt bedeutete, ist in der Behandlung der 
Knochenbrüche nur noch ein verhältnissmässig kleines Gebiet übrigge¬ 
blieben. So lange diese Behandlung kein anderes Ziel kannte, als den 
Knochenbruch mit möglichst geringer Formabweichung zu heilen, und 
um die so wichtigen Functionsstörungen sich zunächst nicht kümmerte, 
so lange brauchte man eben nichts weiter als Feststellung des gebro¬ 
chenen Gliedes bis zur völligen Consolidation des Bruches, und dazu eignete 
sich der Gips verband allerdings sehr gut. Die heutige Chirurgie begnügt 
sich aber damit nicht mehr; sie hat das Ziel der Frakturenbehand¬ 
lung weiter hinausgerückt, indem sie mit der Heilung des Bruches an sich, 
d. h. mit der Consolidation der Fragmente, gleichzeitig die Wiederherstellung 
der Gebrauchsfähigkeit des Gliedes erstrebt. Es ist nicht zu bezweifeln, 
dass die Chirurgie diesen grossen Fortschritt über kurz oder lang aus sich 
allein gemacht haben würde, aber er ist durch den Druck der modernen 
socialen Gesetze, zumal unter dem des Unfallgesetzes, beschleunigt worden. 

Dieser so gänzlich veränderte Standpunkt in der Behandlung der 
Knochenbrüche musste nothwendig eine Veränderung der vorher angewandten 
Mittel zur Folge haben. Vor allen Dingen kam es darauf an, die oft so 
schwer oder selbst gar nicht zu beseitigenden Atrophieen der Weichtheile 
und die Versteifung der Gelenke, weiterhin aber auch die Pseudarthrose 
und die Calluswucherungen zu verhindern, und dazu erwiesen sich, neben 
sorgfältiger Vermeidung jeder Dislocation der Bruchenden, frühzeitig ein¬ 
setzende Massage und Bewegungen als sichere Schutzmittel. Diese aber 
vertrugen sich nicht mit dem alten geschlossenen Gipsverbande, und so 
galt es denn, die bisher gebräuchlichen Behandlungsmethoden zweckent¬ 
sprechend umzuwandeln oder neue zu ersinnen. Die seit etwa 10 Jahren 
entfaltete ausserordentliche Thätigkeit auf diesem Gebiete tritt vorzugs¬ 
weise in Erscheinung einerseits im Geh verbände und andererseits in den 
hoch entwickelten Zug- und Schienenverbänden. Das Sonderbarste aber 
ist, dass die Behandlung der Beinbrüche im Umhergehen nicht von Aerzten, 
sondern von einem Laien ausging; eine Thatsache, die man freilich dadurch 
abzuschwächen gesucht hat, dass man diese Schienenhülsenverbände als gar 
nicht etwas Besonderes hinstellte. Wieweit das richtig ist, mag hier unerörtert 
bleiben, die geschichtliche Thatsache an sich wird dadurch nicht berührt. 


/. Gehverband . 

Der Gehverband hat mehr und mehr Verbreitung gefunden, wennschon 
eine Uebereinstimmung der Meinungen noch keineswegs in allen Punkten 
erreicht ist. Einige wollen den Verband womöglich sofort nach der Ver- 


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Frakturenverbände. 


115 


letzung anlegen, andere wollen bis zur Beseitigung des Blutergusses, d. h. 
bei Unterschenkelbrüchen etwa 4—6 Tage, bei Oberschenkelbrüchen 2 bis 
2 1 /* Wochen lang die Extension anwenden. Einige wollen alle Brüche der 
unteren Gliedmassen mit dem Gehverbande behandeln, andere wollen ihn 
nur auf die Unterschenkelbrüche beschränken, und selbst da sollen Schräg- 
und Spiralbrüche, sowie Knöchelbrüche ausgeschlossen sein. Andere warnen 
vor dem Verfahren bei Gelenkfrakturen und bei Frakturen in Gelenknähe. 
Tietz ! ) sah mächtige Calluswucherungen, die mit ihren Stacheln und Zacken 
sich in Muskeln und Zwischenräume eindrängten, und fürchtet nun, dass 
derartige Wucherungen bei Gelenkbrüchen schlimme Störungen hervor¬ 
bringen könnten. Honigmann 2 ) verlangt, dass Landärzte den Gehverband 
überhaupt nicht anwenden; sie sollen den Verletzten liegen lassen mit einem 
Verbände, den sie alle 8 Tage wechseln zur Vornahme von Bewegungen und 
Massage. 

Schuohardt 2Ö ) theilt vom therapeutischen Gesichtspunkte aus die Brüche 
ein in solche, bei denen sofort der endgiltige Verband angelegt wird, und 
in solche, die einen vorläufigen und einen endgiltigen Verband fordern. Zu 
jenen gehören die mit geringem Bluterguss verbundenen Brüche der kleinen 
Knochen und die Brüche grösserer Röhrenknochen, die mit dem Zugver- 
bande behandelt werden sollen, d. h. alle Oberschenkelbrüche (mit Ausnahme 
derjenigen dicht oberhalb des Knies), sowie die meisten Brüche der Mitte 
und des oberen Endes des Humerus, die Schrägbrüche des Unterschenkels 
u. ähnl. Die Extension wird nur so lange angewendet, bis die Fraktur keine 
Neigung zu Verschiebungen mehr hat, obwohl der Callus noch weich und 
der Knochen noch nicht tragfähig ist. Dieser Zeitpunkt tritt bei Oberschenkel¬ 
brüchen etwa 3 Wochen nach der Verletzung ein, und nun wird der Streck¬ 
verband durch den Gehverband ersetzt. Im Gegensatz zu Bardenheuer em¬ 
pfiehlt Schuchardt, bei Schenkelhalsbrüchen alter Leute den Zugverband 
zunächst sechs Wochen ununterbrochen anzuwenden. Es handelt sich also 
im allgemeinen um Brüche, die eine besondere, eigens vorzunehmende Ein¬ 
richtung nicht erheischen, sondern wo die Einrichtung durch die Wirkung 
des Verbandes von selbst herbeigeführt wird. 

Bei der zweiten Art von Brüchen (in erster Linie der typische Radius¬ 
bruch und der Pronationsbruch des Unterschenkels) ist die Einrichtung 
schwierig und wird aus Zweckmässigkeitsgründen erst vorgenommen, wenn 
die Anschwellung ihren Höhepunkt erreicht hat. Daher fordern diese Brüche 
einen vorläufigen Verband, d. h. man lagert am besten das gebrochene Glied 
unreponirt auf eine Schiene, nimmt nach einigen Tagen in Narkose die Ein¬ 
richtung vor und legt einen Gipsverband an, der nach 8—10 Tagen er¬ 
neuert wird. Diese Erneuerung ist ohnehin in der Regel schon deshalb nöthig, 
weil der Verband infolge der inzwischen erfolgten Abschwellung zu weit 
geworden ist. Da der Callus noch weich ist, so kann eine etwa nöthige 
Stellungsverbesserung leicht vorgenommen werden. Dass man die Resorption 
von Blutergüssen zu beschleunigen, den Muskelschwund und die Gelenkver¬ 
steifung zu verhüten sucht, ist selbstverständlich. Unter keinen Umständen 
aber darf durch das Streben nach einer freien Beweglichkeit der Gelenke 
die richtige Scellung der Bruchenden beeinträchtigt werden, und hiernach 
ist die Behandlung der Knochenbrüche mit »Gehverbänden« in vernünftiger 
Weise einzuschränken. Zur guten Heilung eines Oberschenkelbruches reicht 
der gewöhnlich empfohlene Gipsverband in keiner Weise aus, und Schi chardt 
warnt daher vor Uebertragung dieser Kunststücke auf die Praxis. 

Nun ist ja gewiss richtig, dass der Gehverband schwieriger ist als 
der gewöhnliche Gipsverband, dass an ihn viel grössere Anforderungen ge¬ 
stellt werden und dass er sorgsamer überwacht werden muss; aber dennoch 
geht die HoxiGMANNsche Forderung zu weit , und längst ist sie durch die 


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0ik;8*:: frcm 

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116 


F rakturen verbände. 


Tbatsachen widerlegt, dass eine ganze Reihe von Landärzten das Verfahren 
mit gutem Erfolge angewandt hat. Freilich, wer keine geschickte Hand 
hat, wer im Verbandanlegen keine Erfahrung besitzt, der soll von Gips- 
Gehverbänden fern bleiben. 

Riedel *) legt besonderen Werth darauf, dass nur die Stützpunkte des 
Verbandes mit einer leichten Polsterung versehen werden und dass man 
sich beim Anlegen des Flaschenzuges bedient. Bei Ober- wie bei Unter- 
schenkelbrüchen setzt der Zug ein mit Hilfe eines oberhalb der Ferse und 
des Spannes angelegten Bindenzügels, der nach dem Erhärten durch seit¬ 
liche Fensterschnitte wieder entfernt wird. Knöchelbrüche schliesst auch 
Riedel vom Gips-Geh verbände aus. Er wartet mit dem Anlegen, bis die 
Schwellung von selbst oder durch Massage zurfickgebildet ist, d. h. bei ein¬ 
fachen Brüchen eine, bei schweren und complicirten Brüchen zwei bis drei 
Wochen. 

Beim Anlegen des Verbandes liegt der Verletzte auf einem kräftigen 
Tische, der an einem Wandhaken oder sonstwo festgebunden ist, um dem 
Zuge später Widerstand leisten zu können. Der Flaschenzug wird am anderen 
Ende des Zimmers, etwa an einem an den Thürpfosten befestigten Quer¬ 
balken angebracht, und zwar genau in der Höhe des Beckens. Der Verletzte 
selbst wird durch eine am Tischrande angebrachte Beckenstütze festgehalten. 


Fig. S. 



Zum grossen Tbeil hängt das Gelingen ab von der richtigen Anwen¬ 
dung der Zugschlinge: von zwei etwa 1 *j % Meter langen kräftigen Flanell¬ 
bindenzügeln wird der eine hinten quer, oberhalb der Hacke, der andere vorn 
quer über den Fussrücken gelegt, und zwar so, dass beide sich an den Knöchel¬ 
spitzen kreuzen (Fig. 3); hier an dieser Kreuzungsstelle werden die Binden 
beiderseits mit Bindfaden fest verknüpft und ihre freien Enden dann zu¬ 
sammengeknotet zu einer Schleife, in die man den Haken des Flaschenzuges 
einhakt. Zum Schutze der Fussränder wird die Schlinge in der Nähe der 
Fusssohle durch eine Holzspreize auseinandergehalten. 

Unter langsamem Anziehen des Flaschenzuges werden, am besten in 
Narkose, die Bruchenden genau eingerichtet und darnach das Flaschenzug¬ 
seil festgelegt. Die Bruchstelle, erforderlichenfalls auch das Knie, wird durch 
einen an der Zimmerdecke oder an einem anderen festen Punkte ange¬ 
brachten Bindenzügel unterstützt. Ein Gehilfe hält an den Zehen den Fuss 
in richtiger Stellung. Nach Polsterung der Stützpunkte umgiebt Riedel das 
Glied mit einer 1—2schichtigen Mullbindeneinwicklung. Der Verband besteht 
aus 2—3 Lagen Gipsstreifen, wobei rein circuläre Touren vermieden werden. 
Jede Gelenkgegend wird durch Gips-Gazestreifen verstärkt, der ganze Ver¬ 
band mit nicht zu dicker Lage Gipsbrei überstrichen und dann an den 
Gelenken nochmals Gaze in mehreren Streifen aufgelegt. Nach dem Er¬ 
härten werden die Bindenzügel herausgeschnitten: man bringt zunächst an 


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Frakturenverbände. 


117 


der einen Seite ein Fenster an und durehschneidet den Flanellstreifen ober¬ 
halb oder mitsammt der Verknüpfung, dann bringt man auf der anderen 
Seite ein Fenster an und zieht den Streifen heraus: der dadurch entstan¬ 
dene Schaden wird ausgebessert. Nach zwei Tagen beginnen die Gehversuche. 

Bei complicirten Frakturen muss das ausgeschnittene Fenster nach 
Jedesmaligem Verbandwechsel mit Watte verstopft und dieses Polster durch 
eine Binde fest angedrückt werden, weil sonst eine starke Schwellung im 
Bereiche des Fensters eintritt. 

Je nach der Schwere des Falles bleibt der Verband 4—7 Wochen 
liegen und wird dann bei noch nicht genügender Consolidation durch einen 
eng anliegenden Wasserglasverband ersetzt. Nach Abnahme des Verbandes 
ist für einige Tage Bettruhe nöthig; das Gehen ohne Verband ist anfangs 
schlechter als mit Verband und Massage, Elektricität etc. müssen nachhelfen. 
Die Resultate waren sehr befriedigend; manche Fälle heilten ohne Jede Ver¬ 
kürzung, und das setzt Riedel auf Rechnung des Flaschenzuges, der eine 
ideale Reposition ermöglicht. 

Wörner 4 ) benutzt zur Gehbehandlung schwerer complicirter Frakturen 
der unteren Extremitäten die von Kirsch und Länderer eingeführten Cellu¬ 
loid verbände. Er war von den DöLUXGERschen Gipsverbänden bei subcu- 
tanen Brüchen sehr befriedigt, sie auf offene Frakturen, zumal solchen mit 
schweren Zertrümmerungen, zu übertragen, geht aber nicht an; der einfache 
Gipsverband reicht nicht aus, und die mit Gelenkschienen versehenen sind zu 
schwer und der Gips wird ausserdem vom Secret durchtränkt. Er griff daher 
zum Celluloidverbande, der ein sehr geringes Gewicht hat, gegen Nässe 
unempfindlich ist, leicht gefenstert und nach Bedarf geändert werden kann. 

Zum Celluloidverbande ist ein Gipsmodell erforderlich, das unter 
Extension auf der blossen gefetteten Haut angelegt wird. Da aber alle 
Zertrümmerungsbrüche mit ausgedehnten WeichtheilVerletzungen in der ersten 
Zeit der Ruhe bedürfen, so muss man 3—6 Wochen warten, ehe man das 
Gipsmodell anfertigt. 

Der Zug bleibt auch während des Erstarrens. Soll das Bein schweben, 
also nicht auftreten, so wird auf die Fusssohle eine etwa 2 Cm. dicke Filz¬ 
oder Watteschicht gelegt. Die abgenommene und wieder geschlossene Hülse 
wird stark gefettet, um ein zu festes Verkleben des Celluloidbreies mit dem 
Gipse zu verhüten. Nach dem Gipsabgüsse wird eine Celluloidsohle ge¬ 
formt, die in der Knöchelgegend mit Ansätzen für Gelenkschienen versehen 
ist. Zur Herstellung der Beweglichkeit dienen Gelenke aus Eisenblech 
oder — besser, weil leichter — vorher aus Celluloidplatten angefertigte 
Gelenkstücke, die zwischen die Celluloid-Mullschichten eingefügt werden. Die 
Gelenkgegend wird durch dick mit Vaseline bestrichene Läppchen vor dem 
Beschmieren mit Celluloid geschützt. 

Nach dem Erstarren wird der Verband aufgeschnitten, an versucht und 
mit Schnürung und Lederpolsterung versehen. Der fertige Verband kann 
nach Bedarf gefenstert, abgenommen und wieder angelegt werden; so sind 
auch passive Bewegungen möglich. Selbst bei noch beweglichen Fragmenten 
gingen die Kranken leicht und schmerzlos umher. Das Gewicht eines solchen 
Verbandes beträgt 1060 Grm. Die Feuergefährlichkeit, die übrigens nur 
beim Halten in eine Flamme in Betracht kommt, soll nach Maas 5 ) durch 
Zusatz von Chlormagnesium zum Celluloidbrei beseitigt werden. 

Auch für die Behandlung der Schussfrakturen im Kriege hat man 
den Gips-Gehverband in Aussicht genommen, und ganz besonders ist der 
erfahrene Habart für ihn eingetreten. Ohne Zweifel liegen die durch die 
heutigen Schusswaffen bedingten Verletzungen vielfach günstig für diesen 
Verband. In einer grossen Zahl von Fällen wird in künftigen Kriegen es 
möglich sein, die Wunde mit einem einfachen Dauerverbande zu versehen, der 


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118 


F rakturenverbände. 


wochenlang liegen bleiben kann, und in eben diesen Fällen wird der Geh¬ 
verband grosse Vortheile gewähren. 

Ganz abgesehen von allem anderen wird namentlich die Ueberführung 
und Pflege der Verwundeten erheblich erleichtert. Für die Feldlazarethe 
kann der Gips ohneweiters zugelassen werden, dagegen für die Haupt¬ 
verbandplätze nur ausnahmsweise, für die Truppenverbandplätze dagegen 
überhaupt nicht in Betracht kommen. 

Habart verfährt nun so: Das ganze Bein wird rasirt, gebürstet und 
mit Sublimatlösung gewaschen, die Wunde verbunden und für die erste 
Zeit die Bruxs sehe Extensionsschiene oder eine dem ähnliche mit 5 bis 
7 Kgrm. Zuggewicht angelegt. Nach etwa 7 Tagen folgt der Gipsverband, 
bestehend aus zwei unmittelbar auf die Haut gelegten Gipskataplasmen. 
Durch Anpressen an den Sitzknorren wird aus dem hinteren Kataplasma 
ein Stützpunkt gewonnen, so dass der Verwundete später auf der erhärteten 
Schiene reitet. Das vordere Kataplasma wird durch Calicotbinden mit dem 
hinteren Kataplasma zu einem Ganzen verbunden, der Verband durch eine 
Schusterspanschiene verstärkt und durch eine DöLLiNGER sche Sohle ergänzt. 
Durch eine der Wattepolsterung untergelegte Schusterspansohle wird das 
Gehen erleichtert. Der gesunde Fuss wird durch eine Korksohle erhöht. 


II. Schienen und Schienenverbände. 

Bruns 6 ) hat die allbekannte VoLKMAXN'sche Schiene nach mehr als 
einer Richtung hin in zweckmässiger Weise geändert. Zunächst lässt er sie 
nicht aus verzinntem, sondern verzinktem Eisenblech herstellen, so dass sie 
nicht rostet und weder vom Schweiss noch anderen Feuchtigkeiten be¬ 
schädigt wird. Sodann besteht die Rinne aus zwei Theilen, die sich über- 
einanderschieben lassen und somit ein Verlängern oder Verkürzen gestatten, 
eine Aenderung, die übrigens nicht neu ist (Fig. 4). 

An dem oberen Ende der Fussplatte ist ferner ein Querbalken ange¬ 
bracht, der vor- und zurückklappbar ist und zum Aufhängen des Fusses und 
damit zur Verhinderung von Druck durch den Rand des Fersenausschnittes 
dient. Zu diesem Zwecke wird ein am äusseren und inneren Fussrande an¬ 
geklebter Heftpflasterstreifen mit seiner Mitte über den Aufhängebalken 
geführt. Dieser hält gleichzeitig die Bettdecke von den Zehen ab und ersetzt 
mithin die Reifenbahre. 

Schliesslich ist an Stelle des T-Bügels eine Fussstütze in Form zweier 
beweglicher Arme aus Rundeisen angebracht, die geöffnet und geschlossen, 
sowie höher und niedriger gestellt werden können. Durch das Umklappen 
des Aufhängebalkens einerseits und das Schliessen und Hochschieben der 
Stütze anderseits lässt sich eine ganze Anzahl von Schienen ineinanderlegen 
und infolgedessen leicht transportiren. Noch weniger Platz würde die 
Schiene einnehmen, wenn auch die Fussplatte zum Niederklappen einge¬ 
richtet würde, etwa mittels jener sehr einfachen Vorrichtung, die man häufig 
bei Sitzstöcken findet. 

Die halbkreisförmig gebogenen unteren Enden der Stützenarme gleiten 
leicht auf untergelegten Brettchen und ermöglichen somit ohneweiters die 
Anwendung des Zuges (Fig. 5). Die Schiene ist zum Preise von M. 10,50 
von Beuerle in Tübingen zu beziehen. 

Die Firma Evens und Pistor in Cassel hat nun wieder die Bruns- 
sche Schiene verändert, indem sie auf die alte VoLKMANx'sche T-Stütze zu¬ 
rückgriff und diese mit Rollen versah, die auf einem Brette mit Schienen 
laufen (vergl. die BRAATz'sche Vorrichtung). Ferner ist ein T-Eisen beige¬ 
geben, das durch Schraubenvorrichtung in rechte und linke Winkelstellung 
gebracht werden kann. 


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Frakturen verbände. 



Kohlmetz 7 ) in Sprokhövel hat als Schienenmaterial Walzblei ange¬ 
geben, das mit einen» Zeugstoffe überzogen ist. Das Walzblei ist biegsam 


wie Wachs, lässt sich mit Messer und Schere schneiden und durch Drücken 
dem Körpertheiie leicht anschmiegen- Ebenso leicht lassen sich Fenster 
anbringen, Verstärkungsschienen auflegen u. s. f. Es fragt sich nur, ob der 
Stoff für grössere Schienenverbände nicht zu schwer ist und ob anderer¬ 
seits sehr dünne Blätter die nöthige Festigkeit besitzen. 


Der Gedanke, das Walzblei zu feststellenden Verbänden zu benutzen, ist 
»ehr richtig. Das Material ist äusserst plastisch, folgt in der That jedem 













] ‘JO Frakt.urenvBrbänd»:. 

Druck de« Fingers, und fco Hisst öich beispielsweise eine Reri.iy sdte SpiraJL- 
sebiene leicht -and tri kürzester Zeit Herstellen. 

So wie der Schieneristoff jetzt ist, würden grossere Verbände allerdings 
zu schwer - aber jedenfalls lassen sich die Bleiplatteu, unbeschadet ihrer 
Festigkeit, noch erheblich dünner walzen ; bei Vorderarmhrüchen kommt 
zudem die Schwüre nicht allzusehr in Betracht, da der Arte ja doch in der 
ifftella getragen wird. allen Uinge» ab«r dürfte das Watzblei sich für 

Xöth- und Träftsppttveebände, besonders auch für den Unterschenkel eui- 
pfebleu. Im Nu lat die entsprechend grosse Platt« zu einer Rinne oder 
Schiene zurecht gebogen und mit den erforderlichen Ausschnitten versehen. 


DiU Cebertraghng des Streckmetalls, in die Vorbandlehre ver¬ 
danken wir *) ih Basel. Dieses aus gestanztem Blech bestehende 

Ultterwerk benutzt die Bautechnik im Verein npt Gips zur Herstellung von 
Wänden und Decken. Der Stoff eignet sich .yerköjglioh *o ScbieMeo und ähjaedt 
den RlJtjneugittervflrbändoii. igl aber ahgieicb halt baref als diese. Man verfährt 
genau so wie bei Anfertigung einer Papp* oder Biechsehfene; schneidet aus 
den von der Fabrik gelieferten Tafeln mit der Blechschere ein entsprechend 
grosses Stück ab und gieM ihm mit der Hand die ge wünsch io Form Fs 
schmiegt eich der Körper form so ttn, dass im Xuthlaiie eine besondere Untere 
Polsterung nicht ui'-ibig ist, die Kku'dof gewähren genügenden Schutz. Anden 
Biegungen der Gelenke Kchn“idet man von beiden Seiten her ein Drittel der 
Sehieneobreite ein, stellt die. beiden Tbeife in den gewünschten Winkel und ver¬ 


bindet die übereinandergreifenilon Flächen mil den uächstUegenden Maschen 
des Gitterwerkes. Das Strcckmetali giebt so für sich allein schon brauchbare 
,S|chiene>n Und LagervurrichtUngen : vergipst man aber das Ganze, so entstehen 
Vt'‘bände von ungemeiner Festigkeit. Das Vergipsen ist sehr einfach: man legt 

•• ; .ä vfi“ -''' \ ireirMtlaiöiH An ft. firriöVfewalft . PtD‘tiö{nar«.nti 


’-Wi- gspnlsterUrr, Körpertheii; ein Stück tveitptaschfger Paefcieinwand 
uHdünrrsittcihar darüber die Scbifme. dH) märt der Kör per form an schmiegt 
Die Leinwand nnjss so gross sein, das* din v hjsigbschlagonen Ränder auch 
di*!. : Aijissenbibfhe' ■ ibsg Schiene«.Wd»vkd»F-lil»«R:. kireiobt man mit den Händen 
•Moktlössigen Gipsbrei in die Maschen des Gitters glatt »io, - ebnet', die 
Zwischenräune.' aus. sind Schlägt nun die überschüssige Packleinwand über 






Frakturenverbände. 


121 


die Ränder nach aussen und umhüllt mit ihr die Schiene. Das Ganze ist 
also ein durch das Streckmetall gestütztes Gipskataplasma. Nimmt man 
guten Gips, heisses Wasser und etwas Alaun, so erfolgt das Erstarren sehr 
rasch. Die Kanten des Gitterwerkes sind, wie bei jedem feinen Blech, sehr 
scharf, man hüte sich daher vor Verletzung. — Der Stoff wird geliefert 
von der Firma Schüchtermann & Kremer in Dortmund und ist sehr billig. 

Fiber ist nach Wiener 9 ) ein ideales Schienenmaterial, dessen Fabri- 
cation ein Geheimniss ist. Der Stoff wird zur Anfertigung von Hausgeräthen 
und in der Elektrotechnik zum Isoliren benutzt; er kommt in den Handel 
als Platten von verschiedener Dicke, ist im gewöhnlichen Zustande unhand¬ 
lich, in heissem Wasser aber quillt der Stoff auf und wird biegsam wie 
weiches Leder. In diesem Zustande um das Glied gelegt und umgewickelt, 
giebt er, getrocknet, eine der Form des Gliedes entsprechende Schiene oder 
Hülse. Die Anwendungsweise ist also die gleiche wie bei der Guttapercha, 
bei beiden ist das Anbringen der heissen Schiene und das Trocknen unan¬ 
genehm. Das lässt sich aber nach Wiener vermeiden: es genügt, nach einem 
Papiermuster die Kapsel zuzuschneiden, aufzuweichen und bis zur Berührung 
der Kanten zusammenzurollen. Dann wird, nach Umbiegen des oberen und 
unteren Randes, die Kapsel getrocknet, in die Stahlschienen eingeniethet, 
mit Flanell gepolstert, mit Schellack angestrichen und mit Schnürvorrichtung 
versehen. Der für Gehverbände bei Knochenbrüchen erforderliche Rahmen 
sei so einfach, dass ihn jeder Schlosser anfertigen könne. Säuren und Alka¬ 
lien greifen den Stoff sehr wenig an; Blut wird abgeseift, Fett mit Aether 
entfernt. Fiber ist billig, leicht und durch siedendes Wasser sterilisirbar. 
Alleinverkauf bei V. Müller & Co., 230 Ogden Av., Chicago. 

Port 10 ), der Meister auf dem Gebiete der »Improvisationstechnik«, 
empfiehlt die Bandeisenverbände, die in erster Linie für den Krieg be¬ 
rechnet sind, die aber auch im Frieden von Nutzen sein können. Nicht 
blos vor 30 Jahren, wie Port bezeugt, war das Verbandwesen der mangel¬ 
hafteste Theil der Kriegschirurgie; das verhält sich im wesentlichen auch 
heute noch so, und doch steht das Verbandwesen an Wichtigkeit keinem 
Theile der Kriegschirurgie nach. Geformte, schon im Frieden fertig herge¬ 
richtete Verbände in ausreichender Zahl mitzuführen ist unmöglich, und so 
stehen auf dem Truppenverbandplätze nur Strohschienen, Siebdraht- und 
Schusterspanschienen zur Verfügung. Das ist durchaus unzureichend, und 
nicht ohne Schaudern kann man an die Nothverbände denken, wie sie aus 
Flinten, Säbelscheiden, Säbelkoppeln, Tornistern u. a. hergerichtet werden 
und hergerichtet werden müssen. An Bemühungen, den von der Wundbe¬ 
handlung und der Humanität gestellten Anforderungen gerecht zu werden, 
hat es durchaus nicht gefehlt, aber bis jetzt ist es nicht gelungen, diese 
Aufgabe zu lösen. 

Niemand hat auf diesem Gebiete mehr geleistet als Port ; zuerst, 
anfangs der Sechzigerjahre, machte er Versuche mit der Massenfabrication 
von Verbandkapseln aus Papier und Topfenkitt; dann kam der Gips- 
verband, der neben Vortheilen auch Schattenseiten hat. Bei Knie¬ 
schüssen hat er sich trefflich bewährt; anders aber liegen die Dinge bei 
Schussfrakturen, zumal bei denen des Oberschenkels. Selbstverständlich kann 
auf dem Gefechtsfelde selbst vom Anlegen eines Gipsverbandes (sei es als 
einfach feststellender Verband, sei es als Geh verband) keine Rede sein; er 
kann nur für den Hauptverbandplatz und auch hier nur unter ganz beson¬ 
ders günstigen Verhältnissen in Frage kommen. Auch bei tadellosen und 
von geschickten Händen angelegten Verbänden wird es geschehen, dass aus 
irgend welchen Gründen nach der Ueberführung in das Lazareth der Ver¬ 
band abgenommen werden muss. Das Abnehmen aber ist viel schlimmer 
als das Anlegen, das meist doch auch wieder nöthig ist. Nicht minder um- 


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122« t Frakturenverbände.5 

ständlich ist das Fenstern des Verbandes, ganz abgesehen davon, dass meist 
zwei Fenster nöthig sind, die bei ausreichender Grösse die Festigkeit des 
Verbandes schädigen. Auch der unterbrochene Gipsverband ist w T ie der 
Kataplasmaverband zeitraubend und ungenügend. 

Port war daher unablässig bemüht, Ersatzmittel für den Gips zu 
finden. Es konnte nur Eisen in Betracht gezogen werden, und nachdem 
er sich lange mit Draht verbänden aus Telegraphendraht und mit Blech¬ 
verbänden aus Conservenbüchsen beschäftigt hatte, verfiel er auf das 
Bandeisen. 

Er geht von dem Grundsätze aus, dass alle Schussfrakturen — ausge¬ 
nommen die mit Zerreissung grosser Gefässe oder ausgedehnter Zerstörung 
der Weichtheile verbundenen —, sobald sie in ärztliche Hilfe gelangen, d. h. 
auf dem Truppenverbandplätze, so versorgt werden, dass sie bis zur An¬ 
kunft im Lazareth keiner Nachhilfe bedürfen. Soll das geschehen, dann 
müssen für die unteren Extremitäten die nöthigen Verbände vorhanden sein; 
sie sind aber nicht vorhanden, sondern müssen erst in Feindesland oder 
auf dem Kriegsschauplätze beschafft werden. 

Deshalb verlangt Port die Anfertigung der Verbände auf dem Marsche 
selbst; Bandeisen giebt es überall, an Fässern, Kisten, Zäunen; da wird es 
gesammelt und alsbald verarbeitet. Das erforderliche Handwerkzeug muss 


Fig. 8. 





III IT 

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beschafft und die nöthige Fertigkeit erworben sein. Zu letzterem Zwecke 
muss eine Anzahl von Aerzten und Lazarethgehilfen in der Verbandschlosserei 
unterrichtet sein. Diese Forderung mag sonderbar erscheinen, ist es aber 
durchaus nicht, denn jeder tüchtige Orthopäde muss in der Schlosserei Be¬ 
scheid wissen. 

Der Beinverband (Fig. 8) besteht aus zwei Unterschenkelschienen mit 
beweglicher Fusslehne und zwei Verlängerungsstücken für den Ober¬ 
schenkel, die in beliebiger Höhe an die Unterschenkelschiene eingesetzt 
und an ihnen mit Blechklammern oder Bindfaden befestigt werden 
können. Auf dem Truppenverbandplätze werden die Bandeisenverbände und 
Strohschienen bereit gelegt, dann verbindet man die Wunde, legt die auf¬ 
geschnittene Hose oder den aufgeschnittenen Stiefel wieder glatt an, passt 
die mit Strohschienen gepolsterten Verbände dem Beine an und umwickelt das 
Ganze mit einer Binde. Die von den Unterschenkelschienen abgehenden Band¬ 
eisenstreifen werden so gestellt, dass das Glied nicht wackelt. 

Im Lazareth werden Lagerungsapparate nach dem Typus der Volk- 
MANN'schen Schiene angefertigt, mit einer Leinwandschwebe versehen 
und neben die Kranken gestellt, so dass die Aerzte nur das Glied in den 
Verband hineinzurichten haben. Es ist ein Leichtes, durch Polsterung nach¬ 
zuhelfen, nach Bedarf ein Hüftstück anzusetzen oder Zug und Gegenzug 
anzubringen. Der Gewichtszug ist im Felde nur zulässig, wenn das Lazareth 
in ganz gesicherter Lage sich befindet, so dass eine plötzliche Unterbrechung 


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F rakturenverbfinde. 


123 


der Behandlung, ein Transport etc. nicht zu betflrchten ist. Port empfiehlt 
die Federextension, während der oben ausgeschweifte und gepolsterte Rand 
sich gegen den Sitzknorren stemmt. Die Feder lässt Port aus dem Blatte 
einer gewöhnlichen Säge anfertigen: man schneidet drei verschieden lange 
Streifen, legt sie so übereinander, wie es an den Federn der Eisenbahn¬ 
wagen zu sehen ist und befestigt sie mit gemeinsamer Schraube an einem 
Hölzchen, das an dem unteren Ende des Apparates angebracht ist. Ich 
glaube, dass statt der Feder sich auch sehr gut eine einfache Schraube 
zur Extension verwenden lässt. Man bringt ein kleines Fussbrett an, bohrt 
in dasselbe ein Loch, durch das die Schraube hindurchgeführt wird. An der 
Aussenseite des Brettes liegt die Mutter, während an dem freien Ende der 
Innenseite die Zugschnur befestigt wird. Durch Umdrehung der Schraube 
entsteht der Zug. 

Es war vorauszusehen, dass für Port die Zeit des Stillstehens auf 
dem von ihm betretenen Wege noch nicht gekommen war; und in der That, 
der unermüdliche Forscher hat nicht gerastet, sondern an der Vollendung 
seiner Verbände ununterbrochen weiter gearbeitet, und zwar in letzter Zeit 
im Vereine mit seinem Sohne, dem Chirurgen Koxrad Port in Nürnberg. 2fi ) 
Das Los der in der Schlacht Verwundeten zu bessern, ist eine Aufgabe, 
deren Lösung »des Schweisses der Edeln« werth ist. Soll die operative 
Technik und die Aseptik im Kriege gleiche Triumphe feiern wie im Frieden, 
dann muss die Verbandtechnik noch erheblich verbessert werden. Es kommt 
darauf an, Eisenverbände anzufertigen, die die Unbeweglichkeit der Bruch¬ 
enden gewährleisten, die verletzte Stelle unbehindert zugänglich machen, 
das rasche Fortschaffen der Verwundeten ebenso ermöglichen wie das Empor¬ 
heben des Körpers beim Stuhlgang u. a. Allen Schussbrüchen einen asepti¬ 
schen Verlauf zu geben, ist einfach unmöglich; ein grosser Theil wird daher 
auch im gegenwärtigen und künftigen Kriegen eitern; für letztere aber passt 
der geschlossene Gipsverband erst recht nicht. So hat denn Port zwei 
an sich ähnliche Arten von Bandeisenverbänden ersonnen: solche für aseptische 
und solche für eiternde Schussbrüche. 

Als Beispiele dieser Verbände mögen folgende dienen: 

1. Strecklade für aseptische Schussbrüche (Fig. 9) der unteren 
Gliedmassen, aus Bandeisen von 2 Mm. Stärke und 18 Mm. Breite. Die Seiten¬ 
stücke des Beintheiles tragen am unteren Ende eine Zugvorrichtung aus 
Rolle, Zahnrad und Sperrhaken. Beide Seitenstücke bestehen aus zwei über¬ 
einander verschiebbaren Hälften und können mithin verlängert und-verkürzt 
werden. Die beiden unteren Querbügel sind halbrund; der obere Bügel, als 
Sitzhalbring, hat nicht die Form des Halbkreises, sondern eine dem hinteren 
Schenkelumfange entsprechend verschobene Rundung. Das Sohlenblech ist 
zum Aufnähen einer Filzplatte mit Randlöchern versehen und trägt zum Auf- 
bängen des Fusses zwei rechtwinkelig nach dem Rumpfe hin gerichtete 
Bandeisenarme, die niedergelassen oder auch entfernt werden können. 

Der eiserne Sitzhalbring wird durch Gurt und Schnalle zum Vollring 
vervollständigt. Das Glied ruht in einer zwischen die beiden seitlichen Band¬ 
eisen eingehängten und an die Polsterung des Sitzhalbringes angenähten 
Leinwandscbwebe. Soll der Verband als Transportverband dienen, so müssen 
längs der Seitenstücke noch einige Schnallengurte angebracht werden, um 
Seitenpolster einlegen und das Glied in Schwebe festhalten zu können. Der 
Zug wird in gewohnter Weise durch Heftpflasterstreifen ins Werk gesetzt 
und bleibt beim Aufheben des Verbandes oder des ganzen Kranken in 
Wirkung. 

2. Beinladen für eiternde Schussbrüche der unteren Glied¬ 
massen (Fig. 10). Eiternde Verletzungen fordern häufigen Verbandwechsel, und 
die Laden müssen daher in der Wundgegend stark ausgebaucht und hier mit 


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124 


Frakturenverbände. 


einer eigenen Leinwandschwebe versehen sein. Da für die unteren Glied¬ 
massen vier verschiedene Aüsbuchtsstellen nöthig sind, so können diese Ver¬ 
bände nicht mitgeführt, sondern müssen erst im Gebrauchsfalle angefertigt, 
werden. Die für Knieschüsse bestimmte Lade nimmt sich so aus (Fig. 10) und 
hat je für Oberschenkel, Unterschenkel und Knie als Unterlage eine beson¬ 
dere Schwebe. Zug und Gegenhalt ist entbehrlich. 

Für Schussbrüche in der unteren Hälfte des Oberschenkels dienen die 
für aseptische Brüche bestimmten Verbände, nur dass sie mit der erforder¬ 
lichen Ausbuchtung versehen sein müssen. Hohe Oberschenkelbrüche werden 
am besten wie Rumpfverletzungen im Streckbett gelagert. 

3. Verband für Schussbrüche an Schulter, Oberarm und Ellenbogen, 
besteht wie alle Armverbände aus Bandeisen von 1 Mm. Stärke und 14 bis 
16 Mm. Breite. Um den Kranken das Aufstehen und Umhergehen zu ermög¬ 
lichen, müssen bei allen Brüchen oberhalb des Ellenbogens Schulter- und 


Fig. 9. 



Fig. 10. 



Ellenbogengelenk festgestellt werden. Dies geschieht durch Befestigung der 
Armschlinge an einem der Brust aufliegenden Schulterkorbe. 

4. Die Verbände bei eiternden Verletzungen (Fig. 11) müssen neben 
der Feststellung der Bruchenden, des Schulter- und Ellenbogengelenkes unge¬ 
hinderten Verbandwechsel gestatten; zu diesem Zweck ist der entsprechend 
gestaltete Brustkorb mit der Vorderarmschiene fest verbunden, und die längs 
der Aussenseite herablaufenden Oberarmschienen zum Abschrauben einge¬ 
richtet. Die Oberarmschiene lässt sich verlängern und verkürzen und ebenso 
die Vorderarmschiene höher und tiefer stellen, so dass ein Zug ausgeübt 
werden kann. Beim Verbandwechsel wird die Oberarmschiene abgeschraubt, 
so dass der ganze Oberarm freiliegt, während der übrige Theil des Verbandes 
unverrückt bleibt. 

Gehverbände verweist Port ausschliesslich in die Reserve- und 
Vereinslazarethe, wo es von derartigen Verbänden wimmeln soll. Kein 
Verwundeter darf gezwungen sein, die Erstarrung des Callus im Bette ab¬ 
zuwarten. Fig. 12 stellt einen billigen, selbstgefertigten Gehverband dar: er 
besteht aus einem Steigbügel von 5 Mm. starkem und 18 Mm. breitem 


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Frakturenverb&nde. 


125 


Eisenband, an dem die Zugvorrichtung, aus Rolle, Zahnrad und Sperrhaken, 
angebracht werden kann; die nach den Umrissen des Gliedes geformte 
Beinschiene ist aus 2 Mm. starkem Bandeisen. Der Sitzhalbring wird mit einem 
Glycerinkissen gepolstert. Zur Feststellung des Hüftgelenkes wird an die 
Beinschiene eine Beckenstütze angeschraubt. Der gesunde Fuss trägt einen 
Lederschuh mit dicker Holzsohle. 

Muster dieser PoRT’schen Verbände sind beim Instrumentenmacher Walb 
in Nürnberg, Bindergasse 7, hinterlegt worden, die derselbe auch auf Be¬ 
stellung anfertigt. 

Dass das Bandeisen auch im Frieden sich mit Nutzen verwenden lässt, 
dafür spricht als neueres Beispiel die AiKiN'sche J1 ) Schiene für Oberarm¬ 
brüche: man feilt von einem 3—5 Cm. breiten Bandeisen ein genügend 
langes Stück ab und biegt es so zurecht, dass der obere Theil von der 
Brust aus über die Clavicula hinfort bogen¬ 
förmig die Schulter überbrückt, und zwar so, 
dass sie der Haut nicht unmittelbar anliegt, 

Pig. u. 


denn diese wird überpolstert. Von der Schulter 
aus läuft die Schiene an der äusseren hin¬ 
teren Fläche des Oberarmes herab bis unter¬ 
halb des Ellenbogens; von hier wendet sie 
sich nach innen, der Mittellinie des Körpers zu, so dass sie unter dem recht¬ 
winkelig gebeugten Vorderarm herläuft und bis zu den Fingerwurzeln reicht. 
Das Mittelstück der Schiene muss so lang sein, dass der untere Theil 
der Schiene dem Vorderarme nicht anliegt. 

Das Anlegen der Schiene zerfällt in drei Acte: 1. Man versieht den 
ganzen Arm von den Fingerwurzeln an, die Schulter und den oberen Theil 
der Brust mit einem Wattepolster und einer Bindeneinwicklung, bringt die 
Schiene über die Schulter, drückt sie genau an und befestigt sie in ihrer 
Lage durch die Spica humeri, einer Stärke-, einer Tricot- oder Idealbinde, 
oder durch Heftpflaster. 

2. Unter kräftigem Längszuge am Ellenbogen bewirkt man die Ein¬ 
richtung des Bruches und wickelt den Vorderarm an den unteren Theil 
der Schiene an. Zum Schutze der oberen Fläche des Vorderarmes kann man 
ihn zweckmässig mit einer Flachrinne aus Holz, plastischem Filz, Pappe 
oder ähnlichem versehen. 




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126 


F rakturenverbände. 


3. Anwickeln des Oberarmes an das Mittelstück der Schiene. 

Der Verband ist einfach, leicht herzustellen und leicht anzulegen; er 
sichert die Fragmente durch Feststellung des Humerus und durch Extension. 
Vor dem Rosten schützt man die Schiene durch einen Paraffinanstrich. 
Koeppen 12 ) empfiehlt, zur Vermeidung von Druck den inneren Rand des Hals- 
theiles der Schiene nach oben umzubiegen, was übrigens mit einer Zange 
geschehen muss. 

Im Gegensätze zu den PoRT schen Bandeisenverbänden, die, nach einiger 
Uebung in der Schlosserei, sich leicht selbst anfertigen lassen, stehen die 
Versuche, schon im Frieden das Heer mit Schienen oder Lagerungsvorrich¬ 
tungen auszurüsten, die vom Fabrikanten fertig geliefert und vor allen 
Dingen haltbar, einfach, leicht und nicht sperrig sein müssen. Hierher ge¬ 
hören : Der HEssiNG sche Kriegsapparat, der RoTH sche Blechspangenapparat, 
die LiERMAXN sche Innenschiene, die BRUNs’sche Schiene u. ähnl. 

Der Hessing sehe Kriegsapparat ist ein vereinfachter Schienen-Hülsen- 
apparat, der schon im V. Jahrbuche ausführlich beschrieben ist und mit den 
PoRTschen Bandeisenverbänden eine gewisse Aehnlichkeit hat. An Stelle 
der Hülsen sind gitterartige Körbe aus verzinnten Stahlschienen getreten, 
die den betreffenden Körpertheil etwa zu zwei Drittel umfassen und durch 
Gurte und Schnallen daran befestigt werden. Die einzelnen Körbe sind unter 
sich entweder beweglich oder durch steife, verstellbare Schienen lösbar ver¬ 
bunden, so dass die Körbe allen Körpertheilen genau angepasst und diese 
nach Bedarf unbeweglich gemacht werden können. 

Fig. 13 zeigt den Apparat für eine Oberschenkelfraktur; er setzt sich 
zusammen aus dem Fuss-, Unterschenkel-, Oberschenkel- und Beckengesteil. 
Der Apparat wird wie der Schienen-Hülsenverband unter Zug und Gegenzug 
angelegt, und zwar zunächst der Leimverband, zu dem natürlich der Leim 
jedesmal frisch bereitet werden muss. 

Zum Eingreifen des Zuges dient auch hier die Spannlasche, deren vier 
Bänder unterhalb der Sohle zusammengeknotet werden. Extension und 
Contraextension werden in gewohnter Weise ausgeführt. Unter Einwirkung 
des Zuges wird der Bruch eingerichtet und der Apparat angelegt, der nach 
Bedarf unterpolstert wird oder nicht. 

Es ist ja nun selbstverständlich, dass von einer Verwerthung der 
Schiene als Gehverband auf den Verbandplätzen gar keine Rede sein kann. 
Der Apparat lässt sich aber auch zur blossen Lagerung und zur Lagerung 
mit Extension verwenden. Man würde ihn also einfach unter das verletzte 
Bein bringen und dieses mit Hilfe der Kleider und sonstiger Polstermittel 
so gut wie möglich lagern. Soll nicht extendirt werden, so bleibt die Spann- 
lasche unbenutzt; anderenfalls wird der gepolsterte Rand des Oberschenkel¬ 
theiles fest gegen den Sitzknorren geschoben, die Schiene in erforderlicher 
Weise verlängert und die Spannlasche an dem Fusstheile befestigt. Alles 
das, zumal die blosse Lagerung, ist rasch und leicht zu bewerkstelligen. 
Es fragt sich nur, ob es möglich ist, den Apparat in ausreichender Zahl 
mitzuführen; diese Frage ist unbedingt zu verneinen, weil der Apparat zu 
sperrig ist und deshalb zu viel Raum einnimmt. Aber ganz abgesehen davon, 
der Apparat eignet sich überhaupt für den Krieg nicht; er besteht aus 
einer Menge von Theilen, von denen einzelne schadhaft oder verloren werden 
können (Schrauben), und er ist viel zu theuer. 

Roths »neuer Blechspangenapparat als erste Hilfe und definitiver 
Gehverband bei Schussfrakturen und Beinbrüchen der unteren Extremitäten« 
(Fig. 14) hat folgende Theile: 

1. Die unten mit Fussplatte und oben mit Leibgurt und Sattel ver¬ 
sehene Aussenschiene (ähnlich wie bei Taylor); sie ist zweitheilig, kann 
verlängert und verkürzt werden, sie reicht von der Hüfte bis unter die 


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127 



Frakturenverbände.| 

Fusssohle und dient sowohl zur Versteifung wie zur Distraction. Das untere 
Ende der Schiene ist rechtwinkelig nach innen gebogen und trägt die Fuss- 
platte, die hd ihren aufgebogenen Ecklappen ebenso wie der obere Theil 
der Aussenschiene mit Knöpfchen zum Anknöpfen von Riemen besetzt ist. 
An das obere Ende der Schiene ist angeschraubt der breite, weiche Leib¬ 
gurt, der zur Befestigung der Schiene an der Hüfte dient und mittelst eines 
(lurchlochten Riemens an einen der erwähnten Knöpfe der Schiene ange¬ 
schlossen wird. 

die so an der 


Bänder aus Aluminiumblech 


2. Die Spangen, d. h 
Aussenschiene mit Nieten befestigt 
sind, dass sie 1. sich um die Nieten 
drehen und 2. dass sie sich leicht 
abnehmen und wieder anlegen 
fassen. Sie laufen rechtwinkelig 
von der Schiene nach einer Rich¬ 
tung. enden in durchlochte Riemen 
und sind so eingerichtet, dass die 

IS. 


obere die nachfolgende innere dach- 
ziegelartig: ein wenig deckt; sie 
umfassen den ganzen Oberschenkel 
und den Unterschenkel bis unter 
die Wade 


sie entsprechen in ihrer .. 

Länge dem wechselnden Umfange V 
des Beines und bilden den Haupt* 
theil des Verbandes. 

3. Den Sattel, d. b. ein mit Stahlbandeinlage versehener, ovaler, halb- 
ringförmiger, weicher Lederwulst, der mit Hilfe durchlochter Rinnen an dem 
oberen Ende der Aussenschiene angeknöpft wird. 

4. Die als Angriffspunkt des Zuges dienende Lederfessel (~ Spann¬ 
lasche), die durch vier Riemen an den Knöpfen der Eussplatte befestigt 
werden kann, um die Streckung des im Sattel hängenden Beines zu be¬ 
werkstelligen. 



128 


F rakturen verbände. 


5. Die Innenschiene. 

Das Anlegen des Apparates: Die Aussenschiene wird mit Hilfe der 
Schlitze und Schrauben der Länge des Beines entsprechend eingestellt, so 
dass die Fussplatte sich im Abstande einiger Centimeter von der Fusssohle 
befindet. Dann wird die Schiene durch den Leibgurt fest an die Hüften 
geschnallt, und um ein Hinaufrücken der Schiene zu verhindern, wird der 
Sattel so angeknöpft, dass er nach abwärts gespannt ist. Jetzt wird die 
»Fessel« über den Knöcheln angelegt, festgeschnallt und durch ihre Riemen 
unter straffer Spannung mit der Fussplatte verbunden, wodurch die Distrac- 
tion erfolgt. Ist das geschehen, dann werden die Spangen der Reihe nach 
von unten nach oben geschlossen. Ein in eine Oese der Fussplatte einge¬ 
fügter Metallwinkel (T-Eisen) stützt den Fuss und verhindert das Aufliegen 
der Ferse. 

Durch das Oeffnen jeder einzelnen oder auch mehrerer Spangen kann 
nach Belieben jede Stelle des Beines freigelegt und, wenn nöthig, ver¬ 
bunden werden. 

Um dem Apparate als Gehverband mehr Festigkeit zu geben, dient 
eine innere Schiene, die an der Blechsohle eingehängt und — nachdem 
ihr die erforderliche Länge gegeben — mit ihrem halbmondförmigen Ende 
unter den Reitgurt geschoben wird. Bezüglich der Brauchbarkeit für das 
Feld gilt dasselbe wie vom HEssiNGschen Apparate. 

Während bei den bisher geschilderten »Kriegsverbänden« das Material 
zu den Verbänden oder die fertigen Verbände erst beschafft werden müssen, 
sei es nun während des Krieges oder schon in Friedenszeit, hat Kölliker 13 ) 
sich die Aufgabe gestellt, durch die »Drahtgipsschiene« eine Verein¬ 
fachung des Gipsverbandes unter Mehrleistung mit dem durch die »Kriegs- 
Sanitätsordnung des Deutschen Reiches« gebotenen Materiale zu schaffen. 
Die Gipsdrahtschiene, die also bestimmt ist, den geschlossenen Gipsverband 
zu ersetzen, besteht aus einem engmaschigen, sehr dünnen Drahtgeflecht 
und aus Gipsbinden. Man schneidet mit einer starken Schere aus der Draht¬ 
rolle die Schiene in gewünschter Grösse und Form, rundet die Ecken ab und 
umwickelt sie mit der Gipsbinde, so dass der Verband drei Lagen der Binde 
stark ist. Die Zahl der Binden richtet sich natürlich nach der Grösse der 
Schiene. Während des Umwickelns wird Gips in die einzelnen Gänge platt 
verrieben. Die so hergerichtete Gipsdrahtschiene ist vollkommen plastisch, 
lässt sich beliebig biegen und der Körperform anschmiegen. Man passt sie 
dem Gliede in der gewünschten Stellung an und befestigt sie vorläufig mit 
einer Mullbinde, bis sie die gewünschte Form angenommen hat, d. h. etwa 
5 Minuten. Dann nimmt man sie ab, lässt sie völlig trocken, wozu 5 bis 
10 Minuten erforderlich sind, polstert sie leicht und legt den endgiltigen 
Verband an. 

Nachstehend sind die gebräuchlichsten Formen der Gipsdrahtschienen 
angegeben: 

1. Schiene für Radiusfraktur; beim Anlegen bringt man die Schiene 
in Flexionsstellung. 

2. Schiene für Vorderarmbruch ; sie liegt der Beugeseite an und reicht 
vom unteren Drittel des Oberarmes bis zu den Fingerwurzeln. 

3. Schiene für Oberarmbruch, sie umfasst die Schulter, steigt an der 
äusseren Seite des Oberarmes herab, wendet sich am Ellenbogen zur Beuge¬ 
seite des Vorderarmes und endet an den Fingerwurzeln. 

4. Schiene für Schlüsselbeinbruch, a) Modell, b) in situ. 

5. Lagerungsschiene für das Bein. Beim Anpassen wird der Sohlentheil 
der Schiene senkrecht in die Höhe gestellt und der Fersenausschnitt nach 
Fertigstellung der Schiene mit der Gipsschere ausgeschnitten. 


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F rakturen verbände 


Das Drahtgeflecht kann in beliebig grossen Tafeln verpackt werden 
und nimmt daher wenig Raum ein. Die Gipsdrahtschiene vereinfacht den 




Gips verband, indem sie an Gipsbinden und an P 
sie lässt sieb leicht abnehmen und wiederanlegen 

Encyclojv Jahrbücher. IX. 


Örif ff^rl frorr'i 


















130 


F rakturen verbände. 


von Schienen, die die Kriegssanitätsordnung vorsieht, macht sie also über¬ 
flüssig; sie vereinfacht aber auch in der Civilpraxis die Behandlung von 
Frakturen und entzündlichen Processen an den Gliedmassen und am Rumpfe. 


III. Zug vcrbii nie. 


Der Zugverband hat seine hauptsächlichsten Heim- und Entwickelungs¬ 
stätten im westlichen Deutschland gefunden, und das ist nicht blosser Zu¬ 
fall, sondern hängt, zum Theil wenigstens, zusammen mit der hochentwickelten 
Industrie jener Gegenden. Die Verdienste BARDEXHErERS bestehen vorzugs¬ 
weise darin, dass er die Quer- und Rotationszüge l0 ) in viel ausgedehnterem 
Masse zur Anwendung gebracht hat, als dies früher der Fall war; dass er 
die Längsstreifen bis weit über die Bruchstelle hinausgreifen lässt; dass er 
den Zug möglichst früh und mit genügender Kraft (bei Femurbrüchen 30, 
bei Flötenschnabelbrüchen 15 — 20 Pfd.) anwenden lehrte. Das Verfahren ist 
in den Jahrbüchern eingehend gewürdigt worden und hat seitdem Aenderungen 
nicht erfahren. Der Werth des Verfahrens bei Brüchen der unteren Glied¬ 
massen — ausgenommen sind hier nur die Schenkelhalsbrüche alter Leute, 
bei denen die Extension nicht durchführbar ist — ist allgemein anerkannt 
und besteht wesentlich darin, dass es in der Hand dessen, der es beherrscht, 
eine Dislocation der Fragmente ebenso sicher vermeidet wie die Atrophie 
der Weichtheile, die Ankylose der Gelenke und die Pseudarthrose. Dies wird 
besonders dadurch erreicht, dass der erste Verband durchschnittlich nach 
10 Tagen gewechselt, die Bruchstelle genau nachgesehen und der Verband 
nöthigenfalls geändert wird; dass die Bruchstelle stets für Auge und Hand 
zugänglich ist, mithin alle erforderlichen Eingriffe und Massnahmen stets 
ausführbar sind und dass die Ruhigstellung keine vollkommene ist, die 
Fragmente aber genau aneinander gepasst sind. Brüche ohne Dislocation con- 
solidiren schnell und mit geringer Callusbildung, während erhebliche Dis¬ 
location oft massigen Callus bedingt. Da nun beim Zugverbande die Disloca¬ 
tion fehlt, so fehlt auch die Calluswucherung. Das Wort Baroexheuer's : 
»Wenn eine Verkürzung eintritt, so ist dies meine oder meiner Assistenten 
Schuld« ist nicht so zu verstehen, als ob Verkürzung völlig und stets ausge¬ 
schlossen sei; denn nach dem Zeugnisse Loews 1 ') kommen geringe Ver¬ 
kürzungen doch manchmal vor, aber sie sind stets so gering, dass sie für 
das functionelle Ergebniss ohne Bedeutung sind. Uebrigens fehlte die Unter¬ 
suchung mit Roentgenstrahlen. In der That sind die Erfolge im Kölner 
Krankenhause staunenswerth: so hat von 106 Knochenbrüchen nur einer 
zur Invalidität geführt, bei allen übrigen trat völlige Erwerbsfähigkeit ein, 
und von 61 Unterschenkelbrüchen hat keiner eine Einbusse der Erwerbs¬ 
fähigkeit zur Folge (Loew). 

Für den Kriegsgebrauch ist der Zugverband mit Gewichten, wie schon 
oben hervorgehoben w r urde, nur dann verwendbar, wenn ein plötzlicher 
Transport der Verwundeten mit Sicherheit ausgeschlossen ist; das aber ist 
bei Feldlazarethen nur unter ganz besonderen Umständen der Fall. Mit Fug 
und Recht stellt Port an einen feldmässigen, kriegsbrauchbaren Zugverband 
folgende Anforderungen: er muss ohne weitere Umständlichkeit bei Kranken 
verwendbar sein, die am Boden liegen, also nicht abhängen von dem Vor¬ 
handensein von Bettstellen; er muss zum Zug und Gegenzug keiner Neben- 
und Aussengeräthe bedürfen, sondern alles hierzu Erforderliche in sich selbst 
enthalten, er muss dem Gliede eine solche seitliche Stütze geben, dass man 
den Verwundeten im Nothfalle sofort aufheben, forttragen und auf einen 
Wagen transportiren könne, ohne dass dabei die Bruchenden verschoben 
werden. Alle diese Anforderungen erfüllt für die unteren Gliedmassen die 
oben beschriebene »Strecklade« Port s. 


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Frakturenverbände. 


131 


Schwertzel 17 ) berichtet aus dem Altonaer Stadtkrankenhause, dass es 
nur selten gelingt, eine Fraktur, sei es im Qehverbande, sei es durch fixiren- 
den oder extendirenden Verband bei Bettruhe ohne alle Dislocation zur 
Heilung zu bringen. »Wir haben sogar zu unserem Bedauern die Beobachtung 
machen müssen, dass . . . zuweilen die Dislocation nach Abnahme des Ver¬ 
bandes eine etwas grossere geworden war, denn zuvor.« Das, was man 
nach sonstigen Untersuchungen als ideale Heilung ansah, zeigt bei Roentgen- 
strahlen stets grössere oder kleinere Dislocationen. Da man nun aber unter 
Aufsicht der Bilder auf dem Fluorescenzschirm jede Formabweichung sicher 
beseitigen und das gebrochene Glied beim Anlegen des Verbandes in rich¬ 
tiger Stellung halten lassen kann, so ist nicht zu bezweifeln, dass künftig, 
unter Zuhilfenahme der Roentgenstrahlen, die Erfolge der Frakturenbehand¬ 
lung sich noch günstiger gestalten werden. 

Der HAusMANN sche Zugapparat hat in Deutschland die verdiente Be¬ 
achtung und Verbreitung anscheinend nicht gefunden, während er nach dem Zeug¬ 
nisse Sell's 18 ) in den Vereinigten Staaten vielfach angewendet wird. In Völk¬ 
lingen a. d. Saar ist der Apparat seit Jahren in Gebrauch, und kein Frakturen¬ 
material ist zur Erprobung einer Behandlungsart mehr geeignet als das 
dortige, weil einerseits der eigenartige Betrieb der Bergwerke sehr schwere 
Verletzungen an den Beinen durch Quetschungen schwerer Steine oder 
Kohlenmassen (durch Sprengstücke, durch Ueberfahrenwerden u. dergl.) mit 
sich bringt, und weil er andererseits an die Geheilten ausserordentlich grosse 
Anforderungen stellt. Dass es in Völklingen gelang, abgesehen von Fällen 
mit vollständiger Zertrümmerung und Zerreissung aller Hauptgefässe, bei 
den vielen sehr schweren complicirten Frakturen das Glied zu erhalten, ist 
heutzutage nichts Besonderes, dagegen sind die dort erzielten guten Erfolge 
in Bezug auf die Gebrauchsfähigkeit des Gliedes wesentlich auf Rechnung 
des Verfahrens zu setzen. 

Der HAUSMAXX sche Apparat besteht aus einer Lagevorrichtung in Ge¬ 
stalt einer etwa 80—100 Cm. langen und 18 Cm. breiten, leicht gehöhlten 
und mit Hakenausschnitt versehenen Schiene; sie trägt unten eine 30 Cm. 
hohe Fussplatte und etwa in der Mitte sowie am oberen Ende beiderseits 
einen senkrechten Stab, die durch eine Längsleiste miteinander und mit 
dem Fussbrette verbunden sind. Das stellt also eine Art durchbrochener 
Lade vor, deren Fussplatte zwei senkrechte Reihen von Durchbohrungen zur 
Aufnahme der Zugschrauben zeigt. Zwischen der an der Aussenfläche be¬ 
findlichen Schraubenmutter und Platte ist eine Stahlfeder eingeschaltet; das 
innen hervorragende freie Ende der Schraube trägt einen Haken, der zum 
Einhaken der Zugkette bestimmt ist. Die mittleren Seitenstangen sind mit 
Blechhülsen ausgerüstet, durch die ebensolche Schrauben gesteckt werden 
können. Den Angriffspunkt des Zuges am Bein bildet eine hölzerne Sohle, 
die an ihren Kanten ebenfalls Haken trägt und die mit grosser Sorgfalt am 
Fusse und Unterschenkel befestigt werden muss. 

Anlegen und Gebrauch d^r Schiene bei Diaphysenfraktur. Nach 
gründlicher Säuberung und Rasiren von Fuss und Unterschenkel wird die 
Fusssohle durch eine Doppellage von Flanell geschützt und dann die Holz¬ 
sohle aufgelegt und durch längs- und querangelegte Heftptlasterstreifen be¬ 
festigt. Ein 3V 2 Cm. breiter Längsstreifen beginnt an der Spitze der Sohle, 
läuft bis zur Ferse, umgreift sie und steigt möglichst hoch zur Fraktur¬ 
stelle hinauf. Dann folgt ein Streifen, der, an der Bruchstelle beginnend, von 
da abwärts hinter den Knöcheln um das Brett herum verlaufend auf der 
anderen Seite die Frakturstelle wieder erreicht. Die queren Streifen umfassen 
Sohle und Fuss, jedoch nicht ringförmig, sondern so, dass sie den mittleren 
Theil des Fussrückens freilassen. Ist der Fussrücken gepolstert, dann sind 
auch einzelne kreisförmige Streifen zulässig. Die Knöchelgegend bleibt frei. 


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9 * 

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Frakturen verbände 


Ki'ftlu:-»* bildet ei«« Ein Wickelung mit. jtwel Gazebinden. Diese Befestigung 
der Solde sttt Fasse muss so sorgfältig geschehen, dass beide gewissefiwassen 
ein Ganzes bilden drKt »w imstande sind, als Angriffspunkt der Zugkraft *u 
dienen. Der Gegestzhg wird zum Thei) geleistet durch zwei 6 Cm- breite 
Seitliche Heltpllasierstreifsri. die oberhalb der Brucludelle aufgeklebtund an 
deu oberen souki-oeht Po Stäbe« befestigt werden. SelbatverständlicL» leistet 
der an der Schiene befestigte obere Tbeil des Beines und die Kfirperschwero 
einen. OegetäHaH. 

: ../£?. Ist itiurt'die Holzsohle vorsebriftsmässig befestigt and das Bein so -%e~ 
Fb$ssehte etwa dü Out von der senkrechten Platte entfernt 
Ist: itad dtp Hacke dom Ansschnitte entspricht, dann wird Schiene und Bein 
fflP^^^E§^p|läe»oi»vvicikoLöhg •urng^b»ö 1ti jedoch unter Freilassung der 
- Zur • Uebert ragung -der Zugkraft, von den Schrauben autn 
S<djieöbpott:, dipubu Mösaingketten, die in dcö betiretfondeh Haken eingehakt 
werden. 

Der Apparat gestattet nun nicht bh>s den ei ft fachen .Längszug. sondern 
die Bichtung des Zuges kann je nach der Art, wie nian dte Kauen anbringt, 
Verthsilu, beliebig geändert und je -nach Wunsch die ftro* .«»ier Supmation, 
di&Mackeit' odegSpltzfüaaSteÜüng her vorgeb nicht worden Will man heii 
spielsweiso die SuplualionsstelluBg haben, so lässt man die am inneren Fuss- 
rande angebrachten Ketten nach oben, die am äusseren Fussrande ange- 


iu eine Voi.KMA.NX'scbw Schiene gelagert .Es schadet nicht, wenn bis zür he- 
Kinnendcn OiMjsolidatioit ge-wrortpr ».verdpo muss, da etwaige Dislocationen durch 
den Zug ausgpglirhen werden. 

Die K.\rehsioH wird so lange beiftbhkitep - jfttt Durchschnitt L'4 Tage —. 
bb etttO Yerschtebbug der Fragötenfe nicht mehr zu befürchten ist. Dann 



FraktwreuTter bände. 43:5 

folgt ein bis über das Knie reichender Gipsverband, in dem der Kranke 
Imrumgebt Der Gipsverband, wird fm DürcbsehnltO vier Wneben ftRrag'ep. 
Frühzeitige Massage oiaelit jeiföeb in der Regel (feo. 6fj$«erifwa4. übsrtlüssig. 
eo dass der Extensia« umniticlbac rin ubnehmfeäsrar. Poppscbießßnverband 
folgt. Karin der Kranke dhhe Verband gehen- dann trifit die Behandlung der 
etwalgeir üelenksieifigfcelt ruK l’etidid* »b|w anderen einech)li.gl)jen Äpparateu 
in Kraft. Snpranmileolefi- und Malletdortbrüchc* werden nach demselben Schema 
behandelt, nur beginnt die Estension viel früher; dui chschäittlirb schuh am 
vierten Tage. NieüMtüs blieb ehtö Steifigkeit im F* 1 ssgel Ank >.ur0ek, 
weil «ine Dehuniäg der B&ivder Wörde, 

nur Kwmsiai, uivd awttp leichteren Grades, bedhachhöt, ''#$]• ein*? dieser 'beiden 
Fälle War ipit. buxathm des Kusse» .nach öns»$m vergesellscMftet; Durdi 
stechongsfraktiiron werden wie «mbcutann Brüche' behandelt: aber auch bei 
schweren ewnplicirten Frakturen gewährt (Ke Fsiensioti grosso VortlieUe, 
Nur löse Splitter werden entfernt; das ans der Wunde hervorragende 
scfanaheiTonrüge Kniie. wird, wenn «lifchig, »hgbkolifmt; reicht das >,u«i Ver- 
meidert der Sijcretyerlfiältariir; nicht ädst su. Werden dir durch ent¬ 

sprechende Zugricht,mg zün» KfaÜeh grebcftcht Bei eien mit Luxation ver¬ 
bundenen eomplicirteh Frakturen gelingt es mit Hilfe des H.m.’smaXx sehen 
Apparates, ein steifes Gelenk verhältnissmässig rasch und schniervlos wieder 
beweglich zu machen, nnd zwar durch itlmeebselad ausgefibte Dorsal- ubd 


Ci», i'l : 



Plantarflexkm. Die Behandlungsdoucr bei f»7 Bergleuten, complidtHe und 
nicht eompUctrte Frakturen, betrug 11b Tage, bei t?7 Htitteoarhmlern <>(V Tage.- 
Das Kndergebrtiss war; nach joder RicMüng hin sehr zufriedenetelleHd. 

Kachtheilo für die Kranken als Folge dpr Zpgbehandhirtg wurden 
nicht beobachtet ; wichtig *ö ihrer Imrdifiihrung ist gut«» Heftpflaster. ln 
Völklingen wird 41* Heftpflftsterm&ese aus der Belle Allian.ro. Apotheke, in 
Berlin bezogen und das Streichen, dort besorgt. Der hintere 'Heftpflaster' 
streifen giebt in der fiegel etwas nach, ohne dass dadurttti je-dogb' 4ie Zug- 
wirkung beeinträchtigt wird. 

Die llAb.SMAJtkschö GniversaLyorderttrm-KxtÖö^öni-TiageruRgsschiene 1!1 ) 
iFig. _'l) besteht zunächst »us zwei für Ober- und 'Unterarm bestimmte 
Äluminiumbleehriniien die bei n mit escentrisch geriebtetter Ate gelenkig ver¬ 
bunden sind* hier abof: in |ed^v heliöbigett Ayinkel föfltgeirtellt werden können. 
Die Vorderarmacbione trägt bei h «inen abnehmbare« 'Bügel, der bei c am eine 
w’agrechte Ase dreh- sind festelellbar ist. Am vorderen Ende des Bügele 
befindet sich ei n um keine Mitte, -drehbarer,, mit einer Schraub*' ffcirter Stab, 
durch dessen beide Kutten mit: Fhlgölseltraoben rerseberic Haken; gosteckt 
sind. Soll die Schiene nur zur l.ag«>r&»tg dienen., dann wird t>n Stolle des 
Bügels ein beigegobanes Brett angeröxt; 

Als -AhgHff8pti'^f : .'ii)^''^gfk' ' Fingern hi$ zum Band- 

gelenke reichendes Brettchen, »bis an jeder Seite einen Haken hat und mit 
Heftpflasterötreifen und einer darüber gelegten Mullbinde in der Hoblhand 





134 


I'raktwriiiiyei'hänJe. 

befestigt wird. Ober- und Unterarm werden in die gepolsterten Kirnten ge¬ 
legt und mit Rinikmtdowkkelung umgeben. Zwei zwischen den Haken de« 
Handbreiteren? »ad dOtteß der FlügeIsehrauhen auseespannie Eautsohuk- 
stränge bewirken den Zug s der durch.' die Schrauben in beliebiger Weise 
verstärkt oder geschwächt werden kann Die Schiene ermöglicht es. die 
Hand in jede erwünschte Stollunar za bringen, a»i es halbe oder ganze Supi¬ 
nation, Drouatto», Ab- 'Hier Adduction, Fig. X'J voran-schäolicht den 'Gebrauch 
der Schiene in halber SupioatVon. l'if 3 ■ den in Uluarfiexiuin in halber 
StipinaihmsstcUune. 

Bpi sehr starkan Bjttihergöseeu und Ouetschimgeii der Weirhlheilb io 
der Umgehung id«ä Bruches .■feij'ijifiebltes Sich, den Arni vorerst n Kn u iDxter«-. 
eio». einfach 1» der Siehieiie *u lagern. \V|b-"Scbwar es istj Vordet'anubrÜrii'p.. 
sbnderücrfi dih des 4hU'ri?o B&dinsonde*. vAUig bfifriftdigender Gebraoieh»-;, 
fähigkeit der. Hand zu heitep, beweDt dii* grosis* Zahl iUtorer Yerb&nd- und 
lifhnnilinngsarlc« • die jahraus jahreiu d«tib ueae vermehrt werden:. Die 
HtrsMAXS »ehe Schiene mir» bieu-t dig grökse« Vortfudjy, d&»a sie bei sicherer 
Lagerung die einmal sorgfältig öjfng#dßMeteti tirgkhetidefl vertwdge des an¬ 
gewandte« Zuge» in der richtigen &teÜo«£ erhält - eihe fortwährende Be¬ 
obachtung der Bruchstelle urul vretin riiithig jfcilßrzftff: verbessernde Eingriffe 

¥•■% v.i. 





gOkCaltei Auch -die •FfÖt^.Sssag»' .Ast • .1» „benuetnstft Weise aqsfSbrbar und 
bei eqmj»Iicirri*n Fractoren ist .ule Wechsel de» Wumiverhande» möglich, 
ohne da«» die de» Rruchemien gegebene Stellung verändert würde 

Grossen Nufzor» gewährt die Seidene in dev '»rthoptUKavh®« Behandlung 
von Zimt ändern 'wie sie nach' VarlataVingd# und Kr.tziindvmgen oder nach dem 
längeren Dohrauchiv festst ßllendhr, zu mal geschlossener Verbändo so häufig 
zurhekbkiben und durch ihre Bmrtuäckigkeit dem Arzte so viel zu schalten 
machen. Auch bei Entzündungen des H&ndgelehfcös. besonders gonorrhoischen, 
wirkt die Extengie» im Verein mit dem Ruhigstellen sehr günstig, indem die 
bka#1h!bdeh Öchmerzöii. sowie dio Ergüsse in das Gelenk und die C»4ematGse 
Skb«!h!iönird$r umgobenden Weh^tbeile be&etttgt oder doch gemindert wer¬ 
den Die Schiene kostet l 2 Mark und wird von Fu. Kaiskh in St. Johann 
a. d -Saar geliefert. 

H..vrsMAfvN bat die Extension auch auf »He Behandlung der Untorkiefer¬ 
bruche übertragen und damit einen ebenso glücklichen wie überraschenden 
Griff gethaiu Die trüber geübten Mefhmten befriedigten so, wenig, dass die 
Behandlung dieser Brüche fast 'ttuss<;hUes.slich de« Zahnärzten überlassen 
wurde sie ersannen denn auch eine ganze Reibe sehr brauchbarer Verbände, 
derer, Herstellung aber eine dem praktischen Arzte nicht zu Gebote stehende 




I'rakturenverbäode. 


135 



fachmännische Technik erfordert. Dagegen ist das Hausmann* sehe Verfahren 
ausserordentlich einfach: um die Schneidezähne des Unterkiefers wird ein 
starker Faden geknüpft, dessen freies, mit einem Gewicht beschwertes Ende 
über eine am Fussende des Bettes befindliche Rolle läuft. Die Rolle ist etwa 


in Manneshöhe angebracht, so dass der Zug nicht in wagrechter* sondern 
in schräg aufsteigender Richtung wirkt Meist genügt ein Gewicht von 
1 Pfund, doch wird auch 1 Pfund ertragen. Sbbi.hurst '•'•') hat acht, so be¬ 
handelte Fälle von complicirten Unterkieferbrüchen beschrieben, die alle ohne 


Abscessbildung und mit voller Wiederherstellung der Gebrauchsfähigkeit ge¬ 
heilt sind. 

Der Zug überwindet auch hier die Muskelcontraction. gleicht die Ver¬ 
schiebung ad latus aus und stellt die natürliche Convexität des Kiefers wieder 

















136 


Frakturenverbände. 


her. Es ist nicht nöthig, dass auch die Dislocatio ad altitudinem vollständig 
beseitigt werde, das kann auch später noch im Beginne der Callusbildung 
durch Fingerdruck leicht geschehen. Hat man so die Ausgleichung bewirkt, 
dann behalten die Fragmente unter Fortwirkung des Zuges die gewünschte 
Stellung. Zwischen die Fragmente wird ein Jodoformgazestreifen bis zum 
Nachlassen der Secretion eingeschoben; unter seitlichem Auseinanderziehen 
der Fragmente kann man täglich 1—2mal die Wunde ausspülen, ohne 
nennenswerthen Schmerz zu bereiten. Eine störende Verschiebung der Frag¬ 
mente tritt weder bei Nahrungsaufnahme (natürlich nur Flüssigkeiten) noch 
bei vorsichtigen Körperbewegungen ein; selbst der Schlaf ist, mit etwaiger 
Ausnahme der ersten Nacht, nicht wesentlich gestört. 

Zur Befestigung der Schlinge wählt man die der Fraktur zunächst 
liegenden Zähne, sind diese wackelig, dann die nächstfolgenden. Die Unter¬ 
lippe stützt man durch einen Gaze- oder Wattebausch vor dem Fadendruck. 
Ein Abgleiten der Schlinge von den Zähnen kann man in manchen Fällen 
durch Tieferlegen der Zugrolle vermeiden. Schaltet man in die Schnur einen 
S-förmig gekrümmten Drahthaken ein, dann kann der Kranke für Augen¬ 
blicke, z. B. beim Aufrichten, den Zug unterbrechen. Für die sehr seltenen 
Fälle, wo die Schneidezähne fehlen, hat Hausmann einen Apparat anfertigen 


Fig. 26 . 



lassen (Fig. 25), der in seiner Einrichtung den für Blutungen aus dem Boden der 
Mundhöhle bestimmten Compressorien ähnelt; er besteht aus zwei sich 
scherenförmig kreuzenden Armen, deren vordere Enden über die Fläche ein¬ 
ander entgegen gebogen sind und deren jede eine dem Zwecke entsprechend 
geformte Pelote trägt; die eine rund, die andere nach vorn convexgebogen 
und mit Kautschuk überzogen; jene kommt unter das Kinn, diese auf den Boden 
der Mundhöhle zu liegen. Das hintere Endenpaar trägt die Zugschnur, und 
da sie bei Wirkung des Zuges aneinander genähert werden, so werden die 
Peloten einander entgegengehebelt und in ihrer Lage festgehalten. Die 
Methode »ist zweifellos von grosser praktischer Bedeutung — schreibt Pro¬ 
fessor Witzel 21 ) — und verdient in hohem Grade die Beachtung von Seiten 
der Zahnärzte«, gewiss nicht minder aber die der praktischen Aerzte. 

Aus der v. BRAMANN’sehen Klinik berichtet Rammstedt 11 ) über eine > bisher noch nicht 
beobachtete Wirkung des Streckverbandes«, d. h. eine Kapseldehnung. Es handelt sich um 
ein lojähriges, schwächliches Mädchen mit einem hochgelegenen Diaphysenbruche; die Frag¬ 
mente bildeten einen mit der Spitze nach aussen gerichteten Winkel. Die Heftpflasterstreifen 
reichten bis dicht unter die Bruchstelle; die Achselhöhle wurde nur zum Schutze der Haut 
mit Watte dünn gepolstert; der Oberarm und der rechtwinklig gebeugte Unterarm wurden 
an den Thorax angewickelt und dabei das obere Ende des unteren Fragmentes möglichst nach 
innen geleitet. Am fünften Tage war die Winkelstellung nicht mehr vorhanden, sondern die 
Fragmente standen nebeneinander; die Verschiebung ad longitudinem war erheblich ver- 
grössert: das obere Fragment war herabgesunken, der Gelenk köpf stand fast unterhalb des 
Tuberculum infraglenoidale. 


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Frakturenverbände. 


137 


Kammstkdt g-iebt folgende Erklärung dieser Erscheinung: Die dauernde Belastung 
mit vier Pfund hatte bei der schlaffen Musculatur des schwächlichen Mädchens einen solchen 
Zug an der Schulter geübt, dass eine Dehnung der Gelenkkapsel eintrat. Das obere Frag¬ 
ment sank, tbeils durch seine eigene Schwere, theils durch den Zug des kurzen Tbeiles des 
Tricepsmuskels. Diese Erklärung dürfte zutreffend sein; aber begünstigt wurde die Wirkung 
dadurch, dass nur das untere Fragment nach innen gezogen war. 

Bähb **) in Hannover beobachtete, wie bei zwei Fällen von Fractura subtrochanterica 
des Oberschenkels der Zugverband Pseudarthrose herbeiführte. Bähe nimmt an, dass bei 
dieser Art von Brüchen die Pseudarthrose viel häufiger eintritt, als man gemeinhin denkt, 
und zwar weil auf die Eigenthümlichkeiten dieser Frakturen nicht Rücksicht genommen wird. 
Ist Verdacht auf solchen Bruch vorhanden, dann muss man den Oberschenkel in Beugung 
stellen und den Zug in mehr oder weniger schräger Richtung nach oben wirken lassen. 
Typisch für diese Pseudarthrose, wie überhaupt für Oberschenkelpseudarthrosen ist, dass die 
Kranken »keine Macht Uber das Bein haben<. 

Bei der Wichtigkeit der Zugverbände ist es dankbar zu begrössen, dass 
Eichel 24 ) einen Extensionsapparat oder eigentlich einen Rollenträger ersonnen 
hat, der den Betten der Oarnisonslazarethe angepasst ist. Die sehr einfache 
Vorrichtung — zu beziehen vom medicinischen Waarenhause — besteht aus 
einer derartig rechtwinkelig gebogenen Eisenplatte, dass sie einen grösseren 


Fig. 2«. 



wagrechten und einen kleineren senkrechten Theil hat. Die dreimal durch¬ 
brochene wagrechte Platte ist der Träger der Rolle, die an einem mit 
Schraubengewinde versehenen Stabe sitzt. An der unteren Fläche der wag¬ 
rechten Platte ist parallel dem senkrechten Theil eine Leiste angenietet, und 
zwar in der Entfernung, dass in die so entstehende Lucke der Querstab des 
Fassendes der Bettstelle hineinpasst (Fig. 26). Mit Hilfe von Schraubenklammern 
lässt sich der Apparat in jeder beliebigen Stelle der Längsseiten jeder Bett¬ 
stelle anbringen. Je nachdem man die Vorrichtung an der oberen oder 
unteren Eisenstange aufsetzt, wirkt der Zug in schräg aufsteigender oder 
in wagrechter Richtung. Die wagrechte Eisenplatte hat drei Löcher, und 
je nachdem man in Mittelstellung oder in Ab- oder Adduction extendiren 
will, wählt man eines dieser Löcher. FiQgelschrauben stellen die Rolle in 
erwünschter Höhe nnd Richtung fest. 

Ausser der besonders für Militärlazarethe bestimmten Vorrichtung 
Eichel' s sind derartige Rollenträger in grosser Zahl neuerdings auf den Markt 
gebracht worden. Ich erwähne hier nur das »Extensionsgestell« nach Köhler 
in Offenbach, das mit dem dazu gehörigen Fussbrette oder Qeflechtrahmen 
sich links und rechts verwenden, und dessen Rolle sich sowohl in senk¬ 
rechter wie wagrechter Richtung verschieben und feststellen lässt (zu be¬ 
ziehen von Hammerschmidt in Frankfurt a. M.). Einfacher und billiger 


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1 38 Frakturenverbände. 

• 

(4 Mk.) ist der von Holzhausen in Marburg gelieferte Rollenträger. Während 
die bisher genannten Vorrichtungen alle zum Anschrauben an die Bettstelle 
eingerichtet sind, werden bei dem »Extensionsapparat nach Skttegast« die 
Rollen von einem eisernen Ständer getragen, der in die gewollte Entfernung 
vom Fussende des Bettes gestellt wird und so vorzugsweise für den Zug 
in Abduction des Beines geeignet ist (Holzhausen in Marburg, 17,50 Mk.). 

Literatur: *) Tietze, Zur ambulanten Behandlung der Frakturen der unteren Extremi¬ 
täten. Zeitschr. f. prakt. Aerzte. 1837, pag. 8U1. — *) F. Honigmann, Aus der chirurgischen 
Abtheilung des Allerhciligenhospitales in Breslau. Ueber die Behandlung der subeutanen Bein¬ 
brüche. Ebenda. 1898, pag. 16. — 3 ) A. Riedel, Der Gipsgehverband in der Praxis. Münchener 
med. Wochensehr. 1899, Nr. 37. — 4 ) Wöhner, Zur Gehbehandlnng schwerer complieirter Frak¬ 
turen der unteren Extremitäten. Vortrag, gehalten auf dem XXVIII. Congress der deutschen 
Gesellsch. f. Chir. v. Langenbeck’s Arch. LIX, pag. 320. — b ) Hababt, Gehverband bei Unter¬ 
schenkelbrüchen mittels Gipskataplasmen und Einfügen von Metalldrähten nach Elrogks. 
Sohlenfütterung nach Döllinger. Wiener klin. Wochenschr. 1898, pag. 426. — 6 ) Bruns. Eine 
verbesserte Beinschiene. Aus der Tübinger chir. Klinik. Beiträge f. klin. Chir. XIV, pag. 583. — 
7 ) Kohlmetz, Zeitschr. f. ärztl. Polytechuik. 1899, Nr. 7. Privatmittheil. — 8 ) C. Hübscher in 
Basel, Streckmetall, ein neues Schienenmaterial, besonders für kriegschirurgische Zwecke. 
Sonderabdruck aus dem Centralbl. f. Chir. 1900, Nr. 9. — 9 ) Alex. C. Wiener, Fiber, ein 
ideales Schienenmaterial. Centralbl. f. Chir. 1899, 1.— 10 ) J. Port, Ueber Bandeisenverbände. 
Separatabdruck a. d. Münchener med. Wochenschr. 1897, Nr. 34. — u ) G. A. Peters, Aikin’s 
hoop-iron splint in fractures of the humerus. Brit. med. Journ. 5. Juni 1897; Centralbl. für 
Chir. 1897, pag. 1248. — 12 ) A. Koeppen, Verband bei Oberarmfracturen. Zeitschr. f. prakt. 
Aerzte. 1898, pag. 678. — i3 ) A. Roth, Neuer Blechspangenapparat. Budapest 1896, Druck von 
Sam. Markus. — 14 ) Th. Köllickkr, Die Gipsdrahtschiene. Leipzig 1900, Vogel. — 15 ) Barden 
heuer, Leitfaden der Behandlung von Fracturen und Luxationen mittels Feder, respective 
Gewichtsextension. 1890. — ie ) Lof.w, Die Behandlung von Fracturen vermittels der Barden - 
HEUER schen Extension. Deutsche militärärztl. Zeitschr. 1898, Nr. 6; Deutsche Zeitschr. für 
Chir. XLIV; Berliner klin. Wochenschr. 1897, Nr. 45. — 17 ) Schwertzkl, Ueber den Werth der 
Roentgenstrahlen für die Chirurgie. Berliner klin. Wochenschr. 1897, Nr. 29. — 1B ) Karl Sell, 
Aus dem Knappschaftslazareth zu Völklingen a. d. Saar. Ueber die Anwendung des Haus- 
mANN Schen Extensionsapparates bei Behandlung von Unterschenkelbrüchen. Archiv für klin. 
Chirurgie. LVI, Heft 4. — ,9 ) Hausmann, Universal-Vorderarmextensions- u. Lagerungsschiene. 
Sonderabdruck aus der Monatschrift für Unfallhk. 1899. — *°) Georg Skelhorst, Behand¬ 
lung der Unterkieferbrüche durch Gewichtsextension. Münchener med. Wochenschrift. 1898, 
Nr. 17. — 2l ) Lohmann, Prof. J. Witzel in Kassel, Ueber Kieferbrüche. Zahnärztl. Rundschau. 
1898, Nr. 312, 314 u. 315. — ss ) Rammstedt, Aus der G. R. v. BRAMANN’schen Klinik. Ein Fall 
von Fraktur der Diaphyse des Oberarmes mit bisher noch nicht beobachteter Wirkung des 
Streckverbandes. Arch. f. klin. Chir. LVIII. — 23 ) Bahr, Zur Behandl. der Oberschenkelbrüche. 
Die ärztl. Praxis. 1899, Nr. 14. — a4 ) Eichel, Ein einfacher Extensionsapparat. Souderab- 
druck aus der Zeitschr. f. Krankenpflege u. ärztl. Polytechuik. 1898. — * 5 ) Prof. Dr. K. Schu- 
chardt in Stettin. Ueber die Behandlung der subeutanen Knochenbrüche. Deutsche Aerzte- 
Ztg. 1. Mai 1900. — 26 ) Dr. J. Port, k. b. Generalarzt , Zur Reform des Kriegsverbands- 
wesens. Deutsche Zeitschr. f. Chir. 1900, pag. 148—183. Walz^ndorff. 


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Gährungsprobe (der Fäces), s. Darm, pag. 97. 

Gastritis atrophicans, s. Achylia gastrica, pag. 8. 

Geheimmittel« In Deutschland ist in den letzten Jahren der Ver¬ 
such, den Geheimmittelhandel möglichst einzudämmen, von Seiten der Re¬ 
gierungen und Behörden mit grossem Eifer geführt worden, wobei mit vollem 
Recht besonderer Werth auf die Beseitigung der Reclame in der Presse ge¬ 
legt wurde. Das zuerst von dem Berliner Polizeipräsidium durch Verord¬ 
nung vom 30. Juni 1897 erlassene Verbot der öffentlichen Ankündigung 
und Anpreisung von Geheimmitteln fand in verschiedenen preussischen Pro¬ 
vinzen und auch ausserhalb Preussens Nachahmung. Zwar wurde in ver¬ 
schiedenen Processen die Rechtsgiltigkeit einer solchen Verordnung als gegen 
die die Pressfreiheit gewährleistenden Bestimmungen des Pressgesetzes und 
der Verfassung verstossend angefochten und die Ungiltigkeit selbst in ge¬ 
richtlichen Entscheidungen ausgesprochen, doch hat schliesslich das Kammer¬ 
gericht für Preussen die Verordnung für rechtsgiltig erklärt. Es lag daher 
kein Grund vor, das Verbot des Annoncirens, das ursprünglich nur das Wohl 
der kranken Menschheit im Auge hatte, nicht auch auf die Geheimmittel 
gegen Thierkrankheiten und schliesslich sogar gegen Pflanzenkrankheiten 
auszudehnen. 

Die unmittelbare Folge dieses Verbotes war bei dem Fehlen einer 
befriedigenden Definition des Begriffes Geheimmittel unausbleiblich eine 
Reihe von Processen, in denen Errungenschaften der modernen wissen¬ 
schaftlichen pharmakologischen Studien, welche in der ärztlichen Praxis all¬ 
gemeine Verwendung fanden, in Frage kamen. Noch mehr war dies der 
Fall, als durch einen gemeinsamen Erlass der preussischen Ministerien der 
geistlichen, Unterrichts- und Ministerialangelegenheiten, des Innern und für 
Handel und Gewerbe (28. Januar 1898), dem gleichlautende Erlässe der 
Regierungen in den übrigen Staaten des Deutschen Reiches folgten, das be¬ 
stehende Verbot der Ankündigung der Geheimmittel in politischen Zeitungen 
abgeschwächt wurde. Nach dieser Verordnung soll die öffentliche Ankündi¬ 
gung von Geheimmitteln gestattet sein, wenn »diese ihrer Eigenschaft als 
Gebeimmittel dadurch entkleidet werden, dass die Bestandtheile des Mittels 
und deren Gewichtsmengen sofort bei der Ankündigung in gemeinverständ¬ 
licher und für jedermann erkennbarer Weise vollständig und sachentsprechend 
zur öffentlichen Kenntniss gebracht wurden«. Wer das Geheimraittelunwesen 
der Neuzeit aufmerksam verfolgt hat, musste von vornherein einsehen, 
dass die schlimmsten Reclamemittel dadurch von der Bildfläche nicht ver¬ 
schwinden, sondern dass den Fabrikanten, wie dies ja mit den BRAXDT'schen 


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140 


Geheimmittel. 


Schweizerpillen u. a. schon vorher geschah, eine Angabe der Bestandtheile 
durchaus keine Schwierigkeiten bereiten würde. Die unausbleibliche Folge 
war, dass ein Rattenkönig von Processen gegen die Darsteller wirklich 
werthvoller, auf Grund wissenschaftlicher Forschungen erfundener und er¬ 
probter Arzneimittel, z. B. die Fabrikanten der diversen organischen Eisen¬ 
präparate, wie Ferratin, Haemin, Eisensomatose, angestrengt wurde, die zum 
Theil mit Verurtheilung endigten, während Alpenkräuterthee, Purgirpillen, 
KoNETZKi sche Bandwurmmittel u. s. w. auf der vierten Seite der Tagesblätter 
oder in eigenen Beilagen dazu unbeanstandet weiter annoncirt wurden. Man 
hat bei diesen Processen erlebt, dass nicht blos seit Jahren von Aerzten ver- 
ordnete Heilmittel, sondern sogar patentirte chemische Verbindungen 
rechtskräftig als Geheimmittel condemnirt wurden, bis das Kammergericht zu 
der richtigen Ansicht gelangte, dass ein dem deutschen Reichspatentamte zur 
Begutachtung vorgelegtes Product doch kein Geheimmittel sein könne. 

Verschiedene andere Bestimmungen der Verordnung, die ein Sachver¬ 
ständiger für undurchführbar ansehen musste, z. B. die Angabe der Bestand¬ 
theile in deutscher Sprache, Hessen der Regelung der Geheimmittelankündi 
gung in dieser Form nur eine kurze Lebensdauer prognosticiren, zumal da 
die Verordnungen weder denen genehm waren, die den Geheimmittel- und 
Specialitätenverkehr auf das Minimum reducirt zu sehen, noch solchen, 
welche für die sogenannten Specialitäten und anderen Producte der chemi¬ 
schen Industrie unbeschränkte Ankündigungsfreiheit verlangen. Die in aller- 
neuester Zeit vom Bundesrath beschlossene Regelung des Geheimmittelwesens 
beseitigt die Angabe der Bestandtheile und verbietet die öffentliche An¬ 
kündigung von Geheimmitteln überhaupt. Ohne sich um die Definition des 
Begriffes »Geheimmittel« zu kümmern, wird nur als allgemeine Norm hinge¬ 
stellt, dass nicht als Geheimmittel gelten: 1. in das deutsche Arzneibuch auf¬ 
genommene und unter der dort angewendeten Bezeichnung angebotene Stof 'e 
und Zubereitungen; 2. solche, die in der medicinischen Wissenschaft uüd 
Praxis als Heilmittel Anwendung gefunden haben und 3. Mittel, weiche ledig¬ 
lich als Desinfectionsmittel, kosmetische Mittel, Nahrungs- und Genussmittel 
oder als Kräftigungsmittel angeboten werden. Das von den einzelnen Staaten 
zu erlassende Verzeichniss der als Geheimmittel anzusehenden Medicamente 
wird in allen Bundesstaaten gleichlautend sein. Es soll in der Weise her¬ 
gestellt werden, dass alle Bundesregierungen zur Einreichung von Listen 
aufgefordert werden, deren Sichtung dem Reichsgesundheitsamte überlassen 
wird, um daraus ein vom Bundesrathe zu genehmigendes, für alle Bundes¬ 
staaten massgebendes Verzeichniss herzustellen. Jedenfalls aber ist durch 
die Verordnung die Beschränkung des Geheimmittelverkehrs, soweit diese die 
massenhafteste Verbreitung durch die Annoncen in Zeitungen finden, auf das 
Minimum einerseits erreicht, während andererseits durch den unter bestimmten 
Bedingungen zugelassenen Vertrieb in Apotheken auch den Hilfsbedürftigen, 
welche keine Heilung oder Besserung durch die Medicamente des Arznei¬ 
buches oder die in der medicinischen Wissenschaft als Heilmittel erprobten 
Stoffe finden zu können glauben, die Möglichkeit zu einer allerdings sehr 
problematischen Hilfe zu gelangen, und zwar ohne übermässige Preise dafür 
zu zahlen, gelassen ist. 

Die neueste bundesräthliche Verordnung behält ausserdem den Be¬ 
hörden die Befugniss vor, von dem Verkaufe in Apotheken bestimmte Ge¬ 
heimmittel auszuschliessen, durch deren Verwendung die Gesundheit ge¬ 
fährdet wird oder durch deren Vertrieb das Publicum in schwindelhafter 
Weise ausgebeutet wird. Durch diese Bestimmung schliesst sich Deutschland 
näher an die Verhältnisse in Oesterreich an, wo alljährlich derartige Ver¬ 
bote erlassen werden. Selbstverständlich ist darauf zu achten, dass sie nicht 
blos auf dem Papiere stehen, und dass von Zeit zu Zeit eine Auffrischung 


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Geheimmittel. — Glaukom. 


141 


noth thut, um dem immer wieder emporstrebenden Geheimmittelwesen zu 
steuern, beweist ein Erlass des k. k. Ministeriums der Justiz und des Innern 
vom 22. Juli 1898, in welchem besonders auf frühere Verbote verschiedener 
Geheimmittel und Specialitäten hingewiesen wird. Es sind darnach durch 
diverse Hofkanzleidecrete Verkauf und Ankündigung untersagt für Schneeberger 
Niespulver, schwedisches Elixir, Santa Foscapillen, FRANz'sche Lebensessenz, 
Augsburger Lebensessenz, Filicinpillen, blutreinigende Pillen, Jena'sche Tropfen, 
Koenig’s Nervenstarker, Nürnberger Wundbalsam, Seehofer' sehen Balsam, 
Lebensessenz, Lebensessenzbalsam, HAAS'sche Pillen, Spyker Balsam, Frankfurter 
Balsam, Kedlinger Pillen, Vf.rgagm s antiscorbutisches Elixir, Schauer's Balsam, 
KiEsow’sche Lebensessenz, Bauer's Pflaster, gehörstärkendes Oel, englisches 
Gichtpapier, medicinische Kräutercigaretten von Dr. Loewy in Wien, Pagliano- 
syrup, Karpathenkräuterelixir des B. Fuchs in Malaczka, Hanfcigaretten oder 
indische Cigaretten der Firma Gr im au 1t & Co. in Paris, JÄGEu'sche Anthropin- 
pillen, elektrohomöopathische Heilmittel des Grafen Mattei , Specialitäten 
des Apothekers Josef Fürst in Prag, Gastrophon, Karolinenthaler David* 
thee und Halspulver des Apothekers Prakowitz, Homeriana, Sanjana-Prä- 
parate, WERNER’sche Safecure-Artikel, Aachener Thermensalbe, Biscuits de- 
puratifs von Ollivier in Paris, PARAische Arzneizubereitungen, Marienbader 
Reductionspillen, Mentholinschnupfpulver, Marienbader Entfettungspillen, die 
von der Firma F. A. Richter & Co. in Rudolstadt erzeugten, mit einer 
Ankerschutzmarke versehenen zusammengesetzten Arzneibereitungen, Anker- 
pninexpeller, Ankerstomakal, Ankerloxapillen, Ankerbetelhonig, Ankertama- 
roni, Ankercongopillen, Ankerkefirpillen, Ankermagenpulver, Ankersarsa- 
parillian, Ankerfarola, Ankeringapastillen, Ankermakrapillen, Ankerkrakolos, 
Ankerpenagnopastillen, Ankerlagosasalbe, Ankerbolagosalbe, Ankerflechten¬ 
salbe, WEissMANN'sches Schlagwasser, Oleum Baunscheidti, Lebenswecker, 
Wunderbalsam und englische Wundersalbe von A. Thierry in Pregrada 
(Croatien), Dr. Spudaeus’ Lebensbalsam, Schweizer Pillen jeder Art, Williams' 
poröses Pflaster und RiNGELHARüT-GLöCKNER'sches Wund- und Heilpflaster. 
Uebersieht man diese Reihe, so wird man zugeben müssen, dass der öster¬ 
reichische Staat sich der Mehrzahl der für die Medicinalpolizei wichtigsten 
und schädlichsten hiehergehörigen Mischungen und Zubereitungen, die wir 
als Reclamemittel xxt' e?oyJ)v bezeichnen müssen, wie der Ankermittel, 
der Werxer' sehen Safe Cure-Mittel, der Homeriana, der BRANDT'schen 
Schweizerpillen, erwehrt hat, soweit das Verbot der Ankündigung, des 
Verkaufs und der Einfuhr aus dem Auslande diese fernzuhalten im¬ 
stande sind. Husemann. 


Gehverband, s. Frakturen verbände, pag. 114. 

Glaukom. Ausgehend von der Ansicht, dass ein andauernder 
Reizungszustand des N. sympathicus mit dem Glaukom in ursächlichem Zu¬ 
sammenhänge stehe (Beziehungen, die weiterer Klärung bedürfen), hat Abadie 
die Exstirpation des Ganglion cervicale supremum des Sympathicus 
vorgeschlagen und ausgeführt. Eine grössere Anzahl solcher Operationen führte 
Joxxesco (Bukarest) aus, ihm folgte Demicheri (Montevideo) und Mohr be¬ 
richtet über einen an der chirurgischen Klinik in Tübigen operirten Fall. 
Die Erfolge waren im allgemeinen zufriedenstellende; die Schmerzen schwan¬ 
den, die Pupille verengerte sich, glaukomatöse Anfälle blieben aus, die 
Spannung nahm ab, centrales und peripheres Sehvermögen besserte sich, 
manchmal nicht unbeträchlich; freilich hatte man zur Operation zumeist 
Fälle gewählt, bei denen im vorhinein für das Sehen nicht viel zu erwarten 
war. Joxxesco meint, die besten Erfolge seien in solchen Fällen zu erzielen, 
in denen entzündliche Erscheinungen gering sind oder fehlen. »Allein da der 
Eingriff durchaus unbedenklich ist, so ist er in allen Glaukomformen zu ver- 


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Glaukom. — Guss lieber. 


suchen,« auch dann, wenn die bekannten Operationen keinen Erfolg hatten, 
oder wegen Schmerzen bei Glaucoma absolutum. 

Allard hat statt der Operation die elektrische Behandlung des Sym- 
pathicus durch stärkere galvanische Ströme empfohlen und einige gute Re 
sultate erzielt. Die negative, indifferente Elektrode wird auf den Nacken 
oder Rucken gesetzt, die positive, wirksame auf den Nackensympathicus. sie 
ist 2—2,5 Cm. breit, 8—10 Cm. lang und kommt über nasse Watte an den 
vorderen Rand des M. sternocleidomastoideus. Dauer einer Sitzung 15 bis 
20 Minuten, wöchentlich 3 Sitzungen. 

Literatur: Abadie, Die Natur des Glaukoms, Erklärung der Heilwirkung der Iridek 
toinie. Die ophthalmolog. Klinik. 1837, 1, Nr. 1. — Abadie, Glaucome inalin ii forme hemor 
rhagiqne enray£ par rablation du ganglion cervical superieur. Archiv d’Ophthalm. 1838. 
XV11I, pag. 443. — Cami’os, Considcrations sur la theorie sympathique du glaucome. Ebenda, 
pag. 445 und Kecueil d'Ophthalm. 1838, pag. 560. — Jonnksco, Die Resection dos HaD- 
sympathicus in der Rehandlung des Glaukoma. Ebenda. 1833, Nr. 18. — Demicheri, Annal. 
d’oeulistique. März 1833. — Mouk, Exstirpation des Ganglion cervicale supremum bei Glau¬ 
coma simplex. 71. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in München 1833. Ab¬ 
theilung für Augenheilkunde. — Allard, Behandlung des Glaucoma chronicum simplex mit 
Galvanisirung des Ilalssympathicus. La clinique ophthalm. 1839, Nr. 20. Bcu<s. 

Gonorol , ein von Heine & Co. in Leipzig dargestelltes Santel¬ 
holzölpräparat, welches nach Prof. Rikhl sich bei Urethritis blennorrhoica 
besonders wirksam erwiesen hat. Das Gonorol stellt nur die alkoholischen 
Theile des Rohöles dar, welches aus dem Holze von Santalum alb. L. durch 
Destillation mit Wasserdampf erhalten wird. Durch Verseifung werden die 
mitgerissenen Ester in »Gonorol < (alkoholischen Theile) und die entsprechen¬ 
den Säuren zerlegt und ersteres von den Säuren und den übrigen Bestand 
theilen des Destillates, Terpene etc. abgetrennt. Das reine Präparat stellt 
ein farbloses, syrupdickes Oel von mildem Geruch und dem Santelöle 
eigenthümlichem Geschmack dar, vom specifischen Gewicht 0,976 bei 15° C.; 
die Hauptmenge (82%) siedet bei 303—308° C., es ist linksdrehend, es löst 
sich schon in 3,5 Th. 70%igen Alkohols bei 20° C. klar auf (gewöhnliches 
Santelöl erst in 5 Th. 70%igen Alkohols), mit einem Gehalt an Santalol 
von 36,5%. Dieses Präparat hat Riehl in 50 Fällen von Gonorrhoe zu 
2,0—3,0 pro die durch 10—3() Tage und länger verabreicht; es wurde ohne 
wesentliche Nebenwirkungen gut vertragen ; hier und da wurden allerdings 
Aufstossen, rasch vorübergehende Leibschmerzen und Nachempfindung des 
Geschmackes beobachtet. 

Literatur: Prof. G. Riehl, Uobor Gonorol. Wiener klin. Woehensclir. 1838, Nr. 52. — 
Dr. Aufrecht, Pharmaceut. Ztg. 1S33, pag. 134 u. 215. Loebisrh. 

Gussfieber, s. Zinkvergiftung. 


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Harn« Wir haben in Bd. VI, pag. 2H8 und Bd. VII, pag. 100 der 
Encyklopäd. Jahrbücher auf die Arbeiten A. Koränyis hingewiesen, die sich 
die Aufgabe stellten, durch Bestimmung der molecularen Concentra- 
tion des Harnes einen Einblick in die Leistungsfähigkeit der Niere zu 
gewinnen. Von den gleichen theoretischen und experimentellen Grundlagen 
gehen auch die Untersuchungen von L. Lindemann j ) über die Concentration 
des Harnes und Blutes bei Nierenkrankheiten aus. Er bestimmte die Ge- 
sammtmenge des Harns, das specifische Gewicht, den Gehalt an Stickstoff 
und Natriumchlorid und überdies die Gesammtzahl der gelösten Molecüle 
durch die Bestimmung des osmotischen Druckes der Flüssigkeit und die 
des Gefrierpunktes. Es ist nämlich die Gefrierpunktserniedrigung einer Lösung, 
dem osmotischen Druck derselben direct proportional und dieser wieder direct 
proportional der molecularen Concentration einer Flüssigkeit. Die Bestimmung 
der molecularen Concentration des Harnes nach diesen Gesichtspunkten ermög¬ 
licht einen Schluss auf die Leistungsfähigkeit der Nieren und damit eine Unter¬ 
scheidung zwischen Albuminurien ohne entzündliche Vorgänge von den durch 
Nephritiden verursachten. Die Gefrierpunktserniedrigung und damit auch die 
Concentration ist bei allen Nierenentzündungen geringer, bedeutender bei 
den parenchymatösen als bei den interstitiellen Nephritiden; auch Restitution 
und Heilung lassen sich durch diese Bestimmung erkennen. Die Albuminurien, 
durch Fieber, Stauung, Cystitis und Pyelitis verursacht, sind durch das 
Fehlen einer Verminderung der Gefrierpunktserniedrigung charakterisirt; 
tritt bei Cystitis oder Pyelitis Verminderung der Concentration des Harns 
auf, dann ist ein Uebergreifen des Entzündungsprocesses vom Nierenbecken 
auf das Nierengewebe wahrscheinlich. Bei Nierenentzündungen ist die Con¬ 
centration des Blutserums eine normale, so lange keine urämischen Symptome 
bestehen; wenn Urämie auftritt, so ist die Concentration des Blutserums, 
damit der osmotische Druck desselben erhöht. Die Erscheinungen, welche 
nach Injection grosser Mengen concentrirter Salzlösungen in die Blutbahn 
auftreten, sind dieselben wie bei der Urämie; sie treten mit der Concen- 
trationserhöhung des Blutes auf, wenn die Elimination der angehäuften 
Stoffe aus dem Blute nicht mehr vor sich gehen kann, weil die Aufnahms¬ 
fähigkeit der Gewebe und Organe des Körpers erschöpft ist. 

Wie bekannt, werden bei Nierenerkrankungen und bei Gicht häufig bedeu¬ 
tende Stickstoffretentionen gefunden. Rudolf Rosemann 2 ) macht auf¬ 
merksam, dass ähnliches auch beim Gesunden vorkommt. Reichliche Wasser¬ 
zufuhr bewirkt anfänglich Steigerung der Stickstoffausscheidung wohl nur 
infolge der Ausschwemmung angesammelter N-Substanzen; häufig tritt die 
N-Ausscheidung erst einige Tage nach der sie verursachenden Störung. 


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Harn. 


z. B. übermässige Arbeitsleistung u. ä. au!; auch jene Erhöhung der Stick¬ 
stoffausscheidung, welche gleichzeitig mit einer Harnsäure- und Phosphor¬ 
säurevermehrung, unabhängig von irgend einer Nahrungszufuhr in den Vor¬ 
mittagsstunden beobachtet wird, glaubt Rosemann auf eine N-Retention 
während der Nachtzeit zurückführen zu sollen. Bei Stoffwechseluntersuchungen 
findet sich gewöhnlich ein Auf- und Abschwanken der Stickstoffbilanz an 
den einzelnen Versuchstagen, wie dies der folgende Fall deutlich erkennen 
lässt. Es handelte sich um einen 22jährigen, anscheinend ganz gesunden 
Mann. Er hatte aber eine sehr reizbare, stets feuchte Haut und litt, wie 
auch mehrere Mitglieder seiner Familie, häufig an Urticaria, gegen welches 
Uebel er bis 14 Tage vor dem Versuch Jodkali genommen hatte. Während 
des Versuches wurde aber noch Jodkali durch den Harn ausgeschieden. 
Während der ersten 12 Tage des Versuches wurde stets weniger (0,24 bis 
3,98 Grm. im Tag) Stickstoff ausgeschieden als eingeführt. Dann durch drei 
Tage mehr ausgeschieden als eingeführt (5,13—11,0 Grm. im Tag), am 
letzten Tag wurde annäherndes Stickstoffgleichgewicht gefunden, im ganzen 
wurden aufgespeichert 23,63 Grm., dann ausgeführt 23,37 Grm. N. Trotz der 
N-Retention sank anfänglich das Körpergewicht um ein weniges, um später 
wieder zur ursprünglichen Höhe (77,7 Kgrm.) anzusteigen, um Muskelvermeh¬ 
rung handelte es sich gewiss nicht. Während der Zeit der Stickstoffverluste 
war die Höhe der Harnsäureausscheidung normal, die Wasserausscheidung 
war trotz reichlichen Wassertrinkens stets vermindert, doch ausreichend zur 
dem normalen Zustand entsprechenden Lösung der stickstoffhaltigen Harn- 
bestandtheile. Welches die Ursache der Erscheinung sei, ob die chronische 
Jodaufnahme, von welcher bekannt ist, dass sie Nierenreizungen selbst bis 
zu Albuminurie bedingen kann, ob eine latente Nierenkrankheit, mit der 
vielleicht auch die Urticaria Zusammenhängen könnte, lässt Rosemann unent¬ 
schieden. 

Ueber die Ursachen der hohen Werthe der C :N-Quotienten des 
normalen menschlichen Harnes gelangt Fritz Pregl 3 ) zu folgendem Re¬ 
sultate: Das Verhältniss des Kohlenstoffes (C) zum Stickstoff (N) im Harn¬ 
stoffe ist gleich 0,43. Wenn man dieses Verhältniss für ein Gemisch von 
Harnstoff, Harnsäure, Kreatin etc., wie es im Harn vorliegt, berechnet, so 
erhält man bei günstiger Berechnung 0,66, direct gefunden aber wurde dieses 
Verhältniss von Scholz zu 0,7—0,9, von Bouchard zu 0,87 und von Fritz 
Pregl zu 0,725. Dieser fand nun, dass der C-reiche und N-arme Körper, 
der dies Missverhältniss verursachen musste, mit dem getrockneten Harn¬ 
rückstand in Alkohol überging und aus der alkoholischen Lösung durch 
Oxalsäure nicht gefällt werden konnte (wie etwa Harnstoff). Als nun eine 
so hergestellte Lösung durch Ammoniak von der überschüssigen Oxalsäure 
und dann vom Ammoniak durch Baryt befreit wurde, hinterblieb eine in 
Wasser leicht und in absolutem Alkohol nicht lösliche Masse, das Barytsalz 
der in jüngerer Zeit öfter erwähnten Oxyprotein- oder Uroprotsäure (s. Ency- 
clopädische Jahrbücher, VIII, pag. 136). Pregl vermochte aus der Tagesmenge 
eines Harns bis zu 6 Grm. des Barytsalzes dieser Säure darzustellen, während 
Bondzijnski und Gottlieb die Tagesmenge dieses Körpers zu 3—4 Grm. 
angaben. Bei der sehr umständlichen und verlustreichen Art der Darstellung 
der neuen Substanz dürften aber die Tagesmengen noch höhere sein, und 
»es ist erstaunlich, dass eine Substanz, die ihrer Menge nach wohl in den 
meisten Fällen nächst dem Harnstoff unter den organischen Substanzen des 
normalen menschlichen Harns die erste Stelle einnimmt, erst in der jüngsten 
Zeit aufgefunden worden ist«. Die Natur dieser Substanz und auch die 
Frage, ob es sich um ein Gemenge handle, lässt Pregl dahingestellt sein, 
jedenfalls ist sie es, welche den C-Gehalt des Harnes zu Ungunsten des 
N-Gehaltes vermehrt. 


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Harn. 


145 


Es ist schon lange nachgewiesen, dass in der Leber der Säugethiere 
aus kohlensaurem, beziehungsweise carbaminsaurem Ammoniak Harnstoff 
gebildet wird. Sergej Salaskix 4 ) stellte sich die Frage, ob die Leber auch 
aus Amidosäuren der Fettsäurereihe — Glykokoll, Leucin und 
Asparaginsäure —, welche kohlenstoffreicher als die erstgenannten Am¬ 
moniaksalze sind, Harnstoff bilden könne. Die an Hunden mit dem Apparat 
von S. Dzierzgowski ausgeführten Durchblutungsversuche führten zur Be¬ 
jahung der Frage. Leucin wird augenscheinlich leichter in Harnstoff um¬ 
gewandelt wie Glykokoll. Von der dem Blute zugesetzten Asparaginsäure 
(2,2 Grm.) wurden 51,49% umgewandelt, die Harnstoffmenge stieg um 71,39° 0 . 

Für die klinische Forschung ist in vielen Fällen die Trennung des 
Extractiv-N-Stoffes von dem Harnstoff-N von grosser Wichtigkeit, 
insoferne letzterer das Mass der vollkommenen Oxydation der Eiweisskörper 
bildet; jedoch sind die bisherigen Methoden der Trennung der bezüglichen 
stickstoffhältigen Körper im Harn theils umständlich, zeitraubend, theils nicht 
präcise genug, so dass die Untersuchungen in der oben angedeuteten Rich¬ 
tung bisher nur spärlich sind. Ernst Freund und Gustav Töpfer 6 ) theilen 
nun eine neue, sehr expeditive Methode der Harnstoffbestimmung im Harne 
mit, welche auf die Unlöslichkeit des oxalsauren Harnstoffes in ätherischer 
Lösung beruht und welche nach den quantitativen Versuchen der Verfasser 
genaue Resultate giebt. Eiweiss oder Zuckergehalt des Harnes beeinflusst 
die Genauigkeit dieser Methode nicht. Sie wird in folgender Weise durch¬ 
geführt: 5 Ccm. normal concentrirter Harn (Doppelbestimmung) werden 

unter Zusatz einer gleichen Menge 95%igen Alkohols auf dem Wasserbade 
zur Trockne abgedampft, mehrmals mit wasserfreiem, absolutem Alkohol 
unter Zerreiben des Niederschlages extrahirt und in ein Kjeldahlkölbchen 
filtrirt, der Alkohol im Wasserbade bis auf Spuren abgedunstet und mit 
circa 70 Ccm. gesättigter ätherischer Oxalsäurelösung übergossen, der 
entstandene Niederschlag absetzen gelassen; die ätherische Lösung kann 
über ein Filter vorsichtig abgegossen werden, so dass die Hauptmenge im 
Kölbchen verbleibt und in mehreren Portionen mit circa 60—80 Ccm. Aether 
gewaschen werden kann. Nach Abdunsten des Filters wird der Inhalt des¬ 
selben in das Kölbchen gewaschen und die Lösung des Kölbcheninhaltes 
zunächst unter Verwendung von Phenolphthalein (zwei Tropfen einer 1° 0 igen 
Lösung) bis zu deutlicher Rothfärbung titrirt und nachher der Stickstoff¬ 
bestimmung nach Kjkldahl unterzogen. 1 Ccm. %-Normalnatronlauge ent¬ 
spricht 0,015 Grm. Harnstoff. Es wäre noch zu bemerken, dass von Gottlieb 
das gleiche Princip zur Bestimmung von Harnstoff in Organen verwendet 
wurde. 

Adolf Jolles 5a ) berichtet, dass die Resultate der Freund-Töpfer sehen 
Harnstoffbestimmung mit jener derPFLüGER schen Methode (Stickstoff im Filtrate 
des mit salzsäurehältiger Phosphorwolframsäure versetzten Harnes) genügend 
übereinstimmt. Zugleich überzeugte sich Jolles, dass bei der PFLÜGER’schen 
Methode das vorgeschriebene 24stündige Stehen des Niederschlages vor dem 
Filtriren sich ohne Beeinträchtigung des Resultates auf 4 Stunden reduciren 
lässt, wenn man im Anfänge die Flüssigkeit unter wiederholtem Umrühren 
auf dem Wasserbade etwa eine Viertelstunde erwärmt und hierauf bei ge¬ 
wöhnlicher Temperatur stehen lässt. Den Stickstoff selbst bestimmt A. Joli.es 
statt nach Kjeldahl mit einem von ihm modificirten Kxouschen Azotometer 
durch Zerlegung des Harnstoffes mit Bromlauge. 

Die Untersuchungen zur Physiologie und Pathologie der Harn¬ 
säure bei Säugethieren von 0. Minkowski 6 ) bieten grosses Interesse 
namentlich durch die Gründlichkeit, mit welcher die Lösung der zahlreichen 
Fragen und gegenteiligen Anschauungen auf diesem Gebiete erstrebt wird. 
Zunächst zeigt Minkowski, dass eine synthetische Bildung der Harnsäure 


Enrycloi». Jahrbücher. IX. 


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Harn. 


14 »3 

im Organismus des Hundes wahrscheinlich nicht stattfindet. Bei Vögeln 
bildet bekanntlich die Leber synthetisch Harnsäure aus zugeführtem Am¬ 
moniak, Harnstoff etc.; wird die Leber ausgeschaltet, so erscheint milch¬ 
saures Ammon an Stelle der Harnsäure, eingeführter Harnstoff erscheint als 
solcher wieder u. ä. ; nur soviel Harnsäure wird noch ausgeschieden, als dem 
Zellkernstoffwechsel des Thieres, also der Oxydation der Purinkörper, ent¬ 
spricht; zugeführtes Hypoxanthin wird nach den Versuchen Mach's zu Harn¬ 
säure verbrannt. Minkowski hat nun Hunden grosse Mengen von Harnstoff, 
Allantoin und fleischmilchsaures Ammon (aus dem Harn entleberter Gänse 
genommen) verfüttert und keine Vermehrung der Harnsäureausscheidurg 
gefunden. Bei der Verfütterung von künstlich dargestelltem Hypoxanthin 
aber wurde eine Oxydation dieses Körpers beim Menschen zu Harnsäure, 
beim Hunde zu Harnsäure und Allantoin beobachtet. Caffein, beim Menschen 
versucht, und Adenin, dem Hunde verfüttert, hatten keine derartige 
Wirkung. Dieser Unterschied zwischen Mensch und Hund zeigt sich auch 
bei der Verfütterung von Thymus oder Nucleinsäure aus Lachssperma (am 
Hunde versucht); bei ersterem erscheint die Harnsäure allein vermehrt, 
wenn auch nicht dem Xanthinkörpergehalt der Nahrung völlig entsprechend, 
bei letzterem erscheint neben der vermehrten Harnsäure auch noch Allan 
toin. Minkowski konnte feststellen, dass an Hunde verfüttertes Allantoin 
zum grössten Theile, wenn nicht vollständig, im Harne wieder erscheint, 
während es beim Menschen sehr leicht zu Harnstoff weiter verbrannt wird, 
so dass bei Einnahme von 5 Grm. nicht einmal 1 Grm. in den Harn Über¬ 
tritt. Es wurden des weiteren Versuche angestellt über den Bestandtheil 
des Nucleins, welcher die Vermehrung der Harnsäure hervorbringt. Die aus 
dem Lachssperma und aus Thymus abgespaltene Nucleinsäure — der wesent¬ 
liche und die Xanthinkörper enthaltende Bestandtheil der Nucleine — 
brachte deutliche Harnsäure- und Allantoinvermehrung hervor, die daraus 
abspaltbaren Xanthinbasen nicht mehr. Diese letzteren lassen sich also nur 
zu Harnsäure oxydiren, solange sie sich in organischer Verbindung mit einem 
Nucleinsäurerest befinden. Gelegentlich der Verfütterung des Adenins, des 
hauptsächlichsten Vertreters der Purinkörper der Thymusdrüse, zeigte sich 
neben anderweitiger heftiger Giftwirkung (Erregung des Circulationsappa- 
rates, heftigste Entzündung der Magen- und Darm-, besonders der Duodenal¬ 
schleimhaut) constant die Bildung merkwürdiger Harnsäureablagerungen in 
den Harncanälchen der Nieren. Die grösseren Concremente waren kugel¬ 
förmig strahlig gebaut (Sphaerolithen), die kleineren nadelförmig krystallisirt 
oder unregelmässige Körnchen; sie lagen nie in den Glomerulis, sondern 
nur in den Canälchen, theils frei im Lumen, theils zwischen, selbst in den 
Zellen. Dabei waren Zeichen der Nierenreizung, selbst das ausgeprägte Bild 
einer acuten Nephritis vorhanden. Die Concremente bestanden wenigstens 
grösstentheils aus Harnsäure. Dabei war aber der Harn selbst auffallend 
arm an Harnsäure, in der Regel verdünnt und von neutraler, selbst alkali¬ 
scher Reaction; andererseits wurde in jenen Fällen, wo nach Thymus- oder 
Hypoxanthinfütterung sehr harnsäurereicher Harn durch lange Zeit entleert 
wurde, ein ähnlicher Befund nie gemacht. Aehnliche Ablagerung von Harn¬ 
säure in den Harnwegen wurde beschrieben nach intravenöser oder sub- 
cutaner Einführung grösserer Harnsäuremengen bei Kaninchen und bei Ver¬ 
fütterung derselben an ganz junge Hunde und es zeigte sich immer deut¬ 
licher, dass die Bildung von Concrementen in der Niere nicht abhängt 
von der Menge der anwesenden Harnsäure, der Reaction und 
Concentration des Harnes, sondern von anderen, uns vorläufig nicht 
bekannten Verhältnissen. 

In den Versuchen von Horhaczewsky, aus dem Nuclein der Milzpulpa 
und anderer zellreicher Organe durch Fäulniss und nachfolgende Oxydation 



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Harn. 


147 


Harnsäure darzustellen, sind es die Fäulnissbakterien, welche die Spaltung 
und Oxydation des Nucleins beziehungsweise seiner Componenten bewirken. 
Spitzer 7 ) gelang es nun, durch Einwirkung von wässerigen Auszügen der 
frischen Leber und Milz auf Hypoxanthin und Xanthin unter antibakteriellen 
Cautelen (Chloroform oder 2°/ 00 iges Thymol) bei 50° C. und Durchloitung 
eines Luftstromes die genannten Xanthinbasen in Harnsäure umzuwandeln. 
Er schliesst aus seinen Versuchen, dass in der Leber und Milz Verbin¬ 
dungen enthalten sind, die die Oxydation der Xanthinkörper in Harnsäure 
vermitteln, und möchte annehmen, dass auch im lebenden Organismus Leber 
und Milz wesentliche Centren für die Bildung der Harnsäure sind, soweit 
dieselbe aus Xanthinkörpern in Betracht kommt. An der darauffolgenden 
Discussion betheiligen sich Kühnau (Breslau), Jacoby (Berlin) und Hugo 
Wiener (Prag) und theilen Beobachtungen über Bildung und Zersetzung von 
Harnsäure unter experimentellen und physiologischen Bedingungen mit. 

G. Ascoli 8 ) fand bezüglich der Stellung der Leber im Nuclein- 
stoffwechsel, dass mit Harnsäure beladenes Blut beim Durchleiten durch 
die überlebende Leber einen guten Theil der Harnsäure verliert, in einem 
Versuche entstand dafür eine entsprechende Menge Harnstoff. Er spricht 
daher der Leber, als dem zwischen Verdauungstract und dem übrigen 
Organismus eingeschalteten Organe, eine bedeutende Rolle bei der normalen 
Umwandlung der Harnsäure im Organismus zu und warnt davor, die Aus¬ 
scheidung dieser Säure im Harn als das Mass ihrer Bildung im Organismus 
zu betrachten. 

Bei etwa der Hälfte der in den ersten Lebenswochen sterbenden 
Kinder zeigen die Nieren die Erscheinungen des Harnsäureinfarktes. 
H. Spiegelberg 9 ), der die Ursachen dieser Erscheinung zu erforschen suchte, 
weist zunächst darauf hin, dass die Erscheinung bei Thieren nicht vorzu- 
zukommen scheint, immerhin wird ein positiver Befund bei einem Aeffchen 
mitgetheilt. Der hohe Harnsäuregehalt des Harnes der Neugeborenen — 
das Verhältnis von Harnstoff Stickstoff zu Harnsäure-Stickstoff ist hier 
74,9 : 7,9 gegen 85 : 2 beim Erwachsenen — ist ja für die Hälfte der Fälle 
unschädlich. Spiegelberg hat Hunden verschiedener Altersstufen Harnsäure 
subcutan zugeführt; es zeigte sich, dass erwachsene Thiere in viel höherem 
Masse die Fähigkeit besitzen, zugeführte Harnsäure zu zerstören als junge, 
bei welchen Harnsäuregaben von 0,25 Grm. per Kilo an stets hochgradige 
Infarkte erzeugten. Die Ursache dieser mangelnden Fähigkeit ist nicht in 
einer geringeren Oxydationskraft der Gewebe zu suchen, denn andere oxy- 
dable Körper, ameisensaures und unterschwefligsaures Natron wurden von 
jungen Thieren sogar in reichlicherem Masse verbrannt als von erwachsenen; 
sie ist auch nicht in einer Verringerung der spaltenden Thätigkeit des Or¬ 
ganismus zu suchen, denn eingegebene Hippursäure wurde von jungen 
Thieren ebenfalls energischer zu Benzoesäure und Glykokoll zerspalten als 
von älteren. Besonders auffallend ist es, dass eine vielleicht nur sehr gering¬ 
fügige Steigerung der Harnsäureausscheidung beim Neugeborenen zu Infarkt 
der Nieren führt, während bei Erwachsenen selbst hochgradige Anreiche¬ 
rung des Harns an Harnsäure dies nicht bewirkt. Diese Thatsache wird 
noch unerklärlicher, da nach den Versuchen von Spiegelberg der Harn des 
Neugeborenen trotz seiner sauren Reaction und seines relativ geringen Harn¬ 
stoffgehaltes sogar ein stärkeres Lösungsvermögen für Harnsäure aufweist 
als der des Erwachsenen. 

Beiträge zur Kenntniss der Harnsäureausscheidung unter physio¬ 
logischen und pathologischen Verhältnissen theilen Schreiber und Wald¬ 
vogel 10 ) mit. Bei zwei Candidaten der Medicin, die durch 3 Tage hungerten — 
es wurde Sauerbrunnen getrunken —, sank die Harnsäure von 0,477, bezie¬ 
hungsweise 0,718 Grm. im Tag, bei beiden gleichmässig auf 0,2 Grm. Die 


Autoren halten daher die durch den Kernzerfall im Organismus gelieferte 

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Harn. 


Harnsäuremenge für constant. Fast derselbe niedrige Harnsäurewerth wurde 
auch gefunden bei rein vegetabilischer Kost. Von der Gesammtstickstoffaus- 
scheidung ist die Harnsäureausscheidung unabhängig: im Hunger z. B. ging 
erstere in die Höhe, letztere sank. Bei reiner Fleischkost wurde die Harn¬ 
säure nicht, wohl aber die Xanthinkörper stark vermehrt gefunden ; es wird 
dies auf darniederliegende Oxydation zurückgeführt. Als durch Thyreoidea¬ 
tabletten in zwei Fällen von Basedow* scher Krankheit und von Adipositas 
der Körpereiweisszerfall vermehrt wurde (erschlossen aus der Vermehrung 
der Phosphorsäure, des Acetons und der Acidität des Harns), stieg weder 
Harnstoff, noch Harnsäure und Xanthinbasen an, obwohl eine bedeutende 
Leukocytose auftrat. Auch die Einnahme von Harnstoff, salicylsaurem Natron 
und benzoesaurem Natron brachte keine eindeutigen Aenderungen der Aus¬ 
scheidung zustande. Nach einem Fall mit reichlicher Aufnahme von Speise 
und Trank stieg die Harnsäureausscheidung auf 1,035 Grm., wobei dieselbe 
spontan aus dem Harn auskrystallisirte. Einige gleichartige Untersuchungen 
an Kranken ergaben für einen Knaben mit Chorea etwas niedrigere Werthe 
für Harnsäure und Xanthinbasen, als sie bei einem gleichernährten, gleich- 
alterigen gesunden Knaben gefunden wurden. Untersuchungen an Diabetikern, 
die ausserdem an Gicht- oder B.\SEDOW*scher Krankheit litten, ergaben keine 
eindeutigen Resultate. 

Schon Wühler giebt an, dass der Genuss von Obstfrüchten die 
Harnsäuremengen herabsetze, er wies auch auf eine Kirschen- und Erd- 
beerencur gegen Gicht hin. J. Weiss 11 ). der an sich Versuche anstellte, 
konnte nach Genuss von Kirschen (l 1 /* Pfund), Erdbeeren (1 Pfund). Trauben 
(2 Pfund) ein deutliches Absinken der Harnsäureausscheidung bemerken, 
während gleichzeitig Hippursäure im Harne auftrat. Um zu entscheiden, 
welcher von den in den Früchten enthaltenen Stoffen diese Wirkung her¬ 
vorgebracht hatte, wurden Versuche mit weinsaurem Kali, Tannin, Zucker 
und Chinasäure vorgenommen. Nur die Chinasäure bewirkte gleichzeitig 
mit Steigerung der Hippursäureausscheidung Verminderung der Harnsäure. 
Wühler hatte bekanntlich angegeben, dass im Harne saugender Kälber sich 
Harnsäure fände, die beim Uebergang zu vegetabilischem Futter der Hippur¬ 
säure Platz mache; Weiss konnte in einem Versuche diese Angabe nicht 
bestätigen. Ein Versuch mit Milchsäure- und mit Glycerinaufnahme, welcher 
eine Vermehrung der Harnsäure erwarten Hess, ergab keine Aenderung 
der Harnsäureausscheidung. 

Nach den Versuchen von 0. Minkowski und Ph. Cohx enthält der 
Harn von mit Thymus gefütterten Hunden Allantoin in reichlicher Menge. 
Salkowski 12 ) machte dieselbe Beobachtung bei Pankreasfütterung. Es betrug 
bei ausschliesslicher Pankreasfütterung eines Hundes die Harnsäureausschei¬ 
dung fast das Fünffache derjenigen bei Fleischfütterung; auch beim Men¬ 
schen wird der Genuss von Pankreas zweifellos reichliche Harnsäureaus¬ 
scheidung verursachen. Pankreas soll zur Bereitung von »Leberwurst« ver¬ 
wendet werden. Dieses Nahrungsmittel wäre also bei gesteigerter Harn¬ 
säureausscheidung zu vermeiden. 

Sundwik 13 ) erhärtet durch Analysen die von ihm schon früher auf- 
gestellte Behauptung (s. Encyclopäd. Jahrb. VIII, pag. 141), dass aus Harn¬ 
säure durch Reduction mit Chloroform und Natronlauge neben dem schon 
früher identificirten Xanthin auch Hypoxanthin entstehe. 

Die hohe Bedeutung, welche der Harnsäureproduction und -Ausschei¬ 
dung bei so vielen pathologischen Processen zukommt, lässt es begreiflich 
erscheinen, dass man nach Verfahren sucht, welche die Zeitdauer der bisher 
am meisten geübten Harnsäurebestimmungsmethode nach Salkowski Ludwig 
abkürzen. In dieser Beziehung schienen zunächst die titrimetrischen Ver¬ 
fahren nach Hodkixs und die von Folin Aussicht auf Erfolg zu haben. 


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Harn. 


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Letztere Methode beruht als eine Modification jener von Hopkins bekannt¬ 
lich auf der Oxydation der Harnsäure mit einer titrirten Lösung von Per¬ 
manganat bis zum Bleiben der Rothfärbung. Während mit dieser Methode 
bei reinen Harnsäurelösungen genaue Resultate erhalten werden, giebt sie 
im Harn nicht constante und zu hohe Werthe. Die Rothfärbung verschwindet 
wieder nach einiger Zeit, da die bei der Oxydation der Harnsäure entstan¬ 
denen Producte weiter oxydirt werden. Eine von Adolf Jolles 14 ) bearbeitete 
zuverlässige Methode zur quantitativen Bestimmung der Harnsäure im 
Harn gründet sich nun auf die völlige Oxydation der Harnsäure im Harn durch 
Permanganat in heisser, saurer Lösung. Hierbei entsteht kein Ammoniak, 
sondern ein Molecül Harnsäure zerfällt durch Aufnahme von drei Atomen 
Sauerstoff und zwei Molecülen Wasser glatt in zwei Molecüle Harnstoff und 
drei Molecüle Kohlensäureanhydrid. J olles berechnet nun aus dem im 
oben erwähnten, von ihm modificirten Kxop'schen Azotometer erhaltenen 
Stickstoff die Harnsäure. Die Ausführung der Methode ist folgende : In 50 
bis 1*00 Grm. Harn werden 5—20 Grm. festes Ammoniumacetat gelöst. Der 
mit Ammoniak schwach alkalisch gemachte Harn wird nach 3 Stunden 
filtrirt, der Niederschlag mit gesättigter Lösung von Ammoniumcarbonat 
chlorfrei gewaschen. Der Niederschlag wird mit heissem Wasser in ein 

Becherglas gespritzt und mit Magnesia usta bis zur völligen Entfernung 

des Ammoniaks gekocht. Nach Ansäuern mit Schwefelsäure wird in die 
kochende Flüssigkeit so lange circa 0.8 u /oige Permanganatlösung gegeben, 
bis die Farbe nach V^tündigeni Kochen nicht mehr verschwindet. Nach 
Entfärbung mit Oxalsäure wird die abgekühlte Flüssigkeit mit Natronlauge 
alkalisch gemacht und der Harnstoff mit Bromlauge nach HPfxer bestimmt. 
Hierzu dient das von Jolles modificirte Kxop'sche Azotometer, bezüglich 
dessen Beschreibung wir auf das Original verweisen. Dem Apparate, welcher 
von Carl Reichert in Wien geliefert wird, wird eine Tabelle beigegeben, 

welche die Factoren enthält, mit denen die Zahl der abgelesenen Cubik- 

centimeter Stickstoffe zu multipliciren ist, um direct die Milligramme Harn¬ 
säure pro Liter Harn zu erhalten. 

Als einfaches Verfahren zur Bestimmung der Harnsäure giebt E. 
WOrxer 15 ) an, die Harnsäure zunächst als Ammoniaksalz auszufällen, das 
Ammoniak durch Kochen mit Natronlauge aus dem gesammelten und ge¬ 
waschenen Niederschlag auszutreiben und im zurückbleibenden harnsauren 
Natron den Stickstoff zu bestimmen. Es werden zu dem Behufe 150 Ccm. 
eiweissfreier Harn in einem Becherglase auf 40—50° erwärmt und darin 
:-)0 Grm. Ammoniumchlorid gelöst, der entstandene Niederschlag nach l / 2 bis 
Istündigem Stehen filtrirt, mit 10° 0 iger Ammonsulfatlösung chlorfrei ge¬ 
waschen und auf dem Filter in 1—2°/ 0 iger Natronlauge gelöst, die Lösung 
sammt Waschwassern wird in einer Porzellanschale durch Kochen vom 
Ammoniak befreit, alsdann nach Kjeldahl zersetzt und das entstandene 
Ammoniak titrirt. 1 Ccm. Y^-Normal-Schwefelsäure entspricht 0,0042 Grm. 
Harnsäure. 

Das grosse Interesse, welches dem Auftreten der Alloxurbasen (von 
denen nur drei, Coffein, Theobromin und Theophyllin, ausschliesslich dem 
Pflanzenreiche anzugehören scheinen) im Harn entgegengebracht wird, regten 
M. KrOger und G. Salomon 10 ) an, ihre schon früher an 10.000 Liter Harn 
in dieser Richtung begonnenen Untersuchungen dahin auszudehnen, um auch 
die Frage zu beantworten, welche Alloxurbasen im Harn mit Sicherheit 
vorhanden sind, wobei sie auch eine neue Methode der Trennung dieser 
Basen von einander angeben. Es wurden dabei folgende Alloxurbasen im Harn 
gefunden: Xanthin, Heteroxanthin (= 7-Methylxanthin), 1-Methylxanthin. 
Paraxanthin (= 3—7. Dimethylxanthin), ferner Hypoxanthin, Adenin (= Amido- 
hypoxanthin) und Epiguanin. Dazu kommt dann noch das von P. Balke im 


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Harn. 


Menschenharn aufgefundene, vielleicht mit dem Epiguanin identische Episarkin 
und das Guanin, das im Schweineharn Vorkommen kann, beim Menschen 
aber trotz der gegenteiligen Meinung von Pouchet wahrscheinlich nicht 
vorkommt. 

In einer II. Mittheilung berichten M. Krüger und G. Salomon 17 ) über 
die Ergebnisse der fortgesetzten Untersuchungen in dieser Frage. Sie er¬ 
hielten aus 10.000 Liter Harn: 10,11 Grm. Xanthin, 22,345 Grm. Hetero¬ 
xanthin, 31,285 Grm. 1-Methylxanthin, 13,31 Grm. Paraxanthin, 8,5 Grm. 
Hypoxanthin, 3,54 Grm. Adenin, 3,4 Grm. Epiguanin. Guanin, Carnin und 
Episarkin (dieses letztere vielleicht identisch mit Epiguanin) wurden nicht 
gefunden. Schuld daran trägt vielleicht (die Yerff. glauben aber, dass sie 
überhaupt nicht im Harne Vorkommen) das angewandte, bisher allgemein 
übliche Neubauer sehe Verfahren, bei welchem die Silberverbindungen der 
Basen aus heisser Salpetersäure umkrystallisirt werden, dabei wird Carnin 
in Hypoxanthin, Guanin in Xanthin verwandelt. Deswegen und aus anderen 
gewichtigen Gründen schlagen die Verff. ein neues Verfahren zur Abschei¬ 
dung der Xanthinbasen vor. Die Silber- oder Kupferniederschläge der 
Xanthinbasen werden mit Salzsäure oder Schwefelwasserstoff zerlegt, die 
abfiltrirte Flüssigkeit wird mit Wasser digerirt, wobei die schon bisher als 
Xanthinfraction bezeichneten Basen mit Ausnahme des Paraxanthins unge¬ 
löst Zurückbleiben; die Hypoxanthinfraction löst sich. Die einzelnen Körper 
können dann nach den im Original geschilderten Methoden isolirt werden. 
Para-, Hetero- und 1-Methylxanthin bilden, wie man sieht, die Hauptmenge 
der im Harn vorkommenden Purin- (Alloxur-) Körper, treten aber beim 
Zerfall der Nucleine höchstens in unbedeutender Menge auf und Krüger 
und Salomon schliessen sich darum der Ansicht an, dass gerade diese 
Körper von den methylirten Xanthinen (Coffein, Theobromin etc.) der Nah- 
rungs- und besonders der Genussmittel abstammen. Die klinische Bedeutung 
der Bestimmung der Purinkörper im Harn wird damit wieder um ein gutes 
Stück verringert. In einer nachfolgenden Arbeit: »Das Epiguanin« stellen 
die Verff. dann noch die Constitution des genannten Körpers als 7-Methyl- 
guanin fest. 

Ein interessantes Beispiel des verschiedenen Verhaltens einer in ihrer 
chemischen Constitution bekannten Substanz in verschiedenen Thierorga¬ 
nismen zeigen die Untersuchungen von Manfredi Albanese. 18 ) Diese er¬ 
gaben, dass sich Coffein (1—3—7 Trimethyl, 2—6 Dioxypurin) im Orga¬ 
nismus des Menschen, des Hundes und des Kaninchens verschieden verhält, 
während das Kaninchen nach Coffeineingabe Xanthin ausscheidet, scheidet 
der Hund ein Monomethylxanthin aus, welches identisch ist mit dem von 
E. Fischer und Ach synthetisch dargestellten 3 -Methylxanthin, der Mensch 
wieder bildet aus Coffein ein Dimethylxanthin, das wahrscheinlich 1,3 Me¬ 
thylxanthin oder Theophyllin ist. 

Ueber das Ausscheidungsverhältniss der Alloxurkörper bei 
Nephritis hat Charles F. Martin 1ö ) in 7 Fällen von Nephritis verschie¬ 
dener Form (acute, chronisch-parenchymatöse, Schrumpfniere etc.) Beob¬ 
achtungen ausgeführt. Die Alloxurbasen wurden direct als Silbersalz nach 
Salkowski, die Harnsäure nach Ludwig und der Gesammtstickstoff nach 
K.ieldahl bestimmt. Coffeinhaltige Nahrungsmittel sind strengstens vermieden 
worden. Therapeutische Eingriffe medicamentöser oder physikalischer Art 
(Bäder) w r urden unterlassen. Die Zahlenresultate sind in Tabellen geordnet. 
Als physiologische Vergleichsweise zieht Ch. F. Martin blos die von Sal¬ 
kowski und seinen Schülern Flatow-Reitzenstein ermittelten Zahlen heran, 
welche übrigens mit früher von Stadthagen gefundenen 24stünd. Ausscbeidungs- 
niengen ziemlich gut übereinstimmen (27,2—55,1 Mgrm. pro die). Nach am 
Laboratorium der Klinik des Prof. Kraus in Graz gemachten Erfahrungen 


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Harn. 


151 

kann der betreffende Werth noch etwas nach oben überschritten werden. 
Jedenfalls sind schon unter normalen Bedingungen die Unterschiede der 
Alloxurbasenausscheidung relativ bedeutende und mahnen zu entsprechender 
Vorsicht in der Beurtheilung pathologischer Zahlen. Das Verhältniss zwischen 
Alloxurbasen und Harnsäure im normalen Urin beträgt nach Salkowski 
1 : 10,2—1 : 27,1; die Relation Basen Stickstoff zu Harnsäurestickstoff ist 
demnach 1 : 8,8—1 : 25, nach Flatow-Reitzenstein 1 : 10—1 : 32,6, meist sich 
bewegend zwischen 1 : 14 und 1 : 22. In sechs der vom Verf. untersuchten 
Fälle von Nephritis beträgt die tägliche Ausscheidungsgrösse von Alloxurbasen 
13,6—47 Mgrm. Die für jeden einzelnen Kranken aus sämmtlichen Untersuchungs¬ 
tagen zu berechnenden Mittelwerthe sind: Fall I 0,0352 Grm., Fall II 0,0367 Grm., 
Fall III 0,0227 Grm., Fall V 0,0172 Grm., Fall VI 0,0337 Grm., Fall VII 
o,0337 Grm. Die Werthe sind also von Fall zu Fall bedeutend verschieden und 
können auch beim einzelnen Kranken von einem Tag zum anderen unab¬ 
hängig von der Harnwassersecretion relativ stark wechseln. Verglichen mit 
den vorliegenden Normalzahlen, sind die gefundenen keineswegs abnorm 
hoch zu nennen; liegen doch nur einzelne derselben nahe den bisher fest¬ 
gesetzten oberen physiologischen Grenzen. Das aus den Durchschnittswerthen 
der verschiedenen Versuchspersonen berechnete Mittel würde 23,9 Mgrm. 
betragen. Von einer absoluten Vermehrung der Alloxurbasen in der Tages¬ 
menge Urin kann also bei keinem dieser Fälle von Nephritis die Rede sein. 
Die absoluten Werthe der Harnsäure schwanken, ebenfalls unter vorläufigem 
Verzicht auf Fall IV, zwischen 0,2 und 0,567 Grm. Die für jeden Einzelfall 
berechneten Durchschnittswertbe der täglich ausgeschiedenen Harnsäure¬ 
menge betragen in Fall I 0,289 Grm., Fall II 0,445 Grm., Fall III 0,286 Grm., 
Fall V 0,303 Grm., Fall VI 0,395, Fall VII 0,395. Mittel aus sämmtlichen 
Zahlen: 0,358 Grm. 

An den verschiedenen Versuchstagen entsprechen die Harnsäurewerthe 
in einem Falle immer, bei den anderen wenigstens öfters vollständig der 
Norm. Vielfach stosst man allerdings auf absolut geringe Beiträge. Wird 
aber im gegebenen Falle auch die Harnsäure in absolut kleiner Menge aus¬ 
geschieden, macht sie doch beim Nephritiker ebenso wie beim Gesunden 
den grössten Theil sämmtlicher Alloxurkörper aus, indem sie 79,5—96% 
(durchschnittlich 91%) derselben beträgt. Die Gesammtmenge der pro die 
durchschnittlich ausgeschiedenen Alloxurkörper kann also eine niedrige, die 
Relation Alloxurbasen zu Harnsäure (beziehungsweise Basenstickstoff zu 
Harnsäurestickstoff) braucht nicht wesentlich gegenüber der Norm ver¬ 
schieden zu sein. An gewissen Versuchstagen erscheint allerdings das frag¬ 
liche Verhältniss näher zusammengerückt, z. B. auf 1 : 4,2, 1 : 7,3. Am auf¬ 
fälligsten tritt dieser Umstand bei dem sub IV geführten Patienten mit 
Schrumpfniere hervor. Einem relativ kleinen Harnsäurewerth entspricht hier 
die höchste, von Ch. F. Martin überhaupt beobachtete Alloxurbasenausschei¬ 
dung. Dieselbe beträgt 0,0811 Grm., ist also fast doppelt so gross als 
Salkowski's Normalzahlen, und auch weit grösser, als die im obgenannten 
Laboratorium sonst constatirten physiologischen Werthe. Die Grösse der 
Basenexcretion stellte sich in diesem Falle jener der Harnsäure nahezu 
gleich. Auch der bereits erwähnte grosse Wechsel der Menge der Alloxur¬ 
basen an verschiedenen Untersuchungstagen kommt natürlich in einem be¬ 
deutenden Schwanken des Verhältnisses von Basen zu Harnsäure zum Aus¬ 
druck, wodurch die Beurtheilung einzelner Untersuchungen erschwert wird; 
so betrug diese Verhältnisszahl in Fall I am 1. Tage 1 : 4,2, am 3. Tage 
1 : 13; in Fall V einmal 1 : 11,4, ein anderesmal 1:26 etc. Ein wirkliches 
Ueberwiegen des Basenstickstoffs über den Harnsäurestickstoff (Kolisch) 
konnte aber keinmal festgestellt werden. Solche Befunde dürften doch wohl 
nur auf der fehlerhaften, zu grosse Zahlen des Basenstickstoffs gebenden 


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Harn. 


152 

Kk( geh-Wulff sehen Methode beruhen. Da die Ursachen der physiologischen 
Verschiedenheiten der Alloxurbasenausscheidung nicht näher bekannt sind, 
muss auch auf einen Erklärungsversuch der beim Nephritiker vorhandenen 
Schwankungen verzichtet werden. Ausser einer gelegentlichen, wie es scheint 
höchstens ausnahmsweisen Mehrausscheidung derselben oder aus einem 
Engerwerden der Harnsäure-Basenrelation Schlüsse auf die Fähigkeit der 
Niere zur Harnsäureprägung zu ziehen, wird kaum angehen. Endlich wird 
darauf hingewiesen, dass der procentische Gehalt des Nephritikerharns an 
Harnsäure häufig recht gross ist. Würde thatsächlich, wie Kolisch meint, 
die Harnsäurebildung in der Niere infolge ihrer Entzündung darniederliegen 
und die Ausscheidungsgrösse derselben ein directes Mass hierfür abgeben, 
so könnte erwartet werden, dass nicht nur der 24stündige Gesammtharn, 
sondern auch jeder einzelne Theil desselben weniger Harnsäure enthalte. 
Diese Voraussetzung trifft aber keineswegs zu, vielmehr ist der procentische 
Harnsäurewerth im eiweisshaltigen Urin vielfach recht gross. Besonders 
lehrreich sind nach dieser Richtung zwei Fälle von sogenannter intermit- 
tirender Albuminurie gewesen. Der Ruheharn war bei diesen beiden, seit 
Jahren in Beobachtung stehenden Personen vollständig oder bis auf kleinste 
Spuren frei von Eiweiss, während nach mässiger Bewegung regelmässig 
Albuminurie auftrat. Dabei zeigten die eiweisshaltigen Harnportionen immer 
ein Uratsediment. Die quantitative Untersuchung auf Harnsäure ergab nun 
bei einem dieser Fälle im eiweissfreien (Nacht-)Harn 0,0060 Grm., in der 
eiweisshaltigen Harnportion vom Nachmittag (nach einem kleinen Spazier¬ 
gang) 0,0803 Grm. Harnsäure in 100 Ccm., bei dem zweiten 0,0558% im 
Ruheharn und 0,0698% im eiweisshaltigen, nach leichter Bewegung ge¬ 
lassenen Urin. Unter Bedingungen also, welche diese Nieren nach Massgabe 
der Eiweissabscheidung erkennbar schädigten, war die Bildung, beziehungs¬ 
weise die Excretion der Harnsäure nicht beeinträchtigt. 

Für das Vorkommen der familiären Cystinurie liefert einen Beitrag 
J. Cohn 20 ), der bei einem 7jährigen Mädchen einen Cystinstein durch Sectio 
alta entfernte. Im Harn der Kranken fielen die Diaminproben negativ aus. 
Von 10 untersuchten Mitgliedern der Familie wurde bei sieben Cystin ge¬ 
funden, aber auch bei diesen fiel die Untersuchung auf Diamine negativ 
aus, so dass die Infectionstheorie für die Entstehung des Cystins in diesem 
Falle keineswegs geltend gemacht werden kann, ebensowenig wie bei der 
von Baumann untersuchten Pfeiffer sehen Cystinfamilie. 

Prof. Eriuh Harnack 21 ) theilt eine in Gemeinschaft mit Cand. med. Else 
von der Leyen gemachte Beobachtung mit, dass eine subcutane Injection von 
circa 0,1 neutralem Natriumoxalat beim Hunde mit gemischter Kost Indicanurie 
erzeugt, dass also Oxalsäure selbst in ungiftiger Dosis Indicanurie 
erzeugt, eine Thatsache, die Harnack dem Phloridzindiabetes an die Seite 
stellt. Zu den bezüglichen Thierversuchen wurde Harnack durch einen Fall von 
schwerer, jedoch nicht tödtlicher Sauerkleesalzvergiftung beim Menschen an¬ 
geregt. Der Harn enthielt noch drei Wochen nach der Vergiftung viel Kalkoxalat 
als Sediment und gab eine auffallend starke Indicanreaction. Die Verff. halten 
es nach ihren Thierversuchen und nach den in dieser Frage verwerthbaren 
Literaturangaben für wahrscheinlich, dass die durch Oxalsäure erzeugte In¬ 
dicanurie nicht auf einer Darm-, sondern auf einer Gewebs-, beziehungsweise 
Stoffwechselwirkung beruht. In einem »Nachtrag« wird mitgetheilt, dass die 
zur Erzeugung der Indicanurie erforderlichen Dosen individuellen Schwan¬ 
kungen unterliegen, und dass der Erfolg in einem Theil der Fälle erst ver¬ 
zögert als Nachwirkung zutage tritt, dann aber ungemein stark und an¬ 
haltend sein kann, ein Umstand, der auch nicht für eine Darmwirkung spricht. 

Zur Entscheidung der Frage, ob die Oxalsäure ein Product des Stoff¬ 
wechsels ist oder nur einen mit der Nahrung eingeführten Körper darstellt. 


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der zum Theil im Harn wieder ausgeschieden wird, führte Hugo Lüthje 2 ’ 2 ) 
Versuche an Hunden aus. Im Harn eines hungernden Hundes wurden Oxal¬ 
säure vom 12. Hungertage an zu 7—9 Mgrm. gefunden; Zufuhr von reinem 
Fleisch, von Fett oder von Traubenzucker änderte den Befund nicht auf¬ 
fallend. Die Oxalsäure ist also ein Product des Stoffwechsels, nicht ein Derivat 
der Nahrung, speciell nicht der Kohlenhydrate. Die Versuche am Menschen 
durch Thymus- und Nucleinfütterung, die Harnsäurebildung zu vermehren 
und dann die beim weiteren Zerfall derselben etwa entstehende Oxalsäure 
im Harn aufzusuchen, führte nur zu unsicheren Resultaten, jedenfalls nicht 
zu einer Bestätigung der häufig geäusserten Ansicht, dass die Oxalsäure 
eines der weiteren Abbauproducte der Harnsäure (über Oxalursäure) darstelle. 

Eine neue Reaction zum Nachweis der Acetessigsäure im 
Harn theilt Arnold 2S ) mit. Man bedarf für dieselbe zweier Lösungen: 
a) Paramidoacetophenon; 1 Grm. wird in 80—100 Ccm. destillirten Wassers 
mit Hilfe von tropfenweise zugesetzter Salzsäure unter starkem Schütteln 
gelöst. Man setzt dann noch so viel concentrirte Salzsäure tropfenweise 
hinzu, bis die anfangs gelbe Lösung fast wasserklar geworden ist (ein 
Ueberschuss von Salzsäure soll vermieden werden), b) l%ige Lösung von 
Natrium nitrosum. a und b sind haltbar. Man mischt 2 Theile a mit 1 Theil b. 
Zum Reagens giebt man gleichviel oder mehr des zu untersuchenden Harns 
und setzt unter Schütteln 2—3 Tropfen starken Ammoniaks hinzu. Alle 
Harne werden jetzt braunroth. Auf 1 Ccm. des rothbraunen Harns bringt 
man im Spitzglas 10—12 Ccm. concentrirte Salzsäure: ist Acetessigsäure im 
Harn, so färbt sich diese Mischung prachtvoll purpurviolett. Die Reaction 
ist eine Diazoreaction, welche nur bei Gegenwart von Acetessigsäure in der 
geschilderten Weise verläuft. 

Für den Nachweis von Aceton im Harn hat Oppenheimer 24 ) indem 
sauren Mercurisulfat ein bequemes, sicheres und empfindliches Mittel ge¬ 
funden; auch im Blut gelingt der Nachweis; man braucht nur geringe 
Quantitäten Blut, etwa 3 Ccm. Man bereitet das Reagens, indem man 
200 Ccm. concentrirte Schwefelsäure in 1000 Ccm. destillirtes Wasser giesst, 
dann 50 Ccm. gelbes Quecksilberoxyd (via humida paratum) hinzufügt, nach 
24stündigem Stehenlassen filtrirt. Nachdem man durch tropfenweises Zu¬ 
thun des Reagens zu circa 3 Ccm. Harn die fällbaren Substanzen , wie Ei- 
weiss, Harnsäure, Kreatinin gefällt und durch ein dickes Filter filtrirt hat, 
setzt man noch 2 Ccm. Reagens und 3—4 Ccm. 30%ige Schwefelsäure zu 
und erhitzt dann bis zu 4 Minuten; je nach der Quantität des vorhandenen 
Acetons tritt früher oder später eine starke oder schwächere Trübung ein; 
der Niederschlag löst sich in überschüssiger Salzsäure bis auf eine geringe 
Trübung. Zwei Punkte sind bei Anstellung der Probe genau zu beachten, 
damit Täuschungen vermieden werden: 1. fällt der Niederschlag nur in sehr 
verdünnten Lösungen durch einen grossen Ueberschuss von Reagens; 2. tritt 
häufig auch bei acetonfreien Harnen beim Erwärmen nach dem Filtriren 
wieder eine Trübung auf, die mit einer partiellen Reduction des Mercuri- 
sulfats zu Mercurosalz einhergeht. Diese Trübung lässt sich sicher ver¬ 
meiden, indem man nochmals mit 30%i& er Schwefelsäure stark ansäuert. 
Uebrigens giebt Acetessigsäure die Probe mit derselben Intensität. 

Karl Neuberg 25 ) überzeugte sich durch Versuche, dass bei der Phenol¬ 
bestimmung im Harn nach der Methode von Kossler und Penny (Destil- 
liren des mit Schwefelsäure angesäuerten Harns) im Destillate ausser Phenol 
noch andere jodbindende Stoffe, Aldehyde und ketonartige Körper, Vor¬ 
kommen, die namentlich von der Zersetzung der Kohlehydrate und der im 
normalen Harn nie fehlenden Glykuronsäure herrühren. Es lassen sich also 
die Phenole direct im Destillate des Harns nicht nachweisen und die von 
Strasser bei Diabetes gefundenen Phenolmengen sind zu hoch. Neuberg em- 


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Harn. 


pfiehit daher ein neues Verfahren zur quantitativen Bestimmung des Phenols 
im Harn. Es werden zunächst nach dem Verfahren von Kossler und Penny 
die Phenole aus dem Harn abgetrieben, das Destillat wird zur Entfernung 
von salpetriger Säure und Ameisensäure über Calciumcarbonat rectificirt 
und dann zur Abscheidung der Aldehyde und ketonartigen Körper in fol¬ 
gender Weise behandelt: In einem Zweiliterkolben wird das Gemenge der 
Phenole und der durch die Destillation aus den Kohlehydraten entstandenen 
jodbindenden Producte mit einem grossen Ueberschuss von lufttrockenem, 
hydratischem Bleioxyd (3 Grm.), das mit Barytlösung aus Bleinitrat frisch 
zu fällen ist, und 5 Ccm. einer concentrirten Lösung von basischem Blei¬ 
acetat oder, statt beider, mit einer Auflösung von 1 Grm. Aetznatron und 
6 Grm. festem Bleizucker versetzt und etwa 15 Minuten auf einem lebhaft 
siedenden Wasserbad erhitzt. Hierbei löst sich ein Theil des Bleioxyds in 
den Phenolen zu basischen Bleiphenolaten, während die leicht flüchtigen 
Aldehyde entweichen. Zur vollständigen Entfernung der letzteren erhitzt 
man den Kolbeninhalt noch kurze Zeit am absteigenden Kühler auf freier 
Flamme, bis wenige Cubikcentimeter des übergehenden Destillats ammonia- 
kalisch-alkalische Silberlösung nicht mehr reduciren, was gewöhnlich nach 
etwa 5 Minuten der Fall ist. Ein unnöthiges langes Erhitzen ist zu ver¬ 
meiden, da bei anhaltender Erwärmung die Bleiphenolate in ihre Compo- 
nenten zerfallen. Man säuert nun den Kolbeninhalt stark mit verdünnter 
Schwefelsäure an und destillirt die Phenole unter zweimaliger Ergänzung 
der Flüssigkeitsmenge durch Wasser ab. Das Destillat wird nun wieder 
nach den Angaben von Kossler und Penny behandelt, d. h. mit Alkali über¬ 
sättigt und nach dem Erwärmen auf dem Wasserbad in einer grossen 
Stöpselflasche sogleich mit % 0 -Normaljodlösung im Ueberschuss versetzt, 
der in der Kälte nach dem Ansäuern mit 1 10 Thiosulfat zurücktitrirt wird. 
Als Mittelwerth fand Neuberg durch diese Methode für die Höhe der täg¬ 
lichen Phenolausscheidung 0,0332 Grm. Ein Diabetesharn mit 1.5% Zucker 
zeigte für die 24stündige Urinmenge von 1600 Ccm. einen Phenolgehalt von 
0.0368 Grm. Diese Zahlen nähern sich nun ausserordentlich dem von I. Munk 
auf gewichtsanalytischem Wege gefundenen Mittelwerth von 0,0270 Grm. 

Fritz Oberm.wer- 6 ) und Eyvin Waxg 27 ) haben unabhängig voneinander 
fast die gleiche Methode der Indikanbestimmung vorgeschlagen. Der Harn (nach 
Obermayer nur 10 — 50, nach Waxg bis 300 Ccm.) wird mit essigsaurem 
Blei unter Vermeidung eines Ueberschusses gefällt und filtrirt. Ein aliquoter 
Theil des Filtrates wird (nach Obermayer auf 50 Ccm. aufgefüllt) mit dem 
gleichen Volum des Obermayer sehen Reagens (concentrirte Salzsäure, 
die circa 2 Grm. Eisenchlorid im Liter enthält) versetzt, und nach 10 bis 
15 Minten langem Stehen wird das gebildete Indigo mit je 25 Ccm. Chloro¬ 
form so oft ausgeschüttelt, bis es sich nicht mehr blau gefärbt zeigt. 
Die Chloroformlösung wird abgedampft. Während nun Wang das im Destil¬ 
lationskölbchen zurückbleibende (vom Chloroform vollständig befreite) Indigo 
sofort mit concentrirter Schwefelsäure löst, behandelt Obermayer den in 
einer Schale fest haftenden Chloroformrückstand mehrmals mit warmem 
40—50%igen Alkohol, um ihm Verunreinigungen, speciell den röthlichbraunen 
Farbstoff, der bei der Indikanreaction, wenn viel Harn verwendet wird, 
stets entsteht, zu entziehen und löst dann ebenfalls den Indigo mit 5 Ccm. 
concentrirter Schwefelsäure. Die Schwefelsäurelösung wird dann noch warm 
in Wasser eingegossen und auf ein bestimmtes Volum gebracht (nach der 
Methode von Wang bilden sich nun manchmal rothbraune Flocken, die ab- 
filtrirt werden müssen). Ein aliquoter Theil dieser blauen Lösung wird mit 
Lösung von übermangansaurem Kali bei 50—80° titrirt, bis die blaue Farbe 
verschwindet und die Flüssigkeit farblos oder gelblich — nicht roth er¬ 
scheint. Obermayer titrirt mit einer Lösung, die 0,0256 Grm. KMn 0 4 im 


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Harn. 


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Liter enthält und von der 1 Ccm. = 0.05 Mgrm. Indigo entspricht, wenn 
zur Titration nicht weniger als 2 und nicht mehr als 8 Ccm Permanganat 
verbraucht wurden. Wang bewahrt das Permanganat als concentrirte Lösung 
(circa 3 Grm. im Liter) auf, verdünnt halbweise 5 Ccm. auf 200 Ccm., stellt 
die Lösung auf Oxalsäure und findet die Indigomenge durch Multiplication 
des Oxalsäurewerthes der Titerlösung mit 1,04. Die genauesten Resultate 
werden auch hier beim Verbrauch von 10—15 Ccm. der Permanganatlösung 
erzielt. 

In einer späteren Arbeit erklärt E. Wang 28 ), bezugnehmend auf seine 
früheren Auseinandersetzungen mit Obermaykr 29 ), dass auch das von letzterem 
vorgeschlagene Reinigungsverfahren für das aus dem Harn dargestellte 
Indigoblau nicht ausreiche, und schlägt seinerseits vor, den Abdampfrück¬ 
stand von der Chloroformlösung mit Alkoholäther auszuwaschen, das zurück¬ 
bleibende Indigoblau mit Chloroform nochmals aufzunehmen, zu verdampfen 
und nun erst mit Schwefelsäure zu lösen und mit Permanganat zu titriren. 

Demgegenüber bemerkt Jacob Bocma 30 ), dass durch diese Reinigungs¬ 
verfahren die gefundenen Werthe zwar um 30% herabgedrückt würden, 
dass aber die weggewaschenen Farbstoffe Abkömmlinge des Indikans seien, 
gerade so wie das Indigoblau. Wird die Reaction bei niedriger Temperatur 
ausgeführt, so entsteht viel mehr Indigoroth, bei 50° fast nur Indigoblau. 
Aus den Abdampfrückständen der Chloroformausschüttelungen lässt sich 
durch Aether fast reines Indigoroth, dann durch Alkohol Indigobraun, end¬ 
lich durch Chloroform Indigoblau in Lösung bringen, indes ergab sich die 
Identität dieser Farbstoffe mit den aus dem pflanzlichen Indikan bei der 
Oxydation Entstehenden. Bouma empfiehlt daher, die genannten Auswaschungs¬ 
methoden bei der Indikanbestimmung im Harn nicht anzuwenden. Wang 31 ) 
jedoch hält auf Grund der Löslichkeitsverhältnisse die in Frage stehenden 
braunen Farbstoffe nicht für Abkömmlinge des Indikans oder für verändertes 
Indigo. Er stellt fest, dass die aus demselben Harn erhältlichen Mengen 
von Indigoblau trotz verschiedener Anordnung des Versuches constant waren, 
und dass die Menge der entstehenden rothbraunen Farbstoffe von der Art 
der Nahrung abhängig ist (Fleischnahrung vermindert sie erheblich). Da 
ferner das Chloroform ausser Indigo noch Benzoesäure, Phenole (aus ge¬ 
spaltener Hippursäure und Aetherschwefelsäuren des Harns) und aromatische 
Oxysäuren enthalten muss, hält Wang die Waschung des Chloroformrück¬ 
standes doch für nothwendig. 

Die intermittirende Albuminurie der Adolescenten studirte Pri- 
bram 33 ) an 15 diesbezüglichen Fällen. Als urologisch wichtige Resultate 
ergaben sich: Im centrifugirten Harn waren morphotische Elemente der 
Nieren niemals vorhanden; die Albuminurie (bis zu 1 °/oo) trat nur bei auf¬ 
rechter Stellung und körperlicher Bewegung ein, kam plötzlich und schwand 
rasch, war nie im Morgenharn nachweisbar. In den Stunden der Albuminurie 
war das specifische Gewicht des Harnes sehr hoch. Ausser Albumen war 
auch stets mucinoide Substanz (Nucleoalbumin ?) im Harn vorhanden. Bei 
Versetzen des Harnes mit Esbachs Reagens entstand ausser der flockigen 
Eiweissfällung auch eine krystallinische Ausscheidung von Kalium- und 
Natriumpikrat; Neigung zur Albuminurie und zur Krystallbildung (vermehrte 
Ausscheidung von Kalium- und Natriumsalzen) traten bei wachsenden Indi¬ 
viduen cyklisch auf in den Zeiträumen rascheren Längenwachsthums des 
Körpers, besonders der distalen Knochen neben chlorotischen Erscheinungen. 
Mit dem Langsamerwerden des Körperwachsthums schwand die Neigung 
zur Albuminurie, auch bei starken Bewegungen — ebenso unter Liegen — 
und Mastcur bei vielen Fällen dauernd. 

Zum Nachweis von Eiweiss im Harn empfiehlt Casimir Stry- 
zowski 33 ) die Persulfate, namentlich Ammoniumpersulfat (XHJ. S 2 O b , farb- 


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Harn. 


lose, in Wasser trübe, lösliche Krystalle (die Lösung entwickelt beim Er¬ 
wärmen Sauerstoff, wobei sich das obige Salz in saures Ammoniumsulfat 
und Sauerstoff zerlegt). Die Lösung ist daher zur folgenden Reaction nur 
kalt zu verwenden. Man unterschichtet den Harn, er mag sauer oder alka¬ 
lisch sein, wie bei der HELLER'schen Probe mittels einer Pipette mit 10° 0 iger 
Lösung von Ammoniumpersulfat. Eiweiss in Verdünnungen bis zu 1 : lÜÜ.OOu 
lässt dann einen w r eissgrauen Ring entstehen, bei gleichzeitiger Gegenwart 
von Gallenfarbstoffen ist derselbe grün. Peptone und Urate sollen keine 
trügerischen Ausscheidungen ergeben. Die coagulirende Wirkung der Per¬ 
sulfate kommt ausschliesslich dem frei werdenden Sauerstoff zu. 

Ueber das Vorkommen der Albumosen im Harn hat Aldor 34 ) neuer¬ 
dings Untersuchungen bei sehr verschiedenen Krankheiten vorgenommen, 
welche ihn zu einer Kritik der verschiedenen Formen der Albumosurie 
führen. Er möchte die sogenannte enterogene Albumosurie, die von 
manchen Autoren in der Weise aufgefasst wurde, dass bei Läsionen des 
Magendarmtractus, wie bei Typhus und anderen Geschwüren, das Pepton 
nicht ausgenützt, sondern in die Blutbahn übergeführt und durch den Harn 
ausgeschieden werde, nicht annehmen. Er hält die Albumosurie eher für 
die Folge des gleichzeitigen Fiebers, welches hierfür häufig als ätiologisches 
Moment in Betracht komme. Der Grund für die Verschiedenheit der An 
sichten über das Vorkommen und die Entstehung der Affection liegt nach 
Aldor in der Unzuverlässigkeit der Untersuchungsmethoden. Er fand nnn 
in dem absoluten Alkohol ein zuverlässiges Mittel, um die Farbstoffe, die 
vornehmlich zu Täuschungen Veranlassung geben, besonders das Urobilin, 
zu eliminiren: Der mit Salzsäure angesäuerte Harn wird solange mit 5° 0 
Phosphorwolframsäure versetzt, bis alle fällbaren Substanzen gefällt sind; 
der Niederschlag wird so oft centrifugirt und mit absolutem Alkohol geschüttelt, 
bis Alkohol und Sediment farblos bleiben; letzteres wird dann in etwas 
Wasser gelöst, mit concentrirter Natronlauge versetzt, worauf eine blaue 
Verfärbung entsteht, die übrigens durch Schütteln mit der Luft verschwindet ; 
sodann kommt zu der farblosen Lösung Cuprum sulfuricum; als positiv 
wird das Resultat nur betrachtet, wenn ein schönes Rosa zustande kommt. 
Ist Eiweiss im Urin vorhanden, so muss dieses erst ausgefällt werden, und 
zwar empfiehlt Arnold dazu die 15%ige Trichloressigsäure. Auf Grund 
seiner mit dieser Probe angestellten Untersuchungen glaubt Arnold eine 
febrile und eine histo- oder helkogene Form der Albumosurie feststellen 
zu können; dieselbe stellt anscheinend eine Stoffwechselanomalie dar, her¬ 
vorgerufen durch gesteigerten Eiweisszerfall. 

Der Nachweis des von den Albumosen wesentlich verschiedenen Nucleo- 
histons dürfte namentlich bei Eiterungsprocessen, also bei der sogenannten 
»pyogenen Histonurie«, von Interesse sein; Adolf Jolles 36 ) empfiehlt zum 
Nachweis von Histonen im Harne folgende Methode: 50—100 Ccm. des 
ei weissfreien Harns werden mit 4% Essigsäure angesäuert, dann mit etwas 
Chlorbariumlösung (10%) versetzt, bis keine Trübung mehr entsteht, und 
man rührt fleissig um. Der Niederschlag setzt sich bei dieser Behandlung rasch 
zu Boden, wird dann auf dem Filter gesammelt (ohne auszuwaschen) und 
sammt dem Filter mit 10 Ccm. einer l%igen Salzsäure übergossen, mehrere 
Stunden hingestellt. Hierauf versetzt man, um eventuell vorhandenes Chlor- 
baryum auszufällen, mit festem Natriumcarbonat bis Lackmuspapier Blau¬ 
färbung zeigt, und filtrirt ab. Vom Filtrat wdrd ein Theil mit Kalilauge 
und Kupfersulfat auf Biuretreaction geprüft, ein anderer Theil wird vor¬ 
sichtig angesäuert und mit Ammoniak das Histon als Niederschlag oder 
Trübung ausgefällt. Bei eiweisshaltigen Harnen ist die Enteiweissung mittels 
essigsauren Natrons und Eisenchlorid in der Wärme nicht thunlich, w^eil 
hierbei das Nucleohiston zum grössten Theile niedergeschlagen w r ird. Es 


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Harn. 


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empfiehlt sich, eiweisshältige Harne statt mit Chlorbarium mit Kieselguhr 
zu versetzen, um den durch verdünnte Essigsäure hervorgerufenen Nieder¬ 
schlag nach dem Schütteln mit Kieselpulver besser zum Absetzen zu bringen. 
Niederschlag sammt Filter behandelt man hierauf mehrere Stunden mit 
l%iger Salzsäure und filtrirt. Das Filtrat wird mit Ammoniak versetzt, wo¬ 
bei neben mineralischen Substanzen auch das eventuell vorhandene Histon 
ausfällt. Der Niederschlag wird auf dem Filter gesammelt, dann in Essig¬ 
säure gelöst und in dieser Lösung das Histon durch die Biuretreaction und 
eventuell Coagulation in der Hitze nachgewiesen. Jolles fand in mehreren 
Harnen von Cystitis, Pyelitis, Pyelonephritis, eiteriger Meningitis und eiteriger 
Phthise Eiweisskörper aus der Gruppe der Nucleohistone. 

Felix Rafael 3e ) konnte bei Kaninchen mittels grosser Atropindosen 
mit oder ohne Zufuhr von Zucker Glykosurie erzeugen, es gehört also 
das Atropin zu jener Gruppe toxischer Substanzen, welche Glykosurie er¬ 
zeugen können; auch ist von Interesse, dass sich das Atropin in dieser 
Beziehungseinem Antagonisten, dem Morphium, vollkommen gleichartig verhält. 

Die Beziehungen der alimentären Glykosurie zu Pankreas- 
affectionen studirte Erich Wille 37 ) an einem grossen klinischen Materiale. 
Es ergab sich, dass zwar nicht regelmässig eine Erkrankung des Pankreas 
alimentäre Glykosurie im Gefolge hat, dass aber bei regelmässig auftreten¬ 
dem positiven Erfolg des Fütterungsversuches die grösste Wahrscheinlichkeit 
einer schweren Erkrankung des Pankreas vorliegt; bei schwankenden Re¬ 
sultaten kann man nach Ausschluss anderer mitwirkender Factoren (Fieber, 
Arzneimittel) eine vielleicht nur geringe Betheiligung des Pankreas in Er¬ 
wägung ziehen. Jedenfalls spielt für das Zustandekommen der alimentären 
Glykosurie das Pankreas eine sehr wichtige Rolle. Aus dem Fehlen des 
Symptoms ist aber nicht mit Sicherheit ein Rückschluss auf die normale 
Beschaffenheit des Pankreas gestattet. 

Exner 38 ) hebt die Bedeutung des Harnzuckers für die Diagnose 
der Gallensteinkrankheit hervor. Er konnte bei seinen an 40 Gallen¬ 
steinkranken vorgenommenen Harnuntersuchungen Traubenzucker, theils 
durch die Gährungsprobe, theils durch Polarisation nachweisen, und zwar 
bis 0,4%- Die Menge des Zuckers nahm nach der Gallensteinoperation ab 
und schwand nach 3—4 Wochen ganz. Er schlägt daher die Untersuchung 
auf Zucker zur Sicherung der Diagnose bei zweifelhaften Fällen vor. 

Ueber das Vorkommen von Pentosen im Harn (s. Encyclopäd. 
Jahrb., VI, pag. 254) veröffentlicht E. Salkowski 39 ) eine ausführliche Studie, 
in welcher er zunächst die Reactionen angiebt. welche für den Nachweis der 
Pentosen im Harn in Betracht kommen. Es sind dies 1. die Ton.EXs'sche 
Iieaction mit Phloroglucinsalzsäure, 2. die Toi^EXs'sche Reaction mit Orcin- 
salzsäure, 3. die Probe mit Anilinacetatpapier, 4. der Nachweis des Furfurols 
nach vorgängiger Destillation mit Salzsäure, 5. die Darstellung des Osazons. 
Bezüglich der ersten vier Reactionen verweisen wir auf das Original und 
begnügen uns an dieser Stelle damit, die Darstellung des ebenfalls prak¬ 
tisch wichtigen Osazons zu reproduciren ; Es werden 200 Ccm. Harn mit 
5 Grm. Phenylhydrazin und soviel Essigsäure, dass die Mischung sauer 
reagirt, zuerst auf dem Drahtnetz (jedoch nicht bis zum Sieden), dann eine 
Stunde lang auf dem Wasserbade erhitzt; die Flüssigkeit wird heiss filtrirt. 
das Filtrat abkühlen gelassen und das ausgeschiedene Osazon — bei 
kleineren Quantitäten aus alkoholhaltigem Wasser (5: 100) — umkrystallisirt. 
Während vor Verwechslung mit der Glykuronsäurephenylhydrazinverbindung 
der krystallinische Habitus des Pentosazons schützt, ist es vom Glykosazon 
leicht durch seinen Schmelzpunkt 159—100° (der reinen Verbindung, die 
unreine schmilzt erheblich tiefer) und durch seine Löslichkeit in heissem 
Wasser zu unterscheiden. Salkowski giebt ferner die Methode des Nach- 


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153 


Harn. 


weises der Pentose neben Traubenzucker an. Es gelingt dies durch die 
Unterschiede in der Löslichkeit der betreffenden Osazone; auch wird die 
Orcinprobe durch die Gegenwart des Traubenzuckers nur wenig gestört, 
während beim Versuche, den Traubenzucker durch Gährung fortzuschaffen, 
geringe Mengen Pentose leicht vollständig raitvergähren können. In Betreff 
der Abstammung der Pentosen im Harne kam für die von Salkowski beob¬ 
achteten Fälle ein etwaiger Gehalt der Nahrung an Pentosen nicht in 
Betracht, so dass in diesen Fällen die Quelle derselben im Organismus zu 
suchen ist. Nachdem nun Hammarsten aus dem Nucleoproteid des Pankreas 
ein Osazon bekommen hatte, welches mit grösster Wahrscheinlichkeit als 
Pentosazon anzusehen war, so lag die Vermuthung nahe, als Quelle der 
Pentose im Harn das Nucleoproteid des Pankreas anzunehmen. Wohl machten 
die Untersuchungen Salkowski's die Identität der Harnpentose mit der 
Pankreaspentose sehr wahrscheinlich, doch möchte E. Salkowski daraus 
keineswegs folgern, dass die Harnpentose wirklich aus dem Pankreas stammt, 
umsomehr, als diese Annahme in Thierversuchen, bei welchen Hunde mit 
Pankreas gefuttert wurden, keine Stütze fand. Er ist geneigt, die Möglich¬ 
keit anzunehmen, dass im Organismus vielleicht ein Uebergang von den 
Hexosen zu den Pentosen durch Glukonsäure hindurch stattfindet. Ein 
Thierversuch in dieser Richtung, bei welchem einem Kaninchen an drei auf¬ 
einanderfolgenden Tagen jedesmal circa 7 Grm. Glukonsäure als Natriumsalz 
gegeben wurde, ergab ein negatives Resultat; der Harn enthielt keine 
Pentose. 

Es war die Frage zu lösen, ob die Pentosen zum Ersatz des Trau¬ 
benzuckers in der Ernährung des Diabetikers verwerthet werden können. 
Die hierauf bezüglichen, von v. Jaksch 40 ) unternommenen Versuche ergaben 
folgendes Resultat* Von den Pentosen wird Arabinose in Mengen von 48—82° 0 , 
Xylose nur in Spuren, Rbamnose zu %— l U wieder ausgeschieden. Keine der¬ 
selben aber kann von den Zellen des diabetischen Organismus verwerthet 
werden und etwa zum Ersatz des Traubenzuckers dienen. Sie führen beim 
Diabetiker zur vermehrten Diurese, sie rufen Diarrhoen hervor, am inten¬ 
sivsten die Rhamnose, endlich aber ist infolge ihrer Verabreichung kein 
Rückgang der GJykoseausfuhr, wohl aber eine Steigerung der Stickstoff¬ 
ausfuhr eingetreten; die Steigerung des Eiweisszerfalles war bei der Xylose 
»ganz enorm, anscheinend tagelang anhaltend«. 

Die Phenylhydrazinprobe ist zum Nachweise des Harnzuckers 
wegen ihrer Empfindlichkeit für klinische Zwecke sehr geeignet, da sie 
bis zu 0,05% Zucker anzeigt, andererseits die Grenze des normalen 
Zuckergehaltes, die bis 0,02% herabgeht, nicht erreicht. Auch sind die 
entstehenden Glykosazonkry^alle in ihrer typischen Lagerung in Form 
von meist doppelten Garbenbündeln von anderen etwa auftretenden Kry- 
stallbildungen, die viel unregelmässiger sind, leicht zu unterscheiden. 
Behufs leichterer Anwendbarkeit und um die nöthigen Reagentien immer 
frisch zu haben, empfiehlt Kowarsky 41 ) die Methode in folgender Weise 
auszuführen: Im Reagensglase werden 5 Tropfen reines Phenylhydrazin mit 
10 Tropfen Acid. acet. glac. gemischt und leicht geschüttelt, dazu 1 Ccm. 
einer gesättigten Kochsalzlösung gefügt. Dazu werden nicht mehr als 3 Ccm. 
Harn gegossen und das Gemisch wird 2 Minuten über die Flamme gehalten, 
dann langsam erkalten gelassen. Je mehr Zucker vorhanden ist, desto 
schneller bildet sich der Niederschlag; übersteigt der Zuckergehalt 0,5%, 
so erscheint der Niederschlag schon nach 2 Minuten, auch ist er dann so 
charakteristisch, dass man das Mikroskop entbehren kann. Um Zucker¬ 
spuren völlig ausschliessen zu dürfen, darf der Niederschlag erst nach einer 
Stunde untersucht werden. Grössere Eiweissmengen müssen vorher durch 
Kochen ausgefällt werden, geringere stören die Reaction nicht. 


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Harn. 


15 9 

Statt des Saccharometers von Einhorn, bei dessen Herstellung der 
Scala au! die absorbirte Kohlensäure keine Rücksicht genommen wurde, 
empfiehlt Theodor Lohnstein 42 ) sein neues Gährungssaccharometer, 
welches im wesentlichen eine Modification des vorigen darstellt. Das In¬ 
strument soll beim Füllen an der Kuppe einen Luftraum von bestimmter 
Grösse haben, wodurch die Kohlensäureentwicklung unter Partialdruck er¬ 
folgt und nur der dem HENRY'schen Gesetze entsprechende Theil von der 
Flüssigkeit zurückgehalten wird ; auch ist die Absperrung durch Quecksilber 
nothwendig, um das Mischen der beiden Flüssigkeiten zu verhindern. Das 
Saccharometer von Lohxstein besteht 1. aus einem U-förmig gestalteten 
Glasgefäss, dessen kürzerer Schenkel kugelig ist und an seinem oberen 
Ende durch einen Stöpsel luftdicht abgeschlossen werden kann. Der Stöpsel 
enthält seitlich eine Durchbohrung, der eine eben solche am Halse der 
Kugel correspondirt; 2. einer bestimmten, in den Apparat zu giessenden 
Quecksilbermenge; 3. einem Gewichte zum Beschweren ; 4. der Scala, die so 
gearbeitet ist, dass sie nach Belieben dem Rohre des Saccharometergefässea 
aufgesetzt und von diesem abgenommen werden kann; 5. der zur Ab¬ 
messung der benöthigten Harnmenge dienenden PRAVAZschen Spritze ; 6. einer 
Blechdose mit dem Schmiermittel zur Dichtung des Stöpsels. Zum Zwecke 
einer Zuckerbestimmung wird ein Stück Presshefe mit dem 2—3fachen 
Volumen Wasser zu Brei verrieben; von dem zu untersuchenden Harn bringt 
man hierauf mit der PRAVAZ schen Spritze 0,5 Ccm. auf die Oberfläche des 
Quecksilbers in der Kugel, reinigt die Spritze und fügt 1—2 Theilstriche 
Hefebrei hinzu. Man setzt den Stöpsel so auf, dass das seitlich in ihm be¬ 
findliche Loch und die entsprechende Oeffnung in der Regel übereinander 
zu liegen kommen, setzt die Scala auf und giebt auf den Stöpsel das oben 
erwähnte Gewicht. Man überlässt nun den Harn im Apparate der Gährung, ent¬ 
weder bei Zimmertemperatur, oder aber man setzt, da der Ablauf des Pro- 
cesses dann viel schneller vor sich geht, den Apparat einer Temperatur von 
o2—38° C. aus, unter welchen Umständen auch bei hohen Zuckergehalten 
die Gährung in 3—4 Stunden beendet ist. Zu diesem Zweck stellt man den 
Apparat am einfachsten in ein Wasserbad, das man sich leicht durch eine 
Casserole mit einem Dreifuss berstellen kann, die durch ein unterzustellen¬ 
des Nachtlämpchen (Oelnachtlicht oder Petroleumnachtlämpchen) mehrere 
Stunden auf 32—38° C. gehalten wird; man braucht dazu nur ein- für alle¬ 
mal die richtige Entferuung der Flamme vom Boden der Casserole auszu- 
probiren. Die Scala nimmt man vorher natürlich ab. Nach Beendigung der 
Gährung, die man daran erkennt, dass die Quecksilbersäule im Messrohr 
nicht mehr steigt, kühlt man zweckmässig den Apparat wieder auf die 
Stubentemperatur ab, bei der er gefüllt wurde, indem man die Casserole 
mit stubenwarmem Wasser füllt und den Apparat auf einige Minuten hinein¬ 
bringt. Zur Ablesung enthält der Apparat auf dem abnehmbaren Rahmen 
zwei Scalen, von denen die eine für 20° C., die andere für 35° C. gilt. Die 
Scalen geben für die kleineren Zuckergehalte direct die Zehntelprocente 
an und lassen durch Schätzung des Standes der Kuppe zwischen den ein¬ 
zelnen Theilstrichen noch bequem die Hundertelprocente erkennen; für die 
Procentgehalte von 2° 0 an sind sie in in halbe Procente getheilt und kann 
man daher auch im Bereich dieser höheren Werthe die Zuckergehalte bis 
auf 1 / 10 oder 1 / 20 °/o bequem feststellen. In den meisten Fällen wird man sich 
nach vorheriger Abkühlung des Apparates ohne merklichen Fehler mit der 
Ablesung an der rechten, für 20° C. gütigen Scala begnügen können. 

H. Malfatti 4ä ) hebt hervor, dass der Arzt derjenige sein soll, welcher 
den Ham des Patienten untersucht, nicht der Chemiker, denn für den Arzt, 
der den ganzen Menschen, nicht nur den Harn vor sich hat, fallen viele der 
bekannten Schwierigkeiten der TROMMERschen Probe fort, er kann darum 



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Harn. 


130 


auch mit dieser einfachen Probe sein Ausreichen finden, um den Verdacht 
auf Diabetes zu sichern oder zurückzuweisen, während der Chemiker dazu 
ein viel complicirteres Rüstzeug: gebraucht. Immerhin werden Harne, be¬ 
sonders Zuckerharne Vorkommen, bei welchen Zweifel über die An- oder 
Abwesenheit von Zucker auftauchen können. Da müssen andere Proben — 
in erster Linie die Gährungsprobe — aushelfen. Man kann auch versuchen, 
den Harn für die Ausführung 1 der TROMMERschen Methode geeigneter zu 
machen. Malfatti empfiehlt die Behandlung mit Kupferhydrat. Der Harn 
wird mit einigen Tropfen Kalilauge alkalisch, dann durch Zusatz von Kupfer¬ 
sulfatlösung wieder eben sauer gemacht, filtrirt, das fast kupferfreie Filtrat 
wird mit Kalilauge und Kupfersulfat versetzt und erhitzt. 

Während die übrigen Harnproben auf Eiweiss, Indican etc. schon durch die 
Stärke ihres Ausfalles Anhaltspunkte für die ungefähre Menge des vorhandenen 
abnormen Bestandtheiles bieten, ist dies bei der Trümmer' sehen Reaction 
nicht der Fall. Man kann sich ein ungefähres Bild der vorhandenen Zucker¬ 
menge dadurch machen, dass man die gewöhnliche TuoMMERsche Probe in 
dom Sinne der Peska sehen quantitativen Methode abändert. Die Kupfer¬ 
lösung des Reagenzienschranks soll 7% (spec. Gew. 1,045), die Kalilauge 
10—15° 0 sein. Dann gebe man 1 Ccm. dieser Kupferlösung in die Eprou¬ 
vette, circa gleich viel der Lauge, dann Ammoniakflüssigkeit, bis sich alles 
gelöst hat und Wasser bis circa 10 Ccm. Das Ganze wird mit Paraffinöl 
überschichtet, 1 Ccm. Harn zugefügt und (nicht bis zum Kochen) erhitzt. 
Enthält der Harn mehr als 1% Zucker, so entfärbt sich die Lösung sehr 
bald, enthält er genau 1° 0 . entfärbt sie sich langsam in 2—3 Minuten, 
enthält er weniger als 1%, so tritt Entfärbung in 2—3 Minuten nicht ein. 
und man müsste von 1 2 ° 0 Harn 2 Ccm., von Vs 0 o 3 Ccm. etc. verwenden, 
um die Entfärbung in 2—3 Minuten auftreten zu lassen. Zuckerreicher Harn 
müsse durch das Verdünnen auf das 1-, 2-, 3fache seines Volumens in circa 
2° 0 iger Zuckerlösung umgewandelt, dann erst bestimmt werden. 

In ganz zweifelhaften Fällen steht aber dem Arzt stets die Anwen¬ 
dung des physiologischen Versuches zur Seite, indem durch ein Amylaceen- 
frühstück beim diabeteskranken Menschen Glykosurie hervorgerufen wird, 
beim noch gesunden Menschen nicht. 

Eine für die Praxis zu empfehlende quantitative Bestimmung muss 
den Forderungen nach leichter Ausführbarkeit und Genauigkeit Genüge 
leisten. Beiden erscheint in dem von Zdenek Peska zur Bestimmung des 
Traubenzuckers angegebenen Methode entsprochen, die mit dem bekannten 
einfachen Verfahren Fehlings, aus dem sie hervorgegangen, nach den von 
A. Gregor angestellten Versuchen eine sehr weitgehende Genauigkeit ver¬ 
bindet. Dem Uebelstande eines schwerer zu constatirenden Farbenumschlages 
bei Harnen mit niedriger Reductionskraft räth A. Gregor i4 ) durch eine Ver¬ 
minderung der zu reducirenden Flüssigkeitsmenge zu begegnen und wendet 
in seinen sich anschliessenden Untersuchungen über physiologische Glyko¬ 
surie 4 Ccm. PESKA sche Flüssigkeit zur Reduction an. Die hierbei gewon¬ 
nenen Resultate werden in folgende Sätze zusammengefasst: 1. Die Reduc- 
tionsfähigkeit des normalen Harnes zeigt im Verlaufe des Tages durch die 
Nahrungsaufnahme bedingte Schwankungen. 2. Der Procentgehalt an redu- 
cirender Substanzen schwankt im normalen Harne in dreistündigen Perioden 
zwischen 0,0825 und 0,347, die Menge zwischen 0,280 und 0,555 Grm. 
3. Die Reductionsfähigkeit des Harnes wird im Inanitionszustande constant 
und giebt in dreistündigen Zeiträumen einen durchschnittlichen Procent¬ 
gehalt von 0.085O, eine durchschnittliche Menge von 0,335 Grm. 4. Der ver¬ 
mehrte Genuss von Kohlehydraten hat im normalen Organismus keine 
Steigerung der Harnreduction zur Folge. 5. Die Reductionsfähigkeit des 
Harnes bei reiner Fleischkost nähert sich der des Inanitionszustandes. Stoff- 


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Harn. 


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Wechsel und Reduction stehen in umgekehrtem Verhältnisse. Alkohol er¬ 
zeugt Erhöhung der Reductionsfähigkeit des Harnes. 

Eine eingehende Arbeit von P. Mayer 46 ) über die Ausscheidung 
und den Nachweis der Glykuronsäure im Harn bringt neben bisher 
schon bekannten Thatsachen auch einige interessante neue Resultate. So 
zeigt er, dass neben Chloralhydrat, Kampher, Terpentinöl, welche, wie be¬ 
kannt, dem Organismus einverleibt, ihn als Glykuronsäureverbindung im Harn 
verlassen, auch das Morphium als gepaarte Glykuronsäure im Harn ausge¬ 
schieden wird. Der Nachweis der Glykuronsäure kann ohne die schwierige 
Reindarstellung dieser Substanz geführt werden, indem man die gepaarten 
Glykuronsäuren durch Bleiessig und Bleiessigammoniak ausfällt, durch Schwefel¬ 
wasserstoff entbleit und die gepaarten Glykuronsäuren durch Kochen mit 
Schwefelsäure zerlegt. Dann kann durch Uebergang der Drehung der Lösungen 
von Linksdrehung in Rechtsdrehung, durch den positiven Ausfall der Trom- 
MER schen und der ToLLENs’schen Proben und durch den Nachweis von Gäh- 
rungsunfähigkeit die Anwesenheit der Glykuronsäure sichergestellt werden. 
Mit Phenylhydrazin kann die Glykuronsäure noch nicht isolirt werden, da 
viele Verbindungen mit verschiedenem Schmelzpunkt zwischen diesen zwei 
Körpern existiren, doch spricht das Auftreten gelber Phenylhydrazin Verbin¬ 
dungen im Harn, nach Kochen mit Schwefelsäure, für ein Vorkommen der 
gepaarten Glykuronsäuren im normalen Harn. Da die Glykuronsäure das 
erste Oxydationsproduct des Traubenzuckers ist, war es von Wichtigkeit 
festzustellen, dass auch beim Diabetes Glykuronsäure, und zwar manchmal 
in erheblichen Mengen, ausgeschieden werden kann, was auf eine gewisse 
zuckerzerstörende Kraft der Gewebe des Diabetikers hinweist. 

Aus Anlass eines Falles auf der medicinischen Klinik in Marburg, in 
welchem eine Patientin mit Zeichen hereditärer Syphilis mit Geschwüren im 
Gesicht und am Kopfe einen burgunderroth gefärbten Harn entleerte, der 
neben reichlich Urobilin auch Hämatoporphyrin enthielt, studirte Prof. E. 
Nebelthau das chemische und spectroskopische Verhalten des aus diesem 
Harn dargestellten Hämatoporphyrins, welches mit den gebräuchlichen 
Methoden von Mac Munn, Salkowski und Hammarsten abgeschieden werden 
konnte. Nebelthau 46 ) fand im Verlaufe seiner Untersuchungen schliesslich 
^ur Ausfällung des Farbstoffes die Essigsäure als ein sehr einfaches und 
vollkommenes Mittel, zumal bei dieser Art der Ausfällungen das Urobilin 
vollständig in Lösung gehalten wurde. Er versetzte den sonst eiweiss- und 
zuckerfreien Harn mit Eisessig je 5 Ccm. auf 100 Ccm. Harn. Nach 24 bis 
40 Stunden entstand ein Niederschlag von rother Farbe, der zugleich die 
Nubecula und Harnsäurekrystalle einschloss. Der Niederschlag mehrerer 
Tagesportionen wurde durch die Centrifuge gesammelt, mit Wasser ausge¬ 
waschen und mit Natronlauge behandelt. Es entstand eine tiefdunkelrothe 
Lösung des Farbstoffes, welche nach dem Filtriren wiederum mit Essigsäure 
angesäuert wurde. Dabei fiel der Farbstoff in dicken braunen Flocken zu 
Boden, während die darüber stehende Flüssigkeit zunächst einen braunrothen 
Farbenton zeigte. Der so ausgefällte Farbstoff wurde auf dem Filter ge¬ 
sammelt, in Wasser gewaschen und nun in möglichst wenig Natronlauge 
von neuem gelöst, um wiederum mit Essigsäure ausgefällt zu werden. 
Dieser Vorgang wurde wiederholt, bis die über dem Niederschlag stehende 
Flüssigkeit nur noch eine geringe braune Färbung zeigte. Der Niederschlag 
wurde jetzt nach dem Lösen in Natronlauge der Dialyse gegen destillirtes 
Wasser ausgesetzt, so lange, bis die Farbstofflösung neutral reagirte. Aus 
der neutralen Lösung wurde der Farbstoff jetzt wiederum durch Essigsäure 
ausgefällt, auf dem Filter gesammelt und mit Wasser, Alkohol und Aether 
ausgewaschen. Dabei erwies sich der Farbstoff nach der Behandlung mit 
Wasser als nur wenig in Alkohol und Aether löslich. Der Farbstoff zeigte 


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Harn. 


das spectroskopische Verhalten des Hämatoporphyrins, hat einen der Nkncki- 
SiEBERschen Formel entsprechenden Stickstoffgehalt von 9,7%, circa 3% 
Asche, darunter 0,37% Eisen (letzteres als Verunreinigung). Die im Wolf- 
sehen, von Nebelthai t modificirten Apparate ausgeführte colorimetrische 
Bestimmung ergab für im Mittel 1130 Ccm. Tagesharn 0,04089 Gnn. 
Farbstoff. 

Eine neue Reaction auf Gallenfarbstoffe, insbesondere im Harn, theilt 
Olof Hammarstex 47 ) mit. Das Reagens besteht aus Alkohol und einem Ge¬ 
menge von Salzsäure und Salpetersäure. Man bereitet sich erst ein Gemenge 
von 1 Volumen Salpetersäure und 19 Volumen Salzsäure, jede Säure von 
25%. Dieses Gemenge, welches erst dann wirksam ist, wenn es kurze Zeit 
gestanden hat und gelblich geworden ist, wird gesondert aufbewahrt und 
ist lange Zeit, mindestens ein Jahr, völlig wirksam. Das fertige Reagens, 
welches aus 1 Volumen des Säuregemenges und 4 Volumen Alkohol besteht, 
wird dagegen nach einiger Zeit zersetzt und wird am besten vor dem Ge¬ 
brauche neu bereitet. Setzt man zu 1—2 Ccm. des Reagens einen oder ein paar 
Tropfen Bilirubinlösung, so nimmt die Flüssigkeit fast sogleich nach dem 
Umschütteln bei Zimmertemperatur eine schön grüne Farbe an, die tagelang 
bestehen bleibt. Setzt man der grünen Flüssigkeit nach und nach steigende 
Mengen des Säuregemenges hinzu, so kann man in schönster Weise nach 
einander die verschiedenen Farben der Gmelix sehen Scala hervorrufen. Die¬ 
selbe Farbenscala geben mit diesem Reagens auch die übrigen bekannten 
Gallenfarbstoffe, welche die Gmf.lin sehe Reaction geben. Zum Nachweis des 
Gallenfarbstoffes im Harn ist es oft genügend, zu ein paar Cubikcentimetern 
des Reagens einige Tropfen des ikterischen Harns zuzusetzen. Wenn es sich 
aber um den Nachweis von nur Spuren von Gallenfarbstoff, namentlich 
neben anderen Farbstoffen, handelt, verfährt man in folgender Weise: Man 
giesst etwa 10 Ccm. des Harns in das Rohr einer kleinen Handcentrifuge 
hinein, setzt etwas Bariumcbloridlösung hinzu und centrifugirt etwa % Minute. 
Die Flüssigkeit giesst man von dem Bodensätze ab, zertheilt den letzteren 
in 1—2 Ccm. des Reagens und centrifugirt von neuem etwa % Minute, 
nach welcher Zeit man, bei Gegenwart von Gallenfarbstoff, eine klare grüne 
Flüssigkeit oberhalb des Bodensatzes hat. Nach dieser Methode kann man, 
bei Anwendung von 10 Ccm. Harn, in weniger als 2 Minuten sehr leicht 
und sicher 1 Theil Gallenfarbstoff in 500.000 Theilen normalen Harns nach- 
weisen. Auch der Nachweis von 1 : 1,000.000 gelingt bei Beobachtung einiger 
Cautelen ohne Schwierigkeit. Die Reaction ist brauchbar auch bei Gegen¬ 
wart von anderen Harnfarbstoffen, von Blutfarbstoff oder Blut. In dem 
letzteren Falle muss man jedoch den Bodensatz erst durch Behandeln mit 
Wasser, welches die Blutkörperchen löst, von den letzteren befreien. Bei 
Gegenwart von nur Spuren von Gallenfarbstoff neben viel anderem Farb¬ 
stoff kann jedoch die Reaction bei Anwendung von Bariumchlorid, welches 
zu viel von dem fremden Farbstoffe mitniederreisst, bisweilen fehlschlagen. 
Für solche Fälle ist es besser, den Harn mit Calciumchlorid zu fällen, wobei 
jedoch der Harn nicht alkalisch, sondern sehr schwach sauer oder fast 
neutral sein muss. Bei Gegenwart von nur Spuren von Gallenfarbstoff kann 
es übrigens bisweilen besser sein, ein Reagens mit mehr Alkohol und 
weniger des Säuregemenges, wie z. B. 1 Volumen Säuregemenge auf 9 Vo¬ 
lumen Alkohol oder ein Säuregemenge mit weniger Salpetersäure, 1 Theil 
Salpetersäure und 99 Theile Salzsäure zu verwenden. Die grüne Farbe geht 
hierbei weniger rasch in eine grünblaue über. 

Immanuel Munk 4d ) hat an ikterischem Harn und an Harnen nach Zu¬ 
satz von Hundegalle oder gewogener Mengen von Bilirubin vergleichende 
Untersuchungen angestellt über die Empfindlichkeit der Gallenfarb¬ 
stoff reactionen. Von allen vorgeschlagenen Proben und Modificationen 


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Harn. 


163 


kommen nur in Betracht die ursprüngliche GMELiN sche Probe (Unterschichten 
mit etwas salpetrige Säure enthaltender Salpetersäure von 1,4 spec. Gew.), 
die von Rosin vorgeschlagene Probe (Ueberschichten l%iger alkoholischer 
Jodlösung) und am meisten die HüPPERTsche Probe in der SALKOWSKi schen 
Ausführungsart. (10 Ccm. Harn werden mit etwas Sodalösung alkalisch ge¬ 
macht, mit tropfen weis zugesetzter Chlorcalciumlösung ausgefällt, der Nieder¬ 
schlag auf einem Filterchen gesammelt, 1—3mal mit Wasser gewaschen 
und dann mit 10 Ccm. salzsauren Alkohols (5 HCl auf 100 Alkohol) ex- 
trahirt und die Lösung erwärmt; Blaugrünfärbung); diese letztere Probe er¬ 
wies sich als die empfehlenswertheste, sie ist viel empfindlicher als die com- 
plicirte Methode von Jolles (Encyclopäd. Jahrb., VIII, pag. 154). Ihre Em¬ 
pfindlichkeitsgrenze (für 10 Ccm. Harn) liegt bei 0,1 Mgrm. Bilirubin in 
100 Harn (bei 0,5 Mgrm. ist auch noch der Kalkniederschlag deutlich gelb), 
während sie für die Gmelin sehe und RosiN'sche Probe ungefähr bei 6 Mgrm. 
in 100 gefunden wurde. Die Gegenwart von Eiweiss, Indican und anderer 
Farbstoffe beeinträchtigt die HüPPERTsche Reaction nicht, wie die beiden 
anderen Proben. 

Achard und Morfaux 49 ) injicirten bei gesunden und kranken Nieren 
subcutan Urobilin, um durch den Uebergang dieses vom Blut in den Urin 
einen Anhaltspunkt für die Durchgängigkeit der Nieren zu gewinnen. Beim 
Gesunden trat nach Injection von 10 Ccm. innerhalb einer Stunde Urobi- 
linurie auf; bei zwei Kranken mit chronischer Nephritis konnte dagegen 
nach der gleichen Injection Urobilin im Harn nicht nachgewiesen werden. 
Das gleiche Ergebniss gab eine Injection von 5 Ccm. bei einem Gesunden 
und bei einem Kranken mit Schrumpfniere, bei ersterem wurde im Urin 
jedoch nicht Urobilin selbst, sondern das Chromogen desselben gefunden. 
Die Versuche beweisen also, dass eine kranke Niere dem Uebergang von 
Urobilin in den Harn einen bedeutend grösseren Widerstand entgegenstellt 
als eine gesunde, und dass der Organismus imstande ist, Urobilin in das 
Chromogen zu reduciren. 

Anknüpfend an einen Fall von Hydronephrose, in welchem W. Hirsch- 
laff B0 ) reichliche Mengen von Cholesterin im Harn auf chemischem und 
mikroskopischem Wege nachgewiesen hat, bespricht Verf. auch das Vor¬ 
kommen von Cholesterin im Harn überhaupt. Abgesehen von den Fällen, wo 
sich die Ausscheidung des Cholesterins der Lipurie anschliesst, kann Chole¬ 
sterin auch aus Echinococcuscysten in den Harn übergehen. Auch in Nieren¬ 
steinen wurde es oftmals nachgewiesen, und es kommen selten auch Steine 
vor, die im wesentlichen nur aus Cholesterin bestehen. 

Zur Bestimmung der reducirenden Kraft des Harns hat Rosin 51 ) 
folgende Methode angewendet: In ein ERLEXMEYER-Kölbchen von 100 Ccm. 
Inhalt werden 25 Ccm. des um das Fünffache verdünnten, nur noch schwach 
gelb gefärbten Harns gegossen und 1 Ccm. officinellen Liq. Kal. caust. zugefügt. 
Sodann wird Paraffin, liquid, in etwa dreifacher Höhe über die Mischung 
geschichtet und das Ganze vorsichtig bis nahezu zum Sieden erhitzt. Die 
Ueberschichtung mit Paraffin und die Verhinderung des Eintritts des Siedens 
soll den Luftzutritt verhüten. In die erhitzte Flüssigkeit fügt man aus einer 
Bürette, deren Abflussrohr unter die Paraffinschicht taucht, 1 Ccm. l / SO o<r 
Chlorhydrat-Methylenblau und erhitzt weiter. Die Flüssigkeit verliert das Blau 
in wenigen Secunden. Man lässt nun aus einer zweiten Bürette V^o-Normal- 
permanganatlösung zufliessen, bis ein blaugrüner Schimmer erscheint. Das 
Permanganat giebt zuerst an die reducirenden Substanzen des Harns seinen 
Sauerstoff; sind diese gesättigt, so giebt es sofort Sauerstoff an das Leuko- 
methylenblau: Indicator ist also die beginnende Blaufärbung. Die Menge des 
aus dem verbrauchten Permanganat zu berechnenden Sauerstoffs ist das 
Mass der reducirenden Kraft des Harns. 


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Harn. 


ir>4 


Die prognostische Bedeutung der EHRLicH'schen Diazoreaction 
prüfte Krokiewicz 62 ) durch 16.167 Harnuntersuchungen in 1105 Krankheits¬ 
fällen. Er gelangte zu folgenden Schlüssen: Die Reaction fehlt bei Nieren- 
kratkheiten, sofern sie nicht auf Intoxication mit farbstoffhaltigen Medica- 
menten beruhen. Sie fehlt ferner im allgemeinen bei Carcinomen; ihr Er¬ 
scheinen bei Uterus- und Ovarialcarcinom bedeutet Entzündung oder Metastase 
im Peritoneum. Bei Tuberkulose tritt sie auf, wenn eine rapide Verschlim¬ 
merung sich vorbereitet unabhängig von der anatomischen Ausbreitung der 
Tuberkulose, beziehungsweise der Menge der Bacillen. Bei örtlich beschränkter 
Tuberkulose, auch des Urogenitalapparates, findet man sie nicht. — Bei 
Typhus abdominalis beweist sie entweder, dass der Krankheitsprocess noch 
nicht abgelaufen ist oder dass ein Recidiv eintritt. 

Michaelis 63 ) erkennt der Diazoreaction im Harne ebenfalls einen 
bedeutenden prognostischen und diagnostischen Werth zu. Im normalen Harn 
kommt sie nicht vor. Bei Rückenmarks-, Herz-, Nierenleiden und anderen 
chronischen Krankheiten ist sie selten. Bei manchen Krankheiten, wie Typhus 
abdominalis und Masern, erscheint sie im Beginn und verschwindet mit dem 
Nachlassen der Krankheit. Sie tritt beim ersteren am 5.—8. Tage auf und 
ist mit Sicherheit für das Initialstadium diagnostisch zu verwerthen. Ihr 
Erscheinen ist stets das Anzeichen einer schweren Infection. Findet man 
sie bei Erysipel, Pneumonie, Diphtherie, so documentirt sich damit die Pro¬ 
gnose als sehr zweifelhaft. Bei Phthisis pulmonum erscheint sie nie in 
leichteren, häufig dagegen in schwereren Fällen, die eine Prognosis mala 
geben, ebenso bei acuter käsiger Pneumonie. Die Reaction ist unabhängig 
vom Fieber. Die Bildungsstätte des Farbstoffes ist unbekannt. 

Um die Bedeutung der Diazoreaction richtig zu beurtheilen, muss man 
auch die Beeinflussung dieser Reaction durch Arzneien kennen. Wie Burg¬ 
hart ß4 ) fand, können gewisse Medicamente, Körper der Naphtalinreihe, ferner 
Tinct. opii simpl., Extract. cascar. sagradae oder Extract. Hydrast. canad. die 
Diazoreaction im Harne Vortäuschen; allerdings sind die Farbennuancen 
etwas abweichend und könnten nur grössere Gaben der erwähnten Medica¬ 
mente. keineswegs die üblichen Dosen eine Täuschung bewirken. Wichtiger 
ist jedenfalls, dass durch andere Arzneistoffe die vorher positive Diazo¬ 
reaction aufgehoben werden kann, namentlich von Gallus- und Gerbsäure 
und deren Präparaten Tannalbin, Tannigen. Von Gerb= oder Gallussäure 
genügen schon etwa 3mal täglich 0,1, von Tannalbin und Tannigen 3mal 
täglich 0,5. Die gleiche Wirkung haben auch Gerbsäure in genügender Menge 
enthaltende Arzneimittel, wie z. B. Folia uvae ursi. Auch das Jod hebt die 
Diazoreaction auf, und zwar in Form von Jodtinctur und Jodvasogen, nicht 
aber in Form der Jodalkalien. 

Ein erschöpfende Darstellung der chemischen Grundlagen und der 
klinischen Bedeutung der Diazoreactionen im Harn hat Clemens im 
Deutschen Arch. f. klin. Med., LXIII, veröffentlicht. 

Ein Reagenspapier zum Nachweis von Jodiden im Urin und 
Speichel hat Bourget 6R ) hergestellt: Man taucht Filtrirpapier in eine 
5%ige Lösung von gekochter Stärke, trocknet, bringt dann eine 5%ige 
Lösung von Ammoniumpersulfat darauf und lässt trocknen. Zweckmässig 
wird das Papier mit Bleistift in Quadrate getheilt, in deren Mitte je einige 
Tropfen des Persulfates aufgeträufelt werden. Um das Jod in dem Orga¬ 
nismus nachzuweisen, braucht man nur etwas Harn oder Speichel auf ein 
solches Quadrat zu tupfen, wobei sofort ein blauer Fleck (Jodstärke) ent¬ 
steht. Man kann so z. B. nach Einführung von mit Jodoform beschickten 
Glutoidkapseln nach Sahli ohne weitere ärztliche Controle Curven über die 
Jodausscheidung (beziehungsweise die Motilität des Magens) erhalten, wenn 
man den Patienten anweist, stündlich oder zweistündlich auf eines der 


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Harn. 


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genannten Quadrate au! dem Reagenspapiere zu spucken. Die Haltbarkeit 
des Reagenspapieres ist aber noch nicht genügend erprobt und es müsste 
daher bei älterem Papier seine Brauchbarkeit vor jedem Versuche mit einer 
Jodlösung festgestellt werden. 

Den Werth genauer Schwefelbestimmungen im Harn für die 
Beurtheilung von Veränderungen des Stoffwechsels studirte Prof. 
E. Harnack. ßü ) Hierbei bestimmte er zunächst im Hundeharn die präfor- 
mirte und gepaarte Schwefelsäure, die unterschweflige Säure und den soge¬ 
nannten neutralen Schwefel. Gleichzeitig wurde in den meisten Fällen auch 
der Harnstoff und der gesammte Stickstoff bestimmt. Harnack kommt zum 
Schlüsse, dass man bei völlig gleichbleibender Nahrung für die Entscheidung 
gewisser Fragen ebensogut vom Harnschwefel wie vom Harnstickstoff aus¬ 
gehen kann, denn die Schwefelsäure ist ebenso das normale Stoffwechsel- 
endproduct für den Schwefel wie der Harnstoff für den Stickstoff. Wurden 
die Oxydationen in den Versuchen von Harnack durch Eingabe von Chloral- 
hydrat gestört, so wurde mehr unoxydirter Schwefel und dem entsprechend 
weniger Harnstoff (trotz der Vermehrung des Gesammtstickstoffes) ausge¬ 
schieden. Verabreichung von kohlensaurem Natron hatte den umgekehrten 
Effect und war imstande, die Chloralwirkung nach dieser Seite aufzubeben. 
Dabei wurde beobachtet, dass durch die Sodaeingabe dem Körper Chlor 
entzogen wurde (0,6 Grm. im Tag), so dass das Thier zum Schlüsse auf¬ 
hörte, Chlor auszuscheiden oder Salzsäure im Magen zu produciren. Pflanzen¬ 
saure Alkalien, welche die Magensäure nicht neutralisiren, hatten weder 
diese Wirkung, noch nennenswerthen Einfluss auf den Stoffwechsel. Die 
Menge des neutralen Schwefels hängt sehr von der Nahrungsaufnahme ab 
und beträgt beim Menschen im Mittel etwa 19—24% vom Gesammtschwefel. 
Am Krankenbett kann die einfache Schwefelbestimmung zur Diagnose wohl 
nicht verwendet werden. Bemerkt sei hier, dass bei hochgradiger, lang¬ 
dauernder Dyspnoe, auch wenn keine Nahrung aufgenommen wurde, sehr 
hohe Werthe für den neutralen Schwefel (34—44%) beobachtet wurden. 
Der gleiche Befund ergab sich constant am Harne einer trächtigen Hündin 
bis zum Geburtsact (bis zu 50%). 

Durch die Fortschritte der Zellchemie hat die Bestimmung des 
organisch gebundenen Phosphors — Glycerinphosphorsäure und andere 
noch unbekannte Verbindungen — im Harn erhöhte Bedeutung gewonnen. 
An die wenigen Untersuchungen in dieser Richtung (Lepine und Eymonxet, 
Zuelzer) knüpft Horst Oertel 57 ) die seinigen an, wobei erfolgende Methoden 
der Bestimmung durchführte: 50—100 Ccm. Harn werden zunächst zur Be¬ 
stimmung der Gesammtphosphorsäure direct mit Aetzkali und Salpeter 
geschmolzen, die Schmelze in Wasser unter Zusatz von Salpetersäure ge¬ 
löst und die Phosphorsäure nach der Molybdänmethode schliesslich als 
Magnesiumpyrophosphat gewogen. Zur Bestimmung des organisch gebundenen 
Phosphors wird eine zweite Quantität Harn nach Ausfüllung der Phosphate 
durch Chlorcalcium und Ammoniak filtrirt und im abgedampften Filtrate 
die Phosphorsäure wie oben bestimmt und das Ergebniss als organisch ge¬ 
bundener Phosphor angesprochen. Neben einer Tagesausscheidung von circa 
2 Grm. Gesammt-P 2 0 6 fand Verfasser im Mittel 0,05 Grm. organischen Phos¬ 
phor (0,120 Grm. im Maximum, 0,03 Grm. im Minimum unter 7 Personen). 
Bei Tag erwies sich die Ausscheidung beider Phosphorarten höher als bei 
Nacht (ein Versuch), Muskelarbeit beeinflusste die Ausscheidung weder 
absolut, noch relativ. Bei hoher Stickstoffausscheidung fanden sich auch 
stets hohe Werthe für den organischen Phosphor, ohne dass aber etwa ein 
paralleles Schwanken beider Ausscheidungen constatirt werden konnte. Im 
allgemeinen kommen auf je 100 Theile Stickstoff 0,3—0,5 Theile organischer 
Phosphor. Ob nun der organisch gebundene Phosphor hauptsächlich durch 


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Harn. 


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Zerfall des Körpergewebes selbst entsteht, ob er eine unvollständige Oxy¬ 
dation von Phosphorverbindungen darstellt, lässt sich bis jetzt nicht ent¬ 
scheiden. 

Die Bedeutung der Phosphaturie für die Behandlung und Pro¬ 
gnose der Fracturen beleuchtet J. L. Howell ßS ), der in allen Fällen, bei 
denen die Fractur nicht eine geringfügige war, eine bedeutende Vermehrung 
der Ausscheidung der Gesanimtphosphorsäure im Harn nachweisen konnte. 
Die Menge der Phosphate, die im normalen Harn in 24 Stunden 3—6 Grm. 
beträgt, stieg in den Fällen von Howell auf 15 Grm. und mehr. In den 
ersten Tagen nach Entstehen der Fractur war der Gehalt an Phosphaten 
bedeutend geringer wie später; auch veränderte sich das Verhältnis« der 
phosphorsauren Alkalien zu den phosphorsauren Erden, die Menge der 
letzteren nahm bis um 70% zu. Es besteht also während des Heilungs- 
processes der Fracturen eine vermehrte Ausscheidung von Phosphaten, die 
bis zur Phosphaturie gehen kann. Es sollen daher dem Körper Knochen¬ 
salze in Gestalt von Hypophosphiten zugeführt werden, um die Callusbildung zu 
beschleunigen. (Eine Nachuntersuchung dieser Angabe wäre umso wünschens- 
werther, als man a priori geneigt wäre, bei der Heilung der Knochenbrüche 
eine Retention von Erdphosphaten anzunehmen. L.) 

Bezüglich der Oxydation der arsenigen Säure im Organismus des 
Menschen, über welche widersprechende Angaben vorliegen, haben C. Binz 
und C. Laar 5 ’) den Harn von Patienten untersucht, welche arsenige Säure 
subcutan erhielten, weil dadurch jede Wirkung der Darmbakterien ausge¬ 
schlossen war. Die Oxydation war wenigstens in den gelungenen Versuchen 
so vollständig, dass nur geringfügige Mengen arseniger Säure neben der 
Arsensäure nachgewiesen werden konnten. Die Ursache dieser Erscheinung 
glauben die Verfasser in einer specifischen oxydirenden Kraft des Harnes 
der arsenigen Säure gegenüber gefunden zu haben, über welche weitere 
Untersuchungen in Aussicht gestellt werden. 

Richard Phibram und Georg Gregor 60 ) theilen eine neue Methode 
zur Bestimmung der Alkalien im Harn mit. Bevor sie an die Ausarbeitung 
dieser gingen, prüften sie die bisherigen Methoden und gelangten zu dem 
Resultate, dass das LRiiMANx'sche Verfahren, welches als theoretisch ein¬ 
wandsfrei bezeichnet werden muss, bei der Kalibestimmung die höchsten 
Werthe ergiebt; doch ist das Verfahren sehr zeitraubend wegen der Sorg¬ 
falt, welche die Veraschung erfordert. Weniger befriedigen die Methoden von 
Bunge und Salkowski-Munk. Glüht man nur schwach, so stören später die 
organischen Substanzen, glüht man zur vollständigen Zerstörung dieser 
stärker, so drohen Verluste durch Verflüchtigung der Alkalichloride. Das 
Verfahren von Heixtz giebt zu geringe Werthe für das Kalium, die Methode 
ist ungenau. Das von Piubram und Gregor angegebene Verfahren ist 
folgendes: 50 Ccm. Harn werden in einem Becherglase mit 10—20 Ccm. 
10%iger Baryumpermanganatlösung unter Zusatz von 10 Ccm. verdünnter 
Schwefelsäure zum Sieden erhitzt, wobei die Rothfärbung erst nach 10 bis 
15 Minuten währendem Sieden langsam verschwinden soll; ein etwaiger 
Ueberschuss von Permanganat wird durch einige Tropfen Oxalsäurelösung 
entfernt. Hierauf wird die heisse Flüssigkeit mit Chlorbariumlösung ver¬ 
setzt, ammoniakalisch gemacht und das überschüssige Chlorbarium durch 
Ammoniumcarbonat gefällt. Hierauf wird filtrirt, mit heissem Wasser ge¬ 
waschen und das Filtrat in der gewogenen Platinschale abgedampft. Nach 
schwachem Glühen des Rückstandes bringt man die Alkalichloride zur 
Wägung. Die Controlversuche mit Lehmann s Methode gaben genaue Resul¬ 
tate bei rascherer Ausführbarkeit. 

Da die in der Literatur zerstreuten Angaben über die Kalk aus Schei¬ 
dung bei Diabetes sich häufig widersprechen, untersuchte Ernst Tan- 


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Harn. 


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bäum 61 ) bei 14 Diabetikern den Harn in Bezug auf Zucker-, Stickstoff-, 
Ammoniak-, Kalk-, Magnesia- und Phosphorsäuregehalt. Besonders bei den 
schweren Fällen fand sich eine bis auf das 15fache des Normalen gesteigerte 
Kalkausfuhr. Aus der Vergleichung der Analysenresultate, vorhandener 
Literaturangaben und aus einem sechstägigen Selbstversuche, bei welchem 
durch Erhöhung der Nahrung an drei Tagen eine Vermehrung der Stick¬ 
stoffausscheidung hervorgerufen wurde, schliesst Tanbaum, dass diese Ver¬ 
mehrung des Kalks im Harn direct zusammenhängt mit der reichen Flüssig¬ 
keit- und Stickstoffausscheidung der Diabetiker. Er hält entgegen der An¬ 
sicht von Dickinson, der den Zerfall von Nervensubstanz, und von Zuelzer, 
der die Auflösung von Knochenkalk durch die im Darm gebildete und re- 
sorbirte Milchsäure beschuldigt, die Kalksalze der mit der reichlichen Nah¬ 
rung aufgenommenen Proteinsubstanzen für die Ursache dieses Verhaltens 
beim Diabetiker. In einzelnen sehr schweren Fällen muss auch der Zerfall 
von Körpereiweiss herangezogen werden. Eine für Diabetes specifische Ver¬ 
mehrung der Kalkausfuhr ist nicht anzunehmen. 

Die für den Diabetiker eigenthümliche, auf langewährender über¬ 
mässiger Säurebildung im Organismus beruhende, gesteigerte Kalkaus¬ 
scheidung und ihre Beziehungen zur Ammoniakbildung haben an einem 
schweren Diabetiker, dem periodenweise täglich je 20 Qrm. Natriumbicarbonat 
eingegeben wurden, Dietrich Gerhardt und Wilhelm Sc hlesinger 62 ) unter¬ 
sucht. Parallel mit diesen Versuchen liefen ähnliche, an einem Gesunden 
(mässige Syringomyelie), der auf strenge Fleischfettkost gesetzt war, wobei 
das Auftreten von grossen Mengen von Aceton, Acetessigsäure und, was be¬ 
sonders bemerkenswerth ist, von ß-Oxybuttersäure eine deutliche Säuerung 
(A cid ose) des Organismus bekundeten. Es ergab sich, dass die während 
der Perioden mangelnder Alkalizufuhr sehr stark erhöhte Kalk- und Am¬ 
moniakausscheidung beim Diabetiker wie beim Gesunden parallel gingen 
und durch Alkalizufuhr herabdrückbar waren. Während beim Gesunden nur 
10, höchstens 30% der Gesammtkalkausfuhr auf die Ausscheidung durch 
den Harn kommen, das übrige auf die Darmausscheidung, fanden sich beim 
Diabetiker 59% des Gesammtkalks im Harn, 41% in den Fäces. Aehnlich 
Hegen die Verhältnisse bei reiner Fleischfettnahrung oder auch im Hunger 
(Cetti); Alkalizufuhr hebt auch dieses Missverbältniss auf. Der ausgeschie¬ 
dene Kalk stammte wenigstens in vorliegenden Versuchen von dem zer¬ 
fallenden Knochengerüst (Knochen von Diabetikern pflegen auffallend leicht 
zu sein), dabei war aber das Verhältnis des durch den Harn ausgeschie¬ 
denen Kalks zur Magnesia gegen die Norm in der Weise verschoben, dass 
nur während der Alkalizufuhr etwa doppelt so viel Kalk als Magnesia aus¬ 
geschieden wurde, während der Periode ohne Alkali aber das Dreifache. Die 
absolute Verminderung der Gesammtmagnesiaausfuhr (in Fäces und Harn) 
lässt schliessen, dass bei der relativen Verarmung des Organismus an 
Alkalien, ein Theil des beim Zerfall der Knochensubstanz freiwerdenden 
Magnesiums zurückgehalten wird. 

Wie schon Friedrich Müller 68 ) nachgewiesen, findet man beim 
Phenacetingebrauch im Harne kein unverändertes Phenacetin, sondern 
im alkalischen Aetherextracte des Harnes und direct im Harn Phenetidin. 
Führt man dieses in die Diazoverbindung über, so giebt diese mit a-Naphthol 
eine prachtvoll purpurrothe, mit Phenol eine gelbe Farbe. Die Reaction wird 
im Harn in folgender Weise ausgeführt: Man versetzt den Harn im Reagens¬ 
glase mit etwa 2 Tropfen Salzsäure und 2 Tropfen einer l%igen Natrium¬ 
nitritlösung. Fügt man nun einige Tropfen einer alkalischen, wässerigen 
a-Naphthollösung zu und macht alkalisch, so entsteht eine prachtvolle Roth- 
färbung, die bei nachträglichem Ansäuern mit Salzsäure in Violett über¬ 
geht. Nimmt man statt a-Naphthol Carbolsäure, so entsteht in alkalischer 


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Harn. 


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Lösung eine citronengelbe, in saurer eine rosenrothe Farbe. Diese Reaetion 
tritt aber, da das Phenetidin nach dem Gebrauche von kleinen Dosen 
Phenacetin als Aetherschwefelsäure im Harn erscheint, nach G. Edlefsex 
in diesem Falle nur ein, wenn es vorher aus dieser Verbindung durch 
Kochen mit Salzsäure abgetrennt wird. Die Ausführung der Reaetion ge¬ 
staltet sich dann in folgender Weise: Man kocht eine Portion des Harns 
wie zum Zwecke der Indophenolreaction mit etwa ! / 4 Volum concentrirter 
Salzsäure 2—3 Minuten lang und lässt erkalten. Zu der abgekühlten Flüssig¬ 
keit fügt man je nach ihrer Menge 2—3 Tropfen l°/ 0 ige Natriumnitritlösung 
hinzu und schüttelt. Die Hälfte dieser Mischung versetzt man darauf mit 
1—2 Tropfen alkoholischer (4—5%iger) x-Naphthollösung und macht mit 
Natronlauge alkalisch. Es tritt bei Gegenwart von Phenetidin eine trotz 
der schon durch das Kochen mit Salzsäure entstandenen Verfärbung des 
Harns deutlich erkennbare rein rothe Färbung ein, die beim Ansäuern mit. 
Salzsäure rothviolett wird. Die zweite Hälfte der Mischung kann man mit 
1—2 Ccm. 3%igen Carboiwassers versetzen und wieder mit Natronlauge 
alkalisch machen: Es tritt Gelbfärbung ein, die beim Ansäuern mit Salz¬ 
säure in eine blassrothe übergeht. Die a-Naphtholprobe scheint jedoch wegen 
der grösseren Färbungsintensität zuverlässiger zu sein. 

Nach Darreichung von Pyramidon tritt nach Konrad Gregor 04 ) im 
Verlauf der auf die Einnahme des Medicamentes folgenden 12 Stunden eine 
kirschrothe Färbung des Urins auf, während die übrigen Harnportionen des¬ 
selben Zeitraumes normal gefärbt erscheinen. Der rothe Farbstoff nach 
Pyramidon lässt sich aus dem Harn leicht durch Schütteln mit Essigäther 
entfernen; er wird nicht durch Bleiacetat gefällt. Durch Zusatz von Salz¬ 
säure oder Salpetersäure wird er sofort zerstört und der Harn nimmt nor¬ 
male Gelbfärbung an. Der rothgefärbte Harn, ebenso wie der mit Essig¬ 
äther extrahirte Farbstoff weist spectroskopisch keine Absorptionsstreifen 
auf. Da sich dieser Körper anscheinend nicht rasch zersetzt, ist es leicht 
möglich, aus einer Reihe von Pyramidonharnen durch Ausfällen mit Blei¬ 
acetat und Extrahiren des Filtrats mit Essigäther hinreichend grosse Mengen 
zur weiteren Untersuchung zu gewinnen. Durch Abdestilliren eines Theiles 
des Lösungsmittels kann man ihn sodann von anderen mitextrahirten, 
schwerer löslichen Stoffen trennen. Er ist in concentrirter Lösung von tief 
rubinrother Färbung. Nach vollständigem Abdestilliren und nochmaligem 
Lösen des Rückstandes in Essigäther bekommt man einen schwerer und 
einen leichter löslichen Antheil, welch letzterer wieder durch Ligroin fällbar 
ist. Pyramidon giebt auch, ähnlich wie Antipyrin, wenn auch nur vorüber¬ 
gehend, auf Eisenchlorid Rothfärbung. 

Zum Nachweis von Chinin im Harn empfiehlt A. Christomanos 65 ) 
wässerige Pikrinsäurelösung. Der entstehende Niederschlag von pikrinsaurem 
Chinin ist in kaltem Wasser unlöslich, in warmem Alkohol leicht löslich. Am 
Rande des Deckglases bilden sich nach Verdunstung des Alkohols nadelförmige 
gelbliche Krystalle. Da Esbach s Reagens im Eiweissharn ebenfalls einen 
Niederschlag giebt, ist die Probe nur im eiweissfreien Harne anwendbar. 

Die Giftigkeit des Harns* erörtert A. A. Hymans van den Bergh 66 ); 
hierbei wendet er sich gegen die Brauchbarkeit der von Bouchard ange¬ 
gebenen und von französischen Autoren häufig angewandten Methode, 
Thieren bestimmte Mengen Harn in eine Vene einzuspritzen, bis das Thier 
stirbt und so den >toxischen Coefficienten« des betreffenden Harnes zu be¬ 
stimmen. Allerdings ist die Wirkung der Kalisalze des Harns allein nicht 
imstande, den ganzen Symptomencomplex der Harnvergiftung zu erklären, 
wohl aber in Verbindung mit der Einführung einer im Verhältnis zur Blut- 

* Vergl. auch den folgenden Artikel. 


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Harn. 


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flüssigkeit sehr concentrirten Salzlösung, durch welche nicht nur die rothen 
Blutkörperchen, sondern auch die Organe, besonders das Centralnerven¬ 
system, durch Wasserentziehung geschädigt werden; so erklärt sich auch 
die Thatsache, dass die Harnasche in Wasser aufgelöst, die Erscheinungen 
der Harnvergiftung hervorzurufen vermag. Aber auch abgesehen davon ist 
die Methode Bouchards nicht einwandsfrei. Das Lebendgewicht so kleiner 
Thiere ist nämlich zu sehr beeinflusst vom Füllungszustande des Magen- 
darmtractes, die Einspritzungsgeschwindigkeit ist von ausserordentlichem 
Einfluss auf den Ausfall des Versuches, und die Menge des zur Tödtung 
des Thieres erforderlichen Harns ist auch nicht sicher anzugeben, denn das 
Thier braucht eine gewisse Zeit zum Sterben und ist jedenfalls schon tödt- 
lich vergiftet, lange bevor der Tod wirklich eintritt. Zu alledem kommt noch 
die verschiedene Widerstandskraft der einzelnen Thiere, die hauptsächlich 
abhängt von der Functionstüchtigkeit der ausscheidenden Organe, in erster 
Linie der Nieren. Die Methode kann uns daher über Erhöhung oder Erniedri¬ 
gung der Giftausscheidung aus dem Organismus nicht belehren, auch ist 
sie nicht imstande, uns einen Einblick über Veränderungen des Stoffwechsels 
bei Krankheiten zu gewähren. Ueber eine sialogene Eigenschaft des Urins 
berichtet Mavrojannis. 67 ) Ein Harn (spec. Gew. 1016) einer an Melancholie 
und Stupor leidenden Kranken tödtete zu 110 Ccm. ein Kaninchen nach 
Herabsetzung der Temperatur um 4° C., er zeigte nur geringe diuretische, 
krampferregende myotische Wirkung, erregte aber einen kräftigen Speichel¬ 
fluss. Charrin bemerkt dazu, dass er sialogene Wirkung vom Urin eines 
Neugeborenen beobachtet hat, ferner von Extracten von Muskeln und Ein- 
geweiden. Bouchard, RßNON u. a. sahen Speichelfluss bei Urämie. 

Die Frage über die Giftwirkung des normalen Harnes haben auch 
Posner und Vertun 68 ) eingehend studirt. Sie wenden zunächst gegen die 
Versuchsanordnung von Bouchard und seinen Schülern, welche grössere 
Mengen normalen Harnes in die Vene injicirten, ein, dass hierbei die Ver¬ 
änderung des Blutdrucks durch die Menge der eingespritzten Flüssigkeit, 
die Einwirkung auf den Circulationsapparat, die Möglichkeit einer Throm¬ 
bose oder Embolie zu berücksichtigen seien, und dass dabei die individuell 
verschiedene Widerstandsfähigkeit der Versuchsthiere in Betracht komme, 
vor allem sei aber die Verschiedenheit der Concentration von Blut und Harn, 
der verschiedene Salzgehalt ausseracht gelassen. Um diese Fehlerquellen 
auszuschalten, wandten Posner und Vertun bei ihren Versuchen nicht die 
endovenöse, sondern die subcutane Infusion an; sie benützten ferner weisse 
Mäuse, die ein annähernd gleiches constantes Gewicht besitzen; vor allem 
aber berücksichtigten sie genau die Concentration des einzuspritzenden Harns 
im Vergleich zu der des Blutes, indem sie hiefür die Gefrierpunktserniedri¬ 
gung als Massstab nahmen, die zwar kein genaues Bild der Concentration 
überhaupt, wohl aber der auf der Quantität der Molecüle beruhenden os¬ 
motischen Eigenschaft der Flüssigkeit giebt. Vorher hatten sie festgestellt, 
dass Kochsalzlösungen von 0,91% dem Blute isoton, d. h. dieselbe Gefrier¬ 
punktserniedrigung haben wie das Blut, dass man dem Versuchsthiere 
von dieser isotonen Flüssigkeit so viel einspritzen kann, wie es überhaupt 
aufnimmt, ohne dass es Schaden leidet, dass dagegen Lösungen von höherer 
oder geringerer Concentration an dem Thiere entsprechende geringere oder 
stärkere Vergiftungserscheinungen hervorrufen; dieselbe Beobachtung wurde 
mit Leitungswasser und Traubenzuckerlösung gemacht. Auch bei der In- 
jection von Harn konnte nun festgestellt werden, dass die geringste Gift¬ 
wirkung hervorgebracht wurde, wenn der Urin die gleiche Gefrierpunkts¬ 
erniedrigung wie das Blut hatte, dass die Toxicität mit der moleculären 
Concentration steigt und fällt und dass jedenfalls der grösste Theil der 
Giftwirkung normalen Harns auf dieses Moment zurückzuführen ist, wenn 


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Harn 


auch chemische Agentien, und zwar höchstwahrscheinlich die Kalisalze, nicht 
ganz unbetheiligt sind. So dürfte auch die wichtigste Form der Harnvergif¬ 
tung, die Urämie, in einer erhöhten moleculären Concentration des Blutes 
und daraus resultirenden Wasserentziehung aus den Geweben ihre häufige, 
wenn auch nicht constante Ursache haben. 

ln einem von Wakburu öü ) beobachteten Falle von Bakteriurie ent¬ 
leerte der sich in Spitalspflege wegen Bronchitis befindliche Mann unter 
Schüttelfrost und zweitägigem hohen Fieber plötzlich trüben Urin. Nieren¬ 
oder Blasenaffection fehlt; die Cultur aus dem steril entnommenen Harn 
ergab Bacill. lactis aerogenes. Die Frage, w r ie dieser Bacillus in die 
Blase gelangte, beantwortet Warburg nach Ausschluss der anderen Mög¬ 
lichkeiten dahin, dass der fragliche Bacillus aus dem Darm oder aus der 
erkrankten Lunge ins Blut und von hier aus in die Blase gelangt sein dürfte. 

Literatur: l ) L. Lindemann (Göttingen), Die Concentration des Harns nnd Blotes 
bei Nierenkrankheiten mit einem Beitrag zur Lehre von der Urämie. Deutsches Arch. f. klin. 
Med. 1899, LXV. — *) Rudolf Rosemann, Ueber die Retention von Harnbestandtheilen im 
Körper. Pflüger’s Archiv. LXXII, pag. 467. — 3 ) Fritz Pregl, Ueber die Ursachen der 
hohen Werthe des C: N-Quotienten des normalen menschlichen Harns. Pflüger’s Archiv. 
LXXV, pag. 87. — 4 ) Sergej Salaskin, Ueber die Bildong von Harnstoff in der Leber der 
Säugdhiere aus Amidosäuren der Fettreihe. Zeitschr. f. physiol. Chemie. XXV, pag. 128. — 
B ) Ernst Freund und Gustav Töpfer, Ueber eine neue Methode der Harnstoffbeetimmung im 
Harn. Aus dem pathologisch-chemischen Laboratorium der k. k. Krankenanstalt »Rudolf- 
Stiftung«. Wiener klin. Rundschau. 1899, Nr. 23. — **) Adolf Jolles, Kleine Beiträge zur 
Methodik der Harnuntersuchung. Fresenius’ Zeitschr. f. analyt. Chemie. 39. Jahrg., Heft 3. 
pag. 137. — ö )0. Minkowski, Untersuchungen zur Physiologie und Pathologie der Harnsäure 
bei Säugethieren. Arch. f. experim. Path. u. Pharm. XLI, pag. 375. — 7 ) Spitzer (Karlsbad), 
Ueber die Bildung der Harnsäure. Bericht über den XVII. Congress für innere Medicin. 
1899. — 8 ) G. Ascoli, Ueber die Stellung der Leber im Nucleinstoffwechsel. Pflüger s 
Archiv. LXXII, pag. 340. — 9 ) H. Spiegei.brrg, Ueber den Harnsäureinfarkt der Neuge¬ 
borenen. Arch. f. experim. Path. u Pharm. XLI, pag. 428. — ,0 ) Schreiber und Waldvogel, 
Beiträge zi.r Kenntniss der Harnsäureausscheidung unter physiologischen und pathologischen 
Verhältnissen. Ebenda. XLII, pag. 69. — u ) J. Weiss, Beiträge zur Erforschung der Bedin¬ 
gungen der Harnsäurebildung. Zeitschr. f. physiol. Chemie. XXV, pag. 393. — ls ) E. Sal- 
kowski, Ueber das Vorkommen von Allantoin im Harn nach Fütterung mit Pankreas. Cen¬ 
tralblatt f. d. med Wissensch. 1898, 53. — 13 ) Ernst Edw. Sundwik, Xanthinstoffe aus Harn¬ 
säure. II. Mittheilung. Zeitschr. f. physiol. Chemie. XXVI, pag. 131. — l4 ) Adolf Jolles, 
Ueber eine neue zuverlässige Methode zur quantitativen Bestimmung der Harnsäure im Harn. 
Ebenda. XXIX, Heft 3, pag. 222. — 15 ) E. Wörnkr, Ein einfaches Verfahren zur Bestim¬ 
mung der Harnsäure. Ebenda. XXIX, pag. 70. — 16 ) M. Krüger und G. Salomon, Die Allo- 
xurbasen des Harns. Ebenda. XXIV, pag. 364. — 17 ) Martin Krüger und G. Salomon, Die 
Alloxurbasen des Harns. II. Mittheilung. Ebenda. XXVI, pag. 350. — lö ) Manfredi Albanese, 
Ueber die Bildung von 1,3 Methylxanthin aus Coffein im menschlichen Organismus. Bericht d. 
deutschen chemischen Gesellschaft. XXXII, pag. 2280. — ,9 ) Charles J. Martin (Montreal), 
Ueber das Ausscheidungsverhältniss der Alloxurkörper bei Nephritis. Aus der medicinischen 
Klinik des Prof. Kraus in Graz. Centralbl. f. innere Med. 1899, Nr. 24. — *°) J. Cohn, Ueber 
einen Fall von familiärer Cystiuurie. Berliner klin. Wochenschr. 1899, Nr. 23. — S1 ) Erich 
Harnack in Gemeinschaft mit Ei.se von der Leyen, Ueber Indicanurie infolge von Oxalsäure- 
vvirknng. Aus dem pharmakologischen Institut zu Halle a. d. S. Zeitschr. f. physiol. Chemie. 
XXIX, pag. 205. — 22 ) Hugo Lüthje, Zur physiologischen Bedeutung der Oxalsäure. Zeit¬ 
schrift f. klin. Med. XXXV, pag. 271. — 23 ) Arnold, Eine neue Reaction zum Nachweis der 
Acetessigsäure im Harn Wiener klin. Wochenschr. 1899, Nr. 20. — 24 ) C. Oppenheimer Ueber 
einen bequemen Nachweis von Aceton im Harn und anderen Körperflüssigkeiten. Berliner 
klin. Wochenschr. 1899, Nr. 38. — a5 ) Karl Neuberg, Ueber die quantitative Bestimmung 
des Phenols im Harn. Zeitschr. f. physiol. Chemie. XXVII, pag. 123. — 2Ö ) Fritz Obrrmayer, 
Eine Methode zur quantitativen Bestimmung der Indoxylschwefelsäure (Indiean) im Harn. 
Wiener klin. Rundschau. 1898. Nr. 34. — 27 ) Eyvin Wang, Ueber die quantitative Bestim¬ 
mung des Ilarnindicans. Zeitschr. f. physiol. Chemie. XXVI, pag 406. — 2t< ) Eyvin Wang, 
Weiteres über die quantitative Bestimmung des Ilarnindicans. Ebenda. XXVII, pag. 135, 
ferner XXVIII, pag. 576. — 2<J ) Fritz Obkrmaykr, Bemerkungen zu dieser Arbeit. Ebenda. 
XXVI, pag. 427. — 30 ) Jac. Boitma, Ueber die quantitative Bestimmung des Harnindicans 
nach Wang-Ohfhmaykk. Ebenda. XXVII, pag. 348. — 31 ) Eyvin Wang, Ueber die rothbrauueu 
Farbs’offe bei der quantitativen Bestimmung des ilarnindicans. Ebenda. XXVIII, pag. 276. — 
32 ) Pkihram (Prag), Neue Beiträge zur Casuistik der intermittirenden Albuminurie der Adole- 
scenten Bericht über den XVII. Congress für innere Medicin. 1899. — 33 ) Casimir Stry- 
zowski, Persulfate als Reagens zum Nachweis von Ei weiss im Harn. Schweizer Wochenschr. 


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Harn. — Harngiftigkeit. 171 

f. Pharm. XXXVI, pag. 545. — 34 ) Aldor, Ueber den Nachweis der Albumosen im Harn 
und über die enterogene Albumosurie. Wiener klin. Wochenschr. 1899, Nr. 35. — 35 ) Adolf 
Jolles, Ueber das Auftreten und den Nachweis von Histonen im Harn. Zeitschr. f. physiol. 
Chemie. XXV, pag. 236. — 3a ) Felix Rafael, Ueber Glykosurie bei Atropinvergiftung. 
Deutsche med. Wochenschr. 1899, Nr. 28. — 37 ) Erich Wille (Hamburg), Die alimentäre 
Glykosurie und ihre Bezieh, zu Pankreasaffectionen. Deutsches Arch. !. klin. Med. LXIII, H. 4 
und 5. — 3Ö ) Exneb, Ueber die Bedeutung des Harnzuckers für die Diagnose der Gallen- 
steinkrankheit. Deutsche med. Wochenschr. 1898, Nr. 31. — 39 ) E. Salkowski, Ueber das 
Vorkommen von Pentosen im Ham. Zeitschr. f. physiol. Chemie. XXVII, pag. 507. — 
40 ) v. Jaksch, Ueber die alimentäre Pentosurie der Diabetiker. Arch. f. klin. Med. 1899, 
Nr. 63, Heft 5—6, pag. 612. — 41 ) Kowabsky, Zur Vereinfachung der Phenylhydrazinprobe. 
Berliner klin. Wochenschr. 1899, Nr. 19. — 42 ) Theodor Lohnstein, Ein neues Gährungs- 
saccharometer. Berliner klin. Wochenschr. 1898, pag. 866. — 43 ) H. Malfatti, Ueber den 
Zuckernachweis im Ham mit Hilfe der TROMMER’schen Probe. Centralbl. f. d. Krankheiten d. 
Harn- u. Sexualorgane. 1898, IX, Heft 10. — 44 ) A. Gregor, Ueber die quantitativen Be¬ 
stimmungen der reducirenden Substanzen im Ham nach dem Verfahren von Zdenrk Peska. 
Ebenda. 1899, X, Heft 5. — 45 ) P. Mayer, Ueber die Ausscheidung und den Nachweis der 
Glykuronsäure im Harn. Berliner klin. Wochenschr. 1899, XXVII, pag. 591; XXVIII, 
pag. 617. — 48 ) E. Nebelthau, Beitrag zur Lehre vom Hämatoporphyrin des Harns. Aus der 
medicinischen Klinik zu Marburg. Zeitschr. f. physiol. Chemie. XXVII, pag. 324. — 47 ) Olof 
Hammarsten, Eine neue Reaction auf Gallenfarbstoffe, insbesondere im Ham. Upsala, Läkaref. 
Förhandl. (N. F.) IV. Maly s J. B. f. Thierchemie. 1898, XXVIII. — 4e ) Immanuel Munk, 
Ueber den Nachweis des Gallenfarbstoffs im Harn. Arch. f. Physiol. 1898, pag. 361. — 
49 ) Achard und Morfaux, Urobilinurie und Durchgängigkeit der Niere. Gaz. hebdom. de med. 
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Wochenschr. 1899, Nr. 44. — 5a ) Krokiewicz, Zur EHRLiCH’schen Diazoreaction im Harn. 
Wiener klin. Wochenschr. 1898, Nr. 29. — 63 ) Michaelis, Die Diazoreaction des Urins. Ber¬ 
liner klin. Wochenschr. 1899, Nr 8. — M ) Burghart, Beeinflussung der Diazoreaction durch 
Arzneien. Ebenda. 1899, Nr. 38. — 65 ) Bourgrt, Ein Reagenspapier zur Bestimmung von 
Jodsalzen im Speichel und Urin. Therap. Monatsh. 1898, pag. 440. — 66 ) E. Harnack, Ueber 
den Werth genauer Schwefelbestimmungen im Harn für die Beurtheiluog von Veränderungen 
des Stoffwechsels. Zeitschr. f. Biol. XXXVII, pag. 417. — 67 ) Horst Oertel, Beitrag zur 
Kenntniss der Ausscheidung des organisch gebundenen Phosphors im Harn. Zeitschr. f. 
physiol. Chemie. XXVI, pag. 123. — 88 ) K. Howell, Ueber die Bedeutung der Phosphaturie 
für die Behandlung und Prognose der Fracturen. Med. Record. 15. Oct. 1898. — 59 ) C. Binz 
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Pharm. XLI, pag. 179. — 60 ) Richard Pkibram und Georg Gregor, Eine neue Methode zur 
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baum, Zeitschr. f. Biol. XXXIII, pag. 379. — oa ) Dietrich Gerhardt u. Wilhelm Schlesinger, 
Ueber die Kalk- und Magnesiaausscheidung beim Diabetes mellitus und ihre Beziehung zur 
Ausscheidung abnormer Säuren (Acidose). Arch. f. experim. Path. u. Pharm. XLU, pag. 86. — 
6;J ) G. Edlefsen (Hamburg), Zum Nachweise des Phenetidins im Harn. Centralbl. f. innere 
Med. 1900, Nr. 1. — 64 ) Konrad Gregor (Breslau), Ueber einen bei innerlicher Anwendung 
von Pyramidon im Harn auftretenden rothen Farbstoff. Therap. Monatsh. 1900, Nr. 6. — 
® 5 ) A. Christomanos, Nachweis von Chinin ira Harn durch Pikrinsäure. Berliner klin. Wochen¬ 
schrift. 1898, Nr. 44. — 6d ) A. A. Hymans van den Bergh, Ueber die Giftigkeit des Harns. 
Zeitschr. f. klin. Med. XXXV, pag. 53. — 67 ) Mavrojannis, Sialogene Eigenschaft des Urins. 
Compt. rend. soc. biol. L, pag. 638—639; Maly's Jahrb. XXVIII, pag. 682. — 68 ) Posner u. 
Vertun, Ueber die Giftwirkung des normalen Harns. Berliner klin. Wochenschr. 1900, 
Nr. 4. — 6Ö ) Warburg (Köln), Ueber Bakteriurie. Münchener med. Wochenschr. 1899, 29. 

Loebisch. 

Harngiftigkeit« Die 1887 von Bouchard gegründete Lehre von 
den Autointoxicationen ist in Deutschland erst Mitte der Neunziger Jahre 
weiteren ärztlichen Kreisen bekannt geworden. Das Interesse, das sie auch 
hier sofort erregte, hat wohl eine grosse Zahl klinischer Arbeiten hervorge¬ 
bracht, welche die neue Lehre mehr oder minder zu stützen und auszubauen 
vermochten. Aber die exacte Forschung, und zwar sowohl die pathologische 
Chemie wie die experimentelle Pathologie haben davon im allgemeinen nur 
wenig Notiz genommen, oder sie sind auf diesem allerdings recht schwierig 
zu bebauenden neuen Gebiete ziemlich unfruchtbar geblieben. Ja sogar die 
theoretische Kritik (hauptsächlich Fr. MCller und C. A. Ewald) hat diese 
ganze Lehre ziemlich schroff als nicht genügend begründet zurückgewiesen. 
Wenn man von dem Standpunkt ausgeht, für diese Lehre Grundlagen im 


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Harngiftigkeit. 


Sinne der modernen medicinischen Wissenschaft zu fordern, erscheint dieses 
Urtheil im grossen und ganzen auch durchaus berechtigt. Ich schliesse mich 
dem in dieser Hinsicht selbst an. Ob nicht aber auch die klinische Betrach¬ 
tung in dieser Frage ein entscheidendes Wort mitsprechen darf, soll an dieser 
Stelle nicht weiter erörtert werden, da es sich hier nur darum handelt, 
einen der wesentlichen Bestandtheile der Lehre von den Autointoxicationen. 
der bisher einen ihrer solidesten Grundsteine gebildet hat, nach dem neuesten 
Stande der Wissenschaft zu würdigen. 

Für Bouchard war die Lehre vom Harngift der Ausgangs- und Angel 
punkt seiner ganzen Theorie. Er deducirte, dass die endogenen Gifte des 
Organismus, die durch seine eigene Zeilthätigkeit gebildet werden, im Harne 
mit den Endproducten des gesammten Stoffwechsels zur Ausscheidung kommen 
müssen. Je geringer die Giftigkeit des Harns sich erwiese, desto mehr Gift¬ 
stoff müsste im Körper zurückbehalten sein, und umgekehrt könnten aus 
einer starken Giftigkeit des Harns auf eine vorangegangene Entgiftung des 
Körpers Rückschlüsse gemacht werden. Dieser Masstab setzte die Kenntniss 
der Giftigkeit des normalen Harns voraus. Dass der Harn giftig ist, war 
schon lange vor Bouchard bekannt, aber dieser hat es zuerst unternommen, 
den Grad der Giftigkeit zu messen und zu bestimmen. Er bediente sich dazu 
eines sehr geistreich ersonnenen und dabei sehr einfachen Verfahrens: näm¬ 
lich die Ueberführung des zu prüfenden Harns in den Körper eines Ver¬ 
suchstieres und zwar mittels intravenöser Injection. Auf die Technik der 
Methode soll nicht weiter eingegangen werden, nachdem sie im letzten Jahr¬ 
zehnt in zahlreichen Abhandlungen und Monographien (cf. u. a. das Buch des 
Referenten: Ueber die Autointoxicationen des Intestinaltractus, Berlin 1895) 
mitgetheilt worden ist. Es sei nur erwähnt, das Bouchard als »urotoxischen 
Coefficienten des Harns« dasjenige Gewicht des Versuchskaninchens in Kilo¬ 
gramm bezeichnet, welches durch die vom Kilogramm Körpergewicht des 
Kranken in 24 Stunden entleerte Harnmenge getödtet wird. Er beträgt beim 
gesunden Menschen 0,465 und schwankt in Krankheiten zwischen 0,1 und 
2,0. Bouchard selbst und eine grosse Zahl seiner Schüler sowie seiner 
weiteren Landsmänner, ferner auch manche italienische Autoren u. a. haben 
die Untersuchungsmethode bei acuten und chronischen Krankheiten in der 
umfassendsten Weise angewendet und aus dem Ergebniss ohne Bedenken 
Rückschlüsse auf die Stoffwechselvorgänge im Organismus des betreffenden 
Kranken und das Wesen der Krankheit gemacht. In Deutschland ist man, 
wie der Lehre von den Autointoxicationen überhaupt, auch gegenüber dieser 
BoucHARD'schen Methode zur Bestimmung der Harngiftigkeit sehr zurück¬ 
haltend gewesen. Schon die ersten Autoren (v. Noorden und der Referent) 
haben Werth und Beweiskraft des Verfahrens angezweifelt; ihnen sind später 
Gumprecht, Fr. Müller, Ewald, Posner u. a. gefolgt. Am einschneidendsten 
aber war die Kritik eines holländischen Autors, Hymans van den Bergh, 
welcher der Methode jede Brauchbarkeit bestritten hat und die Gründe dafür 
in überzeugender Weise auf Grund zahlreicher eigener Versuche darge¬ 
legt hat. 

Bei der Kritik der BoucHARD schen Untersuchungsmethode sind zwei 
Punkte auseinander zu halten, erstens einmal der Werth der Methode an 
sich, und zweitens die Berechtigung, aus ihren Ergebnissen pathognomoni- 
sche und diagnostische Schlussfolgerungen abzuleiten. Wir wollen letzteren 
Punkt zuerst erledigen. Man versteht wohl eine Angabe etwa derart: dass 
0,1 Grm. K CI 1 Kgrm Thier tödtet. Das ist eine bestimmte Dosirung eines 
bestimmten Giftes. Wer aber vermag eine exacte Vorstellung mit einer der¬ 
artigen Angabe zu verbinden, dass 40 oder 60 Ccm. eines Harns 1 Kgrm. 
Kaninchen tödten? Der Harn ist nicht die Lösung weder eines einzelnen, 
noch mehrerer bekannter Giftstoffe. Enthielte der Harn auch nur zwei ver- 


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Harngiftigkeit. 


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schieden© Substanzen, so wäre der Massstab der Prüfung schon werthlos, 
so lange nicht der Antheil eines jeden dieser beiden Theile für sich be¬ 
stimmt werden kann. Nun ist aber der Harn ein Mixtum compositum, dessen 
zahlreiche einzelne Bestandtheile in ihrer chemischen Natur wie in ihrer 
Giftwirkung sich wesentlich von einander unterscheiden. Man ist ja nicht 
einmal berechtigt, den Ham nach seinen hauptsächlichen Componenten als 
eine Harnstoff-Kochsalzlösung zu bezeichnen, weil daneben noch viele andere 
Substanzen in schwankender Menge vorhanden sind, die namentlich, wenn 
sie aus pathologischem Harn stammen, in ihrer Wirkung unberechenbar sind. 
So wird z. B. im Falle einer starken Indicanurie das dabei in grösserer 
Menge zur Ausscheidung kommende Salz (indoxylschwefelsaures Kalium) ohne 
Zweifel im Blute eines so kleinen Versuchsthieres nicht indifferent bleiben. 
Der Harn des Menschen in seiner Gesammtheit kann also gar nicht als 
Reagenz für eine andere Thierart verwendet werden. Es ist ferner doch 
als ganz willkürlich anzusehen, die hervorgetretene Giftwirkung auf orga¬ 
nische Gifte und speciell auf solche im Körper des Kranken selbst gebildete 
zurückzuführen. Schliesslich ist der Harn doch nur die Sammlung der Endpro- 
ducte des Stoffwechsels, welche nur bedingt einen Rückschluss auf die lebenden 
Vorgänge im Organismus und sogar nur einige derselben gestattet, nämlich 
nur dann, wenn es sich um die genaue quantitative Analyse einzelner chemisch 
wohlbekannter Substanzen handelt. Wenn der menschliche Harn auch wirk¬ 
lich beim Kaninchen eine Vergiftung (unbekannter Natur) erzeugt, wie darf 
man daraus Schlussfolgerungen über die Natur des Krankheitsprocesses im 
menschlichen Organismus, aus dem der Harn stammt, ableiten? Eine der¬ 
artige Logik ist doch sehr willkürlich und nicht mehr streng wissen¬ 
schaftlich. 

Was nun die Methode der subcutanen Injection des Harns zur Prüfung 
seiner Toxicität anlangt, so haftet ihr, wie jetzt feststeht, eine ganze Reihe 
von Fehlern an, die sie unzuverlässig, ja unbrauchbar machen und die Ab¬ 
leitung von Schlussfolgerungen nicht berechtigt erscheinen lassen. Der Re¬ 
ferent hat als der erste festgestellt, dass der BoucHAiuvsche urotoxische 
Coefficient für den normalen Harn ganz und gar nicht eine feststehende 
Zahl, sondern im Gegentheil eine nach oben wie unten ausserordentlich 
schwankende ist, und zwar um nicht weniger oder zuweilen sogar noch 
mehr als etwa die Hälfte seiner eigenen Grösse (wie sie Bouchard ange¬ 
geben hat)! Wenn, wie sich bei zahlreichen Nachprüfungen ergeben hat, ein 
Kilogramm Kaninchen vom normalen Menschenharn in einem Falle 50 Ccm., im 
zweiten 60, im dritten 70, im vierten 80 und im fünften Falle 90 (um nur 
runde Zahlen zu nehmen) verträgt, so kann von einer bestimmten Grösse, 
oder auch nur Durchschnittsgrösse der normalen Harngiftigkeit nicht die 
Rede sein. Diese erheblichen Schwankungen sind durch zweierlei Umstände 
hervorgerufen: durch die individuellen Differenzen des geprüften mensch¬ 
lichen Harns einerseits, des Versuchsthieres andererseits. Was zunächst 
letzteren Punkt anlangt, so bedingen Alter, Geschlecht, Körpergewicht, 
der jeweilige Kräfte- und Ernährungszustand Unterschiede in der Wider¬ 
standsfähigkeit, die für die Kaninchen unter einander wahrscheinlich nicht 
geringer sind als zwischen den Menschen, van den Bergh hat darauf auf¬ 
merksam gemacht, dass die Bestimmung der Grösse der Harngiftigkeit u. a. 
auch deshalb so grossen Schwankungen unterliegt, weil bei Berechnung des 
Körpergewichtes der Inhalt des Magendarmcanals mit hineinbezogen ist, der 
sehr verschieden an Menge ist und bis zu 200—300 Grm. betragen kann. 
Auch hat dieser Autor mit Recht darauf hingewiesen, dass der Zeitpunkt 
des Eintritts des Todes des Versuchsthieres kein exacter Anhaltspunkt für 
die Beurtheilung der Toxicität des Harnes ist, weil ja schon zuvor Ver¬ 
giftungserscheinungen, wie Convulsionen, Myosis, Exophthalmos, Speichelfluss 


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Harngiftigkeit. 


13 . dergl. auftreten, und zwar bei den einzelnen Thieren zu sehr verschiedener 
Zeit. Beim Menschen und überhaupt im ganzen Thierreich betrachten wir 
doch eine Substanz nicht erst dann al9 giftig, wenn sie bereits tödtet! 
Warum soll zu Gunsten des Harns eine Ausnahme von dieser biologischen 
Grundanschauung gemacht werden ? Wenn es sich aber für die Bestimmung 
des BoucHARD schen urotoxischen Coefficienten als nothwendig erweist, dann 
ist damit wiederum die Unzulässigkeit der Methode dargethan. 

Es kommt hinzu, dass die Dosis der Giftigkeit selbst einfacher Sub¬ 
stanzen nicht nur bei verschiedenen Thierarten, sondern auch bei den einzelnen 
Individuen derselben Species keine feststehende, vielmehr in mehr oder 
minder breiten Grenzen schwankende ist. So haben z. B. Godart und Slosse 
bei Vergiftungen von Kaninchen mit Strychnin Werthe gefunden, die pro 
Kilo von 0,34—2,30 Mgrm., d. h. also um fast das Zehnfache des Minimums 
schwankten. Aehnliche Erfahrungen liegen, wenn auch nicht immer so schroff, 
zahlreich in der experimentellen Pathologie und Pharmakologie vor, und 
auch in der Chronik der beim Menschen vorkommenden Intoxicationen findet 
sich vielfach Analoges. Gift ist eben, wie seit langem bekannt, kein absoluter, 
sondern ein relativer Begriff. Die Wesenheit eines Giftes ist in hohem Masse 
von der individuellen Widerstandsfähigkeit des thierischen Organismus ab¬ 
hängig. 

Woher stammen nun aber die Krankheitserscheinungen, welche man 
thatsächlich nun doch nach intravenöser Injection des menschlichen Harns 
beim Kaninchen beobachten kann? Sind sie als die Wirkungen eines über¬ 
tragenen Giftstoffes im Sinne Bouchard s anzusehen ? Oder bedingen andere 
Umstände diese scheinbare Giftigkeit? Als dritte Unterfrage kann man hinzu 
thun: Tritt diese Giftigkeit nicht erst unter gewissen Bedingungen auf und 
verstärken diese die spontane Giftigkeit? Nach neueren eigenen Unter¬ 
suchungen, die demnächst an anderer Stelle ausführlich publicirt werden sollen, 
kann ich berichten, dass die Einfuhr einer so grossen Flüsäigkeitsmenge in 
den Körper des Versuchstieres, die ich früher mit anderen schon allein für 
schädigend hielt, vollkommen irrelevant ist — allerdings nur unter einer 
sehr wesentlichen Bedingung, die gerade bei Bouchard s Versuchsanordnung 
nicht erfüllt ist. Man kann einem kleinen Kaninchen von 1000 Grm. oder 
weniger 150 oder 250 Ccm. oder noch mehr Flüssigkeit unter gewisser 
Voraussetzung intravenös infundiren, ohne dass die geringste Schädigung 
zutage tritt, ohne dass eine Ueberfüllung des Blutkreislaufes oder eine Steige¬ 
rung des Blutdruckes, oder was man sonst alles theoretisch befürchten kann, 
eintritt. Die Voraussetzung, unter der die Einfuhr solch enormer Flüssig¬ 
keitsmengen schadlos verläuft, das ist — die Einhaltung einer gewissen 
Grenze in der Geschwindigkeit der Infusion. Diese Bedingung ist die 
wichtigste in der ganzen Technik solcher Versuche, und bei ihrer Ausser- 
achtlassung kann man leicht Folgeerscheinungen beobachten, die man dem¬ 
gemäss auf die »Giftwirkung« der infundirten Flüssigkeit zu beziehen geneigt 
ist, während sie nur die Wirkung gewisser physikalisch-chemischer Störungen 
im Organismus des Versuchsthieres sind, die dem Process der Infusion an 
sich unter gewissen Bedingungen anhaftet. Es kommt nämlich in der Haupt¬ 
sache darauf an, wieviel Flüssigkeit in der Zeiteinheit (z. B. in einer 
Minute) in den Blutkreislauf des Versuchsthieres hineingebracht wird. Spritzt 
man mit einer Geschwindigkeit von 2 oder 3 bis zu 5 Ccm. in der Minute 
ein, so kann man nicht nur von physiologischer (0,9 0 / 0 iger) und zwei- und 
dreimal stärker concentrirter Kochsalzlösung, sondern auch von normalem 
und pathologischem Harn 200, 300 Ccm. u. s. w. infundiren, ohne dass wesent¬ 
liche Störungen bei dem Thiere hervortreten. Der gesunde thierische 
Organismus besitzt nämlich eine geradezu wunderbare Schutzvorrichtung, 
sich vor Ueberfüllung seines Blutkreislaufes und Ueberschwemmung seiner 


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Harngiftigkeit. 


175 


Gewebe zu bewahren. Diese Function der Regulation übernehmen nämlich die 
Nieren, welche mit grosser Schnelligkeit die infundirte Flüssigkeit wieder 
ausscheiden, fast ebenso schnell, als sie in den Körper hineingebracht sind, 
so dass gar keine Flüssigkeit aus dem Gefässsystem in die Gewebe über¬ 
treten kann. Die hoch gesteigerte Diurese der Versuchstiere bringt die 
natürliche Reaction des Organismus zum getreuen Ausdruck. Auf Neben¬ 
erscheinungen bei den Versuchen sei hier nicht näher eingegangen. 

Die Ausscheidung der infundirten Flüssigkeit geht so vor sich, wie 
die normale Nierensecretion des Thieres. Sie ist eben dem eigenen Blute des 
Thieres vollkommen gleich geworden. Das konnte sie nur, wenn sie keine 
Veränderung in der Blutmischung hervorrief, wenn sie dem Blut in dessen 
Eigenschaften glich. Dass es sich dabei weniger um chemische als auch 
gleichzeitig um physikalische Eigenschaften handelt, das ist die neueste Er¬ 
kenntnis, die einen ganz neuen Gesichtspunkt in die Lehre vom Harngift 
gebracht hat 

Wie jede Flüssigkeit hat auch das Blut eine ihr eigene Dichte (Con- 
centration), die von seinem Salzgehalt abhängig ist. Vermöge der gelösten 
Salztheilchen übt das Blut beim Hindurchgehen durch die Gefässwandungen 
und Uebertritt in die Gewebe einen Druck aus, den man »osmotischen 
Druck« nennt. Seine Grösse ist bedingt nicht durch die Art der gelösten 
Salze (ob Kalium oder Natriumsalze oder dergl., ist für diese Betrachtung ohne 
Belang), sondern durch die Zahl der in der Einheit (z. B. einem Cubikcenti- 
meter) enthaltenen Molecüle. Alle äquimolecularen Lösungen haben gleiche 
osmotische Druckkraft, d. h. sie sind isosmotisch oder isotonisch. Von zwei 
Lösungen heisst diejenige, welche eine grössere Zahl gelöster Molecüle ent¬ 
hält, hyperisotonisch oder kurzweg hypertonisch, eine mit geringerer mole- 
cularer Concentration hypoisotonisch oder hypotonisch. Der osmotische Druck 
äussert sich im physiologischen Sinne, wie man gesagt hat, durch die 
»wasserentziehende Kraft« der betreffenden Lösung, so dass, wenn zwei nicht 
äquimoleculare Lösungen Zusammentreffen, die concentrirtere verdünnt, die 
dünnere dichter wird, bis ein Ausgleich erreicht ist. 

Gehen äquimoleculare Lösungen in einander über, so vollzieht sich das 
ohne merkbare Veränderungen. Das ist genau so auch im thierischen Organis¬ 
mus, und das ist auch der Fall, der bei der Injection von sog. physiologischen 
Kochsalz- oder Traubenzuckerlösungen u. dergl. in das Blut vorliegt. Posner 
und Vertun haben bei Mäusen von solchen isotonischen Lösungen soviel 
subcutan einspritzen können, als die Thiere auf diesem Wege überhaupt 
aufzunehmen imstande sind, d. h. das Gleiche des Körpergewichts, während 
Abweichungen von der Isotonie nach oben oder unten bei bestimmter Menge 
den Thieren den Tod brachten, z. B. von einer 5%i£ en Kochsalzlösung bereits 
2 Ccm., von einer 2%igen Kochsalzlösung 5 Ccm., von Traubenzucker¬ 
lösungen ist nur die 5,4%ige isoton und unschädlich. Auch für den Harn 
wiesen Posner und Vertun in einer solchen Versuchsanordnung nach, dass 
mit der Steigerung der molecularen Concentration der Harne, gemessen nach 
der Gefrierpunktserniedrigung mittels des BECKMANN-FRiEDKNTHAi/schen Ap¬ 
parates, auch die schädliche Wirkung wächst, so dass die Autoren mit 
Recht daraus schlussfolgern, dass eben auch der Harn nur dann giftig wirkt, 
wenn er nicht isoton mit dem Blute ist, dem ja nach neueren Feststellungen 
nicht mehr eine 0,6— 0,7%i sondern eine 0,9%ige Kochsalzlösung adäquat ist. 
Meine neueren Untersuchungen haben mir nun aber gezeigt, dass die Sache 
doch noch etwas sein kann. Man kann selbst hyperisotonische Lösungen, auch 
Harn, der ja etwa einer 3° 0 igen Kochsalzlösung entspricht, ins Blut spritzen, 
ohne dass schädliche Wirkungen auftreten, wenn das nur sehr langsam 
(2—3 Ccm. in der Minute) erfolgt. Dann hat der Organismus Zeit, im Blut 
sofort einen Stoffaustausch vorzunehmen. Die eintretende stärkere molecu- 


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Harngiftigkeit. 


lare Concentration des Blutes gleicht sich schnell wieder aus, weil die 
Nieren den Ueberschuss sofort ausscheiden. »Der Organismus ist immer be¬ 
müht, die osmotische Spannung des Plasmas auf der gleichen Höhe zu er¬ 
halten« (vax den Bergh), und das Mittel dazu, um die Concentration des 
Blutes constant zu erhalten, sind die Nieren. 

Spritzt man den Kaninchen hyperisotonische Lösungen ebenso langsam 
in s Blut, so macht der thierische Organismus noch stärkere Anstrengungen, 
den osmotischen Druck constant zu erhalten, indem er, da die Nieren allein 
nicht ausreichen, den Ueberschuss auszuscheiden, alle übrigen drüsigen Organe, 
vor allem den Darm zu Hilfe nimmt. Dasselbe sieht man nach Ausschaltung 
der Nieren schon nach Infusion isotonischer Lösungen. Bei stärkeren Concen- 
trationen, auch beim Harn, tritt aber unter diesen Verhältnissen, selbst bei 
langsamer Infusion doch sehr bald der Tod des Versuchsthieres ein.* Offenbar 
ist dann doch das Blut mit dem Ueberschuss an Salzen zu stark überladen, 
um sich in derjenigen Mischung erhalten zu können, die die Fortdauer des 
Lebens möglich macht. Die Concentrationsänderung tritt plötzlich zu stark 
ein, um durch Abgabe an die Gewebe sich ausgleichen zu können. 

Wenn nach den mitgetheilten Beobachtungen ein grosser Theil der that- 
sächlichen Giftigkeit schon des normalen Harns, wie van den Bergh und ich 
selbst schon früher dargethan haben, sicherlich auf die physikalischen Wir¬ 
kungen der Harninjection, d. h. die Differenz der osmotischen Spannung zwischen 
Harn und Blut des Versuchsthieres zurückzuführen ist, namentlich bei der 
BoucHARDschen Art der Versuchsanordnung, wobei 10 Ccm. Harn in der 
Minute injicirt werden, so kann man gerade auf Grund der letzteren oben mit¬ 
getheilten Versuche doch daran nicht zweifeln, dass ein Theil des Harngiftes 
ein chemisch wirkendes sein muss, wie man seit langer Zeit angenommen hat. 
Dieser chemische Antheil sind hauptsächlich die Kalisalze, deren Giftwirkungen 
durch zahlreiche Thierversuche aus älterer und neuerer Zeit erhärtet sind. 

All die bisher genannten Factoren tragen zum Zustandekommen der 
Giftigkeit der menschlichen Harns bei intravenöser Uebertragung auf ein 
Thier bei, und zwar in einer ihrem procentuellen Verhältnis nach nicht genau 
abzuschätzenden Menge. 

Jedenfalls bleibt für die Annahme eines chemischen, organischen Harngiftes 
nicht viel übrig. Damit fällt aber leider die hauptsächlichste Stütze der Lehre 
vom Harngift, wie sie Bouchard für den Zweck der Begründung der Lehre von 
den Autointoxicationen aufgestellt hat. Dennoch halte ich die Möglichkeit der 
Existenz eines organischen Harngiftes, wenn es auch noch nicht gefunden und 
erwiesen ist, durchaus nicht für ausgeschlossen. Namentlich ist für patholo¬ 
gische Harne daran festzuhalten, in denen ja oft abnorme Stoffwechselproducte 
nachweisbar sind, so, um nur ein Beispiel herauszugreifen, Leucin und Tyro¬ 
sin bei der acuten gelben Leberatrophie, einer klinisch ganz zweifellosen in¬ 
testinalen Autointoxication. Die Lehre vom Harngift ist weit entfernt davon, 
abgeschlossen zu sein, und es bleibt der Forschung auf diesem Gebiete, auf 
der ihr die Klinik vorausgeeilt ist, noch viel zu thun übrig. 

Literatur: Verhandlungen des Congresses für innere Medicin. Karlsbad 
1898, mit den Vorträgen von Fr. Müller und Brikger und den Discussionsbemerkungen von 
Ewald, Albu u. a. — Hymans van den Bergh, Ueber die Giltigkeit des Harns. Zeitschr. f. 
klin. Med. 1898, XXXV. — Gumprecut, Magentetanie und Autointoxication. Centralblatt für 
innere Med. 1897. — Posner und Vertun, Ueber die Giftvvirkung des normalen Harns. Ber¬ 
liner klin. Wochenschr. 1900, Nr. 4. — C. A. Ewald, Die Autointoxication. Ebenda. 1900, 
Nr. 8 und 9 (Sacularartikel). In letzten beiden Arbeiten ist auch die übrige neuere, übrigens 
spärliche Literatur nachzusehen. — Ueber die Grundlagen zur Beurtheilung der Verhältnisse 
des osmotischen Druckes orientirt man sich am besten aus der kleinen Schrift von H. Köppe, 
Physikalische Chemie in der Medicin. Wien 1900. Albu (Berlin). 


* Alles Nähere über die interessanten Versuchsergebnisse behalte ich mir für eine 
ausführliche Mittheilung in eiuer Fachzeitschrift vor. 


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Harnsäure. — Hedonal. 


177 


Harnsäure, Bildung, s. Harn, pag. 145; Ausscheidung, ibid. 
pag. 147 ff. 

Harnstofifbestimmung, s. Harn, pag. 145. 

Hedeoma, s. Poleiöl. 


NH 

Hedonal, C0\ n %„/CH 3 , Methylpropylcarbinol-Urethan,ein 

. Orixp, tt 

O3 n 7 

zur Gruppe der Urethane zählendes Schlafmittel. Bekanntlich wurde das Aethyl- 
NH 

urethan, CO/q ^ jj , der Aethylester der Carbaminsäure, auf Anregung 

Schmiedeberg's von Jolly und von v. Jaksch als Hypnoticum (von letzterem 
namentlich für die Kinderpraxis) empfohlen. Das Mittel wurde jedoch wegen 
der grossen Dosen, die für eine sichere Wirkung nothwendig sind, verlassen. 
Es war vorauszusehen, dass ein Urethan, in welchem das Aethyl durch ein 
kohlenstoffreicheres Alkoholradical ersetzt wurde, auch eine stärkere pharma¬ 
kologische Wirkung äussern werde; demgemäss versuchte Dreser das 
Hedonal, in welchem, wie oben ersichtlich, das Aethyl durch den ein- 
werthigen Rest eines Methylpropylcarbinols substituirt ist. Die bezüglichen 
Thierversuche ergeben, dass das Hedonal dem Gewichte nach doppelt so 
stark wie Chloralhydrat wirke, dass Athmung und Blutdruck nur in geringem 
Masse durch das Mittel beeinflusst werden, und dass die Latenzzeit für die 
Reflexbewegung des Anziehens der elektrisch gereizten Froschpfote während 
des Hedonalschlafes um das Vier- bis Sechsfache gesteigert war. 

Das von den Elbertelder Farbwerken dargestellte Hedonal bildet farblose, bei 76° C. 
schmelzende Krystalle, siedet bei circa 215°, ist in kochendem Wasser löslich, in kaltem 
weniger gnt; der Geschmack der Lösnng erinnert ausserordentlich stark an Pfefferminze. 
Die Reinheit des Hedonals wird durch den Schmelzpunkt geprüft. Beim Kochen mit Alka¬ 
lien zerfällt es in Carbonat, Alkohol und in Ammoniak. 

Das Mittel wurde von Paul Schuster bei Schlaflosigkeit, wie sie in¬ 
folge von organischen und functioneilen Krankheiten vorkommt und die 
weder durch starke Schmerzen, noch durch starke Erregungszustände be¬ 
dingt ist, als ein von unangenehmen Nebenwirkungen freies Hypnoticum 
befunden. Auch A. Eulenburg fand das Mittel bei leichter neurasthenischer 
Agrypnie von Wirkung; hingegen verhielten sich Kranke mit manischen 
Exaltationszuständen und solchen, bei denen heftige Schmerzen verschiedener 
Art den Schlaf störten, ziemlich refractär; er äussert sich dahin, dass wir 
es hier mit einem verstärkten Urethan zu thun haben, welches in dreifach 
kleinerer Dosis wirkt; keineswegs kann aber das Mittel mit den stärkeren 
Antineuralgicis — Morphium. Dionin — in Vergleich treten. Die von Dreser 
constatirte diuretische Wirkung des Hedonals tritt nach Eulenburg beim 
Menschen in ungleicher Weise, zuweilen aber recht auffällig hervor; auch 
Nawratzki und Arndt beobachteten in manchen Fällen eine gesteigerte 
Diurese nach Hedonal. Sämmtliche Urtheile stimmen darin überein, dass 
das Mittel ein schwaches Hypnoticum darstellt, frei von unangenehmen 
Nebenwirkungen, das übrigens zur Abwechslung mit anderen Schlafmitteln 
immerhin angewendet werden kann. 

Dosjrung. Erst Dosen von 1,0 sind beim Erwachsenen wirksam, doch 
muss man oft bis zu 2,0, selbst 3,0 steigen, um einen Schlaf von 7—8 Stun¬ 
den zu erzielen. Eulenburg combinirt in Fällen, wo 2,0 nicht ausreichen, 
0,5 Trional mit 1,0 Hedonal. Wegen seiner Schwerlöslichkeit wird das 
Mittel in Pulverform gegeben; da es sehr schlecht schmeckt, lässt Eulen¬ 
burg, wo ein Corrigens nöthig ist, mit x / 2 —1 Theelöffel aromatischem Zimmt- 
wasser, dem einige Tropfen von Orangenöl zugesetzt sind, dem trocken 
genommenen Pulver nachspülen. 

Encyclop. Jahrbücher. IX. |2 


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Hedonal. — Hernia lineae albae. 


Literatur: H. Dreser, Ueber ein Hypnoticum aus der Reihe der Urethane. Vortrag 
au! der Natur!. Versannul. in München 1899. — Paul Schuster, Ueber ein neues Schlaf¬ 
mittel aus der Gruppe der Urethane. Aus der Privatklinik des Pro!. Mendel in Berlin. 
Therap. Beil. d. Deutschen med. Wochensehr. 10. Mai 1900, pag. 19. — A. Edlenburg, Be¬ 
merkungen über Hedonal. Ebenda. 7. Juni 1900, pag. 20. — Nawratzki und Arndt, Ueber 
das Hedonal. Aus der Irrenanstalt der Stadt Berlin zu Dalldorl. Therap. Monatsh. Juli 1HOU, 
pag. 372. Loehisrh. 

Hernia lineae albae« Seit hundert Jahren ist diese Affection 
in der medicinischen Literatur bekannt, dennoch aber ist sie bis auf den 
heutigen Tag nicht Allgemeingut der Aerzte geworden. Der Umstand, dass 
sie in der Mehrzahl der Fälle keine grobsinnfällige äussere Erscheinungen 
macht, wie die Leisten- und Schenkelhernien, erklärt es zur Genüge, dass sie 
nicht nur vom Patienten, sondern auch von Aerzten oft übersehen wird. Die 
Bedeutung dieser Bruchform ist noch nicht genügend bekannt und gewürdigt. 

Die Hernia lineae albae gehört zu den Grenzgebieten der inneren Me- 
dicin und Chirurgie. In neuerer Zeit haben denn auch hauptsächlich chirur¬ 
gische Publicationen von v. Bergmann, Roth, Lindner, Wltzel u. a., das In¬ 
teresse dieser Affection in höherem Masse zugewendet. 

In einer gewiss nicht kleinen Zahl von Fällen, in denen solche Hernien 
die Ursache mehr oder minder schwerer und andauernder Verdauungs¬ 
störungen sind, ist die Erkennung dieses Zusammenhanges vielfach von 
grosser praktischer Tragweite, weil die letzteren erst mit Beseitigung der 
ersteren ihre Heilung finden können. Deshalb ist es die hauptsächlichste 
Aufgabe dieser Zeilen, das Auffinden solcher Hernien zu erleichtern. 

Die Hernia lineae albae ist in der Mittellinie der Bauchdecke gelegen. 
Sie Ist die häufigste Form der Bauchdeckenbrüche, welche nur in seltenen 
Fällen seitlich von der Mittellinie auftreten. Sie stellt einen rundlichen, meist 
sich flach vorwölbenden Tumor dar, der allerdings bei oberflächlicher Be¬ 
sichtigung des Abdomens häufig nicht in die Augen fällt. Zuweilen lässt 
nur ein leichter Schatten die Stelle ihres Sitzes vermuthen, ja manchmal 
vermag überhaupt erst die sorgfältigste Palpation einen solchen Tumor nach¬ 
zuweisen. Oft bedarf es erst der Ausführung gewisser Bewegungen des 
Patienten, um die Hernie zu Gesicht zu bringen. Darüber soll gleich noch 
Näheres gesagt werden. Die Hernia lineae albae sitzt durchgehends zwischen 
Nabel und Processus xiphoideus, zuweilen gerade etwa in der Mitte, meist 
aber näher dem Nabel oder sogar unmittelbar über demselben. Ihre Grösse 
ist eine sehr wechselnde, sie schwankt von der eines Fünf-Markstückes bis 
zu der eines Fünf-Pfennigstückes und noch kleiner, so dass sie Geschwülste 
von Kirschen- bis Apfelgrösse bilden können. Gerade diese winzigen Hernien 
sind es, weiche dem Auge und sogar dem tastenden Finger leicht entgehen, 
dabei aber zuweilen nicht weniger Schmerzen oder sogar noch mehr Beschwer¬ 
den machen als die grossen. Wenn sie bei aufmerksamer Betrachtung des Ab¬ 
domens nicht ohne weiteres sichtbar sind, kann man sie durch verschiedene 
Hilfsmittel zu stärkerem Hervortreten bringen. Dazu gehört zunächst die 
Wirkung eines willkürlich hervorgerufenen Hustenstosses. Charakteristischer 
aber ist das Vorspringen dieser kugeligen Geschwülste bei Lageveränderungen 
des Körpers, z. B. beim Vornüberbeugen des Oberkörpers im Stehen oder, nach 
meinen Erfahrungen noch besser, beim Hintenüberbeugen des Körpers, ferner 
beim Auf- und Niedersetzen des liegenden Patienten. Es ist die Anspannung 
der Bauchdecken, welche die Hernie für das Auge deutlicher hervortreten 
lässt. Die Hernia lineae albae sind nicht zu verwechseln mit den Bauch¬ 
brüchen, welche zuweilen (nach wiederholten Entbindungen, Entfernung von 
Unterleibsgeschwülsten, Schwinden von Ascites u. a. m.) durch eine Diastase 
der Musculi recti zustande kommen. Bei diesen Brüchen, die schon den 
Uebergang zum Hängebauch bilden, handelt es sich ja nur um ein mechani¬ 
sches Vorfällen der Eingeweide. Bei der Hernia lineae albae ist dagegen 


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Hernia lineae albae. 


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ein Brach mit allen seinen typischen Eigentümlichkeiten vorhanden, deren 
anatomische Verhältnisse wir gerade erst durch die Autopsien in vivo seitens 
der Chirurgen kennen gelernt haben: Bruchsack, Bruchpforte u. s. w. Zum 
Begriff einer echten Hernia linea albae gehört die Ausstülpung eines Zipfels 
des Peritoneums, welches den Bruchsack bildet. Freilich ist ein solches in 
manchen Fällen gar nicht oder nur rudimentär vorhanden. Die Bruchpforte 
dagegen fehlt nie. 

Nach dem Peritoneum durchbohrt die Hernia, in gerader Linie nach 
oben austretend, auch die Fascia transversa und die auseinander tretenden 
inneren Ränder der Musculi recti, zuweilen gerade an der Stelle einer Inscriptio 
tendinea. Den Inhalt des Bruches bildet zumeist ein Stück Netz (Omentum 
majus) oder noch häufiger Fett von demselben; viel seltener liegen Darm¬ 
eingeweide darin. Für die Existenz eines wirklichen Magenbruches dieser Art 
ist bisher noch kein einwandsfreier Fall beigebracht worden. Soweit man 
nach der Untersuchung am Lebenden urtheilen kann, glaube ich allerdings 
einmal eine solche Hernia in der Mittellinie des Bauches gesehen zu haben, 
durch welche zeitweilig der Magen aus der Bruchhöhle heraustrat. Die 
Hernia bestand bei der 70jährigen Frau schon länger als 12 Jahre und hatte 
sich allmählich immer mehr vergrössert. Zur Zeit hatte der Bruchring den 
Umfang eines Fünf-Markstückes. Die Patientin hatte eine hochgradige atonische 
Gastrektasie mit Gastroptose. Bei starkem copiösen Erbrechen, welches in 
Zwischenräumen von 4—6 Wochen aufzutreten pflegte, drängte sich regel¬ 
mässig ein Theil des Magens durch die Bruchpforte, in welcher sonst nur 
einige kleine, untereinander durch derbe Stränge verwachsene Darmschlingen 
lagen. Während diese nie vollständig reponibel waren, konnte der Magen 
stets wieder in die Bauchhöhle zurückgebracht werden. Durch Aufblähen 
des Magens konnte man sich davon überzeugen, dass eben wirklich der 
Magen in der Hernia lag. War ein Theil desselben mit dem übrigen Bruch¬ 
inhalt vorgefallen, dann hatte die Bruchgeschwulst fast die Grösse eines 
Kindskopfes. 

Indessen sind solche Abnormitäten ausserordentlich selten, wie auch 
überhaupt Darminhalt in den Hernien der Bauchmittellinie. 

Den Typus bildet die Fetthernie! Man hat von dieser vielfach das 
subseröse Lipom abzugrenzen gesucht, welches bei geschlossenem Peritoneum 
als eine unmittelbar auf der Fascia transversa aufliegende Fettgeschwulst 
unter der Haut zutage tritt. Meines Erachtens nach ist es aber unmöglich, 
ein solches Lipom von einer Fetthernie in der Mittellinie des Bauches in vivo 
zu unterscheiden, zumal sie selbst anatomisch oft in einander übergehen, 
indem das subseröse Lipom meist allmählich das Peritoneum hinter sich 
einzieht. 

Litten und Lennhof haben ein bemerkenswerthes objectives Symptom 
dieser Hernien mitgetheilt: das sogenannte Spritzphänomen, welches man 
wahrnimmt, wenn man einen Finger auf die Stelle der Hernie legt und nun 
einige kurze Hustenstösse ausführen lässt. In anderen Fällen fühlt man dieses 
Spritzphänomen, wenn man die Hernie in die Bauchhöhle zurückzudrücken sucht. 
Das Spritzphänomen stellt sich dar wie wenn ein feiner, vielfach getheilter 
Wasserstrahl gegen den tastenden Finger gespritzt wird. In anderen Fällen 
hat man mehr das Gefühl, als ob man Schrotkörner auseinander drängt, 
Wasser aus den Poren eines Schwammes wegdrückt u. d. m. Dieses Phänomen 
lässt sich aber keineswegs in allen Fällen von Hernia lineae albae hervor- 
rufen. Sein Nachweis hat aber grosse diagnostische Bedeutung. 

Hinsichtlich der Ursache der Hernien der Lineae albae wissen wir 
wenig Bestimmtes. Sie kommt bei Männern viel häufiger vor als bei Frauen 
und hauptsächlich im 3.—5. Lebensjahrzehnt. Ich kann auch die Angaben 
vieler Autoren bestätigen, dass man diese Affection vorwiegend bei der 


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Hernia lineae albae. 


arbeitenden Bevölkerung antrifft. Das weist darauf hin, dass schwere körper¬ 
liche Arbeiten und Ueberanstrengungen wohl oft die Ursache dieser Brüche 
sind. Wenn sie in vielen Fällen nicht selbst angeboren sind, so doch sicher¬ 
lich oft die Disposition dazu, wie zu anderen Hernien. Auch kann solche 
Disposition sicherlich im Laufe des Lebens auch erworben werden, nament¬ 
lich durch Traumata. Ob starke Abmagerung, wie behauptet worden, die 
Entstehung dieser Hernien begünstigt, erscheint mir sehr zweifelhaft, weil 
man sie durchaus nicht gerade bei Abgemagerten oder schlecht genährten 
Individuen sieht, vielmehr zuweilen sogar geradezu bei Fettleibigen. Der 
Umstand, dass zuweilen die Beschwerden, die zur Entdeckung der Hernie 
führen, plötzlich auftreten, beweist höchstens den plötzlichen Durchtritt des 
Bruches durch eine wahrscheinlich schon vorgebildete Bruchpforte. Meist 
vollzieht sich dieses Ereigniss ganz allmählich, wie bei den meisten Brüchen, 
ohne von den Patienten besonders bemerkt zu werden. 

Die Hernia lineae albae macht ihrem Träger häufig absolut keine Be¬ 
schwerden. Man beobachtet sie zuweilen als zufälligen Nebenbefund bei Unter¬ 
suchung eines Patienten aus ganz anderer Ursache. Sie vergrössert sich oft 
viele Jahre hindurch gar nicht. Aus diesem Grunde muss man der Meinung 
mancher Autoren entgegentreten, jede solche Hernie als eine schwere oder 
auch nur als wesentlich pathologische Erscheinung hinzustellen. Da sie er- 
fahrungsgemäss oft und lange Zeit völlig symptomlos besteht, hat man erst 
dann gewisse Beschwerden der Patienten auf solche Hernien zurückzuführen 
ein Recht, wenn andere Krankheitsursachen nicht nachweisbar sind, die schon 
allein das Symptomenbild zu erklären imstande sind. 

Der Symptomencomplex ist ganz und gar kein einheitlicher, vielmehr 
sind die Krankheitserscheinungen, welche wirklich dadurch ausgelöst werden, 
in den einzelnen Fällen sehr verschieden und in bunter Weise zusammen¬ 
gesetzt. Die Patienten klagen über schwankende oder unbestimmte Schmerzen 
in der Magengegend oder im Leibe, die sie oft weder gut definiren noch 
localisiren können, bald beim Stehen, bald beim Gehen auftreten oder sich 
bei Bewegungen verschlimmern, bei Ruhe indess meist nachlassen. Die einen 
fühlen die Schmerzen als Wühlen oder Stechen, die anderen als Krampf 
u. dergl. Bald besteht das Bild einer Dyspepsie: Gefühl von Druck und 
Fülle in der Magengrube geraume Zeit nach der Nahrungsaufnahme, die sich 
bis zu lebhaften Schmerzen steigern können, bald besteht das proteusartige 
Bild der sensiblen Magenneurose, das sich durch Aufstossen, Uebelkeit, Er¬ 
brechen, Magendruck u. dergl. m. bunt zusammensetzt und dabei in seinen 
Erscheinungen und in seinem Verlauf ganz inconstant ist. 

Charakteristisch ist für die Hernien nur das anfallsweise Auftreten von 
heftigen Magenkrämpfen (Coliken), die zu Verwechslungen mit Gastralgien 
und selbst Cholelithiasisanfällen führen können. Die Schmerzen strahlen von 
der Bruchstelle in beide Seiten und den Rücken, ja auch nach der Brust 
aus. Es ist deshalb Aufgabe, in allen Fällen von krampfartigen Schmerzen im 
Leibe auch nach der Existenz einer solchen Hernie zu forschen. Die Schmerzen 
sind von sehr wechselnder Intensität und Dauer. 

Seitens des Magens bestehen in der Mehrzahl der Fälle keine Ano¬ 
malien. Sind solche vorhanden, so sind sie als Complicationen zu betrachten, 
die mit der Hernie nichts zu thun haben. Die häufigste dieser Complica¬ 
tionen ist eine motorische Insufficienz als Ausdruck einer Atonie des Magens. 
Es ist freilich nicht ganz die Möglichkeit von der Hand zu weisen, dass eine 
solche Schwächung der Magenmusculatur hervorgerufen sein kann durch 
die Zerrungen, welche eine solche Hernie am Peritoneum vielleicht öfters 
macht, namentlich bei ihrem Aus- und Eintreten in die Bruchpforte infolge 
von Husten, starken Bewegungen u. s. w. Bei der Hernia lineae albae tritt 
ferner gelegentlich auch eine Saftsecretionsstörung des Magens auf, und zwar 


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Hernia lineae albae. 


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hauptsächlich Superacidität, welche wohl zweifellos auch hier wie so oft die 
Folge allgemeiner Neurasthenie ist, welche man bei Patienten mit solchen 
Hernien sehr häufig antrifft. 

Die Diagnose der Hernia lineae albae ergiebt sich nach den bisherigen 
Auseinandersetzungen von selbst. Sie ist leicht, wenn der untersuchende Arzt 
nur daran denkt und das Abdomen aufmerksam inspicirt und palpirt. Ver¬ 
wechslungen der Herniengeschwülste mit anderen Abdominaltumoren sind ja 
eigentlich nur bei grösserem Umfange möglich. Ich sah eine solche Hernie, 
die, über der Mitte zwischen Proc. xiph. und Nabel sitzend, für einen Gallen¬ 
blasentumor gehalten worden war. Die subjectiven Krankheitserscheinungen 
geben niemals einen Hinweis für die Diagnose. 

Die Prognose ist quoad vitam eine absolut gute, quoad sanationem 
aber keineswegs. Solche Hernien können ihren Trägem Jahre lang das Leben 
recht qualvoll machen. Die gleich zu besprechende Therapie bringt in vielen, 
ja sogar den meisten, aber durchaus nicht in allen Fällen Heilung, und 
letztere auch leider zuweilen nicht andauernd. 

Eine zufällig entdeckte Hernia lineae albae, die keine Beschwerden 
macht, erfordert kein Eingreifen seitens des Arztes. Häufig bleibt sie Jahre- 
und Jahrzehnte lang constant, ohne sich zu vergrössern und ohne Krank¬ 
heitserscheinungen auszulösen. Führen Schmerzen im Bauche oder Verdauungs¬ 
beschwerden den Kranken zum Arzt, so darf eine aufgefundene Hernia lineae 
albae erst dann zum Gegenstand der Behandlung gemacht werden, wenn 
man sicher andere Ursachen der Erkrankung ausschliessen kann. Sind solche 
vorhanden, so sind erst diese zu beseitigen. Das gilt selbst von den Com- 
plicationen der Hernia lineae albae, vor allem der motorischen Insufficienz. 
Und zwar deshalb, weil die Therapie der Hernia lineae albae auf internem 
Wege aussichtslos ist, der operative Eingriff nicht ohne Noth unternommen 
werden soll. Die interne Therapie kann höchstens einige Symptome (z. B. 
Schmerzen) mildern. Die Anordnung von Ruhe pflegt den Kranken gut zu 
thun. Die nächstliegende Behandlungsmethode ist die Anlegung eines Bruch¬ 
bandes. Man lässt es nur wenig grösser nehmen, als der Bruch selbst ist«, und 
ihre Oberfläche nicht convex (wie bei anderen Brüchen) gestalten, sondern 
vollkommen plan, um eine allmähliche Dehnung und Erweiterung der Bruch¬ 
pforte zu verhüten. Dabei ist es natürlich gleichgiltig, ob diese Platte rund 
oder viereckig gemacht wird. Die meisten Bandagisten sind solche Bruch¬ 
bänder zu machen nicht gewohnt, und man thut deshalb gut, ihnen genaue, 
nicht missznverstehende Angaben zu machen. Bei armen Leuten genügt zur 
Noth ein breiter flacher Korken oder irgend eine in Flanell oder dergl. ein- 
zuwickelnde Metallplatte. Die Pelotte muss aber stets fest anliegen und soll 
durch festsitzenden, seidendurchwirkten Gurt (aus elastischem Gummi o. dergl.) 
gehalten werden, dessen Verschiebung nach oben eventuell noch durch 
Schenkelbänder verhütet werden kann. Der Anlegung der Pelotte muss die 
Reposition des Bruches vorangehen, die allerdings in manchen nicht gelingt, 
wahrscheinlich infolge vbrhandener Verwachsung des Bruchsackes. Unzweck¬ 
mässige Bruchbänder schaden mehr als sie nützen. Im Gegensatz zu Kuttner 
muss ich nach meinen Erfahrungen die Behandlung mittels Bruchband für 
die meisten Fälle als ausreichend erachten. Ich habe sogar in einigen Fällen 
einen ganz eclatanten Erfolg gesehen, nämlich das fast momentane Schwinden 
aller bisherigen Beschwerden, so dass die Patienten, die zumeist zuvor von 
ihrer Hernie gar nichts wussten, von der schnellen Besserung sehr überrascht 
waren. Das Bruchband muss dauernd getragen werden. Zuweilen kann man 
dann ein spontanes Zurücktreten des Bruches beobachten. In einer Reihe 
von Fällen ist dieses Behandlungsverfahren allerdings fruchtlos und dann bleibt 
bei Fortdauer heftiger Beschwerden nichts anderes übrig als die Operation. 
Diese ist nach der Natur des Bruchinhaltes und der anatomischen Verhäli- 


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Hernia lineae albae. — Heroin. 


nisse des Bruchsackes verschieden. Fettgeschwülste, auch Netzfett, sind ein¬ 
fach abzutragen und die Bruchpforte zu vernähen. Darmtheile sind zu re- 
poniren, Adhäsionen zu durchtrennen. Die Operation ist fast immer leicht 
auszuführen und der Wundverlauf ein glatter. Zweimal habe ich indess 
nach einer so kleinen, scheinbar so harmlosen Operation eine Folgeerschei¬ 
nung eintreten sehen, die fast unangenehmere Beschwerden gemacht hat als 
die frühere Hernie: eine Venenthrombose eines Beines, die in beiden Fällen zu 
jahrelangen Schmerzen in der betreffenden Extremität geführt hat, bis nach 
einer dauernden Verdickung derselben allmählich ein gewisser Stillstand ein¬ 
trat. Derartige Zufälle, die ja auch nach anderen Operationen im Bereiche 
des Abdomens, z. B. wegen Perityphlitis zuweilen eintreten, können indess 
nicht als Contraindicationen für die Operation gelten. Die Operation bringt 
in der Regel noch sicherer als die Bruchbandbehandlung die Heilung. Nur 
in seltenen Fällen kommen Recidive vor, zum Theil infolge neuer Ver¬ 
wachsungen. 

Literatur: Bis zum Jahre 1896 vollständig bei Kuttnrh, Mittheilungen ans den Grenz¬ 
gebieten d. inneren Medicin u. Chirurgie. I. — Lennhof, Berliner klin. Wochenschr. 1898. — 
Rosknheim, Berliner klin. Wochenschr. 1897. Albu (Berlin). 

Heroin 9 Diacetylmorphin der Diessigsäureester des Morphins, 
weisses, krystallinisches Pulver, vom Schmelzpunkte 171—172° C., wenig lös¬ 
lich in Wasser, leicht in Weingeist. Er wurde von Dreser zuerst experimentell 
geprüft, er fand, dass es auf die Athmung in lOmal kleinerer Dosis als Codein 
eine sedative Wirkung ausübt, die Athemzüge werden durch Verlängerung 
der Exspirationspause seltener, dagegen wird jeder einzelne Athemzug grösser, 
dass es auf Herz und Blutdruck fast gar nicht einwirkt, und dass es dem 
Codein in allen diesen Wirkungen bedeutend überlegen ist, ohne dass es 
dessen krampferregende Wirkungen zeigt. Die Prüfung des Mittels an Kranken 
von Floret, Strube, Weiss, Franz Tauszk, Türmauer, Leo u. a. ergaben, 
dass Heroin den Hustenreiz stillt, dass es auch bei Dyspnoe durch Er¬ 
leichterung und Verlangsamung der Athmung günstig wirkt, was objectiv 
durch Herabsetzung der Respirations- und Pulsfrequenz zum Ausdruck kommt. 
Die Beobachtungen betreffen meistens Phthisiker, acute und chronische 
Bronchitiden, letztere besonders bei Emphysematikern, dann Dyspnoeen jeder 
Art; auch über die schmerzstillende Wirkung des Heroins, namentlich bei 
Pneumonie und anderen mit Schmerzen verbundenen Erkrankungen, so z. B. bei 
Neuralgia nervi trigem., Enteralgie und Hemicranie, auch bei Intercostal- 
neuralgie, Ischias, rheumatischen Myalgien und Arthralgien berichten Prof. 
Eulenburg und andere Autoren günstig. Eulenburg legt besonderen Werth 
dem Gebrauche von salzsaurem Heroin solchen Patienten gegenüber bei, die an 
subcutanen Morphingebrauch gewöhnt sind. Tagesdosen von 0,03, respective 
0,025 Morphin wurden durch 0,013, respective 0,01 Heroin ersetzt, und 
war dabei das subjective Wohlgefühl viel länger anhaltend und von keinen 
dyspeptischen Störungen getrübt, während sich gleichzeitig Appetit und Er¬ 
nährung hoben. Während jedoch von W. Klink erst bei nicht genauer Ein¬ 
haltung der vorgeschriebenen Dosirung als Nebenwirkungen des Mittels 
Schlaflosigkeit, durch Trockenheit und Kratzen im Schlunde verursachtes 
Durstgefühl, Stuhlverstopfung, Schweisse, sowie Erschwerung der Expecto- 
ration erwähnt werden, beobachtete Rosin selbst bei sorgfältiger Dosirung 
häufig Schwindel, Uebelkeit, Kopfschmerzen und Erbrechen als Nebenwirkung. 
Spätere pharmakologische Untersuchungen, namentlich die von E. Harnack, 
führten zum Resultate, dass das Heroin eine schwächende Wirkung auf die 
Athmung ausübe und giftiger sei als Morphin. Zu ähnlichen Ergebnissen 
sind auch Santesson, Winternitz und Levandowsky gelangt, und letzterer 
Autor bemerkt, dass bei Anwendung des Heroins gegen Husten und Dyspnoe 
zwar das subjective Befinden gebessert werde, der objective Zustand sich 


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Heroin. — Hornhaut. 


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aber verschlechtere, da das Heroin die ausgleichende und heilsame Re- 
action des Organismus beseitige. Nach A. Frankel ist die Eigenschaft, eine 
Verlangsamung und Vertiefung der Athmung zu erzeugen, allen Vertretern 
der Morphingruppe gemeinsam; jedenfalls ist aber das Heroin giftiger als 
Codein, und der Umstand, dass schon eine sehr geringe Erhöhung der Dosis 
bei Heroin hinreicht, um die Athmungsgrösse stark herabzusetzen, illustrirt 
auch die dem Heroin innewohnenden Gefahren. 

Dosirung: Wegen der schweren Löslichkeit der Base wird dermalen das 
chlorwasserstoffsaure Salz, Heroinum hydrochloricum, angewendet. Als 
Sedativum entweder die Basis Heroinum allein in Pulverform, und zwar 0,005 
mit Saccharum in der Regel dreimal täglich als einfache Dosis, die übrigens 
am Abend verdoppelt werden kann, oder das Heroinum hydrochloricum in 
Lösung 0,05 : 15,0 Aqu., von diesen Tropfen 15—20 einmal, höchstens zwei¬ 
mal in der Nacht. Die Dosis entspricht ungefähr 0,002—0,003 Heroin. Am 
raschesten tritt die Wirkung dieses Mittels bei subcutaner Injection ein. Eulen¬ 
burg empfielt hiezu 2°/ 0 ige Lösung: Heroini muriatici 1,0 solve in Aquae 
destillatae sterilisatae 50,0, in Einzeldosen von 0,15—0,25 Ccm. Die Dosis 
von 0,01 pro Injection zu überschreiten, dürfte sich nur in Ausnahmsfällen 
und bei vorsichtiger allmählicher Steigerung empfehlen; anzurathen ist es, 
mit der Anfangsdosis auch bei Erwachsenen mit Mengen unter 0,01 zu be¬ 
ginnen. Nebenerscheinungen sind bei diesen Dosen nicht zu befürchten. Nach 
Fritz Meyer ist die mittlere Dosis des Heroins bei subcutaner Anwendung 
o,003—0,005 Grm., was 0,15—0,25 Ccm. obiger Lösung gleichkommen würde. 

Literatur: Dreser, Pharmakologisches Uber eiuige Morphindtrivate. Therap. Monats¬ 
schrift. September 1898. — Floret, Klinische Versuche über die Wirkung und Anwendung 
des Heroins. Ebenda. 1898, Nr. 9. — Strubk , Mittheilungen über therapeutische Versuche 
mit Heroin. Berliner klin. Wochenschr. 1898, Nr. 45. — Wkiss, Heroin, ein neues Substituens 
des Morphins. Die Heilkunde. 1898, Octoberbeft. — Fr. Tauszk, Orvosi Hetilap. 1898, 
Nr. 50. — Rosin, Therapie der Gegenwart. 1899, Nr. 6, pag. 248. — E. Habnack, Münchener 
med. Wochenschr. 1899, Nr. 27, pag. 881; Nr. 31, pag. 1019. — A. Frankel, Ebenda. 1899, 
Nr. 46, pag. 1528. — B. Turnaueb, Ueber Heroinwirkung aus der medicinischen Abtheilung 
des Prim. Dr. Pal in Wien. Wiener med. Presse. 1899, Nr. 12. — Leo, lieber den therapeu¬ 
tischen Werth des Heroins. Deutsche med. Wochenschr. 1899, Nr. 12. — A. Eulenburg, Er¬ 
fahrungen mit Heroinum muriaticum bei subcutanen Injectionen. Ibidem. — H, Dreser, Ueber 
den experimentellen Nachweis der Vertiefung und Verlangsamung der Athemzüge nach 
therapeutischen Heroingaben. Arch. f. d. gesammte Physiol. LXXX, 1900. Loebisch. 

Holocaln, s. Augenheilmittel, pag. 40. 

Homatropin, s. Augenheilmittel, pag. 39. 


Horabaut« Recidivirende Erosionen. Epitheliale Substanzver¬ 
luste der Hornhaut, wie sie durch Fingernägel der Kinder (»Nagelkeratitis«), 
Spitzen steifer Blätter, Baumzweige, Wäsche- und Papierkanten u. dergl. ent¬ 
stehen, haben starkes Thränen, Lichtscheu, Schmerzen, Ciliarröthe im Ge¬ 
folge. Die Heilung erfolgt in wenigen Tagen, am besten unter einem Ver¬ 
bände, aber auch spontan ohne ärztliche Intervention. Nicht selten treten 
aber Folgezustände ein, die v. Reuss in zwei Gruppen theilte. 

1. Morgens beim Erwachen, respective beim Oeffnen der Augen oder 
auch während der Nacht tritt in dem verletzten Auge ein plötzlicher Schmerz 
ein, der entweder rasch vorübergeht oder minuten- bis balbstundenlang 
(selten länger) andauert. Je plötzlicher das Oeffnen der Augen geschieht, 
desto sicherer ist das Eintreten des Schmerzes, desto heftiger ist er; vor¬ 
sichtiges langsames Oeffnen vermag das Ausbleiben des Schmerzes zu be¬ 
wirken. Reiben der Augen, besonders beim Waschen, ist gefährlich; bei einem 
Nacbmittagsschlafe können dieselben Erscheinungen eintreten. Die Schmerz¬ 
anfälle können einige Tage auslassen oder sich allnächtlich einstellen durch 
Jahre lang. 


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Hornhaut. 


2. Plötzlich, ohne bekannte Veranlassung oder durch Reiben der Augen 
oder beim plötzlichen Erwachen tritt ein heftiger Schmerz ein, der nicht 
schwindet, Thränen, Lichtscheu begleiten ihn wie bei der ursprünglichen 
Verletzung. Hat der Arzt Gelegenheit bald zu untersuchen, so findet er an der 
ursprünglichen Verletzungsstelle oder nicht weit davon entfernt einen frischen 
Epithelverlust oder eine grosse Blase oder Residuen einer solchen, später nur 
eine unbedeutende epitheliale Trübung. Die neue Attaque, diese recidivirte 
Erosion, heilt wie die erste Verletzung und es kann nach Wochen, Monaten 
ein neues Recidiv kommen, so lange sich nicht, wie v. Arlt es verlangt, 
der Kranke entschliesst, einen gut anliegenden Verband durch 10—14 Tage 
zu tragen. 

Patienten, die an der 1. Form leiden, können intercurrirend einen An¬ 
fall der 2. Form acquiriren, es können aber auch die Zwischenzeiten ohne 
jegliche Mahnung verlaufen. 

Schon v. Arlt hat angenommen, als er bei den recidivirenden Schmerz¬ 
anfällen die Ursache in der neuerlichen Erosion entdeckte, dass eine abnorme 
Epithelbildung an der Stelle der Verletzung die Ursache der Recidive sei. 
v. Reuss hat folgende Erklärung gegeben, bei welcher er mit einer von Szili 
stammenden im ganzen übereinstimmt. Das Epithel über der ursprünglichen 
Verletzung hat sich nicht in gehöriger Weise neugebildet. In der Nacht, in 
der Ruhe des Schlafes, haftet die Conjunctiva bulbi an unebenen Stellen des 
Comealepithels, wie beim sogenannten Catarrhus siccus (ebenfalls nach der 
Annahme von v. Reuss) tarsales und bulbäres Conjunctivalblatt an einander 
haften, so dass die Adhäsion durch Reiben mit den Fingern gelöst werden 
muss. Beim Versuche, die Augen zu öffnen, wird das abnorme Cornealepithel 
in die Höhe gehoben, bis die Adhäsion durch das vollständige Oeffnen gelöst 
wird, dabei werden die Nervenendigungen gezerrt und es entsteht ein rasch 
vorübergehender Schmerz. Geschieht das Oeffnen in brüsker Weise, zu 
rasch, oder wird das Auge zu heftig gerieben, dann bleibt das Epithel in 
Form einer Blase, die nachher einreist, abgehoben, oder es wird sofort ab¬ 
gerissen und die neue Erosion ist fertig. 

Für die Richtigkeit dieser Erklärung spricht der Umstand, dass es 
v. Reuss geglückt ist, nachzuweisen, dass der Zusammenhang zwischen 
Epithel- und Cornealsubstanz auf weite Strecken hinaus ein gelockerter 
ist, so dass es gelang, in einem gewissen Bezirke das ganze Cornealepithel 
mit grösster Leichtigkeit abzuziehen oder abzureiben, aber nicht über die 
Grenzen dieses Bezirkes hinaus, sowie dass die Fälle, bei welchen dieses 
Verfahren eingeschlagen wurde, bleibend geheilt blieben. Es findet also hier 
dasselbe statt, was Hess bei der sogenannten Fädchenkeratitis beschrieben 
hat, wo gleichfalls das Epithel sich fast von der ganzen Cornea leicht ab- 
ziehen liess. 

Es muss bemerkt werden, dass diese Abrasio cornea nachher von 
heftigen Schmerzen gefolgt ist und Bettruhe des Kranken mit Verband 
beider Augen und reichlichen Cocaingebrauch erfordert. 

Für gewöhnlich kann man folgendes therapeutisches Verfahren em¬ 
pfehlen : 

Für die Fälle der ersten Kategorie ist das Einbringen eines indifferenten 
Fettes (z. B. Borlanolin) mittels eines Salbenstäbchens in das Auge un¬ 
mittelbar vor dem Einschlafen zu rathen. Eventuell halten die Kranken eine 
2%ige Cocainlösung etwa in einem Fläschchen mit eingeriebenen Tropfröhrchen 
so vorräthig, dass sie dieselbe Nachts, ohne Licht anzuzünden, durch eine 
Armbewegung erreichen und einträufeln können. Vorsicht beim Oeffnen der 
Augen und das Vermeiden von Reiben erlernen die Kranken von selbst. Ist 
eine neue Erosion aufgetreten, dann muss das Auge durch 10—14 Tage 
verbunden getragen werden, und zwar muss der Verband ruhig liegen, was 


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Hornhaut. — Hydrotherapie. 


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im Anfänge nicht immer leicht gelingt; ein schlechter Verband nutzt nichts. 
Daneben Cocain wegen der Schmerzen und aseptische Waschwässer behufs 
Vermeidung von Infectionen. Als radicales Mittel dürfte die Entfernung des 
ganzen erkrankten Epithels zu rathen sein. 

Hirsch hat die von Arlt verlassene Ansicht wieder aufgenommen, dass 
die recidivirenden Schmerzen neuralgischer Natur seien, und auf die ver¬ 
schiedenen, mit Bläschenbildung einhergehenden schmerzhaften Cornealpro- 
cesse hingedeutet. Er hat Erfolge von internem Chiningebrauche gesehen. 
Diese Ansicht wird wohl der früher gegebenen Erklärung nicht standhalten 
können. 

Literatur: Cam. Hirsch, Ueber die sogenannten »recidivirenden Erosionen der Horn¬ 
haut« (Arlt) und ihre Behandlung. Wochenschr. t. Therapie u. Hygiene des Auges. 1898, I, 
Nr. 21 u. 22. — v. Reuss, Ueber recidivirende traumatische Erosionen der Hornhaut. Prager 
med. Wochenschr. 1898, XXIII, Nr. 21. — Hirsch, Ueber die sogenannte »recidivirende Ero¬ 
sion der Hornhaut« und ihre Behandlung. Ebenda. 1898, XXIII, Nr. 25. — Wichkrkiewicz, 
Ueber recidivirende traumatische Homhautneuralgie. Wiener klin. Wochenschr. 1898, Nr. 37. — 
v. Arlt, Ueber die Verletzungen deä Auges in gerichtsärztlicher Beziehung. Wiener med. 
Wochenschr. 1874. — Szili und Weiss, Bericht über die Wirksamkeit der Abtheilung für 
Augenkranke am Spitale der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Budapest 1897, pag. 34 
bis 40. Reuss. 

Hydrargyrol, Hydrargyrum sulfophenylicum wurde von Fr. 
Steinmann als Antisepticum versucht, jedoch wegen seiner schweren Löslich¬ 
keit im Wasser als solches ungeeignet befunden. Durch Combination dieses 
Salzes mit Ammoniumtartrat entsteht ein im Wasser leicht lösliches Doppel¬ 
salz, welches als Asterol (s. d.) zur antiseptischen Wundenbehandlung em¬ 
pfohlen wurde. 

Literatur: S. bei Asterol. Loebisch. 

Hydrotherapie. Die Hydrotherapie hat im letzten Jahrzehnt in 
allen ihren Theilen derartige Fortschritte aufzuweisen, dass sie mehr als je 
in der Reihe der wissenschaftlich begründeten therapeutischen Disciplinen 
ihren Platz findet. Eine grosse Reihe von Untersuchungen, an der Spitze 
solche von Winternitz und seinen Schülern, die Heranziehung vieler Arbeiten 
aus der Physiologie und Pathologie brachten Licht in manche Frage, welche 
bezüglich der Wirkungsweise thermischer und mechanischer Eingriffe bisher 
nicht oder nicht genügend beantwortet werden konnten. Ich werde mich im 
grossen und ganzen an den Artikel Hydrotherapie im Bande X der 2. Auf¬ 
lage der Real-Encyclopädie anlehnen und hier all’ das hineinzubringen trachten, 
was zur Ergänzung dieses Artikels nothwendig ist. 

In der Grundlehre der Hydrotherapie und der Wirkungsweise unserer 
Proceduren spielte und spielt die Reaction seit jeher eine sehr bedeutende 
Rolle, und zwar diejenige Reaction, welche sich in der Circulation zeigt 
und welche ganz besonders dadurch charakterisirt wird, dass die Gefässe auf 
einen Kältereiz sich nach einer primären Contraction secundär erweitern, 
welche Erweiterung, wie Winternitz und seine Schule annimmt, kein 
Lähmungsvorgang ist, sondern als active Dilatation angesprochen wird. 
Diese Vorstellung entspricht den praktischen Erfahrungen derart, dass man 
sie überall acceptirt hat. Nur in neuester Zeit erhob sich von einer Seite 
ein Widerspruch, nämlich von Matthes, der die L T ntersuchungen von Winter¬ 
nitz einer Kritik unterzieht, dessen Anschauungen theilweise bekämpft und 
die Anschauung vertritt, dass Dilatation der Gefässe in jedem Falle einen 
Lähmungszustand bedeutet, ob sie primär, durch äussere Einflüsse, z. B. durch 
Wärme, oder secundär nach einer primären Contraction (wie nach Kältereiz) 
erfolgt. Leider liegen die Verhältnisse hier derart verquickt, auch sind die 
Beobachtungen, trotzdem die Theorien von Winternitz vielfach gut fundirt, 
den Bedürfnissen bisher ausgezeichnet entsprachen, durch ganz einwand- 


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186 


Hydrotherapie. 


freie Untersuchungen thatsächlich nicht so weit gestützt, dass man mit 
Zahlen und Curven die Unrichtigkeit der M.xTTHESschen Auffassung be¬ 
weisen könnte. Es muss wieder darauf verwiesen werden, dass in der 
Praxis seine Auffassung kaum aufrecht zu erhalten ist. Denn wer jemals 
nach einer kalten Procedur einen ordentlichen ReactionsVorgang an der 
äusseren Haut verfolgte, der wird zugeben müssen, dass die Circulation in 
der Haut nach einer starken Kälteeinwirkung; die Röthung, die nach einer 
Kältewirkung auftritt, absolut nicht dieselbe sein kann, wie die Röthung, 
welche z. B. nach localer Wärmeapplication entsteht. Man braucht nur 
einen Menschen zu beobachten, der aus dem Dampfkasten hervortritt und 
oft nahezu cyanotische Röthung der Haut darbietet, und wie sich diese 
Rothe gleich in einen ganz anderen Farbenton umwandelt, sobald eine Be- 
giessung, eine Douche oder sonst eine kalte Application die Haut getroffen 
hat. Hoffentlich wird es noch gelingen, experimentell Klarheit zu schaffen. 
Es ist dabei natürlich gleichgiltig, wer persönlich Recht behält, unbedingt 
steht das Sachliche obenan. 

Was die Wärmeregulation und die Wärmebildung anbelangt, so hat 
sich unsere Auffassung darüber in den letzten Jahrzehnten nicht geändert. 
Nach wie vor steht die Sache so, wie es Winternitz damals beschrieben 
hat, und die Auffassung beherrscht auch das therapeutische Vorgehen, indem 
wir die Bilanz zwischen Wärmebildung und Wärmeabgabe bei unseren Pro- 
ceduren unbedingt berücksichtigen. Die Haut mit dem Reiz- und Reactions- 
zustand bildet den grossen Factor in der Wärmeabgabe und die thermisch¬ 
mechanischen Einflüsse auf die Musculatur und drüsigen Organe die grossen 
Factoren in der Wärmebildung. 

Die neueren Untersuchungsserien erstrecken sich vielmehr auf andere 
Gebiete, u. zw. auf den Einfluss der hydrotherapeutischen Proceduren auf 
Blut und Blutbewegung, die Muskelkraft und die verschiedenen Ausschei¬ 
dungen, sowohl den Gas- als Stoffwechsel im allgemeinen betreffend. 

Die Veränderungen, die man im Blute gefunden hat, hatten nicht nur 
unmittelbar auf die Blutbewegung als solche einen Rückschluss gestattet, 
sondern auch solche auf die Gefässe und bilden theilweise einen Ersatz für 
den oben erwähnten Mangel directer, die Circulation betreffender Versuche. 
Die ersten Resultate stammen aus dem Jahre 1893 von Winternitz und 
Rovighi, die gleichzeitig, aber unabhängig von einander fanden, dass nach 
Kälteeinwirkungen eine mitunter bedeutende Leukocytose ein- 
tritt, welche auch Stunden andauern kann. Die physiologische Deutung 
dieses Phänomens wurde damals nicht versucht und nur die Tragweite dieser 
Erscheinung in der Therapie hervorgehoben, speciell durch Winternitz im 
Sinne der Lehre von der Phagocytose. Es fielen diese Funde gerade in die 
Zeit, in welcher die Phagocytose in der Therapie der Infectionskrankheiten 
als hochbedeutend erachtet wurde. 

Von den einschlägigen Versuchen verdient eine Anzahl von Unter¬ 
suchungen von Grawitz, Loewy und Zuntz besondere Erwähnung, weiche 
die Circulation in verengerten Gefässen, die Circulationsenergie und die 
Veränderung des Blutserums betrafen, Fragen, welche mit den Winter- 
NiTz'schen Befunden innig verknüpft sind und gewissen Schlussfolgerungen 
Berechtigung verleihen. Insbesondere die Untersuchungen von Winternitz 
und seinen Schülern Strasser und Wertheimer über das Verhalten der 
weissen und rothen Blutkörperchen, des Hämoglobins und des specifischen 
Gewichtes begründeten die Lehre auf das Genaueste und fanden durch 
vielfache Untersuchungen in der Sache eine Bestätigung, in der theoreti¬ 
schen Erklärung und therapeutischen Auffassung jedoch manchen Wider¬ 
spruch. In Kurzem ist das Resultat dieser Untersuchungen, dass: allge¬ 
meine, den ganzen Körper treffende thermische und mechanische 


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Hydrotherapie. 


187 


Proceduren eine Vermehrung der rothen Blutkörperchen in dem 
der Fingerbeere oder dem Ohrläppchen entnommenen Blute er¬ 
zeugt; eine Zunahme der Leukocyten, des Hämoglobingehaltes 
und der Blutdichte. Die_Dauer dieser Wirkung ist sehr verschieden, mit¬ 
unter geht die Erscheinung rasch vorbei, mitunter nach zwei Stunden, und 
selbst noch nach viel längerer Zeit ist der Status quo noch nicht hergestellt. 
Ist der Kältereiz nicht von guter Reaction gefolgt, so kann diese Aenderung 
im Verhalten des Blutes ausbleiben, sie wird dagegen gesteigert, durch eine 
dem thermischen Reize folgende kräftige Muskelarbeit. Bemerkenswerth und 
für die theoretische Auffassung von weittragender Bedeutung sind die Re¬ 
sultate bei localen Proceduren. Kalte Fussbäder, Douchen auf die Füsse und 
erregende Umschläge auf die Waden erzeugten nach guter Reaction die 
obigen Veränderungen im Blute der Zehen, während gleichzeitig in der 
Fingerbeere oder im Ohrläppchen eine Verminderung der corpusculären 
Elemente zu constatiren war. 

Die Wirkung von warmen und heissen allgemeinen Proceduren ist bisher 
sehr wenig studirt, doch ergeben diese Proceduren durchaus eine Verminde¬ 
rung der corpusculären Elemente des Hämoglobins und des specifischcn 
Gewichtes, solange jedoch nur, bis profuse starke Schweisssecretion eine 
echte Eindickung des Blutes durch Wassersrerlust verursacht hat, was zur 
Vermehrung der genannten Elemente führen muss. 

Die Leukocyten verhielten sich nicht immer gleich den 
rothen Blutkörperchen, sondern oft gegensätzlich. 

Auch locale Wärmeapplicationen in Form von protrahirten Umschlägen 
auf die Wade oder auf die Bauchhaut bewirken local eine Abnahme der rothen 
Blutzellen etc., dabei aber meist eine Vermehrung der Leukocyten. Von allen 
Seiten wurde die Annahme, es handle sich bei den grossen Vermehrungen um 
eine Neubildung der rothen Blutzellen, fallen gelassen, da eine solche Annahme 
unhaltbar wurde. Winternitz erklärte die Veränderung aus der Aenderung 
des Gefässtonus und der ganzen Circulation, u. zw. so, dass die ganze Er¬ 
scheinung nur eine Aenderung der Blutvertheilung vorstellen sollte und dass 
durch die gesteigerte Energie der Circulation aus solchen Körperprovinzen, 
aus welchen wegen schwächerer Circulation oder geringeren arteriellen 
Druckes die Blutkörperchen schwer in die allgemeine Circulation kommen, 
dieselben doch herausgebracht werden und so auch an der extremsten Peri¬ 
pherie des Körpers erscheinen. 

Einen anderen Standpunkt nimmt Grawitz ein. Seine Untersuchungen 
über Blutdichte nach kalten und warmen Applicationen sind um einige Jahre 
älter als die WiNTERNiTZschen Untersuchungen. Grawitz hat die Theorie 
aufgestellt, die Vermehrung der Blutkörperchen, respective der Blutdichte 
nach Kälteeinwirkungen sei eine wirkliche Eindickung des Blutes, indem die 
Blutgefässe bei der Contraction Serum durch die Wandung in das Gewebe 
pressen, während die Verminderung der corpusculären Elemente nach Wärme¬ 
applicationen eine thatsächliche Verdünnung des Blutes in den Gefässen 
wäre, indem die sich erweiternden Gefässe wieder durch die Wandung Ge¬ 
websflüssigkeit in ihr Lumen eintret en lassen. 

Knöpfelmacher, Loewy, Breitenstein haben sich der WiNTERNiTz schen 
Auffassung angeschlossen. 

Die Ansicht Grawitz’ scheint schon darum nicht gerechtfertigt, weil 
wir aus den classischen Versuchen von Cohnstein und Zuntz wissen, dass 
die von Grawitz angenommene Filtration ein Process ist, der sehr langsam 
vor sich geht, viel langsamer, als die Veränderung nach thermischen Appli¬ 
cationen erscheint. 

Den directen Gegenbeweis erbrachte Loewy, indem er fand, dass nach 
Wärmeapplicationen, u. zw. schon nach ganz kurz andauernder Erwärmung 


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H y d rot he r apie. 


von Thieren das specifische Gewicht des Blutes herabging:, die Serumdichte 
jedoch unverändert blieb, während diese nach Grayvitz’ Annahme hätte 
sinken müssen. Es wären auch Winternitz' Resultate nach localen Proce- 
duren au! die Füsse nach Grawitz' Annahme unerklärlich; denn man könnte 
sich nicht erklären, wieso eine Verdichtung des Blutes in den Füssen eine 
Verdünnung in der Fingerbeere oder im Ohrläppchen bewirken könnte. 

Gegen Grawitz sprechen auch die Untersuchungsserien von Breitex¬ 
stein. Dieser fand bei 26 Typhösen 25mal nach kalten Bändern starke Erythro- 
cytose und Zunahme des Hämoglobins und stellte bei überhitzten Thieren 
fest, dass die Verminderung der Blutzellen in der Ohrvene parallel ging mit 
einer Stauung derselben in der Leber. Auch dieser Umstand ist eine Stütze 
für die WiNTERNiTZsche Auffassung, dass die ganze Erscheinung eine Ver¬ 
änderung der Blutvertheilung ist. 

Das ungleiche Verhalten der weissen Blutkörperchen erklärt sich aus 
der chemotaktischen (thermotaktischen) Empfindlichkeit. Die weissen Blut¬ 
zellen können als amöbenähnliche Körper auf Kälte- wie auf Wärmereiz in 
gleicher Weise reagiren. Von Interesse ist es zu erfahren, dass eine De- 
struction von rothen Blutkörperchen durch Kälte möglich ist Es erhellt dies 
aus den Untersuchungen von Reineboth und Kohlhart bei extremen Ab¬ 
kühlungen von Thieren. 

Die chemischen Eigenschaften des Blutes wurden durch vorläufige Unter¬ 
suchungen Strasser’s und Kuthy s festzustellen versucht. Die Serie der 
Untersuchungen ist eine viel zu kleine und die Methodik in dieser Richtung 
eine viel zu wenig ausgebildete, als dass man aus den Resultaten der ge¬ 
nannten Autoren eine fest verwerthbare Folgerung ziehen könnte. Von In¬ 
teresse ist jedoch das Resultat, dass heisse, die Körpertemperatur 
steigernde Proceduren eine Abnahme der Blutalkalescenz be¬ 
wirken, während kalte, erregende Proceduren eine Zunahme der¬ 
selben erzeugten. Diese Resultate der AlkalescenzVeränderung wurden 
von Winterxitz und nach ihm von vielen anderen als Andeutung einer 
speci fischen Steigerung der Wehr Vorrichtungen angesehen (insbesondere bei 
Infectionskrankheiten), die dem Organismus durch thermische Einwirkungen 
beigebracht werden können. Natürlich gilt dies als theoretische Erklärung 
einer praktischen Erfahrung; sollten sich noch weitere Resultate in dem 
Sinne der Strasser und Kl THY schen Untersuchungen ergeben, so liesse sich 
wohl thatsächlich in der Alkalescenzsteigerung des Blutes für die Bekämpfung 
der Infection eine verwerthbare Vorstellung gewinnen. 

Der respiratorische Gaswechsel, die Diurese und der Stoff¬ 
wechsel sind auch Gegenstand vielfacher Untersuchungen gewesen und 
zeigen auch, dass die hydrotherapeutischen Massnahmen eine nachweisbare 
Wirkung auf diese Factoren haben. Bezüglich des Gaswechsols bleibt 
allerdings die Anschauung, wie sie der allgemeinen Auffassung entspricht^ 
dass Muskelbewegungen immer den grössten Einfluss auf den Gaswechsel 
haben. Soweit also bei hydrotherapeutischen Proceduren ein grösserer Einfluss 
auf den Gaswechsel zu constatiren ist, können Muskelbewegungen, seien sie 
willkürliche oder unwillkürliche, sei es auch, dass sie sich nur in einer Erhöhung 
des Tonus documentiren, einen mehr minder grosen Einfluss haben. Unter¬ 
suchungen von Loewy, Speck, Winterxitz und Pospischill führten zu diesen 
Annahmen. Die Frage, wie weit sich die Diurese durch thermische Ein¬ 
griffe verändert, ist weitaus noch nicht erklärt. Es zeigt sich wohl durch 
neuere französische Arbeiten, dass bei Kälteapplicationen local auf die Bauch¬ 
haut die Harnsecretion sich vermindert, es kann also auf eine reflectorische 
Verengung der Nierengefässe gefolgert werden. Bei allgemeinen hydrothera¬ 
peutischen Proceduren kann man wohl bei dem Satze verbleiben, dass all 
diejenigen Proceduren, welche den Blutdruck erhöhen, die Diurese steigern 


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Hydrotherapie. 


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werden und diejenigen, welche den Blutdruck herabsetzen, auch die Diurese 
vermindern werden, sofern nicht die reflectorische Veränderung der Nieren- 
gefässe dieses Resultat beeinträchtigt. 

Was den Stoffwechsel anbelangt, ist durch eine Reihe von neueren 
Arbeiten, insbesondere von Formanek festgestellt, dass extreme Abkühlungen 
und starke Erhitzungen die Stickstoff- und Harnsäureausscheidungen steigern, 
und Strasser's Versuche scheinen die Annahme zu rechtfertigen, dass durch 
allgemeine hydrotherapeutische Proceduren der Stoffwechsel im Sinne einer 
normalen Steigerung der lebendigen Thätigkeit des Organismus gesteigert 
wird. Betreffs anderer Secretionen liegen auch schon Untersuchungen vor, 
welche zu erwähnen unbedingt nothwendig ist, so diejenigen über den Ein¬ 
fluss auf die Magensaftsecretion, welche durch locale Hitzeapplication auf 
die Magengegend, wie Puschkin behauptet, gesteigert wird, dagegen durch 
allgemeine Hitzeproceduren, wie Dampfbäder, vermindert werden kann, einen 
Theil der peptischen Kraft einbüsst und eine wahre Verminderung, respec- 
tive Verschwinden der freien Salzsäure auf weist. Die letzteren Resultate 
werden von Simon derartig ausgelegt, dass durch die künstliche Schweiss- 
secretion so viel Kochsalz verloren geht, dass dies den oben erwähnten Aus¬ 
druck im Magensafte findet. Auch ist die Schweisssecretion zweifellos von 
Einfluss auf andere Functionen und selbst auf den Stoffwechsel. Es ist so¬ 
gar festgestellt, dass im Schweisse eine ziemlich bedeutende Menge von 
Stickstoff ausgeschieden werden kann, die Haut also auch in dieser Bezie¬ 
hung vicariirend für andere Organe eintreten kann, eine Sache, die nicht 
unbekannt war, deren experimentelle Sicherstellung aber jedenfalls freudigst 
zu begrüssen ist. 

Grosses Gewicht muss weiters gelegt werden auf die Untersuchungen 
von Vinaj und Maggiora, welche die Beeinflussung der Muskelkraft, d. i. 
der Leistungsfähigkeit der Muskeln unter Einwirkung verschiedener Proce¬ 
duren behandeln und feststellen, ln welcher Weise kühle und warme Proce¬ 
duren die Muskelkraft steigern, respective ihre Leistungsfähigkeit vermindern. 
In dieser Weise zeigt sich, in kurzem Umrisse geschildert, der weit vorge¬ 
schrittene Ausbau der physiologischen Grundlagen der Hydrotherapie, und 
es ist weiters zu hoffen, dass bei der Tbeilnahme der Unterrichtsbehörden, 
wie sie augenblicklich zu wachsen scheint, auf den verschiedenen Univer¬ 
sitäten und Kliniken diese theoretischen Fragen, die noch vielfach der ge¬ 
nauesten Ergründung entbehren, geklärt werden. 

In der Technik der Hydrotherapie vertreten wir den Standpunkt, dass 
bei genauer Kenntniss der physiologischen Vorgänge, der Reizeffecte und der 
Reaction, der Ausbau der Technik dem jeweiligen Therapeuten selbst über¬ 
lassen bleiben darf. Im grossen und ganzen hat sich in den letzten Jahren 
auch die Technik in der Form nicht geändert; wohl könnte man bei unge¬ 
nügender Orientirung und mangelhafter Kenntniss der Literatur, z. B. in 
den KNEipp’schen Vorschriften, ein neueres Princip zu entdecken glauben; 
diese charakterisiren sich hauptsächlich nur durch energischeste, blitzartige, 
thermische und mechanische Eingriffe von grosser Intensität. 

In anderer Hinsicht ist die Technik etwas vorgeschritten, vielfache 
Vorschriften von allen möglichen Proceduren sind in der Literatur zu finden. 
Sie stellen jedenfalls nur unwesentliche Modificationen dar; beschreiben 
möchte ich hauptsächlich nur drei Neuerungen in der Technik, nämlich die 
Heissluftbehandlung, die Lichtbäder und die neuconstruirte Kohlensäure- 
douche von Winternitz und Gärtner. Die Heissluftbehandlung gehört ja — 
strenge genommen — eigentlich nicht zur Hydrotherapie, sie ist ein Ab¬ 
schnitt der Thermotherapie und ist gerade in den letzten Jahren in den 
Vordergrund getreten, insbesondere durch Mrndelsohn, der die Effecte der 
localen Heissluftbehandlung als besonders günstig hervorhob. 


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190 


Hydrotherapie. 


Der TALLERMANx'sche Apparat, der von Mendelsohn wissenschaftlich pro- 
pagirt wurde, ist wohl in der ganzen Literatur bekannt, er besteht aus einem 
eisernen Apparate, mit Asbest ausgekleidet und wird mit Gas, respective Kohle 
geheizt. Die in Flanell eingehüllte Extremität wird einer immensen Tempe¬ 
ratur von 80—160° C. ausgesetzt und die Resultate, insbesondere bei alten 
Gelenksleiden, sollen ganz ausserordentliche sein. Aehnliche Apparate sind 
mehrfach construirt worden, so der Elektrotherm von Lindemann und der 
Thermo-Aerophor von Reich, ersterer mit elektrischem Betriebe, indem die 
Erhitzung der Luft durch nicht glühende elektrische Rheostaten geschieht. 
Die Resultate von Mendelsohx finden allgemeine Bestätigung, und ganz ähn¬ 
lich sind die Resultate mit den anderen Apparaten. 

Die Lichtbäder glaube ich etwas ausführlicher behandeln zu müssen. 
Es ist hier nicht der Ort, sich auf die ganze Lichttherapie einzulassen. In 
das Gebiet der Hydrotherapie gehören eigentlich strenge genommen nur 
die Lichtschwitzbäder. Die chemischen Wirkungen der Lichtstrahlen auf die 
Oberfläche der Haut, sowie in die Tiefe der Gewebe ist noch gar nicht 
derart festgestellt, dass man weitgehende Folgerungen daraus ziehen könnte, 
aber die empirisch-therapeutische Verwerthung ist doch bis zu einer gewissen 
Grenze gediehen, und man ist gezwungen, die Lichtschwitzbäder in die 
Technik der Thermotherapie aufzunehmen. Es giebt zwei Arten von Licht¬ 
schwitzbädern: Bogenlichtbäder und Glühlichtbäder, und es ist wahr¬ 
scheinlich, dass die Bogenlichtbäder eine wesentlich grössere chemische Ein¬ 
wirkung haben dürften als die Glühlichtbäder, bei welchen die Wärmestrahlen 
doch noch die grösste Rolle spielen und die Wirkung der chemischen Strahlen 
etwas in den Hintergrund tritt. Die ersten Lichtbäder in Form von Glüh¬ 
lichtbädern wurden von Kellogg in Amerika eingerichtet, und zwar sofort 
in sehr grossem Massstabe, indem er für den ganzen Körper und für Körper- 
theile separate Apparate construirte. Die Apparate sind durchwegs so ein¬ 
gerichtet, dass sie entsprechend geformte Holzkästen darstellen, welche nach 
der ursprünglichen Angabe von Kellogg mit Spiegelplatten ausgekleidet 
sind. Innen sind die Glühlampen montirt und bilden die Licht- und Wärme¬ 
quelle. Grössere ausgedehntere Versuche von Winternitz zeigten, dass es 
gar nicht nothwendig ist, die Kästen mit Spiegelplatten auszulegen, es ge¬ 
nügt vielmehr anderes Material, durch welches das Licht ordentlich reflec- 
tirt und zerstreut wird, wie z. B. Glanzpapier, Celluloid, weisser Lack u. s. w., 
und es wird ja mit der Zeit die Technik in dieser Richtung noch weitere 
Fortschritte machen. Die Temperatur im Kastenraume geht je nach der 
Zahl der Lampen und der Intensität des Stromes natürlich in die Höhe, und 
die im Kasten sitzenden Individuen zeigen eine Reihe von Erscheinungen, 
die sich grösstentheils mit denjenigen decken, welche wir im Heissluftbade 
zu beobachten Gelegenheit haben (Fig. 27 und 28). 

Von einzelnen Seiten wurde angegeben, dass in den elektrischen Glüh¬ 
lichtbädern die Herzaction selbst bei starker Erhitzung des Körpers ganz 
unverändert oder wenig verändert sei, eine Angabe, die nach unseren Er¬ 
fahrungen nicht im ganzen Umfange bestätigt werden kann. Dagegen ist 
die technische Einrichtung der Bäder derart zu beherrschen, dass es leicht 
ist, die Temperatur in gewissen Grenzen zu halten und die Störungen der 
höheren und höchsten Temperaturen zu vermeiden. Die Temperatur, bei 
welcher die ruhige Herzaction in eine stürmischere umzuschlagen pflegt, 
liegt ungefähr bei 50—55° C., und auch die Respiration, die bis zu diesem 
Grade meist wenig verändert wird, zeigt bei höheren Temperaturen die¬ 
selbe Beschleunigung wie bei anderen Schwitzbädern. Feststehend scheint 
nach KELLOGG schen Untersuchungen und nach unseren Beobachtungen, dass 
die Schweisssecretion ßine ausgiebigere, raschere und leichtere ist wie bei 
anderen Schwitzproceduren, und Beobachtungen, dass Personen bei Tempe- 


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den Seltenheiten. Kellogg giebt an. dass der Gaswechsel wesentlich mehr 

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Hydrotherapie. 1 <♦ 1 

raturen von 30° C. schon eine Schweisssecretion zeigten, gehören nicht zu 

Fi«. 27. 








































Hydrotherapie. 


192 

beeinflusst wurde als bei gewöhnlichen Schwitzbädern, und dass die KohJen- 
säureausscheidung und Sauerstoffaufnahme im elektrischen Lichtbade auch 
wesentlich mehr gesteigert würde, fm grossen und ganzen stellen die Glüh¬ 
lichtbäder also eine ausserordentlich gute, verwerthbare, technische Neue¬ 
rung dar und dürften mit der weiteren Vervollkommnung der Technik viel¬ 
leicht unentbehrlich werden. Ob, wie erwähnt, insbesondere bei Bogenlicbt- 
bädern eine directe intensive Beeinflussung des Chemismus bervortreten 
wird, lässt sich nach den bisherigen spärlichen Beobachtungen noch nicht 
feststellen, obwohl sicher ist, dass das Licht die Gewebe sehr stark durch¬ 
dringen kann und auf die organischen Gewebe von einer sehr bedeutenden 
Einwirkung ist 

Den zweiten wesentlichen Fortschritt in der Technik der Hydrotherapie 
bedeutet der von den Prof. Wixtermtz und Gärtner construirte Ombrophor 
(eine transportable Douche), der dazu dient, eine kräftige, allgemeine oder 
locale Regendouche mit gleichmässigem, bis zum letzten Wassertropfen 
gleichen, regulirbaren Drucke, unabhängig von Wasserleitung, appliciren zu 
können. In einem Cylinder wird Wasser eingefüllt und dieses unter den 


Fig. p 





mä&XmBSB^r 


durch ein Reductionsveritil beliebig regulirbaren Druck einer mit flüssiger 
Kohlensäure gefüllten Flasche gebracht Die beigegebene Zeichnung wird 
eine lange Beschreibung dieses transportablen und auch für allgemeinere 
Verwendung billig herzustellenden Apparates verständlich machen (Fig. 29 
und 30). 

Die Kohlensäure liefert nicht bios den Druck, um das Wasser mit der 
nöthigen Kraft aus dem Cylinder in das Doucherohr und den Brausekopf 
zu treiben, sondern auch um das zur Douche zu benützende Wasser mit 
C0 3 zu sättigen. Es bat dies den Nutzen, über die Temperatur des Wassers 
hinweggetauscht zu werden, indem die an der Haut sich festsetzenden CO t - 
Bläschen ein angenehmes Prickeln hervorrufen, die den Kältereiz des Wassers 
nicht zum Bewusstsein kommen lassen. 

Bezüglich der Verbreitung der Hydrotherapie und der hydrotherapeu¬ 
tischen Methodik ist zweifellos ein Fortschritt zu constatireu. Die Verwen¬ 
dung der Hydrotherapie bei Infectionskrankheiten ist eine ganz allgemeine 
und die Hydrotherapie der Nervenkrankheiten wurde zu einem unentbehr¬ 
lichen Instrumentarium der Aerzte« Magen- und Darmkrankheiten werden 
häufiger als früher mit dieser Methode behandelt, und die vielfachen Modi- 
ficationen und genaueste Anpassungsfähigkeit der hydrotherapeutischen 
Methoden machen es möglich, dass bei solchen Krankheiten, wo früher 


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Hydrotherapie. — Hyrgol. 



Bäderbehandlung, überhaupt eine thermische und mechanische Behandlung 
nicht acceptirt war oder gar perhorrescirt wurde, die Hydrotherapie jetzt 
angewendet wird, so z. B. bei schweren Herzkrankheiten, bei Erkrankungen 
der Gefässe und bei Nierenk rankheiten. Die Stoffwechselkrankheiten und 
unter ihnen ganz besonders die Fettleibigkeit sind auch schon vielfach 
Gegenstand der erfolgreichen hydrotherapeutischen Behandlung. Die Grenz¬ 
gebiete der Hydrotherapie erweitern sich und verschlingen sich mit anderen 
therapeutischen Methoden, insbesondere häufig mit der Mechanotherapie, 


Otrtb» Upbüt- tu I>ouüLtfuug. 


und es ist kein Zweifel, dass unter den physikalischen Heilmethoden diese 
beiden Zweige stets iin Vordergründe stehen werden • A. Sl rti&St'' 

Hyoscln, Hyoscyamiu, s. Augenheilmittel, pag. 38. 

Hyrgol, Hydrargyrum colloidale. Gleich dem von Cred£ in die 
Therapie eingeführten coltoidaien Silber soll auch das von Lottermoskr 
zuerst dargestellte colloidale Quecksilber therapeutisch manche Vorzüge 
bieten. Das Hydrargyrum colloidale stellt eine metallisch glänzende, braun¬ 
schwarze, körnige Masse dar, die sich leicht im Wasser auflöst; allerdings 
zeigen nach M. Höhnel diese Lösungen infolge von Abscheidung metallischen 
Quecksilbers einen wechselnden Quecksilbergehalt. Nach 0. Werler und 
A. Schlossmann kann man das Hyrgol sowohl in Lösung, als in Form von 
Salben, Pillen, Tabletten und Pflastern verordnen; sie versuchten es zu¬ 
meist als Salbe für die Inunctionscur bei Syphilis und betonten als Vor- 

Encj'eloi>. Jahrbücher. IX. 







194 


HyrgoL 


züge dieses Präparates seine leichte Resorbirbarkeit und prompte Wirksam¬ 
keit, während Hopf, Wekthkr und Falk hervorhoben, dass dem Präparat? 
Verunreinigungen in wechselnder Menge anhaften, welche eine genaue I)o>i- 
rung unmöglich machen; dessen Lösungen sind nicht haltbar; weder bei 
Einreibungen, noch bei Injection von Hyrgol sahen sie eine energischere 
Wirkung wie bei anderen Quecksilberpräparaten. 

Dosirung. Zur Inunctionscur 3.0 einer 10%igen Salbe als mittlere 
Dosis. Innerlich Pillen, welche 0,01 Hydrargyrum colloidale pro Stück 
enthalten, hievon 3mal täglich 3 -5 Stück. Für subcutane Injiectionen be¬ 
nutzt man eine 1— 2° 0 ige wässerige Lösung. 

Literatur: Lottkrmoskr, 131*« r colloidal«*s Quecksilber. Jnurn. f. prakt. Chem. IS' 1 ». 
LVII, pag. 484. — Wkklkk, Lieber Anwendungsweisen und Wirkungen des löblichen metal.i- 
schen Quecksilbers. Berliner k 1 in. Wochensehr. 1898, pag. 937. — Autih r Schlossmann. 
lieber di«* tlu‘rapeutisehe Verwendung colloidaler M«*talle. Therap. Monatsh. 1899, pag. 278. — 
Hopf, Dmnat. Zcitschr. V, ]*ag. 77o. — Falk , Deutsche med. Wochenselir. 1899, Nr. 4. 
pag. 57; E. Mi rck s Bericht für 1898 und 1899. Loebisi h. 


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Ichthoform. Ein von der Hamburger Ichthyol-Gesellschaft herge¬ 
stelltes Präparat, eine Verbindung von Formaldehyd und Ichthyol, ein 
schwarzbraunes, amorphes, in Wasser unlösliches, nahezu geruch- und ge¬ 
schmackloses Pulver, welches wegen seiner bedeutenden desinficirenden Kraft 
als Darmantisepticum empfohlen wird. Nach den Untersuchungen von S. Rabow 
und B. Galli-Valfjuo verzögert das Ichthoform nicht nur die Entwicklung 
der Mikroorganismen (Bacill. typhös., Staphylococc. pyogen, aur. u. a.), son¬ 
dern vermindert auch diese, mit alleiniger Ausnahme von Aspergillus niger; 
überdies wirkt es stark desodorisirend und übt auf Thiere keine toxische 
Wirkung aus. Beim Menschen innerlich verabreicht, fand es Bourget als 
Darmantisepticum, welches, zu 2—3 Grm. tagsüber genommen, keine schäd¬ 
lichen Nebenwirkungen entfaltet, sehr erfolgreich. Rochaz hält dafür, dass 
es in der äusseren Wundbehandlung das Jodoform zu ersetzen vermag. 

Literatur: S. Rabow und B. Galli-Valebio in Lausanne, Ichthoform. Therap. Monats¬ 
hefte. 1900, pag. 202. Loebisch . 

Ichthyol, Ichthalbin, s. Augenheilmittel, pag. 16, 47. 


Igazol , ein von Cervello gegen Lungentuberkulose empfohlenes 
Präparat, welches aus einer Verbindung von Formaldehyd mit Trioxymethylen 
(also Paraformaldehyd) und einem Jodkörper besteht. Das Präparat wird 
durch Verdampfung der Zimmerluft beigemengt und von dem Patienten ein- 
geathmet. Zur Verdampfung des Igazols dient ein von Cervello angegebener 
Apparat, durch welchen die Temperatur des Tellers, auf dem das Igazol 
verdampft, in der Weise regulirt wird, dass die Menge des verdampfenden 
Mittels dosirt werden kann. Indem der Teller sich über einem mit senk¬ 
rechtem Kühlrohr versehenen Kochkessel, unter dem eine Spirituslampe 
brennt, befindet, lässt sich die Flamme letzterer in der Weise reguliren, 
dass das auf dem Teller befindliche Präparat nicht zu rasch verdampft. 
Die Einathmung des Igazols soll namentlich neben einer sorgfältig durch¬ 
geführten, physikalisch-diätetischen Therapie bei nicht zu weit vorgeschrittener 
Lungentuberkulose wirksam sein. Die Igazoldämpfe tödten die Tuberkel¬ 
bacillen, vermögen aber vorgeschrittene, pathologisch-anatomische Destruc- 
tionen nicht zu ersetzen. 

Dosirung. Bei einem Rauminhalt von 80 Cbm. soll man mit 2 Grm. 
beginnen und allmählich bis 9 Grm. steigen; dabei soll die Einathmungszeit 
bei stärkerer Sättigung der Luft mit Dämpfen nicht über 2—4 Stunden 
dauern. Cervello, der nach zwei Monaten von 26 Kranken 10 geheilt, 
9 fast geheilt, 2 bedeutend gebessert fand, berichtet, dass die Kranken nur 
in den ersten Tagen leichte Reizerscheinungen zeigen, die jedoch von der 


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Igazol- — Infectionsschutz und Immunität. 


Fortführung der Cur nicht abhalten dürfen, dass sie aber dann die Igazol- 
dämpfe stundenlang ohne unangenehme Empfindungen vertragen, ja sogar 
darin schlafen können, während bei Gesunden unter gleichen Verhältnissen 
Reizung der Conjunctiva und der Kehlkopfschleimhaut eintritt. Letzteres 
wäre so zu erklären, dass die Empfindungsfähigkeit einer kranken Schleim¬ 
haut gegenüber dem Formaldehyd herabgesetzt ist. 

Literatur: Ceryello’s Igazol. Therap. Monatsh. 1900, pag. 316. Lophisch 

Indlcanurie, durch Oxalsäure, s. Harn, pag. 252: Indicanbestim- 
mung, pag. 154. 

Infectionsschutz und Immunität. Während der zweiten 
Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts ist in der Krankheitslehre immer be¬ 
deutsamer und immer grösser geworden diejenige Krankheitsgruppe, welche 
den von Virchow in die medicinische Wissenschaft eingefährten Sammelnamen 
»Infectionskrankheiten« fährt. 

Unter denselben sind besonders aufzuzählen: Tetanus, Diphtherie. 
Cholera, Pest, Typhus abdominalis Pyocyaneusinfection, Milzbrand, Rausch¬ 
brand, malignes Oedem, Kokkenkrankheiten (Streptococcus longus und bre- 
vis, Alb. Fraenkel's Diplococcus, Neisser's Diplococcus, Staphylokokken: 
Erysipel, Pyämie, Puerperalfieber, Pneumonien, Endokarditiden, Gelenkent- 
zändungen, Pleuritis, Peritonitis, Endokarditis, Osteomyelitis, Gonorrhoe. 
Ophthalmien, Anginen, Wundinfectionskrankheiten 11 ); Gelbfieber, Rotz, Tuber¬ 
kulose, Lepra, Influenza, Recurrensfieber, exanthematische Krankheiten (Ty¬ 
phus exanthematicus, Masern, Scharlach, Pocken, Syphilis, Maul- und 
Klauenseuche), Hundswuth, Schimmelpilzkrankheiten (Aktinomykose), Pro¬ 
tozoenkrankheiten (Malaria), Entozoenkrankheiten (Trichinosis, Filaria san¬ 
guinis u. s. w.), Schlangengifterkrankungen und Insectenstiche, Fleischver¬ 
giftungen (Botulismus), Pilzvergiftungen und Vergiftungen durch giftige Pro¬ 
teine aus höheren Pflanzen (Rhicin, Abrin u. s. w.). 

Bei der Analyse des Zustandekommens jeder einzelnen Infectionskrank- 
heit sind immer drei Hauptfactoren zu beräcksichtigen: 

1. Der inficirte Organismus, 

2. das inficirende Agens, 

3. die zufälligen Lebensbedingungen, unter welchen eich der inficirte 
Organismus befindet. 

Dementsprechend sind zu unterscheiden unter den Infectionsbedingungen 
die endogene, die exogene und die accidentelle Infectionsbe- 
dingung. 

Die endogene Infectionsbedingung ist in der klinischen Krankheitslehre 
als individuelle Disposition oder als fehlende oder vorhandene Empfänglich¬ 
keit von jeher zum Gegenstand ätiologischer Erörterungen gemacht worden. 
Ausserdem wurde von den älteren medicinischen Autoren als exogene und 
accidentelle Infectionsbedingung ein »Genius epidemicus« fär auffallende 
epidemiologische Tbatsachen zur Erklärung herangezogen. In dem Begriff 
»Genius epidemicus« ist implicite sowohl die durch die Infectionsstoffe reprä- 
sentirte exogene Infectionsbedingung enthalten, als auch die accidentelle 
Infectionsbedingung, welche einigermassen dem entspricht, was Pettenkofer, 
im Gegensatz zur individuellen Disposition, örtliche und zeitliche Disposition 
genannt hat. 

Bei der Analyse der Aetiologie von Infectionskrankheiten kamen in 
früherer Zeit die Infectionsstoffe zu kurz. In der Krankheitslehre Virchow' s 
dominirte beispielsweise die von Morgagni herrührende Neigung, alles ab¬ 
hängig zu machen vom Sitz der krankhaften Affectionen und von den ana¬ 
tomisch nachweisbaren Krankheitsproducten derselben; die Kliniker waren 
gleichfalls bis zum Bekanntwerden der bahnbrechenden Arbeiten Kochs in 


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Infectionsschutz und Immunität. 


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dieses Fahrwasser gerathen. Gegenüber der rein symptomatischen Krank¬ 
heitsbetrachtung, welche die Infectionskrankheiten mit den hitzigen Fie¬ 
bern in einen Topf warf, bedeutete die anatomische und cellulare Krank¬ 
heitslehre Virchow s einen sehr grossen Fortschritt. Mit der accidentellen 
Infectionsbedingung, insoweit sie durch die PETTENKOFER sche zeitliche und 
örtliche Disposition repräsentirt wurde, operirten die Kliniker zwar ziemlich 
viel, namentlich beim Herannahen und beim Entstehen grösserer Epidemien; 
einen klaren und durchsichtigen Inhalt haben aber diese PETTENKOFER'schen 
Begriffe im klinischen Gebrauch kaum bekommen, und der Genius epide- 
micus blieb noch mehr ein recht vager Begriff. Da war es eine rettende 
That, als Koch die exogene Infectionsbedingung für viele Krankheiten in 
Gestalt von Bakterien greifbar demonstrirte, und diejenigen medicinischen 
Forscher, welche mit Verständniss den KocHschen Entdeckungen zu folgen 
wussten, haben aus denselben in begreiflichem Enthusiasmus und mit ebenso 
begreiflicher Einseitigkeit die Consequenzen für die Aetiologie der Infections¬ 
krankheiten auch in der ärztlichen Praxis gezogen ; das gilt z. B. von der 
CoKNETschen Darstellung der Tuberkulose-Aetiologie. Ueber dem Infectionsstoff 
wurde jetzt die individuelle und ererbte Disposition vernachlässigt, und die 
örtliche und zeitliche Disposition wurde mehr summarisch behandelt. Erst die 
sorgfältige experimentelle Analyse der Aetiologie von einzelnen Infections¬ 
krankheiten im Laufe des letzten Jahrzehnts zwang wieder zu einer ein¬ 
gehenderen Berücksichtigung der endogenen und accidentellen Infections- 
bedingungen. Krankheiten von der Art der croupösen Pneumonie, der 
Streptokokken- und Staphylokokkeninfectionen, der Cholera, des Typhus 
u. s. w. konnten in ihrer Entstehung und in ihrem Verlaufe nicht richtig 
verstanden werden, wenn man von der Voraussetzung ausging, dass überall 
da, wo in den menschlichen Organismus der lebende Krankheitserreger ein¬ 
dringt, auch die in Frage stehende Infectionskrankheit zustande kommen 
müsste. So sind denn gegenwärtig die Beschaffenheit des infectionsbedrohten 
und inficirten lebenden Organismus und die zeitweilige Beschaffenheit der 
äusseren Lebensbedingungen wieder mehr zur Geltung gelangt. 

Das von aussen stammende ursächliche Krankheitsmoment stellt eben 
nur einen Theil, allerdings einen absolut nothwendigen Theil, der für das 
Zustandekommen einer Infectionskrankheit zu berücksichtigenden Erfordernisse 
dar. Den anderen Theil der Krankheitsätiologie finden wir gegeben in den 
inneren und äusseren Lebensverhältnissen des Substrats für die Infection, 
welches repräsentirt wird durch den animalischen Organismus mit den ererbten 
und erworbenen Eigenschaften seiner organisirten und nicht organisirten Be- 
standtheile und mit den temporären Besonderheiten, wobei Alter, Ernährungs¬ 
zustand, Aufenthaltsort, vorausgegangene oder noch bestehende krankhafte 
Alterationen und viele andere Zufälligkeiten von grosser Bedeutung sind. 
Dazu kommt dann noch als ganz besonders wichtiges Moment die Lage und 
Beschaffenheit der den Infectionsstoffen eröffneten Eingangspforten, durch 
welche sie zu den Prädilectionsstellen für ihren Angriff hingelangen. 

Wir können den Infectionsstoff, als exogene specifische Infections¬ 
bedingung, der endogenen Infectionsbedingung gegenüberstellen, welche 
letztere abhängig ist von der Beschaffenheit des inficirten Organismus. 

Was die accidentelle Infectionsbedingung angeht, so spielen bei der¬ 
selben sowohl solche Zufälligkeiten eine Rolle, welche den infectionsbedrohten 
und inficirten Organismus angehen, als auch solche, welche von der Aussen- 
welt abhängig sind. Beide Arten der accidentellen Infectionsbedingung können 
a priori entweder einen prädisponirenden oder einen schützenden (immu¬ 
nitätverleihenden) Einfluss ausüben. 

Am besten kann man sich vielleicht das Zusammenwirkan der drei 
Hauptfactoren (endogene, exogene und accidentelle Infectionsbedingung) bei 


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Infectioiisschutz und Immunität. 


der Analyse des Zustandekommens einer bestimmten Infectionskrankheit 
klar machen. Ich will als Beispiel den Tetanus wählen. 

Obenan steht uns gegenwärtig die Erkenntniss, dass ein specifischer 
Infectionsstoff, nämlich das lebende Tetanusvirus und das Tetanusgift. eine 
unerlässliche Vorbedingung der Tetanusentstehung ist. Ausser dieser exo¬ 
genen specifischen Infectionsbedingung muss die in der besonderen ererbten 
Organisation gegebene endogene Infectionsbedingung vorhanden sein, wenn 
Tetanus entstehen soll. Ist dieselbe bei einem Individuum vorhanden, so 
nennen wir dasselbe empfänglich oder disponirt. Fehlt sie, so hat das Indi¬ 
viduum eine ererbte oder natürliche Immunität. Schliesslich muss aber auch 
ein prädisponirendes Trauma hinzukommen. Möglicherweise spielen im Einzel¬ 
falle auch Erkältungen, Ueberanstrengungen und andere accidentelle Zustands¬ 
änderungen eine begünstigende Rolle für die Tetanusentstehung. Das haupt¬ 
sächlichste prädisponirende Moment ist aber zweifellos gegeben in der Be¬ 
schaffenheit der durch eine Verwundung geschaffenen Eingangspforte lür den 
Tetanusinfectionsstoff, insbesondere dann, wenn derselbe repräsentirt wird durch 
das lebende Tetanusvirus. Im Laboratoriumsexperiment ist für eine zum Tetanus 
führende Infection die Einbringung des Virus in eine einfache glatte Wunde 
nicht genügend. Wir müssen vielmehr entweder vorher die Gewebe zer¬ 
trümmern oder das Virus zusammen mit einem Fremdkörper, der die schnelle 
Verheilung der künstlich geschaffenen Gewebsläsion verhindert, incorporiren, 
oder aber durch toxische und parasitäre Agentien localisirte Entzündungs¬ 
herde schaffen, in welchen die Tetanusbakterien wie in einem geschlossenen 
Culturapparat sich vermehren und ihr Gift produciren können. So ist auch 
beim Menschen und bei Pferden nicht jede mit Tetanusvirus inficirte Wunde 
geeignet, der Ausgangspunkt für die tetanische Erkrankung zu werden. 
Glatte und offene Gewebsläsionen disponiren nur wenig zur krankheit¬ 
erzeugenden Wirkung des lebenden Infectionsstoffes, während enge Wund¬ 
canäle mit Gewebszertrümmerung in der Tiefe, mit consecutiver Secretverhal- 
tung und mit eingedrungenen Fremdkörpern erfahrungsgemäss eine besonders 
günstige Vorbedingung für den Tetanus abgeben. Das hängt vornehmlich 
zusammen mit der Thatsache, dass die Tetanusbacillen anaerob lebende 
Mikroorganismen sind, die nur da günstige Entwicklungsbedingungen vor¬ 
finden, wo sie dem Luftsauerstoff und Blutsauerstoff entzogen sind. Gewebs- 
zertrümmerungen, insbesondere Muskelzerreissungen, prädisponiren nament¬ 
lich auch noch deswegen für den Tetanus, weil die danach eintretenden 
chemischen Zersetzungen und Nekrotisirungen zur Bildung von todten 
Räumen die Veranlassung werden, in welchen wie auf künstlichen Nähr¬ 
böden die Tetanusbacillen sich vermehren und als Giftproducenten be¬ 
tätigen können. 

Nach alledem wird es nicht überraschen, wenn die Anamnese der ein¬ 
zelnen Tetanusfälle als Entstehungsursache so oft Traumata besonderer Art, 
z. B. Maschinen Verletzungen , Schussverletzungen, tief eingedrungene Holz¬ 
splitter, Glassplitter, Nägel u. s. w. aufweist. 

Wenn auf diese Weise die deutsche Bezeichnung »Wundstarrkrampf« 
auch nach unseren jetzigen Anschauungen mit Recht an Stelle des Fremd¬ 
wortes »Tetanus« gesetzt werden kann, so spielt doch in unserer ätiologi¬ 
schen Auffassung die Wunde und die Verletzung eine ganz andere Rolle 
als in dem ätiologischen Denken älterer Autoren. Virchow beispielsweise 
dachte sich die Sache so, dass durch den Fremdkörper ein Nerv excessiv 
gereizt werde, und dass dadurch der tetanische Zustand ausgelöst werde. 
In seinem Archiv (Bd. II, pag. 28) sagt er darüber: »Wenn z. B. jemand sich 
einen Glassplitter in den Fuss tritt und Tetanus bekommt, so wird der 
letztere durch die Entfernung des Splitters und die Herstellung einer ein¬ 
fachen Wunde geheilt werden können, solange noch nicht durch die 


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Infectionsschutz und Immunität. 


191) 

ungeheuere Steigerung der Nervenströmungen eine Veränderung 
am Nervenapparat gesetzt ist.« Demgegenüber fassen wir jetzt die 
besondere Art der Verletzung durch einen Fremdkörper nicht an sich als 
tetanuserregend auf, sondern nur als prädisponirend für die Ansiedelung der 
Tetanusbacillen, und wir werden deswegen naturgemäss ausser der beson¬ 
deren Art der Verletzung auch noch die Gegenwart des specifischen Infec- 
tionsstoffes verlangen müssen, wenn der Tetanus entstehen soll. Da wir 
nun wissen, dass im Erdboden der Infectionsstoff sehr verbreitet ist, so 
werden wir nicht verwundert sein, wenn Nägel, Holzsplitter, Glassplitter, 
Kleiderfetzen, unreine Instrumente u. s. w. dann vorzugsweise tetanuserzeu¬ 
gend wirken, falls ihnen Erde anhaftet, oder wenn bei schon bestehenden 
Läsionen das verletzte Individuum mit dem Erdboden in anhaltende Be¬ 
rührung kommt. Ich bringe mit den accidentellen Infectionsbedingungen die 
auffallende Thatsache in Zusammenhang, dass Mäuse, Meerschweine und 
andere Thierarten, welche in Bezug auf die endogene und die exogene Infec- 
tionsbedingung (ererbte Disposition und Vorhandensein des Infectionsstoffes 
in der Umgebung) nachgewiesenermassen sich ähnlich verhalten wie Menschen 
und Pferde, trotzdem kaum jemals spontan an Tetanus erkranken. Unter 
sonst gleichen Bedingungen werden nämlich solche Individuen eher Tetanus 
bekommen können, welche den prädisponirenden Verletzungen mehr ausge¬ 
setzt sind. 

Die eben erwähnte auffallende Thatsache, dass Mäuse, Meerschweine 
und andere im Experiment mit Leichtigkeit tetanisch zu machende Thierarten 
vom epidemiologischen Gesichtspunkt aus geradezu als immun zu betrachten 
sind, findet ihr Analogon noch bei vielen anderen Infectionskrankheiten. 

Es giebt kaum Thierarten, die so leicht im Experiment mit Milzbrand¬ 
bacillen krank gemacht werden können, wie Mäuse und Meerschweine. Diese 
beiden Thierarten besitzen so wenig Widerstandskräfte gegenüber der Milz- 
brandinfection, dass ein einziger virulenter Milzbrandbacillus zur Herbei¬ 
führung einer tödlich verlaufenden Infection genügen kann, und doch gehört 
das spontane Auftreten des Milzbrands bei Mäusen und Meerschweinen so 
sehr zu den Ausnahmen, dass ich selbst es noch nie beobachtet habe, trotz¬ 
dem ich viele Tausende von diesen Thieren eng zusammengepfercht mit 
milzbrandkranken und milzbrandverendeten Individuen im Laufe der Jahre 
beobachtet habe. Gesunde Mäuse fressen die Cadaver milzbrandverendeter 
Mäuse an, ohne zu erkranken. Im Gegensatz dazu würden unter gleichen 
Lebensbedingungen Rinder und Schafe zweifellos zu einem grossen Procent¬ 
satz milzbrandkrank werden, obwohl sie im Experiment viel schwerer zu infi- 
ciren sind. Wenn wir nach der Ursache dieser paradoxen Thatsache fragen, 
so bleibt kaum etwas anderes übrig, als die Annahme eines grösseren In- 
fectionsschutzes der Mäuse und Meerschweine infolge einer geringeren 
Vulnerabilität der äusseren und inneren Körperbedeckungsschichten, was 
zuletzt wieder auf eine Differenz in den prädisponirenden Läsionen und 
damit auf eine Differenz in den accidentellen Infectionsbedingungen hinaus¬ 
kommt. 

Aehnlich wird es sich verhalten in Bezug auf die Infectionen durch den 
LöFFLERSchen Diphtheriebacillus. Wir können im Experiment Pferde, 
Schafe, Rinder, Kaninchen, Meerschweinchen, Tauben u. s. w. sicher und leicht 
diphtheriekrank machen, und wir müssen annehmen, dass unsere Hausthiere 
dem Diphtherieinfectionsstoff nicht weniger ausgesetzt sind als Menschen, 
so dass die endogene und die exogene Infectionsbedingung auch für diese 
als vorhanden betrachtet werden müssen. Wenn trotzdem die Diphtherie 
eine im wesentlichen auf den Menschen beschränkt bleibende Infectionskrank- 
heit ist, so werden wir auch hier die accidentellen Läsionen als den Haupt¬ 
grund für die epidemiologische Immunität der Hausthiere vermuthen dürfen. 



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Infectionsschutz und Immunität. 


Bei den meisten Infectionskrankheiten beobachten wir ferner grosse 
Unterschiede, auch bei Individuen derselben Art, je nach dem Lebensalter, 
dem Ernährungszustände u. s. w.; ferner bei Constitutionsanomalien, nach 
voraufgegangenen Erkältungen, Anstrengungen körperlicher und psychischer 
Art, nach Excessen in baccho et venere u. 8. w. 

Der FrAnkel’ sehe Diplococcus beispielsweise findet sich bei sehr 
vielen Menschen in virulentem Zustande auf der Oberfläche der Schleimhaut 
in den oberen Athmungswegen. Er scheint aber einer Alteration der Epithel¬ 
schicht und der Blutgefässe des Respirationsapparates zu bedürfen, wenn 
er als Erreger einer croupösen Pneumonie functioniren soll, und wenn nun 
die Pneumonie zu allen Zeiten als eine Erkältungskrankheit angesehen worden 
ist, so mag insofern darin etwas sehr Wahres gefunden werden, als der 
durch jähen Temperaturwechsel, heftige Luftströmungen und Durchnässung 
veränderte Zustand der Capillargefässe eine Prädisposition für den Angriff 
der Pneumokokken schafft. 

Ich erinnere auch noch daran, dass für die verderbliche Thätigkeit 
der Typhusbacillen und Choleravibrionen accidentelle Infections- 
bedingungen von Wichtigkeit sind. Auch hier ist ein Zusammenhang mit 
Erkältungen sehr leicht zu construiren. Ein prädisponirender Zustand der 
Intestinalschleimhaut wird beim Typhus und bei der Cholera, besonders 
aber auch durch eine unzuträgliche Beschaffenheit der Ingesta bedingt 
werden können. 

Man kann aus alledem entnehmen, dass die Analyse des Zustande¬ 
kommens der spontan entstehenden Infectionskrankheiten durch die Benutzung 
von Schlagworten, wie Immunität, Disposition, Genius epidemicus, 
geschwächter und widerstandsfähiger Organismus u. s. w. nicht 
gefördert wird. Alle diese Schlagworte sind nur Umschreibungen für die 
beobachteten epidemiologischen Thatsachen: wenn wir aber den epidemio¬ 
logischen Thatsachen betreffend das Verschontbleiben und Ergriffen werden von 
einer Seuche zum Zwecke eines intimeren Verständnisses näher treten, dann 
versagen sie. Eine Maus und ein Meerschweinchen können wir beispiels¬ 
weise nach Belieben entweder milzbrand- und tetanusimmun oder milzbrand- 
und tetanusempfänglich nennen, je nachdem wir die auf statistischem Wege 
zu eruirenden epidemiologischen Thatsachen oder die auf experimentellem 
Wege zu eruirenden Laboratoriumsthatsachen für unser Urtheil entscheidend 
sein lassen. Und den Menschen können wir gleichfalls nach Belieben für 
immun gegenüber den FRÄNKEi/schen Pneumoniekokken oder für empfäng¬ 
lich erklären, je nachdem wir ausgehen von dem Normalzustände des mensch¬ 
lichen Individuums oder von einem krankhaft veränderten Zustande, welcher 
die accidentelle Infectionsbedingung für die Pneumokokken günstiger und 
für den Menschen ungünstiger gestaltet. 

Auf die entscheidende Rolle, welche die accidentellen Infectionsbedin- 
gungen für die sensu strictiori sogenannten Wundinfectionskrankheiten 
spielen, brauche ich an dieser Stelle blos hinzudeuten. 

Besonders betonen aber muss ich noch den Fall, wo die krankmachende 
Wirkung der Infectionsstoffe, bei ererbter Disposition eines Individuums zur 
Erkrankung, verhütet und beseitigt wird durch willkürliche Massnahmen. 
Alle unsere Immunisirungsmethoden, welche zu diesem Ziel führen, thun im 
letzten Grunde nichts anderes, als dass sie einen accidentellen Infections¬ 
schutz willkürlich herstellen. 

Der Ausdruck Infectionsschutz deckt sich begrifflich nicht vollständig 
mit dem, was unter Immunität verstanden wird. 

Wir nennen ein Individuum gegenwärtig zwar im allgemeinen dann 
immun, wenn es gegenüber der krankmachenden Wirkung solcher Dosen von 
einem Infectionsstoff geschützt ist, welche für andere Individuen bei gleicher 


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Infectionsschutz und Immunität. 


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Applic&tionsweise verderblich sind, und in diesem Sinne bedeutet der Aus¬ 
druck Infectionsschutz annähernd dasselbe wie der Ausdruck Immunität. 
Aber schon die oben citirten Beispiele des Verhaltens von Mäusen und Meer¬ 
schweinchen gegenüber dem Milzbrand und dem Tetanus deuten darauf hin, 
dass im Einzelfalle der Sprachgebrauch den einen Ausdruck gestattet, wo 
der andere nicht zulässig ist. Mäuse und Meerschweinchen besitzen zwar 
gegenüber dem Milzbrand und dem Tetanus einen Infectionsschutz, und unter 
der Voraussetzung, dass sie den prädisponirenden accidentellen Läsionen 
weniger ausgesetzt sind als solche Thierarten, welche spontan an Milzbrand 
und Tetanus erkranken, dürfen wir diesen Infectionsschutz mit Recht als 
einen accidentellen Infectionsschutz ansprechen; das Sprachgefühl sträubt sich 
aber dagegen, Mäuse und Meerschweinchen als milzbrand- und tetanusimmun 
zu bezeichnen. In der übergrossen Mehrzahl der Fälle werden sich aber beide 
Ausdrücke promiscue anwenden lassen, ohne dass damit eine Begriffsver¬ 
wirrung angerichtet wird. Nur in dem Falle, dass ein epidemiologisch fest¬ 
gestellter Infectionsschutz einhergeht mit ausgesprochener Infectionsempfäng- 
lichkeit im Laboratoriumsexperiment, werden wir zwischen Infectionsschutz 
und Immunität scharf unterscheiden müssen. 

Bei der Eintheilung der verschiedenen Arten der Immunität, welche 
wir im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts unterscheiden gelernt haben, 
stelle ich gegenwärtig als Eintheilungsprincip obenan den Mechanismus ihres 
Z ustandekommens. 

Darnach kann im concreten Fall die Immunität gegenüber einer In- 
fectionskrankheit bedingt sein durch einen besonderen Zustand oder eine 
besondere Thätigkeit vitaler Körperelemente, also der Zellen, Organe und 
Gewebe; oder durch einen besonderen Zustand der Körpersäfte; und wir 
kommen so zur Unterscheidung einer cellularen und einer humoralen Im¬ 
munität. 

Die cellulare Immunität, insoferne als sie auf einer Unempfindlichkeit 
der belebten Körperelemente gegenüber den Infectionsgiften oder unbelebten 
Infectionsstoffen beruht, ist auf einen passiven Zustand zurückzuführen; ich 
habe sie als histogene Giftimmunität in meinen früheren Publicationen auf¬ 
geführt. Demgegenüber können wir uns auch eine active cellulare Immunität 
vorstellen, und innerhalb derselben wiederum verschiedene Unterarten. 

Die im Sinne Metschnikoff's durch die intracelluläre Verdauung von 
infectiösen Parasiten bedingte Immunität wird als phagocytäre Immunität 
zu bezeichnen sein; wenn dagegen der Infectionsschutz so zustande kommt, 
wie Ehrlich ihn sich für die Diphtherie vorsteilt, nämlich durch Abstossung 
antitoxisch wirksamer Körper aus den diphtheriegiftempfindlichen Zellen, so 
haben wir es mit einer secretorischen cellulären Immunität zu thun. Die 
Zellen können aber nicht blos antitoxische, sondern auch antibakterielle Pro- 
ducte liefern und durch dieselben den Infectionsschutz vermitteln. Je nach 
der besonderen Wirkungsweise der antibakteriellen Zellproducte haben wir 
auf Grund unserer gegenwärtigen Kenntnisse bakterientödtende, entwick¬ 
lungshemmende, agglutinirende, virulenzabschwächende Stoffe zu unterschei¬ 
den. Die Forschungen der letzten Jahre haben als besonders bedeutsame 
Entdeckung die bakteriolytisch wirksamen Antikörper R. Pfeiffer s aufzu¬ 
weisen, welche höchst wahrscheinlich ihren Ursprung einer Zellthätigkeit 
verdanken, und daher an dieser Stelle zu nennen sind. Im Gegensatz zu 
denjenigen bakterientödtenden Antikörpern, welche bakteriolytisch (plasmo¬ 
lytisch, chromatolytisch, stromatolytisch) wirksam sind, kennen wir andere 
Antikörper, die den Tod von Bakterien mit Erhaltung ihrer Form herbei¬ 
führen, und die wir als nekrotisirend wirksam bezeichnen können. Zu diesen 
sind vielleicht zu rechnen die von Emmerich entdeckten Antikörper, welche 
Schweinerothlaufbacillen abzutödten imstande sind. 


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Infectionsschutz und Immunität. 


Ob die von Büchner unter dem Namen »Alexine« beschriebenen Anti¬ 
körper — falls sie überhaupt an dieser Stelle unter den immunitätverleihen¬ 
den antibakteriellen Stoffen zu nennen sind — als Zellproducte aufzufassen 
sind, ist mit Sicherheit nicht zu sagen. Sollte die weitere Forschung ihre 
Bedeutung für das Zustandekommen eines Infectionsschutzes einwandsfrei 
beweisen, so wäre der richtigere Platz für eine solche Alexinimmunität 
auch dann bei der humoral bedingten Immunität zu suchen, wenn diese Art 
von antibakteriellen Körpern auf die Tbätigkeit der Zellen zurückgeführt 
werden könnte. Denn wir finden sie bei der Untersuchung gelöst in der Blut¬ 
flüssigkeit vor. Mit einigem Recht wird man die relative Milzbrandimmunität 
der Ratten im Sinne der Büchner sehen Alexinimmunität deuten dürfen. Die 
Milzbrandbacillen gehen im Rattenserum in vitro zugrunde, und wenn die 
Impfung von Ratten mit Milzbrandvirus für dieselben nicht verderblich wird, 
so liegt die Erklärung zum mindesten sehr nahe, dass auch innerhalb des 
lebenden Rattenkörpers die Blutflüssigkeit vermöge ihrer milzbrandfeindlichen 
Eigenschaft den Infectionsschutz vermittelt. Ein solches Zustandekommen 
der Immunität ohne Intervention cellulärer Thätigkeit muss aber zweifellos 
die Immunität zu einer humoralen stempeln. 

Humoral zu interpretiren ist auch die Milzbrandimmunität von Fröschen, 
welche in einem Medium mit niedrig gehaltener Aussentemperatur gehalten 
werden, und ebenso die Tuberkuloseimmunität von Fröschen mit niedrig 
bleibender Körpertemperatur. Die Aufnahme der Milzbrandbacillen und 
Tuberkelbacillen in Phagocyten hat nicht die Abtödtung dieser Bakterien 
zur Folge, und kann daher als Ursache des Infectionsschutzes nicht 
betrachtet werden, vielmehr muss der antibakteriellen Eigenschaft der 
Blutflüssigkeit und der übrigen Körpersäfte von Fröschen mit niedriger 
Körpertemperatur der wesentlichste Antheil an dem Infectionsschutz zu¬ 
geschrieben werden 

Eine humorale Immunitätsstheorie war auch die Interpretation Pasteur s 
betreffend die Milzbrandimmunität von willkürlich immun gemachten Schafen, 
wenn dieser Forscher annahm, dass die Blutilüssigkeit und die Gewebssäfte 
zu einem an Nährstoffen für die Milzbrandbacillen erschöpften Medium ge¬ 
worden seien. Wir wissen letzt freilich, dass diese Pasteur sehe Erschöpfungs¬ 
theorie nicht haltbar ist, und ich selbst neige dazu, die Milzbrandimmunität 
immunisirter Schafe im Sinne Metschxikoff's als phagocytäre und damit als 
celluläre Immunität aufzufassen. 

Humoral sind aber vor allem diejenigen Arten der Immunität, welche 
durch Incorporation von fertigen antitoxischen und anti bakteriellen Anti¬ 
körpern willkürlich hergestellt werden, also die serumtherapeutisch her¬ 
gestellte Diphtherie-, Tetanus-, Cholera-, Typhusimmunität u. s. w. Bei den 
isopathisch erzeugten Immunitätsarterii für die genannten Krankheiten 
haben wir es mit verschiedenen Phasen zu thun. In der secretorischen Phase, 
während welcher vitale Körperelemente auf die Zufuhr von Infectionsstoffen 
mit der Production von antitoxischen, beziehungsweise von antibakteriellen 
Antikörpern reagiren, steht die cellulare Thätigkeit im Vordergründe; in 
der postsecretorischen Phase aber sind die Antikörper in den Körperflüssig¬ 
keiten gelöst, und wenn wir dann bei erneuter Zufuhr von Infectionsstoffen 
einen immunen Zustand constatiren, dann ist die Immunität genau ebenso 
aufzufassen, wie wenn wir serumtherapeutisch die Immunität hergestellt 
haben. Im ersteren Fall, während der secretorischen Phase ist die Immunität 
eine cellulare oder, wie Ehrlich sich ausdrückt, eine active; im letzteren 
Falle eine humorale oder passive. 


Auf Grund der voraufgegangenen Erörterungen kann folgendes Schema 
für die verschiedenen Arten der Immunität aufgestellt werden: 


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Infectionsschutz und Immunität. 


1>U3 


Eintheilung der verschiedenen Immunitätsarten. 


I. Cellular 

I. 1. Passive cellulare (histogene) 
Immunität. 

A. Beruhend auf Unempfindlichkeit orgaüi- 
sirter lebender Körperbestandtheile gegen¬ 
über einem Infectionsgift. 

B. Beruhend auf einer von der anatomischen 
Beschaffenheit der äusseren und inneren 
Bedeekungsschichten abhängigen Undurch¬ 
gängigkeit derselben für Infeetionsstoffe 
bei vorhandener Giftempfindlichkeit. 


Immunität. 

I. 2. Active cellulare Immunität. 

A. Phagocytär. 

a) Ererbt: 

b) isotherapeutisch oder serumtherapeutiseh 
erworben. 

B. Sec re torisch und zwar bedingt durch: 

a) Antitoxische Secretionen (i m m e r s p e c i- 
fisch); 

b) specifisch antibakterielle Secretionen: 

ol) baktericid (nekrotisirend und bakterio- 
lytisch): 

')) entwicklungshemmend; 

Y) agglutinirend; 
o) virulenzabschwächend; 

c) nicht specifisch antibakterielle Secretionen. 


II. Humorale Immunität. 


II. 1. Antibakterielle humorale Immunität. 

Beruhend auf: 

A. Ungeeignetheit der Korperfliissigkeiten als Nährboden für die Krankheitserreger. 

B einer bakterienfeindlichen Eigenschaft nicht specifischer Art im Sinne Büchners: 

Büchhek’s A1 e x i n i m m u n i t ii t. 

C. einem Gehalt der Körperflüssigkeiten an specifisch antibakteriellen, isopathisch entstandenen 

Antikörpern, und zwar an: 

a) baktericiden Antikörpern; 

ol) Bakteriolysine; 

nekrotisirende Antikörper: 

b) entwicklungshemmenden Antikörpern; 

c> agglutinirenden Antikörpern; 

dj virulenzabschwächenden Antikörpern. 

II. 2. Antitoxische humorale Immunität. 

Die passive cellulare (histogene) Immunität ist immer ererbt; sie bildet 
einen Bestandtheil der sogenannten natürlichen Immunität; zur natürlichen 
Immunität würden auch die BrCHXKii'sche Alexinimmunität und diejenige 
phagocytäre Immunität Mktschnikoffs zu rechnen sein, welche ohne iso- 
therapeutische und serumtherapeutische Eingriffe zur Beobachtung gelangt. 
Auch die nicht specifisch antibakteriellen Secretionen beispielsweise der 
drüsigen Organe, insoweit sie immunitätbedingend sind, gehören dahin. 

Dagegen gehören der erworbenen Immunität an alle Arten der Im¬ 
munität, welche nach dem Ueberstehen einer Infection durch eine specifische 
cellulare Thätigkeit oder durch specifische Antikörper Zustandekommen, und 
diejenigen Immunitätsarten, welche wir durch eine antibakterielle oder eine 
antitoxische Serumtherapie hervorrufen können. 

Es scheint eine feststehende Thatsache zu sein, dass die durch fertige 
Antikörper bedingte humorale Immunität nicht vererbbar ist. Nur insoweit, 
als von einer humoral-immunen Mutter die Antikörper in den Kreislauf des 
Fötus übergehen, können die Descendenten temporär durch Antikörper 
immun werden. Ob die erworbene cellulare Immunität vererbbar im eigent¬ 
lichen Sinne des Wortes ist, darüber liegen noch keine Erfahrungen vor. 

E. IUhrih'j. 

Inflltrationsanästliesie. Wie schon in Bd. VIII der Encyelo- 
pädischen Jahrbücher in dem Artikel Localanästhesie mitgetheilt wurde, 
verwendet Heinze *) statt der von Schleich 2 ) eingeführten Cocainlösungen 
zur Erzeugung von Infiltrationsanästhesie eine l%ige Eucain B-Lösung in 
0,8%iger Kochsalzlösung. Inzwischen ist noch ein weiteres locales Anüsthe- 


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204 


Infectionsschutz und Immunität. — Infiltrationsanästhesie. 


ticum zur Infiltrationsanästhesie empfohlen worden: das Nirvanin. Dieses, 
der salzsaure Diäthylglykokoll-p-Amidooxybenzoesäuremethylester, steht che¬ 
misch dem schon seit ein paar Jahren als Localanästheticum eingeführten 
Orthoform, dem Amidooxybenzoesäuremethylester, sehr nahe. Letzteres 
konnte ja wegen seiner Unlöslichkeit keine Verwendung zur subcutanen 
oder intracutanen Injection finden. Man suchte nun die Vorzüge des Ortho- 
forms in der Weise bei der Infiltrationsanästhesie praktisch zu verwerthen, 
dass man nach dem Vorschläge von Dreyfuss 3 ) nach Beendigung der unter 
S< hleich scher Anästhesie ausgeführten Operation die gesammten Wund¬ 
flächen mit einem Pulver von Orthoform und Borsäure aa. bestreute und 
so die durch die Operation blossgelegten und verletzten Nervenendigungen 
auch noch für eine Zeit nach Aufhören der Infiltrationsanästhesie unem¬ 
pfindlich machte. Auf diese Weise kann der oft sehr unangenehme Nach¬ 
schmerz ganz beseitigt werden, und dieses Verfahren findet daher auch 
ziemlich viel Anwendung. 

Das Orthoform bildet mit Salzsäure ein gut krystallisirendes Salz, das 
sich auch in Wasser leicht löst und ebenso gut, wie die freie Orthoform- 
base anästhesirt. Indessen ist es zur therapeutischen Anwendung nicht ge¬ 
eignet, da es stark sauer reagirt und heftige Reizerscheinungen verursacht. 
Die Erfinder des Orthoforms, Einhorn und Heinz 4 ), bemühten sich daher, 
stärkere basische Verbindungen des Orthoforms herzustellen, welche mit 
Mineralsäuren nicht mehr saure, sondern neutral reagirende Salze bildeten. 
Das Gesuchte fanden sie in den Diäthylglykokollverbindungen der aromati¬ 
schen Amido- und Oxyamidoester. Die Salze dieser stark basischen Sub¬ 
stanzen reagirten wirklich neutral und vermochten dabei auch mehr oder 
weniger intensiv und andauernd zu anästhesiren. 

Als die geeignetste Verbindung aus dieser Gruppe erschien das Nir¬ 
vanin. Es stellt schöne, weisse Prismen dar, schmilzt bei 185° und giebt 
mit Eisenchlorid eine violette Farbenreaction. In Wasser ist das Präparat 
sehr leicht löslich. Die Lösungen reagiren neutral. Man kann es daher so¬ 
wohl zur Ausführung der Schleich's chen Infiltrationsanästhesie, wie der 
OßERST-BRAUNschen regionären Anästhesie verwenden. Zur ersteren 
Form der localen Anästhesie benützt man schwächere Lösungen: bei nicht 
entzündeter Musculatur Vio%ig®> sonst im allgemeinen l / 6 — 1 / 4 %ige, bei 
entzündlich verändertem Gewebe zweckmässig *4—VsVoige Lösungen. Die 
Dauer der Analgesie nimmt mit der Concentration zu. Auf diese Weise sind, 
namentlich von Luxenbcrger *), schon zahlreiche Operationen unter localer 
Anästhesie ausgeführt worden. 

Um regionäre Anästhesie mittels Nirvanin zu erzeugen, empfiehlt 
es sich, eine 2° 0 ige Lösung zu verwenden. Die Dauer der Analgesie richtet 
sich hierbei nach der Abnahme der Umschnürung: bleibt letztere bestehen, 
so hält die Analgesie in der Regel 3 / 4 —1 Stunde an. Im Mittel braucht 
man zur Anästhesirung eines Fingers oder einer Zehe 4 Ccm. der 2%igen 
Lösung, d. h. 0,08 Grm. Nirvanin. Die maximale Wirkung ist nach durch¬ 
schnittlich 9 Minuten — wie mit der sonst üblichen l%igen Cocainlösung 
— erzielt. 

Das Nirvanin besitzt aber noch einige Eigenschaften, die es den an¬ 
deren derartigen Mitteln, namentlich auch dem Cocain, bei weitem überlegen 
erscheinen lassen. 

Schon dem Orthoform kommen bis zu einem bestimmten Grade anti¬ 
septische Eigenschaften zu; dies ist in noch viel höherem Masse beim 
Nirvanin der Fall. Eine l%ige Lösung hebt jedes Bakterienwachsthum, 
Gährung und Fäulniss vollständig auf. Es lässt sich also eine solche Lösung 
ohne besondere strenge Vorsichtsmassregeln im täglichen Gebrauch steril er¬ 
halten. Doch kann man — und das ist ein weiterer Vorzug den Cocain- 


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Infiltrationsanästhesie. 


205 


lösungen gegenüber — eine Nirvaninlösnng auch sterilisiren, ohne dass sie 
dabei an anästhesirender Kraft Ginbusse erleidet. 

Mit dem Orthoform theilt das Nirvanin noch eine weitere höchst 
schätzenswerthe Eigenschaft: die geringe Giftigkeit. Nach Einhorn und 
Heinz ist das Nirvanin etwa lOmal weniger giftig als Cocain. Von letzterem 
beträgt die Maximaldosis für den Erwachsenen 0,05 Grm.; vom Nirvanin sind 
0,5 Grm. und mehr ohne Schaden injicirt worden. Luxenburger zeigt den 
Vorzug, den diese Eigenschaft dem Mittel gegenüber den cocainhaltigen 
Lösungen verleiht, recht deutlich an dem Beispiel der Radicaloperation 
einer Hernie: »Zur Ausführung derselben sind circa 80—100 Ccm. Infiltra¬ 
tionsflüssigkeit erforderlich; nimmt man nun Schleich II, so wird die Maxi¬ 
maldosis von Cocain fast um das Doppelte überschritten; mit 100 Ccm. einer 
1 / 4 °/ 0 igen Nirvaninlösung dagegen (die ungefähr Schleich II entspricht) ist man 
erst auf 0,25 Grm., d. i. der halben Maximaldosis des Nirvanins angelangt.« 

Man muss daher die Einführung des Nirvanins zur Infiltrationsanästhesie 
wohl als einen wesentlichen Fortschritt bezeichnen. 

In der Technik der Infiltrationsanästhesie haben die letzten Jahre 
keine nennenswerthen Veränderungen gebracht. 

Wohl aber ist das theoretische Wissen über das Zustandekommen 
dieser Art von Localanästhesie wesentlich gefördert worden. Schon durch 
die Arbeiten von Gradenwitz 6 ) und Heinze '), die bereits im letzten Bande 
der Jahrbücher unter Localanästhesie ausführlich besprochen sind, ist 
uns Kenntniss über den Begriff der »specifisch localanästhesirenden Kraft« 
geschaffen worden. Man muss bei den einzelnen local anästhesirenden Mitteln 
unterscheiden, wie Viel davon specifische Wirkung ist und wie viel auf 
Kosten anderer physikalischer Vorgänge (der Wasserentziehung oder Wasser¬ 
abgabe) zu setzen ist. Nur diejenigen Concentrationen von Lösungen verhalten 
sich dem thierischen Gewebe gegenüber indifferent, welche letzterem iso¬ 
tonisch sind. Lösungen niederer Concentration wirken wasserabgebend, 
d. h. quellend auf die Gewebe. Der Vorgang der Quellung wirkt jedoch 
seinerseits zuerst — wie die Wasserentziehung — schmerzerregend, dann 
aber direct anästhesirend, so dass man durch solch niedrig concentrirte 
Lösungen und auch durch Aqua destillata, wie bekanntlich Liebreich schon 
gefunden hatte, eine Anaesthesia dolorosa erzeugen kann. Die reine, spe¬ 
cifisch anästhesirende Wirkung eines Mittels tritt also nur dann in Er¬ 
scheinung, wenn man die Substanz gerade in einer den Körpergeweben iso¬ 
tonischen Lösung anwendet Die entsprechende Concentration kann man aus 
dem isotonischen Coefficienten unter Zuhilfenahme des Moleculargewichtes 
der betreffenden Substanz berechnen. Aus dieser Ueberlegung heraus stellte 
Heinze seine anästhesirenden Lösungen für die Infiltrationsanästhesie her. 
Verwendet man aber, wie es meist geschieht nicht eine den Körpergeweben 
gerade isotonische Lösung, sondern eine weniger concentrirte, so kommt zu 
der pharmakodynaraischen Wirkung des Mittels noch eine »Quellungsan¬ 
ästhesie«, der aber eine schmerzhafte Reizung vorausgeht wenn diese nicht 
durch die specifische Wirkung des Mittels übercompensirt wird. 

Stets aber kommt als drittes Moment bei der ScHLEicB’schen An¬ 
ästhesie noch der Infiltraitionsdruck hinzu. Dass Compression schon 
allein Anästhesie erzeugen kann, ist aus den Erfahrungen mit den Esmarch- 
schen Umschnürungen und aus den Versuchen früherer Autoren, nament¬ 
lich Moore's bekannt der ein eigenes Compressorium construirte. Um nun 
eine Vorstellung zu gewinnen, wie hoch man diesen Factor beim Zustande¬ 
kommen der Infiltrationsanästhesie schätzen dürfte, stellte Bibbrfeld 7 ) durch 
directe Messungen mittels eines Wassermanometers fest, ein wie hoher 
Druck in einer Schleich' sehen Quaddel herrscht Und zwar prüfte er die 
Höhe des Druckes, der zur Erzeugung einer Quaddel nothwendig war, und 


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liifiltratioiisuiiästhesie. 


2<»6 


beobachtete dann an einem FiCK’schen Federmanometer das allmähliche Ab¬ 
klingen des Druckes mit dem Verschwinden der Quaddel. Die meisten Ver¬ 
suche wurden an Kaninchen vorgenommen an verschiedenen Hautstellen. 
Dabei ergab sich, dass der zur Erzeugung einer Quaddel nöthige Druck am 
geringsten an der Bauchbaut , am grössten an der Wirbelsäule war. Und 
zwar stieg er von circa 15 Cm. (Wasser-) Höhe in der Mitte des Bauches 
auf circa 40 Cm. dicht neben der Wirbelsäule. An den dazwischen liegenden 
Stellen war der nöthige Druck umso höher, je näher an der Wirbelsäule, 
und umso kleiner, je näher zur Medianlinie des Bauches die Quaddel lag. 
Aehnlich verhielt es sich bei den Extremitäten: an der inneren Seite ent¬ 
stand schon bei circa 10 Cm. Druck eine Quaddel, an der Aussenseite erst 
bei circa 20 Cm. — Bei einer zweiten Versuchsreihe mit 0,7° 0 iger Koch¬ 
salzlösung zeigten sich ähnliche Druckverhältnisse: am Bauche 12».9—29.5. 
im Durchschnitt 18,24 Cm.; am Rücken 25,0—42,3 Cm., im Durchschnitt 
:*»3.25 Cm. 

Das dem Vergehen der Quaddel entsprechende Absinken des Druckes 
gestaltete sich — in Procenten des ursprünglichen Druckes dargestellt — 
in den ersten 10 Minuten folgendermassen: 

Am Rücken Abnahme des Druckes bei Aqua destillata um 79° 0 , bei 
0.7%iger Kochsalzlösung um 100%. 

Am Bauche Abnahme des Druckes hei Aqua destillata um 7ö° 0 . bei 
o.7° „iger NaCl-Lösung um 88° 0 . 

Man sieht also, dass die den Körpersäften adäquatere Flüssigkeit aus 
der Quaddel schneller verschwindet und der Druck schneller sinkt, als dies 
bei destillirtem Wasser der Fall ist. 

Auffallend ist auch, dass bei beiden Versuchsreihen die Resorption, das 
Vergehen der Quaddel, am Rücken, also in strafferem Gewebe, schneller 
erfolgte, als an der lockeren Bauchhaut; ganz besonders stark ist dieser 
Unterschied bei der physiologischen Kochsalzlösung. 

Beide Thatsachen erscheinen von grosser Bedeutung für das Ver¬ 
ständnis der Vorgänge im Gewebe bei der ScHLEH H schen Anästhesie. 

Bei diesen Versuchsreihen an der Haut von Thieren konnte Biberfeld 
natürlich keine Feststellung der Anästhesie vornehmen; Sensibilitätsprüfungen 
sind bekanntlich am allgemeinen Integument bei Thieren misslich, und 
nur an der Cornea, Nasen- und Kehlkopfschleimhaut sind die bei Reizung 
eintretenden Reflexe verwerthbar. Diese Lücke in seinen Ergebnissen suchte 
Bibkrfeld durch Versuche mit Infiltration von Nervenstämmen aus¬ 
zufüllen. Er wählte dazu einen gemischten Nerven, den N. ischiadicus, resp. 
peroneus des Kaninchens. Der Nerv wurde in grosser Ausdehnung ohne 
Verletzung der Nervenscheide freigelegt. Dann wurde nach Anlegung von 
Elektroden der secundären Spirale eines Du Boisschen Schlittens geprüft, 
bei welchem Rollenabstande das Thier eben schon Schmerz zu erkennen gab, 
beziehungsweise Muskelcontractionen in dem geprüften Gebiete auftreten. 
Hierauf wurde die Caniile zwischen Nerv und Nervenscheide eingeführt und 
der Flüssigkeitsdruck allmählich gesteigert. Jedoch liess sich eine Wirkung 
erst erzielen, als nicht mehr blos unter die Nervenscheide, sondern direct 
zwischen die Faserbündel des Nerven selbst injicirt wurde. 

Diese Versuche ergaben nun. dass erst ausserordentlich hohe Drucke 
imstande sind, eine Anästhesie im Nervenstamme zu erzeugen. Wenn man 
nach den Versuchen an der Haut des Kaninchens und einigen weiteren an der 
Haut des Hundes schliessen darf, dass beim Menschen ein Druck von circa 
50 Cm. ausreichend sei, um eine Quaddel zu erzeugen, so sehen wir hier, am 
Kaninchennerven, selbst bei 150 Cm. Druck nur eine — wenn auch erheb¬ 
liche— Verminderung der Sensibilität, aber noch keine Anästhesie hervor¬ 
bringen. 


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Infiltrationsanästhesie. — Jodipin. 


207 


Anders liegen die Verhältnisse, wenn man nicht 0,7%ige Kochsalz¬ 
lösung, sondern Wasser oder Cocainlösungen nimmt. Aqua destillata erzeugt 
schon bei ganz schwachem Druck (15—20 Cm.) eine Anästhesie; diese be¬ 
deutet aber selbstverständlich eine Schädigung des Nerven. Ohne den 
Nerven zu schädigen, erzeugt Cocain, in 0,7%iger Kochsalzlösung gelöst, 
erst oberhalb der Concentration von 0,01% eine Verminderung der Sensi¬ 
bilität und bei 0,05% und unter mässiger Drucksteigerung (24 Cm.) voll¬ 
kommene Anästhesie. 

Es ergiebt sich also aus diesen Versuchen von Biberfeld eine Be¬ 
stätigung der oben schon erwähnten, aus den Resultaten von Heikze zu 
schliessenden Thatsache, dass zur Erzeugung von Infiltrationsanästhesie 
einerseits eine adäquate (physiologische) Kochsalzlösung zu benutzen ist, 
andererseits die specifisch-anästhesirende Kraft des Cocains oder eines an¬ 
deren »echten« Localanästheticums nicht zu entbehren ist. 

Literatur: *) Heinze, Virchow’s Archiv. CLXIII. — 3 ) Schleich, Schmerzlose Ope¬ 
rationen. Berlin 1899, 3. Aufl. — 3 ) Dreyfuss, Münchener med. Wochenschr. 1898, Nr. 17. — 
4 > Einhorn u. Heinz, Ebenda. 1897, Nr. 34; 1898, Nr. 49. — 5 ) Luxemburger, Ebenda. 1898, 
Nr. 1 und 2. — 6 ) Gradenwitz, Berliner klin. Wochenschr. 1899, Nr. 11. — 7 ) Bibkrfkld, 

Archive» internationales de Pharmakodynamie et de Therapie. 1899, V, pag. 385. Kionkn. 

Jodide, Nachweis im Harn, pag. 164. 

Jodipin, eines der von Hugo Winternitz dargestellten Halogenfette 
(s. bei Bromipin), und zwar ist das Jodipin ein Additionsproduct von Jod 
und Sesamöl, welches 10% Jod enthält. Es ist eine sehr stabile chemische 
Verbindung, welche durch den Magensaft nicht zerlegt wird, hingegen aller¬ 
dings durch den alkalischen Darmsaft und durch das Secret des Pankreas, 
welche aus der Verbindung Jod abspalten. Von Interesse ist auch die That¬ 
sache, dass bei Einfuhr per os und subcutaner Einverleibung von Jodipin 
und anderen Jodfetten diese zum Theil als Körperfette mit einem aller¬ 
dings bedeutend geringeren Jodgehalte als das ursprünglich eingeführte 
Fett zum Ansatz kommen. Das Jodipin unterscheidet sich von dem ur¬ 
sprünglichen Sesamöl weder durch Geruch und Geschmack, noch durch seine 
Consistenz. In neuerer Zeit wurde auch ein 25% Jod haltiges Präparat dar¬ 
gestellt, eine dickliche, zähe, röthlich bis violett gefärbte, ölige Flüssigkeit, 
die bei kalter Jahreszeit Honigconsistenz annimmt und dann vor dem Ge¬ 
brauch erwärmt werden muss. Innerlich eingenommen, kann das Jodipin, 
da es erst im Darm zerlegt wird, zum Nachweis der Magenmotilität, be¬ 
ziehungsweise der Wirksamkeit der alkalischen Darmsecrete benützt werden. 
Nach Winkler und Stein ist das Jod schon %—% Stunden nach Einnahme 
von Jodipin im Mundspeichel nachweisbar. Eine Verzögerung des Auftretens 
von Jod über eine Stunde hinaus deutet auf eine Störung der Magenfunction. 

Die Anwendung des Jodipins wird nun für alle Fälle empfohlen, in 
denen man bisher die Jodalkalien anwandte. Vor diesen soll das Jodipin 
besonders durch die Nachhaltigkeit der Wirkung, indem es langsamer als 
die Jodalkalien durch den Körper geht, namentlich bei der Behandlung des 
Asthmas (0. Frese) und der tertiären Lues vortheilhafter sein. Eine gün¬ 
stige Eigenschaft ist auch dessen Brauchbarkeit für die äusserliche Ver¬ 
wendung in Form von Einreibungen und selbst von subcutanen Injectionen. 
Radestock räth, das Jodipin wie bei einer regulären Schmiercur auf der 
Haut zu verreiben. Man kann es daher bei Syphilis gleichzeitig innerlich 
lind äusserlich anwenden. 

Dosirung. Innerlich vom 10% jodhaltigen Jodipin täglich 4, später 
6 Kaffeelöffel (ä 5 Grm. Jodipin = 0,5 Grm. Jod = 0,65 Jodkalium). Für 
Patienten, denen der ölige Geschmack des Mittels unangenehm ist, kann 
man dieses mit einigen Tropfen Pfefferminzöl (3 — 5 Tropfen auf 100 Grm.) 
versetzen oder man lässt einige Pfefferminzplätzchen hinterher nehmen oder 


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208 


Jodipin. — Itrol. 


zum Verdecken des öligen Geschmackes trockene Cakes kauen. Aeusser¬ 
lich zum Einreiben der betroffenen Hautstellen 3—5 Grm. Jodipin : zur 
subcutanen Injection zwischen Haut und Muskeln nach Klingmüller und 
Kindler täglich 10—12 Grm. des vorher leicht angewärmten Jodipins zwischen 
Haut und Muskel der Glutealgegend zu injiciren. Man benützt hierfür am 
besten Canulen mit möglichst weitem Lumen und schiebt diese langsam 
vor, um etwaigen Venen Gelegenheit zum Ausweichen zu geben. Vor der 
Injection wird der Einstichbezirk durch Chloräthylspray anästhetisch gemacht. 

Literatur: Hugo Winternitz, Ueber Jodfette und ihr Verhalten im Organismus, 
nebst Untersuchungen über das Verhalten von Jodalkalien in den Geweben des Körpers. 
Zeitschr. f. phyBiol. Chem. 1898, XXIV, pag. 425. — Otto Frese, Ueber die therapeutische 
Anwendung des Jodipins bei Asthma bronchiale und bei Emphysem. Aus der med. Poli¬ 
klinik in Halle. Münchener med. Wochenschr. 1899, Nr. 7. — Radbstock (Dresden), Ueber 
Jodpräparate und deren Dosirung. Therap. Monatsh. 1899, pag. 551 ; E. Merck's Jahresb. für 
1898 und für 1899. Loebisch. 

Jodoformin, s. Augenheilmittel, pag. 46. 

Jodquecksilberhämol, Haemolum hydrargyro-jodatum. Unter 
den von Robert dargestellten Hämoien (s. Encyclop. Jahrb., Bd. IV, pag. 260;. 
welche ausser Eisen noch andere Metalle organisch gebunden enthalten, 
soll das Jodqueck8ilberbämol, mit welchem Quecksilber, Jod und Eisen zu 
gleicher Zeit dem Organismus einverleibt werden, ein für die Behandlung 
der Syphilis vorzüglich geeignetes Präparat darstellen. Robert empfahl, das 
Präparat, um Verdauungsstörungen zu vermeiden, mit Opium zu verabreichen. 
Nach Jordan macht es aber bei Leuten mit gutem Verdauungsapparat nur wenig 
Nebenerscheinungen, ist jedoch, trotzdem es den Allgemeinzustand sehr rasch 
bessert, nur für leichte Fälle von Syphilis geeignet. Neuere Autoren (L. Rohax. 
P. J. Ermakow und J. Selenbw) heben die rasche Resorbirbarkeit des Mittels, 
dessen langsame Ausscheidung und specifische antisyphilitische Wirkung hervor, 
finden es aber nicht nöthig, die hohen Dosen zu geben, welche Rille empfohlen 
hat, 4—6 Pillen zu 0,03—0,06 Haemol. hydrargyro-jodatum pro die. Ermakow 
empfiehlt das Jodquecksilberhämol in Form intramusculärer Injectionen tief 
in die Qlutäen einzuführen, nur selten erscheinen Infiltrate, die überdies bald 
vollkommen resorbirt werden; zu Ende der Behandlung wurde eine Vermehrung 
der Erytbrocyten, des Hämoglobingehaltes und des Körpergewichtes constatirt. 

Dosirung. Innerlich: Haemoli hydrargyr. jodati 5,0—10,0. Pulv. et 
Extr. liquir. q. s. ut f. pill. Nr. 150. Consp. S. 3mal tägl. 2 Pillen; zur intra- 
musculären Injection: Haemoli hydrargyri jodati 0,6—1,0 mit 10,0 steri- 
lisirtem Vaselinöl sehr sorgfältig verrührt; täglich 1 Ccm. der gut geschüttelten 
Mischung zu injiciren. Für die subcntane Injection wird eine Suspension 
von Jodquecksilberhämol in einer 1—2°/ 0 igen mit 0,6% Kochsalzlösung nach 
folgender Verordnung empfohlen: Natrii chlorat. 0,06, Sol. Gelat. medicinalis 
(1—2%) 10,0, Haemoli hydrargyri jodati 0,6—1,0 Miscetur. Vor dem Gebrauch 
zu erwärmen und nach kräftigem Umschütteln 1 Ccm. zu injiciren. 

Literatur: A. Jordan, St. Petersburger med. Wochenschr. 1898, Nr. 20, pag. 186. — 
L. Kohan, Deutsche Praxis. 1899, Nr. 17 und 18. — Ermakow, Wratsch 1899, Nr. 33. — 
Selenbw, Arch. ross, de Patholog. de Medecine cliniqne etc. 1899, III, pag. 623. — E. Mkhck's 
Berichte. Sämmtliche Jahrgänge von 1894 — 1899 inclusive. Loebisch. 

Isometropglas, s. Brillen, pag. 70. 

Itroly s. Augenheilmittel, pag. 43. 


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K. 


Kalkausscheidung bei Diabetes, s. Harn, pag. 166, 167. 


Kardioptose« Während das Herz normaler Weise schon imstande 
ist, gewisse mässige Verschiebungen vorzunehmen durch Lage und Volums¬ 
veränderungen benachbarter Organe oder durch Veränderungen der Körper¬ 
lage, kann man mit dem Namen »Kardioptose« die höheren Grade der 
Herzbeweglichkeit nach allen Seiten bezeichnen, welche eine abnorme Locker¬ 
heit der Herzbefestigungen (grosse Gefässe, besonders die Ansätze der Vena 
cava sup. und inf. am Perikard) voraussetzen lassen. Die Kardioptose 
zeigt in Bezug auf Entstehungsart und Symptome eine gewisse Analogie zur 
Enteroptose, und deshalb scheint mir dieser Ausdruck besser den in Frage 
stehenden Zustand des Herzens zu charakterisiren als die Bezeichnungen 
»cor mobile« und »Wanderherz«, wenn auch die »Ptose« ursprünglich nur 
das »Fallen« des Herzens bedeuten würde. Die Bezeichnung »Kardioptose« 
darf allerdings nur gewählt werden, wenn das Herz bei Lageveränderungen 
des Körpers so weit nach allen Seiten sinkt, dass sich der Spitzenstoss um 
bedeutende Masse, um 5—6—7 Cm. und mehr aus seiner ursprünglichen Lage 
entfernt. Dass diese Verschiebung des Herzens nach den Seiten eine wirk¬ 
liche und keine scheinbare ist (etwa durch Compression des Thorax in linker 
Seitenlage vorgetäuscht), wird durch Röntgenphotographien in Seitenlage und 
Thierversuche (Einstechen von Nadeln) erwiesen. 

Das Bild der Kardioptose scheint zu entstehen einerseits durch ver¬ 
minderten Gegendruck benachbarter Organe (Zwerchfell, Lungen), wodurch 
die grossen Gefässe gezerrt und schliesslich gedehnt, ausgeweitet werden, 
andererseits durch eine angeborene oder erworbene Schwäche des Herzbe¬ 
festigungsapparates, welche ihrerseits auf einer mangelhaften Beschaffenheit 
des elastischen und Bindegewebes, auf einer »Dystrophie« desselben be¬ 
ruhen mag. Man muss also die Ursachen der Kardioptose im Habitus und 
Ernährungszustand des Individuums suchen. Bei schlaffen, schlecht genährten 
Menschen, die wenig körperliche Bewegung haben, scheint dieselbe häufig 
vorzukommen, besonders oft mit dem Bilde der Enteroptose vereinigt. Auch 
zu schnelle Entfettung hat einen begünstigenden Einfluss für das Zustande¬ 
kommen derselben. Kinder und Greise haben im ganzen eine geringere Herz¬ 
beweglichkeit als Erwachsene; Frauen eine grössere wie Männer. Ganz be¬ 
sonders ausgeprägt ist häufig das Bild der Kardioptose gleich nach der 
Geburt, wenn plötzlich fast jeder Gegendruck gegen das Herz von unten 
fehlt.* Krankheiten scheinen besonders dann die Herzbeweglichkeit zu ver¬ 
mehren, wenn sie sowohl eine Abnahme der Gewebe, besonders des Fettes 
bewirken, als auch qualitativ die Gewebe lange Zeit hindurch schädigen, so 


Encyclop, Jahrbücher IX. 

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210 


Kardioptose. 


besonders das Carcinom, die Tuberkulose etc. Die höchsten Grade von 
Kardioptose sah ich bei der Chlorose, bei der wohl die ungenügende Stärke 
und Elasticität der Wandungen der grossen Gefässe anzuschuldigen ist. 

Ebenso wie die Enteroptose oft keine Beschwerden macht, braucht 
auch die Kardioptose gar keine subjectiven Symptome zu verursachen. Viele 
Leute mit ganz hochgradiger Herzbeweglichkeit klagen keineswegs über 
Herzbeschwerden. In vielen Fällen jedoch ist die »Kardioptose« nicht gleichgiltig 
für das Befinden. Es ist bekannt, dass viele Menschen nicht auf der linken, 
seltener auf der rechten Seite schlafen können; sehr häufig findet man bei 
ihnen ein abnorm bewegliches Herz. Oft spielt die auf das Herz gerichtete Auf¬ 
merksamkeit eine Rolle dabei, oft jedoch auch nicht. Es treten fernerhin zuweilen 
in Seitenlage Angstzustände, Herzklopfen, Druck oder Stiche in der Herzgegend 
auf, besonders beim Liegen auf der Seite. Auch ist hie und da objectiv eine 
Steigerung der Pulsfrequenz, Unregelmässigkeiten der Herzaction, Athem- 
noth etc. nachzuweisen. Diese letzteren Symptome kommen auch vor, wenn 
das Herz im übrigen gänzlich gesund erscheint. In einem Falle von paroxys¬ 
maler Tachykardie sah ich zweimal in (zufällig eingenommener) linker Seiten¬ 
lage einen typischen Anfall auftreten, der wie sonst auch circa 20 Minuten 
dauerte. Bei diesem Kranken war das Herz sehr beweglich. 

Wenn somit in vielen Fällen die Kardioptose nicht gleichgiltig für Be¬ 
finden und objectiven Befund ist, so sind doch auch Fälle vorhanden, in 
denen sie keine Erscheinungen macht, und es fragt sich, woher kommen 
diese grossen Verschiedenheiten im Grade der Folgezustände ? Wahrschein¬ 
lich spielt die Hauptrolle dabei die bei den Menschen so ungemein ver¬ 
schieden ausgeprägte »Organempfindlichkeit« in der Art, dass Leute 
mit wenig empfindlichem Nervensystem alle diese übertriebenen Bewegungen, 
Zerrungen etc. an ihren Organen (Herz, Magen, Darm, Nieren, Uterus etc.) 
nicht fühlen, während diese bei anderen Menschen, welche schon die nor¬ 
malen Functionen hie und da empfinden (Druck im Magen nach Tisch), den 
Ausgangspunkt von allerhand lästigen Beschwerden und reflectorisch ent¬ 
standenen Functionsanomalien bilden. Auf diese Weise ist es zu verstehen, 
dass bei Neurasthenikern eine erhebliche Kardioptose gelegentlich einmal 
das Bild einer Herzneurose hervorrufen kann, besonders wenn andere be¬ 
günstigende Momente hinzukommen. 

Ueber die Entstehung der Symptome lassen sich nur Hypothesen auf¬ 
stellen. Man könnte sie sich so erklären, dass durch die ausgiebigen Be¬ 
wegungen des Herzens gewisse Lichte Volumsveränderungen der grossen 
Gefässe, besonders der grossen Venen eintreten, welche die Circulation in 
irgend einer Weise ungünstig beeinflussen, ferner ist daran zu denken, dass 
vielleicht durch die Zerrung an der Aorta eine Irritation der vor und hinter 
dem Aortenbogen liegenden Nervenplexus verursacht wird, endlich daran, 
dass am Ansätze der Vena cava sup. und inf. an den Vorhöfen, also da, 
wo die Hauptzerrung bei Bewegung des Herzens (besonders nach links) statt¬ 
findet, diejenigen Muskelzellen des Herzens liegen, welche bei der automati¬ 
schen Herzcontraction zuerst in Thätigkeit treten. 

Die Therapie muss eine causale sein und sie kann dann einen be¬ 
deutenden Erfolg erzielen. Hebung des Allgemeinzustandes, Besserung der 
Ernährung, allgemeine Kräftigung durch klimatische Curen, Hydrotherapie, 
Bäder, Arsen, Eisen etc. sind von grosser Wichtigkeit. Besonders segens¬ 
reich kann bei Neigung zu hypochondrischer Verwerthung der Symptome, 
die psychische Beeinflussung sein. Ferner kommt Beruhigung der lästigen 
Empfindungen durch Brom, Baldrian, Umschläge, Herzmassage, galvanischen 
Strom etc. in Betracht. 

Literatur: *) Cherchavsky, La mobilite du coeur et sa valear diagnostiqne. Wratsch. 
1888, Nr. 37. — ') Kcmff, Ueber das Wanderherz. Congress für innere Medicin. 1888. — 


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Kardioptose. — Kleinhirnerkrankungen. 211 

*> Pick, Ueber das bewegliche Herz. Wiener klin. Wochenschr. 1889. — 4 ) A. Hoffmann, 
Congress für innere Med. 1896. — 6 ) A. Hoffmann, Die paroxysmale Tachycardie. 1900. — 
6 ) Frreanini, Anomalien des Körperbaues bei Kardioptose. Centralbl. !. innere Med. 1900. — 
T ) Dktermann , Die Beweglichkeit des Herzens bei Lageveränderungen des Körpers (Kar¬ 
dioptose). Deutsche med. Wochenschr. 1900; Zeitschr. f. klin. Med. 1900; Congress f. innere 
Medicin. 1899. Determann . 


Kleinhirnerkratikmigen. Die Lehre von den Functionen des 
Kleinhirns und ihren Störungen bei Erkrankungen dieses Organes ist bis 
in die neueste Zeit eine der umstrittensten im ganzen Gebiete der Physio¬ 
logie und Pathologie gewesen, und noch heute können wir uns nicht rühmen, 
dass das, was wir davon wissen, viel und absolut. Sicheres ist. Nicht zum 
wenigsten hat zu dieser Verwirrung die Differenz in den Lehrmeinungen 
der Vertreter der experimentellen Physiologie beigetragen, eine Differenz, 
die w’ir auch unter den neuesten und erfahrensten Experimentatoren noch 
bestehen sehen. So nimmt, um nur einige zu nennen, Luciani *) z. B. an, dass 
jede Kleinhirnhemisphäre im wesentlichen auf die gleichseitige Körperhälfte 
wirke, und dass bei ihrer Entfernung zunächst eine Parese und Atonie, dann 
auch ein Zittern und eine Unruhe in den Muskeln dieser Körperhälfte auf¬ 
träte. Diejenigen Erscheinungen, die in der menschlichen Pathologie bei 
den Erkrankungen des Kleinhirns die Hauptrolle spielen — die man unter 
dem Namen der cerebellaren Ataxie zusammenfasst und die auch Luciani 
bei seinen operirten Thieren beobachtete —, sind nach ihm nicht einfach 
Folge der Kleinhirnläsion selbst, sondern zum grössten Theile ein Ausdruck 
der dann manchmal über das ,Ziel hinausschiessenden Bemühungen des 
Grosshirns, die Folgen des Kleinbirndefectes zu compensiren. Daneben kommen 
noch Reizerscheinungen als Folgen des experimentellen Eingriffes in Betracht. 
Ein Coordinationscentrum zur Aufrechterhaltung des Körper¬ 
gleichgewichtes ist nach Luciani das Kleinhirn nicht; im allge¬ 
meinen haben Wurm und Hemisphären dieselbe Bedeutung, nur wirken 
Läsionen des Wurmes schwerer, weil in ihm sich der grösste Theil der ins 
Kleinhirn eindringenden oder von ihm ausgehenden Bahnen kreuzt oder doch 
nahe bei ihm entspringt, respective endigt. Ferrier 2 ), der in manchen 
Dingen, z. B. in Bezug auf die Gleichwerthigkeit von Wurm und Hemi¬ 
sphären, ganz auf Lucianus Seite steht, bestreitet wieder ganz entschieden, 
dass jede Kleinhirnhemisphäre einen stärkenden Einfluss auf Kraft und 
Tonus der gleichseitigen Extremitäten habe; dass letzteres nicht der Fall sei, 
könne man schon daraus sehen, dass nach Exstirpation einer Kleinhirnhemi¬ 
sphäre meist nach einiger Zeit eine Erhöhung der Sehnenreflexe auf dieser 
Seite einträte. Nach seiner Ansicht wirkt das Kleiohirn auf die Erhaltung 
des Gleichgewichtes im Raume und ruft zu diesem Zwecke im wesent¬ 
lichen continuirliche tonische Muskelcontractionen hervor; fällt der Einfluss 
des Kleinhirns weg, so treten discontinuirliche Contractionen und infolge 
dessen Schwanken, Zittern, Unsicherheit der Bewegungen ein. Am nächsten 
der Anschauung der meisten Kliniker steht schliesslich nach seinen Experi¬ 
menten Bechterew. 3 ) Er hält das Kleinhirn für ein reflectorisch wirken¬ 
des Coordinationscentrum, dem centripetal sensible Reize Zuströmen 
und das diesen entsprechend in centrifugaler Richtung auf die Coordination 
der Muskeln einwirkt; treten Störungen im Reflexcentrum oder in einem 
Theil des Reflexbogens ein, so kommt es zu Incoordination der Bewegungen, 
zur Ataxie. Man sieht, die Differenz der Meinungen zwischen den drei ge¬ 
nannten Physiologen ist eine recht grosse; freilich muss zugegeben 
werden, dass die Differenzen in den von ihnen beigebrachten 
Thatsachen nicht so grosse sind; geben sie doch alle zu, dass 
bei Kleinhirnläsionen Störungen des Gleichgewichtes beim Stehen 
und Gehen beobachtet werden. Erschwerend für die Zurückführung 


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212 


Kleinhirnerkrankungen* 


aller dieser von den Autoren bei Verletzungen des Kleinhirns beobachteten 
Störungen auf diese Kleinhirnläsion selbst, wirkt aber noch, dass nach 
den genauen Experimenten von Ewald 4 ), Bogumil Lange ß ) und Loeb ( ) nach 
Zerstörung der Bogengänge der Kleinhirnataxie sehr ähnliche Symptome auf- 
treten; da der Nervus vestibularis in sehr nahen Beziehungen zum Kleinhirn 
eteht, kann man es verstehen, wenn Loeb 6 ) sogar annimmt, dass alle soge¬ 
nannten specifischen Kleinhirnsymptome eigentlich Bogengangssymptome seien. 
Schliesslich muss noch mit Nachdruck hervorgehoben werden, 
dass die Physiologen, die meist an Hunden und Katzen, nur selten 
an Affen operirt haben, in ihren Schlüssen viel zu wenig Gewicht 
auf die doch jetzt gesicherte Thatsache legen, dass in Bezug auf 
die Function der einzelnen Hirntheile und ihre gegenseitige Be¬ 
einflussung zwischen dem Menschen und den höchsten Thieren 
noch die allergrössten Differenzen bestehen, selbst in scheinbar 
elementaren Dingen; ein Umstand, auf den ich hier aber nicht 
weiter eingehen kann. 

Unter diesen Umständen lag es gewiss nahe, sieh einmal auf den rein 
klinischen Standpunkt zu stellen, nachzusehen, welche Symptome bei Er¬ 
krankungen des menschlichen Kleinhirns und ihrer verschiedenen Localisation 
constante waren, und zu versuchen, aus ihnen wieder auf die Function dieser 
Hirntheile Schlüsse zu machen. Diesen Versuch habe ich 7 ) vor einigen Jahren 
gemacht. Aber ich muss, wie damals, auch noch heute bekennen, dass auch 
dieser Weg die mannigfachsten Schwierigkeiten bietet und weit entfernt ist, 
uns nach jeder Richtung gesicherte Resultate zu liefern. Wir sind in der 
Hirnpathologie mit Recht gewöhnt, sichere Schlüsse für die Function eines 
Hirntheiles — sogenannte Localisationslehren — vor allem nur aus solchen 
Ausfallsherden zu ziehen, die erstens so alt sind, dass sie nicht mehr all¬ 
gemeine Herdsymptome machen, und deren Wirkungen zweitens nur wenig 
weit über den von ihnen direct zerstörten Bezirk hinausreichen. Diesen 
Forderungen entsprechen eigentlich nur alte Blutungs- und vasculäre Er¬ 
weichungsherde. Nur sind Blutungen, wie auch ganz neuerdings v. Monakow 
noch angiebt, im Kleinhirn an sich schon sehr selten (Durand Fardel fand 
unter 153 Apoplexien nur 13 im Kleinhirn) und sie führen, wenn sie einiger- 
massen gross sind, durch Druck auf die Medulla oder durch Durchbruch in 
den 4. Ventrikel meist rasch zum Tode. Selbst bei längerem Bestehen ist 
die Localdiagnose kaum jemals mit Sicherheit zu machen. Erweichungen 
wieder, namentlich die häufigeren arteriothrombotischen, treffen selten das 
Kleinhirn allein, meist zugleich auch Theile des Hirnstammes, die von den¬ 
selben Arterien wie das Kleinhirn versorgt werden; dadurch ist ihre Ver- 
werthung für die Localdiagnose sehr beeinträchtigt. Angeborene oder früh¬ 
erworbene, ein- und doppelseitige Kleinhirndefecte müssten, so sollte man 
a priori glauben, einen besonderen Werth für die Feststellung der Klein¬ 
hirnfunctionen haben. Das ist aber keineswegs der Fall. Erstens sind diese 
Fälle fast niemals uncomplicirt, sondern es bestehen gleichzeitig Entwick¬ 
lungsstörungen in anderen Theilen des Gehirns, wie der häufige Idiotismus 
in diesen Fällen erkennen lässt, besonders oft des Grosshirns. Dann haben 
sie nicht selten im Leben keine besonderen, namentlich auf das Kleinhirn 
hindeutenden Symptome geboten, und deshalb ist ihre klinische Beobachtung 
manchmal eine recht unvollkommene gewesen (doch 8. u.). Das alles hat 
dazu geführt, dass es sich bei diesen Kleinhirndefecten oft um einen ganz 
unerwarteten Sectionsbefund gehandelt hat. Bei den seltenen, auf Athero- 
matose der Gefässe beruhenden Schrumpfungen des Kleinhirns ist, 
wie Arndt 8 ) nachgewiesen hat, meist auch der Hirnstamm betheiligt, und 
ebenso beruht die Heredrotaxie cerebellaire Maries, bei der Nonne 9 ) und 
Menzel 10 ) Kleinheit des Kleinhirns nachgewiesen haben, nicht auf einer in- 


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Kleinhirnerkrankungen. 


213 


complicirten Erkrankung dieses Organes. Bleiben die Abscesse und die 
Tumoren? Die Kleinhirnabscesse sind selten, sie sind so gut wie 
immer abhängig von Ohreiterungen und neben ihnen bestehen Rnochener- 
krankungen, subdurale Abscesse, Sinusthrombosen, also eine grosse Anzahl 
von mit fieberhaften Allgemeinerscheinungen einhergehenden Krankheiten, 
die sehr geeignet sind, die Kleinhirnsymptome zu verdecken. Ausserdem 
sind sie klein und sitzen fast immer in den äusseren Theilen der Kleinhirn¬ 
hemisphäre und wir werden sehen, dass gerade Läsionen dieses Ortes sym- 
ptomenlos verlaufen können. Die Tumoren des Kleinhirns dagegen sind 
nicht nur die bei weitem häufigste Erkrankung dieses Organes, sondern über¬ 
haupt eine nicht so sehr seltene Erkrankung. Sie können ferner jeden Sitz 
im Kleinhirn einnehmen. Nur müssen wir uns ja allerdings, wenn wir die 
durch Geschwülste bedingten Störungen für die Erkenntniss der Function 
eines Hirntheiles benutzen wollen, stets bewusst sein, dass der Tumor nicht 
einfache Ausfallserscheinungen von Seiten der von ihm direct occupirten 
Hirntheile macht; wir haben stets bei ihm — und ganz besonders gerade 
beim Kleinhirntumor — auch die Allgemein- und Nachbarschaftssymptome zu 
berücksichtigen und müssen uns hüten, diese auf die Kleinhirnerkrankung 
an sich zu beziehen. Doch ist diese Schwierigkeit, zunächst für die Allge¬ 
meinsymptome, heute nicht mehr gross, weil wir diese jetzt recht genau 
kennen und wissen, dass sie bei jedem Sitze des Tumors in mehr weniger 
grosser Intensität Vorkommen können. Die Nachbarschaftssymptome eines 
Kleinhirntumors werden ausgelöst durch eine Betheiligung des Hirnstammes; 
da wir nun gerade die Functionen dieses Hirntheiles ganz besonders gut 
kennen, kommen wir auch hier selten in die Lage, diese Erscheinungen für 
directe Kleinhirnsymptome zu halten ; immerhin giebt es einige Erscheinungen, 
bei denen vrir, wie wir sehen werden und wie ich es auch schon früher 
ausgeführt habe, eine sichere Entscheidung, ob Herd- oder Nachbarschafts¬ 
symptome, nicht treffen können. Jedenfalls lehrt aber die klinische 
Erfahrung die Thatsache, dass wir häufig in der Lage sind, die 
Diagnose eines Kleinhirntumors und manchmal sogar die Seite 
seines Sitzen mit Sicherheit zu machen, dass es also vollkommen 
berechtigt ist, auch die Geschwülste dieses Organes — allerdings mit Vor¬ 
sicht — für die Erforschung seiner Function zu benützen. Aber auch bei 
dieser vorsichtigen Benutzung stossen wir gerade bei den Kleinhirntumoren 
noch auf einige Schwierigkeiten, die von manchen Seiten für genügend er¬ 
achtet wurden, auch unsere bestimmtesten und begründetsten Anschauungen 
über die Kleinhirnfunction in Zweifel zu ziehen. Unter Umständen näm¬ 
lich kommt es vor, dass auch grosse Tumoren des Kleinhirns 
ohne Symptome, die auf den Sitz der Geschwulst hinweisen, ver¬ 
laufen. Wir wissen seit langem, um das hier vorweg zu nehmen, dass sich 
das besonders bei Geschwülsten der Hemisphären ereignet, und dass im all¬ 
gemeinen Tumoren des Wurmes nicht ohne charakteristische Symptome 
bleiben. Aber auch hier giebt es Ausnahmen. Gewisse Gliomformen können 
die Gehirnsubstanz durchsetzen, ohne ihre Fasern und Zellen zu zerstören, 
so dass die Function der Theile auch im Tumorgebiete selbst lange erhalten 
bleiben kann; auch nicht infiltrirende, aber sehr langsam wachsende Ge¬ 
schwülste können unter Umständen die Hirnsubstanz nur verdrängen, eben¬ 
falls unter Erhaltung ihrer Function. Auch ist es möglich, dass nicht alle 
Theile des Wurmes für seine Function von gleicher Bedeutung sind. Klinische 
und pathologisch-anatomische Erfahrungen weisen darauf hin, dass möglicher¬ 
weise bei Geschwülsten der vorderen Theile des Wurmes, auch wenn sie zerstö¬ 
rend wirken, die Kleinhirnfunction erhalten bleiben kann; während allerdings 
bisher keine Fälle publicirt sind, wo sie auch gefehlt haben bei zerstörenden 
Tumoren in den hinteren und unteren Theilen dieses Kleinhirngebietes. Doch 


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214 


Kleinhirnerkrankungen. 


will ich diese letzteren Angaben nur mit aller Vorsicht machen. 
Füge ich noch hinzu, dass gerade das am meisten specifische Symptom der 
Kleinhirnerkrankungen, die Ataxie, aus, wie wir sehen werden, selbstver¬ 
ständlichen Gründen in gleicher oder ganz ähnlicher Form auch bei Affec- 
tionen einer ganzen Anzahl anderer Theile des Hirns und Rückenmarks 
vorkommt, so ergiebt sich aus allen diesen Umständen, dass auch die kri¬ 
tische und unvoreingenommene Benutzung des zu Gebote stehenden klini¬ 
schen Materials uns noch manches Räthsel in der Symptomatologie der 
Kleinhirnerkrankungen ungelöst lässt. 

Bleibt uns nun nicht noch ein anderer Weg offen? Thomas 9 ) 
macht in seiner ganz ausgezeichneten anatomisch-physiologischen Monographie 
über das Kleinhirn auch den neuesten Physiologen noch den Vorwurf, dass 
sie ihre Experimente ganz ohne Rücksicht auf den anatomischen Bäu dieses 
Organes angestellt und aus ihren Folgen auch ihre Schlüsse auf die 
Function dieses Organes ohne diese Rücksicht gezogen hätten; gerade 
aber eine vergleichende Betrachtung des vorliegenden anatomi¬ 
schen und physiologischen, respective klinischen Materiales 
würde nach seiner Ansicht hier die werthvollsten Aufschlüsse 
liefern. Man kann ihm in dieser Beziehung nur Recht geben; von den 
oben citirten Physiologen macht in dieser Hinsicht eine glänzende Ausnahme 
nur Bechterew 8 ), den wir ja, was bedeutungsvoll ist, auch als hervor¬ 
ragenden Hirnanatomen und erfahrenen Neurologen kennen. Frühere Physio¬ 
logen trifft natürlich dieser Vorwurf kaum, da eine einigermassen sichere 
Kenntniss von der feineren Anatomie des Kleinhirns und seiner Verbindungen 
mit anderen Hirn- und Rückenmarkstheilen uns erst die neueste Zeit ge¬ 
bracht hat. Auch ich 7 ) habe in meinem oben citirten Vortrage mir Mühe 
gegeben, auf Grundlage unserer Kenntnisse von den anatomischen Verbin¬ 
dungen des Kleinhirns zu einer klaren Erkenntniss der Symptomatologie 
seiner Erkrankungen zu kommen, damals mich wesentlich auf Bechterew s 
Angaben stützend; heute haben sich unsere Anschauungen über diese Ver¬ 
hältnisse vielfach geändert und unsere Kenntnisse sind gesicherter geworden, 
so dass es sich, wie ich Vorhersagen kann, lohnt, das hier Gesicherte noch 
einmal zusammenzufassen. Ich werde mich dabei, namentlich was die Ver¬ 
bindungen des Kleinhirns mit Rückenmark und Hirnstamm anbetrifft, vor 
allem an Thomas 9 ) und an eine vor kurzem erschienene kleine Arbeit von 
Bruce 10 ) halten und auch die Schemata des letzteren zur Erklärung ver¬ 
wenden. 

Mit dem Rückenmarke und zum Theile auch mit dem Hirnstamme 
steht das Kleinhirn in der Weise in Verbindung, dass es den Gipfel eines 
Reflexbogens bildet, zu dem centripetale Bahnen von diesen Hirntheilen auf¬ 
steigen und von dem centrifugale auch dorthin ausgehen. Ich führe zunächst 
die centripetalen Bahnen an, die länger und genauer bekannt sind als die 
centrifugalen (s. Schema 31). Es sind 1. die Kleinhirnseitenstrangsbahn, 
2. die GowERSsche Bahn. Im Schema 1 ist von diesen Bahnen nur die 
Kleinhirnseitenstrangsbabn gezeichnet, die das Kleinhirn durch das Corpus 
restiforme erreicht, während die GowERS sche Bahn dahin auf einem weiten 
Umwege durch den vorderen Kleinhirnschenkel gelangt. 3. Theile der 
Hinterstränge durch Vermittlung der Hinterstrangskerne, die eben¬ 
falls im Schema 1 beiderseits nur als einfache Kerne gezeichnet sind; die 
betreffenden Fasern erreichen das Kleinhirn durch Vermittlung der Fibrae 
arciformes und der Strickkörper, und zwar wie das Schema 31 zeigt, theil- 
weise des gleichseitigen, theilweise des gekreuzten Strickkörpers. Alle die 
bisher erwähnten Bahnen endigen in der Rinde des Wurmes, meist auf 
derselben Seite, theilweise aber nach Kreuzung auch auf der anderen; keine 
gelangt in die Hemisphären, wie überhaupt nach Bruce keine Bahn im 


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I 




Kleinhirnerkrankungen. 2l& 

Rückenmarke in directer Verbindung mit den Kleinhirnhemisphären steht 
Die angeführten Rahnen leiten, wie gesagt, vom Rückenmark, respective 
vom Hirnstamme zur Kleinhirnrinde und degeneriren bei Läsionen in aufsteigen¬ 
der Richtung. Sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach zur Leitung von 
Muskel-, Gelenk- etc. Gefühlen dienen, Dinge, die man auch als Lagegeföhl 
zusammenfasst: es scheint mir aber im Gegensätze zu Bruce nicht unmög¬ 
lich, dass wenigstens die aus den Hintersträngen stammenden Fasern auch 
Tast- und Druckgefühle, wenn nicht aus der Haut, so doch von subcutanen 
Geweben vermitteln. Wichtig ist noch, dass die Fasern der GowEKs'schen 


IV VENTR 


Die tum Kleinhirn nufateigenrfen Mahnen, apectell dfie vom Ruckenmn rke. (Nach Bitte*;.) 

KS.B Klei'nhirtt*«it€vnf<ti-ang1»:jbn ; // ly trtmgsi. '>»♦ ; PK Pv*vh*r K-rii : .V T Nt>cletia 

toam«nti, I>achk* k rn ; TG l Tfüctus cfeCrtUjilo TePbularts iSa.hu. (In*.* Leiden Hinr«?r 

Ätranffnkvrne jv<l*r Smt& #»nd im Schema zu emeu» t:u»uam>'ng • d«-»v:u An-MnUer das KJerh 

hin* «owohl dturdb. deA £Lueh?‘Mtigen, wie den g-ekreuzGm Str>>fcJ> <\< fM’ vrr*ieh<m Pin GoWjcrs 

-che Bah» • •< nichr ■ chij« 

Bahn hauptsächlich aus Zellen im Sacral- und Lendenmarke stammen, also 
zu den unteren Extremitäten in Beziehung stehen, die der Kleinhirnseiten 
strangsbahn aus den Zellen der Clarke sehen Säulen, die vor allem mx 
Rumpfe-, respective Dorsaltheile des Rückenmarks sich finden, während für 
die von den oberen Extremitäten stammenden centripetalen Fasern Vertun* 
düngen mit dem Kleinhirn im wesentlichen nur durch die Hirnstränge möglich 
sind. Bahnen, in die sie sich mit gleichen Fasern aus dem Rumpfe und den 
unteren Extremitäten theilen müssen. Auch hebe ich hier schon hervor, 
dass alle die angeführten Bahnen einen Theil ihres Verlaufes zum Kleinhirn 










216 


Kleinhirnerkrankungen, 


Im Hirnstamme haben, zum Theil, wie die GowERSsche Bahn, einen recht 
erheblichen. In Schema 1 findet sich dann 4. noch eine Verbindung des Klein¬ 
hirns mit dem Hirnstamme, die von den unteren Oliven ausgeht, das ge¬ 
kreuzte Corpus restiforme erreicht und nach Bechterew im Corpus dentatum 
der gekreuzten Kleinhirnhälfte endigt (diese letzte Verbindung ist nicht sicher). 
Centralwärts stehen die Oliven nach Bechterew durch Vermittlung der 
centralen Haubenbahn mit dem Boden des 3. Ventrikels in Verbindung, in dem 
sich nach diesem Autor ein Centrum für Erhaltung des Körpergleichgewichtes 
befindet Uebrigens hält Bechterew neuerdings wie Kölliker die Klein¬ 
hirnolivenbahn für eine motorische, vom Kleinhirn absteigende Bahn; durch 
Vermittlung der Oliven soll diese Bahn wieder mit centrifugalen Bahnen im 
Rückenmarke in Verbindung stehen. Wir können diese in Verlaufsrichtung, 
Endigung und Verbindungen noch recht unsichere Bahn für unsere Zwecke 
ausseracht lassen. Dagegen sehen wir im Schema 2 schliesslich 5. noch 
eine sehr wichtige centripetale Bahn, durch die das Kleinhirn mit den Bogen¬ 
gängen, einem sicheren peripheren Gleichgewichtsorgane, in Verbindung steht; 
die Bahn wird durch den Nervus vestibularis gebildet und erreicht zunächst 
den DEiTERs'schen Kern. 

Erst in allerneuester Zeit haben wir sichere Anhaltspunkte für eine 
centrifugale Verbindung des Kleinhirns mit dem Rückenmarke und dem Hirn¬ 
stamme gefunden; lange Zeit sind diese von Marchi z. B. theilweise schon 
vor Jahren behaupteten Bahnen immer wieder bestritten worden. Wie 
Bruce 10 ) des genaueren ausführt, steht es jetzt aber sicher fest, dass solche 
motorische Fasern von den beiden Dachkernen ausgehen und von da zu¬ 
nächst zu den DEiTERs'schen Kernen gelangen. (In Schema 31, 32 und 33 sind 
nur gekreuzte derartige Verbindungen gezeichnet, es bestehen aber auch 
ungekreuzte.) Diese Bahn wurde früher von Edinger als sensorische auf¬ 
gefasst und als directe sensorische Kleinhirnbahn bezeichnet. Vom 
DEiTERs'schen Kerne gehen dann wieder zwei motorische Bahnen aus (Fig. 32), 
die eine (Tractus cerebellospinalis) gelangt durch das Corpus restiforme in 
den Hirnstamm und das Rückenmark; hier theilt sie sich in zwei, je im 
Vorder- und Vorderseitenstrange verlaufende Züge, die schliesslich beide 
Verbindungen mit den Vorderhornganglien eingehen. Risien Rüssel hat diese 
Bahn bis in den unteren Theil des Dorsalmarkes verfolgt. Die zweite Bahn 
(Fig. 32) gelangt unter den Boden des 4. Ventrikels und endigt theilweise im 
gleichseitigen Abducenskerne, dann erreicht sie die beiderseitigen hinteren 
Längsbündel, in denen sie hirn- und rückenmarkswärts verläuft; die 
aufsteigenden Fasern endigen in den beiderseitigen Oculomotoriuskernen, 
die absteigenden liegen im Rückenmarke im Randgebiete beider Vorder¬ 
stränge und endigen um die Vorderhornganglien., Auf diese Weise kann also 
jede Kleinhirnhälfte, wie Schema 32 klar zeigt, motorisch auf die Augen¬ 
muskelkerne, und zwar den gleichseitigen Abducens- und beide Oculomo- 
toriuskerne wirken, und ebenso auf die Vorderhornzellen des Rücken¬ 
marks, hier vor allem auf die gleiche, aber erheblich auch auf die ge¬ 
kreuzte Seite. 

Haben wir damit die vom Kleinhirn ausgehenden und zum Hirnstamm 
und Rückenmark gelangenden und die umgekehrt von dort zum Kleinhirn 
aufsteigenden Bahnen kennen gelernt, — alle diese Bahnen endigen oder 
beginnen im mittleren Theile des Kleinhirns — im Wurme —, so fehlt nur 
noch die Verbindung zwischen beiden, um einen spinobulbärcerebellaren 
Reflexbogen vollständig zu machen. Diese Verbindung wird durch sagit- 
tale Fasern gebildet, die von der Rinde des Wurmes zu beiden Dach¬ 
kernen gelangen. Damit haben wir dann also einen Reflexbogen vollständig, 
auf dessen einem Schenkel centripetale Impulse zur Rinde des Kleinhirn 
gelangen, auf dessen anderen von dort ausgehende motorische Einflüsse 


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J 



Kleinhirnerkrankungen. 


217 


centrifugal speciell za den Augenmuskelkernen und den motorischen Gan- 
glien für die Musculatur von Rumpf und Extremitäten übergehen. 

::Viel weniger genau bekannt als die bisher beschriebenen Bahnen, die, 
.<?. wie man sieht, einen spinobulbärcerebellaren Reflexbogen bilden, 
iti sind nun die Verbindungen des Kleinhirns mit dem Grosshirn. Sicherge- 
:;j :; stellt ist zunächst eine cerebralwärts leitende Bahn, die vom Corpus den- 
i[«: tatum, einem sicheren Gleichgewichtsorgane (Bruce 10 ), das nach Edinger 11 ) 

-_,r noch zum Wurme gehört, nach fast totaler Kreuzung im Bindearme zum 


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Fig. 32. 



Die absteigenden — motorischen — Bahnen des Kleinhirns. (Nach Bruce.) 

FS Fibrao sagittales; NT Nucleus tegmenti; CR Corpus restiforme; TCV Tractus cerebello- 
vestibularis; III Oculomotoriuskern; VI Abducenskern; VIII N. acusticus ; HL Hinteres Litngs- 
bilndel: DK DKlTERS’scher Kern; TVS Tractus vestibulo-spinalis ; B G Bogengänge. Der Tractus 
cerebello-vestibularis ist als doppelsinnig leitend angesehen; vom DElTERS’schen Kern zum Klein¬ 
hirn (Nervus vestibularis) und umgekehrt. 


u Hi f '‘ gekreuzten rothen Kerne gelangt; ziemlich sicher sind von da auch Bahnen 
jin zu gewissen Antheilen des Thalamus opticus. Ob von da noch Neurone 

dritter Ordnung in die Rinde der sogenannten motorischen Region gelangen, 
ist zwar nicht sicher, aber sehr wohl möglich. Sichergestellt sind ferner 
, r eb«‘ ! cerebrofugal leitende Bahnen, die von der temporooccipitalen und der fron- 
durch taten Rinde stammen und durch den äusseren und inneren Antheil des 

Hirnschenkelfusses hauptsächlich die gleichseitigen Brückenganglien erreichen; 
i vom* von hier aus gelangen dann wieder namentlich aus den oberen Theilen der 
leg Brücke Querfasern (die sogenannte cerebrale Kleinhirnbrückenbahn Bechte- 
:be ^ 


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218 


Kleinhirnerkrankungen. 


rew’s) nach Ueberschreitung der Mittellinie in den gekreuzten mittleren Klein¬ 
hirnschenkel und von da zur Rinde der gekreuzten Kleinhirnhemisphäre. 
Von diesen letzteren Bahnen interessirt uns hier besonders die vom Stirn¬ 
hirn kommende Bahn, die die Brücke durch die innere Abtheilung des Hirn- 
schenkelfusses erreicht. Nehmen wir, was jedenfalls nicht unmöglich ist. eine 
corticale Verbindung zwischen den aus dem Corpus dentatum stammenden 
cerebropetalen und der frontalen Grosshirnrindenbrückenbahn an, die ja 
theilweise aus »motorischen« Theilen der Hirnrinde stammt, so haben wir 
damit wieder einen cerebellocerebralen Reflexbogen, der vom Kleinhirn zur 
anderseitigen Grosshirnrinde aufsteigt und von da wieder zur gekreuzten Klein¬ 
hirnhälfte zurückkehrt. Um eine für das physiologische Verständniss noth- 
wendige Verbindung zwischen dem cerebellocerebralen und dem spinobul- 
bärcerebellaren Reflexbogen brauchen wir bei der grossen Anzahl von Ver¬ 
bindungen zwischen den Zellen der Rinde des Wurms und der Hemisphären 
und zwischen den grauen Kernen des Kleinhirns und der Rinde nicht ver¬ 
legen zu sein; ich will hier nur erwähnen, dass Bechterew s ) Verbindungen 
zwischen dem Corpus dentatum und der Kleinhirnhemisphärenrinde und 
zwischen dem centripetalen zum Wurm aufsteigenden Fasern des Strick¬ 
körpers und dem Corpus dentatum anführt. 

Ich habe oben gesagt, dass uns die centrifugale Verbindung des Stirn¬ 
hirns mit der gekreuzten Kleinhirnhemisphäre besonders interessirt. Dieses 
Interesse liegt darin begründet, dass, wie neuere Erfahrungen, 
speciell meine eigenen 12 ) gelehrt haben, auch das Stirnhirn bei 
der Erhaltung des Körpergleichgewichts eine erhebliche Rolle 
spielt; dass also durch diese Bahn zwei Hirntheile von functioneli 
sehr ähnlicher Bedeutung eng mit einander verknüpft werden. 
Ich will dabei hier dahingestellt sein lassen, ob die Gleichgewichtsstörungen 
bei Stirnhirnaffectionen auf einer Schwächung beruhen, speciell der Rumpf¬ 
muskeln, deren corticale Centren im Stirnhirn liegen und die ja jedenfalls 
eine grosse Bedeutung für die Erhaltung des Körpergleichgewichts haben 
oder auf der Störung der Verbindung zwischen Stirnhirn und Kleinhirn; 
oder ob, was mir das wahrscheinlichste ist, beide Momente hier eine Rolle 
spielen. 

Damit haben wir die anatomischen Beziehungen des Kleinhirns zu 
anderen Hirntheilen und das Nothwendigste von der Faserung und den Kernen 
des Kleinhirns selber für unser Vorhaben genügend erörtert. Fassen wir 
das Gesagte noch einmal kurz zusammen. Die Rinde speciell des Klein¬ 
hirn wurms bildet den Scheitelpunkt eines Reflexbogens, dem 
vom Rückenmarke und Hirnstamme durch die Hinterstränge. 
GowERs'sche und Kleinhirnseitenstränge und schliesslich be¬ 
sonders auch durch den Vestibularnerven sensible Erregungen 
zugehen, die ihn über die augenblickliche Stellung der Glied¬ 
massen, des Rumpfes und Kopfes, über die Spannung der Muskeln 
und Gelenke und überhaupt über die Lage des gesammten Kör¬ 
pers im Raume unterrichten. Auf Grund dieser Nachrichten re- 
gulirt dann, wenn nöthig, das Kleinhirn Stellung und Bewegung 
der Glieder, des Rumpfes, des Kopfes, der Augen etc. auf dem 
Wege centrifugaler Leitungsbahnen, die die motorischen Vorder¬ 
hornganglien und vor allem auch die Augenmuskelkerne auf dem 
Wege — Fibrae sagittales zum Dachkern; Fasern vom Dachkern 
zum DKiTERsschen Kern, Fasern von dort durch das Corpus resti- 
forme und zum Vorder- und Vorderseitenstrange des Rücken¬ 
marks; ferner zum gleichseitigen Abducens- und via hinteres 
Längsbündel zu beiden Oculomotoriuskernen und zu den Rücken¬ 
marksvordersträngen erreichen, wie das oben genau ausgeführt 


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Kleinhirnerkrankungen. 


219 


und durch die BRUCEschen Schemata 1 und 2 erläutert ist. Dieser 
spinobulbärcerebellare Reflexbogen, von dem ich hier nochmals 
hervorheben will, dass er jedenfalls den Rumpf und die unteren 
Extremitäten inniger mit dem Kleinhirn verbindet als die Arme, 
ist ein mehr automatisch, unter der Schwelle des Bewusstseins 
für die Erhaltung des Körpergleichgewichts wirkender Mecha¬ 
nismus. Nun steht aber dieser spinobulbärcerebellare Reflex¬ 
bogen in Verbindung mit einem ihm übergeordneten cerebello- 
cerebralen; vom Kleinhirn werden speciell durch die vorderen 
Kleinhirnschenkel die dort gesammelten Eindrücke über die 
Lage des Körpers im Raume dem Grosshirn übermittelt und 
dort wohl zu bewussten Vorstellungen umgearbeitet und das 
Grosshirn, speciell das Stirnhirn kann diesen Vorstellungen 
entsprechend wieder auf das anatomische Gleichgewichtscen¬ 
trum im Kleinhirn auf dem Wege der Grossbirnrindenbrücken- 
bahn einwirken, es, wenn nöthig, controlirend und regulirend 
beeinflussen. Da nun aber die zur Erhaltung des Körpergleich¬ 
gewichts nöthigen Muskeln, wie man sich ausdrückt, auch direct 
vom Willen aus in Thätigkeit gesetzt werden können und Gross¬ 
und Kleinhirn sich jedenfalls bei dieser Function gegenseitig 
bis zu einem gewissen Grade vertreten und aushelfen können, 
so müssen natürlich auch directe Bahnen von der sogenannten 
motorischen Zone der Hirnrinde zu den entsprechenden Muskeln 
gehen; für die Rumpfmuskeln verlaufen diese vom Gyrus mar- 
ginalis durch innere Kapsel und Pyramidenbahnen. 

Wenn wir uns nach diesen anatomischen Auseinandersetzungen wieder 
der Klinik zuwenden, so werden wir sofort sehen, dass uns die klinischen 
Erscheinungen bei Erkrankungen des Kleinhirns auch in allen Varietäten 
und scheinbaren Widersprüchen bei Rücksicht auf die anatomischen Ver¬ 
hältnisse sofort klarer und verständlicher werden. Ich habe in meinem schon 
oben erwähnten Vortrage 7 ) im Jahre 1896 als sichere sogenannte Herd¬ 
erscheinungen der Kleinhirnerkrankungen — speciell der Tumoren, auf die 
vor allem sich auch die nachfolgenden Ausführungen beziehen, die Ataxie 
und den Schwindel bezeichnet; als möglicher Weise noch direct von der 
Kleinhirnläsion abhängig: Nystagmus, Intentionstremor und scan- 
dirende Sprache, und eine mit dem Krankheitsherde gleichseitige 
Parese einer Körperhälfte. Wenden wir uns nun der Analyse dieser 
einzelnen Krankheitserscheinungen zu. 

Die sogenannte cerebellare Ataxie, nach Duchennes Bezeichnung 
der dömarche de llvresse, ist in ihrer ausgesprochenen Form ein so eigen¬ 
artiges und dabei so oft beschriebenes Symptom, dass ich mich mit der 
Darstellung seiner Charakteristica hier kurz fassen kann. Nur halte ich es 
für nothwendig hervorzuheben, was auch Nothnagel 13 ) schon gethan hat, 
was aber später nicht immer scharf genug betont ist, dass es bei der cere- 
bellaren Ataxie zwei verschiedene Formen giebt, die insbesondere in schweren 
Fällen sich übrigens mit einander mischen. Die erste ist die häufigste Form, 
auf sie passt vor allem der Vergleich mit der Trunkenheit. Hier geräth der 
Kranke, wenn er überhaupt noch imstande ist zu stehen, dabei in starkes 
Schwanken und Taumeln, und zwar nehmen an diesem Schwanken Rumpf, 
Kopf und Beine theil. Nicht selten besteht die Gefahr, nach einer Seite, 
nach hinten oder nach vorn zu fallen; doch ist es selten, dass das immer 
in derselben Richtung geschieht. Versucht der Kranke zu gehen, so nimmt 
das Schwanken zu und der Gang gleicht ganz dem der Betrunkenen; der 
Kranke macht Bogen- und Zickzackwege. Der Rumpf ist in solchen Fällen 
besonders stark am Schwanken betheiligt, meist besteht auch Lordose. In 


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220 


Kleinhirnerkrankungen. 


reinen Fällen dieser Art sieht inan, dass die Incoordination in den Beinen 
überhaupt nur beim Stehen und Gehen — also soweit Bewegungen zur 
Erhaltung des Körpergleichgewichts in Betracht kommen — auftritt; im 
Liegen und auch mit geschlossenen Augen, z. B. beim Kniehackenversuch 
geschehen dann alle Bewegungen, abgesehen von etwaigen Paresen, ganz 
sicher. Die Arme sind in diesen Fällen überhaupt nicht betheiligt. In der 
zweiten, viel selteneren Form ähneln dagegen die Bewegungsstörungen der 
Kleinhirnkranken viel mehr denen der Tabiker. Es kann dann deutliches 
RoMBERG'sches Symptom vorhanden sein; der Gang geschieht mit ausge¬ 
sprochenem Hahnentritte; auch im Liegen, besonders mit geschlossenen 
Augen, sind die Bewegungen der Beine ataktisch, schiessen über das Ziel 
hinaus und an demselben vorbei. Eine deutliche Störung des Muskel- und 
Bewegungsgefühls ist auch in diesen Fällen noch nicht beobachtet; auch 
muss man sich hüten, eine durch Parese bedingte Unsicherheit für Ataxie 
zu halten. Manchmal ergreift in diesen Fällen die Ataxie auch die Arme, 
doch ist das jedenfalls sehr selten, meistens zeigt sich eine etwa vorhandene 
Bewegungsstörung der Arme in der Form des Intentionstremors. In einer 
dritten Reihe von Fällen ist, wie gesagt, die Kleinhirnataxie aus den beiden 
Formen gemischt. 

Unsere anatomischen Auseinandersetzungen erklären uns nun leicht 
die cerebellare Ataxie an sich und alle ihre Besonderheiten. Wir haben, um 
hier zunächst einmal nur den spinobulbärcerebellaren Reflexbogen in Betracht 
zu ziehen, gesehen, dass das Kleinhirn und speciell der Kleinhirnwurm den 
Scheitelpunkt eines Reflexbogens bildet, dem von der Peripherie sensible 
Reize Zuströmen, die es veranlassen, auf centrifugalem Wege auf die zur 
Erhaltung des Körpergleichgewichtes dienenden Muskeln controlirend und 
regulirend einzuwirken. Damit ist ohneweiters klar, dass eine Läsion der 
betreffenden Kleinhirngebiete zu Störungen des Körpergleichgewichtes führen 
muss. Es ist aber ebenfalls durchaus klar, dass, wenn der Krankheitsherd 
im Kleinhirn mehr die Fortsetzungen der hinteren Wurzeln, die in den 
Hintersträngen und in der Kleinhirnseitenstrangbahn zu ihm aufsteigen, 
trifft, die cerebellare Ataxie eine der tabischen sehr ähnliche sein kann; 
während, wenn er mehr die vom Kleinhirn absteigenden Bahnen zu den zur 
Erhaltung des Körpergleichgewichts besonders wichtigen Muskeln am Rumpf 
und Extremitäten ergreift, das Schwanken, Taumeln, der Zickzackgang, kurz 
der demarche de 1‘ivresse ohne Romberg und ohne Ataxie beim Kniehacken- 
versuch eintritt. Da aber im Kleinhirn und besonders im und in der Nähe 
des Wurmes beide Bahnen — die auf und absteigende — sich nahe be¬ 
rühren (s. Schema 3), so wird es sich in vielen Fällen wohl nicht um scharf 
abgegrenzte Krankheitsbilder der einen oder der anderen erwähnten Art 
handeln, sondern um Mischformen, die Züge der tabischen und der specifi- 
schen cerebellaren Ataxie gemeinsam an sich tragen. 

Nicht unverständlich erscheint es auch, dass an der Ataxie der Klein¬ 
hirnkranken, dem Schwanken und Taumeln vor allen Dingen der Rumpf und 
dann die Beine, die letzteren vor allem wieder beim Stehen und Gehen, 
soweit sie also zur Erhaltung des Körpergleichgewichts im allgemeinen bei¬ 
tragen, theilnehmen, weniger die Arme, die an dieser Function am wenig¬ 
sten betheiligt, wenn auch nicht ganz unbetheiligt sind. Wir wissen aller¬ 
dings bisher nicht, ob die vom Kleinhirn absteigenden Bahnen vor allem 
zu den Vorderhornganglien in der Rumpf- und Beinregion gelangen, dagegen 
wissen wir, dass im centripetalen Theile des spinobulbärcerebellaren Reflex¬ 
bogens zwei besondere Bahnen — die GowERS’sche und Kleinhirnseitenstrang¬ 
bahn — aus der Bein- und Rumpfregion der Medulla spinalis stammen; 
dass diese beiden Gebiete also viel inniger mit dom Kleinhirn verbunden 
sind als die Arme, für die solche gesonderte Bahnen nicht oder nur in sehr 



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Kleinhirnerkrankungen. 


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geringem Masse existiren. Die Betheiligung des Kopfes am Schwanken er¬ 
klärt sich wohl ohneweiters aus der Läsion des Vestibularnerven und seiner 
Fortsetzung ins Kleinhirn. Das häufige Fallen nach einer Seite kann erklärt 
werden durch eine Affection der motorischen Bahnen, die vom DEiTKRS schen 
Kerne hauptsächlich in die gleichseitigen Vorder- und Vorderseitenstränge 
gelangen; es würde dann meist nach der Seite der Kleinhirnerkrankung ge¬ 
schehen. Doch wäre es möglich, dass eine Reizung der betreffenden Bahnen 
und Centren, speciell des Deiters’ sehen Kernes auch ein Fallen nach der 
anderen Seite bedingen könnte. Das Fallen nach vorn oder hinten wird man 
sich durch eine besondere Schwächung entweder der vorderen oder hinteren 
Wirbelsäulenmusculatur verständlich machen können; doch könnten sich auch 
hier Lähmungs- und Reizsymptome combiniren. 

Schliesslich ist es natürlich selbstverständlich, dass die cerebellare 
Ataxie sich sehr verstärken wird, wenn, wie in den meisten Fällen gröberer 
Erkrankungen, neben dem spinobulbärcerebellaren Reflexbogen auch noch 
der cerebellocerebrale in seinem aufsteigenden (Fasern vom Corpus den- 
tatum zum Bindearm) oder in seinem absteigenden Aste (Fasern vom Stirn¬ 
hirn durch Pons und Brückenarm zur Rinde der gekreuzten Kleinhirnhemi¬ 
sphäre) oder in beiden zugleich betroffen wird. Denn dann erhält das Grosshirn 
keine Nachrichten mehr von den unter pathologischen Bedingungen stehenden 
Verhältnissen im Kleinhirn und kann auf dieses nicht mehr regulirend ein¬ 
wirken; ausserdem ist, wie leicht ersichtlich, dem Grosshirn damit auch die 
ihm sonst bis zu einem gewissen Grade innewohnende Macht, die Kleinhirn¬ 
störungen auf dem Wege der sogenannten Willensbahnen zu compensiren, 
natürlich erheblich beschnitten. 

Grosse Schwierigkeiten hat, wie schon hervorgehoben, der 
allgemeinen Anerkennung der sogenannten cerebellaren Ataxie 
immer wiederderUmstand bereitet, dass diese Ataxie in nicht so 
seltenen Fällen, auch von Kleinhirngeschwülsten, vermisst wurde. 
Nothnagel 13 ) war der erste, der erkannte, dass dies Fehlen besonders 
häufig war bei Geschwülsten der Kleinhirnhemisphären, die auch indirect, 
durch Druck, den Wurm nicht betheiligten, während bei Erkrankung des 
Wurms selbst die Ataxie fast regelmässig vorhanden war. Aber er hat selber 
schon zugegeben, dass hier Ausnahmen Vorkommen; er hat das gelegentliche 
Fehlen von Gleichgewichtsstörungen bei Wurmtumoren auf das ganz lang¬ 
same Wachsthum dieser Geschwülste, die den nicht lädirten Kleinhirntheilen 
Zeit zu einer Functionsübernahme der erkrankten lassen, sowie auf eine in- 
filtrirende, nicht zerstörende Wirkung einzelner Geschwülste geschoben. Von 
anderer Seite wurde, wie schon erwähnt, darauf hingewiesen, dass bisher 
zwar Fälle von Tumoren vorderer Theile des Wurmes, aber nicht solche 
hinterer Theile desselben ohne Ataxie beobachtet seien. Sei dem wie ihm 
wolle, jedenfalls giebt uns unsere anatomische Betrachtung auch für die 
scheinbaren Willkürlichkeiten im Auftreten der Ataxie bei Kleinhirnerkran¬ 
kungen eine genügende Erklärung. Man braucht nur das Schema 33 anzu¬ 
sehen, um 1. zu erkennen, dass ein Tumor der äusseren Theile der Hemi¬ 
sphären des Kleinhirns, der den spinobulbärcerebellaren Reflexbogen ganz 
und auch den ansteigenden Theil des cerebellocerebralen freilässt, keine 
oder nur sehr geringe Ataxie hervorzurufen braucht. Dagegen ist es 2. leicht 
ersichtlich, dass ein zerstörender Tumor des Wurms sehr bald sowohl 
sämmtliche vom Rückenmark und Hirnstamm zur Wurmrinde aufsteigende 
Bahnen, wie die Bahnen vom Wurm zum Dachkern, von da zum Deiters- 
schen Kern, also den gesammten spinobulbärcerebellaren Reflexbogen zer¬ 
stören kann; aber auch das Corpus dentatum und seine Fasern zum oberen 
Kleinhirn Schenkel liegen nicht weit davon entfernt und mit ihrer Läsion wird 
auch der cerebellocerebrale Reflexbogen erheblich in Mitleidenschaft gezogen. 


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Kleinhirnerkrankungen. 


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Dennoch kann 3. ein comprimirender Tumor des Wurms, wenn er genau in 
der Mittellinie sitzt und weniger zerstört als comprimirt, lange Zeit ohne 
Gleichgewichtsstörungen verlaufen; er wird von den vom Rückenmark auf- 
steigenden Bahnen nur die wenigen, sich kreuzenden zerstören; die grosse 
Zahl der sich nicht kreuzenden Bahnen des aufsteigenden und ebenso des 
absteigenden Astes des spinobulbärcerebellaren Reflexbogens kann er ein¬ 
fach zur Seite drängen, ohne sie zu lädiren und in ihrer Function zu stören 
und noch mehr natürlich auch das Corpus dentatum und die von ihm aus¬ 
gehenden Fasern zum oberen Kleinhirnschenkel. Auf der anderen Seite braucht 
ein Tumor der Hemisphäre nur bis an das Corpus dentatum heranzureichen., 
so wird er neben diesem, wie Fig. 33 zeigt, noch den grössten Theil der 
Bahnen zerstören, die das Rückenmark mit dem Kleinhirn verbinden, be¬ 
sonders die cerebellopetaien; es werden schwere Gleichgewichtsstörungen ein- 
treten; ja nach Bruce 12 ) müssen diese ataktischen Symptome bei einseitigen 
Tumoren, die diese Gegend erreichen, noch stärker sein als bei genau median 
gelegenen, da dann die Einwirkung des cerebellaren Gleichgewichtscentrums 


V\g. 

Oberwurm 



Schematischer Querschnitt durch das Kleinhirn zur Darstellung der Verbindungen des 

Wurmes. »Nach KRICK.) 

FS Fibrae «aginales; CR Corpm» n*sti forme: CD Corpus dentatum; PCS Pedunculus cerebelli 
su]>«*rior ; XT Nucleus tegincnti ; TC V Tractus rerebello vetmbularis ; VIV 4 Ventrikel; DK 
JJKlTKHS'scker Kern; VIII Nervus acusticua. 


auf einer Seite noch fortbestehe, auf der anderen fehle, die Resultate 
also asymmetrischer und damit auffälliger würden, während bei Affectionen 
der Mittellinie unter Umständen nur eine ganz symmetrische und wenig auf¬ 
fällige Schwächung aller Kleinhirnfunctionen einträte. 

Schliesslich will ich noch erwähnen, dass es selbstverständlich ist, dass 
die Läsionen der einzelnen Kleinhirnschenkel dieselben Symptome hervor- 
rufen müssen als die Zerstörung der von .ihnen ausgehenden Bahnen im 
Kleinhirn selbst; es handelt sich hier namentlich um Gleichgewichtsstörungen, 
die ihren Ausdruck in Rotationsbewegungen des Körpers um die Längsachse 
finden. Nach Bruce 10 ) sollen diese Erscheinungen besonders bei Affectionen 
der unteren und oberen Kleinhirnschenkel eintreten, was ja ganz verständ¬ 
lich wäre, weil diese Schenkel die für das Körpergleichgewicht, wie wir 
sahen, wesentlichen Bahnen aus und zum Rückenmark, respective den 
centripetalen Antheil des cerebellocerebellaren Reflexbogens aus dem Corpus 
dentatum enthalten; früher hat man gerade ein besonders häufiges Vor¬ 
kommen der Rotationsbewegungen bei Läsion der Brückenschenkel be¬ 
hauptet; doch sind die dafür angeführten Fälle aus der menschlichen Patho¬ 
logie alle wenig beweisend. 


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Kleinhirnerkrankungen. 


223 


Ein zweites sicheres und oft sehr früh eintretendes Localsymptom des 
Kleinhirns ist der Schwindel. Es handelt sich um einen echten Dreh¬ 
schwindel. Der Kranke hat entweder das Gefühl, dass die Gegenstände im 
Raume, z. B. Bilder an der Wand, sich um ihn drehen, oder dass er selber 
gedreht wird. Der Schwindel kann dauernd bestehen und anfallsweise sich 
so verstärken, dass der Kranke zu Boden stürzt, dann wird er natürlich 
die Ataxie sehr verschlimmern, oder kommt nur anfallsweise vor, besonders 
bei Lageveränderungen des Kopfes, wie Aufrichten und Niederlegen. Der 
Kleinhirnschwindel entspricht in seiner Art ganz dem bei Erkrankungen des 
Ohrlabyrinths, besonders der Bogengänge beobachteten, den man als Meniüre- 
schen Schwindel bezeichnet. Da nun der Vestibularnerv direct in den Deitbrs- 
schen Kern gelangt und von da Fasern zum Dachkern des Wurmes ge¬ 
langen — Bruce 10 ) hält diese Fasern allerdings für rein motorisch, während 
Bechterew 3 ) in ihnen sicher Octavusfasern annimmt — so wird man wohl 
nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass der Schwindel der Kleinhirn¬ 
kranken auf einer Läsion der intracerebellaren Fortsetzungen des Vestibular- 
nerven beruht. Auch er kann dann, wie Fig. 33 zeigt, bei Wurmerkrankungen 
besonders stark sein; wie dieselbe Fig. 33 aber zeigt, können wenigstens 
den DEiTERs'schen Kern und den 8 Hirnnerven an der Basis selbst auch Tu¬ 
moren der Hemisphären, besonders ihrer unteren Fläche, leicht treffen; da¬ 
mit würde stimmen, dass der Schwindel bei Kleinhirnerkrankung ein noch 
constanteres Symptom ist wie die Ataxie und auch bei Hemisphärenerkran¬ 
kungen kaum fehlt. Wenn der Schwindel durch Druck des Tumors auf den 
Acusticus an der Basis hervorgerufen wird, wird neben ihm einseitige Schwer¬ 
hörigkeit, respective Taubheit bestehen. 

Wir kommen jetzt zu den drei Symptomen, die ich früher als zweifel¬ 
hafte Localerscheinungen des Kleinhirns bezeichnet habe, den Nystagmus, 
die scandirende Sprache und den Intentionstremor und eine 
Parese der der Kleinhirnläsion gleichseitigen Körperhälfte. Was 
den ersteren anbetrifft, so habe ich damals besonders hervorgehoben, dass 
Nystagmus bei Kleinhirnerkrankungen oft beobachtet wird, dass er auch bei 
den physiologischen Experimenten eine grosse Rolle spielt und dass auch 
Hitzig die beim Galvanisiren des Kopfes eintretenden nystagmischen 
Zuckungen auf das Kleinhirn bezogen hat. Dennoch neigte ich mich damals 
der Ansicht zu, dass wenigstens in den meisten Fällen von Kleinhirntumoren 
die nystagmischen Zuckungen durch Druck auf die Kernregion der Augen¬ 
muskeln bedingt sei; es sei ein paretischer Nystagmus, ein Vorläufer der 
schliesslich bei Tumoren des Kleinhirns sehr häufigen Ophthalmoplegie. Ich 
nehme für viele Fälle auch jetzt noch diese Pathogenese an, aber ich kann 
doch nicht umhin, gerade in Rücksicht auf die genaueren Kenntnisse, die 
uns die neueste Zeit über die Verbindungen des Kleinhirns mit den Kernen 
der Augenmuskelnerven gebracht hat, zuzugesteben, dass wenigstens Augen¬ 
muskelparesen und nystagmische Zuckungen auch directe Folge einer Klein¬ 
hirnläsion selbst sein können. Ein Blick auf Fig. 32 lehrt, dass der Wurm 
des Kleinhirns mit dem ÜEiTERS’schen Kern und dieser mit dem gleich¬ 
seitigen Abducens- und durch Vermittlung der hinteren Längsbündel mit 
beiden Oculomotoriuskernen in Verbindung steht. (Damit sind übrigens auch 
die physiologisch und praktisch sehr wichtigen Verbindungen der Augen¬ 
muskelnerven mit dem Hörnerven oder wenigstens mit den Bogengängen 
festgestellt — Nystagmus bei Ohrleiden.) Auf diesen Bahnen können z. B. 
bei Reizung eines Deiters sehen Kernes die verschiedenartigsten nystagmi¬ 
schen Zuckungen entstehen; ist die Bahn vom ÜEiTERSschen Kern nach dem 
gleichseitigen Abducenskern unterbrochen, von dem ja auch Verbindungen 
zum gekreuzten Kernantheil des Rectus internus bestehen, so kann der 
Blick nach der Seite der Läsion erschwert sein; es können bei Versuchen, 


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Kleinhirnerkrankuugen. 


den Blick nach dieser Richtung zu lenken, nystagmische Zuckungen auf- 
treten und schliesslich die Augen dauernd nach der anderen Seite deviiren. 

Vom Intentionstremor, der bei Kleinhirnerkrankungen be¬ 
sonders an den Armen vorkommt, und von der scandirenden Sprache mochte 
ich auch jetzt noch behaupten, dass sie beide speciell bei den Tumoren eine 
Folge der Nachbarschaftswirkung auf Hirnstamm und Pyramidenbahnen sind. 
Sie sind zwar* noch bei vasculären Erkrankungen des Kleinhirns beobachtet, 
aber in diesen Fällen war auch der Hirnstamm nicht ganz frei von Krank¬ 
heitsherden. Wenn Ferrier 2 ) Recht hat, dass das Kleinhirn besonders für 
tonische Muskelcontractionen in Anspruch genommen wird, so wäre es ja 
leicht erklärlich, dass bei seinem Ausfall clonische Muskelactionen, resp. 
Tremor eintreten. 

Ganz besondere Schwierigkeiten hat immer die Frage bereitet, ob bei 
alleinigen Läsionen des Kleinhirns, respective einer Kleinhirnh&lfte auch 
Lähmungserscheinungen an Rumpf und Extremitäten Vorkommen, und auf 
welcher Seite im Verhältniss zur Kleinhirnerkrankung diese sitzen. Noch 
die letzte grosse Debatte über Hirntumoren in der Londoner neurologischen 
Gesellschaft (Brain, 1898, pag. 291) zeigt, wie wechselnd die Verhältnisse 
hier sein können — gleichseitige oder gekreuzte Lähmung, schlaffe oder 
spastische, mit Fohlen oder Steigerung der Sehnenreflexe. Die Schwierig¬ 
keiten sind deshalb so gross, weil wenigstens jeder grosse Kleinhirntumor 
auch durch Druck auf den Hirnstamm Lähmungen der Extremitäten her- 
vorrufen kann; da ein Tumor sowohl den Hirnstamm der gleichen wie durch 
Drücken gegen den Knochen auch den der anderen Seite oberhalb der 
Pyramidenbahnkreuzung comprimiren kann, so können diese Lähmungen ge¬ 
kreuzt mit der Kleinhirnläsion oder auf derselben Seite sitzen; sie sind 
meist spastische, können später aber auch schlaffe werden und es können 
auch die Patellarreflexe bei ihnen fehlen. Sicher scheint zu sein, dass voll¬ 
kommene Lähmungen kaum jemals von einer Kleinhirnläsion allein abhängen 
werden. Dagegen legen es unsere jetzt gesicherten Kenntnisse von den motori¬ 
schen Verbindungen des Kleinbirnwurms mit den Vorder- und Vorderseiten¬ 
strängen des Markes (s. Fig. 32) doch nahe, dass wenigstens eine Parese, 
vor allem der gleichseitigen Körperhälfte, auch von der Kleinhirnläsion allein 
abhängen konnte. Auch giebt es aus der menschlichen Pathologie einzelne 
einwandsfreie Fälle, die diese Annahme beweisen. So waren in einem Falle 
Rüssei/s von einseitigem Kleinhirnabscess die Extremitäten auf der Seite 
der Läsion — also ungekreuzt — paretisch, während die Augen nach der 
anderen Seite abwichen. Diese Deviation der Augen war durch eine Läsion 
des Pons auf der Seite des Abscesses bedingt, die Extremitätenlähmung 
konnte aber nicht durch eine Affection der Pyramide an derselben Stelle 
bedingt sein, da sie sonst gekreuzt hätte sein müssen. Sie konnte also nur 
vom Kleinhirn direct abhängen. In diesen Fällen würde dann auch ein 
Schwanken und Fallen der Kranken nach der Seite des Tumors sich leicht 
erklären. Ist die Bahn vom Kleinhirn zum Deiters sehen Kern ganz zerstört 
so kann die Lähmung eine schlaffe sein; Bruce 10 ) nimmt aber auch an. 
dass bei Reizung eines Deiters sehen Kernes auch Spasmen der Extremitäten 
und erhöhte Sehnenreflexe eintreten könnten und dann vielleicht durch ein 
über das Ziel Hinausschiessen der Bewegungen der gleichseitigen Extremi¬ 
täten ein Fallen nach der gekreuzten Seite. Irgendwelche Sensibilitäts¬ 
störungen finden sich an den paretischen Gliedern nicht, wenn die Läh¬ 
mung allein von der Kleinhirnläsion abhängt. 

Risiex Rüssel und Hüghlixgs Jackson 14 ) nehmen an, dass bei Klein- 
hirnaffectionen eine besondere Schwäche der Rumpfmuskeln eintritt, und sie 
wollen die cerebellare Ataxie in der Hauptsache auf diese Rumpfmuskel¬ 
schwäche zurückführen. Für diese Ansicht spricht 1. dass bei Stirnhirn- 


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Kleinhirnerkrankungen. 


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tumoren eine der Kleinhirnataxie ganz ähnliche Störung des Gleichge¬ 
wichts eintritt, und dass im Stirnhirn die corticalen Centren für die Rumpf- 
musculatur liegen; 2. dass, wie wir sehen, besonders enge anatomische 
Beziehungen zwischen Stirnhirn und Kleinhirn vorhanden sind; 3. dass die 
wichtigste cerebellopetale Bahn aus dem Rückenmark — die Kleinhirnseiten¬ 
strangbahn besondere Beziehungen zur Rumpfregion hat. Jackson will auch 
bei Kleinhirnerkrankungen besondere Schwäche der Rumpfmusculatur selber 
constatirt haben, das ist mir nie gelungen. Selbstverständlich wird aber 
an der Schwächung der Musculatur, die durch die Kleinhirnläsion allein 
eintritt, auch die Rumpfmusculatur theilnehmen. Dass ich nicht der An¬ 
sicht bin, dass bei Kleinhirnerkrankungen die Schwäche der 
Rumpfmusculatur die alleinige Ursache der cerebellaren Ataxie 
sei, brauche ich nach meinen obigen Ausführungen kaum noch 
zu sagen; ich verweise namentlich auf die von mir angenommenen 
zwei Arten der cerebellaren Ataxie; wohl aber glaube ich, dass 
sie in vielen Fällen ihren Theil zu der Entstehung dieser Er¬ 
scheinung beitragen wird. 

Damit hätten wir alle mit Sicherheit oder doch mit grosser Wahr¬ 
scheinlichkeit bei alleiniger Erkrankung des Kleinhirnes vorkommenden Sym¬ 
ptome angeführt, ihre anatomisch-physiologische Grundlage erörtert und die 
Varietäten und scheinbaren Willkürlichkeiten ihres Auftretens erklärt. Die 
wichtigsten und specifischsten Kleinhirnsymptome sind die cerebellare 
Ataxie und der Schwindel. Aber auch diese Symptome sind nicht so 
specifisch, dass man aus ihrem Vorhandensein allein ohne weiteres auf eine 
Kleinhirnerkrankung schliessen könnte. Bleiben wir zunächst einmal bei der 
Ataxie und erinnern wir uns daran, was wir oben über ihre Entstehung 
und über den Verlauf derjenigen Bahnen ausgeführt haben, die die der Er¬ 
haltung des Körpergleichgewichts dienenden Reflexbogen zusammensetzen, so 
ergiebt sich dieser Umstand übrigens schon ohne weiteres aus diesen anatomi¬ 
schen Auseinandersetzungen. Denn die Symptome müssen dieselben 
sein, ob eine das Kleinhirn mit einem anderen Theile des Central¬ 
nervensystems verbindende Bahn im Kleinhirn oder auf dem Wege 
dahin oder daher lädirt wird. Da nun sowohl im Rückenmarke wie im 
Hirnstamme Bahnen zum Kleinhirn aufsteigen und von dort dahin wieder 
zurückkehren, da das Kleinhirn ausserdem auch mit dem Grosshirn in innigster 
Verbindung steht, Verbindungen, die wieder ihren Weg durch den Hirnstamm 
und die vorderen und mittleren Kleinhirnschenkel nehmen, so können wir 
a priori schliessen, dass auch bei Läsion aller dieser Hirngebiete der cerebellaren 
Ataxie gleiche oder sehr ähnliche Symptome entstehen können. Dieser Vor¬ 
aussetzung entsprechen auch die Thatsachen vollkommen. Ich habe oben 
ausgeführt, dass die cerebellare Ataxie ausser dem für sie typischen Schwanken, 
der Titubation der Franzosen, manchmal auch Züge der tabischen Ataxie 
trägt: Unsicherheit beim Kniehackenversuche, Hahnentritt, RoMBERGsches 
Symptom. Beide Formen der Ataxie kommen nun auch bei Rückenmarks¬ 
erkrankungen vor, die letztere bei der echten Tabes, die erstere bei der 
hereditären Ataxie Friedreichs, deren Rückenmarksbefund übrigens nach 
Senator von einer primären Kleinhirnerkrankung abhängen soll. Im Bulbus 
kommt, wie das neuerdings besonders Reinhold 1ö ) hervorgehoben hat, die 
der Tabischen gleichende Ataxie durch die Erkrankung der Hinterstrangs¬ 
schleifenbahn, die »cerebellare« durch eine solche der Kleinhirnseitenstrangs¬ 
und vielleicht der Kleinhirnolivenbahn zustande. Eine der Kleinhirnataxie be¬ 
sonders ähnliche Störung des Gleichgewichtes, die sich meist aus beiden er¬ 
wähnten Arten der cerebellaren Ataxie zusammensetzt, kommt ferner bei 
Erkrankungen der Vierhügel vor, und ich selbst lft ) habe durch Mittheilung 

Encyclop. Jahrbücher. IX. 15 


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Klcinhirnerkrankungen« 


zweier Krankheitsfälle bewiesen, dass dadurch und oft auch durch Sym¬ 
ptome von Seiten der Nachbarschaft Vierhügel- und Kleinhirntumoren sich 
so ähnlich sehen können, dass eine Unterscheidung unmöglich ist. Schliess¬ 
lich habe ich 12 ) im Jahre 1891 auf der Naturforscherversammlung in Halle 
im Anschluss an eigene und fremde Erfahrungen gezeigt, dass auch bei 
Tumoren des Stirnhirnes eine Gleichgewichtsstörung vorkommt, die für sich 
allein betrachtet von cerebellarer Ataxie, deren erste, häufigere Unterart sie 
copirt, nicht zu unterscheiden ist. Ich habe lange Zeit geschwankt, wie diese 
sogenannte frontale Ataxie zu erklären sei, deren Vorkommen jetzt allgemein 
anerkannt ist, ob mehr durch eine Lähmung der Rumpfmuskeln, deren corticale 
Centren an der medianen Seite des Stirnhirns liegen — ein Tumor speciell — 
der eines dieser Centren lädirt, kann natürlich leicht auch das andere treffen; 
oder durch eine Unterbrechung derjenigen Verbindungen, die, wie wir sehen, 
gerade zwischen Stirnhirn und gekreuzter Kleinhirnhemisphäre bestehen. Ich 
glaube jetzt, dass beide Umstände eine Rolle spielen; für die Bedeutung der 
Rumpfmuskelparese, für die Entstehung der frontalen Ataxie sprechen auch Be¬ 
obachtungen Oppenheim s 17 ) und anatomische Untersuchungen FlechskVs. 1v ) 

Was dann den Schwindel angeht, das zweite specifische Kleinhirn¬ 
symptom, so sind Schwindelgefühle an und für sich ein sehr vages Sym¬ 
ptom, ganz abgesehen von dem Missbrauche, der mit diesem Ausdrucke von 
den Patienten getrieben wird. Aber auch der für Kleinhirnerkrankungen 
charakteristische echte Drehschwindel ist keineswegs ein specifisches Zeichen 
für diese Erkrankung. Ich brauche hier nur an den MENifcRE’schen Sym- 
ptomencomplex zu erinnern. Wie nämlich sicher feststeht, kommt ganz die¬ 
selbe Form des Schwindels bei Ohrleiden, speciell solchen des inneren Ohres 
vor, dann bei Erkrankung des achten Hirnnerven an der Hirnbasis und 
während seines intramedullären Verlaufes. Der Schwindel kann bei der M£niere- 
schen Erkrankung anfallsweise auftreten und sich mit Bewusstlosigkeit ein¬ 
fachem Niederstürzen ohne Bewusstseinspause und Erbrechen verbinden — 
ein Symptomencomplex, der ganz besonders den Verdacht eines Kleinhirn¬ 
tumors hervorrufen würde; oder er besteht continuirlich. Dann findet sich 
meist auch Taumeln und Schwanken beim Stehen und Gehen, ganz wie bei 
Kleinhirnkranken. Auch bei Taubstummen findet man manchmal diesen 
taumelnden, an den der Betrunkenen erinnernden Gang. 

Es ist ohne weiteres ersichtlich, dass die Thatsache, dass gerade die 
bei alleiniger Erkrankung des Kleinhirns constantesten und daher wichtigsten 
Symptome auch bei der Erkrankung einer grossen Anzahl anderer Theüe 
des Centralnervensystems Vorkommen können, nur zu sehr geeignet ist, die 
Diagnose einer Kleinhirnerkrankung zu erschweren, wenn auch gewiss zu¬ 
gegeben werden soll, dass bei dem Zusammentreffen aller der von 
mir besprochenen Bahnen im Kleinhirne bei Affectionen dieses 
Ortes, speciell die Ataxie, besonders leicht, früh und intensiv ein- 
treten wird. Ich kann hier nicht auf die differentielle Diagnose zwischen 
den Kleinhirnerkrankungen und denen der anderen oben angeführten Hirn- 
theile eingehen, bei denen namentlich eine der cerebellaren Ataxie gleiche 
Störung des Körpergleichgewichtes vorkommt; es genüge darauf hinzuweisen, 
dass für einzelne Erkrankungen, z. B. für die Tabes, die Differentialdiagnose 
fast nie Schwierigkeiten bietet; dass die Unterscheidung zwischen Stirnhirn- 
und Kleinhirnataxie bei Berücksichtigung aller Nebenumstande ebenfalls meist 
gelingt; dass dagegen, wie ich selbst erlebt habe 16 ), die Begleitsymptome 
einer Vierhügel- und einer Kleinhirnataxie sich so ähnlich sehen können, 
dass eine differentielle Diagnose fast unmöglich ist. Im übrigen verweise ich 
auf die oben angeführten und einige andere frühere Publicationen von mir, 
in denen diese Fragen genau erörtert sind. 7 > 12 > 16> 19 * 20 ) 


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Kleinhirnerkrankungen. 


227 


Dagegen wird die vorliegende Arbeit, die die Symptome der Kleinhirn¬ 
erkrankungen mit besonderer Rücksicht au! anatomisch-physiologische Ver¬ 
hältnisse schildern soll, eine sehr unvollkommene sein, wenn ich hier, wie 
bisher, nur die eigentlichen Localsymptome der Kleinhirnerkrankungen be¬ 
rücksichtigen wollte. Gerade bei der häufigsten und deshalb wichtigsten Art 
der Kleinhirnerkrankungen, bei den Tumoren, spielen neben den Localsym¬ 
ptomen für die Diagnose auch noch andere Erscheinungen eine Rolle, die 
wir als Allgemein- und als Nachbarschaftssymptome bezeichnen; ja manchmal 
kann ihr Vorhandensein sogar die Diagnose sicherer machen als die eigent¬ 
lichen Localsymptome. Ich will deshalb jetzt auf ihre Darstellung eingehen 
und habe damit dann ein vollständiges Bild der Symptomatologie der Klein¬ 
hirngeschwülste gegeben; zum Schlüsse will ich dann noch ein paar 
Worte über die anderen Kleinhirnerkrankungen: Abscesse, Blutungen, 
Erweichungen, Sklerosen und Defecte sagen. 

Die Allgemeinerscheinungen sind beim Tumor cerebelli in ihrer 
Art dieselben wie bei allen Hirngeschwülsten, nur zeichnen sie sich fast 
alle durch frühes Eintreten und grosse Intensität aus, das liegt daran, dass 
gerade beim Kleinhirntumor meist sehr frühzeitig ein starker Hy drocephalus 
internus mit Erweiterung der Ventrikel eintritt, dass dieser Hydrocephalus 
wesentlich zur Vermehrung des sogenannten Hirndruckes beiträgt und dass 
die hauptsächlich in Betracht kommenden allgemeinen Symptome des Hirn¬ 
tumors: die Kopfschmerzen, das Erbrechen, die Stauungspapille im wesent¬ 
lichen Folgen dieses vermehrten Hirndruckes sind. Der Kopfschmerz ist 
meist ein ganz enormer. Meist sitzt er im Hinterkopfe und verbindet sich 
dann manchmal mit Nackensteifigkeit; nicht selten aber auch in der Stirn, 
und zwar nach Angabe englischer Autoren (Brain, 1898, 1. c.) in der mit der 
erkrankten Kleinhirnhemisphäre gekreuzten Hirnseite, was wieder auf die 
anatomischen Verbindungen des Kleinhirnes mit dem Stirnhirne hinweisen 
soll. Es ist häufig besonders intensiv, wenn der Patient einige Stunden ge¬ 
schlafen hat; so wachen diese Kranken oft in den frühen Morgenstunden 
mit den heftigsten Kopfschmerzen auf. Manchmal wird seine Intensität auch 
beeinflusst durch eine gewisse Haltung des Kopfes; so sah ich einen Patienten, 
der den Kopf deshalb auch im Sitzen immer nach der vom Tumor afficirten 
Seite geneigt hielt; ein anderer (Kleinhirntumordiagnose ohne Autopsie) hielt 
während des heftigsten Kopfschmerzes stets das Kinn auf die Brust gesenkt. 
R. Schmidt 21 ) hat vor kurzem einige Fälle veröffentlicht, wo die Kranken 
sofort die heftigsten Kopfschmerzen, ferner Schwindel, Erbrechen etc. be¬ 
kamen, wenn sie sich auf die dem Kleinhirnhemisphärentumor entgegen¬ 
gesetzte Seite legten, so dass sie instinctiv, wie in einer Art Zwangslage, 
immer auf der Seite des Tumors lagen; er führt das darauf zurück, dass 
ein Tumor der Kleinhirnhemisphären den Aquaeductus Sylvii und die übrigen 
die Ventrikel mit dem Subarachnoidealraum des Schädel- und Rückenmarks¬ 
canals verbindenden Oeffnungen besonders leicht verschliessen und so zur Ver¬ 
mehrung des Schädelinnendruckes führen kann, wenn er beim Liegen des 
Patienten auf der von ihm abgewandten Seite von oben auf die Medulla 
oblongata drückt; dagegen fehle dieser Druck, wenn beim Liegen des Kranken 
auf der Seite des Tumors dieser unterhalb der Medulla liegt. Ich habe 
ähnliches gesehen; kann mir aber vorstellen, dass ein Tumor in dieser 
Gegend auch durch Zug am Hirnstamme zum Verschlüsse der die Hirn¬ 
flüssigkeit abführenden Wege führen kann; dann werden die obenerwähnten 
Symptome eines vermehrten Hirndruckes gerade schlimmer werden, wenn 
der Kranke auf der Seite des Tumors liegt. Dass das nicht rein 
theoretische Ueberlegungen sind, geht aus einer Beobachtung Mitchell 
Clarkes (Brain, 1898) hervor, wo der Kleinhirnkranke in der That eine 

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Kleinhirnerkrankungcn. 


- > o s 

Zwangslage auf der dem Tumor abgekehrten Seite einnahm, und sich stets, 
fast automatisch wieder nach dieser Seite herumdrehte, wenn er auf die 
andere gelegt war. 

Die Stauungspapille tritt beim Kleinhirntumor früh ein und wird 
früh sehr stark. Blutungen und Verfettungen in der Retina sind häufig, 
rasch tritt Amblyopie und Erblindung mit Atrophie des Sehnerven ein. 

Das Erbrechen ist meist von quälender Hartnäckigkeit, es ist viel¬ 
leicht eher als ein Nachbarschaftssymptom von Seiten der Medulla oblongata 
aufzufassen; es tritt, wie der Kopfschmerz, oft früh, bei nüchternem Magen 
ein . dann auch oft wenn der Kranke seine Lage wechselt, sich aufrichtet 
oder niederlegt. 

Von Convulsionen kommen oft tonische Spannungen der gesammten 
Körpermusculatur mit Opisthotonus und Are de cercle-Bildung vor. die 
mit convulsivischem Zittern der Muskeln einsetzen oder schliessen; echte 
epileptische Anfälle sind selten, noch seltener partielle Epilepsie. 

Bei Kindern tritt — ebenfalls wohl infolge des starken Hydrokephalus — 
der zu einem Auseinanderweichen der Schädelnähte und einer messbaren Zu¬ 
nahme des Kopfumfanges führen kann, häufig ausgesprochene Tympanie und 
Bruit de pot feie bei Beklopfen des Schädels ein; ja man muss sagen, 
dass die allgemeine Tympanie bei keinem anderen Tumorsitze so häufig und 
so deutlich ist wie bei Kleinhirntumoren im kindlichen Alter. Ganz beson¬ 
ders deutlich pflegt diese Anomalie des Percussionstones in der Nähe der 
auseinandergewichenen Nähte, speciell der Coronarnaht, zu sein. 

Nachbarschaftssymptome, d. h. solche Erscheinungen, die eine Ge¬ 
schwulst durch Druck auf die ihr benachbarten Hirntheile auslost, kommen 
beim Kleinhirne vor durch Druck auf verschiedene Theile des Hirnstammes 
und auf die Nerven an der Basis des Schädels. Einen intensiveren Druck 
einer Kleinhirngeschwulst auf die hinteren Theile des Grosshirnes verhindert 
meist das sehr widerstandsfähige Tentorium cerebelli. 

In der hinteren Schädelgrube kann ein Kleinhirntumor zunächst nach 
vorn hin die Vierhügel betheiligen. Es kommt dann zu sogenannten nu- 
clearen Augenmuskellähmungen, Lähmungen, die meist die beiderseitigen 
Augenmuskeln, wenn auch nicht in ganz symmetrischer Weise ergreifen und 
die inneren Augenmuskel oft freilassen. Sie sind bei Kleinhirntumoren sehr 
häufig. Solange eine Parese der einzelnen Augenmuskeln besteht — Paralyse 
tritt meist erst im Endstadium auf — treten bei Blickrichtung im Sinne der 
Function dieser Muskeln nystagmische Zuckungen ein, die also eine 
Schwächeerscheinung sind. Ich habe oben ausführlich erörtert und anato¬ 
misch erläutert, dass Nystagmus auch ein rein locales Kleinhirnsymptom 
sein kann; ich glaube aber, dass ein ausgeprägter Nystagmus häufiger ein 
Nachbarschaftssymptom von Seiten der Vierhügel ist, namentlich dann, wenn 
er sich mit Augenmuskelparesen verbindet; er ist dann ein Vorläufer der voll¬ 
kommenen Ophthalmoplegie. Vollständige Lähmung einzelner Augenmuskeln, 
z. B. des Rectus externus durch Läsion eines Abducens, kommt als reine 
Localerscheinung des Kleinhirns überhaupt nicht vor. 

Von Nachbarschaftssymptomen von Seite der Brücke und des ver¬ 
längerten Markes erwähne ich zunächst eine Läsion der langen Leitungs¬ 
bahnen für den Rumpf und die Extremitäten. Wir haben diese Dinge oben 
schon gestreift, als wir die Frage erörterten, ob eine Kleinhirnläsion allein 
imstande sei, eine Lähmung der Extremitäten hervorzurufen. Ein Tumor 
einer Kleinhirnhemisphäre kann durch Druck auf die Pyramidenbahn ober¬ 
halb der Kreuzung eine contralaterale Extremitätenlähmung bedingen; er 
kann aber auch, wie ich das selbst zweimal erlebt habe, die contra¬ 
laterale Brückenseite gegen die Knochen andrücken und dadurch eine Läh- 


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Kleinhirnerkrankungen. ‘ 


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muüg der Extremitäten auf seiner Seite bewirken. In späteren Stadien be¬ 
steht meist Paraplegie. Die Lähmung der Extremitäten ist bei diesen Nachbar¬ 
schaftslähmungen fast immer eine spastische, die Sehnenreflexe sind erhöht; 
der Plantarreflex zeigt Extension der Zehen; mehrmals sah ich. dass die 
der zuerst lädirten Pyramide zugehörige untere Extremität sich in Beuge-, 
die der später ergriffenen in Streckcontractur befand. Schliesslich kann 
aber auch hier entweder durch complicirende Processe an den hintern Wurzeln 
(siehe unten) oder durch vollständige Unterbrechung aller zum und vom 
Rückenmarke führenden Bahnen eine schlaffe Lähmung eintreten. Da nun, 
wie wir sehen, auch die von der Kleinhirnerkrankung direct abhängige, mit 
der Erkrankung gleichseitige Extremitätenparese eine schlaffe und eine spasti¬ 
sche sein kann, so ist leicht einzusehen, wie schwer gerade die Extremi¬ 
tätenlähmungen bei Kleinhirntumoren pathogenetisch zu deuten sind und 
wohl erklärlich, dass sie allein für die Diagnose, auf welcher Seite ein Klein¬ 
hirntumor sitzt, nicht zu gebrauchen sind. Erwähnen will ich noch, dass nach 
Oppenheim 18 ) auch die Rückensteifigkeit bei Kleinhirntumoren auf einer 
spastischen Parese der Rückenmuskeln beruhen kann; im anderen Falle sei 
sie aber reflectorisch bedingt durch Schmerzen, die bei Bewegungen des 
Kopfes auftreten. 

Sensibilitätsstörungen an den Extremitäten und am Rumpfe durch 
Läsion der langen sensiblen Leitungsbahnen am Hirnstamme kommen bei 
Kleinhirntumoren nur im Endstadium vor, wo die Benommenheit ihren Nach¬ 
weis erschwert. In ihrer Anordnung, speciell gegenüber der Seite der Klein¬ 
hirnläsion, unterliegen sie wohl denselben Gesetzen wie die Nachbarschafts¬ 
lähmungen; bei alleiniger Affection des Kleinhirns fehlen Sensibilitätsstörungen. 

In Pons und Medulla oblongata kann ein Kloinhirntumor natürlich auch 
die Kerne der hier entspringenden Hirnnerven angreifen, etwa vom 5. bis 
12. Hirnnerven inclusive. Wir werden, da die Symptome in diesem Falle die¬ 
selben sein werden, wie wenn ein Tumor des Kleinhirns die betreffenden 
Nervenstämme an der Basis nach ihrem Austritte aus dem Hirnstamme 
comprimirt, diese Erscheinungen weiter unten bei den Nachbarschaftswir¬ 
kungen des Kleinhirntumors auf die Basis der hinteren Schädelgrube be¬ 
sprechen. Es ist selbstverständlich, dass die Kernläsionen der betreffenden 
Nerven leichter doppelseitig werden können als basale; auch werden sie 
sich besonders leicht mit Extremitätslähmungen zu alternirenden Hemiplegien 
verbinden, z. B. Facialis, Abducens, Trigeminuslähmung auf Seite der Läsion, 
Extremitätenlähmung auf der anderen Seite. Doch kann diese Combination 
natürlich auch ein von der Basis aus wirkender Tumor hervorrufen. Ein 
sicheres Nachbarschaftssymptom des Kleinhirntumors von Seiten des Hirn¬ 
stammes ist aber die nicht seltene Blicklähmung nach der Seite des Tumors 
hin; wohlverstanden eine Blicklähmung, denn eine Schwäche des Blickes 
nach derselben Richtung, kann wie Fig. 32 zeigt und wie wir erörtert haben, 
auch bei reinen Kleinhirnläsionen entstehen. Die Blicklähmung beider ßulbi 
nach einer Seite, bei erhaltener Convergenz, entsteht durch Läsion eines 
besonders für die seitliche Blickrichtung dienenden Mechanismus in der Gegend 
der Abducenskerne. Noch sicherer ist es natürlich, dass die Blicklähmung ein 
Nachbarschaftssymptom ist, wenn sie sich mit gekreuzter Extremitäten¬ 
lähmung verbindet, was ich zweimal gesehen habe. 

Dass scandirende Sprache und Intentionstremor, wenn sie bei 
Kleinhirntumoren Vorkommen, wenigstens in den meisten Fällen Nachbar¬ 
schaftssymptome sind, habe ich schon oben erwähnt. 

Im Endstadium der Kleinhirntumoren kommen besonders auch Druck¬ 
wirkungen auf die Medulla oblongata vor. Die Folgen sind: Schlingstö¬ 
rungen, häufiges Gähnen, Singultus, sehr beschleunigte Herz- 


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Kleinhirnerkrankungen. 


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thätigkeit, Chkyxk-Stokes scher Athemtypus. Auch der bei Kleinhirn- 
tumoren nicht seltene plötzliche Tod wird auf plötzlich starken Druck 
auf die Medulla oblongata zurückgeführt. 

Von den Hirnnerven kann der Kleinhirntumor alle von 3—12 lädiren: 
besonders häufig ergriffen werden der 5., 7. und 8. und dann der i>., 10. 
und 11.; die einzelnen Nerven beider Gruppen nicht selten gemeinsam. Zu 
einer solchen Läsion neigen besonders Kleinhirntumoren, die von der Basis 
der Hemisphären ausgehen; ganz dieselben Symptome, wie ein hier entstehen¬ 
der Tumor, nämlich Ataxie, Erscheinungen von Seiten des Hirnstammes und 
der Nerven von der Basis, kann natürlich auch ein direct an der Basis 
zwischen Kleinhirn und Hirnstamm entstehender Tumor hervorrufen. Hier 
kann zur Unterscheidung manchmal zwar die Aufeinanderfolge der Symptome 
herangezogen werden, in ihrer vollen Ausbildung sind aber beide Symptomen¬ 
gruppen nicht zu unterscheiden. Die durch Läsion der basalen Hirnnerven 
bedingten Symptome sind meist einseitig und sitzen auf der Seite des 
Tumors. Man kann Reiz- und Lähmungssymptome unterscheiden; erstere 
gehen den letzteren meist voran. Von Reizerscheinungen zeigen sich im 
Trigeminusgebiete Schmerzen, manchmal sehr umschriebene; in einem meiner 
Fälle waren sie lange auf eine Zungenhälfte beschränkt; im Facialisgebiete 
klonische Zuckungen; im Acusticusgebiete Anfälle von Ohrensausen und 
MfixiKRE’schem Schwindel; im Vagusgebiete hat Oppenheim 18 ) klonische 
Zuckungen am Gaumen. Pharynx und Stimmband gesehen. Als Lähmungs¬ 
erscheinungen im Trigeminusgebiete treten ebenfalls anfangs oft sehr um¬ 
schriebene, z. B. auf eine Hornhaut und Conjunctiva beschränkte Anästhesien 
auf: dann Keratitis neuroparalytica; auch Kaumuskellähmungen; ferner wird 
periphere Facialislähmung beobachtet; dann einseitige Taubheit. Ein Beginn 
des Leidens mit Reiz- und Lähmungserscheinungen von Seiten des Acusticus. 
denen solche von Seiten des Facialis, des Hirnstammes und Kleinhirnes folgen, 
ist auch charakteristisch für die nicht so seltenen Neurome, die im Acusticus- 
starcme, d. h. am Porus acusticus internus, sich entwickeln. Werden Vagus, 
Glossopharyngeus und Accessorius vom Tumor ergriffen, so muss natürlich 
auch ein Theil der Sprech-, Schling-, Athem- und Herzbeschwerden auf diese 
Läsion bezogen werden. Der Oculomotorius wird wohl selten durch Klein¬ 
hirntumoren an der Basis betroffen ; von den Augenmuskelnerven am ersten 
der Abducens; ferner der Trochlearis bei seiner Kreuzung im Velum medulläre 
anticum und seinem Austritte von da. Schliesslich ist noch einseitige Zungen¬ 
lähmung mit Atrophie durch basale Hypoglossusläsion bei Kleinhirntumoren 
beobachtet. Alle diese Lähmungen können, wenn gleichzeitig der Hirnstamm 
ergriffen wird, das Bild einer alternirenden Hemiplegie hervorrufen. 

Als eigentliche Fe rn Wirkungen bei Kleinhirntumoren beschreibt Oppen- 
heim ls ) Anosmie durch Abplattung der Bulbi olfactorii und Sehstörungen 
durch Compression des Chiasma; beides Folgen des Hydrocephalus in¬ 
ternus, der z. B. das Infundibulum blasig vorwölben und dadurch direct 
auf das Chiasma drücken kann. Als Fernwirkungen kann man auch noch die 
Atrophie hinterer Rückenmarkswurzeln ansehen, die man bei allen grösseren 
Hirntumoren antreffen kann, und die unter Umständen einen Schwund der 
Patellarreflexe bedingen. 

Damit hätten wir die Symptomatologie der Kleinhirntumoren 
erschöpft. Neben den Allgemeinerschein ungen sind natürlich für 
diese Diagnose besonders wichtig die Localsymptome, vor allem 
die Ataxie, der Schwindel und vielleicht der Nystagmus; von 
grosser Bedeutung sind aber auch die Nachbarschaftssymptome 
von Seiten der hinteren Schädelgrube; sie ermöglichen z. B. vor 
allem die Unterscheidung zwischen Stirnhirn- und Kleinhirnge- 


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Kleinhirnerkrankungen. 


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schwülsten; einige von ihnen, wie die alternirenden Hemiplegien, 
die Blicklähmung nach einer Seite und die einseitigen Hirnnerven¬ 
lähmungen sind überhaupt die einzigen Symptome, die eine sichere 
Diagnose auf die Seite gestatten, in der ein Kleinhirntumor sitzt. 

Kleinhirnabscesse kommen wohl fast ausschliesslich im Anschlüsse 
an eiterige Processe im Gehörorgane vor, und zwar hauptsächlich bei solchen 
des Labyrinthes und des Anthrum mastoideum. Sie sitzen meist in einer 
Hemisphäre, und zwar in der Nähe ihres vorderen unteren Randes, nur selten 
greifen sie den Wurm an. Nach unseren anatomischen Auseinandersetzungen 
ist es deshalb sehr verständlich, dass nicht selten bei ihnen specifische 
Kleinhirnsymptome ganz fehlen. Sind solche vorhanden, so sind es natürlich 
dieselben wie bei Kleinhirntumoren, namentlich sind Ataxie und Schwindel 
beobachtet. Da der Kleinhirnabscess meist nicht sehr gross ist und bei Hirn- 
abscessen überhaupt die Erhöhung des Schädelinnendruckes eine geringere 
ist als wie bei Tumoren — treten ausser den Kopfschmerzen — die Allge¬ 
meinerscheinungen und Nachbarschaftssymptorae mehr zurück ; doch ist mehr¬ 
mals doppelseitige Sehnervenatrophie nach Stauungspapille und von wahr¬ 
scheinlichen und sicheren Nachbarschaftssymptomen Nystagmus, Augenmuskel¬ 
lähmungen, auch Blicklähmungen nach einer Seite, vereinzelt auch alternirende 
Hemiplegie, dann Dysarthrie und Dysphagie, sub finem häufiges Gähnen, 
Athmungsstörungen, beobachtet worden. Bei der grossen Seltenheit charak¬ 
teristischer Nachbarschaftssymptome ist natürlich beim Kleinhirnabscess 
seltener als beim Tumor aus den Hirnsymptomen allein die Diagnose der 
erkrankten Hemisphäre möglich; man nimmt hier gewöhnlich den Eiterherd 
an der Seite des erkrankten Ohres an; wenn aber beide Ohren erkrankt 
sind, fällt auch dieser Anhaltspunkt weg und man kann dann eine sichere 
Hemisphärendiagnose des Kleinhirnabscesses nicht mehr machen. Eine er¬ 
hebliche Rolle spielen in der Symptomatologie des Kleinhirnabscesses natür¬ 
lich auch die Erscheinungen des Grundleidens; die Ohreiterung, die Pachy- 
meningitis externa purulenta, die Sinusthrombose, eventuell Pyämie, und sie 
können die Erscheinungen des Kleinhirnabscesses sehr verdecken; nament¬ 
lich hängt von ihnen auch der Sitz der Kopfschmerzen ab. 22 - 2ä ) 

Von der Symptomatologie der Kleinhirnblutungen lässt sich wenig 
Bestimmtes sagen. Sie sind an sich sehr selten und führen, wenn sie grösser 
sind, durch Durchbruch in die Ventrikel meist rasch zum Tode. Nach v. Mo¬ 
nakow 2l ) sollen folgende Umstände für sie charakteristisch sein: Einsetzen der 
Erscheinungen mit lebhaftem Erbrechen und langsamem und unregelmässigem 
Pulse, sowie stertorösem Athmen. Keine deutliche Hemiplegie, höchstens 
Schwäche in einem oder beiden Beinen; manchmal auch nach dem Aufhören 
des Komas fehlende Sehnenreflexe. Sehr variables Verhalten der Pupillen. 
Sicher wird man auf diese Symptome hin keine bestimmte Local¬ 
diagnose stellen können. Noch weniger charakteristische Symptome 
machen im Kleinhirne arteriothrombotische Erweichungen aus Gründen, 
die ich in der Einleitung erörtert. Sitzen allerdings solche Erweichungen und 
stationäre Blutungsherde im Gebiete des Wurmes oder in den Theilen der 
Hemisphäre, in denen die Reflexbahnen zur Erhaltung des Körpergleichgewichtes 
verlaufen, so wird man auch bei ihnen die cerebellare Ataxie nicht vermissen; 
einzelne dafür beweisende Fälle finden sich in Adlers 2ö ) Zusammenstellung. 
Vor kurzem erlebte ich folgenden Fall : Aeltere Frau. Acutes Einsetzen der 
Erkrankung mit Fieber, Schwindel, andauerndem Erbrechen, Benommenheit 
und meningealen Symptomen, z. B. Trismus und Nackenstarre. Nachdem diese 
schweren Symptome mehrere Wochen bestanden hatten, allmähliche Besse¬ 
rung, so dass schliesslich nur noch Schwindel und cerebellarer ataktischer 
Gang bestand. Diese Symptome bestehen jetzt constant fast Dreivierteljahre; 


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Kleinhirnerkrankungen 


23 2 

die Gehörorgane sind absolut frei. Ich glaube, dass es sich hier um eine 
acute, nicht eiterige Encephalitis im Kleinhirne gehandelt hat; vielleicht be¬ 
stand eine solche Encephalitis auch in den Fällen, die Oppenheim in seinem 
Lehrbuch als erebellare Form der Kinderlähmung bezeichnet. Auch die multiple 
Sklerose setzt nach eigenen Beobachtungen nicht selten ihre ersten Herde 
im Kleinhirn, und es besteht dann reine cerebellare Ataxie und heftiger 
Schwindel, zuweilen ohne alle anderen Symptome. 

Ueber die Symptome der angeborenen oder früh erworbenen halbseitigen 
oder fast totalen Kleinhirndefecte ist wenig zu sagen. Es handelt sich meist 
nicht um uncomplicirte Fälle, sehr häufig war das Grosshirn mitangegriffen; 
oft waren die Kranken Idioten. Sehr häufig war der Sectionsbefund ein voll¬ 
ständig unerwarteter, aber ebenso oft war die klinische Untersuchung nicht 
sorgfältig genug gewesen, um cerebellare Symptome in vivo sicher aus- 
schliessen zu können. Eine sehr rühmliche Ausnahme macht hier allerdings 
ein von Neubürger und Edinger 20 ) neuerdings publicirter Fall. Dieser Fall 
ist von Edinger selbst lange behandelt und ist mehrmals ein vollständiger 
genauer Nervenstatus aufgenommen. Irgendwelche Kleinhirnsymptome 
fanden sich niemals. Bei der Section fand sich, dass die rechte Klein¬ 
hirnhemisphäre bis auf einen kleinen Rest geschwunden war. Die genaue 
mikroskopische Untersuchung wies aber nach, dass es sich um einen Bildungs¬ 
mangel, nicht um eine Sklerose des Kleinhirns handelte. Der ganze Rest 
der rechten Hemisphäre zeigte normales Mark und normale Kinde. Der Wurm 
war beiderseits gut erhalten, auch seine Kerne links sowohl wie rechts. Die 
vom Rückenmarke und Hirnstamme aufsteigenden cerebellopetalen Bahnen ver¬ 
liefen auch rechts in normaler Weise durch das Corpus restiforme in den Wurm; 
ebenso war, wenn auch in etwas reducirter Weise, Edinger's sensorische 
Kleinhirnbahn vorhanden, die wir jetzt als eine motorische, den Dachkern 
mit dem DEiTEu’schen Kerne verbindende Bahn ansehen. Edinger hebt selbst 
hervor, dass auch im Rückenmarke das Gebiet der vom Kleinhirn absteigen¬ 
den Bahnen intact gewesen sei. So war also zunächst einmal der 
spinobulbärcerebellare Reflexbogen auch auf der rechten Seite 
erhalten. Ferner fand sich auch rechts das Corpus dentatuin und, wenn 
auch etwas reducirt, die Bahn von da zum gekreuzten rothen Kerne: der 
mediale Abschnitt des Hirnschenkelfusses war zwar atrophisch, aber es 
handelte sich nach Edinger um eine Atrophie zweiter Ordnung im Sinne 
v. Monakow s, nicht um eine Degeneration. Auf der linken Seite fehlten von 
den Brückenfasern besonders die unteren, die als absteigende, spinale Klein¬ 
hirnbrückenbahn von der defecten rechten Hemisphäre anzusehen sind ; die 
oberen Querfasern, die im Zusammenhänge stehen mit der von dem Stirn¬ 
hirn kommenden Bahn, die die gleichseitige Ponshälfte durch den medianen 
Theil des Hirnschenkelfusses erreicht und durch die gekreuzten Bindearme 
zur gekreuzten Kleinhirnhemisphäre aufsteigt, waren besser erhalten. Also 
auch der cerebellocerebrale Reflexbogen war so weit erhalten, 
als es bei der defecten rechten Kleinhirnhemisphäre möglich war. 
Es ist nach diesem Befunde und nach unseren anatomisch-physiolo¬ 
gischen Auseinandersetzungen also jedenfalls nicht unerklärlich, 
dass hier jede Ataxie und jedes sonstige Kleinhirnsymptom ge¬ 
fehlt hat; im Gegentheil bietet der Fall eine sehr wesentliche 
Stütze für die oben entwickelten Lehren von den für die Er¬ 
haltung des Körpergleichgewichtes nothwendigen Bahnen und 
dem Ort und der Art ihrer Verbindungen mit dem Kleinhirn. 

Die auf Atheromatose der Gefässe beruhenden Sklerosen des Klein¬ 
hirnes können, wie Arndt 8 ) nachgewiesen hat, von der Rinde, dem Marke 
oder von beiden zugleich ausgehen. In Arndts Falle handelte es sich um 


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Kleinhirnerkrankungei). — Kohlenoxydvergiftung. 


233 

eine Marksklerose. Die Symptome waren in den einschlägigen Fällen für das 
Kleinhirn ziemlich charakteristisch. Es bestand taumelnder Gang, Schwindel, 
Dysarthrie oder scandirende Sprache, Tremor, Augenmuskellähmungen: da¬ 
neben nicht selten psychische Störungen, die Oppenheim auf einen coinpli- 
cirenden Hydrocephalus internus zurückführt. 

Es giebt schliesslich noch zwei hereditäre, respective familiäre Krank¬ 
heiten, bei denen eine der cerebellaren gleichende Ataxie eine Rolle spielt. 
Bei der ersteren, der Heredoataxie cerebellaire Marie' s, ist mehrfach 
eine besondere Kleinheit des Cerebellums nachgewiesen worden (Nonne- 7 ), 
Menzel 2s ), bei der zweiten, der hereditären Ataxie Friedreich s, fanden 
sich anatomische Veränderungen im Rückepmarke; doch sind diese hier, wie 
Senator hervorhebt, vielleicht wenigstens theilweise von einer primären 
Kleinhirnerkrankung abhängig. Auf die Symptomatologie dieser Erkrankungen 
im übrigen kann ich nicht näher eingehen. 

Literatur: l ) Luciani, Das Kleinhirn. Deutsch von Frankel. Leipzig 1892. — 2 ) Fehrikr, 
Recent work on the cerebellura. Brain. XVII, pag. 1. — 3 ) Bechterew, Ueber Empfindungen, 
die mittels der sogenannten Gleichgewichtsorgane wahrgenommen worden. Arch. f. Anat. mul 
Phys. 1896, pag. 105 und die Leitungsbahnen im Gehirn und Rückenmark. 2. Aufl. Deutsch 
von Weinberg. Leipzig 1899. — 4 ) Ewald, Physiologische Untersuchungen über das End¬ 
organ des Nervus octavus. Wiesbaden 1892. — b ) B. Large, Inwieweit sind die Symptome, 
welche nach Zerstörung des Kleinhirns beobachtet werden, auf Verletzung der Bogengänge 
za beziehen? Pplüger’s Archiv. L, pag. 615. — 6 ) Lokb, Arch. f. Phys. L, pag. 253. — 
1 ) L. Bruns, Klinische Erfahrungen über die Functionen des Kleinhirns. Wiener klin. Rund- 
echau. 1896, Nr. 49—52. — 8 ) Arndt, Zur Pathologie des Kleinhirns. Arch. f. Psych. XXVI. — 
9 ) Thomas, Le cervelet. Paris 1897. — 10 ) Bruck, The localisation and Symptoms of disease 
of the cerebelium considered in relation with to its anatomical Connections. Transactions of the 
Edingburgh med.-chir. Society. January 1899. — u ) Edinger, Bau der nervösen Centralorgane. 
5. Aufl. Leipzig 1896. — lf ) L. Bruns, Ueber Störungen des Gleichgewichtes bei Tumoren 
des Stirnhirns. Deutsche med. Wochenschr. 1892. — ia ) Nothnagel, Topische Diagnostik der 
Gehirnkrankheiten. Berlin 1876. — 14 ) Hughlingh Jackson and Kisten Rüssel, A clinical 
study of a cyst of the cerebelium. British med. Journ. 1894, pag. 393. — li ) Reinhold, Bei¬ 
träge zur Pathologie der acuten Erweichungen des Pons nnd der Medulla oblongata. Deutsche 
Zeitschr. f. Nervenhk. V, pag. 351. — ,8 > L. Bruns, Zur differentiellen Diagnose zwischen 
Tumoren der Vierhügel und des Kleinhirns. Arch. f. Psych. XXVI. — ,7 ) H. Oppenheim. Hirn- 
geschwülste. Nothnagel’s Spec. Path. und Therap. Wien 1895. — 18 ) Flechsig, Gehirn und 
Puls. Leipzig 1896. — ,ö ) L. Bruns, Die Geschwülste des Nervensystems. Berlin 1897. — 
*°) L. Brun8> Ueber einige besonders schwierige und praktisch wichtige differentialdiagno¬ 
stische Fragen in Bezug auf die Localisation der Hirntumoren. Wiener klin. Rundschau. 1897 — 
ai ) Rudolf Schmidt, Zur genauen Diagnose der Kleinhirntumoren. Wiener klin. Wochenschr. 
1898, Nr. 51. — 22 ) Macewen, Die infectiös eiterigen Erkrankungen des Gehirns und Rücken¬ 
marks. Deutsch von Rudloff. Wiesbaden 1898. — 23 ) H. Oppenheim, Die Encephalitis und 
der Hirnabscess. Nothnagel’s Spec. Path. und Therap. Wien 1897. — 24 ) v. Monakow, Ge¬ 
hirnpathologie. Ebenda. Wien 1897. — * 6 ) Adler, Die Symptomatologie der Kleinhirncrkran- 
kungen. Wiesbaden 1899. — ae ) Neubörger und Edinger, Einseitiger, fast totaler Mangel 
des Kleinhirns. Berliner klin. Wochenschr. 1898, Nr. 4. — * 7 ) Nonne, Ueber eine eigenthiim- 
liche familiäre Erkrankung des Centralnervensystems. Arch. f. Psych. XXV, pag. 282. — 
Menzel, Beitrag zur hereditären Ataxie und zur Kleinhirnatrophie. Ebenda, pag. 160. 

L. Bruns. 

Kohlenoxydvergiflang. Als neue Gelegenheitsursache zu 
Kohlenoxydvergiftungen verdienen die Gasbadeöfen genannt zu werden, 
welche, wenn sie, wie leider häufig geschieht, mit keinem Ableitungsrohr 
versehen sind, der Badezimmerluft soviel Kohlensäure und Kohlenoxyd zu¬ 
führen, dass dadurch nicht blos schwere, sondern geradezu letale Intoxica- 
tionen entstehen. In Hamburg sind mehrere derartige, darunter auch zwei 
tödliche Vergiftungen vorgekommen. In einem Baderaum, wo zwei günstig 
verlaufene Fälle vorkamen, stieg der Kohlensäuregehalt der Luft bei 
halbstündiger Heizung von 0,75 auf 9,79 pro Mille, und in dem Blute 
von zwei in dieser Zeit darin zugrunde gegangenen Mäusen wurde CO 
spectroskopisch nachgewiesen. Auch in zwei Leichen in einem anderen 
Baderaume Verunglückter war das Blut CO-haltig. Sehr namhafte Mengen CO 


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2:; 4 Kohlenoxyd Vergiftung. 

treten namentlich abends bei verstärktem Drucke in den Verbrennungs¬ 
gasen auf. x ) 

Dass der Grad der Sättigung: des Hämoglobins bei tö * 

Kohlenoxyd Vergiftung unter gleichen Verhältnissen sehr variiren kann, 
lehren Untersuchungen von Smith 2 ), der mittels der Karminprobe bei 
vier Vergifteten, welche durch ein Gemenge von Kohlengas (mit 6% CO) 
mit 40°/ 0 Wassergas (mit lb% CO) zugrunde gegangen waren, 57, *59,5, 76.tf 
und 83° o des Hämoglobins gesättigt fand. Ganz abweichend davon betrug 
die Sättigung nur 5% in einem Falle, bei welchem mehrstündige künstliche 
Athmung vorgenommen war und der Tod nach 3 Tagen erfolgte. 2 ) 

Die strittige Frage, ob das in den Körper gelangte Kohlenoxyd wieder 
vollständig als solches eliminirt werde oder theilweiser Destruction unter¬ 
liege, ist neuerdings von Wa< hholtz 3 ) in letzterem Sinne beantwortet worden. 
Bringt man kleine Thiere, und zwar nicht blos Wirbelthiere, sondern auch 
z. B. Mehlwürmer, in ein Gemenge von Sauerstoff und Kohlenoxyd, die erheb¬ 
liche toxische Wirkung nicht haben, so sollen grössere oder geringere Mengen 
CO aus dem Gemische verschwinden. Auf alle Fälle spielt aber diese ver¬ 
meintliche Verbrennung bei der Wiederherstellung von der Kohlenoxyd Ver¬ 
giftung eine ganz unbedeutende Rolle gegenüber der Ausathmung des Kohlen¬ 
oxydgases, und namentlich bei kleinen Thieren ist die Erholung eine so rasche, 
dass wir sie nicht auf einen Oxydationsprocess im Thierkörper zurück¬ 
führen können. 

Bei dem bei Kohlenoxydvergiftung auftretenden Diabetes entsteht der 
im Harn auftretende Zucker nicht aus den Kohlehydraten der Nahrung, da 
selbst bei reiner Kohlehydratfütterung Zucker im Harn fehlen kann, stammt 
vielmehr aus dem Eiweiss, und zwar sowohl aus dem Nahrungseiweiss als 
aus dem Körpereiweiss. Bei hochgradiger Eiweissverarmung bleibt der Zucker¬ 
harn aus. 4 ) Giebt man durch Hungern oder Verabreichen eiweissarmer Kost 
immun gemachten Hunden Pankreaspepton, so tritt kein Zucker im Harn 
auf, wohl aber bei Fütterung mit den in Alkohol löslichen Bestandteilen der 
bei Pankreasverdauung aus reinem Fibrin entstehenden Producte . b ) Hierbei 
sind die basischen Producte (Diamidokörper) nicht betheiligt, welche aber 
die im normalen Harn vorhandenen reducirenden Substanzen (vielleicht Krea¬ 
tinin) einnehmen. Leucin ist ebenfalls unbeteiligt. Dagegen tritt nach den 
sauren Bestandtheilen des Alkoholextracts Zucker im Harn auf. 6 ) 

Zum gerichtlich-chemischen Nachweise des Kohlenoxyds im 
Blute kann man nach Iusrx 7 ) auch die reducirende Wirkung des Trauben¬ 
zuckers auf Sauerstoffhämoglobin benutzen. Mit Alkali versetztes gewöhnliches 
Blut wird dadurch dunkelschwarzroth, wogegen Kohlenoxydblut intensiv kirsch¬ 
rot erscheint. Der Farbenunterschied erscheint sehr ausgeprägt in 4 bis 
5 Stunden und ist noch nach mehreren Wochen deutlich. Selbst Mischungen 
von CO-Blut mit gewöhnlichem Blute im Verhältnisse von 12—16°/ 0 sind 
durch diese Reaction zu unterscheiden. Der Tanninprobe steht dieses Verfahren 
allerdings an Empfindlichkeit nach. 

Zum Nachweise von CO in Luftgemengen ist nach Gautier und 
Drei.os 7 ) die empfindlichste Reaction die Oxydation zu Kohlensäure und 
das Freiwerden von Jod beim Leiten der CO-haltigen Luft über Jods&ure- 
anhydrid bei 100 —150°. Man kann selbst in Gemengen von Vsoooo CO durch 
colorimetrischen Nachweis des Jods die Gegenwart des Kohlenoxyds dar* 
thun. Wasserstoff und Methan reduciren Jodsäureanhydrid nicht. Gautiek 
hat mittels dieser Reaction CO in den normalen Blutgasen und nach Chloro¬ 
forminhalation dargethan. 

Zur Unterscheidung von Leuchtgas- und Kohlendunstvergif- 
tung kann der Umstand dienen, dass bei Leuchtgasvergiftung im Blute 


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Kohlenoxydvergiftung. — Kohlensäurebäder. 


235 


constant Kohlenwasserstoffe vorhanden sind, die im Blute mit Kohlendunst 
Vergifteter fehlen. Die an sich schwer charakterisirbaren Kohlenwasserstoffe 
können durch den elektrischen Funken in Acetylen übergeführt werden, das 
in geringen Spuren mit Hilfe von ammoniakalischem Kupferchlorür nachzu¬ 
weisen ist (Goncalvez Cruz 9 ). 

Literatur: l ) Schaefrr, Kohlenoxydgasvergiftung durch einen Gasbadeofen. Viertel¬ 
jahrschrift f. gerichtl. Med. 1899, pag. 122; Wahnkau, Kohlenoxydvergiftungen durch Gasbade¬ 
ofen. Ebenda, pag. 314. — *) Smith, The patholosry of gas poisoning, illustrated by fivo 
recent cases. Brit. med. Journ. 1. April 1899, pag. 780. — s ) Waciiholtz, Ueber das Schicksal 
des Kohlenoxyds im Thierkörper. Königsberg 1898. — 4 ) Straub, Ueber die Bedingungen 
des Auftretens der Glykosurie nach Kohlenoxydvergiftungen. Arch. f. experim. Pathol. 1897, 
XXXVIII, pag. 139. — 6 ) Rosenstein, Ueber den Einfluss der Nahrung auf die Zuckeraus¬ 
scheidung bei der Kohlenoxyd Vergiftung. Ebenda. 1898, XL, pag. 363. — 6 ) v. Vämossy, Bei¬ 
trage zur Kenntniss des Kohlenoxydblutes. Ebenda. 1898, XLI, pag. 273. — 7 ) Ipskn, Ueber 
eine Methode znm chemischen Nachweise von Kohlenoxydblut. Vierteljahrschrift f. gerichtl. 
Med. 1899, XVIII, pag. 46. — ö ) Nicloux, Dosage chimique de petites quantit^s d’oxyde de 
carbone. Dosage de l’oxyde de carbone du sang normal; formation de petites quantitös dans 
le sang lors de Uanesthesie par le chloroforme. Journ. of Physiol. 1899, XXIX, Supplement, 
pag. 28. — y ) Gonc; alvez Cruz , Etudes sur la recherche de rempoisonnement par le gaz 
d'eclairage. Annal. d’Hyg. 1898, XXXIX, pag. 385. Husrmann. 

Kohlensäurebäder, s. Bad, pa<j. 56. 


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Largill, s. Augenheilmittel, pag. 45. 

Laugen Vergiftung« Zu den Vergiftungen, die in der zweiten 
Hälfte des 10. Jahrhunderts erhebliche Zunahme erfahren haben, geliert die 
Vergiftung mit Aetzlauge, die in einzelnen Gegenden namentlich für die 
Intoxication im kindlichen Lebensalter ganz besondere Bedeutung erlangt 
hat. Insbesonders sind es Oesterreich, Norwegen und Schweden, und in diesen 
Staaten ihre Hauptstädte, in denen diese Vergiftungsart grosse Ausdehnung 
gewonnen. 

In Wien gab sie Fchon 1862 zu einer Verordnung Veranlassung, in welcher die so¬ 
genannte Laugenessenz und die Aetzkalilangen von einem höheren specifisehen Gewicht als 
1,02 für Gifte erklärt werden, welche nur »von den Erzeugern und den zum Giftliandel be¬ 
rechtigten Personen unter Beobachtung der bezüglichen Vorschriften verkauft werden dürfen, 
vom Kleinhandel aber gänzlich ausgeschlossen bleiben«. 

Die Verordnung entsprang einer in den Jahren 18dl und 18G2 stattgehabten Erhöhung 
der Vergiftungsfälle, die ihrtn Ausdruck in einer von Alois Keller 1 ) gegebenen Zusammen¬ 
stellung der Beobachtungen des öffentlichen Kinderkrankeninstituts zu Mariahilf findet, wo¬ 
nach die Zihl der mit Aetzlauge vergifteten Kinder von 1857—1860 nicht über 6 im Jahre 
betrug, 1861 auf 8 und vom Januar bis September 1862 auf 16 stieg. Dass die Verordnung 
in Bezug auf Aetzlauge in Wien nicht zu der Beseitigung der Vergiftungen führte, vielmehr 
im Gegentheilc noch weitere Zunahme stattfand, lehren namentlich die classischen Arbeiten 
von Hacker -) über Aetzstricturen, in denen sieh auch statistische Daten für Wien über die 
Actzlaugenvergiftung im allgemeinen finden. Nach Hacker kamen in den Jahren 1876 —1885 
in den drei grössten Krankenhäusern Wiens (Allgem. Krankenhaus, Wieden, Kudolfstiftuugi 
477 Vergiftungen mit ätzenden Substanzen vor, wovon 388 Fälle Intoxicationen mit Aetz¬ 
lauge betreffen, somit fast 70%, während die nächst der Aetzlauge am häufigsten zu Ver¬ 
giftung führende Schwefelsäure mit 84 Todesfällen nur 17° 0 beträgt. Auch bei den in den 
Jahren 1877—1886 im Institut für gerichtliche Medicin gemachten Obductionen au frischen 
Verätzungen zugrunde gegangener Individuen ergab sich für Wien starkes, wenn auch nicht 
ganz so bedeutendes Uebcrwiegen der Aetzlaugenvergiftung, die unter 52 Fällen 30mal 
(Schwefelsäurevergiftung nur 15uial) constatirt wurde. Diese Zahlen contrastiren ausserordent¬ 
lich mit den Verhältnissen der Aetzvergiftung in Berlin, wo nach Lesser 3 ) in den 3 Jahren 
1876—1878 in sämmtlichen grossen Krankenhäusern und auch im Institute für gerichtliche 
Medicin nur 8 Fälle von Laugenvergiftungen (neben 114 durch Säuren) vorkamen. 

Dass in Deutschland, England und Frankreich Aetzlaugenvergiftung ein recht seltenes 
Vorkomnmiss ist, geht aus der toxikologischen Literatur hervor. Im Gegensätze hierzu geht 
die Frequenz der Laugenvergiftung in Ghristiania weit über die Wiener hinaus, indem nach 
Johannksskn 4 ) allein auf der pädiati ischen Abtheilung des Reichshospitals in dem sechs¬ 
jährigen Zeiträume von 1803—1808 nicht weniger als 140 Kinder an der in Rede stehenden 
Intoxication behandelt wurden. Allerdings gehören von diesen Fällen nur 119 der norwegi¬ 
schen Hauptstadt an, doch ist auch diese Zahl (20 Vergiftungen im Jahre auf einer einzigen 
Krankenhausabtlieilung) ausserordentlich hoch, wenn man damit die Angaben von Jaksch 5 ) 
vergleicht, dass auf der NoriiNAGEi/schen Klinik in Wien nur 17 Fälle im Laufe von zehn 
Jahren beobachtet wurden. Die »Steigerung der Frequenz datirt übrigens erst seit 1803, wo 
sieh die Zahl der an Laugenvergiftung in der piidiatrischen Abtheilung von durchschnittlich 
2 Fällen im Jahre 1801 auf 20 steigerte und 1807 sogar auf 27 hinaufging. Noch eminenter 


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Laugenvergiftung. 


237 

tritt diese Zunahme in der Zusammenstellung der in sämmtlichen Krankenhäusern Christianias 
seit 1835 behandelten Laugenvergiftungen hervor, indem in den 20iährigen Zeiträumen von 
1835 —1854 nur ein einziger Fall und von 1855—1874 zehn, im Decennium 1875—1884 schon 
39 und in den vier Jahren von 1885 — 1889 sogar 63 vorkamen, allerdings noch immer sehr 
wenig gegen die während der sechs Jahre 1893—1898 in einer einzigen Klinik behandelten 
140 Kranken. Auch in Schweden sind neuerdings zahlreiche Laugenvergiftungen vorgekommen, 
so dass 1889 Hedlund 6 ) in der Gesellschaft schwedischer Aerzte aus Kronprinzessin Lovisa’s 
Pflegeanstalt für kranke Kinder über nicht weniger als 14 durch sogenannte Flora lauge in 
Stockholm vergiftete Kinder Mittheilung machen konnte. Auch in Gefle wurden gleichzeitig 
mehrere derartige Intoxicationen beobachtet. 

Die Vergiftungsfälle mit Aetzlauge gehören überwiegend zu den acci- 
dentellen. Die absichtlichen Vergiftungen sollen in Wien den absichtlichen 
Schwefelsäurevergiftungen an Zahl nicht nachstehen (E. v. Hofmann), doch 
sind auch diese in Wien wenig zahlreich. Die accidentellen Laugenver¬ 
giftungen betreffen fast ausschliesslich Kinder, und zwar, wie dies Keller 
für Wien und neuerdings Johannessen für Christiania darthat, aus schlecht 
situirten Familien, wo die Beaufsichtigung der Kinder unter der Ungunst 
der Verhältnisse zu leiden hat. Keller zeigte, dass gerade in den Vorstädten 
Wiens, in denen eine dichte, wenig ordnungsliebende Bevölkerung zu Hause 
ist, die Laugenvergiftungen am häufigsten waren und nur etwa 1 / 8 der Er¬ 
krankten Kinder wohlhabender Eltern betraf. Für den Mangel an Aufsicht 
als Ursache dieser Intoxication spricht das bei der Statistik mit genügend 
grossen Zahlen deutliche Ueberwiegen der Knaben über die Mädchen. 

In Wien hatte Hacker unter 30 Obducirten 22 und unter 29 wegen Stricturen Ope- 
rirten 19 Knaben auf 8, respective 10 Mädchen, in Christiania stellt sich das Verhältniss 
wie 83 :57. Besonders auffällig ist die Prävalenz der Knaben in den Jahren, wo diese 
notorisch sich der elterlichen Obhut mehr entziehen als die Mädchen, nach dem 4. Lebens¬ 
jahre. Von den Kranken aus Johannessen’s Abtheilung kommen in den ersten vier Lebens¬ 
jahren 59 Knaben auf 48 Mädchen und vom 7.—13. Lebensjahre 28 Knaben auf 7 Mädchen. 

In Bezug auf die Mortalität der Laugenvergiftung wissen wir Genaues 
nur über die unmittelbare tödliche Intoxication. In der neuesten Statistik 
aus Norwegen waren unter 140 Fällen nur 6 in den ersten 10 Tagen als 
Folge der Intoxicatio alcalina tödlich, woran sich weitere Todesfälle durch 
Hämorrhagie, Bronchopneumonie, Empyem u. s. w. schliessen, so dass sich die 
Gesammtsterblichkeit auf 12 oder 8,6% stellt. Keller berechnete für Wien 
14,3, Hacker 26,3% (88 Todesfälle unter 333 Vergifteten). Auf alle Fälle 
ist die Prognose der Laugenvergiftung quoad vitam weniger gefährlich als 
die Schwefelsäurevergiftung und die aus der Statistik der Wiener Kranken¬ 
häuser von Hacker gezogene Schlussfolgerung, dass die Schwefelsäure doppelt 
so gefährlich wie die Lauge sei, da die Hälfte der Schwefelsäureintoxica- 
tionen und nur 1 / 4 der Laugenvergiftungen tödlich verlaufe, scheint wohl 
berechtigt zu sein. Dagegen ist nach den Ausführungen Hackers das Auf¬ 
treten von Stricturen bei den an acuter Aetzlaugenvergiftung nicht zugrunde 
Gegangenen doppelt so häufig wie bei denen, welche eine Schwefelsäureintoxi- 
cation überstanden haben (38,4 gegen 16,4), was übrigens seinen Grund 
darin hat, dass nach Lauge auch durch grosse Mengen bewirkte Vergif¬ 
tungen überstanden werden, was beim Sulfoxysmus nicht der Fall ist. Zu 
der unmittelbar aus der Vergiftung resultirenden Zahl der Todesfälle kommt 
immer noch eine Anzahl von Todesfällen infolge der später entstehenden 
Stricturen hinzu. Eine Statistik von Hacker (47 Todesfälle unter 100 Fällen) 
wird von ihm selbst als zu hoch bezeichnet, weil sich die betreffende Samm¬ 
lung nur auf schwere Stricturen, darunter viele nach Selbstmordversuchen, 
bezieht. Dieser Mortalität steht die von Keller bei zufälliger Vergiftung 
(11,42%) gegenüber; Johannessen hat nur einen Todesfall (infolge Gastro¬ 
stomie), welcher der Strictur zur Last fällt. Jedenfalls ist die von den meisten 
Toxikologen angegebene Zahl für die Mortalität der Laugenvergiftung über¬ 
haupt (60—80%) zu hoch. Für den Einzelfall hängt übrigens der tödliche 


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238 


Laugenvergiftung. 


Verlauf entschieden mehr von der Concentration der Lauge als von deren 
Menge ab, da in der Regel ja nur ein Schluck genommen und auch dieser 
zum Theil wieder ausgespien wird. Schon Keller machte darauf aufmerk¬ 
sam, dass für das Zustandekommen der Strictur sogar kleine Mengen ge¬ 
fährlicher sind als grosse, da erstere langsam von der Speiseröhrenwand 
abfliessen und somit längere Zeit auf die Schleimhaut ätzend einwirken 
können. Die Frage, ob Kalilauge oder Aetznatronlauge als giftiger anzusehen 
sei, ist nach der experimentell festgestellten grösseren Giftigkeit der Kali¬ 
verbindungen von den meisten Toxikologen bejahend beantwortet. Aus dem 
bisher vorliegenden statistischen Material über Laugenvergiftungen lässt sie 
sich nicht beantworten. Die von Keller berechnete Mortalität von 14.3% 
bezieht sich auf Kalilauge oder richtiger um Gemenge von Kalihydrat und 
(Kaliumcarbonat, die HACKER'sche (26,3%) auf Natronlauge, die Norwegische 
8,6%) ebenfalls auf Natronlauge. Kein irgendwie erheblicher Unterschied in 
Bezug auf die Mortalität und die Zeitdauer der acuten Vergiftung scheint 
für concentrirte Lösungen von Kaliumhydroxyd oder Kaliumcarbonat oder 
für Gemenge beider zu bestehen. Man hat deshalb auch von jeher die Ver¬ 
giftung mit concentrirten Lösungen von Kalihydrat und Kaliumcarbonat als 
Laugenvergiftungen zusammengefasst. Der Fall, in welchem der Tod am 
frühesten (in drei Stunden) erfolgte, ist die bei Taylor 7 ) mitgetheilte In- 
toxication eines Knaben durch 3 Unzen einer Kaliumcarbonatlösung. 

Dass die AetzlaugenVergiftung in der Symptomatologie im wesent¬ 
lichen mit der Vergiftung durch ätzende Säuren übereinstimmt, ist auch 
durch die neueren Beobachtungen bestätigt. Abweichend ist dagegen der 
Sectionsbefund, insoferne die durch Vergiftung mit concentrirter Aetzlauge 
erzeugten Schorfe sich durch weiche seifenartige Beschaffenheit und Trans¬ 
parenz charakterisiren. Indes ist auch wiederholt das Vorkommen trockener, 
trüber, bräunlicher Schorfe constatirt, die nach Strassmann auf Wiederaus¬ 
füllung der gelösten Eiweissverbindungen infolge abnehmender Alkalescenz, 
besonders bei antidotarischer Verwendung von Säuren, zurückzuführen sind. 
Aber auch weniger concentrirte Alkalilösungen scheinen imstande zu sein, 
primär derartige trübe Schorfe zu erzeugen. Lesser 8 ) fand sie bei Thieren, 
denen 10% Cyankaliumlösung und 20% Kaliumcarbonatlösung in den Magen 
eingeführt worden war. 

In forensischen Fällen schlägt der chemische Nachweis eingeführten 
kaustischen Alkalis in manchen Fällen fehl, weil ein Theil der eingeführten 
Lauge durch Erbrechen fortgeschafft und ein anderer durch die Darreichung 
von Säuren neutralisirt wird. Bei drei von Lesser obducirten Kindern, die 
nach nicht beträchtlichen Mengen von Natronlauge in 14, 20 und 60 Stunden 
zugrunde gegangen w r aren, ergaben sich bei der von B. Fischer ausgeführten 
Analyse weder im Tractus noch in entfernten Organen Mengen von Natrium¬ 
chlorid, die für Vergiftung hätten sprechen können; auch das Verhältniss 
von Kalium- und Natriumchlorid entsprach der Norm. 

Die ausserordentliche Zunahme der Vergiftungen durch Aetzlauge liegt 
in der allgemeinen Verbreitung in Materialwaarenläden käuflicher Alkali¬ 
hydratlösungen, zuerst von Kalihydratlösungen, dann den billigeren Natron¬ 
hydratlösungen, welche jetzt fast ausschliesslich toxikologisches Interesse 
besitzen, und in der in manchen Städten ganz allgemeinen Verwendung dieser 
käuflichen Laugen zu Waschzwecken an Stelle der früher üblichen selbst¬ 
bereiteten Lauge aus Holzasche, deren Bereitung seit der Verallgemeinerung 
der Steinkohlenfeuerung kaum noch möglich erscheint. Nur in den von Keller 
besprochenen älteren Wiener Fällen handelte es sich um Aetzkalilauge. und 
zwar um zwei Producte, von denen nach einer Analyse von Endlicher das eine 
24—25% Kalihydrat und etw r a 3%% Kaliumcarbonat enthielt, das andere 


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Laugenvergiftung. — Laurotetanin. 


239 


eine von den Detaillisten in beliebiger Menge mit Wasser ausgeführte Ver¬ 
dünnung der Laugenessenz darstellte, eine Probe nur 1,6% kaustisches Kali 
neben 1,3% kohlensaures Kali enthielt Die in Schweden und Norwegen zu 
Vergiftung führenden Producte sind Natronlaugen; in Schweden ausser der 
in besonderen Gefässen verkäuflichen, sogenannten Floralauge, die zu Wasch¬ 
zwecken mit der zehnfachen Menge Wasser verdünnt werden sollte und 18 bis 
25% Natrium hydricum enthält, wovon noch eine 10%ige »Phönixwaschlauge«, 
die in den Kramläden in beliebige Gefässe ausgemessen dispensirt wurde, in 
Christiania 10—14%ige, in vier verschiedenen Fabriken hergestellte Wasch¬ 
lauge. Unzweifelhaft ist die letzte Art von Lauge die gefährlichste von allen, 
insofeme die Gefässe, in denen sie geholt wird, oft genug solche sind, in 
denen sonst zum Trinken bestimmte Flüssigkeiten auf bewahrt werden, Wasser¬ 
gläser, Mineralwasserflaschen u. dergl. und die darin enthaltene Lauge durch 
ihre Färb- und Geruchlosigkeit recht wohl eine geniessbare Flüssigkeit Vor¬ 
täuschen kann. Man hat deshalb in Norwegen 1890 bereits eine Verfügung 
erlassen, dass Kali- oder Natronlauge von Fabrikanten oder Ausverkäufern 
auf Bier-, Wein-, Punsch- oder Mineralwasserflaschen nicht ausgeliefert wer¬ 
den darf, und dass die Flaschen oder Gefässe, worin die Lauge verabreicht 
wird, mit aufgekleisterten, sogleich in die Augen fallenden Etiketten, die 
mit grossen, deutlichen und leserlichen Buchstaben die Worte »Lauge. Vor¬ 
sichtig« enthalten, versehen sein müssen. Die Uebertretung dieser Verord¬ 
nung wird mit Geldbusse von 2—1000 Kronen bestraft. Wie a priori zu 
erwarten stand, da ja vorwaltend Kinder, welche nicht lesen können, be¬ 
troffen werden (unter 136 der in der Kinderabtheilung des Christiania- 
Hospitals behandelten 140 Kinder, deren Alter bekannt ist, waren nur neun 
über 6 Jahre alt!), hat diese Verordnung keine Abhilfe geschafft, ja 46 der 
Vergiftungen nach 1890 sind durch Trinken aus den von der Regierung als 
zweckmässig erachteten % und % Liter-Flaschen, von der Form grosser 
Medicingläser entstanden. Man wird daher, wenn man nicht in Bezug auf 
die Laugenflaschen nach einem in Norwegen gemachten Vorschläge verfügen 
will, deren Hals mit einem stachelichten Stahldrahte rund herum zu ver¬ 
sehen, entweder den Verkauf von Natriumhydratlösung ganz untersagen und 
dadurch die Haushaltungen zwingen, sich erforderlichen Falles zur Wäsche 
die nöthige Quantität Lauge aus Natron (Soda) zu bereiten, das als solches 
erfahrungsgemäss nur ganz selten zu zufälligen Vergiftungen führt, oder aber 
nur den Verkauf so schwacher Laugen zu gestatten, dass diese keine schäd¬ 
liche Wirkung auf die Schleimhäute ausüben. Nach Versuchen von Poulssex 
dürften solche nicht mehr als %% Natriumhydrat enthalten. Zusatz von 
stark riechenden Stoffen, z. B. Petroläther, wie dies in Schweden vorge¬ 
schlagen wurde, dürften als Parfüm für die Wäsche nicht gerade eine an¬ 
genehme Zugabe sein. 

Literatur: *) Keller, Ueber Oesophagostenosen. Oesterr. Zeitschr. f. prakt. Heilk. 
1862, Nr. 45, 46. — a ) Hacker, Zur Statistik und Prognose der Verätzungen des Oesophagus 
und der im Gefolge derselben entstehenden Stricturen. Langknbbck’s Archiv. 1893, XLV, 
pag. 605. — 3 ) Lesser, Die anatomischen Veränderungen des Verdauungscanals durch Aetz- 
gifte. Virchow’s Archiv. 1881, LXXXI1I, pag. 197. — 4 ) Johannkssen, Om Ludforgiftning 
hos born. Norsk Mag. 1899, Nr. 7, pag. 851. — 5 ) Jaksch, Die Vergiftungen, pag. 59. — 

6 ) Hkdlund, Förgiftning med z. k. floralut. Svenska Läk: Förhandl. 1889, pag. 80. — 

7 ) Taylor, On poisons. 1859, pag. 295. — 8 ) Lesser, Ueber die Vertheilung einiger Gifte 

im menschlichen Körper. 12. Zur Lehre von der Vergiftung mit Natriumlauge und der mit 
Ammoniak. Vierteljahrschr. f. gerichtliche Med. 1898, XVI, pag. 13. — Vergl. Virchow’s 
J ahresbericht für 1890, I, pag. 670. Husemann. 

Laurotetanin« In England kamen 1895 falsche Cubeben in den 
Handel, welche sich durch Citronengeruch auszeichneten und giftig wirkten. 
Man leitete sie anfangs von Daphnidium Cubeba ab, doch erkannte später 


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•240 


Laurotetanin. — Localanästhesie. 


Halm, dass es sich um die Früchte der Lauracee, Tetrenthera citrata 
(Litsaea citrata Bl., Tetranthera polyantha Bl.) handle. Als das active 
Princip ist das 1895 von Greshof in verschiedenen Lauraceen aufgefundene, 
auf Frösche tetanisirend wirkende Alkaloid Laurotetanin anzusehen, welches 
Filippo in der Rinde der auf Java unter dem Namen Krangean, Ki-djeruk 
und Lemon bekannten Pflanze isolirte. 

Literatur: Filippo, Laurotetanin, das Alkaloid von Tetranthera citrata Nee». Leiden 
1898. Jlusemann. 

Leucaena. Die in Süd- und Centralamerika einheimische, besonders 
auf den Bahama-Inseln und auf Jamaica wachsende Mimose Leucaena 
glauca soll in ihren Blättern, Hülsen und Samen ein eigentümlich wirken¬ 
des Princip besitzen. Bei Fütterung mit jenen tritt bei Nichtwiederkäuern 
starker Haarausfall ein, so dass Pferde, Maulthiere und Esel ihre Mähnen 
und Schweifhaare und Schweine danach ihre sämmtlichen Borsten verlieren. 
Die Haare w achsen bei Beseitigung der Nahrung wieder. Wiederkäuer w r erden 
dadurch nicht afficirt. Inwieweit es sich bei dieser Wirkung um ein giftiges 
Princip oder um Inanitionserscheinungen infolge des Umstandes handelt, dass 
die nichtwiederkäuenden Thiere die fraglichen Pflanzentheile nicht verdauen, 
während sie in dem complicirten Verdauungsapparate der Wiederkäuer in 
eine zur Resorption geeignete Form gebracht w r erden, wäre zu untersuchen. 
Dass manche Gifte wirklich zu Haarausfall Veranlassung geben können, ist 
übrigens neuerdings bei arzneilicher Verwendung von Thalliumpräparaten 
(s. Thallium) constatirt. 

Literatur: Morris, Jonrn. of compar. med. and veterin. Nov. 1897. Husemann 

Leuchtgasvergiftung, s. Kohlenoxydvergiftung, pag. 

Lichtbäder (Lichtschwitzbäder), s. Hydrotherapie, pag. 190. 
Localanästhesie, s. Infiltrationsanästhesie, pag. 204. 


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Magen« (Diagnostisches und Therapeutisches.) Nehmen wir diejenigen 
Arbeiten vorweg, welche wichtige physiologische, den Magen betreffende 
Fragen berücksichtigen und nur indirect diagnostisch klinische Gesichts¬ 
punkte berühren, so scheint mir eine Untersuchung von v. Mering l ) über 
die resorptive Thätigkeit des Magens an erster Stelle Hervorhebung zu ver¬ 
dienen. Die Frage: Wie prüfen wir am zweckmässigsten die resorp¬ 
tive Function des Magens? hat ja die Kliniker schon lange beschäftigt 
und die zu diesem Zwecke angegebene Jodprobe hat sich ja vielfach ein¬ 
gebürgert. Mering beweist nun ein wandsfrei, dass der Magen überhaupt 
nicht Jodsalze zu absorbiren imstande ist, womit die Methode hinfällig 
wird. Dagegen ist es unzweifelhaft, dass Alkohol und Zucker resorbirt 
werden. Wollte man nun die Resorption prüfen, so musste man die Auf¬ 
saugungsfähigkeit für einen dieser beiden Körper feststellen. Mering wählte 
den Zucker und gab ihn in Verbindung mit Oel als Emulsion; Fette werden 
nicht aufgesogen, jede Veränderung der Mengenverhältnisse von Oel zu Zucker 
in dieser Emulsion konnte als Indicator für den Grad der Resorption dienen. 
Das grundlegende Ergebniss mit dieser Methode angestellter einschlägiger 
Versuche war nun, dass bezüglich des Resorptionsvermögens bei 
Gesunden und Kranken kein nennenswerther Unterschied be¬ 
steht. Die Prüfung der resorptiven Function hat also keine wesentliche 
diagnostische Bedeutung. Eine weitere hierhergehörige Untersuchung von 
Roth und Strauss 3 ) betrifft den Mechanismus der Resorption und 
Secretion im menschlichen Magen. Es bestehen hier sehr complicirte Ver¬ 
hältnisse, welche auf das Ineinandergreifen dreier verschiedener Processe 
zurückgeführt werden müssen. Erstens constatirt man einen Diffusions¬ 
austausch zwischen Blut und Mageninhalt, welcher die osmotische 
Gesammtspannung und die partiale Zusammensetzung des Mageninhalts mit 
derjenigen des Blutes auszugleichen bestrebt ist. Zweitens spielt eine Ver- 
dünnungssecretion der Magendrüsen eine Rolle, welche die osmotische 
Spannung des Mageninhalts auch den physikalischen Triebkräften gegenüber 
herabzusetzen trachtet. Drittens kommt die specifische Secretion von 
Salzsäure und Fermenten in Betracht. Befindet sich nun im Magen eine 
hypertonische Lösung, d. h. eine solche von höherer Gesammtspannung als 
die des Blutserums, so wird dieselbe durch die Verdünnungssecretion und 
durch die Diffusion verdünnt. Bei isotonischen Lösungen führt der Diffusions¬ 
austausch zu einem annähernden Austausch der partiären Spannungen an 
einzelnen Lösungsbestandtheilen mit dem Blutserum, es kommt schliesslich 
eine Verdünnung zustande, da die Tendenz besteht, die moleculäre Concen- 
tration des Mageninhalts unter diejenige des Blutes zu bringen. Bei hypo- 


Encyclop. Jahrbücher, IX. 

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Magen. 


tonischen Lösungen kann eine weitere Verdünnung sich einstellen durch 
starke Wirkung der Verdünnungssecretion, doch kann auch durch Ueber- 
handnehmen der specifischen Secretion die moleculäre Gesammtconcentration 
der Lösung ansteigen. Dem destillirten Wasser gegenüber gebietet die Magen¬ 
wand Halt durch Diffusion aus dem Blute und durch specifische Secretion 
erhält das destillirte Wasser eine geringere osmotische Spannung. Das 
nüchterne Secret veranschaulicht die Verdünnungssecretion, das Probefrüh¬ 
stück fällt ebenfalls der Verdünnungssecretion anheim, wenn auch hier die 
anderen Factoren mitwirken. Bei völligem Versiegen der Saftsecretion kann 
durch Verdünnungssecretion noch recht gut eine Herabsetzung der molecu- 
lären Concentration erzeugt werden. Da der Magen die ausgesprochene Ten¬ 
denz hat, eine möglichst niedrige moleculäre Concentration seines Inhaltes 
zu erreichen, so kann es eine Erleichterung für den Magen bedeuten, wenn 
wir zu fester Nahrung Flüssigkeit zuführen. 

Speciell die Magensecretion wird von v. Mering *) in einer Studie 
zum Gegenstand der Betrachtung und des Versuches gemacht. Weder vom 
Vagus noch vom Plexus coeliacus aus konnte nachgewiesen werden, dass 
sie einen directen Einfluss auf die wichtigsten Functionen des Magens aus¬ 
üben, d. h. also auf die Resorption, bei der rein physikalische Gesetze mass¬ 
gebend sind, oder auf die Motilität oder die Secretion. Es ist vielmehr 
anzunehmen, dass diese beiden letzten Functionen regulirt werden durch 
automatische Centren innerhalb der Magenwand, die hinwiederum 
in einer gewissen Abhängigkeit vom Centralnervensystem stehen. Ueber die 
Beeinflussung der Secretion durch Medicamente auf Grund von Experi¬ 
menten berichtet Riegel. 4 ) Secretionshemmend wirkt das Atropin, beför¬ 
dernd das Pilocarpin. Derselbe Autor 6 ) theilt auch noch andere Beob¬ 
achtungen über die secretorische Kraft des Magens mit, die von Interesse 
sind. Erstens fand er in einer Anzahl von Fällen nach Probefrühstück stets 
eine mehr oder minder grosse Menge freier Salzsäure, die nach Probe¬ 
mittagsmahlzeit dauernd vermisst wurde, ein Beweis, dass es Mägen giebt, 
die der relativ geringen Anforderung an ihre Leistungsfähigkeit, die die Be 
wältigung eines Probefrühstücks darstellt, gewachsen sind, die aber der 
grösseren Aufgabe gegenüber sich insufficient erweisen. Sehr eigenartig ist 
dann die Beobachtung, die bei einem Koch gemacht wurde, bei dem das 
reizlose Probefrühstück gar keine Secrection hervorrief, während das stärker 
reizende Mittagsmahl eine befriedigende secretorische Leistung provocirte. 
Bei diesem Patienten war also diejenige Secretion überhaupt fortgefallen, 
welche, wie wir durch die Untersuchungen von Pawlow u. a. wissen, durch 
die Appetitvorstellung und den Kauact ausgelöst wird. Es reagirte der über¬ 
reizte Magen dieses Patienten nur noch auf intensive Nahrangsreize. Dass 
die Absonderung von Salzsäure und Pepsin im Magen besser vor sich geht, 
wenn die Ingesta den Mund passirt haben und mit Speichel gemischt sind, 
als wenn sie mittels der Sonde eingegossen werden, erweisen von neuem 
einschlägige Versuche Schüle’s. 6 ) Ausserdem macht dieser Autor darauf 
aufmerksam, dass die diastatische Kraft des gemischten Mundsecretes vom 
Morgen bis zum Mittag ansteigt, um nach einem zwischen 11 und 3 Uhr 
erreichten Maximum gegen die Neige des Tages langsam abzunehmen. 

G. Kövesi 7 ) theilt eine grössere Reihe von Versuchen mit, welche dar- 
thun, dass zwischen der Salzsäure- und der Pepsinausscheidung 
kein strenger Parallelismus besteht, und dass im ganzen die Pepsin¬ 
bildung die dauerhaftere Function ist, wie wir das ja schon aus früheren 
Beobachtungen wissen. Den bereits früher gelegentlich discutirten Einfluss 
der Menstruation auf die Thätigkeit des Magens studirte Elsner. 8 ) 
Er findet, dass die Acidität zunimmt mit der Stärke der Blutung, dass aber 
starke Menorrhagien die Secretionsgrösse herabsetzen, ein Einfluss auf die 


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Magen. 


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Motilität besteht überhaupt nicht. Sehr bemerkenswerth ist die Einwirkung, 
die das künstliche Schwitzen auf die Magensaftsecretion hat, nämlich 
einen wesentlich herabsetzenden. Sowohl die Gesammtacidität als die Menge 
der freien Säure nehmen in beträchtlicher Weise ab, eine Veränderung, die 
Simon 9 ) auch durch Pilocarpin hervorzurufen vermochte. Letzterer Befund 
steht im Gegensatz zu dem oben erwähnten, von Riegbl erhobenen. Endlich 
können wir zusammenfassend hier wohl die Resultate von Versuchen Trol- 
lers 10 ) anscbliessen, der die Reize, welche die Drüsen zur Secretion ver¬ 
anlassen , in directe und indirecte eintheilt. Die indirecten zerfallen in 
chemisch-physikalisch und physiologisch wirkende, die directen in secretions- 
anregende und -hemmende; zu letzteren gehört z. B. der Zucker. Der ganze 
Verdauungsact lässt sich in zwei Secretionsperioden, in eine reflectorische 
und eine directe sondern. Endlich sei noch erwähnt, dass Troller eine Reihe 
von gewichtigen Gründen gegen die Anwendung einer Lösung von Liebig- 
schem Fleischextract als Probemahlzeit, wie es Talma vorgeschlagen hat, 
vorbringt, vor allen Dingen muss betont werden, dass diese Lösung keinen 
wirklichen specifischen Reiz darstellt, um eine Secretion anzuregen. 

Ueber eine neue Methode zur klinischen Functionsprüfung 
des Magens und deren physiologische Ergebnisse berichtet Pfaundler. n ) 
Auf Einzelheiten des Verfahrens kann hier nicht eingegangen werden; das¬ 
selbe ist ziemlich umständlich, da festgestellt werden soll die Menge des 
in verschiedenen Verdauungsperioden secernirten Saftes, die 
Zeitdauer der Secretion, der Säuregehalt, das Volumen der In¬ 
haltsmasse. Ich erwähne, dass bei normalen Mägen Pfaundler eine Normal¬ 
menge des secernirten Saftes nach Probemittag von 595 Ccm. findet, nach 
Probefrühstück 105, die Dauer der Secretion betrug im ersten Fall etwa 4, 
im zweiten l 1 /, Stunden. In der ersten halben oder ganzen Stunde nach 
Aufnahme der Mahlzeiten wird die grösste Saftmenge ausgeschieden, dann 
folgt stetige Verminderung der Secretion, Anwesenheit von Gährungsmilch- 
säure kommt auch im normalen Magen beim Probemittagbrot zur Beob¬ 
achtung. Der saure Mageninhalt wird gegen Ende der Verdauung durch 
ein in das Antrum pyloricum ergossenes alkalisches Secret all¬ 
mählich neutralisirt. Bei Hyperacidität wird mehr Saft producirt und 
diese Production dauert auch länger als in der Norm. Aber auch die ver¬ 
spätete Neutralisation des Mageninhaltes spielt bei dieser Anomalie eine 
Rolle. 


Beiträge zur Diagnostik der Motilitätsstörungen und Ulce- 
rationsprocesse des Magens bringt Tuchendler. ll ) Er hält für die Unter¬ 
suchung der Motilität eine combinirte Verwerthung von drei Methoden: 
Bestimmung der Gesammtmenge, Korinthenprobe (nach Strauss) und Gäh- 
rungsprobe, für erforderlich. Die Mehrzahl der Fälle, bei welchen man mehr 
als 150 Ccm. Inhalt eine Stunde nach dem Probefrühstück findet, sind solche 
von Hyperacidität oder Ulcus, andererseits sind die Mehrzahl der Fälle, welche 
bei relativ geringem Inhalt Korinthenreste oder Gährung erkennen lassen, 
solche, bei welchen eine Unebenheit der Schleimhautfläche diagnosticirt 
werden kann (Ulcus oder Carcinom). Die diagnostische Bedeutung des 
Eiters präcisirt Strauss 13 ) dahin, dass er seinen Nachweis gerade bei den 
Carcinomen ohne Motilitätsstörung für wichtig hält. Man -findet ihn am 
ehesten bei der Ausspülung des nüchternen Magens, in gleicher Weise soll 
man auch auf Blut fahnden, das auch auf Carcinom hinweist. Endlich ver¬ 
dienen Beachtung für die Diagnose aller solcher Fälle ohne palpablen pri¬ 
mären Tumor die Metastasen im Cavum Douglasii und im Mediastinum, 
letztere gelegentlich durch das Röntgenverfahren erkennbar. Gelbfärbung 
des Mageninhalts durch Kalilauge ist nachBAER 14 ) abhängig von der 
Anwesenheit von Kohlehydraten, die Reaction wird durch Erhitzen 


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Magen. 


prägnanter (ausgesprochene Citronengelbfärbung). Eine besondere diagnosti¬ 
sche Bedeutung kommt der Reaction nicht zu. 

Mit der physikalischen Diagnostik zur Feststellung von 
Grösse, Form und Lage des Magens befasst sich G. Rosenfeld. lö ) Auf 
Grund von Untersuchungen an der Leiche betont er, dass die kleine Cur- 
vatur von der Kardia an nicht mehr senkrecht nach unten gerichtet ist, 
sondern sogar noch häufig nach links ab weicht, und dann im spitzen Winkel 
oder im Bogen entweder horizontal vor dem ersten Lendenwirbel vorbei 
oder mehr oder weniger nach aufwärts gerichtet ist. Von Dilatationen er¬ 
wähnt er zwei Formen: eine Dilatation in der Längsrichtung und eine, die 
sich mehr in die Breite erstreckt. FQr die Untersuchung des Magens soll 
die Methode der bioskopischen Betrachtung der Schrotsonde und 
des bis zur Sonde aufgeblasenen Magens ein Mittel darstellen, das 
mit sinnfälliger Deutlichkeit die einschlägigen Verhältnisse am Lebenden 
zur Anschauung bringt. Dass die Aufblähung des Magens eine Durchleuchtung 
und Röntgographie erleichtert, hebt auch Bade le ) hervor. 

Unter den physikalischen Untersuchungsmethoden ist es dann die 
Magendurchleuchtung, die durch Starck 17 ) noch einmal eingehend be¬ 
sprochen und in Betreff ihrer diagnostischen Leistung geprüft wird. Wesent¬ 
lich erscheint ihm, dass man erst den leeren Magen mit einer einfachen 
EiNHORN schen Glühlampe durchleuchte und dann die Gestaltveränderungen 
desselben bei zunehmender Füllung controlire. Auf diese Weise bekommt 
man Aufschluss über die Dehnbarkeit in normalen und pathologischen Zu¬ 
ständen, über Gastroptose und Gastrektasie. Zur Grenzbestimmung des 
ganzen Magens wie seiner Theile scheint ihm die Methode besonders ge¬ 
eignet Ebenso kann sie bei Magentumoren oder schwierigen topographi¬ 
schen Verhältnissen des Abdomens von grossem Nutzen sein. Für die Früh¬ 
diagnose des Pyloruscarcinoms aber leistet sie nichts. 

Des weiteren ist dann die Photographie des Mageninnern als brauch¬ 
bare physikalische Untersuchungsmethode von F. Lange und Mf.ltzing ld ) 
empfohlen worden. Die ersten Versuche auf diesem schwierigen Gebiete, von 
Kuttner angestellt, sind den beiden Autoren anscheinend entgangen, sie 
haben übrigens ein praktisches Resultat nicht gehabt. Ob der Apparat von 
Lange und Meltzing mehr leisten wird, bleibt abzuwarten; er besteht aus 
Kopfstück (mit Beleuchtungskörper, Linse u. s. w.), Schlauch und Camera, 
wird in den leeren Magen eingeführt und vermag leicht die Aufnahme von 
Bildern in grosser Zahl hinter einander (bis zu 50) zu bewerkstelligen, indem 
ein Filmstreifen, der die wechselnden Bilder aufnimmt, ganz allmählich ab¬ 
gerollt und hinter der Linse vorbeigeführt wird. Weitere Einzelheiten siehe 
im Original. Ich glaube nicht, dass auf diesem Wege eine Orientirung über 
das Mageninnere möglich ist, die Deutung der Bilder wird immer eine 
überaus willkürliche sein. 

Endlich ist die Gastroskopie als eine physikalische Methode, die 
in jüngster Zeit wieder erhöhtes Interesse erweckt hat, zu erwähnen, sie 
ist durch neuere Untersuchungen von Kelling 19 ) gefördert worden. Auf 
Grund neuer Erfahrungen und Versuche empfiehlt er zur Anwendung ein 
Gastroskop nach dem Princip von Mikulicz, winklig im unteren Drittel ab¬ 
geknickt. Er hat das Instrument nach der Richtung vervollkommnet, dass 
er in der Lage ist, es biegsam einzuführen, was sich dadurch erreichen 
lässt, dass der Haupttheil des Apparates aus einem Gliederrohr besteht, 
welches vom Knickungswinkel 36 Cm. lang bis zum Kopftheil reicht und 
welches nach der Einführung in diesem Theil durch Zug an einem Draht 
gestreckt wird. Nun wird der Apparat im Körper um 180° gedreht und der 
frei in den Magen hineinragende Schnabel wird durch Andrücken eines Hebels 
von aussen her in winklige Stellung gebracht. Auf sonstige constructive 



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Magen, 


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Einzelheiten will ich hier nicht eingeben. Kelling versichert, dass er mit 
diesem complicirten Apparat in der Lage gewesen ist, einwandsfreie Dia¬ 
gnosen zn stellen. Die Brauchbarkeit eines geraden Gastroskopes, wie ich 
es empfohlen habe, giebt er nur für die Fälle zu, wo bei gastroptotischen 
Mägen der Pylorus mit nach unten gesunken ist. Das Instrument von Kel¬ 
ling hat im Verhältnis zu meinem eigenen früher beschriebenen den Nach¬ 
theil, dass es einen Durchmesser von 14 Mm. hat. Dass die Einführung 
Schwierigkeiten ’zu überwinden hat, die in manchen Fällen überhaupt nicht 
ausgleichbar sind, giebt Kelling selbst zu, jedenfalls haben die verdienst¬ 
vollen Bemühungen Kelling' s unsere Kenntnisse auf dem schwierigen Ge¬ 
biete der Gastroskopie gefördert, auch wenn das letzte Wort zur Lösung 
des hier vorliegenden Problems noch nicht gesprochen sein sollte. Auch 
Revidzoff 20 j der nach meinem Verfahren mit einer geraden Röhre gastro- 
skopirt, verbessert die Methode fortdauernd. 

Schliesslich haben wir noch über den Werth der histologischen 
Untersuchungsmethode von Schleimhautfetzen, die im Sonden¬ 
fenster haften geblieben sind, Beurtheilungen zu verzeichnen, die sich auf 
eingehendere Prüfungen stützen. Olivetti 11 ) findet, dass die Diagnose ge¬ 
wisser Magenkrankheiten mit Hilfe des Mikroskopes gesichert werden kann. 
Aber die Ergebnisse sind mit grösster Kritik nur zu verwerthen und werden 
in ihrer Bedeutung meist überschätzt. Leuk 22 ) kommt im wesentlichen zu 
demselben Resultat; er hebt als charakteristisch für die Gastritis mit Hyper¬ 
acidität den Ersatz des Drüsenkörpers durch gewucherte Grübchenepithelien 
hervor; in letzteren kann ein Theil der Cylinderepithelien sich zu Becher¬ 
zellen umwandeln. Bei der Gastritis mit Hyperacidität ist für die sichere 
Erkennung der numerische Nachweis der Belegzellenvermehrung im Fundus 
oder das Auftreten echter Fundusdrüsen im Pylorus zu verlangen. Wir haben 
es hier mit dem Bilde einer über das gewöhnliche Mass hinaus gesteigerten 
Drüsenfunction zu thun, eine scharfe Grenze zwischen starker physiologischer 
Thätigkeit und pathologischer Function ist nicht zu ziehen. Was die Ver- 
werthung der Stückchenbefnnde betrifft, so ist festzuhalten, dass auch bei 
gesunden Menschen mit normalem Magen regressive Verände¬ 
rungen Vorkommen, und dass bei Secretionsverminderung Schleim- 
hauttheile normal sein können. Der Nachweis atypischer Epithelwuche¬ 
rungen in der Mucosa genügt nicht zur Diagnose des Carcinoms. Auch 
Drüsen in der Submucosa ohne Mitosefiguren sind nicht von entscheidender 
Beweiskraft; es könnten z. B. auch accessorische BRUNNER’sche Drüsen im 
Pylorus sein. Beweisend ist nur atypische Epithelwucherung aus der 
Mucosa in die Submucosa hinein. 

Wir kommen nunmehr zur Besprechung der therapeutischen Fort¬ 
schritte auf dem Gebiete der Magenkrankheiten in den letztverflossenen 
Jahren. Der wichtigste Factor bei der Behandlung ist unstreitig die Diät; 
dementsprechend sollen die die Diät betreffenden Arbeiten vorerst be¬ 
sprochen werden. Strauss 23 ) behandelt die Frage der Beziehungen der 
Fettdiät zur Magenmotilität. Beim motorisch sufficienten Magen er¬ 
wiesen Experimente am Menschen, dass ein Einfluss im Sinne einer Ver¬ 
langsamung der Digestion durch Erhöhung der Menge des Milchfettes in 
der Nahrung nicht herbeigeführt wird. 

Unter pathologischen Verhältnissen kann, wenn überhaupt, nur von 
einer geringfügigen Schädigung der Magenmotilität bei Zufahr 
grosser Dosen von Fett die Rede sein. Da das Fett nicht so leicht der 
Zersetzung anheimfällt als die Kohlehydrate, so ist es auch aus diesem 
Grunde, wo es sich um die Verbesserung der Ernährung handelt, besonders 
hoch zu bewerthen. Vermeiden wir extreme Mengen desselben, wählen wir 
nur gutes, leicht schmelzbares Fett, z. B. Butter, so steht auch selbst bei 


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Magen. 


motorischer Insufficienz des Magens seiner ausgiebigen Ver- 
werthung nichts im Wege. Namentlich bei Zuständen von Hyperaciditat 
soll es in ausgiebigen Dosen verwendet werden, da es die Secretionsenergie 
eher herabsetzt als anregt. Die wichtige Frage der Wasserzufuhr in 
Magenkrankheiten berührt v. Mering 24 ), dem wir ja die Entdeckung: 
der fundamentalen Thatsache verdanken, dass der Magen kein Wasser 
resorbirt. Ueberall da nun, wo wir, z. B. bei Oastrektasien, bei Neu¬ 
rosen und Katarrhen, die die Erscheinungen der Dyspepsie de liquide 
zeigen, die Flüssigkeitszufuhr vom Magen her vermindern müssen, tritt 
die Function des Mastdarms zum Zwecke der Wasseraufsaugung in 
ihre Rechte. Man lässt im Laufe des Tages etwa 1 Liter einer V 2 0 / O igen 
Kochsalzlosung in zwei oder drei Portionen einlaufen, um dem Wasser- 
bedürfniss des Organismus zu genügen. Auch bei erschöpfenden Schweissen. 
Diarrhoen, Blutverlusten, Diabetes kann dieses Verfahren in Betracht 
kommen. 

Die praktisch wichtige Frage der Art der Diät bei Hyperchlor- 
hydrie und Hypersecretion behandelt Bachmann 25 ) eingehend experi¬ 
mentell. Vorweg zu nehmen ist die wichtige Thatsache, dass Fett, Butter, 
Sahne, wie es seit langem die Empirie lehrt, einem anderen Nahrungs¬ 
stoffe zugesetzt, eine Herabsetzung der Salzsäuresecretion überhaupt 
zur Folge haben. Von den einfachen Nahrungsstoffen übt Beefsteak auf 
die Salzsäuresecretion die grösste reizende Einwirkung aus, am nächsten 
in der Reihe kommen Eier, die Secretionsfähigkeit der Schleimhaut wird 
dagegen bei Brei, Kartoffeln und Milch beträchtlich weniger in Anspruch 
genommen. Eine überwiegend animalische Mahlzeit ruft demge¬ 
mäss eine stärkere Secretion hervor als eine überwiegend vege¬ 
tabilische. Bei den oben erwähnten Störungen werden deshalb Brot, Brei 
und Milch ein geeignetes Regime bilden; Kartoffeln machen leichter sub- 
jective Beschwerden, wohl durch erhebliche Milchsäure- und Gasbildung. 
Ich kann diese Ergebnisse, die sich mit meinen eigenen Erfahrungen voll¬ 
ständig decken, nur vollkommen anerkennen und möchte die Befürchtung, 
dass bei den irritativen Functionsstörungen die Amylolyse erheblich leidet 
und demgemäss Kohlehydratezufuhr zu beschränken ist, als nur für die 
extremsten Fälle berechtigt und da auch nur in gewissen Grenzen aner¬ 
kennen. Therapeutisch hat sich Hemmeter 2<i ) bei Hyperacidität mit Nutzen 
der Takadiastase bedient, deren Wirkungsweise